Der Wiederaufbau des Landes nach Kriegsende war
eine enorm schwierige Aufgabe, denn das Land war dermassen verwüstet,
dass es zum Teil einer Mondlandschaft glich. Über zwei Millionen
– vorwiegend junge Menschen – hatten ihr Leben gelassen,
die Folgen von Agent Orange erschwerten erheblich die Ankurblung
der Landwirtschaft.
1976 wurde die Wiedervereinigung und Umbenennung des Landes in „Sozialistische
Republik Vietnam“ mittels Nationalversammlung bestätigt.
Es wurde das Einparteiensystem eingeführt, welches nur die
KPV (Kommunistische Partei Vietnams) duldete. Nach und nach wurden
alle Posten, Funktionen und Ämter von KPV-Mitgliedern belegt.
Eines der Hauptziele der KPV war es, Vietnam zu einem starken Industrie-
und Agrarland zu entwickeln. Dabei sollte man sich auf das sowjetische
Gesellschaftsmodell stützen.
Aufgrund der spezifischen Lage in Vietnam – vor allem wegen
dem Unterschied zwischen Nord und Süd – liess sich dieses
Modell jedoch nicht so einfach übertragen, ebenso gab es in
Vietnam keinerlei Grundvoraussetzungen für das Expandieren
zu einem Industriestaat.
Es folgten sehr schwierige Jahre für die neue Republik, welche
durch Wirtschaftskrisen und zum Teil Hungersnöte geprägt
waren. Dazu trugen auch die Amerikaner mit ihrer Embargopolitik
bei. Zahlreiche Menschen waren verzweifelt und es kam zu Massenemigrationen
– über eine Million verliessen das Land. Man nannte sie
die „boat people“, weil die meisten von ihnen die Flucht
mit Booten über das südchinesische Meer versuchten.
Am Ende der siebziger Jahre drohte in Vietnam wieder ein verheerender
Krieg auszubrechen. 1979, nach dem Einmarsch vietnamesischer Truppen
in Kambodscha, stellte sich China gegen Vietnam und sandte Truppen
– ganze 200 000 Mann – in dieses Land. Es kam zu erbitterten
Kämpfen, in welchen China seine Übermacht demonstrierte,
denn Vietnam musste seine militärischen Kräfte auf Kambodscha
fokussieren. Zweifelsohne hätten die Chinesen Vietnam besetzen
können, doch es ging ihnen nur darum „Vietnam eine Lehre
zu erteilen“ – sie zogen ihre Truppen ab.
Den Grundstein für bessere Zeiten Vietnams legten 1986 die
weitreichenden Reformen der KPV, welche unter der Bezeichnung „doi
moi“ (Erneuerung) bekannt wurden. Sie umfassten folgende Punkte:
- Politische und wirtschaftliche Öffnung des
Landes. Beendigung der einseitigen Bindung an die sozialistischen
Länder und damit verbunden die Verbesserung der Beziehungen
auch mit den westlichen Staaten.
- Rückzug aus Kambodscha und die Überwindung
der Konfrontation mit den Ländern der Region sowie die Entwicklung
der Zusammenarbeit mit diesen Ländern.
- Schrittweiser Übergang von der sozialistischen
Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. Dezentralisierung und Liberalisierung
der Wirtschaft verbunden mit der Preisbildung durch den Markt.
- Aufgabe der Nationalisierungspolitik und Anerkennung
der Privatwirtschaft. Auflösung der meisten Genossenschaften
und Förderung ausländischer Investoren.
- Ersatz des einseitigen Industrialisierungskonzeptes
durch die Schwerpunkte: Nahrungsgüterproduktion, Konsumgüterherstellung
und Exportgüterproduktion.
Diese Reformen brachten der vietnamesischen
Bevölkerung bemerkenswerte Verbesserungen der Lebensbedingungen.
Ausländische – vorwiegend westliche – Unternehmen
begannen nun in dieses Land grosse Geldsummen zu investieren, so
dass sich Vietnam unter anderem zum zweitgrössten Reisexporteur
weltweit entwickelte.
Seit 1991 verzeichnet Vietnam jährliche Wachstumsraten des
Bruttoinlandproduktes von über 8 %, der Industrie über
10 %, der Landwirtschaft mehr als 4 % und des Exportes über
20 %. Grössere Inflationen konnten gestoppt werden, die Infrastruktur,
das öffentliche Transportwesen, die Industrie wie auch die
Tourismusbranche wurden stark modernisiert und ausgebaut.
Obwohl die Armut in Vietnam noch heute nicht endgültig besiegt
ist, kann man doch behaupten, dass der Mittelstand die Oberhand
gewonnen hat und dass die soziale Schere zwischen den Reichen und
Armen ausgesprochen stark reduziert werden konnte.
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