I.
Zwischenkriegsjahre 1954-1965
Nach der Niederlage Frankreichs (1954) und der Unterzeichnung des
Waffenstillstandabkommens in Genf lösten die USA, unter allgemeiner
Zustimmung des Westens, Frankreich als Schutzmacht in Südvietnam
ab. Damit sollte die weitere Ausbreitung des Kommunismus verhindert
werden. Nordvietnam wurde weiter von China und der Sowjetunion unterstützt.
1955 kam der Katholik Ngo Dinh Diem, 1954 und 1955 Ministerpräsident
von Südvietnam, auf Druck der Amerikaner an die Macht. Er erklärte
Südvietnam zur Republik und sich selbst zum Staatspräsidenten.
Diem war ganz auf die USA eingeschworen und ein Antikommunist. Er
hatte sich stets gegen das französische Protektorat ausgesprochen.
Nach dem Machtantritt Diems musste Frankreich seine Truppen abziehen.
Den Abzug aus dem Norden benutzten etwa eine Million Menschen, Angehörige
der katholischen Minderheit in Nordvietnam, zur Flucht in den Süden.
Diese stärkten die Regierung Diems, der, mit Rückendeckung
der USA, zunehmend ein autoritäres Regime aufbaute. Diem holte
nach Abzug der Franzosen amerikanische Militärberater ins Land
und baute eine starke Nationalarmee von rund 300 000 Mann auf. Neben
den Militärberatern, die die Ausbildung der Soldaten übernahmen,
schickten die USA gewaltige Mengen von Kriegsmaterial nach Südvietnam.
Das Regime Diems unterdrückte jede Art von Opposition. Die
im Genfer Waffenstillstandsabkommen von 1954 vorgesehenen gesamtvietnamesischen
Wahlen zur Wiedervereinigung Vietnams im Jahr 1956 scheiterten am
Widerstand Diems. Der Vietminh, der kommunistische Norden, konnte
sich auf die Zustimmung einer breiten Mehrheit in der bäuerlichen
Bevölkerung verlassen. Die Regierung Diem hingegen verfügte
nur über eine schmale Basis, und konnte fast nur auf die Unterstützung
der katholischen Minderheit zählen. Diem begründete seinen
Entscheid mit nicht gewährleisteter Meinungsfreiheit und mit
vorabsehbaren Wahlfälschungen im Norden.
Ab 1957, nur drei Jahre nach dem vereinbarten Waffenstillstand,
begann der südvietnamesische Vietcong (südvietnamesische
Kommunisten) gegen Diems Regime und amerikanische Einrichtungen
vorzugehen. Der Vietcong konnte dabei auf Unterstützung durch
den Norden zählen. Für die Gewährleistung des Nachschubes
wurde der sich schon im Krieg mit Frankreich bewährte Ho-Chi-Minh-Pfad
benutzt. Der Ho-Chin-Minh-Pfad wurde aber erst jetzt richtig bekannt.
Der Vietcong kämpfte im Guerillasystem und wurde mit der Zeit
immer stärker. 1960 wurde die „Front National de Libération
du Viet-Nam Sud, FNL“ vom Vietcong gegründet. Sie war
eine von Nordvietnam abhängige politische Organisation.
Im Norden Vietnams lebte die Demokratische Republik Vietnam unter
Ho Chi Minh weiter. Die anfängliche Euphorie war nach dem Sieg
rasch weitgehend verflogen. Ho Chi Minh hatte die Kollektivierung
der Landwirtschaft verfügt. Diese radikale Bodenreform wurde
von der offiziellen Propaganda unterstützt, stiess aber auf
verzweifelten Widerstand der Bauern im Delta des Roten Flusses.
Das kommunistische Regime zeigte sich aber unerbittert hart. Grossgrundbesitzer,
aber auch Bauern, die ihr Land nicht abgeben wollten, wurden in
Schauprozessen einer ideologisch aufgeheizten Bevölkerung vorgeführt.
Ab 1959 sickerten, auf Anweisung Ho Chi Minhs, nordvietnamesische
Guerillakämpfer via Ho-Chi-Minh-Pfad in Südvietnam ein
und unterstützten die dortige Aufstandsbewegung.
Anfangs 1961 hatte John F. Kennedy Dwight D. Eisenhower als Präsident
der Vereinigten Staaten von Amerika abgelöst. Kennedy war angesichts
der zunehmenden Angriffe des Vietcongs auf die süd-vietnamesische
Armee nicht länger bereit, tatenlos zuzusehen. Die USA bekräftigten
erneut die Unterstützung für Südvietnam und schlossen
im April 1961 mit dem noch regierenden Regime Diems einen Freundschafts-
und Wirtschaftsvertrag ab. Dem wachsenden Druck des Vietcongs versuchte
das Regime Diems mit allen Mitteln entgegen zu halten. Die Truppen
Südvietnams mussten sich aber immer weiter zurückziehen
und nach kurzer Zeit hatte der Vietcong den grössten Teil der
ländlichen Gebiete Südvietnams unter seiner Kontrolle.
Der Vietcong begann zudem mit dem Aufbau einer eigenen Verwaltung,
zum Verdruss des Machthabers Diem. Ab Dezember 1961 verstärkten
die USA stetig ihre Truppenpräsenz in der Region. Ende 1962
waren es bereits 11 200 Soldaten. Neben dem Vietcong bildete sich
nun weiterer Widerstand gegen das Regime Diems, vor allem in der
buddhistischen Bevölkerungsmehrheit, die ohne Zweifel vom Vietcong
unterwandert war. Infolge dessen liessen sich immer mehr buddhistische
Mönche in den Strassen als Zeichen des Protestes mit Benzin
übergiessen und steckten sich selbst in Brand. Madame Nhu,
die Schwägerin Diems, soll dazu in ihrer zynischen Art gesagt
haben: “Was haben diese Buddhisten getan? Sie haben einen
ihrer Mönche als Barbecue geröstet, nachdem sie ihn vorher
irregeführt hatten. Und selbst für diese Barbecue haben
sie importiertes Benzin verwendet.“
Angesichts der zunehmenden Unruhen und des immer stärker werdenden
Vietcongs wurde Diem am 1. November 1963 von der südvietnamesischen
Armee geputscht und ermordet. Erst nach der Veröffentlichung
der geheimen Pentagon-Papers im Jahre 1971 erfuhr die Öffentlichkeit,
dass die Amerikaner im Vorfeld vom Putschversuch gewusst, wenn nicht
sogar selber angeordnet hatten, und sich bereits auf die Zusammenarbeit
mit der Nachfolgeregierung vorbereitet haben. Drei Wochen nach dem
Putsch wurde der amerikanische Präsident John F. Kennedy in
Dallas während einer Parade von einem Heckenschützen erschossen.
Viele Vietnamesen sahen im gewaltsamen Tod Kennedys eine Art Nemesis,
eine ausgleichende Gerechtigkeit. Kennedys Nachfolger wurde Lyndon
B. Johnson.
Nach dem Tod Diems folgten weitere Militärputsche und zehn
Regierungen innerhalb von 18 Monaten. 1965 übernahm Nguyen
Van Thieu die Regierung. 1967 wurde er ausserdem Staatspräsident
von Südvietnam.

II. Hintergründe
zum Engagement der USA
Ihr Engagement in Vietnam rechtfertigten die
USA einerseits mit der Truman-Doktrin, andererseits mit der Dominotheorie
Eisenhowers.
Die Truman-Doktrin ist die Bezeichnung für das vom amerikanischen
Präsidenten Harry S. Truman anlässlich einer Kongressrede
vom 12. März 1947 vorgestellte aussenpolitische Programm, das
später auch unter dem Namen Containment-Politik gegenüber
der Sowjetunion und allen kommunistischen Ländern in der Zeit
des Kalten Krieges bekannt wurde. Damit sollte die Ausbreitung des
Kommunismus verhindert werden. Die USA sahen sich verpflichtet,
alle freien, das heisst kapitalistischen, Völker zu unterstützen,
die sich der Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch
Druck von aussen widersetzen. Truman meinte damit in erster Linie
Griechenland und die Türkei. Mit der Truman-Doktrin wurde aber
auch das Eingreifen in Vietnam gerechtfertigt.
Die Dominotheorie wurde anlässlich einer Pressekonferenz im
Jahre 1954 vom damaligen US-Präsidenten Eisenhower begründet.
Wie der Name schon sagt, ist diese Theorie an das Dominospiel angelehnt,
wo ein Stein eine ganze Reihe von benachbarten Steinen der Reihe
nach zum Fall bringen kann. Nach dieser Theorie besteht die Möglichkeit,
dass ein kommunistischer Umsturz weitere in angrenzenden Ländern
zur Folge haben könnte. Diese Befürchtung des Westens,
insbesondere der USA, bezog sich konkret auf Indochina, wo der französische
Widerstand gegen die kommunistischen Truppen Nordvietnams nachzulassen
begann.
Die Truman-Doktrin wie auch die Dominotheorie wurden von Eisenhowers
Nachfolger Kennedy übernommen.

III. Kriegsablauf
Kriegsausbruch
(1965)
Die USA konnten aufgrund ihres bisherigen Engagements in Vietnam
nicht mehr zurückweichen, zu sehr waren sie in den Konflikt
verstrickt. Anfang August eskalierte die Situation in Folge des
so genannten „Tonking-Zwischenfalles“. Nordvietnamesische
Torpedoboote hatten am 2. und 4. August zwei Zerstörer der
USA im Golf von Tonking angegriffen. Dieser Vorfall wurde von Präsident
Johnson als Vorwand zur militärischen Eskalation benutzt. Der
amerikanische Kongress erteilte Johnson am 7. August 1964 eine Generalvollmacht
zur Kriegsführung gegen Nordvietnam. Damit trat nun Amerika
auch offiziell in den Krieg ein. Dem Zwischenfall im Golf von Tonking,
der als Vorwand für den Kriegseintritt der USA diente, ging
eine amerikanische Provokation in Form einer Geheimoperation gegen
Nordvietnam voraus. Dies wurde aber erst viel später bekannt.
In den USA wie auch im restlichen Westen glaubte man aufgrund der
materiellen und zahlenmässigen Überlegenheit an einen
schnellen Sieg der Amerikaner. Der amerikanische Verteidigungsminister
Robert McNamara glaubte sogar, diesen mittels Computern mathematisch
errechnet zu haben. Der Sieg über die Kommunisten sollte mit
flächendeckenden Bombardements im Norden und gezielten Aktionen
gegen den Vietcong im Süden erreicht werden. Nordvietnam sollte
in die Steinzeit zurückgebombt und der Vietcong vernichtet
werden. Im Februar 1965 begannen die ersten systematischen Bombenangriffe
auf strategisch wichtige, militärische und wirtschaftliche
Ziele in Nordvietnam. Neben Nordvietnam wurde auch der durch Laos
und Kambodscha führende Ho-Chi-Minh-Pfad, über den der
Vietcong weiterhin Nachschub aus dem Norden erhielt, flächendeckend
bombardiert.
Das vermeintliche Siegesrezept gegen den Vietcong hiess „search
and destroy“, suchen und vernichten. Die Partisanen des Vietcongs
sollten aus der Luft mit Hubschraubern aufgespürt und eliminiert,
Dörfer, in denen Partisanen des Vietcongs vermutet wurden,
abgebrannt und zerstört werden. Mit diesen Hubschrauberangriffen
sollte der Vietcong in die Knie gezwungen werden. Dieser zog sich
aber in ein unterirdisches Tunnelsystem im Mekongdelta zurück.
Den Amerikanern gelang es während des gesamten Kriegs nicht,
dieses „Eiserne Dreieck“ zu knacken. Der Vietcong und
die aus dem Norden eingesickerten Soldaten kämpften weiter
im Guerillasystem und schossen aus dem Hinterhalt auf die US-Truppen
oder stellten im Dschungel tödliche Fallen auf.
Ab März 1965 gingen die ersten US-Marines in Südvietnam
an Land. Diese bildeten die Vorhut für eine gewaltige Kriegsmaschinerie.
Bis Ende 1965 verstärkten die USA ihre Truppen auf 185 000
Mann. Ende 1968 waren es schon über eine halbe Million. Militärische
Unterstützung erhielten die USA zudem von ihren SEATO-Verbündeten,
vornehmlich von Australien, Neuseeland und Südkorea. Den USA
und ihren Verbündeten gelang es jedoch nicht, eine Entscheidung
zu ihren Gunsten herbeizuführen. Ab 1966 signalisierten die
USA mehrmals Verhandlungsbereitschaft. Nordvietnam lehnte aber jedes
Mal strikte ab. 1967 traf sich Johnson mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten
Aleksej N. Kossygin. Die Hoffnung der Amerikaner beruhten darauf,
dass Kossygin Ho Chi Minh an den Verhandlungstisch bringen würde.
Diese Hoffnungen wurden jedoch nicht erfüllt.
Zur gleichen Zeit erhöhten die USA den Druck auf Nordvietnam
mit einer Intensivierung der Bombardements. Ganze Teile des Landes
glichen inzwischen einer Mondlandschaft. Nordvietnam war nach den
zahlreichen Bombenteppichen schliesslich fast vollständig auf
Militär- und Wirtschaftshilfe aus der Volksrepublik China und
der Sowjetunion angewiesen. Dies hatte zur Folge, dass Nordvietnam
dauernd mit Waffen, vor allem aus der Sowjetunion, beliefert wurde.
Mit Hilfe sowjetischer Raketen wurde beispielsweise die nordvietnamesische
Luftabwehr perfektioniert. Das ermöglichte den Abschuss einzelner
B-52 Bomber. Die Besatzung der jeweils abgeschossenen Flugzeuge
wurde der nordvietnamesischen Bevölkerung, die mit Hass und
Wut auf die amerikanischen Bombardements reagierte, vorgeführt.
Ho Chi Minh gelang es, im eigenen Land eine patriotische Kriegsstimmung
zu schüren und die Bevölkerung zu motivieren.
Im Süden konnte das „search and destroy“-Prinzip
nicht die wunschgemässe Wirkung entfalten. Die Infanterieplatoons
der US-Streitkräfte erlitten hohe Verluste. Viele der vermeintlich
für Angehörige des Vietcongs Gehaltenen waren unschuldige
Zivilisten, da vor allem die Amerikaner oftmals nicht Freund von
Feind unterscheiden konnten. Die am Krieg beteiligten Parteien gingen,
je länger der Krieg dauerte, desto brutaler vor. Wer die südvietnamesischen
und amerikanischen Streitkräfte unterstützte, wurde zur
Zielscheibe des Vietcongs. Diejenigen, die den Vietcong unterstützten,
wurden von den Amerikanern und Südvietnamesen erbarmungslos
gejagt. Den traurigen Höhepunkt dieser Kriegsführung bildet
das Massaker von My Lai 1968, begangen von US-Truppen nach der so
genannten Tet-Offenive. Die USA setzten im Rahmen ihrer „search
and destroy“-Aktionen gegen den Vietcong zusätzlich Napalmbomben
und das Entlaubungsmittel Agent Orange ein. Diese Waffen verfehlten
ihr Ziel und trafen häufig nicht die Partisanen des Vietcongs
und die nordvietnamesischen Kämpfer, sondern die Zivilbevölkerung.
Die Moral der US-Truppen war nach drei Jahren Krieg dramatisch geschwächt
worden, währendem die Nordvietnamesen ideologisch aufgeheizt
und in Kriegsstimmung waren. Im November 1967 gab das Pentagon die
Gesamtzahlen der bisherigen Verluste seit 1961 auf Seiten der USA
bekannt. Sie beliefen sich auf 15 058 Tote und 109 527 Verletzte.
Angesichts dieser Zahlen wurde in den USA allmählich die Forderung
nach einer sofortigen Beendigung des Krieges laut. Auch die jährlichen
Ausgaben von 25 Milliarden US-Dollar trugen ihren Teil zu dieser
Forderung bei.
Propaganda
Die USA versuchten mit Einsatz von Propaganda die Bevölkerung
weiterhin für die Notwendigkeit eines Vietnamkrieges zu gewinnen.
Das geeignete Medium war das Fernsehen. Zum ersten Mal konnte der
Krieg praktisch live zu Hause mitverfolgt werden. Die USA und ihre
Verbündeten versuchten die Weltöffentlichkeit vom erfolgreichen
Fortschritt des Feldzuges zu überzeugen. Zu diesem Zweck wurde
beispielsweise ein „body count“, die Zählung der
feindlichen Leichen, eingeführt. Die Wirkung des Fernsehens
entfaltete sich aber nicht auf gewünschte Weise. Die gezeigten
Bilder von erschossenen Frauen, Kinder und alten Männern, niedergebrannten
Dörfern, den eigenen Gefallenen und den verstümmelten
Kriegsveteranen lösten eher Entsetzen als Kriegsfreude aus.
Auch kamen in manchem Soldaten Zweifel am Glauben an das eigene
Gesellschaftsmodell und an der Gerechtigkeit der eigenen Sache auf,
übrigens auch in der amerikanischen Bevölkerung. Die Kraft
der bewegten und unbewegten Bilder sollte sich im weiteren Kriegsverlauf
immer mehr gegen die amerikanische Regierung richten.
Tet-Offensive (1968)
Das Tetfest 1968 führte die Wende im Krieg herbei. Im Januar
1968 unternahm der Vietcong zusammen mit den nordvietnamesischen
Truppen eine gross angelegte und überraschende Offensive, die
später als Tet-Offensive bekannt geworden ist. Benannt ist
sie nach dem Monat Tet des vietnamesischen Kalenders. Die Amerikaner
hatten nicht mit einem Angriff gerechnet, da in Nordvietnam üblicherweise
das chinesische Neujahr, das so genannte Tetfest, gefeiert wurde.
Die südvietnamesischen und amerikanischen Truppen, die sich
bisher, trotz Verlusten, als Herren der Lage fühlten, wurden
völlig überrumpelt. Die kommunistischen Kämpfer bewegten
sich mit zahlreichen, gut bewaffneten Stosstrumps auf die südvietnamesischen
Städte zu. Die alte Kaiserstadt Huë wurde im Handstreich
von der nordvietnamesischen Armee eingenommen. Der Gegenschlag erfolgte
aber umgehend.
In der Hauptstadt Südvietnams Saigon wurden Angehörige
des Vietcongs an Ort und Stelle erschossen. Der Polizeichef von
Saigon erschoss vor laufenden Kameras einen gefesselten Vietcong.
Die amerikanische Kriegsmaschinerie brauchte rund 30 Tage um die
Nordvietnamesen aus Huë wieder zu vertreiben. In der Befreiung
Huës verloren viele US-Soldaten ihr Leben. Mit enormem Aufwand
wurde jedes Dorf zurückerobert. Als die Offensive militärisch
erfolgreich abgewehrt war, kamen Massengräber von Zivilisten,
die den Straf- und Racheaktionen der Kommunisten zum Opfer gefallen
waren, zu Tage. Im zunehmenden Masse gelangten aber auch Gräueltaten
der amerikanischen Soldaten an der Zivilbevölkerung an die
Öffentlichkeit, wie das schon erwähnte Massaker von My
Lai beispielsweise.
Militärisch war die Tet-Offensive zwar gescheitert. Sie zeigte
aber die mögliche Schlagkraft Nordvietnams und war politisch
und psychologisch sehr erfolgreich. Nach der Tet-Offensive verschärfte
sich die internationale Kritik an der Vietnampolitik der USA. Nicht
nur im Ausland, auch in den Vereinigten Staaten selbst wuchs die
Kritik. Dies nicht zuletzt wegen der hohen Anzahl von Toten auf
amerikanischer Seite während der Tet-Offensive. Protest regte
sich auch gegen die amerikanische Kriegsführung, insbesondere
gegen den Einsatz chemischer Kampfstoffe (Agent Orange) und gegen
die bekannt gewordenen Übergriffe auf die Zivilbevölkerung.
An den Universitäten bildeten sich pazifistische Jugendbewegungen,
die den sofortigen Rückzug aus Vietnam forderten. Liberale
Politiker schlossen sich dieser Meinung an. Neben den Jugendlichen
ging auch die schwarze Minderheit auf die Strassen, da an vorderster
Front sehr viele Schwarze kämpften und starben. Die Friedensbewegung
griff nach Westeuropa über.
In den USA setzte sich im Frühjahr 1968 die Erkenntnis durch,
dass der Vietnamkrieg nicht zu gewinnen sei. Die Verhandlungsbereitschaft
bei den Amerikanern war nun so hoch wie nie zuvor. Am 31. März
1968 wurden, als Bedingung für die Aufnahme von Friedensgesprächen,
die Luftangriffe auf Nordvietnam eingestellt. Johnson hatte resigniert
und liess verlauten, dass er sich nicht zur Wiederwahl stellen würde.
Johnsons Nachfolge trat Richard M. Nixon an. Am 13. Mai 1968 wurden
in Paris die Waffenstillstandsverhandlungen aufgenommen. Vorerst
ohne den Vietcong und Südvietnam, die erst 1969 dazu stiessen.
Da keine Ergebnisse erzielt wurden, gingen die Kämpfe in Südvietnam
in unverminderter Härte weiter. Nach der Offensive hatten sich
die Vietcongkämpfer den Amerikanern und Südvietnamesen
zu erkennen gegeben. Auf sie wurde nun unerbittlich Jagd gemacht.
Diese wurde als Operation „Phoenix“ bekannt. An Stelle
der gefangen genommenen oder ermordeten Vietcongkämpfer traten
nordvietnamesische Funktionäre. Die Nordvietnamesen erlangten
so die totale Beherrschung des Vietcongs.
Mit Aufnahme der Verhandlungen von Paris machten sich bei den Südvietnamesen,
vor allem aber bei den Studenten und Angehörigen der Verwaltung,
Verzweiflung und Angst breit. Der etappenweise Abzug der US-Streitkräfte
als Schutzmacht und ein aussichtsloser Bürgerkrieg gegen Hanoi
waren nur eine Frage der Zeit.
Vietnamisierung
Johnsons Nachfolger Nixon erkannte, dass sich die Voraussetzungen
für den Krieg in Vietnam grundlegend verändert hatten.
In der Zwischenzeit war zwischen der Sowjetunion und China eine
tiefe Feindschaft entstanden und die anfängliche Unterstützung
des Westens wandelte sich in antiamerikanische Proteste um. Wenige
Monate nach seinem Amtsantritt legte Nixon sein Programm der Vietnamisierung
vor, mit dem die Beendigung des amerikanischen Engagements und der
Rückzug der Amerikaner eingeleitet wurden. Das Programm sah
einen stufenweisen Abzug von 90 000 US-Soldaten aus Vietnam bis
Ende 1969 sowie den Ausbau der südvietnamesischen Streitkräfte
vor. Die Verantwortung für die Kriegsführung sollte der
südvietnamesischen Regierung sukzessive übertragen werden.
Am 3. September 1969 starb Ho Chi Minh in Hanoi. Die ausweglose
Situation in den mittlerweile seit Mai 1968 andauernden Friedensgespräche
von Paris konnte weder mit dem Tod Ho Chi Minhs noch mit den Teilabzügen
der US-Truppen überwunden werden. Im April 1970 fielen US-Truppen
nach dem antikommunistischen Putsch der Militärs zugunsten
der neuen Regierung in Kambodscha, das während des Vietnamkriegs
eine friedliche Idylle geblieben war, ein. Den Hintergrund für
die Invasion der Amerikaner bildete der Ho-Chi-Minh-Pfad, der während
der ganzen Jahre stetig ausgebaut worden war und den Vietcong immer
noch mit Nachschub versorgte. Die Neutralitätspolitik Kambodschas
bevorzugte die Kommunisten, indem sie ungestört an der Grenze
zu Vietnam über kambodschanisches Territorium marschieren konnten.
1971 wurde auch Laos bombardiert, um den Vorstoss nordvietnamesischer
Truppen entlang des Ho-Chi-Minh-Pfades zu unterbinden. Beide Aktionen
wurden international verurteilt und intensivierten die Proteste.
Militärisch waren sie zudem kaum erfolgreich, im Gegenteil.
Ganz Kambodscha wurde in den Konflikt hineingezogen. Der Krieg wurde
noch brutaler geführt als derjenige in Vietnam. Eine neue kommunistische
Gruppe, die Rote Khmer, entstand und der Einfluss des Kommunismus
weitete sich nach Westen aus. Die Dominosteine begannen umzufallen.
Der erste Stein aber wurde von den kapitalistischen Amerikanern
zu Fall gebracht.
In der Zwischenzeit liefen die Verhandlungen in Paris weiter. Die
Fäden in Hanoi hatten nach dem Tod Ho Chi Minhs der Ministerpräsident
Pham Van Dong, Verteidigungsminister Vo Nguyen Giap und der Generalsekretär
Le Duan in die Hand genommen. Die Friedensverhandlungen in Paris
kamen zwischenzeitlich zum Stillstand. Am 25. Januar 1972 legte
Nixon einen Achtpunkteplan zur Wiederherstellung des Friedens in
Vietnam vor. Am 23. März 1972 wurden die Verhandlungen in Paris
abgebrochen. Nixons Friedensplan folgte eine überarbeitete
Version des Vietcongs im Juli 1972. Dieser sah unter anderem den
sofortigen Rücktritt des südvietnamesischen Präsidenten
Thieu und den Abzug der gesamten US-Streitkräfte vor. Saigon
wurden zudem Verhandlungen im Falle der Aufgabe der Kriegspolitik
zugesichert. Am 30. März 1972 startete Nordvietnam eine breit
angelegte Offensive. Die Kommunisten griffen die überraschten
Amerikaner von Norden her mit sowjetischen Panzern, von der kambodschanischen
Grenze her mit Stosstrupps an. Die Amerikaner erlitten, wie schon
in der Tet-Offensive, grosse Verluste. Die Gegenoffensive der Amerikaner
erfolgte im April mit der Wiederaufnahme der Bombardements auf Nordvietnam
und Verminung der wichtigsten nordvietnamesischen Häfen. Mit
diesen Aktionen beabsichtigten Hanoi und Washington sich gegenseitig
unter Druck zu setzen und bei den Verhandlungen vom andern Zugeständnisse
zu erzwingen. Die Nordvietnamesen wollten die Verhandlungen beschleunigen,
weil sie einen Stimmungswandel der Chinesen zu ihren Ungunsten befürchteten.
Nixon war im Februar 1972 in Peking zu Gast und traf Mao Tsetung.
Die neuen Machthaber in Hanoi hatten nun Angst, Peking könnte
nun einen Verrat vorbereiten, da sie es nicht verstanden, China
und die Sowjetunion auf gleicher Distanz zu halten.
Ab 8. Oktober 1972 fanden zwischen dem amerikanischen Sicherheitsberater
Kissinger und dem nordvietnamesischen Unterhändler Le Duc Tho
wieder vertrauliche Friedensgespräche statt. Nordvietnam stimmte
in der Folge einem Friedensplan zu, der getrennte Vereinbarungen
für den militärischen und den politischen Bereich vorsah.
Am 26. Oktober 1972 gab Kissinger den Neunpunkteplan bekannt. Technische
Fragen blieben jedoch ungelöst und der südvietnamesische
Präsident Thieu, nicht so amerikatreu wie es einst Diem war,
betrachtete diesen Friedensplan als Verrat. Im Dezember 1972 war
erstmals seit 1968 ein Zustandekommen eines Abkommens in Sicht.
Am 16. Dezember stagnierten die Verhandlungen wieder. Die USA reagierten
mit massiven Bombenangriffen, die als schwerste des gesamten Krieges
gelten.
Die Friedensgespräche wurden aber weitergeführt und am
27. Januar 1973 konnte in Paris das Waffenstillstandsabkommen von
Vertretern der USA, Nord- und Südvietnams und der provisorischen
Revolutionsregierung Südvietnams unterzeichnet werden. Nordvietnam
unterzeichnete das Abkommen auf Rat von den Sowjets und den Chinesen,
die USA auf Druck der Öffentlichkeit, der Proteste und der
Friedensbewegung. Das Abkommen sah unter den wesentlichsten Punkten
die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen, den Abzug der gesamten
Truppen der USA und ihrer Verbündeten innerhalb von 60 Tagen,
die Herausgabe der Kriegsgefangenen auf beiden Seiten innert der
gleichen Frist, die Anerkennung der entmilitarisierten Zone als
einer nur provisorischen und nicht politischen oder territorialen
Grenze und den Verbleib von 145 000 nordvietnamesischen Soldaten
in Südvietnam vor. Weiter sollten in Südvietnam allgemeine
Wahlen stattfinden, die jedoch scheiterten.
Mit dem Abkommen war das Todesurteil Saigons besiegelt. Die Befürchtungen
der südvietnamesischen Bevölkerung hatten sich bewahrheitet.
Der Rückzug
der USA und der Bürgerkrieg (1973-1975)
Bis Ende März 1973 hatten die USA alle ihre Truppen aus Vietnam
abgezogen. Sie sicherten Südvietnam jedoch weiterhin wirtschaftliche
und militärische Hilfe zu. Für die USA war der Krieg aber
vorbei. Kissinger legte das Friedensabkommen als Erfolg aus. Ihm
und dem nordvietnamesischen Unterhändler Le Duc Tho wurde sogar
der Nobelpreis verliehen. Die Unterzeichnung des Abkommens stellt
aber faktisch eine Niederlage für die USA dar. Die Supermacht
litt darunter, dass das vermeintlich schwache kommunistische Nordvietnam
nicht besiegt werden konnte. Das Gerücht einer Art amerikanischer
Dolchstosslegende wurde in die Welt gesetzt, vergleichbar mit den
Ausführungen Hindenburgs nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg.
Das Abenteuer Vietnam wurde für die USA zum Trauma. Besonders
gut lässt sich das an den Hollywoodproduktionen wie Rambo,
in welchen ein Einzelner ganze Hundertschaften Vietcongkämpfer
auslöscht, erkennen. Diese Filme haben bekanntlich nichts mit
der Realität zu tun.
Amerika hat den Krieg zu Hause verloren. Die Proteste waren gewaltig,
die Friedensbewegung fand immer mehr Zulauf. Für dieses, aus
der Sicht der amerikanischen Kriegsführung gesehene Debakel,
waren einerseits die Methoden der USA, andererseits aber auch die
hohen Verluste in den eigenen Reihen, schuld. Die heimgekehrten
Veteranen, viele verstümmelt, trugen ihren Teil zum Umschwung
der öffentlichen Meinung bei.
Amerikanische
Dolchstosslegende
Zu Beginn der siebziger Jahre entstand eine Art Dolchstosslegende
über den Vietnamkrieg. Im Nachhinein waren sich die USA sicher,
dass sie den Krieg gewonnen hätten, wenn sie nur mit voller
Kraft zugeschlagen hätten. Die Zahlen sprechen aber eine andere
Sprache. Hätten die Amerikaner und ihre Verbündeten eine
Landung auf Hanoi geplant, hätten sie schätzungsweise
eine halbe Million Soldaten mehr benötigt. Die abgeworfene
Bombenlast übertrifft sogar die während des gesamten Zweiten
Weltkrieges. Die Möglichkeit des Abwurfs einer Atombombe wurde
zwar in Erwägung gezogen, jedoch bald wieder fallen gelassen.
Zu ungewiss wäre die Reaktion Chinas gewesen. Für die
USA kam noch die globale Friedensbewegung hinzu, die das Fass zum
Überlaufen brachte.
Der
Bürgerkrieg
Nach dem Abzug der USA stand die südvietnamesische Armee dem
Vietcong und den regulären nordvietnamesischen Streitkräften
alleine gegenüber. Die Kämpfe gingen auch nach dem unterzeichneten
Waffenstillstandsabkommen weiter. Jetzt versuchten die beiden Kriegsparteien
ihre Gebiete zu verteidigen bzw. auszuweiten. Die Nordvietnamesen
konnten ihre Truppen, die langsam an Saigon herankamen, über
den Ho-Chi-Minh-Pfad massiv verstärken. In Saigon war von dieser
schier ausweglosen Situation kaum etwas zu spüren. Trotzdem
wusste jeder, dass es nur noch eine Frag der Zeit war, bis Nordvietnam
zuschlagen würde. Die nordvietnamesische Armee brauchte etwa
zwei Jahre zur Vorbereitung. Ende 1974 begann sie eine Grossoffensive
gegen den Süden. Die südvietnamesischen Streitkräfte
sollten sich geordnet in Festungen zurückziehen. Die mehr als
eine Million Mann starke südvietnamesische Armee löste
sich aber buchstäblich auf. Die Soldaten flüchteten in
kopfloser Panik zu den Küsten. In der nordöstlich gelegenen
Hafenstadt Danag spielten sich unglaubliche Szenen ab. Bei der Flucht
war jede Disziplin und Selbstachtung verloren gegangen. Soldaten
warfen die zivilen Flüchtlinge über Bord. Viele Frauen
wurden von den Soldaten vergewaltigt. Im vietnamesischen Fernsehen
gestand Präsident Thieu seine Niederlage ein und trat zurück.
Die letzten verbliebenen Amerikaner und ein Teil der südvietnamesischen
Kollaborateure wurden unter chaotischen Umständen evakuiert.
Dabei kam es zu beschämenden Szenen. Nur diejenigen Südvietnamesen,
die von den Kommunisten das Schlimmste zu befürchten hatten,
wurden mitgenommen. Viele wurden an den unerbittlichen Feind ausgeliefert.
Unterdessen rückte die nordvietnamesische Armee beinahe kampflos
nach Süden vor. Am 30. April 1975 nahmen nordvietnamesische
Panzer Saigon, das unbenannt in Ho-Chi-Minh-Stadt wurde, ein. Am
selben Tag kapitulierte Südvietnam und die provisorische Revolutionsregierung
übernahm die Führung. Am 2. Juli 1976 wurde der gesamtvietnamesische
Staat mit der Errichtung der Sozialistischen Republik Vietnam wieder
hergestellt.

IV. Das
Gesicht des Krieges
Die Vietnamesen kämpften für ihre „Freiheit und
Unabhängigkeit“, sie verteidigten ihre Heimat, während
sich die Amerikaner oft fragten, was sie in Südostasien überhaupt
machten. Die schlechte Motivation der US-Soldaten wurde zudem durch
die zahlreichen Opfer verstärkt. Sie konnten einen kommunistischen
von einem kapitalistischen Vietnamesen nicht unterscheiden, deshalb
hiess es in ihren Kreisen einfach „Schlitzaugen abknallen“.
So kam es, dass sie unzählige ihrer Verbündeten eliminierten.
Ihre harte Ausbildung hatte die amerikanischen Soldaten fast zu
gefühllosen Maschinen gemacht. Sie töteten ihre Feinde,
deren Kinder und Frauen, ohne mit der Augenwimper zu zucken. Vergewaltigungen
hatten ihrer Ansicht nach den Zweck der Motivation und gehörten
zu ihrer Praxis.
Die Vietnamesen waren sich der technischen Überlegenheit des
Gegners bewusst und griffen deswegen meistens aus dem Hinterhalt
an. Ihren raffinierten Fallen, welche sie im Dschungel legten, fielen
unzählige US-Soldaten zum Opfer. Vereinzelt gelang, dank besserer
Taktik, auch in offenen Schlachten ein Sieg über den meistens
zahlenmässig überlegenen Gegner.
Zudem waren die Mitglieder des Vietcongs bereit, für ihr Land
und dessen Unabhängigkeit ihr Leben zu lassen, was ebenfalls
ein entscheidender Faktor war.

Der
Dschungelkrieg
Der Vietnamkrieg wurde durch den Dschungelkampf geprägt, in
welchem sich die US-Soldaten keineswegs zurechtfanden. Ihre extrem
harte Ausbildung fruchtete überhaupt nicht, denn eine solche
Form des Krieges war ihnen fremd: Der Gegner griff stets aus dem
Hinterhalt an und zog sich rasch zurück. Im Normalfall hinterliess
er zahlreiche Opfer, ohne dass er überhaupt gesehen wurde.
Die primitiven Fallen des Vietcongs wurden den Amerikanern oft zum
Verhängnis: Eine gespannte Schnur löste eine Handgranate
aus, zahlreiche mit Stacheln versehene, getarnte Gräben machten
den Soldaten kampfunfähig, wenn sie ihn nicht gleich töteten.
Beim Drauftreten auf einen gut versteckten Auslöser wird eine
Munitionspatrone ausgelöst, welche dem Soldaten den Fuss zerschmettert.
Zudem war das Klima in den Urwäldern Vietnams für die
US-Soldaten völlig ungewohnt.
Rolling
Thunder
Im März 1965 startete die US-Luftwaffe die Operation Rolling
Thunder, das amerikanische Flächenbombardement Nordvietnams.
Ein amerikanischer General meinte dazu, Ziel sei es, die Kommunisten
in die Steinzeit zurück zu bombardieren. Dabei wird einfach
ignoriert, dass derartige Vorgehensweisen im Krieg gemäss Genfer
Konventionen untersagt sind.
In den nächsten 3½ Jahren werden über Nordvietnam
doppelt so viele Bomben abgeworfen, wie im gesamten Zweiten Weltkrieg.
Obwohl Nordvietnam eine Dezentralisierung der Wirtschaft und Evakuierung
der Bevölkerung einleitete, damit sowohl Industrieanlagen als
auch die Menschen ein weniger leichtes Ziel abgeben, fielen unzählige
Zivilisten den Bomben zum Opfer.

Agent
Orange
Die Amerikaner versprühten mit Flugzeugen und Hubschraubern
während dem Vietnamkrieg über 72 Millionen Liter giftigste
Herbizide über den Wäldern, Reisfeldern und Dörfern
Nordvietnams. Mehr als 40 Millionen Liter der verwendeten Herbizide
waren so genanntes „Agent Orange“. Dieses enthielt Dioxin,
die giftigste Substanz, welche der Menschheit bekannt ist.
Auch hier verstiess man gegen die Genfer Konventionen, welche offensichtlich
für die Amerikaner nicht zu gelten scheinen.
Noch heute leiden nach Angaben des Vietnamesischen Roten Kreuzes
über eine Million Menschen an den Spätfolgen des Dioxins,
darunter über 100 000 Kinder. Diese äussern sich durch
Missbildungen, verschiedene Krebsarten sowie eine starke Schwächung
des Immunsystems.
Nach US-Angaben wurden über 14 % der vietnamesischen Wälder
durch Agent Orange zerstört. Zudem hatte sich die Anzahl diverser
Tierarten drastisch verringert.

Massaker
von Mai Lai (1968)
Nach der Tet-Offensive fielen amerikanische Soldaten am 16. März
1968 im südvietnamesischen Dorf My Lai ein und richteten ein
Massaker an der Zivilbevölkerung an. Was zuerst offiziell als
normale „search and destroy“-Aktion galt, ging als das
Massaker von My Lai in die Geschichte ein und wurde zum Symbol für
die Leiden der Zivilbevölkerung.
Das Dorf stand unter dem Verdacht, den Vietcong zu unterstützen.
Das Vorgehen der Amerikaner war äusserst brutal. Die Soldaten
hatten den Befehl, alles niederzuschiessen, was sich bewegt, egal
ob Vietcongangehöriger oder einfacher Zivilist. Als die US-Soldaten
das Dort stürmten, begannen Sie ohne Vorwarnung auf die Bewohner
zu schiessen. Es wurde selbst noch auf die Menschen geschossen,
als sie schon zusammengebrochen auf dem Boden lagen. Als das Gemetzel
zu Ende war, wurde das Dorf in Brand gesteckt und verwüstet.
Am Ende der Operation waren auf brutalste Weise 507 Menschen ermordet
worden, darunter 173 Kinder, 76 Kleinkinder, 182 Frauen und 60 Männer
über sechzig Jahre (Quelle Tagesschau der ARD). Dieses Vorgehen
sollte eine abschreckende Wirkung auf die übrige Zivilbevölkerung,
welche die Kommunisten unterstützten, haben. Washington stellte
die als Säuberungsaktion deklarierte Operation zunächst
als Erfolg dar.
Einziger anwesender Nichtmilitär war der Fotograph Ronald Haeberle.
Er war im Auftrag eines Militärmagazins unterwegs und sollte
publikumswirksame Fotos schiessen. Dies tat er auch und übergab
den zuständigen Militärs rund 40 Schwarzweissfotos. Er
hatte aber noch 18 Farbfotos geschossen, die er für sich behielt.
Haeberles Fotos zählen heute zu den bekanntesten des Vietnamkriegs.
Haeberle erzählte später einem Journalisten, wie eine
Frau, die ein kleines Kind zu beschützen versuchte, von Einheiten
der USA umstellt war. Als er seine Fotos gemacht und sich umgedreht
hatte, hörte er Schüsse. Als er zurückblickte, waren
die Frau und das Kind tot.
Erst eineinhalb Jahre nach dem Massaker wurde, auf Druck eines jungen
Soldaten Namens Roland Riedenhour, von der amerikanischen und südvietnamesischen
Regierung eine Untersuchung eingeleitet. Am Ende dieser Untersuchung
wurde der damalige Befehlshaber William Calley jr. wegen vorsätzlicher
Tötung von 22 Vietnamesen von einem Militärgericht zu
lebenslanger Haft verurteilt. Calley wurde wenig später aber
von Präsident Nixon begnadigt.
Die Meldung von Calleys Verurteilung fand zunächst in der amerikanischen
Presse keine Beachtung. Am 13. November 1971 aber erschien in der
New York Times und anderen Zeitungen inhaltlich identische Artikel
zum Massaker von My Lai. Die Menschen im In- und Ausland waren schockiert
über die Vorgehensweise der Amerikaner. Das Bekanntwerden des
Massakers führte zu einem verstärkten Antiamerikanismus
in der Welt und zu einer ernormen Pazifismusbewegung, die sich rund
um den Globus erstreckte.
Die Welt war entsetzt über das Massaker von My Lai als einzelnes
Ereignis. Nachforschungen ergaben aber, dass My Lai offensichtlich
kein Einzelfall war, sondern zur militärischen Praxis amerikanischer
und südvietnamesischer Truppen gehörte.
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