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Pressearbeit
Im folgenden sind die Presseartikel dokumentiert, die sich mit Nazis
in Treptow beschäftigen bzw. Reaktionen auf Pressemitteilungen der
Treptower Antifa Gruppe beinhalten.
1997 1998
1999 2000 2001
2002 2003 2004
2005 2006

2005
Rechtsextreme
Straftaten in Berlin 2004 >
03.01.2004 BZ
Der Schläger schwört auf Mussolini > 20.01.2005 TAZ
Die rechten Schläger leben im Osten > 03.02.2005
Berliner Zeitung
Vom Haudrauf-Skin zum Pop-Nazi > 07.02.2005 Taz
Knapes Revier > 15.02.2005 TAZ
Ausstieg aus Neonaziszene war ein Fake > 15.02.2005
Junge Welt
Im
Schafspelz
>
23.02.2005 Berliner Zeitung
Mehr rechtsextreme Straftaten > 28.02.2005 Berliner
Morgenpost
Neonazis und unfähige Lehrer > 08.03.2005 Berliner
Zeitung
Polizei schreckt Neonazis auf > 10.03.2005 Berliner
Zeitung
Körting zerschlägt Neonazi-Gruppen > 10.03.2005
Morgenpost
Neonazis wollen gegen Verbot klagen
>
11.03.2005 Berliner Zeitung
"Ein Stück Erde wurde zum Grab der Menschlichkeit" > 21.03.2005 Morgenpost
NPD-Marsch am Treptower Ehrenmal? > 31.03.2005 Neues
Deutschland
"Das war ein eklatanter Rechtsbruch der Polizei"
>
01.04.2005 Junge Welt
NPD erwägt Aufmarsch in Treptow > 04.04.2005
Morgenpost
Schlagabtausch zwischen Rechten und Linken > 07.04.2005
Berliner Zeitung
Straßenfest für Demokratie vor dem Bahnhof Schöneweide
> 09.04.2005 Morgenpost
Verwaltung und Polizei gemeinsam gegen Rechts >
13.04.2005 Morgenpost
Steine und Flaschen gegen NPD-Zentrale > 18.04.2005
Berliner Zeitung
Verbotene Cliquen auf Spucki-Tour > 19.04.2005 Neues
Deutschland
Kameradschaften »im Überschwang« >
28.04.2005 Neues Deutschland
Die rassistischen Vier > 13.05.2005 Süddeutsche
Rechte Kameradschaft rekrutiert Jugendliche > 15.05.2005
Morgenpost
„Man hat einfach mehr Angst“ > Juni
2005 Unbunte Schülerzeitung
Gericht: Kulturverein darf Flachbau weiter nutzen >
25.06.2005 Morgenpost
Rechtsradikale foltern Mann mit Bügeleisen >
25.06.2005 Morgenpost
Selbsternannte Pädophilen-Jäger gehören
zu Neo-Nazi-Szene > 25.06.2005 Morgenpost
Rechts, aber nicht organisiert > 29.06.2005 TAZ
Vier rechte Schläger in Haft > 07.07.2005 Märkische
Allgemeine
Linke und Rechte nehmen einander ins Visier > 11.07.2005
Tagesspiegel
Zwischen ganz Links und ganz Rechts > 30.07.2005
Berliner Zeitung
Stolperstein gestohlen > 04.08.2005 Berliner Zeitung
Neonazis legen sich mit der Polizei an > 22.08.2005
Berliner Zeitung
Grüne Karte gibt Tips für Zivilcourage >
30.08.2005 Morgenpost
Nazis ködern mit Lagerfeuer und Musik > 05.09.2005
Berliner Zeitung
Fest für Demokratie: Rechte Störversuche ohne
Erfolg > 05.09.2005 Morgenpost
Propagandalektion für Waldorfschüler >
08.09.2005 TAZ
11,4 Prozent im Ortsteil Oberschöneweide >
20.09.2005 Berliner Zeitung
Rechtsradikale greifen Passanten an > 26.09.2005
Morgenpost
Gestohlener Stolperstein wird erneuert > 06.10.2005
Berliner Zeitung
Endstation Schöneweide > 15.10.2005 Tagesspiegel
Wenig ritterlich - Naziladen "Parzifal" in Köpenick > eröffnet15.10.2006
Braune Schmiere > 20.10.2005 Neues Deutschland
Ein neuer Stolperstein für Otto Dunkel > 26.10.2005
Junge Welt
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03.01.2004
BZ
Rechtsextreme
Straftaten in Berlin 2004
Gefährliche
Glatzen: Die Zahl rechtsextremistischer Straftaten in Berlin ist im Vorjahr
unverändert hoch geblieben. Die Neonazis agieren vor allem in Pankow
und Mitte!
Pankow:
104 Mitte: 98 Lichtenberg: 94 Treptow-Köpenick: 74 Friedrichshain-Kreuzberg:
68 Charlottenburg-Wilmersdorf: 66 Marzahn-Hellersdorf: 47 Tempelhof-Schöneberg:
40 Neukölln: 38 Steglitz-Zehlendorf: 26 Spandau: 22 Reinickendorf:
21
Nach
neuesten Zahlen der Innenbehörde registrierte die Polizei bis Oktober
698 Fälle mit fremdenfeindlichem oder antisemitischem Hintergrund.
Im Vorjahreszeitraum waren es 727 Straftaten. Ein nur "partieller
Rückgang", so Innensenator Ehrhart Körting. Der Ostteil
der Stadt ist weiterhin stärker betroffen. Laut Verfassungsschutz
leben hier 80 Prozent der rechtsextremen Berliner Skinheads (vor allem
in Marzahn, Lichtenberg und Pankow).
Die jüngsten Zahlen gehen auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten
Giyasettin Sayan (PDS) zurück. Er sagt: "Es wird in Berlin viel
gegen Rechtsextremismus getan. Trotzdem sind die Zahlen noch immer sehr
hoch."
Eine ungewöhnlich hohe Zunahme gab es 2004 bei antisemitischen Straftaten.
Bis Herbst wurden 130 Fälle gezählt, im gesamten Vorjahr waren
es 96. Laut Körting ist dies mit "einer Vielzahl von anonymen
Schmähschriften an jüdische Einrichtungen zu erklären."
Der Bezirk Mitte führt die Statistik an. Hier hat u.a. der Zentralrat
der Juden seinen Sitz. Sayan: "Bedenklich ist, daß es auch
unter Muslimen eine größere antisemitische Bewegung gibt. Darauf
müssen wir künftig noch genauer achten."
Die Aufklärungsquote rechtsextremer Taten ist gestiegen. 40 Prozent
der Übergriffe oder Vorfälle wurden geklärt (2003: 32 Prozent).
Einen weiteren Erfolg kann der Leiter der Polizeidirektion 6 (Marzahn-Hellersdorf),
Michael Knape, verbuchen: Laut Statistik gingen die Delikte im Bezirk
von 73 auf 47 zurück. Knape war immer wieder mit Razzien erfolgreich
gegen die rechte Szene vorgegangen.
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20.01.2005
TAZ
Der Schläger schwört auf Mussolini
Angstzonen, in denen MigrantInnen und Linksalternative Gewalt von Rechtsextremen
befürchten müssen, gibt es viele. Eine ist der S-Bahnhof Schöneweide.
Nun wehren sich einzelne Anwohner - mit Klagen vor Gericht oder an einem
runden Tisch
Weder
war es dunkel oder menschenleer, noch gab es sonst irgendwelche Angst
einflößenden Ecken. Die 17-jährige Margrit* und ihr Kreuzberger
Freund Alex* saßen am Nachmittag des 14. Februar 2004 an der Bushaltestelle
am S-Bahnhof Schöneweide und warteten auf den 265er. Und dann standen
plötzlich die beiden Ricos vor ihnen. "Heil Hitler", begrüßte
Rico B. die Punker und fragte mit süffisantem Unterton, ob sie überhaupt
Deutsche seien. Er sei ja keiner, sondern Italiener, und überhaupt
"scheiße" er auf Hitler. Vielmehr schwöre er auf
Mussolini.
Zunächst hielt er Alex seine tätowierte und mit Goldringen versehene
Faust nur ins Gesicht. Dann drohte er, wenn er wolle, könne er sie
jederzeit erschießen. Dazu habe er aber momentan keine Lust. Und
überhaupt, wie sie bloß aussähen, mit den bunten Haaren
und der Nietenjacke. Als der Bus kam, schlug Rico B. dann doch noch zu.
Mit der beringten Faust mitten in Alex Gesicht. Zwei Tritte trafen Alex
noch ins Gesäß, bevor er in den Bus stolpern konnte.
Es ist nicht das erste Mal, dass am S-Bahnhof Schöneweide vor allem
linke Jugendliche von Neonazis angepöbelt werden. "Wir hatten
Zeiten, da haben die Faschos jede Woche zugeschlagen", erzählt
Margrit. Schon zu DDR-Zeiten gab es in Johannisthal, heute Bezirk Treptow-Köpenick,
rechtsextreme Strukturen. 1994 tauchte die Treptower Kameradschaft auf,
der es gelang, eine bis heute aktive rechtsextreme Jugendkultur aufzubauen.
Seitdem ist der S-Bahnhof Schöneweide ein beliebter Treffpunkt der
rechten Szene. In dieser Ecke Berlins wohnen viele Anhänger der Kameradschaft
BASO sowie zahlreiche Kader der NPD, und hier treffen sich auch die unorganisierten
Neonazis der Stadt, um zu überregionalen Aufmärschen aufzubrechen.
Fast immer mit dabei sind auch die beiden Ricos. Margrit kennt sie. So
wie sie die meisten Faschos in Johannisthal kennt. Sie weiß, wo
Rico S. wohnt. Aber sie sieht es nicht ein, verunsichert durch den Kiez
zu laufen, immer mit der Angst, im nächsten Moment von den Faschos
vermöbelt zu werden. Deswegen hat sie geklagt. Mit Erfolg. Rico B.
wurde bereits vor einem halben Jahr zu mehreren Monaten Haft verurteilt.
Mitläufer Rico S. bekam am Montag wegen versuchter Körperverletzung
200 Euro Geldstrafe aufgebrummt.
Nun sei es etwas ruhiger geworden, erzählt Margrit. Noch vor einem
Jahr habe sie in der Regel über den Hintereingang den Bahnhof verlassen
oder sei gleich eine Station früher ausgestiegen. "Ruhiger?",
fragt ihre Freundin Sine und erinnert an den rechten Übergriff auf
den PDS-Bezirksverordneten Philip Wohlfeil. Das war im Dezember.
Von "Angstzonen" spricht Catharina Schmalstieg von der "Mobilen
Beratung gegen Rechtsextremismus" (MBR). Orte, die aus Angst vor
rechtsextremen Übergriffen gemieden werden. Seit mehr als drei Jahren
ist die MBR in Berlin aktiv und berät Schulen, Vereine, Bezirksverwaltungen
und engagierte Einzelpersonen beim Umgang mit Rechtsextremismus.
Rechte
Alltagsdominanz
Anfang der 90er-Jahre riefen Neonazis dazu auf, "befreite Zonen"
zu schaffen, Gebiete, in denen Ausländer und Andersdenkende nicht
geduldet werden. Dazu sei es zum Glück noch nirgends gekommen, so
Schmalstieg. Dennoch gebe es in einigen Gebieten durchaus "Vorformen
rechtsextremer Alltagsdominanz". Orte, an denen Neonazis pöbeln
können, ohne dass Passanten einschreiten.
Und
die finden sich eben auch in Berlin. Das Hellersdorfer Einkaufszentrum
Helle Mitte zum Beispiel oder der dortige Bürgerpark. Der Cecilienplatz
in der Nähe des U-Bahnhofs Kaulsdorf oder die Jugendeinrichtung "Erlebnistreff
Eulenspiegel" in Marzahn. In Treptow-Köpenick sind es Orte in
Altglienicke oder auch der Mandrellaplatz - in unmittelbarer Nachbarschaft
zur Bundeszentrale der NPD. Gerade viel frequentierte Orte, die von potenziellen
Opfern nicht gemieden werden können, gehören häufig zu
diesen Angstzonen, sagt Schmalstieg. Bahnhöfe, Supermärkte und
zentrale Plätze, zählt sie auf. Jugendtreffs, Kneipen und selbst
türkische Imbissbuden, ergänzt die Leiterin der MBR, Bianca
Klose. Sie spricht von "Dönernazis". An einem Tag holen
sie sich einen Döner, am anderen hauen sie dem Imbissbetreiber eins
über den Schädel.
Angstzonen sind nicht immer eindeutig und werden subjektiv erfahren. Das
heißt, für die Betroffenen ist die Bedrohung real, während
der Großteil der Passanten sie nicht einmal wahrnimmt. Zum einen
verlagern sie sich witterungsbedingt oder je nach Tageszeit. Zum anderen
gehören dazu auch Orte, die nicht den klassischen Kriterien von Nazi-Treffpunkten
entsprechen. Der Eingang des Einkaufszentrums Schönhäuser Allee
Arkaden mitten im schicken Prenzlauer Berg zum Beispiel. Zu rechtsextrem
motivierter Gewalt muss es gar nicht gekommen sein, heißt es in
einem Informationsblatt der MBR. Es genüge ein provokantes Auftreten
auf zentralen Plätzen und das Wissen darum, dass sich hier in der
Gegend viele Neonazis regelmäßig treffen.
Initiativen
der Anwohner
Rund um den S-Bahnhof Schöneweide gebe es mindestens sieben solcher
Treffpunkte, zählt Margrit auf: Das "Stüble", das
Vereinslokal "Brücke 7" oder die "Spreehexe".
Letztere musste nach einer Razzia gegen rechts erst jüngst schließen.
Dabei sei es egal, ob der Kneipier selbst ein Rechter ist oder nicht,
fügt ihre Freundin Sine hinzu: Die Wirtin des "Eisenbahners"
sei mit einem Ausländer liiert. Trotzdem kommen auch zu ihr die Faschos.
Allein mit polizeilichen Mitteln lässt sich das Problem nicht in
den Griff bekommen, sagt MBR-Leiterin Bianca Klose. Zumal die Sicherheitskräfte
vor Ort häufig von einem rechtsextremen Problem gar nichts wissen
wollen. Um Angstzonen wieder für potenzielle Opfer von Rechtsextremen
zugänglich zu machen, plädiert die MBR für einen offensiven
Umgang. Konkret heißt das: existierende Initiativen vor Ort, die
sich gegen rechts engagieren, tatkräftig zu unterstützen und
vor allem auch mit den Anwohnern und den Geschäftstreibenden ins
Gespräch zu kommen.
In Johannisthal berät die MBR Initiativen, Betroffene, Vertreter
der Bezirksverwaltung und Geschäftstreibende, die sich zu einem runden
Tisch zusammengefunden haben. In regelmäßigen Abständen
treffen sie sich, um zu überlegen, was gegen die rechte Gewalt getan
werden kann.
Es wurden aber auch schon Vorschläge diskutiert - etwa das Bahnhofsgebäude
und die umliegenden Straßen besser auszuleuchten. Das aber wurde
von den mit anwesenden Opfern abgelehnt. "Dann haben wir ja gar keine
Versteckmöglichkeiten mehr", erklärt der 17-jährige
Max, der selbst vor zwei Jahren von einer Gruppe von Neonazis krankenhausreif
geschlagen wurde.
Trotzdem hält er den runden Tisch für eine gute Sache: "Immerhin
ist bei den Anwohnern angekommen, dass Johannisthal ein rechtes Problem
hat."
* Namen geändert
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03.02.2005
Berliner Zeitung
Die rechten Schläger leben im Osten
Verfassungsschutz stellt Broschüre zu Gewalt vor
Rechte Schläger
sind dumm und ungebildet. Und erst in der Gruppe fühlen sie sich
stark. So in etwa lautet einer der Schlüsse, die aus einer neuen
Broschüre gezogen werden können, welche gestern vom Berliner
Verfassungsschutz vorgestellt wurde. Derartige Schlussfolgerungen sind
an sich zwar nicht neu, doch jetzt sollten sie durch neue Fakten untermauert
werden. Wissenschaftler des Verfassungsschutzes analysierten deshalb in
den vergangenen Monaten die Berliner Straf- und Ermittlungsakten von 865
Tatverdächtigen, denen vorgeworfen wurde, zwischen 1998 und 2003
insgesamt 336 Gewalttaten begangen zu haben. Das Heft enthält eine
Studie, in der soziale Daten der Täter untersucht werden wie Alter,
Bildung, Umfeld, Tat- und Wohnorte und Auswahl der Opfer.
Unter anderem ist darin zu lesen, dass rechte Gewalttäter vor allem
männlich, zwischen 14 und 24 Jahre alt und meist arbeitslos sind.
Zudem sind sie den Angaben zufolge unterdurchschnittlich gebildet. Während
ein Viertel aller Berliner Schulabgänger nach der 10. Klasse nur
den Hauptschulabschluss erreicht, sind unter den Schlägern 60 Prozent
Hauptschüler.
Die meisten Gewalttaten wurden im Ostteil der Stadt regis- triert. Sie
ereigneten sich größtenteils im direkten Wohnumfeld der Täter.
Genannt werden in der Publikation zum Beispiel der Bezirk Marzahn-Hellersdorf,
Kieze in Pankow, Johannisthal, Adlershof sowie Wohngebiete entlang der
Frankfurter Allee in Friedrichshain, Lichtenberg und Friedrichsfelde.
Aus den Strafakten der Täter ergab sich, dass sie Ausländer
oder "links" Aussehende in den allermeisten Fällen spontan
angegriffen haben - auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Ihren Opfern waren die Rechten meist zufällig begegnet, wenn sie
in Gruppen unterwegs waren.
Aktive
Kameradschaften
Bemerkenswert ist in den Augen der Verfassungsschützer auch die Erkenntnis,
dass rechte Schläger meist nicht ideologisch gefestigt sind. "Zwischen
den rechten Gewalttätern, die meist in ihrem eigenen Wohnumfeld straffällig
werden, und rechtsextremen Organisationen gibt es keine engeren Verbindungen",
sagte Verfassungschutz-Chefin Claudia Schmid. Dort, wo die Täter
wohnen, müsse man weiter beobachten, inwieweit sie mit den Kameradschaften
zu tun hätten, sagte Schmid. Die Kameradschaftsszene sei "sehr
aktiv" geworden. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte, der
Rechtsradikalismus sei zurzeit aggressiver als noch vor zwei Jahren. Dennoch
gebe es in Berlin nach wie vor keinen Ort, an dem Rechtsextremisten die
Straße beherrschten oder rechtsfreie Räume entstanden seien.
Die Broschüre kann beim Verfassungsschutz kostenlos unter der Telefonnummer
90129-853 bestellt oder aus dem Internet heruntergeladen werden.
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07.02.2005
Taz
Vom Haudrauf-Skin zum Pop-Nazi
Die Kameradschaften denken um: Die erfolgreiche NPD wird nicht mehr als
parlamentarisch verachtet
Sie heißen
"Märkischer Heimatschutz" oder "Pommersche Aktionsfront"
- und sie gewinnen immer mehr Einfluss. Der Verfassungsschutz vermutet,
dass die Zahl der gewaltbereiten Neonazis im vergangenen Jahr um 800 auf
nun insgesamt 3.800 Personen gestiegen ist. Der Erfolg von Kameradschaften
beruht auf ihrer zunehmenden Attraktivität vor allem in Ostdeutschland
- und zwar weit über die rechte Szene hinaus.
Diese Entwicklung versucht sich die NPD zunutze zu machen. Unvereinbarkeitsbeschlüsse
der Partei gegen Neonazis wurden aufgehoben, Parteichef Udo Voigt erklärte,
man müsse auch Rechten, die sich offen zum Nationalsozialismus bekennen,
eine Heimat in der NPD geben.
Nach dem Wahlerfolg in Sachsen ist die NPD auch für die Kameradschaften
interessanter geworden. Noch vor einem Jahr galt die NPD den Kameraden
als eine der schwerfälligen und zu wenig radikalen Parteien, von
denen man sich Anfang der 90er nach einer Verbotswelle gegen neonazistische
Organisationen eigentlich lösen wollte. Ihr Weg: "nationaler
Widerstand" in losen und juristisch kaum angreifbaren Zellen. Mehr
als die Zusammenarbeit bei Protestaufmärschen hatten die parlamentarisch
orientierte NPD und die sich gerne als revolutionär empfindenden
Kameraden lange nicht gemein. Heute hingegen sitzen prominente Kameraden
in der Partei.
Zu Masseneintritten aus dem Kameradschaftsspektrum ist es auch jetzt nicht
gekommen. Die NPD hofft aber auf auf die Loyalität eines losen Netzwerks
militanter Neonazis. Die deutschlandweit 160 Kameradschaften könnten
die Funktion übernehmen, an der die NPD-Jugendorganisation Junge
Nationale bislang gescheitert ist: bei der politisch noch unbedarften
Jugend für den rechtsextremen Nachwuchs zu sorgen. "Die Spaßgesellschaft
ist auch bei uns am Ende", behauptet Sachsens NPD-Fraktionschef Holger
Apfel. "Diese Jugend will wieder politisch arbeiten." Apfel
und seine Genossen stellen sich einen Deal vor: Die Kameraden geben ihnen
Nachwuchs, sie den Kameraden politische Bedeutung.
Doch so einfach, wie sich die NPD das Geschäft wünscht, ist
es nicht. Gerade das, was Apfel als die "Spaßgesellschaft"
brandmarkt, hat den jungen Rechtsextremen Erfolg gebracht: weg vom Haudrauf-Skin
zum Pop-Nazi, der Standpunkte vertreten kann, ohne sich damit als militanten
Rechtsextremisten stigmatisieren lassen zu müssen. Sie docken an
bestehende Jugendkulturen an, bieten mit spektakulären Aufmärschen
eine ideologisch unterfütterte Erlebniswelt und schaffen mit eigener
Musik einen rechten Lifestyle, der an vielen ostdeutschen Schulen zum
Mainstream geworden ist. Vom aktuellen Zuwachs besonders betroffen ist
Berlin, wo das neue Kameradschaftsdenken vor etwa zwei Jahren seinen Anfang
nahm. Die Zahl der Neonazis ist hier innerhalb von einem Jahr von 750
im Vorjahr auf 950 gestiegen. Die meisten von ihnen sind gerade einmal
zwischen 14 und 24 Jahre alt. "Die Szene braucht ihre Erlebniswelten
und identitätsstiftende Ereignisse", sagt Henning Flad, der
zu rechter Jugendkultur forscht, "nicht umsonst sind die Hess-Aufmärsche
gut besucht und die zu Hartz IV nicht." Auch sonst stößt
die NPD auf Widerstand, denn viele wie der bekannte rechte Aktivist Christian
Worch bezweifeln die Wandlung der NPD zu einer "revolutionären
Partei".
Er und seine Anhänger fühlten sich erst kürzlich wieder
bestätigt. NPD-Chef Holger Apfel erstattete Anzeige, als der sächsische
CDU-Fraktionschef Fritz Hähle Apfel als Nationalsozialisten bezeichnete.
Öffentlich ließ die NPD verbreiten, dass diese Bezeichnung
eine Diffamierung sei. Solches kam bei den Kameraden gar nicht gut an.
"Damit schlägt man jeden Nationalsozialisten vor den Kopf",
heißt es in einem entsprechenden Forum. Die NPD ließ verbreiten:
"Das lässt uns kalt." Kenner der Szene wundert diese Reaktion
nicht. "Eigentlich sehen sich beide Seiten immer nur als Werkzeug",
sagt David Begrich, Experte für die Militanten. "Und jede der
beiden Seiten stellt sich immer die Frage, wie hoch der Preis für
einen selbst ist, wenn man das Werkzeug benutzt."
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15.02.2005
TAZ
Knapes Revier
Michael Knape
hätte gerne Jura studiert. Wie sein Vater. Der ging aber zur Schutzpolizei,
weil die Eltern nicht viel Geld hatten. Als der Vater früh starb,
meinte die Mutter, der Sohn solle auch eine Ausbildung machen. Knape entschied
sich wie sein Vater für den Dienst in Uniform. Dabei waren ihm Uniformen
verhasst, seit der Vater schwer verwundet aus dem Krieg zurückgekommen
war. Als ihm ehemalige Schulfreunde begeistert von ihrer Ausbildung bei
der Polizei erzählten, sagte sich Knape mit 18 Jahren, dass das gar
nicht so weit weg sei von der Juristerei. Doch nach einem halben Jahr
hatte er das Gefühl, die falsche Entscheidung getroffen zu haben.
Der Drill, die Kommandos, die Waffenausbildung, all das gefiel ihm nicht.
Knape blieb trotzdem. Weil er einen tollen Zugführer hatte. Weil
zu der Zeit ein Polizeipräsident im Amt war, Klaus Hübner, der
die Berliner Polizei umgekrempelt und bis heute gültige Maßstäbe
für eine demokratische Polizeiarbeit gesetzt hat. Heute trägt
Knape vier goldene Sterne auf den Schulterklappen seiner grünen Uniform.
Der 53-Jährige ist Leiter der Polizeidirektion 6, der größten
in Berlin. Sein Direktionsgebiet umfasst 280 Quadratkilometer, ihm unterstehen
2.500 Mitarbeiter, er ist zuständig für die Sicherheit von fast
750.000 Einwohnern.
Nächtlicher
Telefonterror
Seit einem guten halben Jahr muss er sich auch um seine eigene Sicherheit
und die seiner Frau und seiner 17 Jahre alten Tochter sorgen. Denn Knape
wird, wie vor ihm kein anderer Polizeichef, von Rechtsextremisten bedroht,
die ihre Aktivitäten in der "Reichshauptstadt" durch seine
Einsätze, Wohnungsdurchsuchungen und Razzien empfindlich gestört
sehen.
Die Anti-Antifa, ein Bündnis von Rechtsextremisten, das persönliche
Daten von politischen Gegnern sammelt, hat Knapes Privatanschrift und
Telefonnummer ins Internet gesetzt. Es gab nächtlichen Telefonterror,
in seinem Wohngebiet wurden Laternenpfähle und Bäume mit seinem
Konterfei unter der Überschrift "Jäger kommen und gehen"
beklebt. Auf einer rechten CD wird Knape höhnisch als "Nazijäger
Nummer eins" besungen. Bei einem rechtsradikalen Aufmarsch sagte
ihm der bundesweit bekannte Hamburger Neonazi Christian Worch ins Gesicht,
dass man wisse, wo er wohne.
Die Direktion 6 liegt in Berlin-Friedrichshain. In dem großen, grauen
Gebäude war in der DDR das Volkspolizeipräsidium untergebracht.
Steigt man die drei Etagen zu Knapes Büro hinauf, kommt man an Plakaten
vorbei: "Stoppt rechte Gewalt mit 110. Sie haben die Wahl."
An den Wänden bröckelt der Putz ab, Knapes Büro ist ein
Kontrast zu dieser Tristesse. Ein riesiger Ohrensessel, Farne, Palmen,
Gummibäume, Polizisten aus Keramik, einer ist Knape selbst, ein Geschenk
von Kollegen, Kerzen auf dem Besprechungstisch. "Ich bin ja mehr
im Dienst als zu Hause", erklärt er.
Der Polizeidirektor wirkt mit seinem Igelhaarschnitt und dem Schnauzer
wie ein gemütlicher Wachtmeister aus vergangenen Zeiten. Das täuscht.
Knape gilt als Arbeitstier, als "Fuchs" bei der Bewältigung
von polizeilichen Großlagen. "Ich gehe hier keinem Hobby nach",
stellt er klar, "das ist ein dienstlicher Auftrag." Er sei es
in seinem Beruf daran gewöhnt, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Knape war früher Einsatzleiter bei der Bereitschaftspolizei und hat
bei der Begleitung von Castor-Transporten oder bei 1.-Mai-Demonstrationen
gezeigt, dass er nicht zimperlich ist. Aber die Aktionen der Rechtsextremen
gegen ihn lassen ihn nicht kalt.
Es sei "natürlich unangenehm" gewesen, als er die Steckbriefe
in seinem Wohnviertel gesehen habe. Er hätte mit einer einstweiligen
Anordnung dagegen vorgehen können. Er schüttelt den Kopf. "Die
wollen doch, dass sich der Polizeiführer auf den Schlips getreten
fühlt." Die CD mit dem "Loblied" auf ihn ist auch
ohne sein Zutun nicht im Handel. Die Musikverwertungsgesellschaft Gema
hatte wegen Urheberrechtsverletzung geklagt, weil die Melodie des "Rosaroten
Panthers" verwendet wurde.
Knape zieht es vor, die Bedrohung auf vier Wörter zu reduzieren.
"Viel Feind, viel Ehr." Doch ernst nimmt er sie. "Denn
man weiß nicht, wo sie endet." Vorsichtiger sei er geworden.
Er sieht sich ein paar Mal um, bevor er ins Haus geht. Mittlerweile hat
er eine geheime Telefonnummer, der Staatsschutz trifft "Vorkehrungen",
die er nicht konkretisieren will. Aber der gebürtige Reinickendorfer
denkt nicht daran, aus Reinickendorf wegzuziehen. "Es ist meine Aufgabe,
verflucht noch mal, mich dem zu stellen", sagt er und klingt entschlossen.
Er sagt aber auch: "Im Magen bleibt ein Unbehagen."
Als Knape 1999 die Direktion im Ostteil der Stadt übernahm, war er
entsetzt, mit welcher Selbstverständlichkeit sich dort Rechtsextreme
trafen. Neonazirockergruppen wie die "Vandalen" hielten ihre
Jahrestreffen ab, Mitglieder des verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood
& Honour", der Hammerskins und von freien Kameradschaften versammelten
sich ungestört in Gartenkolonien, Klubhäusern, Kneipen und auf
Parkplätzen. Lebhaft erzählt Knape von seinem Amtsantritt. "Nach
wenigen Tagen fragte ich mich: Was für eine Direktion leite ich hier?
Holla, hopp, hopp, hopp. Sind solche konspirativen und massiven Treffen
üblich?"
Im nächsten Atemzug spricht er von der "Achse" und den
Konzepten, die er mit dem Landeskriminalamt, dem Innensenator und dem
Polizeipräsidenten erarbeitet hat. Das Motto dabei: "Das geltende
Recht bis an die Grenze des rechtlich Zulässigen ausschöpfen."
Dazu gehören Kontrolle und Auflösung von Jahrestreffen, Feiern
und Musikkonzerten. "Verfolgungsdruck" heißt die Devise.
Knape will ein Signal setzen, er will verhindern, dass die rechte Szene
Boden gewinnt, und er will klar machen, dass Berlin für sie kein
angenehmes Pflaster ist. Neben Kameradschaften und rechten Musikgruppen
hat Knape "rechte Rattenfänger" im Visier, die "Erlebnisausflüge"
anbieten oder frustrierte Jugendliche mit Diskotheken locken, in denen
sie stolz sein können, Deutsche zu sein. "Dieses ständige
Giftspritzen", weiß Knape, "führt zu Erfolgen."
Wegen seines Kampfs gegen rechts ist Knape nicht automatisch ein Linker.
Auch wenn er Sätze wie "Keinen Fußbreit den Rechten"
oder "Wehret den Anfängen" sagt, die danach klingen. Er
kommt aus einem christlichen Elternhaus und ist seit über 20 Jahren
Mitglied der CDU. "Man darf weder auf dem rechten noch auf dem linken
Auge blind sein, sondern muss sich am geltenden Recht orientieren."
Die aktuelle Diskussion um ein NPD-Verbot verfolgt er mit gemischten Gefühlen.
"Verbote bringen nichts", sagt er. Damit sei der Rechtsradikalismus
nicht aus der Welt zu schaffen. Knape plädiert "für einen
offenen, knallharten Dialog". Bekäme er vom Polizeipräsidenten
eine Genehmigung, er würde mit dem NPD-Bundeschef Udo Voigt und dem
sächsischen Fraktionschef Holger Apfel öffentlich diskutieren.
"Um ihnen argumentativ den Boden zu entziehen."
Gegenstrategien
der NPD
Die Bundesgeschäftsstelle der NPD liegt in Knapes Direktion. In der
Werner-Seelenbinder-Straße, benannt nach dem KPD-Widerstandskämpfer
Seelenbinder, in Köpenick. Auf den heruntergelassenen Rollläden
des grauen Gebäudes erinnern Spuren von Farbbeuteln an linke Proteste.
Wer mit dem Bundesgeschäftsführer sprechen will, muss eine Art
Sicherheitsschleuse passieren, der sich ein Vorraum anschließt.
Dort stapeln Kameraden mit rasierten Köpfen und schwarzen Sweatshirts
mit dem Aufdruck "Die Nationalen" NPD-Souvenirs in Regalen bis
unter die Decke.
Im "Konferenzzimmer", einem Raum mit einer verwelkten Büropflanze
und halbvergilbten Plakaten, auf denen "Deutsche Arbeitsplätze
für deutsche Arbeitnehmer" gefordert werden, sitzt der Bundesgeschäftsführer
Frank Schwerdt und pocht unablässig mit der rechten Hand auf die
Tischplatte. "Der Knape? Eine interessante Person der Zeitgeschichte",
sagt er süffisant. Sicherlich mache er es der Szene schwer, aber
das verleite diese nur "zu mehr Gegenaktionen". Der 60-K Jährige
zählt auf, was die Kameraden gegen den unliebsamen Polizeidirektor
machen können: "Sie können sich verächtlich äußern
über Herrn Knape. Sie können ihn bekannt machen in der Szene.
Sie können sagen, der Mann positioniert sich uns gegenüber als
Feind, und wir stellen ihn demzufolge auch als Feind dar." Er selbst
ziehe eine Auseinandersetzung auf der juristischen Ebene vor. "Wenn
ich konsequent juristisch gegen den Verfolgungsdruck angehe, wird Herr
Knape sicherlich davon ablassen."
Das sind rhetorische Muskelspiele. Mit der gesetzlichen Grundlage seines
Tuns braucht Knape niemand zu kommen. Jeder Einsatz wird akribisch von
Justiziaren geprüft, oft ist ein leitendender Staatsanwalt an Knapes
Seite. Außerdem hat der Polizeidirektor seinen Traum von der Juristerei
ein bisschen verwirklichen können. Seit neun Jahren verfasst er in
seiner Freizeit Kommentare zum Polizei- und Ordnungsrecht, und seit drei
Jahren ist er Honorarprofessor an der Fachhochschule für Rechtspflege.
WAS BISHER
GESCHAH - DER POLIZEICHEF UND SEINE NEONAZI-GEGNER
Der Verfolger: Michael Knape, 52, ist Leiter der Berliner Polizeidirektion
6, zuständig für Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg, Treptow-Köpenick.
Seit 1999 leitet er Einsätze gegen Versammlungen, Feiern und Gipfeltreffen
von Rechtsextremisten und freien Kameradschaften und deren Musikbands.
So wurde er für die Rechtsextremen zum Feind Nummer eins.
Die Rechtsextremen: Der Staatsschutz gibt das Potenzial von Rechtsextremisten
in Berlin mit 2.600 bis 2.700 Personen an. Nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes
sind besonders fünf Kameradschaften, unter anderem die "Berliner
Alternative Süd Ost" und die "Kameradschaft Tor",
aktiv.
Die Drohungen: Steckbriefe mit Knapes Gesicht in seinem Wohngebiet, Veröffentlichung
seiner Privatanschrift und -telefonnummer im Internet, anonyme Drohanrufe
zu Hause. Im Dezember wollte eine rechte Kameradschaft unter dem Motto
"Polizeiwillkür stoppen" vor seinem Wohnhaus demonstrieren.
Die Behörden verboten das.
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15.02.2005
Junge Welt
Ausstieg aus Neonaziszene war ein Fake
Berliner Rechtsextremist outete sich erneut als Anti-Antifa-Aktivist
Der Neonazi Detlef Nolde, ehemals Cholewa, outete kürzlich seinen
angeblichen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene als Anti-Antifa-Aktion.
Der gebürtige Berliner ist nach eigenem Bekunden seit Ende der 80er
Jahre Nationalsozialist. Nach seiner Übersiedlung nach Westberlin
1989 beteiligte er sich aktiv am Aufbau der NPD-Jugend "Junge Nationaldemokraten"
(JN) und deren "Mitteldeutschen Nationaldemokraten" (MND), dem
ostdeutschen NPD-Ableger in der letzten Phase der DDR. 1990 war Nolde
Bundestagskandidat und Kreisvorsitzender Berlin-Ost der NPD. Nach seinem
Austritt aus der NPD erfolgten 1991/92 die Gründung der "Kameradschaft
Johannisthal" und der Eintritt in die "Hilfsorganisation für
nationale politische Gefangene" (HNG). Von 1993 bis zum Verbot war
Nolde Schulungsverantwortlicher und Kreisvorsitzender der "Freiheitlichen
Arbeiterpartei" (FAP), danach gründete er die erste Berliner
"Kameradschaft Treptow".
Der Schwerpunkt seiner Aktivitäten lag auf der Anti-Antifa-Arbeit,
die er berlinweit bis 1997 leitete. In diesem Jahr will Nolde, so sagte
er später aus, erste Zweifel an der braunen Ideologie bekommen haben.
Diese "Zweifel" kamen passend, denn im April 1997 wurde Nolde
inhaftiert. Der Hintergrund: Bei einer Autofahrt wurden zwei Neonazis
von einem "Kameraden" erstochen. Bis heute beharrt Nolde darauf,
an diesem Gewaltverbrechen schuldlos gewesen zu sein und die späteren
Opfer im Auto nur versehentlich mit Tränengas wehr- und hilflos gemacht
zu haben. Ende 1999 wurde Nolde aus der Haft entlassen und verkündete
seinen vermeintlichen "Ausstieg" aus der Neonaziszene. Trotz
zahlreicher Ausstiegsbeteuerungen und einem zeitweiligen Engagement beim
nicht unumstrittenen virtuellen Aussteigerprojekt "nazis.de"
verbreitete er in Internetforen weiterhin antisemitische Theorien, geschichtsrevisionistische
Thesen und braune Esoterik. Der Informationsdienst gegen Rechtsextremismus
dokumentierte Noldes anhaltende rechtsextreme Propaganda. Und Mitarbeiter
der privaten Aussteigerinitiative "Exit Deutschland" warnten
eindringlich vor Nolde, ebenso der Fernsehjournalist Rainer Fromm und
der Nazi-Aussteiger und heute aktive Antifaschist Jörg Fischer.
Nun beendete Nolde den Mummenschanz. Ende Januar postete er in einem Internetforum
seine "Abschlußerklärung", in der er seine Tätigkeit
bei nazis.de als erfolgreich beendet beschreibt. Nolde ging es aber nicht
nur darum, "Einblicke zu gewinnen", sondern auch darum, aussteigewillige
Jugendliche vom Verlassen der rechtsextremen Szene abzuhalten, denn er
schreibt weiter: " … Ich hatte Prioritäten zu setzen, und
bestimmte zweifelnde Kameraden, die mit Ausstiegsgedanken spielten, wendeten
sich an mich. Und sie hängen nun heuer nicht am Gängelband von
nazis.de, sondern konnten sich wieder fangen und sich dort positionieren
im nationalen Spektrum, wo sie - oft besser - hineinpaßten. Die
nötigen Kontakte hatte ich ja."
Nun wird gemutmaßt, daß Nolde zwar nie inhaltlich, wohl aber
organisatorisch "ausgestiegen" war und jetzt - angesichts der
Erfolge der Neofaschisten bei Wahlen - wieder in den "Schoß
der Kameraden" zurückkehren möchte. Da stört dann
natürlich nicht nur die Sache mit seiner Rolle beim gewaltsamen Tod
zweier "Kameraden", sondern auch seine gespielte "Aussteigershow".
Eine nachträgliche Umdeutung als besonders gewiefte Anti-Antifa-Aktion
ist daher genauso möglich wie die Richtigkeit seiner Erklärung.
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23.02.2005
Berliner Zeitung
Im
Schafspelz
Sehenswerte Reportage über die rechtsradikale Szene an der Spree
Auf den ersten
Blick wirkt einer wie René Bethage durchaus wie viele seiner Generation.
Sein Outfit ist alles andere als martialisch. Im Umgang mit den Medien
scheint er versiert. Vor der Kamera bekennt sich der smarte, 40-jährige
Steuerberater zu seinen rechtsextremen Positionen und weiß offensichtlich,
wie weit er gehen kann, ohne mit der Staatsanwaltschaft in Konflikt zu
geraten.
Die NPD, deren Ortsverband Treptow-Köpenick er einst vorstand, hat
er längst verlassen. Als "freier Nationalist" ist er aber
für die Partei immer noch ein geschätzter Bündnispartner.
Denn René Bethage macht erfolgreich "Jugendarbeit" im
Sinne der NPD. Dabei bedient er sich auch gezielt linker Symbolik, wenn
etwa zu seinen Aufzügen die Musik der Gruppe "Ton, Steine, Scherben"
erklingt.
In vieler Hinsicht steht Bethage für einen Strategiewechsel der NPD
in Berlin, wie Jo Goll und Norbert Siegmund anschaulich zeigen. "Kampf
um die Straße, Kampf um die Köpfe" haben sie ihre sehenswerte
Reportage überschrieben, die sich an einer aktuellen Bestandsaufnahme
versucht. Das Bild der "Szene" prägen längst nicht
mehr nur die NPD-Kader von gestern, gewaltbereite Skinheads oder Kameradschaften.
Im Zuge der rechtsradikalen Wahlerfolge in Sachsen und Brandenburg hat
sich die NPD auch an der Spree geöffnet.
Für die Sache in der selbsternannten "Reichshauptstadt"
streitet "Streetworker" Bethage mit national-autonomen Parolen
ebenso wie Michael Regner von der Band "Landser", der in seinem
verbotenen Song "Kreuzberg" am liebsten Strychnin in die Wasserleitungen
des Bezirks kippen möchte. "Was der Regner betreibt, ist Kunst",
gibt der NPD-Bundesgeschäftsführer Michael Schwert zu Protokoll
und ist sichtlich stolz über den Neuzugang mit krimineller Vergangenheit.
Die Autoren Goll und Siegmund begnügen sich in ihrem Beitrag nicht
damit, die Protagonisten der "neuen Rechten" mit der Kamera
zu begleiten. Sie beschreiben zugleich, dass die "Null-Toleranz"-Linie
der Berliner Polizei mit Blick auf die unverminderte Gewaltbereitschaft
der rechtsradikalen Szene durchaus erfolgreich ist und Zivilcourage im
Kiez viel bewirken kann. Als versierten Reportern entgeht ihnen auch nicht,
dass "runde Tische" an mancher Schule eher ratlos machen, wenn
das Schulgelände mit NPD-Aufklebern übersät ist - ein Jahr
nach der Europa-Wahl, wohlgemerkt. Kampf
um die Straße, Kampf um die Köpfe, 21 Uhr, RBB
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28.02.2005
Berliner Morgenpost
Mehr
rechtsextreme Straftaten
Verfassungsschutz beobachtet bei Neonazis zunehmende Aggressivität
- Auch die Zahl antisemitischer Delikte steigt
In Berlin
werden immer mehr Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund begangen.
Die Polizei erfaßte laut aktueller Kriminalstatistik im vergangenen
Jahr 976 Delikte, die von Tätern rechter Gesinnung begangen worden
waren. Im Jahr davor waren es 32 weniger gewesen.
Erst in der Nacht von Freitag auf Sonnabend schlugen und traten in Oberschöneweide
am Spreeufer drei der rechten Szene zugerechnete Männer auf Frank
L. ein. Als der Mann ins eiskalte Wasser stürzte, überließen
ihn die Täter ungerührt seinem Schicksaal. Anwohner, die die
Hilferufe des 35jährigen hörten, alarmierten Polizei und Feuerwehr.
Frank L. wurde im letzten Augenblick gerettet und mit einem Schock und
Erfrierungen ins Krankenhaus eingeliefert.
Nach wie vor sind die rechtsradikalen Gruppierungen vornehmlich in den
östlichen Bezirken der Hauptstadt aktiv. Aber auch in Tiergarten,
Charlottenburg, Neukölln, Spandau und Steglitz verzeichnete die Polizei
im vergangenen Jahr mehrfach Straftaten mit rechtem Hintergrund.
Angestiegen ist nicht nur die Zahl rechter Gewalttaten, eine Zunahme registriert
die Polizei auch bei antisemitischen Straftaten. Dazu zählen die
Diffamierung jüdischer Institutionen und ihrer Vertreter durch Telefonanrufe
oder anonyme Briefe, aber auch das Propagieren der Auschwitzlüge
oder Schmierereien an jüdischen Mahnmalen.
Nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes gehören etwa 2400 Personen
der rechtsextremistischen Szene an. Etwa 1210 sind in Parteien organisiert,
750 zählen zu den Neonazis. "Bundesweit wird beobachtet, daß
die rechtsextremistischen Parteien wieder an Zulauf gewinnen", warnt
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD).
Bislang war der Trend in der Hauptstadt umgekehrt. Den Parteien liefen
die Mitglieder weg, die sich in sogenannten Kameradschaften organisierten.
In Berlin sind laut Polizei die "Berliner Alternative Süd-Ost"
und die "Kameradschaft Tor Berlin" die aktivsten Gruppierungen
dieser Art. Verfassungsschutz und Polizei der Hauptstadt beobachten zudem
seit einiger Zeit, daß die Rechtsextremisten immer aggressiver werden.
"Neu ist beispielsweise, daß auch Polizisten von Rechtextremisten
angegriffen werden", sagte die Chefin des Berliner Verfassungsschutzes,
Claudia Schmid.
Derartige Erfahrungen mußte auch der Leiter der für Marzahn-Hellersdorf,
Lichtenberg und Treptow-Köpenick zuständigen Direktion 6, Michael
Knape, machen. Er wurde auf einer CD der rechtsradikalen Band "Spreegeschwader"
verunglimpft und mit Telefonanrufen terrorisiert. Zudem brachten Rechtsextremisten
Steckbriefe an Bäumen in der Wohngegend des Polizeidirektors in Heiligensee
an. Im Dezember wollten sie gar vor dem Wohnhaus von Knape demonstrieren.
Die Polizei hatte diese jedoch verboten.
Der 52jährige führt seit Jahren zahlreiche Einsätze gegen
die rechte Szene durch. "Wir setzen alles daran, ihn zu schützen",
versichert Innensenator Ehrhart Körting. Er sei sich mit dem Polizeidirektor
einig, daß man sich dem Druck der Straße nicht beugen dürfe.
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08.03.2005
Berliner Zeitung
Neonazis und unfähige Lehrer
Bei einer Tagung wurde viel über rechte Gewalt geredet
Am Schluss
wurde dann doch noch Klartext gesprochen. Der Bürgermeister von Treptow-Köpenick,
Klaus Ulbricht, berichtete von Bürgern, die sich fürchten, gegen
Rechtsextremismus einzutreten. Von Lehrern, die unfähig sind, mit
dem Thema Rechts umzugehen. "Viele Bürger bei uns haben noch
immer keine Erfahrung mit Demokratie und Rechtsstaat", sagte er.
Im Gegensatz zu seinen meisten Vorrednern orientierte sich der SPD-Kommunalpolitiker
am Montag im Abgeordnetenhaus an der alltäglichen Realität.
Der Berliner Verfassungsschutz hatte zu einer Fachkonferenz über
rechte Gewalt eingeladen. Mehr als 200 Gäste waren erschienen: Sozialarbeiter,
Abgeordnete, Polizisten.
Bevor Klaus Ulbricht an der Reihe war, hatten schon andere gesprochen:
zum Beispiel Stephan Schlange-Schöning vom Verfassungsschutz, der
aus der Studie zitierte, die seine Behörde Anfang Februar vorstellte
und unter www.verfassungsschutz-berlin.de abrufbar ist. Laut Schlange-Schöning
sind rechte Schläger meist ungebildet und zwischen 18 und 24 Jahre
alt.
Vor Ulbricht sprach auch der Politologe Armin Pfahl-Traughber, der sagte,
dass der Berliner Verfassungsschutz mit seiner Einschätzung rechter
Gewalttäter richtig liege, weil es zuvor schon zwei ähnliche
Studien gegeben habe. Als der Soziologe Ingo Siebert über "monofunktionale
Gebiete" referierte, kaute Bürgermeister Ulbricht an seinem
Brillenbügel. Siebert sprach von "raumwirksamen Sozialstrukturen"
und "sozialwirksamen Raumstrukturen". Da war ein Teil der Zuhörer
schon verschwunden.
Kaum Zivilcourage
Zum Schluss durfte Ulbricht ans Rednerpult. "Ein Schüler verprügelt
einen Vietnamesen und in seiner Schule wird das mit keinem Wort erwähnt",
sagte er. "Weil es bei uns kaum Ausländer gibt, ist der Umgang
mit ihnen kaum erlernbar." Auch mit der Zivilcourage seiner Bürger
sehe es schlecht aus. "Als bei uns die Rechten marschiert sind, haben
wir 400 Plakate verteilt. Nicht einmal zehn Haushalte haben sich getraut,
sie aus den Fenstern zu hängen. Gewerbetreibende haben sich ganz
geweigert." Seine Touristikexperten seien besorgt, sagte Ulbricht.
Es gebe erste Abmeldungen von Reiseunternehmen, die nicht mehr nach Treptow-Köpenick
fahren wollten. "Doch ich meine, man kann mit dem Thema nur klar
kommen, wenn man sich damit auseinander setzt."
Das versucht der Bezirk. Während Ulbrichts Vorredner Dinge empfohlen
hatten wie "Maßnahmen mit milieubildendem Charakter",
"Vernetzung" oder "integrierte lokale Gegenstrategien",
berichtete Ulbricht von konkreten Ansätzen in seinem Bezirk. So soll
es im Umkreis des Bahnhofs Schöneweide, der von Rechten dominiert
ist, Aktivitäten von Vereinen geben, Feste und auch eine bessere
Beleuchtung. Ein neu gegründetes "Zentrum für Demokratie"
soll auch mit Senioren über Demokratie reden. "Doch wir haben
zu wenig fachliche Kompetenz", sagte Ulbricht. "Und wir brauchen
schlicht und ergreifend Geld." Übers Sparen im Bildungsbereich
wurde bei der Fachtagung auch gesprochen - am Rande.
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10.03.2005
Berliner Zeitung
Polizei schreckt Neonazis auf
Innensenator verbietet Kameradschaften und lässt Wohnungen der Mitglieder
durchsuchen
Die Polizisten
klingelten morgens um sechs. Den verschlafenen Neonazis hielten sie einen
gerichtlichen Durchsuchungsbeschluss vor die Nase - und eine Verbotsverfügung.
Die neun Rechtsextremisten hatten nicht wirklich damit gerechnet, dass
die Berliner Innenverwaltung - übrigens zum ersten Mal in der Berliner
Nachkriegsgeschichte - zwei Neonazi-Organisationen verbieten würde.
Damit hörte gestern die rechtsextremistische Lichtenberger Kameradschaft
Tor und deren so genannte Mädelgruppe formell auf zu existieren.
Auch die Berliner Alternative Süd-Ost (BASO), die in Treptow-Köpenick
aktiv ist, wurde verboten. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) erklärte
die Gruppen für aufgelöst. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt.
Ersatzgründungen und Werbung für die Organisationen sind strafbar.
Bei sechs Mitgliedern beschlagnahmten die Staatsschutz-Beamten neben zwei
Computern auch Propagandamaterial. Darunter sind Flugblätter, auf
denen dem Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gehuldigt wird, sowie
hunderte Klebezettel, die den SA-Mann Horst Wessel glorifizieren und von
denen im Februar etliche in Friedrichshain geklebt worden sind. Beschlagnahmt
wurden Transparente, die die Polizisten bereits von verschiedenen Demonstrationen
her kannten. Eines zeigt einen Mann mit einem Brandsatz in der Hand und
dem Spruch "Gegen die Diktatur Eurer Demokratie". Dieses Transparent
war beispielsweise gezeigt worden, als Neonazis beim Tag der offenen Tür
an der Landespolizeischule in Ruhleben demonstrierten.
"Organisierte
Willensbildung"
"Beide Gruppen agitieren gegen staatliche Institutionen und kämpfen
so für deren Beseitigung", sagte Körting. In den elfseitigen
Verbotsverfügungen heißt es unter anderem, die Gruppen würden
die verfassungsmäßige Ordnung untergraben. "Dies ergibt
sich schon aus dem Umstand, dass die Gruppe in Vorstellungswelt und Gesamtstil
eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus aufweist."
Die Kameradschaften gelten als Verein und wurden nach dem Vereinsrecht
verboten. Obwohl die Kameradschaft Tor und die BASO weder Satzung noch
Programm haben, genügt der Behörde, dass sie feste Strukturen
haben und eine "organisierte Willensbildung" erfüllt ist.
Funktionäre der beiden Kameradschaften kündigten rechtliche
Schritte an. Körting ist jedoch "guter Dinge", dass das
Verbot vor Gericht Bestand hat.
Es begründet sich nach seinen Worten nicht auf einzelnen Delikten
sondern auf deren Gesamtheit - "auf dem, was in den letzten Jahren
bekannt geworden ist". So haben die Verfassungsschützer in der
Innenverwaltung und die Staatsschützer im Landeskriminalamt für
die Verbotsverfügung unter anderem die Internet-Auftritte der Kameradschaften
ausgewertet. Im November 2003 war dort zu lesen: "9.11.1923 - Damals
wie heute" - ein Bezug auf den Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle
und Hitlers Putschversuch. Ein Text der "Mädelgruppe" lautete:
"Bedenken wir, dass Adolf Hitler ohne seine weibliche Gefolgschaft
nie an die Macht gekommen wäre." Der BASO wird unter anderem
vorgeworfen, den Hitler-Stellvertreter Heß als "Friedensflieger"
bezeichnet zu haben, ebenso wie sich BASO-Aktivisten zu einer Heß-Mahnwache
in Spandau zusammengefunden hatten. Ihre Kundgebungsteilnehmer bezeichnete
die BASO mehrmals als "Nationale Sozialisten". Auch Straftaten
einzelner Aktivisten machen die "aggressiv-kämpferische"
Haltung der Kameradschaften aus, etwa die Tat eines 17-jährigen Gymnasiasten,
der im vergangenen Jahr in Köpenick einen vietnamesischen Imbissbetreiber
krankenhausreif prügelte.
All diese Fakten, die in den Verbotsverfügungen mehrere Seiten füllen,
wurden seit Herbst vergangenen Jahres zusammengetragen. Am 8. Mai wollen
Neonazis am Brandenburger Tor demonstrieren. Dass die gestrigen Verbote
als ein verschärftes Vorgehen der Polizei im Vorfeld dieses Aufmarsches
interpretiert werden könnten, wies Körting zurück: "Das
hat damit nichts zu tun."
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10.03.2005
Morgenpost
Körting zerschlägt Neonazi-Gruppen
Innensenator verbietet zwei rechtsextremistische Kameradschaften - Zehn
Wohnungen durchsucht - 90 Polizisten im Einsatz
Zehn führende Mitglieder der Kameradschaften "Berliner Alternative
Süd-Ost", "Kameradschaft Tor Berlin" und der "Mädelgruppe"
wurden gestern um 6 Uhr von der Polizei aus dem Schlaf gerissen. 90 Beamte
durchsuchten ihre Wohnungen in Berlin und Schönefeld, um Beweismittel
sicherzustellen. Grund für die Aktion waren die am Montag von Innensenator
Ehrhart Körting (SPD) erlassenen Verbotsverfügungen gegen die
beiden Kameradschaften, die gestern zugestellt wurden. Die Polizei beschlagnahmte
in den Wohnungen umfangreiches Propagandamaterial, unter anderem 523 Flugblätter,
Transparente und Aufkleber. Darüber hinaus wurden Computer abtransportiert,
um die Festplatten zu sichten.
Die Beamten klingelten auch an der Tür des ehemaligen Vorsitzenden
des NPD-Kreisverbandes Treptow-Köpenick, René B., der als
treibende Kraft der "Berliner Alternative Süd-Ost" galt.
Zudem durchsuchten die Beamten die Wohnung des Rechtsextremisten Lutz
G., der zahlreiche Anschriften von mißliebigen Polizisten gesammelt
haben soll.
"Wir werden durch das Verbot nicht die Gesinnung dieser Leute ändern,
aber deren Struktur zerschlagen. Das hält vielleicht Sympathisanten
davon ab, weiter in die rechtsextremistische Szene zu rutschen",
hofft Innensenator Ehrhart Körting.
Die "Berliner Alternative Süd-Ost" war im Sommer 2003 gegründet
worden und vor allem in Treptow-Köpenick präsent. Dagegen entfaltete
die im Jahr 2000 gegründete "Kameradschaft Tor Berlin"
ihre Aktivitäten vor allem in Lichtenberg. Sie hatten jeweils zehn
bis 15 Mitglieder.
Laut Innenverwaltung gehörten die beiden Gruppierungen zu den aktivsten
Kameradschaften in Berlin. Den Schwerpunkt legten sie auf die sogenannten
"Anti-Antifa-Aktionen", also auf die Bekämpfung ihrer politischen
Gegner. "Auf diese Weise sollte eine Drohkulisse aufgebaut werden,
um Personen einzuschüchtern", sagte Ehrhart Körting. Zu
diesen gehören unter anderem Polizisten und Journalisten.
Die Innenverwaltung hatte seit Herbst vergangenen Jahres Material über
die beiden Kameradschaften zusammengetragen, um das Verbot begründen
zu können. Berliner Verfassungsschutz und Landeskriminalamt filterten
beispielsweise Aussagen heraus, die verfassungsfeindlich sind.
Zudem wurde bei früheren Durchsuchungen sichergestelltes Material
gesichtet. So glorifizierten beide Kameradschaften die führenden
Nationalsozialisten Rudolf Hess und Horst Wessel. Die Mitglieder der "Kameradschaft
Tor Berlin" nahmen laut Verfassungsschutz regelmäßig an
Neonazi-Demonstrationen im Bundesgebiet teil. Sie hatten im Jahr 2002
auch Hakenkreuze an Gebäude entlang der Wegstrecke der alljährlich
stattfindenden Liebknecht-Luxemburg-Demonstration geschmiert.
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11.03.2005
Berliner
Neonazis wollen gegen Verbot klagen
Polizei prüft Ermittlungen gegen Mitglieder
Die Polizei
rechnet mit Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder der zwei am Mittwoch
verbotenen Neonazi-Kameradschaften. Der Staatsschutz ist dabei, die beschlagnahmten
Computer und Unterlagen auszuwerten. "Es wird geprüft, inwieweit
strafrechtlich relevante Sachen dabei sind", sagte der Sprecher der
Innenverwaltung, Martin Steltner, gestern. Wie berichtet, hatte Innensenator
Ehrhart Körting (SPD) die Lichtenberger "Kameradschaft Tor"
und deren "Mädelgruppe" sowie die "Berliner Alternative
Süd-Ost" (BASO) verboten.
Die Neonazis wollen für sich den Rechtsstaat in Anspruch nehmen.
"Wir werden die rechtlichen Möglichkeiten gegen das Verbot voll
ausschöpfen", sagte BASO-Chef René Bethage gestern. Einen
Monat haben die Rechten Zeit, um gegen das Verbot vor dem Oberverwaltungsgericht
zu klagen. Sie glauben, dass sie vor Gericht gute Chancen haben, zumindest
das Verbot der BASO zu kippen. Darüber wird auch in den einschlägigen
Internet-Foren heftig spekuliert. Der Hamburger Neonazi-Führer Christian
Worch ruft seine Kameraden bereits bundesweit auf, für die Prozesskosten
der BASO zu sammeln: "Denn wenn wir es mal schaffen, auch nur eine
einzige dieser Verfügungen zu Fall zu bringen, dann werden die Machthaber
es sich künftig ein bisschen besser überlegen, ob sie so vorgehen
wollen oder nicht."
Dass es vor Gericht vor allem Begriffs-Interpretation zu hören geben
wird, lässt sich an Worchs Diskussionsbeitrag erahnen: So steht in
der Verbotsbegründung, dass BASO-Mitglieder bei einer Demo die Parole
"frei, sozial und national" gerufen hätten - einer von
vielen Belegen, aus denen die Innenverwaltung eine Nähe der BASO
zum Nationalsozialismus ableitet. Vordenker Worch argumentiert spitzfindig:
Der Nationalsozialismus werde vom "Mainstream der Politik" als
System von Unfreiheit bezeichnet. "Frei ist damit ein klarer Gegensatz
zum Nationalsozialismus." Und deshalb könne man nach herrschender
Lehre keine Nähe zu ihm darstellen. Körting ist zuversichtlich,
dass die Verbote halten werden: "Es gibt eine Vielzahl von Einzelbeweisen,
aus denen man schlussfolgern muss, dass sich diese Organisationen mit
verfassungsfeindlichen Zielen identifizieren."
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21.03.2005
Morgenpost
"Ein Stück Erde wurde zum Grab der Menschlichkeit"
Bündnis organisierte eine Holocaust-Ausstellung - und fordert mehr
Beachtung für politisches Engagement von Jugendlichen
Das unabhängige
Jugendbündnis "Bunt statt Braun!" ist ein Zusammenschluß
verschiedener Jugendeinrichtungen des Bezirks Treptow-Köpenick, in
dem sich Mitarbeiter und Jugendliche engagieren. Mit ihrer Ausstellung
zum Holocaust - "Ein Stück Erde wurde zum Grab der Menschlichkeit"
- haben sie auch Iris Berben auf sich aufmerksam gemacht. Die Schauspielerin
lud die Jugendlichen zu ihrer morgigen Lesung im Berliner Ensemble ein,
bei denen sie "Hitlers Tischgespräche" Aufzeichnungen von
Holocaust-Opfern gegenüber stellt. Drei Jugendliche vom Bündnis
berichten heute über ihr Engagement:
Click here to find out more!
"Unser Bündnis entstand Anfang 2000, als die NPD-Zentrale ihren
Sitz nach Köpenick verlegte. Die nun unmittelbare Nähe zu dieser
rechtsextremen Partei löste bei uns Angst und Unbehagen aus - und
das Bedürfnis etwas zu tun.
Im Oktober vor anderthalb Jahren fuhren wir dann in einer Gruppe von 41
Jugendlichen nach Auschwitz. Das im Schulunterricht über den Holocaust
Erfahrene ist in keiner Form vergleichbar mit dem dort Gefühlten.
Diese Eindrücke waren für uns so einschneidend, daß das
Bedürfnis entstand, mit dem Erlebten umzugehen. Wir wollten dieses
Thema nicht nur theoretisch, sondern auch künstlerisch verarbeiten.
Und wir wollten das Gesehene nicht dokumentieren, sondern alle Sinne ansprechen.
So begannen wir mit der Ideenfindung und Konzipierung unserer Ausstellung
" Ein Stück Erde wurde zum Grab der Menschlichkeit". Der
Ort für die Ausstellung war relativ schnell gefunden, denn das Bezirksamt
stellte uns ein Haus zur Verfügung. Jetzt konnten wir beginnen, unsere
Ideen räumlich anzupassen. Ein großes Problem war allerdings
die Finanzierung. Letztendlich gelang es, die BVV-Treptow/Köpenick,
die Hildegard Hansche Stiftung und Aktion Mensch für unser Projekt
zu gewinnen.
Nach monatelanger Arbeit konnten wir schließlich am 22. September
2004 eröffnen. Ursprünglich wollten wir die Ausstellung im November
2004 schließen, doch wegen der positiven Resonanz entschlossen wir
uns, noch einmal bis Mitte März 2005 zu verlängern. Rund 900
Personen besuchten unsere Ausstellung, darunter waren auch viele Schulklassen.
Wir hatten die Möglichkeit, unsere Ausstellung im Rathaus Köpenick
und im Abgeordnetenhaus bei der Veranstaltung "denk!mal!" zu
präsentieren. Zudem wurden wir als erstes ostdeutsches Jugendprojekt
von der deutschen Jury für den German Jewish History Award nominiert.
Wir haben mehr erreicht, als wir uns jemals vorstellen konnten - trotz
vieler Hindernisse, die zu überwinden waren.
Man wirft den Jugendlichen heute oft Politikverdrossenheit vor, doch wenn
sie sich engagieren, nehmen viele dies nicht wahr. Daraus resultiert natürlich
Enttäuschung. Das Engagement von Jugendlichen sollte mehr beachtet
und gefördert werden. Vor allem junge Menschen sollten noch stärker
an die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit herangeführt
werden. Dies zeigen die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien in Sachsen
und Brandenburg. Ein sehr erschreckendes Ergebnis, welchem auch wir mit
unserer Ausstellung "Ein Stück Erde wurde zum Grab der Menschlichkeit"
entgegenwirken wollten."
A.Hirsekorn, K. Pohnert, M. Schwierz, Jugendbündnis "Bunt statt
Braun"
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31.03.2005
Neues Deutschland
NPD-Marsch am Treptower Ehrenmal?
Neue Nazi-Provokation für 8. Mai / Kirche plant am Vorabend Lichterkette
als Zeichen gegen Krieg
Wird es statt des Nazi-Aufmarsches am 8. Mai vom Alexanderplatz zum Brandenburger
Tor oder zum Bahnhof Friedrichstraße einen Aufzug durch Treptow
geben? Eine solche Variante diskutiert die braune Szene derzeit im Internet.
Sie befürchtet, dass lediglich "eine örtliche Kundgebung"
auf dem Alex möglich ist, weil man durch Bürger-Widerstand oder/und
Polizeieinsatz "keinen Meter weitergehen" könne. In Treptow
hingegen glaubt man, "nicht nur den Stadtteil für sich"
zu haben, sondern "auch vom Symbolcharakter seines Namens" zu
profitieren, ohne dem "örtlichen Russendenkmal näher zu
kommen" als unbedingt nötig. Für einen solchen Fall haben
Antifa-Gruppen aus Treptow-Köpenick Widerstand angekündigt:
An symbolträchtiger Stelle würde deutlich gemacht, dass der
Stadtbezirk "keineswegs ein geeignetes Pflaster für NPD- und
andere rechte Demonstranten ist".
Inzwischen hat die NPD für den 8. Mai weitere Provokationen angekündigt.
Dazu gehört ein Schweigemarsch am Holocaust-Mahnmal, obgleich das
nach dem ergänzten Versammlungsrecht verboten ist. Und die NPD-Abgeordneten
des sächsischen Landtags haben dem Vernehmen nach ihre Absicht bekräftigt,
an diesem Tag den Reichstag mit Blick auf die Bundestagswahlen 2006 zu
besichtigen.
Die Entscheidung, ob und wenn ja wo die Versammlungsbehörde einen
wie auch immer gearteten NPD-Aufmarsch zulässt, fällt laut Innensenats-Sprecher
Martin Steltner erst zeitnah zum 8. Mai, vermutlich Ende April. Natürlich
gebe es Vorgespräche, neue An- und Ummeldungen, würden potenzielle
Marschrouten verändert. Diese Entwicklungen kommentiere der Innensenat
momentan aber nicht, so Steltner gestern.
Die Antifaschistische Linke Berlin will derweil am 8. Mai durch Mitte
demonstrieren. Nach dem Motto "Spassibo heißt danke!"
soll der Aufzug um 10 Uhr am Bertolt-Brecht-Platz nahe dem S-Bahnhof Friedrichstraße
beginnen und vor dem Roten Rathaus enden. Sodann seien verschiedene Aktionen
zur Blockade des womöglich ab 14 Uhr im Stadtzentrum startenden NPD-Aufmarsches
geplant.
Eine Lichterkette soll am 7. Mai "der Welt ein Zeichen geben",
dass von Berlin und Deutschland "nie wieder Krieg, Rechtsradikalismus
und Rassismus" ausgehen. Nach Angaben von Initiator Pfarrer Peter
Kranz sollen sich auf einer Länge von 33 Kilometern auf der zentralen
Hauptachse von West nach Ost - von West-Staaken bis Kaulsdorf - etwa 20000
bis 30000 Menschen zusammenfinden. Auf Transparente oder Fahnen soll bei
dieser Abendveranstaltung verzichtet werden, so Kranz.
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01.04.2005
Junge Welt
"Das
war ein eklatanter Rechtsbruch der Polizei"
Staatsschutz nahm in Berlin fünf junge Antifaschistinnen fest. Sie
hatten Spuckis geklebt und zwei Neonazis eine Abfuhr erteilt. Anwaltbesuch
wurde verweigert. Ein Gespräch mit Daniel Wölky
* Daniel Wölky ist Rechtsanwalt in Berlin und Mitglied des Republikanischen
Anwältinnen-Anwaltsverein
F: Eine Ihrer
Mandantinnen wurde in der Nacht von Ostersonnabend zu -sonntag mit vier
anderen jungen Frauen vom polizeilichen Staatsschutz für 18 Stunden
in Haft genommen. Was war passiert?
Ich
kann noch nicht genau sagen, was passiert ist, weil ich die Ermittlungsakte
nicht kenne. Nach meinem Wissen wurden die fünf von zwei Neonazis
angemacht, als sie in Berlin-Treptow Zettel mit antifaschistischem Text
klebten. Daraufhin erschien das Landeskriminalamt (LKA) Berlin gleich
mit 15 Beamten in drei Einsatzfahrzeugen und nahm die jungen Frauen vorläufig
fest. Sie verbrachten 18 Stunden in Polizeizellen - d. h. sie blieben
dort über Nacht. Sie durften weder telefonieren, noch wurde ich als
Anwalt zu einem Gespräch vorgelassen. Der Vorwurf lautete zunächst:
besonders schwerer Landfriedensbruch.
Ein
längeres Festhalten in Polizeihaft ist nur möglich, wenn auch
die Voraussetzungen für einen Haftbefehl vorliegen - und darüber
kann letztlich nur der Eilstaatsanwalt entscheiden. Der ist aber nie angerufen
worden, wie er mir selbst bestätigt hat. Alles zusammengenommen war
das ein eklatanter Rechtsbruch.
F: Ist nicht
eines der Kriterien für schweren Landfriedensbruch, daß die
Beschuldigten bewaffnet gewesen sein müssen?
Ob
das erfüllt war, kann nur die Polizei beantworten. Aus den Schriftstücken,
die mir vorliegen, entnehme ich, daß die Beamten gleich bei der
Festnahme von der Vollendung des schweren Landfriedensbruchs ausgegangen
sind - nicht etwa nur von einem Versuch. Ich vermute, daß diese
überzogene Beschuldigung ein Vorwand war, um die fünf Frauen
über Nacht in der Zelle behalten zu können. Mittlerweile ist
der Landfriedensbruch vom Tisch - der Vorwurf wurde auf versuchte gefährliche
Körperverletzung reduziert.
F: Die Polizei
sagt, die Neonazis hätten sich von den Frauen bedroht gefühlt,
sie hätten "Schlagwerkzeuge" in der Hand gehabt.
Das
höre ich zum ersten Mal.
F: Die Polizei
hat allen Festgenommenen die Mobiltelefone abgenommen und vorläufig
beschlagnahmt. Ist das zulässig?
So
etwas darf die Polizei gar nicht, dafür ist nach spätestens
drei Tagen ein richterlicher Beschluß nötig.
F: Konnten
Sie Ihre Mandantin in der Polizeizelle aufsuchen?
Nein,
die Polizei hatte mir den Kontakt verweigert - ich habe deswegen erst
einmal eine dienstliche Stellungnahme angefordert. Eventuell wird daraus
noch eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Daß Anwälten der Kontakt
zu Mandanten verweigert wird, ist in Berlin schon öfter vorgekommen.
F: Warum
durften Sie nicht mit ihr reden?
Eine Beamtin
der Abteilung 5 des LKA sagte mir am Telefon, das sei eben "hiesige
Praxis". Ich dürfe erst mit meiner Mandantin reden, wenn das
LKA - wörtlich! - "mit ihr fertig ist".
F: Ist "hiesige
Praxis" ein juristisches Argument? Es kann in einem Rechtsstaat doch
nur um eine allgemeinverbindliche Rechtslage gehen.
Das meine
ich auch. Da wurde nämlich gegen Verfassungsgrundsätze verstoßen.
Nicht zuletzt nach Artikel 9 Absatz 1 der Verfassung von Berlin kann ein
Beschuldigter in jeder Phase des Verfahrens einen Verteidiger hinzuziehen.
Das wird auch vom Grundgesetz garantiert.
Von Kollegen
habe ich häufiger gehört, daß die Berliner Polizei, vor
allem der Staatsschutz, gerne den Anwaltskontakt verweigert. U.a. gibt
es einen Aufsatz in der Fachzeitschrift Neue Justiz, in der der Kollege
Dr. Stephan Rixen ähnliche Erlebnisse nach den Ausschreitungen am
1. Mai 2001 geschildert hat.
Meine Mandantin
und ich denken jetzt über weitere rechtliche Schritte gegen das Vorgehen
der Polizei nach.
F: Haben
Sie eine Theorie darüber, wieso gleich das LKA eingeschaltet wurde?
Wenn an der Klebeaktion etwas rechtswidrig war, hätte doch auch das
nächste Polizeirevier gereicht.
Der Vorgang
ist wohl deswegen gleich beim LKA gelandet, weil Treptow das Hauptaktionsfeld
von zwei mittlerweile verbotenen Neonazigruppen war. Das LKA kümmert
sich offenbar besonders intensiv um diesen Stadtbezirk.
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04.04.2005
Morgenpost
NPD erwägt Aufmarsch in Treptow
Rechte wollen bei Gedenkveranstaltung am 8. Mai "provozieren"
Was planen
die Links- und Rechtsextremen am 8. Mai in der Hauptstadt? Diese Frage
beschäftigt derzeit Polizei und Verfassungsschutz - nicht nur in
Berlin. In Internet-Foren und Szene-Publikationen werden nahezu täglich
neue Aufrufe verschiedener radikaler Gruppen veröffentlicht. In denen
wird nicht nur zur Teilnahme an den eigenen Veranstaltungen, sondern auch
zu Störaktionen bei Demonstrationen und Kundgebungen von Demokraten
oder anderen radikalen Gruppen aufgerufen.
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Derzeit erwägen nach Erkenntnissen des Staatsschutzes rechte Gruppen
unter Federführung der NPD, am 8. Mai in Treptow aktiv zu werden.
Im Visier habe die Partei nach den Worten eines Staatsschützers die
Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Kriegsendes am sowjetischen
Ehrenmal im Treptower Park. Diese Veranstaltung hatten das Bezirksamt
Treptow-Köpenick und der Bund der Antifaschisten bereits im März
angekündigt. Wie Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) mitteilte,
werden dort Abgeordnetenhaus-Präsident Walter Momper (SPD) sowie
der Botschafter der russischen Föderation sprechen.
Im Internet kursieren seit Tagen Aufforderungen rechtsextremer Gruppen,
den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung "einen Besuch abzustatten".
Ziel sei dabei, die bei den Rechtsextremen verhaßten Antifaschisten
zu provozieren, heißt es unverhohlen auf einer rechten Internetseite.
"Offenbar trifft die NPD Vorkehrungen, in einen anderen Bezirk auszuweichen,
falls ihre angemeldeten Demonstrationen in Mitte, insbesondere am Brandenburger
Tor, verboten werden sollten", meinte ein Staatsschützer gestern.
Bei der zuständigen Versammlungsbehörde des Landeskriminalamtes
sei bislang keine Anmeldung der NPD für eine Veranstaltung in Treptow
eingegangen, teilte gestern ein Polizeisprecher mit. "Insofern sehen
wir die vielen Gerüchte und Spekulationen, welche Extremistengruppen
wann und wo auftreten wollen, relativ gelassen", sagte der Sprecher.
Zudem stellte er klar, gewalttätige Auseinandersetzungen nicht zuzulassen:
"Wir werden starke Polizeikräfte im Einsatz haben, die das verhindern
oder frühzeitig unterbinden."
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07.04.2005
Berliner Zeitung
Schlagabtausch zwischen Rechten und Linken
In
der Köpenicker Seelenbinderstraße hat es am Dienstagabend eine
Auseinandersetzung zwischen rechten und linken Jugendgruppen gegeben.
Nach Angaben einer Polizeisprecherin ging gegen 19.15 Uhr aus einer Jugendeinrichtung
ein Notruf ein, wonach Neonazis mit Eisenstangen und Ketten linke Jugendliche
angreifen würden. Als die Polizei eintraf, waren die Angreifer verschwunden.
Eine Mitarbeiterin des Jugendclubs sagte gestern, die zehn bis 20 Angreifer
hätten auch Pfefferspray eingesetzt. In dem Club lief an dem Abend
eine Info-Veranstaltung über "Nazi-Lifestyle". Von dem
Jugendclub, der sich nahe der NPD-Bundeszentrale befindet, wurden bislang
keine derartigen Vorfälle bekannt.
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09.04.2005
Morgenpost
Straßenfest für Demokratie vor dem Bahnhof
Schöneweide
Treptow-Köpenick
Das Bündnis
für Demokratie und Toleranz will ein Straßenfest zum Thema
Demokratie und Toleranz auf dem Vorplatz des Bahnhofs Schöneweide
veranstalten. Dieses Areal wie auch der benachbarte Ortsteil Johannisthal
sind für Übergriffe von jungen Rechtsextremen bekannt. Am geplanten
Fest Anfang September sollen sich Künstler, Migranten, Jugendclubs
und Kitas mit vielfältigen Aktionen beteiligen und so den "Angstraum"
positiv besetzen. Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) ist Schirmherr
des Bündnisses. Es wurde vor fünf Jahren gegründet, als
die Bundeszentrale der NPD nach Köpenick zog.
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13.04.2005
Morgenpost
Verwaltung und Polizei gemeinsam gegen Rechts
Sicherheitsvereinbarung unterzeichnet - Informationsaustausch wird verstärkt
Der Bezirk
Treptow-Köpenick und die Polizeidirektion 6 haben gestern einen Vertrag
über eine kommunale Ordnungs- und Sicherheitspartnerschaft unterzeichnet.
"Damit wollen wir dem Sicherheitsbedürfnis der Bewohner entsprechen",
sagte Direktionsleiter Michael Knape. Wie Bezirksbürgermeister Klaus
Ulbricht (SPD) bei der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung betonte,
soll die gute Zusammenarbeit zwischen der kommunalen Verwaltung und der
Polizei durch dieses Abkommen noch weiter intensiviert werden.
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Daß die Unterzeichnung der Vereinbarung gerade im ehemaligen Rathaus
von Johannisthal stattfand, war mit Bedacht so gewählt worden - wohnen
doch in diesem Ortsteil viele Rechtsextreme. Bezirksbürgermeister
Ulbricht sagte: "Die Menschen leben in Treptow-Köpenick wegen
der schönen Umgebung, wegen der Arbeitsplätze, Kultur, Freizeit-
und Sportangebote. Sie sollen sich wohl und sicher fühlen im Bezirk.
Niemand soll die Veranlassung haben wegzuziehen, weil sogenannte Angsträume
entstehen, in denen sich keiner mehr aufhalten mag."
Wie Knape betonte, sollen durch die Sicherheitspartnerschaft zwischen
Ordnungsbehörde und Polizei noch mehr Schnittstellen entstehen, das
Sicherheitsnetz fester gespannt werden. Gerade die Außendienstmitarbeiter
des Ordnungsamtes verfügten über viele Informationen. Diese
sollen durch die engere Vernetzung zwischen Polizei und Amt nun noch schneller
an die entsprechenden Stellen gelangen. So solle es nicht mehr passieren,
daß in einem leerstehenden Haus am Segelfliegerdamm über mehrere
Wochen hinweg ein Kellerraum von der rechtsextremen Szene zur "Wolfsschanze"
ausgebaut worden sei - ohne daß dagegen eingeschritten würde.
"Es irritiert doch die Bevölkerung, daß so etwas heute
noch möglich ist", sagte Direktionsleiter Knape.
Durch die Sicherheitspartnerschaft sollen also insbesondere Brennpunkte
der rechtsextremen Szene schon im Entstehen ausgemacht werden. Gerade
in Johannisthal werden die rechtsextremen Tendenzen schon seit 2003 vom
Polizeiabschnitt 65 beobachtet. Deshalb wurde auch der Runde Tisch Johannisthal
ins Leben gerufen. Behördenvertreter, Kirchengemeinde, Polizei, Schulen,
Jugendvertreter und Sportvereine suchen nach Wegen, um dem Rechtsextremismus
entgegenzutreten. Polizei und Ordnungsamt zeigen mehr Präsenz auf
der Straße. Außerdem soll der Kontakt zu den Schulen intensiviert
werden.
Der Ausbau der NPD-Bundeszentrale in der Seelenbinderstraße zum
Schulungs- und Tagungszentrum, rechte Spendenaufrufe im Internet oder
der Überfall auf zwei Jugendeinrichtungen durch Rechtsextreme in
der vergangenen Woche zeigten, so Ulbricht und Knape übereinstimmend,
die Notwendigkeit einer intensiven Zusammenarbeit von kommunaler und polizeilicher
Seite auf.
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18.04.2005
Berliner Zeitung
Steine und Flaschen gegen NPD-Zentrale Linke mobilisieren
bundesweit zum 8. Mai
Linke Gruppen
sind fest entschlossen, den geplanten Neonazi-Aufmarsch am 8. Mai zu verhindern.
Seit einigen Tagen tauchen in Berlin Antifa-Plakate auf mit der Parole
"8. Mai, Naziaufmarsch in Berlin verhindern" und "40 Jahre
NPD - es gibt nichts zu feiern". Am Wochenende klebten Autonome diese
Plakate auch im Köpenicker Ortsteil Friedrichshagen. Auf ihrer Tour
in Richtung S-Bahnhof Köpenick machten sie an der NPD-Bundeszentrale
Halt. Gegen 17.40 Uhr beklebten sie die Fassade des Parteigebäudes
an der Seelenbinderstraße mit neun Plakaten. Sie warfen laut Polizei
außerdem Steine und Flaschen auf das Gebäude. Eine Anwohnerin
habe die Polizei alarmiert, sagte eine Polizeisprecherin. Als die Beamten
eintrafen, waren die Plakatierer in Richtung Bahnhof Köpenick verschwunden.
Polizisten entfernten die Plakate. Die NPD hatte an diesem Wochenende
ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert. Inzwischen
wird in der linken Szene bundesweit für den 8. Mai nach Berlin mobilisiert.
Darunter sind nach Erkenntnissen der Polizei auch gewaltbereite Gruppen.
Im Internet werden Mitfahrbörsen nach Berlin organisiert. (kop.)
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19.04.2005
Neues Deutschland
Verbotene Cliquen auf Spucki-Tour
Haben sich Nachfolge-Gruppen für Kameradschaft "Tor" und
andere gebildet?
Mit einer
Gruppe "AGL - Freie Kräfte Berlin" haben sich offenbar
Nachfolgestrukturen für die vor fünf Wochen von Innensenator
Ehrhart Körting (SPD) verbotenen Kameradschaften "Alternative
Süd-Ost" und "Tor" sowie deren "Mädelgruppe"
gebildet. Jedenfalls wurden in der vorigen Woche wieder Dutzende Aufkleber
verbreitet - und zwar an den gleichen Tatorten, die die früheren
Cliquen bevorzugt hatten. Das betrifft vor allem Treptow-Köpenick.
Es handelte sich vorwiegend um Anti-Antifa-Inhalte.
Nach dem Verbot am 7. März war Ende des Monats auch ein Aufkleber
an der Scheibe der dortigen PDS-Geschäftsstelle befestigt worden,
der mit dem Foto eines Polizeiführers versehen war. Seine Dienstgruppen
hatten regelmäßig Nazi-Treffs mit Razzien überzogen. Zur
Urheberschaft des in ähnlicher Weise vorher bereits benutzten Aufklebers
mit der Aufschrift "Jäger kommen und gehen" bekannte sich
ein "Bürgerkomitee Berlin".
Bei der Abteilung II des Innensenates - dem Verfassungsschutz - zögert
man, "AGL" als eine Nachfolgegruppe oben genannter Kameradschaften
zu bezeichnen. Bereits im Januar seien so genannte Spuckis ähnlichen
Inhalts in Lichtenberg und einigen anderen Stadtteilen geklebt worden.
Damals hätten sich "AGL" sowie die "Mädelgruppe"
zu den Inhalten bekannt, sagte Verfassungsschutz-Sprecher Claus Guggenberger
gestern. Solche Cliquen seien verhältnismäßig klein, gäben
sich "oft einen hochtrabenden Namen" und würden wieder
von der Bildfläche verschwinden.
Die Verbotsverfügung des Innensenators erstreckte sich ausdrücklich
auch auf eventuelle Nachfolgegründungen und den kollektiven Beitritt
zu anderen Kameradschaften oder ähnlichen Gruppen.
"Süd-Ost" und "Tor" hatten jeweils bis fünfzehn
Mitglieder sowie mehrere Hundert Anhänger. Bei Haussuchungen waren
T-Shirts mit verfassungsfeindlichen Aufschriften, Nazi-Flugblätter,
Transparente und Aktenordner voller Nazi-Propaganda gefunden worden. Die
Ziele der Cliquen hätten sich eindeutig und in aggressiver Weise
gegen die verfassungsmäßige Ordnung gerichtet. Und es sei NS-Leitbildern
gehuldigt worden, hieß es.
Die Cliquen fielen durch antisemitische und rassistische Äußerungen
und vor allem dadurch auf, dass sie Listen politischer Gegner erstellten
- Antifa-Gruppen, Politiker, Journalisten und Polizisten. Auf diese Weise
baute man Drohkulissen auf, um missliebige Personengruppen einzuschüchtern.
Mit Gewalttaten strebten sie nach "national befreiten Zonen",
wurde das Verbot begründet.
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28.04.2005
Neues Deutschland
Kameradschaften »im Überschwang«
Verfassungsschutz-Bericht 2004 vorgestellt/Braune Cliquen trotz diverser
Verbote mit Zulauf
Von Rainer
Funke Die Zahl der Mitglieder in den braunen Kameradschaften hat sich
im vorigen Jahr von 60 auf 150 vergrößert. Dies deutet auf
einen gegenläufigen Trend gegenüber den rechtsradikalen Parteien
in Berlin hin, denen die Anhänger trotz der Wahlerfolge in Sachsen
und Brandenburg davonlaufen, stellte Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) gestern vor der Presse fest, als er den Verfassungsschutz-Bericht
für das Jahr 2004 vorstellte. Auch wenn die rechtsextremistische
Szene durch das Verbot der
Kameradschaften »Tor Berlin« und »Alternative Süd-Ost«
vor wenigen Wochen einen deutlichen Rückschlag erlitten habe, stelle
man weiter eine höhere Aktivität und eine zunehmende Gewaltbereitschaft
fest, so Verfassungsschutz-Abteilungsleiterin Claudia Schmid.
Zuletzt versuchten die Kameradschafts-Führer, soziale Probleme zu
thematisieren und dadurch gesellschaftliche Akzeptanz zu erlangen.
Zugleich suchte man die Konfrontation mit Antifa-Gruppen. Auf diese Weise
sei ein Spagat entstanden, der zu Spannungen innerhalb der
Kameradschaften geführt habe. Körting bezeichnete es als erschreckend,
wenn die Polizei beinahe täglich Fälle registriere, bei denen
Zeichen verfassungswidriger Organisationen verwendet, Schmierereien und
Sprüche braunen Inhalts angezeigt würden. Die Szene befinde
sich derzeit »offenbar in einem Überschwang«. Körting
kündigte an, gegen jedwede Neu- oder Ersatzgründungen nach dem
Verbot hart vorgehen zu wollen. An anderer Stelle vermerkt der Bericht,
dass Gewalt aus linksextremen Gruppen heraus zugenommen hätte. Genannt
wurde ein Anstieg um 32 Prozent auf 206 Straftaten. Das hänge vor
allem mit dem verstärkten Kampf gegen
Nazis, deren Einrichtungen sowie Kameradschafts-Demos zusammen. Mit 2375
sei die Personenzahl im linksradikalen Spektrum nahezu gleich geblieben.
Es gebe Versuche, die weitgehend zerstrittenen Gruppen in Teilen wieder
zusammenzuführen. Vor allem die aktionsorientierte Szene sei dabei
auf dem Weg »zu einer neuen Dynamik«, wie es hieß.
- Laut Geheimdienst ist 2004 die Zahl der Rechtsextremisten angestiegen
(2004: 2435; 2003: 2395).
- Es gab mit 976 auch 32 Straftaten mehr, wobei die Gewaltdelikte sich
von 70 auf 60 verringert haben.
- In 146 Fällen haben jüdische Organisationen braune Schmähbriefe
angezeigt. Tatsächlich sollen jeden Tag mehrere solcher antisemitischen
Beschimpfungen eintreffen.
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13.05.2005
Süddeutsche
Die rassistischen Vier
„Salutiert, steht stramm, ich bin der Leader wie A“ oder "Das
ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz." Das ist HipHop von rechts:
ein neues Musikgenre in Deutschland.
Keine Frage:
Fler ist ein erbärmlicher Typ. Proll, Heimkind, unsympathisch. Und
die Berliner winken anscheinend längst schon wieder ab: Geh mir weg
mit dem Assi.
Jedenfalls die Berliner aus Treptow, dem „Ghetto“, wie der Sozialarbeiter
Olaf Keßler selbst sein Viertel im Gespräch nennt. Die Berliner
aus Charlottenburg und Schöneberg reiben sich hingegen die Augen,
wenn sie abends auf MTV das Video zu Flers Song „Neue Deutsche Welle“
sehen: Frakturschrift mit leicht verfremdetem Reichsadler, deutsche Fahnen
überall, am Ende setzt sich ein Adler auf Flers Arm.
Diese deutschnationalen Insignien werden mit den üblichen Bildern
und Szenen aus dem amerikanischen Gangsta-HipHop gesampelt: endzeitliche
Abraumhalden, dampfergroße Zuhälterautos, Kapuzenpullis und
eben Fler, der Macker, der einen anschaut wie ein hungriger Metzger und
dazu singt: „Das ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz. Man siehts
mir nicht an, doch glaub mir, meine Mom ist deutsch.“
In Neon wird gejubelt, der deutsche HipHop habe endlich seine eigene street
credibility erlangt.Fler und seine Kollegen Eko Fresh, Bushido und Sido
schlössen an die Kultur des amerikanischen Battle-Rap an, die dem
deutschen HipHop ja leider immer gefehlt habe. Statt gymnasialer Lyrik
und „harmloser Liedchen“ finde jetzt endlich „die soziale
Realität ungefiltert Eingang in die Songs“. Ganz ähnlich
bewirbt sich Flers Label Aggro Berlin auch selbst: „Harte, direkte
Texte, die die soziale Realität im Plattenbau-Ghetto widerspiegeln“.
Deshalb zur Einstimmung, ungefiltert, soziale Realität aus dem Ghetto
Berlin: „Salutiert, steht stramm, ich bin der Leader wie A“
(Bushido). – „Ihr seid Fake, ich scheiß’ auf eure
Baggypants, ich erschieß’ die Kelly-Fans und bange im Mercedes
Benz“ (Fler). – „Bis aufs Blut bin ich ein deutscher MC“
(Fler).
Rechts:
auch nur ein Image?
Dennis Kraus vom HipHop-Magazin Backspin, das Fler in seiner Maiausgabe
immerhin die Coverstory widmet, meint, es wäre falsch, „da von
rechtem HipHop zu reden. Die Typen sind ja nicht rechts. Sondern unglaublich
dumm.“ In der taz hieß es ganz ähnlich, Fler sei nicht
rechts, sondern bescheuert. Und all das nationale Getue sei nichts als
Branding und Image-Strategie. Ein Flirt mit dem Tabu. Fler solle eben
als der böse deutsche Rapper vermarktet werden. Das Album „Neue
Deutsche Welle“ wurde beworben mit dem Slogan: „Ab 1. Mai wird
zurückgeschossen.“ Das Gerücht, dass Fler den Produzenten
DJ Ilan ein „geldgeiles Judenschwein“ genannt habe, wurde nie
dementiert. Und der Regisseur des Videos für „Neue Deutsche
Welle“ hätte Fler am liebsten mit Skins durchs Bild marschieren
lassen, „aber da hätte man uns in die falsche Ecke gedrängt.“
Ecke? Welche Ecke?
In seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ kommt der
Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer in diesem Jahr zu dem Schluss, 60 Prozent
der Deutschen seien fremdenfeindlich; 2002 waren es 55 Prozent. Der Anstieg
ist laut Heitmeyer besonders ausgeprägt bei Personen, die sich selbst
der politischen Mitte zuordnen.
Fler und Bushido würden sich sicher nicht der politischen Mitte zuordnen,
aber sie geben sich empört, wenn man sie als Rassisten oder Nazis
bezeichnet. Bu-shido sagt, er sei doch selbst Migrant. Und als der HipHopper,
Autor und Lehrer Hannes Loh die Gruppe Mor angriff, weil in deren Texten
„wack MCs“ in „Gasduschen“ und „Kinder ins KZ“
geschickt werden, schrieb Mor empört auf der eigenen Homepage: „Wir
sind keine Nazis und haben auch nicht die Absicht, einem deutschnationalen
Rap auf die Sprünge zu helfen. Und das sollten wir nicht vergessen:
Es gibt keinen deutschnationalen HipHop!“ Die kategorische Schlussbehauptung
findet man in den diversen Foren zum Thema HipHop immer wieder. HipHop
gilt da immer als multikulturell und irgendwie links. Aber seit wann ist
denn einer ästhetischen Form per se eine politische Aussage eingeschrieben?
Die zwei
Klassen des Rap
Hannes Loh und Murat Güngör haben in ihrem Buch „Fear of
a Kanak Planet – HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap“ schon
vor drei Jahren aufzuzeigen versucht, wie der HipHop im großen Stil
von der rechten Szene gekapert worden ist. Der Sündenfall beginnt
für die beiden mit dem Deutschrap der „Fantastischen Vier“.
Bis dahin gab der HipHop den Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund,
wie man damals noch freundlich sagte, die Möglichkeit, über
ihr Leben am Rande des deutschen Alltags zu erzählen. In Lohs Augen
haben die vier Spaßrapper dieser Unterschicht den Stil geraubt,
alle politischen Inhalte ausgeschüttet und dann aus ihrem beschaulichen
schwäbischen Abiturientenleben erzählt. Seither gebe es im HipHop
eine Zweiklassengesellschaft, die der deutschen Jugend aus dem Mittelstand
und den „Oriental Rap“ für die Migranten aus den Ghettos.
Die HipHop-Tradition des Battle, also des gegenseitigen Schmähens
und Niedermachens, hat, seit es diese kategorische Unterscheidung gibt,
an Härte eindeutig zugenommen. Schmäher und Niedermacher Fler
bezeichnete einen anderen HipHopper namens Tomkat als „schwulen Zigeuner“
der sich „ganz krass mit seiner ganzen Sinti-Sippe in den Arsch ficken“
solle. Als
das rechte Musikmagazin Rocknord 2001 einen Artikel unter der Überschrift
„HipHop wird schneller weiß als man denkt“ veröffentlichte,
ging es in den völkischen Foren rund: „Der Nationalsozialismus
basierte immer auf der Masse, und wenn die Masse halt nationalen HipHop
anhört, warum nicht.“ –„Ich hasse Hip Hop wie die
Pest, begrüße es aber, wenn es auch da zu richtigem Denken
kommt.“
So und ähnlich lauteten die Einträge, die allesamt dieselbe
Stoßrichtung hatten: Wenn HipHop angesagt ist, lasst ihn uns kapern.
Keßler beobachtete ungefähr zur selben Zeit, dass viele Rechte
den strengen Kleidercode der Skins ablegten und plötzlich in Baggy
Pants und Sneakers herumliefen. „Die Jüngeren hatten das satt
mit den Skins. Und im Battle-Rap hat man ihnen ja haargenau dieselben
Inhalte serviert, bloß noch schick gereimt dazu.“
Hannes Loh zeigt in einem neueren Aufsatz anschaulich, wie das funktioniert
mit dem Kapern. Die Gruppe Advanced Chemistry machte Anfang der Neunziger
unter dem eingängigen Titel „Fremd im eigenen Land“ einen
Song, der die Probleme von Migrantenkindern thematisierte.
Drei Jahre später coverten die HipHopper von Anti aus Schneeberg
den Song und stülpten ihn um: Wir aus dem Osten fühlen uns fremd
im eigenen Land, wir werden „wie Asylanten“ und „Ostnigger“
behandelt. Loh staunt selbst darüber, „wie selbstverständlich
hier die HipHop-Erzählung von Unterdrückung und Ausgrenzung,
die in erster Linie eine Erfahrung von Afroamerikanern war, mit einer
deutschen Erzählung verknüpft wird“. Kürzlich klaute
die Kieler Gruppe Mc Pain übrigens denselben Titel und machte daraus
eine Art Montags-Demo-Song: „Türken werden immer reicher, Deutsche
immer ärmer“, „Kommt noch so weit, dass ein Türke
Kanzler wird.“
Die Rechten können sich die Hände reiben. Die Prolls von Aggro
und anderen Labels sagen, mit Rechten hätten sie nichts zu tun. Aber
gegen den mächtigen trickledown-Efekt ihrer Texte können sie
nichts unternehmen. „Nigger“ gehört unter HipHop-Youngstern
längst zum ganz normalen Wortschatz. Die role models der deutschen
Rapszene machen es vor. Mor scheinen geradezu an Koprolalie zu leiden,
so oft verwenden sie das N- Wort. Afrodeutsche MCs wie Samy Deluxe, Afrob
oder Meli Worte werden als „primitive Neger“ bezeichnet, die
in den Zoo gehören. Wer sich darüber wundert, dem wird entgegnet,
das sei Battle-Rap, und da gehe es nunmal um immanente Tabubrüche.
Auf der Internetseite www.hiphop.de bemerkt ein Leser zu Denana, der sich
2001 darüber aufregte, dass „viel zu viele Bitches Geld und
Fame mit Niggerbonus scheffeln“: „Der Spruch ist keineswegs
fremdenfeindlich. Was soll daran bitte rassistisch sein? Das Wort nigger??
Oder das Wort Bitch??? Das sind Wörter, wie sie im Rapalltag so langsam
üblich sind.“
Auf Freigang
ins Studio
Genau das ist das Problem: So langsam ist alles üblich. Im deutschen
HipHop des neuen Jahrtausends ist Gewalt Trumpf und Schwulsein ist Tötungsgrund,
es geht ums Angeben, Vernichten und Ficken. Wobei das oft in eins fällt:
„Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund, ein Schwanz in
die Fotze, jetzt wird richtig gebumst.“ Widerlich? Allerdings. Aber
Bushidos Refrain aus dem Song „Gangbang“ ist noch gar nichts
gegen die Texte der Gruppe „Frauenarzt“.
Die gern vorgebrachte These, das sei doch alles bloß Spaß
und Triebabfuhr, siehe Egoshooter-Spiele, kann Keßler schnell entkräften.
Er sagt, die Tracks würden häufig zur Legitimation für
Gewalttaten herangezogen. „Die Jungen sitzen allein zuhause und hören
vierzig Mal ,Ich fick dich in die Urinblase.’ Das ist das Einzige,
was die an diesem Tag hören. Danach gehen die auf die Straße
und stechen einen ab.“ Das Beängstigende, so Keßler, sei
gewesen, dass zeitgleich mit dem Aufblühen von Aggro die Gewalt völlig
entpersonalisiert worden sei. „Bis dahin wurdest Du als Stino (Stinknormaler)
in Ruhe gelassen. Auf dem Höhepunkt von Aggro konntest Du wegen einer
Kleinigkeit abgestochen werden. Jeder.“ Mittlerweile hat sich die
Lage in Treptow beruhigt. „Die Harten sitzen alle im Gefängnis.
“
Hannes Loh glaubt, dass der deutsche HipHop noch härter wird: Die
Stars von Aggro-Berlin werden inzwischen von einigen Rappern selbst als
Warmduscher und Schlappschwänze verspottet. Kalusha, der nicht nur
street-, sondern sogar Knast-credibility für sich verbuchen kann
– „Dieses Album wurde ganz besonders aufgenommen, da Kalusha
gerade (mal wieder) im Gefängnis sitzt und nur 8 Stunden am Tag ins
Tonstudio darf“ –, verspricht für die Zeit nach der Entlassung:
„Ich prügel Sido zum Krüppel und häng ihn an’n
Baum mit meinem Gürtel.“
Olaf Keßler glaubt hingegen, der Höhepunkt des Hartz-IV-HipHop
sei vorüber, die Jugendlichen hätten die Nase voll von perspektivlosem
Battle-Rap: „Wir haben hier jetzt plötzlich eine Punkband im
Jugendheim. Und die Hauptschüler hören Adam Green. Hauptschüler!
Adam Green!“Trotzdem hat Aggro ganze Arbeit geleistet: „Klar,
Nigger sagt hier heute jeder.“
Das sind keine schönen Aussichten, wenn man bedenkt, dass Berlin-Treptow
in Sachen HipHop während der vergangenen drei Jahre nationale Avantgarde
war.
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15.05.2005
Morgenpost
Rechte Kameradschaft rekrutiert Jugendliche
In Rudow
und Buckow fühlen sich die Anwohner immer stärker durch neonazistische
oder rechtsradikale Jugendliche bedroht. "Bei uns haben sich viele
Bürger mit Hinweisen zu diversen Treffpunkten der Szene-Cliquen gemeldet",
sagt die Bezirksverordnete Susanna Kahlefeld (Grüne). Im Jugendamt
ist das Problem bekannt. "Seit Jahren versucht die rechte Szene besonders
in Rudow eine feste Struktur in Form sogenannter Kameradschaften aufzubauen",
so Jugendstadtrat Thomas Blesing (SPD).
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Nach Erkenntnis des Amts treffen sich die rechtsextrem orientierten Jugendlichen
zumeist rund um den U-Bahnhof Rudow, auf der Rudower Höhe sowie an
den Dorfteichen in Rudow und Buckow. Auch auf dem Ballspielplatz hinter
den Gropius-Passagen werden sie gesichtet. "Es sieht danach aus,
daß sich Jugendliche im öffentlichen Raum produzieren und vielleicht
auch pöbelnd und bedrohlich auftreten", sagt der Jugendstadtrat.
Bisher habe die Polizei aber noch nicht eingreifen müssen. Laut Blesing
ist die operative Gruppe Jugendgruppengewalt der Polizei bereits eingeschaltet.
Um den öffentlichen Raum sicherer zu machen, werden Streetworker
eingesetzt. Sie sollen besonders mit jugendlichen Mitläufern rechter
Organisationen arbeiten. "Seit die rechte ,Alternative Südost'
in Treptow verboten wurde, treffen sich deren Anhänger zum Beispiel
wieder vermehrt am Imbiß beim U-Bahnhof Rudow", so ein Streetworker.
Da seien klassische Skinheads mit hochgekrempelten Hosen, Glatze und Springerstiefeln
ebenso dabei wie ganz unauffällig gekleidete Jugendliche. Oft seien
die Gruppen nur eine Reaktion auf ausländische Gangs und deren Abzocke.
Nicht alle seien Neonazis. Seines Wissens sei eine neue Kameradschaft
als Nachfolge für die ,Alternative Südost` im Aufbau - die "AGL
- Freie Kräfte Berlin". Wenn die sich stabilisiere, werde der
harte Kern wieder von der Straße weg sein und sich intern treffen,
so der Streetworker.
In den Jugendklubs gibt es inzwischen neue Angebote, um orientierungslose
Jugendliche wieder zu integrieren. Um die bereits fest Organisierten müsse
sich laut Blesing der Staatsschutz kümmern.
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Juni 2005
Unbunte Schülerzeitung
„Man hat einfach mehr Angst“
Rechtsextremismus in Treptow-Köpenick
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Julian ist ein alternativer Jugendlicher. Mit „Gegen Nazis“-Aufnähern
und politischen Buttons zeigt der 17-jährige offen seine antifaschistische
Haltung. Schon mehrfach geriet er deswegen in Konflikt mit rechten Schlägern.
Als er im Mai 2003 hinter dem Bahnhof Schöneweide mit zwei Freundinnen
an einer Bushaltestelle saß, wurde er von Neonazis bedrängt.
„Da standen 15 bis 20 Typen vor uns“, schildert er. Nach Sprüchen
wie „Ja, wie siehst du denn aus?“ kam es zu Handgreiflichkeiten.
„Dann habe ich hin und wieder eine bekommen von irgendjemandem.“
Nachdem die Rechten ihn eine dreiviertel Stunde lang attackiert hatten,
trat jemand aus der Gruppe hervor und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.
Die blutende Wunde an Julians Auge verunsicherte die Neonazis offenbar
so sehr, dass sie die drei gehen ließen. Verängstigt flüchteten
die drei Jugendlichen sich in den S-Bahnhof. Julian blutete so stark,
dass Freunde ihn ins Krankenhaus brachten, wo die Wunde genäht werden
musste. Am darauffolgenden Tag erstattete er Anzeige. Seit mehr als zwei
Jahren wartet Julian nun auf einen Gerichtstermin. Man sieht Julian den
Angriff nicht mehr an. Trotzdem hat er ihn verändert. Er fasst es
kurz: „Man hat einfach mehr Angst.“
Rechte Gewalttaten gibt es schon lange in Treptow-Köpenick. Durch
die Presse gingen im letzten Jahr beispielsweise der Fall eines vietnamesischen
Imbissbetreibers, der von drei Neonazis schwer verletzt wurde sowie der
Angriff auf den Bezirksverordneten Philipp Wohlfeil nach der Nazi-Demo
im Dezember. Häufungen rechter Aktivitäten gibt es im gesamten
Bezirk. Neben Adlershof, Altglienicke und Oberschöneweide ist auch
die Gegend um die Bundeszentrale der NPD in der Köpenicker Seelenbinderstraße
betroffen. Eindeutiges Zentrum bleiben aber Johannisthal und der S-Bahnhof
Schöneweide. Julian, der aus Johannisthal kommt, schildert die Situation:
„Tagtäglich wurdest du entweder beschimpft oder sie haben dir
mal ’nen Aufnäher abgezogen. Ich bin mit der Straßenbahn
nach Hause gefahren. Da haben sie mir ins Gesicht getreten und geschlagen.“
Inzwischen ist er nur noch selten in Johannisthal. Auch seine Freundin
Franziska, die noch bis vor kurzem dort wohnte, bestätigt die kritische
Lage: „Man hatte Angst, wenn man aus der Tür ging.“ Für
die besonders große Zahl Rechter in Johannisthal sind auch René
Bethage und die von ihm geleitete Kameradschaft Berliner Alternative SüdOst
(BASO) verantwortlich, die Anfang dieses Jahres verboten wurde. Besonderes
Ziel Bethages ist eine nationale Jugendarbeit. Unter Jugendarbeit versteht
er aber nicht die Erziehung Jugendlicher zu demokratischen Menschen, sondern
Anwerbung für die rechte Szene. In einer Fernsehdokumentation von
Jo Goll und Norbert Siegmund versucht er vor der Kamera, seine Tätigkeit
als völlig harmlos darzustellen: „Wir versuchen halt, mehrmals
die Woche mit den Jugendlichen was zu unternehmen, beispielsweise Fußball
zu spielen. Gelegentlich gehen wir auch mal gemeinsam ins Kino.“
Marcus Louczinski ist ein Beispiel dafür, dass es Bethages Jugendlichen
nicht nur um Fußball und Kino geht. Der „Schützling“
Bethages war an dem oben erwähnten Angriff auf den Vietnamesen in
Köpenick beteiligt. Louczinski ist einer der aktivsten Nazis im Bezirk.
„Jugendarbeiter“ René Bethage ist Anmelder zahlreicher
Nazi-Demos, so auch jener im Dezember 2004 durch Adlershof und Köpenick.
Hier zeigt die Fernsehdokumentation deutlich, in welchen Welten die Neonazis
denken. Christian Worch, aktiver rechter „Vordenker“ aus Hamburg,
der mit Bethage den Demonstrationszug anführt, prahlt damit, dass
die Rechten in zwei Jahren den Posten des Berliner Polizeipräsidenten
innehaben würden. Der rechte Traum von einer zweiten Reichshauptstadt
Berlin ist zwar fern jeder Realität, jedoch dürfen diese Wahnvorstellungen
nicht verharmlost werden. Der NPD-Bundesgeschäftsführer Frank
Schwerdt antwortete auf die Frage der Fernsehjournalisten, ob denn der
von der NPD propagierte „Nationale Sozialismus“ Nationalsozialismus
sei: „Man kann das so bezeichnen.“ Ein Indiz dafür, dass
die NPD trotz gescheitertem Verbotsverfahren keineswegs ungefährlich
für die Gesellschaft, also für uns ist. Hier gehen Goll und
Siegmund in ihrer Dokumentation noch weiter. Sie zitieren Texte der rechtsextremen
Untergrundband „Landser“. Diese fordert in einem Lied „Hunderttausende
Liter Strychnin für Kreuzberg.“ Strychnin ist ein Nervengift,
das in Dosen von 100 bis 300 Milligramm tödlich wirkt. „Haut
das Zeug ins Leitungswasser rein, dann geht die ganze Bande ein.“
Brunnenvergiftung auf moderne Art. Die Gruppe ruft damit zum Massenmord
an 150000 Menschen auf, so viele leben etwa in Kreuzberg. „Landser“
wurden wegen ihrer Texte bereits verurteilt. Der NPD-Geschäftsführer
erklärt lapidar: „Was Herr Regener betreibt, ist Kunst.“
Michael Regener, Frontmann von Landser, trat letztes Jahr der NPD bei.
Die Partei erhofft sich von der Mitgliedschaft eines Stars der rechtsextremen
Musikszene erhöhten Zulauf. Dazu leugnet man gerne, dass Regener
zu einem Verbrechen anstiftet, das das schlimmste in Deutschland nach
dem Ende des Zweiten Weltkrieges wäre.
Pistolen
und Palästinensertücher
Die neuesten
Entwicklungen in der rechten Szene sind besonders beunruhigend. Der Organisierungsgrad
innerhalb der rechten Szene nimmt zu. Gerade in den Kameradschaften, wie
der verbotenen BASO hat sich die Organisation und Zusammenarbeit in den
letzten Jahren verstärkt.
Immer wieder werden bei Hausdurchsuchungen auch regelrechte Waffenlager
rechter Aktivisten gefunden. Zudem erschreckend ist, was Franziska berichtet:
„Die Faschos in Johannisthal haben jetzt alle nach und nach ’ne
Knarre.“ Sie bezieht sich hierbei auf den Neonazi Rico Baltrusch,
der im Februar 2004 zwei Punkern drohte, sie zu erschießen. Damit
fand er sogar Eingang in den Verfassungsschutzbericht des letzten Jahres.
Neonazis sind immer seltener als solche zu erkennen. Seit etwa zwei Jahren
wenden sie sich ab von Springerstiefeln und Bomberjacken. Dafür tragen
sie jetzt Palästinensertücher und Che-Guevara-Shirts. Ziel dabei
ist es, Unsicherheit zu stiften und den Linken die Symbole zu nehmen.
Fragwürdig wird es auch, wenn sich Neonazis in ihrer Argumentation
auf Rosa Luxemburg berufen. Die KPD-Führerin wurde 1919 von Rechtsextremen
ermordet. Verkehrte Welt.
Engagement
gegen Rechts
Das macht
es noch wichtiger, das Problem an der Wurzel anzugehen. Rechte Gewalttaten
entstehen stets aus einem nationalistischen, rassistischen und undemokratischen
Denken heraus. Aufklärung tut Not. Alternativen müssen aufgezeigt
werden. Alle, die nichts mit Nazis zu tun haben wollen, müssen stärker
zusammen arbeiten. Rechte und rassistische Einstellungen kommt aus der
Mitte der Gesellschaft, so Sabine Seyb, Mitarbeiterin von ReachOut, der
Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Berlin. Sie spricht in
diesem Zusammenhang von „normalen Rassisten“. Sie sagt, dass
Rechte nicht zwangsläufig aus sozial schwachen Verhältnissen
kommen. „Es gibt Hinweise darauf, dass gerade die, die nicht sozial
benachteiligt sind, die meinen etwas zu verlieren zu haben, sich besonders
rassistisch verhalten.“ Sie fügt hinzu: „Das macht es
auch so gefährlich und unberechenbar.“ Trotz oder gerade wegen
dieser düsteren Ansicht ist Handeln dringend geboten.
Ansätze dazu sind in Treptow-Köpenick vorhanden. Das im Jahr
2000 gegründete Bündnis für Demokratie und Toleranz gegen
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vereint die demokratischen Parteien,
Vereine, Jugendeinrichtungen und kirchliche Gemeinden. Eine zentrale Rolle
nahm das Bündnis bei den Gegendemos zu den Neonazi-Aufmärschen
2003 und 2004 ein.
Im Brennpunkt Johannisthal gibt es inzwischen einen Runden Tisch unter
der Leitung des Bezirksbürgermeisters von Treptow-Köpenick,
Klaus Ulbricht. Daran sitzen lokale Einrichtungen wie der Sportverein,
Schulen oder Bürgerorganisationen. Der Runde Tisch befasste sich
zuerst mit Ursachen und Erscheinungsformen des Rechtsextremismus. Zudem
war er Initiator der Plakataktion „Berlin gegen Nazis“ im
Dezember 2004. Für den 3. September dieses Jahres plant der Runde
Tisch ein Fest auf dem Bahnhofsvorplatz von Schöneweide. Einerseits
soll damit dieser Ort belebt werden, den Experten als „Angstraum“
beschreiben. Andererseits soll das Fest auch dazu dienen, Bürger
über Rechtsextremismus aufzuklären. Bürgermeister Klaus
Ulbricht glaubt, „dass die Frage der Gleichgültigkeit eine
große Rolle spielt. Deshalb hoffen wir, mit so einem Fest Menschen
zu erreichen.“
Für Aufklärung sorgt auch das vom Bezirk im letzten Jahr gegründete
Zentrum für Demokratie (Die Unbunte berichtete). Inzwischen hat es
seine Arbeit aufgenommen. Es bündelt und initiiert Projekte im Bezirk,
die demokratischen Umgang miteinander zum Inhalt haben. Eines dieser Projekte
arbeitet mit älteren Menschen in Seniorenfreizeiteinrichtungen an
dem Thema Demokratie. Rechtsradikalismus ist eben nicht nur eine Jugendproblem.
Werde aktiv
Die Arbeit
gegen Rechts braucht Unterstützung. Klaus Ulbricht: „Ich würde
mir mehr engagierte Bürgerinnen und Bürger wünschen.“
Trotz vieler Bemühungen des Bezirks und des Runden Tisches zieht
er eine traurige Bilanz der Plakataktion „Berlin gegen Nazis“.
Entlang der Demostrecke der Rechten wurden Plakate in die Briefkästen
geworfen mit der Aufforderung, sie zum Fenster rauszuhängen. Das
abgebildete auffällig schnauzbärtige Plastemännchen sollte
eine angenehme Möglichkeit zur Positionierung gegen Rechts bieten.
„Wir haben Hunderte verteilt“, erklärt Ulbricht, „ich
habe vielleicht zehn gesehen.“ Angst vor von wütenden Nazis
eingeworfenen Fensterscheiben lässt er nicht gelten. „Alle
Scheiben können nicht eingeschmissen werden.“ Wenn nur alle
die Plakate aufgehängt hätten.
„Grundsätzlich ist ist ein offensives Vorgehen gegen die rechte
Szene notwendig“, sagt Sabine Seyb. Um sich gegen Rechtsextremismus
zu engagieren, muss man nicht auf die Straße gehen und Nazis verprügeln.
Ein erster Schritt ist schon getan, wenn man seine Umgebung im Auge behält.
Jeder sollte in seinem Lebensbereich, in jeder Situation, in der ihm Intoleranz,
Antisemitismus oder Rassismus begegnet, sofort reagieren und denjenigen
mit seiner Aussage konfrontieren. Je früher ein Mensch merkt, dass
Ausländerhass und Vorurteile ein falscher Weg sind, desto weniger
anfällig ist er für rechte Parolen.
Weiterhin wichtig ist, Rechtsextremismus nicht aus dem Bewusstsein zu
verdrängen. Bürgermeister Klaus Ulbricht ruft deshalb zu einem
offenen Umgang mit dem Thema auf: „Ich halte es sowohl für
einen Bezirk als auch für eine Schule für ein Qualitätsmerkmal,
wenn sie mit dem Thema offen umgehen, wenn sie Gemeinsamkeit entwickeln
und gegen die rechtsextremen Erscheinungsformen und das Gedankengut vorgehen.“
Gemeinsamkeit ist ein zentraler Punkt im Kampf gegen Rechtsextremismus.
Erst wenn viele zusammen arbeiten, gibt es die Sicherheit, nicht alleine
da zu stehen gegen Agitatoren wie René Bethage und Anstifter wie
Michael Regener. „Wir müssen alle etwas tun und dürfen
die Verantwortlichkeit nicht von einem auf den anderen schieben“,
sagt Klaus Ulbricht.
Julian, der immer noch in Johannisthal wohnt, meidet den Ortsteil inzwischen.
Immer seltener ist er zu Hause. Wege legt er, aus Furcht, noch einmal
angegriffen zu werden, nur noch mit dem Fahrrad zurück. Auf die Frage,
ob er bewusst aus Johannisthal flüchte, antwortet er: „Ja.“
Der Begriff vom Angstraum Johannisthal spiegelt sich im Alltag wieder.
Auch an anderen Orten häufen sich Rechte. Ein Freund würde kürzlich
erst vor dem S-Bahnhof Adlershof wegen seiner Haare angemacht. Soll das
Alltag werden?
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25.06.2005
Morgenpost
Gericht: Kulturverein darf Flachbau weiter nutzen
Ein
heftiges Tauziehen ist um den bezirkseigenen Flachbau an der Michael-Brückner-Straße
1 im Gange. Das Bezirksamt hatte dem Mieter, Kulturverein Brücke
7, fristlos gekündigt. Doch das Amtsgericht Köpenick gab jetzt
einem Eilantrag des Vereins recht, der wieder Zutritt zu den Räumen
hat.
Das Streitobjekt ist seit Sommer 2003 für zehn Jahre an "Brücke
7" vermietet. Der Verein betreibt seit Jahren ein Lokal an der Brückenstraße.
Im neuen Domizil an der Michael-Brückner-Straße will er ein
Jugendkulturzentrum "Für Toleranz - gegen Gewalt" einrichten.
"Brücke 7" hat eine Vielzahl prominenter Kuratoriumsmitglieder,
darunter Walter Jens, Günter Grass, Björn Engholm und Hanna
Renate Laurien. Im Bezirk ist der Kulturverein umstritten wegen seiner
Diskussionsreihe "Argumente statt Fäuste". Das Bezirksamt
sieht die Gefahr, die organisierte rechte Szene könnte die Angebote
als eigenes Forum nutzen. Führende NPD-Kader hätten an den Veranstaltungen
in der Brückenstraße teilgenommen, heißt es in einer
Einschätzung. Doch das ist im Kündigungsschreiben für die
neuen Räume nicht ausgeführt. Im Brief des stellvertretenden
Bürgermeisters Michael Schneider (PDS) heißt es, in den Vereinsräumen
Brückenstraße 7 seien offensichtlich strafrechtlich relevante
Tätigkeiten zumindest geduldet worden. "Eine Fortsetzung des
Mietvertrages ist nicht zumutbar." Schneider wollte sich zu den Vorwürfen
und zur Kündigung nicht äußern. "Kein Kommentar",
sagte er gegenüber dieser Zeitung. Vereinschef Claus Bubolz sagt:
"Wir haben die Miete bezahlt und nicht gegen den Mietvertrag verstoßen."
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25.06.2005
Morgenpost
Rechtsradikale foltern Mann mit Bügeleisen
Von Hans H. Nibbrig und Axel Lier
Weil sie
ihn für einen Kinderschänder hielten, haben fünf junge
Leute aus der rechten Szene in Adlershof einen 40jährigen Mann in
eine Falle gelockt und mehrere Stunden bestialisch gequält. Das Opfer
Heinz Georg W. erlitt schwerste Verletzungen, unter anderem Verbrennungen
dritten Grades. Der jetzt bekannt gewordene Fall ereignete sich bereits
am 1. Mai. Die Täter, vier Männer und eine Frau, sitzen nach
Angaben von Justizsprecher Michael Grunwald in Untersuchungshaft.
Wie der Justizsprecher weiter mitteilte, gehört das Quintett zu einer
elfköpfigen Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen
16 und 26 Jahren, denen die Staatsanwaltschaft mehrere Gewaltdelikte vorwirft.
In drei Fällen wurde inzwischen Anklage wegen Raubes und gefährlicher
Körperverletzung erhoben. Alle elf Angeklagten müssen sich demnächst
vor einer Jugendstrafkammer am Landgericht verantworten.
Ein Ermittler sagte gestern, die Mitglieder der Gruppe um ihren Wortführer
Sascha P. (26) hätten am 1. Mai aus einer Laune heraus den Entschluß
gefaßt, gewaltsam gegen Kinderschänder vorzugehen. Kurze Zeit
später trafen fünf von ihnen an einem Imbiß am Bahnhof
Grünau auf Heinz Georg W. und entschieden spontan, der 40jährige
sehe aus wie ein Kinderschänder.
Daraufhin wurde die einzige Frau in der Gruppe, die 17jährige Jennifer
K. als Lockvogel eingesetzt. Die Jugendliche bot dem 40jährigen Sex
an und erklärte, 14 Jahre alt zu sein. Heinz Georg W. nahm das Angebot
an und ging mit der 17jährigen in seine Wohnung.
Kaum dort angekommen, öffnete Jennifer K. ihren Bekannten heimlich
die Wohnungstür. Die vier Männer, 18 bis 26 Jahre alt, schlugen
und traten brutal auf den Mann ein und drückten ihm mehrmals ein
heißes Bügeleisen auf den Oberkörper. Als der 40jährige
vor Schmerzen besinnungslos wurde, stahlen die Täter Bargeld, einen
Computer und eine EC-Karte.
Am 11. Mai drangen die Mitglieder der Gruppe um Sascha P. in die Wohnung
des 30jährigen Marco L. in Adlershof ein und schlugen ihn brutal
zusammen. Grund: Er soll eine Frau aus der Gruppe belästigt haben.
Tags darauf drang die Gruppe in die Wohnung des 57 Jahre alten Jan E.
an der Chorweiler Straße in Altglienicke ein. Der Mann wurde, ebenfalls
mit der Begründung, er habe ein Mädchen aus der Gruppe sexuell
belästigt, in seiner Wohnung zusammengeschlagen.
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26.06.2005
Morgenpost
Selbsternannte Pädophilen-Jäger gehören
zu Neo-Nazi-Szene
Der am Freitag
bekanntgewordene Überfall auf einen 40jährigen in dessen Wohnung
in Grünau war offenbar nicht die erste Gewalttat der rechten Schlägertruppe
um den 26jährigen Sascha P. aus Treptow. In Adlershof und einigen
angrenzenden Stadtteilen sind die inzwischen in Untersuchungshaft sitzenden
acht Männer und drei Frauen zwischen 16 und 26 Jahren einschlägig
bekannt. Mindestens drei der acht Männer sollen in der Vergangenheit
in diversen Neonazi-Gruppen aktiv gewesen sein. Entsprechenden Hinweisen
geht die Polizei nach Auskunft eines Ermittlers derzeit nach.
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Wie berichtet, hatten fünf der elf Mitglieder der Gruppe am 1. Mai
ihr Opfer Heinz Georg W. in dessen Wohnung unter anderem mit einem Bügeleisen
längere Zeit bestialisch gefoltert, weil sie ihn - laut Polizei völlig
zu Unrecht - für einen Kinderschänder hielten. Der Mann lag
danach zwei Tage bewußtlos in seiner Wohnung und mußte anschließend
mit Verbrennungen dritten Grades drei Wochen in einem Krankenhaus behandelt
werden.
"Die Typen, die das gemacht haben, trieben sich häufig hier
und am S-Bahnhof Adlershof rum und haben immer mal wieder Schlägereien
angezettelt", erzählte gestern am Bahnhof Grünau Ullrich
S. (37, ein Bekannter des Opfers). Auch Doreen B. von der Berliner Initiative
gegen Rechts kennt einige Mitglieder der Truppe. "Es gab schon mehrfach
Angriffe auf Linke oder Ausländer", berichtete die 29jährige.
Nach Informationen der Berliner Morgenpost waren drei der acht Männer
aus der Gruppe in der Vergangenheit in der Kameradschaftsszene aktiv.
Allein in Treptow-Köpenick sind nach Angaben eines Verfassungsschützers
mehr als ein Dutzend Treffpunkte dieser als gewaltbereit eingestuften
Neonazi-Gruppen registriert. Ein Drittel der rund 150 Berliner Anhänger
der Kameradschaftsszene komme aus diesem Bezirk.
Zudem gehörten nach bisherigen Ermittlungserkenntnissen einige der
inzwischen in U-Haft sitzenden Schläger in der Vergangenheit auch
zum Umfeld der vor drei Monaten verbotenen "Berliner Alternative
Südost".
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29.06.2005
TAZ
Rechts, aber nicht organisiert
Selbst ernannte Jäger von Kinderschändern hatten laut Staatsanwaltschaft
keine Verbindung zu Neonazi-Kameradschaft. In ihren Kreisen gelte: "Rechts
ist geil"
Rechte Gesinnung
ja, aber nicht organisiert. So beschreibt die Staatsanwaltschaft eine
Gruppe von elf Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit ihren Grausamkeiten
für unrühmliche Schlagzeilen gesorgt hatten. "Neonazis
foltern Berliner", hatte etwa die Morgenpost am vergangenen Wochenende
getitelt. Im Text wurde behauptet, einige der inzwischen in Untersuchungshaft
sitzenden Personen hätten in der Vergangenheit zum Umfeld der vor
drei Monaten verbotenen rechtsextremistischen Kameradschaft Berliner Alternative
Südost (BASO) gehört.
Für die These einer Bindung zur BASO haben die Ermittler nach Informationen
der taz zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber definitiv keine Erkenntnisse.
Die Tatverdächtigen hätten keinen besonders hohen Intelligenzquotienten.
In ihren Kreisen sei es unmöglich, keinen Kontakt zu Rechten zu haben.
"Rechts ist geil", sei dort die Devise. Aber sie hätten
keine Kontakte von Relevanz zu rechten Organisationen.
Wie berichtet hat die Staatsanwaltschaft gegen acht Männer und drei
Frauen im Alter von 16 bis 30 Jahren Anklage wegen Raub und gefährlicher
Körperverletzung erhoben. Am 1. Mai hatte ein Teil der Gruppe in
Köpenick einen 40-Jährigen gefoltert und ihm mit einem Bügeleisen
schwere Verbrennungen zugefügt. Die selbst ernannten Ordnungshüter
hielten den Mann für einen Pädophilen - was dieser nicht war
- und wollten ihn dafür bestrafen. "Kinderschändern sollte
ein Denkzettel verpasst werden", so die Staatsanwaltschaft. Bei einem
anderen Vorfall am 11. Mai hatten einige Mitglieder der Gruppe zwei Punks
zusammengetreten und -geschlagen. Der eine hatte einen Anti-Nazi-Aufnäher
an der Jacke.
Mitarbeiter des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus (MBR) halten
es für denkbar, dass die Tatverdächtigen zu einer gewissen "rechtsorientierten
Lifestyle-Klientel" gehören, die sich seit Mai verstärkt
am S-Bahnhof Grünau trifft. Eine Bürgerinitiative beobachte
das Treiben schon seit längerem mit Sorge. PLUTONIA PLARRE
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07.07.2005
Märkische Allgemeine
Vier rechte Schläger in Haft
Mitglieder verbotener Kameradschaften aus Berlin in Potsdam aktiv
INNENSTADT
In Potsdam sind verstärkt rechtsextreme Gewalttäter aus verbotenen
Berliner Kameradschaften aktiv. Diese Einschätzung linksalternativer
Gruppen bestätigte gestern Polizeichef Ralf Marschall. Die Neonazis
würden den verbotenen Kameradschaften Tor (für Frankfurter Tor)
und Baso (Berliner Alternative Süd-Ost) zugerechnet.
Seit gestern sind laut Staatsanwaltschaft vier der mutmaßlich 15
rechten Schläger vom Sonntag in U-Haft. Gegen sie werde zusammen
mit der polizeilichen Sonderkommission "Potsdam" wegen versuchten
Mordes ermittelt, sagte Staatsanwalt Jörg Wagner.
Eines der beiden Opfer vom Sonntag bestätigte gestern, dass unter
den rechten Angreifern mehrere Berliner waren, die schon bei den drei
Chamäleon-Prozesstagen in Potsdam linke Zeugen bedroht hatten. Zumindest
einer sei mehrfach wegen Schlägereien polizeilich erfasst und im
Fußballclub SV Babelsberg 03 als Hooligan lange bekannt, sagte Tamás
B., der mit einer schweren Gehirnerschütterung mehrere Tage im Klinikum
lag. In der linken Szene Potsdams kennt man viele Rechtsextreme mit Namen
und weiß, zu welchen verbotenen Organisationen sie gehören.
Todesangst
gehabt
So wusste auch Tamás B. im Moment des rechten Angriffs auf sich
und einen "unpolitischen" Freund, wen er vor sich hatte. Er
habe Todesangst gehabt, sagt er. Der Angriff von rund 15 Personen sei
"professionell" gewesen, ein Teil der Gruppe habe nach mehreren
Seiten abgesichert, während andere versuchten, ihm mit beiden Beinen
ins Gesicht zu springen. Das gelang nicht, doch dem Freund zerschnitten
sie mit einer zersplitterten Flasche das Gesicht. Der Angriff dauerte
keine zwei Minuten.
Tamás B. zitiert eine Ärztin aus der Rettungsstelle des Bergmann-Klinikums
mit der Einschätzung, der Flaschenschnitt habe bei Christoph B. die
Halsschlagader nur um zwei Zentimeter verfehlt.
Im Zuge der Ermittlungen gegen die Schläger vom Sonntagmorgen hatten
sich am Dienstagabend drei gesuchte Rechte selbst gestellt, auf anwaltliche
Empfehlung, wie es hieß. Sie wurden dem Haftrichter vorgeführt
und nach Auskunft von Staatsanwalt Jörg Wagner in Untersuchungshaft
genommen. Ein vierter Haftbefehl wurde vom Amtsgericht mit Meldeauflagen
außer Kraft g esetzt, weil keine Fluchtgefahr gesehen wird.
Gestern morgen dann nahm man Michael G. fest, der schon im Chamäleon-Prozess
am 13. Juni eine Jugendhaftstrafe von einem Jahr und fünf Monaten
bekommen hatte, ausgesetzt zur Bewährung.
Gericht
sieht keine Fluchtgefahr
Dagegen sind die fünf am Montag festgenommenen Verdächtigen
weiter auf freiem Fuß, weil der Haftrichter keine Fluchtgefahr sah.
Hier erhob die Staatsanwaltschaft in einem Fall Beschwerde, wurde aber
beim Amtsgericht abgewiesen und ruft nun das Landgericht als nächst
höhere Instanz an. Somit sind sechs von zehn ermittelten Verdächtigen
frei. Ein Drittel der Beschuldigten stammt nach Angaben der Staatsanwaltschaft
aus Berlin. Wegen versuchten Mordes wird ermittelt, weil ein politisches
Motiv das Mord-Merkmal "niederer Beweggrund" erfüllt. Doch
der Richter reduzierte die Mordbeschuldigungen auf vollendete schwere
Körperverletzung.
Das Antifaschistische Pressearchiv in der Zeppelinstraße hat gestern
für Potsdam mindestens 15 rechte Übergriffe auf Linke in zwei
Monaten aufgelistet. Das reicht von Pöbeleien bis zu schweren Ausschreitungen,
nur ein Teil kam zur Anzeige. Die Polizei kennt in diesem Jahr bislang
acht politisch motivierte Straftaten, sieben davon aus dem rechten Spektrum.
2004 gab es noch zehn politische Delikte.
Tamás B., der am Dienstag eine spontane Demonstration gegen rechts
durch die City organisiert hatte, lehnt Gewalt zwischen beiden Lagern
ab und strebt gerichtliche Verurteilungen der Schläger an.
Oberbürgermeister Jann Jakobs sowie PDS und SPD im Stadtparlament
verurteilten gestern die rechten Ausschreitungen. rai
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11.07.2005
Tagesspiegel
Linke und Rechte nehmen einander ins Visier
Weil Anhänger beider Lager immer öfter gewalttätig
werden,hat die Polizei inBerlin und Potsdam eigene Ermittlungsgruppen
gebildet
Von Jörn Hasselmann
Extremisten
von links und rechts greifen sich gegenseitig zunehmend militanter an.
Kaum ein Tag vergeht ohne Übergriffe, zudem gibt es eine enge Zusammenarbeit
zwischen Berliner und Brandenburger Anhängern beider Seiten. So sollen
Mitglieder der im März in Berlin verbotenen Neonazigruppen „Alternative
Südost“ und „Kameradschaft Tor“ jetzt in Potsdam
aufgefallen sein. Die Berliner Polizei hat jetzt im Landeskriminalamt
eine spezielle Arbeitsgruppe „Links- Rechts-Auseinandersetzungen“
gegründet, nachdem sich die Straftaten in den vergangenen Monaten
massiv gehäuft hatten. Auch im Potsdamer Polizeipräsidium wurde
eine Sonderkommission gegründet.
Friedlich bleibt es nur noch, wenn eine starke Polizeipräsenz beide
Gruppen trennt, so wie gestern Mittag in Ahrensfelde. Dort hatte der Berliner
NPD-Landesverband zu einer Demo aufgerufen, die unter dem Motto „Lernmittelfreiheit
für Kinder“ stand. Etwa 80 Rechte kamen – und 130 Gegendemonstranten.
Noch mehr Polizisten trennten beide Seiten, es blieb friedlich. Doch die
militanten Antifaschisten waren ohnehin nicht nach Ahrensfelde gekommen,
sie waren unterwegs nach Schwerin und Gera, wo die NPD ebenfalls –
größere – Demonstrationen veranstaltete. Der Staatsschutz
der Polizei hatte die Berliner NPD-Demo auch als Versuch gewertet, die
Berliner Antifa-Szene in der Stadt zu binden und von der Reise nach Gera
abzuhalten.
Die Auseinandersetzungen der letzten Monate fanden in der letzten Zeit
nicht bei mehr oder minder offiziellen Demonstrationen statt, sondern
nachts oder abends – wenn keine Polizei in der Nähe ist. Linke
und Rechte sammeln in Internet-Listen Übergriffe der anderen Seite
– und sie veröffentlichen Fotos und Namen ihrer Gegner. Eskaliert
war die Situation Anfang Juni, als 15 Linke auf dem Ostbahnhof fünf
Rechte mit Reizgas und Schlagstöcken überfielen und verletzten.
Die Rechten kamen von einem Prozess in Potsdam – dort hatte es am
Nachmittag bereits massive Auseinandersetzungen gegeben. Bei dem Prozess
ging es um einen Anschlag rechter Jugendlicher auf einen Treffpunkt der
linken Szene in der Potsdamer Innenstadt Silvester 2003/ 2004. Angeklagt
sind dort drei junge Rechte aus Potsdam und Berlin.
In dieser Woche nun hatte die Polizei – verstärkt durch ein
Spezialeinsatzkommando in einer Razzia die Wohnungen der mutmaßlichen
Täter gestürmt. Nach Polizeiangaben war die Durchsuchung ein
Erfolg: Es wurden umgebaute Metallrohre, Schlagringe, Sprühflaschen
und Teleskopschlagstöcke gefunden, die Beschuldigten im Alter zwischen
18 und 34 Jahren, darunter zwei Frauen, sind teilweise einschlägig
wegen linker Gewalttaten polizeibekannt. Sie wurden wieder auf freien
Fuß gesetzt. Ihre Anwälte protestierten gegen den angeblich
zu harten Einsatz – das SEK hatte nicht geklingelt, sondern die
Türen eingerammt.
In Potsdam sitzen dagegen mittlerweile vier Anhänger der rechten
Szene in Untersuchungshaft – einige davon aus Berlin – , nachdem
sie zwei Linke in der Innenstadt bei einem Überfall schwer verletzt
hatten. Die Potsdamer Polizei hofft deshalb, dass sich die Lage beruhigt,
nachdem die Anführer aus dem Verkehr gezogen wurden.
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30.07.2005
Berliner Zeitung
Zwischen ganz Links und ganz Rechts
NPD-Sympathisanten störten die Eröffnung des Wahlkampfquartiers
von Gregor Gysi
In seiner
Ansprache vor den "Genossen, Freunden, Gästen und Medienvertretern"
warnte Gregor Gysi am Freitag vor überzogenen Erwartungen: Für
eine Koalition der neuen Linkspartei mit der "neoliberalen"
SPD und den Grünen gebe es derzeit keine Chance. Und auch innerhalb
einer aus PDS und WASG zusammengeschmiedeten Bundestagsfraktion - wenn
es denn eine gibt - sei mit Auseinandersetzungen zu rechnen. Zu unterschiedlich
seien die Kulturen von PDS (Ost) und WASG (West).
So wird es wohl kommen. Nicht nur politisch, bei der Verteilung vorderer
Listenplätze, zieht die PDS ihr Ding durch. Auch vom ostigen Habitus
lässt die Partei nicht. Trotz einiger moderner Schriftzüge am
Schaufenster atmete die Einweihung von Gregor Gysis Wahlkampfbüro
in der Brückenstraße am S-Bahnhof Schöneweide hundert
Prozent DDR: Von dem lausigen Ernst-Busch-mäßig bemühten
Liedermacher im Vorprogramm über die Ampelmännchen-Optik auf
den T-Shirts des Gysi-Teams bis zu den diagonal gefalteten roten Servietten
unter den Plätzchentellern.
Grau-beige SED-Rentner baten "den Gregor", der in Treptow-Köpenick
ein Direktmandat holen will, um Argumentationshilfe. Was solle man dem
Gegner antworten, wenn der immer auf die Nichtfinanzierbarkeit des Sozialprogramms
der Linken hinweist? Routine für den zuweilen aufgesetzt munter berlinernden
Gysi (Steuern und Löhne erhöhen, Binnennachfrage steigern).
Im Wesentlichen gehe es aber darum, die historische Chance zu nutzen,
eine vereinigte Ost-West-Linke dauerhaft links neben der SPD im Bund zu
etablieren. Als Gysi ausführte, dass er sich weniger mit kommunalen
Fragen seines Wahlkreises als mit internationaler Politik (gegen den Anti-Terrorkrieg,
für eine starke Uno) befassen will, drängte ein handfestes Problem
des Bezirks Treptow-Köpenick in die Veranstaltung.
Der von Arbeitslosigkeit gezeichnete Ortsteil Schöneweide, dessen
Industrie mit der DDR unterging, ist ein Hauptaktionsgebiet der Berliner
Rechtsradikalen. Neben der Bedrohung von Ausländern gehört zu
deren Handwerkszeug seit einiger Zeit, Veranstaltungen in ziviler Montur
aufzusuchen und sie in zunächst sachlichem Ton mit "nationalen"
Diskussionsbeiträgen umzufunktionieren. Wie das geht, führte
ein "Kamerad" vor, der offenbar der rechten "Berliner Alternative
Südost" (BA-SO) angehörte und Gysi auf den hohen Ausländeranteil
in einigen Berliner Schulen ansprach. Gysi ging nolens volens darauf ein,
brandmarkte die Ausländerfeindlichkeit der Ewiggestrigen, konnte
aber nicht verhindern, dass die Aufmerksamkeit der Presse und Besucher
sich mehr den Rechten als seinem linken Programm zuwandte. Nachdem sie
aus dem Laden komplimentiert worden waren, gingen die Neonazis zu Sprechchören
über, während PDS-Funktionäre Anti-Nazi-Plakate hochhielten.
Für einige Sekunden gab es einen Anflug von Weimar, als es von hüben
aus Gysis Büro "Nazis raus" und von drüben aus einer
Kneipe auf der anderen Straßenseite "Tötet die Kommunisten"
brüllte, bis die Polizei die Nazis abdrängte und dem Spuk ein
Ende setzte.
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04.08.2005
Berliner Zeitung
Stolperstein gestohlen
NIEDERSCHÖNEWEIDE.
Nur einen Tag, nachdem er gesetzt wurde, ist ein so genannter Stolperstein
vor dem Haus Spreestraße 1 gestohlen worden. Der Stein erinnert
an den Antifaschisten Otto Dunkel, der 1942 verhaftet und ins KZ Neuengammme
gebracht wurde. Dunkel zählte zu den über 7 000 Menschen, die
von den Nazis 1945 auf das Schiff Kap Arkona verladen wurden. Das Schiff
ging bei einem Bombardement unter. Bei der Steinlegung hätten einige
Jugendliche in der Nähe herumgepöbelt, berichtet Kulturstadträtin
Eva Mendl (PDS). Unter anderem hätten sie gerufen "Wieder so
ein Judenstein!" und "Da weiß ich, was ich heute Nacht
zu tun habe." Am nächsten Morgen sei der Stein weg gewesen.
Die Jugendlichen hätten Shirts mit Totenkopf und gekreuzten Baseballschlägern
und der Aufschrift ACAB getragen, die Abkürzung steht für "all
cops are bastards" (alle Polizisten sind Bastarde). Die Shirts seien
in der Fußball-Hooligan-Szene bekannt. Der Bund der Antifaschisten
will nun einen neuen Stein in Auftrag geben. (sk.)
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22.08.2005
Berliner Zeitung
Neonazis legen sich mit der Polizei an
Zahlreiche Aufmärsche
Der Verfassungsschutz
registriert in Berlin eine Zunahme von Neonazi-Aktivitäten. Fast
täglich finden in der Stadt Aufmärsche statt. Am Sonnabend marschierten
hunderte Neonazis von Mitte nach Lichtenberg. Sie waren aus dem gesamten
Bundesgebiet angereist, nachdem das alljährliche Gedenken für
den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel
verboten worden war. Am Rande dieses Aufzuges kam es zu Protesten von
Gegendemonstranten.
Weitgehend unbehelligt blieben die Rechten dagegen an den vorangegangenen
Tagen. Ihre Aktivitäten hatten eingesetzt, nachdem Linke am vorvergangenen
Sonnabend am Alex einen NPD-Wahlkampfstand angegriffen hatten. Daraufhin
veranstalteten Neonazis am selben Abend eine Protestdemo von Charlottenburg
nach Schöneberg.
Vor allem wollen sich die Rechten mit der Polizei anlegen, die angeblich
"grundlos" gegen ihre Leute vorgeht. "Wir wollen zeigen,
dass wir auch anders können", verkündet einer der Mitorganisatoren
der Aufzüge, der 39-jährige René Bethage. Also demonstrierten
seine Leute am Montag vor dem Gebäude des Landeskriminalamtes in
Tempelhof "gegen Geheimdienste und Gesinnungsjustiz". Später
reiste der Trupp weiter nach Schöneweide, wo er Parolen grölend
über die Wilhelminenhofstraße zog. Das Ganze geschah ebenfalls
aus Protest gegen angebliche Polizeiwillkür. Am Mittwoch demonstrierten
Neonazis dann vom Alexanderplatz aus über die Karl-Marx-Allee, und
am Donnerstag liefen sie in Lichtenberg.
Weitere Aufmärsche sind geplant. Laut Polizei nahmen bisher meist
dieselben 50 bis 70 Demonstranten teil. Allerdings ist nach Einschätzung
der Chefin des Berliner Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, an den Aktionen
der jüngsten Zeit nicht mehr nur ein kleiner harter Kern beteiligt.
"Für diese Aktionen werden auch Leute aus dem Umfeld des Rechtsextremismus
herangezogen."
Insgesamt konstatieren die Verfassungsschützer ein gewachsenes Selbstbewusstsein
in der rechten Szene. "Dies zeigt sich in Störaktionen und auch
darin, dass Neonazis öfter bei Veranstaltungen das Wort ergreifen",
sagt Schmid. So geschah es etwa vor einigen Wochen bei einer Wahlkampfveranstaltung
der PDS in Schöneweide. Schmids Behörde stellt außerdem
eine "Professionalisierung der Anti-Antifa-Arbeit" fest, also
des Datensammelns über Gegner der Rechtsextremisten. Für die
kommenden Monate befürchtet Claudia Schmid ein weiteres Aufschaukeln
der Auseinandersetzungen zwischen Rechts- und Linksradikalen: "Es
geht härter zur Sache, teilweise mit Stöcken und Stangen."
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30.08.2005
Morgenpost
Grüne Karte gibt Tips für Zivilcourage
Treptow-Köpenick
Was tun,
wenn jemand angepöbelt oder angegriffen wird? Oft schauen Passanten
weg und gehen vorbei. Jetzt gibt es eine schriftliche Anleitung für
mehr Zivilcourage. Seit gestern kursieren in Treptow-Köpenick grüne
Karten mit zehn Handlungstips. Bezirkspolitiker, das Zentrum für
Demokratie und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin haben
das Projekt initiiert und in Schöneweide vorgestellt. Aus gutem Grund.
Denn im Südostbezirk sind Übergriffe von jungen Rechtsextremen
keine Seltenheit. Der erste Hinweis lautet deshalb "Seien Sie vorbereitet"
und fordert auf, das Szenario eines Angriffs in Gedanken durchzuspielen
und zu überlegen, was man tun würde. Ruhig bleiben, sofort handeln
und Hilfe holen, sind weitere Punkte auf der grünen Karte. Sie ist
in 10 000 Exemplaren gedruckt worden. Die Kosten von 900 Euro bezahlt
das Bezirksamt. Rund 2000 Karten haben Bürgermeister Klaus Ulbricht
(SPD), die Stadträte Michael Schneider (PDS) und Angelika Buch (für
PDS) und Bezirksverordneten-Vorsteher Winfried Blohm (SPD) gestern am
Bahnhof Schöneweide verteilt. Das Gelände war in den vergangenen
Jahren wiederholt Schauplatz rechtsextremer Übergriffe.
Click here to find out more!
Um dieses Image zu ändern, steigt am 3. September von 11 bis 18 Uhr
auf dem Vorplatz ein Interkulturelles Fest für Demokratie und Toleranz.
Kinder und Jugendliche, Migranten, Künstler, Vereine und Initiativen
beteiligen sich. Dann werden weitere Exemplare der grünen Karte verteilt.
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05.09.2005
Berliner Zeitung
Nazis ködern mit Lagerfeuer und Musik
Rechtsextremisten werben um Berliner Schüler
Massiv versuchen
Neonazis, an Berliner Schulen Nachwuchs zu rekrutieren. Sie laden Schüler
zum Fußball ein, verteilen Infomaterial und Musik-CDs. So berichten
Köpenicker Eltern davon, dass seit Beginn des Schuljahres Schüler
von Älteren angesprochen werden und zu Wanderungen oder zu einem
Abend am Lagerfeuer eingeladen werden. Die Chefin des Berliner Verfassungsschutzes,
Claudia Schmid, bestätigt: "Zu derartigen Angeboten zählen
Zeltlager und pfadfindermäßige Veranstaltungen, bei denen völkisches
Brauchtum vermittelt wird." Organisiert werde dies von Organisationen
wie der "Heimattreuen deutschen Jugend". Schmid zufolge versucht
auch der ehemalige Führer der verbotenen Kameradschaft BASO, René
Bethage, weiterhin Jugendliche zu gewinnen und ruft zu Demonstrationen
auf. So versuchten Bethages Kameraden am Wochenende ein Fest für
"Demokratie und Toleranz" in Schöneweide zu stören.
Die Polizei erteilte ihnen Platzverweise.
Der Verfassungsschutz registriert auch, dass rechte Organisationen Infomaterial
vor Schulen verteilen. Sie haben es vor allem auf Hauptschüler abgesehen.
Der Märkische Heimatschutz verteilte im Juli ein vierseitiges Extrablatt
in Lichtenberg an der Olof-Palme-Schule, an der Schule am Rathauspark
und an einer Schule für Körperbehinderte. Laut Polizei haben
die Inhalte der Zeitung eine rechtsextreme Tendenz, sind aber nicht strafbar.
Auch die NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) hat es
auf Schüler abgesehen. Seit Anfang 2004 hatten die Behörden
in Berlin keine JN-Aktivitäten mehr verzeichnet. Doch seit kurzem
hat die Organisation im Nordosten Berlins wieder einen Stützpunkt.
"Es ist anzunehmen, dass er eine enge Verbindung zum NPD-Kreisverband
Pankow unterhält", sagt Schmid. "Man muss die Entwicklung
der JN im Auge behalten." JN-Funktionäre verteilen seit einer
Woche eine NPD-Wahlkampf-CD an Schulen und Jugendeinrichtungen. Darauf
zu hören sind nationale Liederbarden wie Frank Rennecke. 200 000
Stück sollen vor allem im Osten Deutschlands ausgegeben werden. "Am
12. September gibt es einen bundesweiten Großeinsatz, wo massiv
vor allen Schulen verteilt wird", sagt die Sprecherin des NPD-Landesverbandes,
Stella Palau.
Alarmiert sind Polizisten und Verfassungsschützer noch in einer anderen
Angelegenheit: Schon 2004 versuchte ein Versandbetreiber aus Sachsen-Anhalt
zehntausende CDs mit Nazimusik an Schulen gratis zu verteilen. Die Behörden
konnten die Realisierung dieses so genannten "Projekts Schulhof"
stoppen. Ende vergangener Woche erlebten sie einen Rückschlag: Das
Amtsgericht Stendal wies die Anklage der Staatsanwaltschaft Halle gegen
den Auftraggeber ab und verwies auf die "Künstler- und Medienfreiheit".
Die CD "Anpassung ist Feigheit" war bislang in Brandenburg,
Thüringen, Sachsen-Anhalt und Bayern aufgetaucht. Wie sensibilisiert
die Berliner Polizei ist, zeigt ein Vorfall in Mariendorf. Am ersten Schultag
kursierte im Internet das Gerücht, dass die Nazi-CDs in der Gustav-Heinemann-Oberschule
verteilt worden seien. Sofort war das Landeskriminalamt zur Stelle. Doch
die Staatsschützer fanden nichts, der Eintrag im Internet war gefälscht.
Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die CDs auftauchen.
"Berlin blieb bislang verschont, doch die Einschläge kommen
näher", sagt Claudia Schmid.
Eine extra Unterweisung der Lehrer zu den rechten Werbeattacken, etwa
durch Rundschreiben, hält die Senatsschulverwaltung nicht für
notwendig. "Unsere Lehrer sind Erziehungsprofis. Die erkennen, was
Schund ist", hieß es dort.
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05.09.2005
Morgenpost
Fest für Demokratie: Rechte Störversuche
ohne Erfolg
Anwohner,
Vereine und Initiativen aus Treptow-Köpenick haben gestern ein interkulturelles
Fest auf dem Bahnhofsvorplatz in Schöneweide gefeiert. Ziel war,
mit Lesungen, Diskussionen, Musik und Theater ein Zeichen für Demokratie
und Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Das Areal am Bahnhof
ist in den vergangenen Jahren zum Schauplatz rechtsextremer Übergriffe
geworden. "Das Fest ist ein erster Schritt, um das Gelände demokratisch
zurückzuerobern", sagte Bianca Klose von der Mobilen Beratung
gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR). Auch gestern blieben die Rechten
nicht untätig. In unmittelbarer Nähe, an der Schneller- Ecke
Flutstraße, hatte die NPD am Nachmittag eine Kundgebung für
50 Teilnehmer angemeldet. Rechtsextreme hätten versucht, auf den
Bahnhofsvorplatz zu gelangen und das Fest zu stören, berichtete die
MBR-Mitarbeiterin. Das Bezirksamt habe konsequent vom Hausrecht Gebrauch
gemacht und die Neonazis des Geländes verwiesen. In einigen Fällen
habe die Polizei eingegriffen, mit der bereits im Vorfeld ein Sicherheitsgespräch
geführt worden war.
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08.09.2005
TAZ
Propagandalektion für Waldorfschüler
Die Schülerin einer Waldorfschule lud NPD-Kader in den Politikunterricht;
ihre Lehrerin tolerierte dies. Jetzt grübelt die Schulleitung über
die Konsequenzen. Ein Auftrittsverbot für die NPD will auch die Bildungsbehörde
nicht aussprechen
So nette
Überraschungen erlebt die NPD selten in diesem Wahlkampf: Das Telefon
klingelt, am Apparat ist eine Schülerin. Ob ein Vertreter der Partei
wohl bereit wäre, ihrer zwölften Klasse der Freien Waldorfschule
Treptow-Köpenick im Rahmen eines Unterrichtsprojekts zur Bundestagswahl
seine Ansichten zu erläutern? Wie die Antwort lautete - man kann
es sich denken. Während sich republikweit Politiker und Pädagogen
mühen, rechtsextreme Wahlkämpfer und deren Propaganda wenigstens
von den Schulhöfen fernzuhalten, passiert an einer Berliner Schule
das Gegenteil. Man bittet die NPD hinein ins Klassenzimmer.
Vergangenen Donnerstag traten gleich zwei NPD-Nachwuchsrekrutierer vor
die Waldorf-Klasse: eine Berliner Stützpunktleiterin der "Jungen
Nationaldemokraten" (JN) und der frühere Braunschweiger Waldorflehrer
Andreas Molau, dessen Wechsel in die Chefredaktion des NPD-Blattes Deutsche
Stimme im vergangenen Jahr Schlagzeilen gemacht hatte.
Die Schulleitung erfuhr von der ungewöhnlichen Lehrstunde erst im
Zuge der taz-Recherchen - und reagierte bestürzt. Die Aktion sei
"nicht glücklich" gelaufen, sagt der Geschäftsführer
der Schule, Christopher Steinke. Die Lehrerin habe den Schülern erlaubt,
für ein Unterrichtsprojekt zur Wahl auch Politiker einzuladen. Erst
am Abend vorher habe sie mitbekommen, dass eine Arbeitsgruppe den Besuch
der Rechtsextremen organisiert hatte. Die Pädagogin, bedauert Steinke,
sei "blauäugig" und "überfordert" gewesen.
Sie habe "sehr unbedacht" gehandelt.
Inzwischen dürften Lehrerin wie Schüler zumindest ein plastisches
Bild davon haben, wie rechtsextreme Propaganda funktioniert. Denn die
NPD feierte die Schulvisite prompt als Beweis für ihren erfolgreichen
"Kampf um die Jungwähler" und jubilierte in einer Pressemitteilung:
"Während die Schülerinnen und Schüler nichts Anrüchiges
an den erarbeiteten NPD-Thesen finden konnten, bemühte sich die ganz
offensichtlich PDS-nahe Lehrerin, die Klasse einzuschüchtern."
Diese Darstellung, versichern die Zwölftklässler, sei "völlig
verdreht". In einer ausführlichen Stellungnahme distanzieren
sie sich von der NPD-Programmatik. Fazit: "Wir sind keine potenziellen
Nationaldemokraten."
Die JN-Referentin hatte die Hoffnung nach ihrem Auftritt aber offensichtlich
noch nicht ganz aufgegeben. Laut dem Schulgeschäftsführer versuchte
sie gezielt, einen Schüler der Klasse anzuwerben - er könne
sich gern melden, vielleicht könne man sich erneut treffen. Der Schüler
habe daran aber nach eigenen Angaben kein Interesse.
Die rechtsextreme Lehrstunde in der Waldorfschule stellt Pädagogen
vor die Frage: Wenn man gegen rechtsextreme Propaganda vor den Schulen
mobilisiert, sollte man dann nicht auch NPD-Auftritte im Unterricht unterbinden?
Die Antwort der Berliner Bildungsbehörde lautet: Jein. Laut Schulgesetz
dürften Schulen "kein Tummelplatz für Gegner von Demokratie
und Toleranz" sein, erklärt ein Sprecher von Bildungssenator
Klaus Böger (SPD) auf Nachfrage. Allerdings sei es auch keine pädagogische
Lösung, die NPD totzuschweigen - "gerade in Gebieten mit unterschwelliger
Sympathie unter Jugendlichen". Seine Forderung: Referenten dürften
nur vom Lehrer und im Einvernehmen mit der Schulleitung eingeladen werden.
Denn: "Die Auseinandersetzung mit der NPD kann zur Gratwanderung
werden."
Das hat auch das Kollegium der Waldorfschule in Treptow-Köpenick
begriffen. Mit der Idee, Gäste künftig nur noch mit Erlaubnis
der Schulleitung vor die Klasse zu lassen, kann sich die Mehrheit allerdings
bisher nicht anfreunden.
Derzeit werde über den richtigen Umgang mit der NPD "intensiv
diskutiert", sagt Schulgeschäftsführer Steinke. Grundsätzlich
wolle man zum selbstständigen Denken erziehen.
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20.09.2005 Berliner Zeitung
11,4 Prozent im Ortsteil Oberschöneweide
Im gemeinnützigen
"Sozialladen" gibt es Gedränge - die Regale werden gerade
aufgefüllt. Arbeitslose und Hartz IV-Empfänger können dort
günstig einkaufen, die meisten der Lebensmittel gehen preiswerter
als bei Aldi über den Ladentisch. Im traditionellen Arbeiterviertel
zwischen Edison-, Siemens- und Wilhelminenhofstraße wohnen viele,
die das Angebot gebrauchen können. Dort, in Oberschöneweide,
im Wahlbezirk 405, hat die NPD am Sonntag ihr bestes Berliner Ergebnis
erzielt: 11,4 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf die Rechtsextremen.
Am Tag danach im "Imbiss an den Spree-Höfen", wozu eine
alte Straßenbahn umgebaut wurde, wird über das gute Abschneiden
der Rechtsextremen diskutiert. Niemand will sie gewählt haben. Der
Betreiber der Imbissbude, Mario Tietze (34) ist entsetzt über die
Stimmen für die NPD: "Im Viertel sind die Rechten nicht präsent",
meint er. Er könne das beurteilen, schließlich kehre fast jeder
einmal auf ein Bier oder eine Wurst bei ihm ein. "Glatzen sind nicht
dabei, glücklicherweise", sagt er. Holger Vollrath (41) dagegen
findet es gut, dass mehr als ein Zehntel der Wähler aus dem Kiez
ihr Kreuz bei der NPD gemacht hat: "Die da oben müssen merken,
dass sie bloß Murks machen," sagt der frühere Ingenieur,
der jetzt mal da und mal hier jobbt. Er meint Regierung und Opposition
gleichermaßen. Selber war er allerdings diesmal nicht wählen,
sondern in der Kirche.
Gebäudereiniger Frank Nowak (42) spricht von "Frustwählern",
die der NPD ihre Stimme gegeben haben. "Es fehlen Arbeitsplätze,
besonders für Arbeiter", sagt er. Das sei das große Problem
im Kiez. Früher arbeiteten in Oberschöneweide Zehntausende im
Kabelwerk Oberspree und im Transformatorenwerk. Das ist inzwischen Geschichte,
die Betriebe gibt es längst nicht mehr. Doch die meisten der Werkshallen
sind inzwischen saniert, Läden zogen dort ein und Ärzte, kleine
Firmen und Künstler. Erst kürzlich wurde an der Wilhelminenhofstraße
der Grundstein für einen neuen Campus der Fachhochschule für
Technik und Wirtschaft (FHTW) gelegt, die Reinbeckhallen werden bis 2007
zu Museen und Galerien ausgebaut."In den letzten Jahren ging es hier
wieder aufwärts", sagt Nowak, "allerdings nicht für
alle."
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26.09.2005
Morgenpost
Rechtsradikale greifen Passanten an
Fünf
Anhänger der rechten Szene haben am vergangenen Freitag einen 16jährigen
am Hegemeisterweg in Karlshorst durch Tritte zu Boden gebracht. Anschließend
wurde dem Jugendlichen, der durch sein Aussehen der linken Szene zugerechnet
werden könnte, der Haarzopf mit einem Messer abgeschnitten. Das Opfer
begab sich wegen einer leichten Verletzung am Rücken in ärztliche
Behandlung.
Wahrscheinlich dieselbe Tätergruppe hat in der vergangenen Nacht
in zwei weiteren Fällen Passanten angegriffen, beleidigt und verletzt.
Die acht bis zehn als "Rechte" beschriebenen jungen Männer
waren in Oberschöneweide unterwegs. Gegen 23.30 Uhr schlug einer
aus der Gruppe einem 20jährigen Deutschen aus Köpenick den Ellenbogen
vor die Brust und beleidigte ihn als "Scheiß-Türken".
Als der 20jährige in Richtung Firlstraße flüchtete, warfen
ihm zwei der Angreifer Bierflaschen hinterher, verfehlten ihn jedoch.
Zeugen hörten, wie mehrere der jungen Männer "Ausländer
raus" riefen. Rund 45 Minuten später pöbelte einer aus
der Gruppe einen 19jährigen und einen 20jährigen mit den Worten
"Heil Hitler" auf der Treskowbrücke an. Nachdem der 20jährige
nicht darauf reagierte, sprühte ihm ein Täter Tränengas
ins Gesicht. Die Angreifer gingen anschließend weiter, als wäre
nichts geschehen. In einem Krankenhaus wurden dem Opfer dieses Angriffes
die Augen ausgespült, danach konnte er aus der ambulanten Behandlung
entlassen werden. In allen Fällen ermittelt der polizeiliche Staatsschutz.
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06.10.2005
Berliner Zeitung
Gestohlener Stolperstein wird erneuert
Der Anfang
August gestohlene Stolperstein für den Antifaschisten Otto Dunkel
wird am 28. Oktober neu verlegt. Nach Angaben des Bezirksamtes kommt der
neue Stein mit Messingoberfläche vor dem Bürgeramt an der Michael-Brückner-Straße
in die Erde. Ganz in der Nähe lebte der Gewerkschafter Otto Dunkel,
der 1942 ins Konzentrationslager Neuengamme verschleppt wurde. Dunkel
zählte zu jenen rund 7 000 Häftlingen, die kurz vor Kriegsende
auf das Schiff Kap Arkona verladen wurden. Das Schiff ging bei einem Bombardement
unter. Der erste Erinnerungsstein war Anfang August vermutlich von rechten
Jugendlichen aus dem Pflaster gebrochen worden. Der neue Stein wurde vom
Bund der Antifaschisten in Auftrag gegeben. Bundesweit erinnern über
6 000 Steine an Nazi-Opfer. (sk.)
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15.10.2005 Tagesspiegel
Endstation Schöneweide
Oktober 1993: Hansi Hockenheim, 28, geistig behindert, liegt tot am Bahnhof.
Getreten, geschlagen. Waren die Täter Rechtsradikale?
Um kurz nach
fünf drückt den Mann von der BSR die Blase. Er hat Kippen und
Dreck auf dem menschenleeren Bahnhofsvorplatz zusammengefegt. Jetzt stellt
er den Besen beiseite und geht ein paar Schritte die alte Mauer links
entlang bis zu der Stahltür mit den Büschen. Der Imbiss davor
hat noch nicht offen. Der Zeitungsmann schleppt gerade seine Packen zum
Eingang. Und die paar Taxis stehen davor. Zu weit weg. Es ist noch stockfinster.
Plötzlich stößt er auf etwas: Da liegt einer. Im Sand
vor der Mauer. Auf dem Bauch. Gliedmaßen wie erschlafft. Plastiktüte
daneben. Den kennt er doch? Er ruft den Zeitungsverkäufer herbei.
Der Mann liegt doch da wie tot – ist das nicht der mit der S-Bahn-Marotte?
Sie laufen zum Taxistand. Um 5 Uhr 22 geht bei der Freiwilligen Feuerwehr
Johannisthal ein Alarmruf ein. Kurz danach stellen die Sanitäter
fest, dass Hansi Hockenheim tot ist. Eine Stunde später ist vor dem
S-Bahnhof Schöneweide Hochbetrieb. Polizei- und Feuerwehrwagen. Absperrbänder.
Kriminalpolizisten beim „ersten Angriff“. Die Lage sieht nach
Tötungsdelikt aus, also die Mordkommission rufen, die an diesem Tag
Bereitschaft hat. Die Ermittlung beginnt. Der Gerichtsmediziner nimmt
die erste Leichenbesichtigung vor. Ganz allmählich dämmert der
Morgen.
Hansi Hockenheim hat schwere Verletzungen am Kopf, die auf Faustschläge
und Tritte deuten, und den Abdruck eines Schuhs im Gesicht. Die Obduzenten
der Charité werden ein paar Stunden später eine Hirnprellung,
massive innere Blutungen und Erstickungszeichen feststellen. Und noch
ein grausames Detail: Hansi Hockenheim hat mit großer Wahrscheinlichkeit
noch mindestens eine Stunde gelebt. 28 Jahre alt und mutterseelenallein.
In dieser Nacht trägt die Gegend ihren bitterbösen Spottnamen
wieder mal zu Recht: Schweineöde.
Es ist der letzte Oktobersonntag 1993. Seit gut drei Jahren ist die Mauer
zwischen Treptow und Neukölln weg. Aber für viele Bewohner der
traditionellen Industriegebiete Nieder- und Oberschöneweide hat die
Freiheit einen besonders hohen Preis. Mit der Mauer verschwinden fast
über Nacht sämtliche Produktionsbetriebe. Und mit den Löhnen
die Läden. Schließlich verödet auch der Bahnhof Schöneweide,
bis dato ein quirliger Knotenpunkt für Fern- und S-Bahnen, aber durch
den Ausbau der Schnellerstraße zum sechsspurigen Zubringer für
die Ausfallstraße Adlergestell schon zu DDR-Zeiten vom alten Kiezkern
abgetrennt. Aus Arbeitern und Angestellten werden Arbeitslose. Aus Kindern,
die in einen autoritären Staat mit Besitzstandsgarantie hineingeboren
wurden, werden Jugendliche, denen der neue Staat nicht mal eine Ausbildung,
geschweige denn lohnende Perspektiven zu bieten hat. Wieso sollte man
den als Autorität begreifen?
„Landfriedensbrüche hatten wir zu Anfang in Serie“, erinnert
sich Günter Traut, Kriminalhauptkommissar und seit 1990 in der Direktion6,
seit 1992 als Sachbearbeiter für Jugendgruppengewalt. Delikte von
Kids, die keine Regeln mehr respektierten, in Banden durch Laubenkolonien
marodierten und Schrecken verbreiteten. Bahnhof und Umgebung werden in
dieser Zeit einer der „Kriminalitätsbrennpunkte“ der
Stadt. Polizei ist hier oft. Nicht nur, wenn Union oder Dynamo spielen
und die Fans per S-Bahn anrollen. Gewalttätige Auseinandersetzungen
zwischen ihnen waren schon zu DDR-Zeiten an der Wochenend-Ordnung. „Pöbeleien
und Schlägereien hat's da immer schon gegeben“, sagt Birgit
Hannemann. Sie ist Geschäftsführerin der „Villa Offensiv“,
eines von Bezirk und Senat geförderten Nachbarschaftshauses schräg
gegenüber vom Bahnhof. Sie hat 1991 mit anderen Frauen zusammen den
Verein „Offensiv“ gegründet, ein Kind des Aufbruchs.
Seit 1994 ist Niederschöneweide Sanierungsgebiet. Seitdem ist viel
passiert an Renovierung und Wiederbelebung. „Gewaltkonflikte wurden
ja in der DDR sehr gedeckelt. Plötzlich waren sie im Bewusstsein
der Öffentlichkeit und in den Medien.“ Die explodierende Jugendgewalt.
Die jungen Männer mit den Glatzen und Bomberjacken und Springerstiefeln
oder bestimmten Turnschuhmarken. Die rechtsradikalen „Kameradschaften“,
die aus dem industriell verseuchten Boden schossen und die verlorene Generation
aufsogen. Die Angriffe auf Menschen, die nicht ins Weltbild der „Deutschland
den Deutschen!“-Deutschen passen, weil sie anders sind, oder die
für leichte Beute gehalten werden: Schwule, Sprittis, Dunkelhäutige,
Behinderte. Die Gegend bekam ein Stigma: Angstraum.
Hansi Hockenheim war anders. Bei seiner Geburt hatte sich die Nabelschnur
um seinen Hals gewickelt und seinem Hirn eine Zeit lang den Sauerstoff
abgeklemmt. Lange genug, um es nachhaltig zu schädigen. Hansi Hockenheim
blieb geistig zurück. Deshalb lebte er bei seiner Mutter. Auch die
Schwester wohnte im selben Haus. Sie arbeitete bei der Reichsbahn. Hansi
wurde Bahnfreak. Ein lieber Mensch, der niemandem Böses wollte oder
tat, der glücklich in festen Ritualen seiner Leidenschaft frönte.
Abends besuchte er immer seinen Freund, den S-Bahner, auf dem Bahnhof
Ostkreuz. Dosen voll Katzenfutter in der Plastiktüte. Hansi versorgte
auch vierbeinige Ostkreuz-Streuner. Dann fuhr er mit der letzten S-Bahn
die vier Stationen nach Schöneweide. Auch dort half er, wo man ihn
ließ. Er weckte die Obdachlosen im letzten Abteil und geleitete
sie nach draußen. Er ging dem Bahnpersonal zur Hand. Und wenn sein
Tagewerk getan war, stieg er vor dem Bahnhof in den Nachtbus und ein paar
Haltestellen weiter vor seiner Haustür wieder aus.
Am Sonnabend, 23.Oktober, ist es genauso, hat die Kripo ermittelt. „Um
0Uhr 40 nimmt er die S-Bahn, um zwei, halb drei sieht ihn eine Zugabfertigerin
auf dem Bahnsteig A“, sagt KHK Traut. „Wir gehen davon aus,
dass er auch in der Tatnacht den Nachtbus um 2 Uhr 42 nehmen wollte.“
Was stattdessen geschieht, weiß bis heute niemand. Fest steht, dass
in jener Nacht der reguläre Bus ausfällt und ein Taxidienst
für Ersatz sorgt. Es steht auch ein Taxi da, und der Fahrer kennt
Hansi Hockenheim. Sehen tut er aber weder ihn noch irgend etwas Auffälliges.
Die Kripo geht auch zwei Anzeigen wegen Körperverletzung nach, begangen
auf dem Bahnsteig A zwischen ein Uhr und 1 Uhr 15 in derselben Nacht.
Aber dass der 19-jährige Schläger sich auch an Hansi Hockenheim
vergriffen hat, lässt sich nicht erhärten. Drei Wochen später
wird unweit des Bahnhofs ein betrunkener 45-Jähriger ermordet. Er
stirbt an Verletzungen durch Tritte gegen den Kopf. Die 16- und 18-jährigen
Täter gehören „zum kriminellen Umfeld des S-Bahnhofs Schöneweide“.
Sie gestehen diese Tat, bestreiten aber jeden Zusammenhang mit der an
Hansi Hockenheim. Blutspuren auf ihren Sachen stammen nicht von ihm.
Die fünfte Mordkommission hat sich da längst aus dem Fall zurückgezogen.
„Die Bearbeitungszuständigkeit für uns war nach der Obduktion
nicht mehr gegeben“, sagt EKHK Gerd Hasse, damals Leiter der Fünften,
heute Chef des Kommissariats für operative Fallanalysen. „Das
Opfer starb erst nach einem längeren Zeitraum infolge Erstickens,
vorsätzliche oder beabsichtigte Tötung ließ sich nicht
erkennen.“ Und wenn es „nur“ Körperverletzung mit
Todesfolge ist, müssen die stadtweit arbeitenden Mordkommissionen
den Fall an die örtliche Kripo zurückgeben. „Was aber
gerade in diesem Fall zweckmäßig war. Im Bereich ,Jugendgruppengewalt'
kennen die ihre Pappenheimer besser als wir, und es war zu vermuten, dass
die Täter dazugehören.“
Wegen des Schuhabdrucks auf Hansis Gesicht. Ein Turnschuh. Eine bestimmte
Marke, ein bestimmtes Modell. Beliebt bei Skins, Neonazis und ähnlich
entgleisten Kids in Treptow-Friedrichshain-Lichtenberg-Köpenick.
Der Polizeioberkommissar Volker Hertzberg kennt sie alle, Schuhe wie „Pappenheimer“,
aus seinen zehn Jahren bei der Operativen Gruppe gegen Jugendgruppengewalt
(OGJ) der alten Direktion 6. Aber auch der Abgleich mit Schuhabdrücken
aus anderen Rohheitstaten führt ins Nichts. In der Hoffnung auf irgendeine
neue Spur nehmen sie sich ein paar Tage nach der Tat noch einmal die Stelle
neben dem Bahnhof vor, an der Hansi Hockenheim starb. Sie finden oben
an der Stahltür Blutspritzer. „Er muss schon am Boden liegend
so malträtiert worden sein, dass sein Blut weit hoch gespritzt ist.“
Damit steht der Fundort als Tatort fest. Wer hat seinen Gewaltrausch dort
ausgetobt? Vielleicht der oder die Täter, die irgendwann in jener
Nacht in den Kiosk im Bahnhof eingebrochen waren? Hatte Hansi Hockenheim
die womöglich beobachtet und zur Rede gestellt? Haben sie ihn dafür
zusammengetreten? Es lässt sich nicht klären. Die Einbrecher
bleiben unbekannt.
Sind die Täter Rechte? Leute, die einen Behinderten für „minderwertig“
halten? Manche Schöneweider sind sich da sicher. „Hans H. wurde
ermordet. Faschistische Morde wie in Schöneweide, Rostock, Mölln
und Solingen dürfen uns nicht gleichgültig machen!“ ruft
ein Flugblatt zur Protestkundgebung am 5.November vor dem Bahnhof.
Es kann auch eine Horde alkoholisierter Kids gewesen sein, „die
zufällig auf ihr Opfer treffen und irgendeinen Auslöser suchen
und finden, um sich in einen Rausch zu kloppen und zu treten“, sagt
Hertzberg. „Und am Ende ist ein Mensch tot, und sie können
selber nicht sagen, wie das alles passiert ist.“ Hertzberg und Traut
kennen unzählige solche Fälle. Es gibt sie bis heute. Nicht
nur in Schöneweide. Nicht nur im Berliner Osten. Nicht nur in Berlin
und nicht nur in Deutschland.
Die Rechten versuchen seit einigen Jahren, den Berliner Südosten
in eine „deutsche Zone“ umzufunktionieren. Die NPD hat 2000
ihre Zentrale nach Köpenick verlegt und plant ein „Nationales
Bildungszentrum“, womöglich in Anlehnung an einen makabren
genius loci – im Juni 1933 hatte ein organisierter Gewaltrausch
der SA zur „Köpenicker Blutwoche“ geführt. Bisher
ohne Erfolg. Der Widerstand der Bürger ist vielfältig, hartnäckig,
gut vernetzt und setzt auf die Kraft eines ganz einfachen, zivilen Gefühls:
Dieses ist unser Kiez, und den lassen wir uns nicht zum „Angstraum“
machen. Gut möglich, dass, wenn erst die Fachhochschule für
Technik und Wirtschaft ab 2006 Studenten aus aller Welt anzieht, auch
die Bevölkerung irgendwann wirklich bunt wird.
Und sehr gut möglich, dass irgendwann der Tod von Hansi Hockenheim
doch noch aufgeklärt wird. Denn auch wenn es kein Mord war, der nie
verjährt – selbst so eine Tat, ob jemand den Tod gewollt oder
„nur“ ungewollt verschuldet hat, verjährt erst nach 20
Jahren. Der oder die Täter sind heute vermutlich Ende zwanzig, Anfang
dreißig. Gut möglich, dass einen von ihnen doch das Gewissen
drückt. „Für die“, überlegt Birgit Hannemann,
„ist die Tat ja auch nicht zu Ende, genauso wenig wie für Hansis
Familie. Wie lebt man damit?“
Und mit der Gewissheit, dass auch die Ermittler die Tat nie vergessen
und DNA-Spuren oft noch ein halbes Leben später zu Tätern führen?
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15.10.2005 Neues Deutschland
Wenig ritterlich -
Naziladen »Parzifal« in Köpenick eröffnet
Von Johannes Freund
Parzifal war ein unbeholfener, junger Mann, der auszog, um sich in
Abenteuern als edler Ritter zu beweisen. Wenig edel und ritterlich ist
allerdings, was in dem nach der Sagengestalt benannten Laden in
Köpenick geschieht. ND liegen Berichte vor, dass in der Marienstraße
ein Treffpunkt der Neonaziszene entsteht. Unter dem Ladentisch sollen
indizierte Artikel von Thor Steinar oder Tonträger der Gruppe Landser
verkauft werden. Zur Eröffnung am 8. Oktober reisten Mitglieder der
Nazigruppe Vandalen an. Laut einem Schreiben, das in der rechten Szene
kursiert, bietet der Laden alles, was das nationale Herz begehrt.«
Noch fehlen eindeutige Beweise, dass dort wirklich
verfassungsfeindliche Produkte verkauft werden. »Wenn wir den Beleg
hätten, könnten wir Anzeige erstatten«, vermeldete der Leiter der AG
Antifa der Linkspartei in Köpenick.
Das wird schwer zu beweisen sein, da Außenstehende kaum verbotene Ware ausgehändigt bekämen.
Die Polizei sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. Es fehlten Hinweise
auf politischen Extremismus oder Straftaten. Und der Zwangsverwalter
des Hauses ist erst einmal machtlos. In einem Schreiben an seinen
Mieter kündigt er jedoch an: »Strafbares Handeln in den Gewerberäumen
werde ich in keinem Fall dulden.« Bei Unterzeichnung des Mietvertrages
sei ihm nicht bekannt gewesen,was sich hinter dem Namen »Accessoires
Handel Deutschland« verbirgt.
Doch rechtliche Mittel sind nicht die einzige Möglichkeit, Köpenick von
Parzifal zu befreien. »Wenn sich keine strafrechtliche Relevanz ergibt,
*so muss man versuchen*, über öffentlichen Druck was zu machen,«
*meinte Bianca Klose, Leiterin der Mobilen Beratung gegen
Rechtsextremismus (MBR) gegenüber ND. Bei der Linkspartei und anderen
Engagierten in Köpenick formiert sich bereits Widerstand.*
Bleibt nur zu hoffen, dass »Parzifal« das gleiche Schicksal blüht wie
ähnlichen Läden in Pankow, die in letzter Zeit schließen mussten. Dort
wächst jetzt Unkraut vor der Tür.
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20.10.2005 Neues Deutschland
Braune Schmiere
E s ist nicht zu übersehen: In Berlin versucht ein Teil der braunen
Szene, sich unter dem Schirm der NPD neu zu sortieren und dies aktionsgeladen
auch öffentlich kundzutun. Die Schmierereien, von denen die Stadt
seit einer Woche gehäuft heimgesucht wird, deuten darauf hin. Zuerst
vergriff man sich an einem jüdischen Denkmal, dann an Grabmalen von
Bertolt Brecht, Heinrich Mann und Johannes R. Becher, zuletzt am Roten
Rathaus und am Treptower Ehrenmal. Opfer und Tatorte sind im Sinne und
Geiste des Faschismus.
Solche ausdrückliche Wesensverwandtschaft gehörte eingangs des
Jahres maßgeblich zum Verbotskonstrukt für zwei Kameradschaften
und eine Mädelclique. Die erste allgemeine Verunsicherung in der
Nazi-Szene wich aber rasch, als sich andeutete, dass es sich mehr um ein
rhetorisches Verbot handelte, das sich leicht umgehen lässt: Indem
man schlägt und zündelt und schmiert und hetzt und aufmarschiert
wie zuvor.
Die Strukturen der Kameradschaften wurden kaum angerührt. Die Treffpunkte
existieren an altem Orte weiter. Polizei und Juristerei sehen keine Handhabe
einzuschreiten. So erinnert die braune Schmiere in markanter Weise daran,
dass das Verbot wohl wichtig war, man es aber auch konsequent umsetzen
muss. Sonst taugt es eben nicht.
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26.10.2005 Junge Welt
Ein neuer Stolperstein für Otto Dunkel
Berlin: Neonazis rissen Andenken für Antifaschisten aus dem Pflaster.
Kundgebung am Freitag
Wenn in Berlin heute das Wort »Stolperstein« fällt, fragt
kaum mehr jemand, wozu das Zeichen mitten auf dem Gehweg gut sein soll.
Die Menschen wissen inzwischen, daß das Stolpern nur symbolisch
gemeint ist. Eine Messingplatte im Pflasterstein soll die Passanten veranlassen,
stehen zu bleiben und hinzugucken. Die eingravierten Worte »Hier
lebte ...« und wenige Daten über ein Menschenleben und -sterben
während des Faschismus soll zum Nachdenken und Grübeln anregen.
Inzwischen sind über 600 Stolpersteine in den Berliner Bezirken verteilt.
Sie berichten von ermordeten Juden, von Sinti und Roma, von Opfern der
Euthanasie, von Christen, Gewerkschaftern und antifaschistischen Widerstandskämpfern.
Auch in Berlin-Treptow wurden bereits mehrere Stolpersteine gelegt. Zuletzt
am 28. Juli dieses Jahres in Niederschöneweide. Der Stolperstein,
bestimmt für Otto Dunkel, war bereits einen Tag später aus dem
Pflaster gerissen. Der Stadtteil ist bekannt durch verstärkte Umtriebe
von Neonazis. Diese Provokation will der Bund der Antifaschisten Treptow
nicht hinnehmen. Die Organisation gab einen größeren Stolperstein,
der nicht so einfach weggeschleppt werden kann, in Auftrag. Am 28. Oktober
soll er verlegt werden. Der Bund der Antifaschisten ruft dazu auf, zur
damit verbundenen Kundgebung zu kommen, um den Neonazis im Stadtteil ihre
Grenzen zu zeigen.
Otto Dunkel wurde am 9. April 1898 bei Templin geboren, war von Jugend
an aktiver Gewerkschafter und später im illegalen antifaschistischen
Widerstand. Als politischer Häftling wurde er 1942 in das Konzentrationslager
Neuengamme bei Hamburg verschleppt.
Beim Heranrücken der britischen Armee sollte das KZ Neuengamme noch
kurz vor der Befreiung auf Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler geräumt
werden. Durch Vernichtung der Zeugen wollte die SS ihre grauenhaften Verbrechen
vertuschen. Die Häftlinge wurden von den Faschisten nach Lübeck
gebracht und auf Schiffe verladen, die später versenkt werden sollten.
Der Antifaschist Otto Dunkel starb am 3. Mai 1945 als einer von 5000 Häftlingen
an Bord der »Cap Arkona«. Bevor die Nazis das Schiff wie geplant
in der Ostsee versenken konnten, wurde es durch britische Bomber in Unkenntnis
der Lage angegriffen und zerstört.
* Stolpersteinlegung und Gedenkstunde für Otto Dunkel
am 28. Oktober, 15.30 Uhr, Bürgerhaus »Michael Brückner«,
Schnellerstraße/Spreestraße, Berlin-Niederschöneweide |