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Pressearbeit
Im folgenden sind die Presseartikel dokumentiert, die sich mit Nazis
in Treptow beschäftigen bzw. Reaktionen auf Pressemitteilungen der
Treptower Antifa Gruppe beinhalten.
1997 1998
1999 2000 2001
2002 2003 2004
2005 2006

2004
Eine
Plattform für Rechte > 12.01.04 Berliner Zeitung
Gesucht: Noch mehr Problemkieze > 20.01.2004 Berliner
Zeitung
NPD ist ihren Anhängern
zu multikulturell >
22.01.04 Berliner Zeitung
Runder
Tisch gegen Übergriffe von Rechtsradikalen 16.2.2004 Berliner
Morgenpost
Bloße Kopie? > Berliner
Zeitung, 18.02. 2004
Nazis
sind kaum noch zu erkennen >
Berliner
Zeitung, 18.02. 2004
Neonazis
verkleiden sich als Autonome >
18.02.
2004 Berliner Zeitung
Aufzug in Masken und schwarzen Kapuzen
>
Neues Deutschland 28.02.04
Polizei lobt ihr Engagement gegen Rechts > 28.02.2004
Berliner Zeitung
Rechte schlugen Vietnamesen krankenhausreif > 07.04.2004
Berliner Zeitung
Neonazis verprügeln Ausländer > 07.04.2004
Morgenpost
Ausländer von Neonazis verprügelt >
Die Welt 07.04.2004
Streetworker: Gewalt nimmt zu >
07.04.2004
Morgenpost
2 400 rechtsextreme Berliner > 07.04.2004
Berliner Zeitung
Demo gegen NPD-Zentrale > 07.06.2004 Berliner Zeitung
Aggressiver Protest gegen NPD in Köpenick >
07.06.2004 Tagesspiegel
Protest gegen einseitige Bildung
> 07.06.2004 TAZ
Verbotene
Musik >
15.06.2004
Berliner Zeitung
Ganz
schön viele denken dumpf
> 15.06.2004
TAZ
Untersuchung
zu Rassismus in drei Bezirken
> 15.06.2004
Berliner Zeitung
Erster Stolperstein in Köpenick > 24.06.2004
Berliner Zeitung
Warum
Neonazis ungern telefonieren
> Berliner
Zeitung 15.7.2004
Bewährungsstrafe für Misshandlung eines Vietnamesen
> 02.08.2004
RBB
"Fremdenfeindliche Grundhaltung" >
03.08.2004 Morgenpost
Fidschi? "Ein ganz normales Wort" > 03.08.2004
TAZ
Gymnasiast gesteht Angriff auf Vietnamesen > 03.08.2004
Tagesspiegel
RECHTE SZENE > 03.08.2004
Tagesspiegel
Faschos nehmen Schulen ins Visier
>
09.08.2004 Taz
Fascho-Fasching
> 09.08.2004
Junge Welt
Deutsches Haus > 11.08.2004 Jungle World
Bei
uns kann jeder machen was er will
> 20.8.2004
Analyse und Kritk
Festival gegen Neonazis >
27.08.2004
Morgenpost
"Kameradschaft
Tor" überrascht die Polizei >
28.08.2004 Berliner Morgenpost
Antifademo und Jugendfestival in Berlin-Köpenick >
01.09.2004
Junge Welt
Rechte überfielen Besucher von linkem Festival >
06.09.2004
Neues Deutschland
Zahl der Neonazis nimmt zu > 06.09.2004
Morgenpost
Aktionäre ohne Gewissen > 15.09.2004 Junge
Welt
Nach der Schule geht's zur Kameradschaft
>
23.09.2004
Berliner Zeitung
Toter Mann stellt die Polizei vor Rätsel >
04.10.2004
Berliner Zeitung
Tod nach Streit mit Nazi > 04.10.2004
Tagesspiegel
Herzinfarkt statt Verbrechen: 59jähriger
tot aufgefunden > 04.10.2004 Morgenpost
Nazi schlug Mann - tot > 04.10.2004 Berliner Kurier
NPD-Erfolg: wie rechtsextreme Kameradschaften die Jugend
erobern wollen > 06.10.2004 KLARTEXT
Brandenburgs Rechtsextreme wollen mehr Einfluss in Berlin
> 14.10.2004 Berliner Zeitung
Rechtsextreme Länderfusion
>
15.10.2004 Tagesspiegel
Extrem in Mode, aber zerstritten > 19.10.2004 TAZ
"Die NPD propagiert
eine rechte Volksfront"
> 23.10.2004 Tagesspiegel
Bürgerverein
fordert Verbot von Neonazi-Aufmarsch in Adlershof > 17.11.2004
Yahoo-Nachrichten
Neonazi-Demo: Anwohner beantragen Verbot > 17.11.2004
Morgenpost
Der Bürgerverein Adlershof leistet Widerstand >
17.11.2004 RBB-Online
Bürgervereine: Protest gegen Neonazi-Aufmarsch
>
17.11.2004 Berliner Abendblatt
Bürger wollen Nazis stoppen > 18.11.2004 TAZ
Prominente fordern Verbot von Neonazi-Aufmarsch >
18.11.2004 Berliner Zeitung
Dumpfbacken mucken auf > 19.11.2004 TAZ
Verfassungsschutz warnt: Neonazis haben Zulauf >
23.11.2004
Berliner Morgenpost
Brauner
Marsch durch Adlershof geplant
> 29.11.2004
Neues Deutschland
Nazis werden ausgepfiffen > 30.11.2004 Berliner
Zeitung
Bezirk ruft auf zu Protest gegen Nazis > 30.11.2004
Tagesspiegel
"Der Demagogie von Neonazis Aufklärung entgegensetzen"
> 30.11.2004 Junge Welt
Marschroute
der Nazis noch offen > 02.12.2004
Neues Deutschland
Wie
vertreiben wir die braune Pest, Herr Innensenator?
>
02.12.2004
Berliner Kurier
Sechs
Kundgebungen gegen Neonazi-Demo > 03.12.2004 Berliner Morgenpost
Neonaziaufmarsch am Sonnabend, Brandanschlag im Vorfeld
> 03.12.2004 Berliner Zeitung
Schon wieder braunes Gesocks > 03.12.2004 TAZ
Widerstand gegen Neonazi-Aufmarsch in Köpenick >
03.12.2004 Yahoo
Herr Meyer, muss man als Jude in Berlin wieder Angst haben?
> 03.12.2004
Berliner Kurier
Körting plädiert für Präzisierung des
Versammlungsrechts > 03.12.2004
Yahoo News
"Versammlungsrecht
enger fassen" > 04.12.2004 TAZ
Gegendemos stärken > 04.12.2004 TAZ
Vielfacher Protest gegen Nazi-Marsch > 04.12.2004
Neues Deutschland
Neonazis festgenommen - Zahlreiche Proteste gegen rechten
Aufzug > 04.12.2004 Yahoo News
Neonazis von Protest begleitet > 05.12.2004 Morgenpost
"Man muß etwas entgegensetzen"
> 05.12.2004
Morgenpost
1300
Polizisten bewachen 250 rechte Demonstranten
> 05.12.2004
Tagesspiegel
Gut
behütet: Adlershof und Köpenick wurden zu einem Heerlager > 06.12.2004
Berliner Zeitung
21 Festnahmen bei Demonstrationen > 06.12.2004
Die Welt
"Berlin
gegen Nazis" > 06.12.2004 Junge Welt
Eier, Pfiffe und Klassik gegen Nazis > 06.12.2004
Neues Deutschland
Lautes Pfeifen nutzt nichts gegen 230 Pfeifen >
06.12.2004 TAZ
Nazi-Schläger überfielen PDS-Mann > 07.12.2004
Neues Deutschland
Neonazis bedrohen Polizeidirektor. Steckbriefe und Telefonterror
> 09.12.2004
Die Welt
Neonazis
bedrohen Polizeichef > 10.12.2004 TAZ
"Wir beugen uns nicht dem Druck" > 10.12.2004
Morgenpost
Maskerade der braunen Cliquen > 11.12.2004 Neues
Deutschland
Rechte
Feier gestürmt. Polizei beschlagnahmte "Thor Steinar"-Kleidung
> 13.12.2004 Tagesspiegel
Rechte saufen ohne Lizenz ab > 13.12.2004 TAZ
Hatz
auf einen Polizeiführer > 15.12.2004 Berliner Zeitung
Nazi-Demo
vor Haus eines Polizeidirektors wird verboten > 16.12.2004 Tagesspiegel
Polizei tritt Rechten auf die Füße >
16.12.2004 TAZ
Aufmarsch-Verbot für braune Szene > 16.12.2004
Neues Deutschland
Rechte
Demo gegen Polizeidirektor bleibt verboten > 18.12.2004 Tagesspiegel
Getarnte
"Kameraden" > 22.12.2004 Junge welt
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12.01.04
Berliner Zeitung
Eine Plattform für Rechte
Jugendamt versagt dem Verein "Brücke 7" den Status als
freier Träger
NIEDERSCHÖNEWEIDE.
Nein, aufgeben will Claus Bubolz nicht. Der Chef des Kulturvereins "Brücke
7" an der Brückenstraße geht jetzt gerichtlich gegen den
Bezirk vor. Beim Verwaltungsgericht legte Bubolz Widerspruch gegen die
Entscheidung des Jugendamtes ein, das seinem Verein die Anerkennung als
freier Träger der Jugendhilfe verweigert hatte. Von einer solchen
Anerkennung aber macht die Senatskulturverwaltung die Auszahlung von 114
000 Euro abhängig. Mit dem Geld will Bubolz in einem Anbau des Bürgeramtes
an der Grünauer Straße, gegenüber dem Bahnhof Schöneweide,
ein "Zentrum für Toleranz und gegen Gewalt" aufbauen. Der
Verein hat sogar schon einen Mietvertrag vom Bezirk. Ob das Zentrum nun
überhaupt gebaut werden kann, ist ungewiss. "Wir
haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und den Verein drei Jahre
lang geprüft", sagt Jugendstadtrat Joachim Stahr (CDU). Schließlich
arbeite ein freier Träger im Namen des Bezirksamtes und erhalte dafür
finanzielle Unterstützung. Doch bei "Brücke 7" hätten
weder das Konzept noch die Qualität des Personals überzeugt.
"Brücke
7" ist kein gewöhnlicher Verein. Sein Chef, der gelernte Mitropakellner
Claus Bubolz, hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch rechtsorientierte
Jugendliche zu betreuen. Er nennt sie "national eingestellt"
und ist überzeugt, dass für ihre Bekehrung zu Demokraten viel
Zeit und Herz ausreichen: "Wir reden über die Arbeit, die Freundin
und auch über Politik, das ist hochgradige Jugendarbeit, dafür
braucht man kein Diplom", sagt er. Im
Café und im Keller es Vereins finden neben Ausstellungen und Hip-Hop-Veranstaltungen
auch regelmäßige Diskussionsforen zwischen Rechten und Linken
statt. Auch Innensenator Erhart Körting (SPD) nahm schon an einem
solchen Forum teil. Im Kuratorium des Vereins finden sich Prominente wie
Joachim Gauck, Walter Jens oder Günter Grass, das Engagement von
Bubolz in der Jugend- und Kulturarbeit ist über Berlin hinaus bekannt.
Doch der brisanten Arbeit mit den Rechten ist er nach Auffassung des Jugendamtes
von Treptow-Köpenick nicht gewachsen. Stadtrat Stahr: "Er geht
naiv und teilweise völlig dilettantisch vor und bietet so den Rechten
eine Plattform." Ähnliche Bedenken äußert der Bewährungshelfer
für straffällige Jugendliche im Bezirk, der grüne Bezirksverordnete
Klaus Chinea Correa: "Die dort praktizierte distanzlose Jugendarbeit
ist gefährlich, weil Rechte den Verein immer mehr vereinnahmen."
Als problematisch sieht auch Bianca Klose vom Berliner Zentrum demokratischer
Kultur (ZdK) die Zustände bei "Brücke 7". Die Sozialarbeiterin
beobachtet die wachsende rechte Szene im Kiez seit zwei Jahren. "Die
Veranstaltungen im Café wurden oft von rechtsextremen Kadern zur
Selbstdarstellung genutzt, weil niemand ihren Argumentationen gewachsen
war." Das hat wohl auch Bubolz gemerkt - seit zwei Monaten dürfen
Kameradschaftsführer und andere rechte Kader nicht mehr an seinen
Veranstaltungen teilnehmen. Im
Bezirksamt ist man mit der Situation gar nicht glücklich. Bürgermeister
Klaus Ulbricht (SPD), der seinem Parteifreund Bubolz abgeraten hatte,
sich mit einer solch schwierigen Materie zu befassen, will das "Zentrum
für Toleranz und gegen Gewalt" und die damit verbundenen Fördermittel
retten: "Möglich wäre es, dass der Verein gemeinsam mit
einem freien Träger das neue Zentrum aufbaut", sagt er. Doch
das lehnt Claus Bubolz ab: "Wir sind allein stark genug, ich klage
notfalls durch alle Instanzen, um die Anerkennung für meine Arbeit
zu erlangen."
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20.01.2004
Berliner Zeitung
Gesucht: Noch mehr Problemkieze
Nach Kritik an ihrem Stadtteil-Atlas will die Polizei eine neue Brennpunktliste
vorlegen
Die Polizei
bereitet eine neue Untersuchung zu Berliner Problemkiezen vor. Nachdem
eine erste Erhebung in der vergangenen Woche für massive interne
Kritik gesorgt hatte, sollen demnächst die sechs Polizeidirektionen
nach einheitlichen Maßstäben abgefragt werden. "Bei der
neuen Erhebung werden harte und weiche Indikatoren einbezogen", sagte
ein leitender Beamter der Berliner Zeitung. Zu den harten Indikatoren
gehören nach seinen Worten die Zahl der Straftaten, aber auch Sozialdaten
zu Arbeitslosigkeit, Einkommen und Bildung. Die weichen Indikatoren seien
unter anderem Verwahrlosungstendenzen sowie das Sicherheitsgefühl
der Anwohner.
Die neue Studie, die voraussichtlich im Februar begonnen werden soll,
ist nach Einschätzung von Beamten eine Folge jener Untersuchung über
"problemorientierte Kieze", die von Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) am vergangenen Montag im Innenausschuss vorgestellt worden war.
Anhand dieser Untersuchung hatte Körting vor Verwahrlosungstendenzen
und Ghettobildung angesichts schlecht integrierter Ausländer gewarnt.
Uneinheitliche
Maßstäbe
Erst auf entsprechende Nachfragen hin hatten der Senator und Polizeipräsident
Dieter Glietsch eingeräumt, dass dabei keine einheitlichen Maßstäbe
angelegt worden waren. Jede Direktion war vielmehr aufgerufen, die aus
ihrer Sicht problematischsten Kieze zu nennen - und jede setzte dabei
offenbar eigene Schwerpunkte. Dementsprechend liegen jetzt allein vier
Problemkieze in Spandau, während aus Kreuzberg nicht ein einziges
Problemgebiet gemeldet wurde. Dass sämtliche Ostbezirke in der Untersuchung
überhaupt nicht auftauchen, liegt gar daran, dass die Polizeidienststellen
dort nicht einmal gefragt wurden - das berichten zumindest Beamte aus
der zuständigen Direktion 6.
Mittlerweile sorgte die Willkür, mit der die Polizeidirektionen ihre
Angaben meldeten, bei Sozialarbeitern, aber auch polizeiintern für
massive Kritik. "Diese Vorgehensweise vermittel kein objektives Bild
über die Situation", sagte der Landesvorsitzende des Bundes
deutscher Kriminalbeamter (BdK), Lutz Hansen, gestern. "Man hat Kellereinbrüche,
Wertzeichenfälschung, Geiselnahmen und anderes miteinander vermengt.
Es ist aber auch wichtig zu wissen, ob außerhalb dieser Statistik
Erkenntnisse vorliegen."
Gerade im Ostteil der Stadt kümmern sich Sozialarbeiter um ganz andere
Probleme als im Kiezatlas aufgeführt. "In jedem Ostbezirk gibt
es Probleme mit rechtsextremen Jugendlichen", sagt Timm Köhler
vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus. "Es gibt Angst-Räume,
also Gegenden, in denen Linke, Migranten, Obdachlose und Andere Übergriffe
befürchten müssen." Als Beispiele nennt Köhler die
Ortsteile Karow und Buchholz in Pankow, den Bahnhof Schöneweide und
Johannisthal in Treptow sowie in Hohenschönhausen den Welse-Kiez
und den Prerower Platz am Linden-Center. Dort sieht auch Mario Gartner,
der eine "Unabhängige Anlaufstelle für BürgerInnen"
gründete, eine hohe Dunkelziffer rechtsradikal motivierter Konflikte.
"Aber so etwas wird fast nie angezeigt - die Polizei erfährt
davon gar nichts", sagt Gartner.
Bereits die Gewalttaten, die offiziell angezeigt werden, halten in den
Ostbezirken die Polizei in Atem. Besonders die hohe Jugenddelinquenz macht
Sozialarbeitern und Behörden zu schaffen: Sachbeschädigung,
Graffiti und Raub werden immer wieder gemeldet. "Abziehen" nennen
Jugendliche das, was fast zum Volkssport geworden ist: das Rauben von
Handys oder Markenkleidung. Schwerpunkte dabei sind etwa Springpfuhl und
Marzahn Nord. In
der neuen Untersuchung, für die wieder die Innenbehörde zuständig
ist, dürften die bereits genannten neun Problemkieze wieder auftauchen,
sind sich Polizeibeamte sicher. "Wir kommen aber bestimmt auf sechs
bis acht weitere Gebiete, wo ähnliche Entwicklungen im Gange sind",
sagt Polizeidirektor Stefan Weis von der für Neukölln und Kreuzberg
zuständigen Direktion 5: "Zum Beispiel im Kreuzberger Wrangelkiez.
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22.01.04
Berliner Zeitung
NPD ist ihren Anhängern zu multikulturell
Parteiaustritte, weil ein Bosnier nominiert wurde
Die rechtsextreme
NPD steckt in Berlin und Brandenburg in einer tiefen Krise. In der vergangenen
Woche verlor sie den kompletten Kreisverband Prignitz-Ruppin. Auf einer
Mitgliederversammlung in Wittstock erklärten alle Anwesenden ihren
Parteiaustritt. Unter ihnen auch der Kreisvorsitzende Mario Schulz, der
zugleich Landesvorsitzender für Brandenburg war, sowie weitere Mitglieder
des Landesvorstands. Wittstock gilt als Hochburg der rechten Szene, der
örtliche NPD-Kreisverband Prignitz-Ruppin als einer der aktivsten.
Den Massenaustritt begründet Schulz mit der Nominierung eines gebürtigen
Bosniers Safet Babic als Kandidat für die Europa-Wahl. Der 22-Jährige
mit deutschem Pass, der im vergangenen Oktober vom Bundesparteitag aufgestellt
wurde, ist Student an der Uni Trier. Weltanschaulich versteht er sich
als "Befreiungsnationalist". Mit der Nominierung verabschiede
sich die NPD von dem Grundsatz "Deutscher ist, wer deutschen Blutes
ist", so Schulz. Die NPD reihe sich ein "bei den Feinden unseres
Volkes", teilte Schmidt mit.
Dass die nationalistische Partei sich rechtsextremen Kräften nichtdeutscher
Herkunft öffnet, bezeichnet Schmidts Nachfolger und Bundesvorstandssprecher
Klaus Beier als eine "gegenwartsbezogene Entscheidung". Doch
so viel Multikulti ist manchem zu viel. In einem rechten Internetforum
bringt ein Autor, der sich "Volksgenosse" nennt, auf den Punkt,
was viele Rechte denken: "Tatsache ist doch das sich die NPD so sehr
an dieses fremde BRD-System angepasst hat, das sie sich von den restlichen
BRD-Parteien nicht mehr unterscheidet."
Mario Schulz und andere kündigten derweil an, in Brandenburg eine
"Bewegung neue Ordnung (BNO) zu gründen. Diese Organisation
könnte der NPD "als Spaltpilz gefährlich werden",
glauben Verfasssungsschützer. Die NPD sei die einzige ernst zu nehmende
Kraft in der rechtsextremistischen Parteienlandschaft Brandenburgs, heißt
es in einer Analyse des brandenburgischen Verfassungsschutzes. "Kaum
dass sie sich von dem gescheiterten Verbotsverfahren erholen konnte, droht
ihr nun die Spaltung."
Seit dem Ende des Verbotsverfahrens im März vergangenen Jahres haben
immer mehr Mitglieder der Partei den Rücken gekehrt. Den Anfang machte
der Rechtsanwalt Horst Mahler, der in der NPD plötzlich eine "Systempartei"
sah. Seitdem sank bundesweit die Zahl der Mitglieder von 6 500 auf 5 000
und in Berlin von 260 auf 200. In Brandenburg sind nicht einmal mehr 200
Parteigänger registriert.
Schulungszentrum
und Maidemo
Besonders stark sind die Verluste für die NPD in Berlin. Arbeitsfähig
ist noch der Kreisverband Nord, der aus zehn bis 20 Aktiven besteht. Faktisch
nicht mehr existent ist der Kreisverband Südwest (Spandau, Zehlendorf).
Eine Hand voll Aktivisten gibt es noch in Treptow-Köpenick, und vor
kurzem verabschiedete sich auch der Anführer des Kreisverbandes Lichtenberg-Hohenschönhausen:
Albrecht Reither, bislang außerdem Landesvorsitzender von Berlin,
gab angeblich "aus persönlichen Gründen" auf. Sein
Nachfolger Georg Magnus gibt sich dennoch siegesgewiss: "Wir haben
keine Probleme", sagte er. Über Mitgliederzahlen gebe er prinzipiell
keine Auskunft.
Tatsächlich bleibt abzuwarten, wie viel Einfluss die NPD in der rechten
Szene verloren hat. Für 180 000 Euro baut sie neben ihrer Bundeszentrale
in Köpenick ein Schulungszentrum für Funktionäre aus ganz
Deutschland.
Laut Parteisprecher Beier soll es im April oder Mai eröffnen. Für
den diesjährigen 1. Mai hat die NPD eine Großdemonstration
in Berlin angemeldet, zu der sie bis zu 3 000 Teilnehmer erwartet. Gerade
dort wollen die Rechten Einheit demonstrieren. Deshalb wird der Aufruf
von vielen "freien Kräften" unterstützt: von der "HateCrew
88" über die Pommersche Aktionsfront bis hin zum "Wattenscheider
Widerstand".
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16.2.2004
Berliner Morgenpost
Runder Tisch gegen Übergriffe von Rechtsradikalen in Johannisthal
Der Runde Tisch Johannisthal hat erste Folgen. "Die Polizei wird
an den Plätzen stärker in Erscheinung treten, wo Anwohner Angst
vor rechtsextremistischen Übergriffen haben", kündigt Michael
Knape an. Der Chef der Polizeidirektion 6 gehört dem Gremium an,
das sich in diesen Tagen zum ersten Mal getroffen hat. Besonders beeindruckt
habe ihn, wie Jugendliche von Angriffen und Einschüchterungen erzählten,
die sie etwa am Bahnhof Schöneweide erlebt hätten, und wie Eltern
die Angst um ihre Kinder beschrieben. "Auch Segelfliegerdamm und
Sterndamm sind Brennpunkte", sagt Knape. Er fordert mehr Zivilcourage.
"Weggucken ist nicht der richtige Weg." Die Polizei könne
nur dann handeln, wenn sie informiert werde.
"Es
war ein guter Auftakt, aber wir dürfen nicht bei einer Analyse stehen
bleiben", sagt Bürgermeister Klaus Ulbricht (SPD), der den Runden
Tisch einberufen hatte. "Wir wollen erreichen, dass ein bürgerschaftliches
Klima in Johannisthal entsteht und öffentliche Räume nicht den
Rechtextremen überlassen werden." Dazu müssten Schulen,
Jugendclubs, Vereine, Polizei und Politik beitragen.
Der
Runde Tisch wird erneut im März tagen. "Wir wollen beraten,
was man tun kann und wie man Übergriffen vorbeugen kann", sagt
Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus.
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18.02.2004
Berliner Zeitung
Bloße
Kopie?
Das Potenzial
rechtsextremistischer Personen in Berlin schätzen die Behörden
auf 2 500 Personen. Einige davon sind in so genannten Kameradschaften
organisiert.
Dem Gegner
die Symbole nehmen ist die Devise, nach der die Rechten seit etwa drei
Jahren vorgehen. Zunächst trugen Teilnehmer von Neonazi-Demonstrationen
Palästinensertücher, was vorher nur Linke taten. Später
wandelten sie linke Symbole leicht ab oder verwendeten sie ganz - zum
Beispiel rote Fahnen und Che-Guevara-T-Shirts. Einen "Schwarzen Block"
bildeten Rechte in Berlin erstmals bei einer Demonstration im vergangenen
Dezember. Optisch ist die Gruppierung der "Autonomen Nationalisten"
kaum von Linken zu unterscheiden. Nach Angaben der Polizei mischen sich
diese Personen problemlos unter linke Veranstaltungen oder unter die Krawallmacher
am 1. Mai. Das Autonomen-Outfit ist unter den Rechten allerdings umstritten.
Viele sehen dies als bloße Kopie linker Symbole und als Entwertung
der eigenen Ideen. Zudem sehen die Extremisten nicht nur "autonom"
aus, sondern wollen auch autonom handeln.
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18.02.2004
Berliner
Zeitung
Nazis sind kaum noch zu erkennen
Frau Klose,
warum sehen einige Neonazis plötzlich aus wie Links-Autonome?
Teile
der Rechten versuchen einerseits eine inhaltliche Erneuerung ihrer Szene.
Zum andern soll es Bürgern weitaus schwerer gemacht werden, sich
vom Rechtsextremismus abzugrenzen. Man kann sich von Skinheads im klassischen
Outfit der Bomberjacke und Glatze besser distanzieren als von Leuten,
die einfach nur schwarz gekleidet sind oder ganz normal aussehen. Deshalb
sind in der rechtsextremen Szene seit einigen Jahren Überschneidungen
mit anderen Jugendkulturen zu beobachten, die nicht genau rechts sind.
So übernehmen Rechte Kleidung und Aktionsformen des autonomen Spektrums.
Welche
sind das?
Da ist zum Beispiel die schwarze Kleidung bei rechten Aktivisten im Stil
der Autonomen, zum andern symbolische Hausbesetzungen wie im letzten Jahr
von der Kameradschaft Tor in Schönfließ. Das sind auch Demo-Transparente
wie "Organisiert den nationalen schwarzen Block" oder "Unterstützt
die örtliche Anti-Antifa."
Heißt
das, dass es für Ausländer und so genannte alternativ Aussehende
gefährlicher geworden ist?
Die Gefahr ist nach wie vor hoch. Es heißt immer, dass von den Demokraten
zu wenig Zivilcourage gezeigt wird. Dies wird nun noch dadurch verstärkt,
dass Rechtsextremisten inzwischen kaum noch als solche zu erkennen sind.
Der Skinhead
- ein Auslaufmodell?
Das klassische rechtsextreme Aussehen mit Bomberjacke und Glatze ist nach
wie vor in Berlin zu finden. Vor allem am Stadtrand gibt es die noch.
Je mehr man aber in die Innenstadt gelangt, desto stärker tauchen
Rechtsextreme unter. Dort legen sie Wert darauf, im Straßenbild
weniger erkennbar zu sein.
Vermischen
sich auch die Inhalte?
Die rechtsextremen Aktivisten besetzen eben nicht nur Aktionsformen der
Linken. Sie formulieren in letzter Zeit Inhalte wie die soziale Lage der
nationalen Jugend oder auch die Auswirkungen von Kürzungen und Reformen.
Haben
sie damit Erfolg?
Ja. Wenn rechte Aktivisten zum Beispiel bei Veranstaltungen gegen Rassismus
und Antisemitismus auftauchen, ist es schwieriger geworden, sie dort zu
erkennen und sich von ihnen abzugrenzen.
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18. 02.
2004 Berliner Zeitung
Neonazis verkleiden sich als Autonome
Verfassungsschützer befürchten mehr Auseinandersetzungen zwischen
Extremisten
"Nazis
sind kaum noch zu erkennen"
Wer sich
anzieht wie ein Autonomer, muss noch lange keiner sein. Er könnte
nämlich auch - politisch gesehen - das Gegenteil sein, ein Neonazi.
Denn immer mehr Rechtsextremisten bedienen sich in Berlin bewusst des
Aussehens und der Aktionsformen ihrer linken Gegner. Bei einer für
den 1. Mai in Berlin geplanten NPD-Demonstration wollen Rechte mit einem
eigenen so genannten Schwarzen Block aufmarschieren. Dieser Block bei
Demos ist eigentlich eine Erfindung von Linksradikalen. Unter dem Titel
"Aufruhr und Widerstand - Wir steuern bald das Kanzleramt" mobilisiert
nun im Internet ein "Black Block" zu dem Aufmarsch, zu dem die
NPD bei der Polizei mehr als 1 000 Teilnehmer angemeldet hat.
Während
Sicherheitsbehörden versuchen, mehr über diesen Wandel des Aussehens
herauszufinden, liefern die rechtsextremen Verfasser des Internet-Aufrufs
ihre Begründung gleich mit: "Die schwarze Kleidung ermöglicht
uns, dass wir von Antifas, Bullen und anderen nicht mehr auseinander gehalten
und erkannt werden können." Der "nationalrevolutionäre,
schwarze Block" unterscheide sich von den anderen Demonstranten durch
seine Aktionen wie Blockaden oder Besetzungen. Dabei verwenden die Rechten
bewusst linke Rhetorik: Am 1. Mai wolle man gegen Kapitalismus, Globalisierung
und "für eine sozialistische Alternative" demonstrieren.
Bereits beim Neonazi-Aufmarsch am 6. Dezember von Rudow nach Schöneweide
hatten sich Rechte genau wie linke Antifa-Aktivisten gekleidet. Sie trugen
Kapuzenshirts, Basecaps und Sonnenbrillen. Auf den Transparenten, die
sie trugen, fanden sich Sprüche wie "Kapitalismus zerschlagen
- Autonomen Widerstand organisieren". Selbst Polizisten dachten,
es mit der falschen Demonstration zu tun zu haben.
Dass Rechte in andere Jugendkulturen einsickern, beobachten Szenekenner
schon seit einiger Zeit. "Es gibt eine Ausdifferenzierug rechtsextremen
Outfits hin zu einer Überschneidung mit anderen Jugendkulturen, die
von der Herkunft nicht rechts sind", sagt Bianca Klose vom Mobilen
Beratungsteam gegen Rechtsextremismus. Rechte würden zum Beispiel
auch in der Hiphop-Szene teilweise akzeptiert. So habe an einer Schule
im Ostteil ein Hiphopper den Hitlergruß gezeigt.Dieser Image-Wechsel
bereitet nicht nur linken Gruppen wie der Antifa - die um ihre Symbole
fürchten - Sorgen. Auch die Sicherheitsbehörden befürchten
eine Verschärfung der Lage. So bedienen sich die rechtsradikalen
"neuen Autonomen" auch der Aktionsformen, die bislang nur den
Linksextremisten zugeschrieben worden waren. Eine Gruppierung, die sich
"Autonome Nationalisten Berlins" nennt, veröffentlicht
nicht nur Steckbriefe und Fotos ihr missliebiger Personen. Sie sprüht
auch - vor allem in Pankow - mit Farbe Hassparolen an Wände. "Manche
verwenden spiegelbildlich die Aktionsformen ihrer linken Gegenspieler",
sagt Verfassungsschutzsprecher Claus Guggenberger. "Es besteht die
Gefahr des gegenseitigen Hochschaukelns von Aggressionen, was zu Gewaltausbrüchen
führen kann. Das bereitet uns Sorge."
Plakatkampagne
gegen Rechte
Dass es vermehrt Konflikte gibt, merken Polizei und Verfassungsschutz
an einer Plakatkampagne, die linke Gruppen vor einigen Wochen begonnen
haben. Auf tausenden Plakaten, die in Berlin geklebt wurden, werden Namen
und Fotos von zwölf rechten Kadern gezeigt. Die Plakate wurden meist
in den Kiezen geklebt, wo diese Leute wohnen. Jetzt ermittelt die Polizei
gegen die Verfasser wegen Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz.
Doch die sind anonym. Verantwortlich für die Plakate zeichnet eine
Initiative "Bürgerinnen beobachten Neonazis". In der Vergangenheit,
so Guggenberger sei es immer wieder zu Gewalttätigkeiten gegen Personen
gekommen, die wegen ihres Aussehens fälschlicherweise für Mitglieder
der links- oder rechtsextremistischen Szene gehalten worden seien.
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28.02.04
Neues Deutschland
Aufzug
in Masken und schwarzen Kapuzen
Neonazis tarnen sich als Autonome/Extrem hohe Dunkelziffer bei Gewalttaten
Die Zahl der rechtsextremistischen Gewalttaten in Berlin sind 2003 auf
70 angestiegen, nachdem es im Jahr davor 52 gegeben hatte. Dennoch ist
der Vize-Chef des Staatsschutzes, Klaus Gäth, der Ansicht, dass die
Summe der Fälle für einen Ballungsraum nicht extrem hoch ausgefallen
ist, wie er gestern vor der Presse erklärte. Andererseits geht man
von einer bis zu zehn Mal höheren Dunkelziffer aus. Denn nur die
gröbsten Vorfälle würden angezeigt. Auch von Auseinandersetzungen
mit linken Gruppen erfahre man gewöhnlich nichts.
Über die Gründe, warum neonazistische Gewalt über die Jahre
zugenommen hat, ist man sich beim Staatsschutz nicht so recht klar. Erwähnt
wurde die "allgemeine Verrohungstendenz in der Gesellschaft",
die sich auch in der Gewaltkriminalität niederschlage. Es fehlten
nach dem Eindruck der Polizei schlichtweg wissenschaftliche Forschungsergebnisse.
Fremdenfeindliche Straftaten vermehrten sich um 12 auf 150. Ein antisemitischer
Hintergrund liege in 123 Fällen vor, ein Rückgang um 103. Neonazi-Kriminalität
konzentriere sich wie zuvor im Ostteil der Stadt, meinte Michael Knape,
Chef einer für Ostbezirke zuständigen Polizeidirektion. Vor
allem in Köpenick und Treptow berichteten seine Beamten von Angstgefühlen
bei den Bewohnern. Konfliktpunkt seien S-Bahnhöfe.
Knape sprach von einer Tendenz, dass sich Mitglieder von Neonazi-Kameradschaften
ähnlich kleiden wie Autonome und etwa bei Demos mit einem schwarzen
Block - bestückt mit Kapuze und Sonnenbrille - auftreten. Der Polizeidirektor
kündigte deshalb für den Aufzug der NPD am 1. Mai ein rigoroses
Durchgreifen im Sinne des Vermummungs- und des Uniformverbotes an. Er
werde sich nicht scheuen, den Abmarsch der Versammelten zu untersagen
oder Blöcke von 50 Neonazis aus der Demo herausholen zu lassen. Zugleich
verhalte sich die rechte Szene zunehmend militant auch gegenüber
der Polizei, sagte Knape. Seine Direktion reagiere auf die aktuelle Situation
mit verstärkter nächtlicher Präsenz in den Kiezen und setze
auf einen erhöhten Verfolgungsdruck, der zur Verunsicherung der rechtsextremistischen
Szene führen soll. Razzien an Treffpunkten der Neonazis, bei deren
Versammlungen oder Konzerten seien in seinem Direktionsbereich ein erprobtes
Mittel, die Szene zurückzudrängen.
Als besonders aktiv erwähnte Gäth die im Sommer 2003 gebildete
Kameradschaft "Berliner Alternative Süd-Ost" (BASO). Sie
verfüge über etwa 15 Mitglieder. Die meisten von ihnen seien
bereits durch Gewalt- oder Propagandadelikte aufgefallen. Derzeit versuche
man verstärkt, Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren zu rekrutieren.
Im Oktober 2003 habe die Kameradschaft ein Haus im Märkischen besetzt
- "als Demonstrationsübung für jüngere Kameraden",
wie es hieß.
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28.02.2004
Berliner Zeitung
Polizei
lobt ihr Engagement gegen Rechts
Dennoch ist die Zahl der Straftaten im vergangenen Jahr noch einmal
angestiegen
Neonazis haben es in Berlin immer schwerer, sich konspirativ zu treffen.
Das glaubt zumindest die Polizei. Nach ihrer Einschätzung konnte
sie in den vergangenen Jahren die Konzerte von Nazi-Bands komplett verhindern.
Das gab die Polizei am Freitag bekannt. Sie begründet den Erfolg
mit aktiver Präventionsarbeit und "hohem Verfolgungsdruck".
Der Bewegungs- und Aktionsraum der rechten Szene sei deutlich eingeschränkt
worden, heißt es in der Erklärung.
Lehrer
sollen genauer hinhören
Auch
künftig will die Polizei den Druck auf die rechte Szene aufrechterhalten.
"Es ist ein unerträglicher Zustand, wenn dunkelhäutige
Menschen Angst haben müssen, S-Bahn zu fahren oder durch bestimmte
Straßen zu gehen", sagte der Leiter der Direktion 6, Michael
Knape. Seine Direktion ist für jene Bezirke zuständig, in denen
es rechte Hochburgen gibt, etwa Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Teile
von Treptow. "Der Treptower Bereich und Johannisthal sind ein Schwerpunkt
der rechten Kriminalität", sagte Knape. Er kündigte eine
engere Zusammenarbeit mit den Bezirksämtern an. Zu den polizeilichen
Maßnahmen gehören Knape zufolge Fuß- und Gruppenstreifen
in besonders "belasteten" Gebieten, das Aufspüren von rechten
Treffpunkten und eine permanente Aufklärung durch Zivilkräfte.
"Ziel ist es, die Szene transparent zu machen und die rechte Klientel
zu ent-anonymisieren." Auch die Schulen seien gefordert, sagte der
Polizist. "Die Lehrer müssen genauer hinhören und sich
mit Rechten auseinander setzen." Das habe nichts mit Ausspitzelung
zu tun, sondern mit Gefahrenabwehr. Gesinnung, so Knape, könne man
oft nicht an der Kleidung wie der Bomberjacke erkennen. Dass,
wie berichtet, immer mehr Neonazis im Outfit der Links-Autonomen herumlaufen,
entgeht auch der Polizei nicht. Sonnenbrille, Basecap und schwarze Kapuzen
waren bislang Utensilien der Linken. "Auf Grund des gestiegenen Überwachungsdrucks
nimmt die rechte Szene diese Formen an", glaubt Knape. Entsprechende
Konsequenzen soll das für die am 1. Mai in Berlin geplante NPD-Demonstration
haben, auf der Rechte einen "Schwarzen Block" planen. Knape
machte am Freitag klar, dass die Polizei das Vermummungs- und Uniformierungsverbot
anwenden werde. "Wir werden uns nicht scheuen, ganze Blöcke
aus dem Aufzug herauszunehmen." Als
eines der wichtigsten Mittel zur Verunsicherung der Szene sieht die Polizei
die Razzia. Allein im November gab es drei Großeinsätze, unter
anderem gegen die so genannten Hammerskins. Die für politisch motivierte
Straftaten zuständige Abteilung Staatsschutz im Landeskriminalamt
ist davon überzeugt, dass die Razzien ihre Wirkung zeigen. Das sehe
man daran, dass nur wenige der Überprüften mit verbotenen Symbolen
angetroffen würden, sagte der zuständige Dezernatsleiter Oliver
Stepien. "Die Betreffenden rechnen mit dem Erscheinen der Polizei.
Sie haben sich das Prinzip Hase und Igel verinnerlicht." Dieser Aussage
dürften viele Neonazis zustimmen, wenn auch aus anderen Gründen:
Mittlerweile gehört der erwartete Polizeieinsatz bei der Jahresfeier
der Nazigruppe Vandalen zum festen Programmpunkt, weshalb sogar Rechte
aus Brandenburg anreisen.
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07.04.2004
Berliner Zeitung
Rechte
schlugen Vietnamesen krankenhausreif
Imbissbetreiber
sollte Getränke anschreiben - weil er ablehnte, zertrümmerten
ihm die Täter das Gesicht
Drei rechtsextreme Jugendliche haben in Köpenick einen vietnamesischen
Imbissbetreiber krankenhausreif geprügelt. Wie die Polizei gestern
mitteilte, ereignete sich der Vorfall am Montagabend gegen 20.15 Uhr in
der Köllnischen Vorstadt. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei waren
der 16-jährige Markus L., der 17-jährige Tobias B. und der 20-jährige
Dennis E. zum Verkaufsstand des 40-jährigen Vietnamesen No N. gelaufen.
Sie seien dann mit dem Imbissbetreiber in Streit geraten. Die drei hätten
von ihm Bier verlangt. Weil die grölenden Kunden offenbar nicht genügend
Geld bei sich hatten, sollte der Verkäufer die Getränke anschreiben.
Das lehnte No N. ab und schickte sie weg.
Täter
sind "einschlägig bekannt"
"Die drei jungen Männer gingen zunächst, kamen dann aber
wieder", sagte ein Polizeisprecher am Dienstag. "Sie stürzten
sich ohne Vorwarnung auf den Imbissmann und schlugen ihm mit einer Holzlatte
mehrmals auf den Kopf." Anschließend traten sie solange auf
ihr Opfer ein, bis der Mann zusammenbrach. Als No N. am Boden lag, flüchteten
die drei Angreifer.
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07.04.2004
Morgenpost
Neonazis verprügeln Ausländer
Vietnamese mit Holzlatte schwer verletzt - Schläger sind dem Staatsschutz
bereits bekannt
Es sind diese
Bilder, die Berlin so sehr schaden: Brutale Skinheads prügeln und
treten einen Ausländer auf offener Straße zusammen. Erneut
ist ein Opfer zu beklagen, ein Asiate liegt im Krankenhaus. Die Täter
sind für die Polizei keine Unbekannten. Das Jochbein gilt als einer
der stabilsten Knochen des Körpers. Einem 40 Jahre alten Vietnamesen
aus Köpenick wurde er von Neonazis mit einer Holzlatte zertrümmert.
Die drei hatten sich am Montagabend geärgert, weil er ihnen kein
Bier auf Pump geben wollte. Gegen 20.50 Uhr waren die drei Täter
zusammen mit zwei Freundinnen an dem Euro-Imbiss an der Ecke Rudower und
Glienicker Straße erschienen, zwei von ihnen waren bereits alkoholisiert.
Sie forderten den 40 Jahre alten Betreiber aus Vietnam auf, ihnen mehrere
Bierflaschen zu geben. Bezahlen wollte sie nicht, der Mann sollte ihnen
die Summe anschreiben. Als dieser den Wunsch ablehnte, zogen sich die
fünf Personen zunächst zurück. Doch wenig später erschienen
die drei Männer (16, 17 und 20 Jahre) erneut an dem Imbiss, als der
Asiate diesen gerade abschließen wollte. Während der nüchterne
Tobias B. die Umgebung im Auge behielt, gingen Dennis E. und Markus L.
mit einer Hartholz-Latte auf ihr Opfer zu und schlugen ihm damit mehrfach
gegen den Kopf. Selbst als der Mann zu Boden ging, traktierten sie ihn
mit Fußtritten weiter. Anschließend ergriffen sie die Flucht
und versteckten sich in der Wohnung des 20-Jährigen. Anhand von Zeugenaussagen
wurden sie ermittelt und wenig später von Fahndern festgenommen.
Widerstand leistete die drei dabei nicht. Der für politische Straftaten
zuständige Staatsschutz übernahm die Ermittlungen. Denn zwei
der Täter sind dort bereits wegen rechtsextremistischer Delikte aufgefallen.
Dennis E. ist einschlägig bekannt und gilt als "Gewalttäter
rechts", Markus L. gilt ebenfalls als einschlägig bekannt. Beide
wurden gestern dem Haftrichter vorgeführt, der 16 Jahre alte Tobias
B. wurde nach der Vernehmung entlassen. In Treptow-Köpenick sind
bereits im vergangenen Jahr neue Strukturen der rechtsextremistischen
Szene aufgefallen. Der Verfassungsschutz meldete die Neugründung
der Berliner Alternative Süd-Ost (Baso). Diese gruppiert sich um
den Ex-NPD-Funktionär René Bethage. Er hatte in der Vergangenheit
mehrfach Demonstrationen angemeldet. Die Polizei geht davon aus, dass
sich als Folge der Baso-Aktivitäten in Treptow-Köpenick in der
ersten Jahreshälfte 2003 die meisten rechtsextremistischen Gewalttaten
ereigneten. Ende des vergangenen Jahres hatte Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) gesagt, dass diese und andere Kameradschaften verstärkt versuchen,
unkonventionelle Wege zu gehen: Den Erkenntnissen der Behörden nach
besetzen sie neue Tätigkeitsfelder, indem sie sich beispielsweise
um die soziale Lage der Jugendlichen kümmern. Für den Innensenator
sind diese Gruppierungen auch deshalb gefährlich, weil sie schwieriger
zu beobachten sind als Parteien.
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Die Welt
07.04.2004
Ausländer
von Neonazis verprügelt
Schläger sind dem Staatsschutz bereits wegen rechtsextremistischer
Taten bekannt
von Michael Behrendt
Das Jochbein
gilt als einer der stabilsten Knochen des Körpers. Einem 40 Jahre
alten Vietnamesen aus Köpenick wurde er von Neonazis mit einer Holzlatte
zertrümmert. Die drei hatten sich am Montagabend geärgert, weil
er ihnen kein Bier auf Pump geben wollte.
Gegen 20.50 Uhr waren die drei Täter zusammen mit zwei Freundinnen
an dem Euro-Imbiss an der Ecke Rudower und Glienicker Straße erschienen,
zwei von ihnen waren bereits alkoholisiert. Sie forderten den 40 Jahre
alten Betreiber aus Vietnam auf, ihnen mehrere Bierflaschen zu geben.
Bezahlen wollte sie nicht, der Mann sollte ihnen die Summe anschreiben.
Als dieser den Wunsch ablehnte, zogen sich die fünf Personen zunächst
zurück.
Doch wenig später erschienen die drei Männer (16, 17 und 20
Jahre) erneut an dem Imbiss, als der Asiate diesen gerade abschließen
wollte. Während der nüchterne Tobias B. die Umgebung im Auge
behielt, gingen Dennis E. und Markus L. mit einer Hartholz-Latte auf ihr
Opfer zu und schlugen ihm damit mehrfach gegen den Kopf. Selbst als der
Mann zu Boden ging, traktierten sie ihn mit Fußtritten weiter.
Anschließend ergriffen sie die Flucht und versteckten sich in der
Wohnung des 20-Jährigen. Anhand von Zeugenaussagen wurden sie ermittelt
und wenig später von Fahndern festgenommen. Widerstand leistete die
drei dabei nicht. Der für politische Straftaten zuständige Staatsschutz
übernahm die Ermittlungen. Denn zwei der Täter sind dort bereits
wegen rechtsextremistischer Delikte aufgefallen.
Dennis E. ist einschlägig bekannt und gilt als "Gewalttäter
rechts", Markus L. gilt ebenfalls als einschlägig bekannt. Beide
wurden gestern dem Haftrichter vorgeführt, der 16 Jahre alte Tobias
B. wurde nach der Vernehmung entlassen. In Treptow-Köpenick sind
bereits im vergangenen Jahr neue Strukturen der rechtsextremistischen
Szene aufgefallen. Der Verfassungsschutz meldete die Neugründung
der Berliner Alternative Süd-Ost (Baso). Diese gruppiert sich um
den Ex-NPD-Funktionär René Bethage. Er hatte in der Vergangenheit
mehrfach Demonstrationen angemeldet. Die Polizei geht davon aus, dass
sich als Folge der Baso-Aktivitäten in Treptow-Köpenick in der
ersten Jahreshälfte 2003 die meisten rechtsextremistischen Gewalttaten
ereigneten. Ende des vergangenen Jahres hatte Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) gesagt, dass diese und andere Kameradschaften verstärkt versuchen,
unkonventionelle Wege zu gehen: Den Erkenntnissen der Behörden nach
besetzen sie neue Tätigkeitsfelder, indem sie sich beispielsweise
um die soziale Lage der Jugendlichen kümmern. Für den Innensenator
sind diese Gruppierungen auch deshalb gefährlich, weil sie schwieriger
zu beobachten sind als Parteien. Terroristische Strukturen in der rechten
Szene Berlins wurden bislang nicht festgestellt.
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07.04.2004
Morgenpost
Streetworker: Gewalt nimmt zu
Familie
des Überfall-Opfers hat Angst vor weiteren Übergriffen
Sie brät
die Nudeln in der Pfanne, wickelt sorgfältig den Döner in Alu-Folie
und sagt freundlich "Danke" zum Kunden. Dass sie Angst hat,
soll er nicht merken. Die junge Vietnamesin steht in dem Imbiss, in dem
am Montagabend ihr Landsmann zusammengeschlagen wurde. Gestern Morgen
hat sie die Blutflecken vom Boden gewischt und dann das Tagesgeschäft
begonnen. Nebenan am Blumenstand arbeitet die Ehefrau des Opfers. Auch
sie hat Angst. "Tagsüber nicht, aber wenn es dunkel wird",
sagt sie. Seit fast fünf Jahren betreiben die beiden Asiaten ihre
Stände an der Glienicker Straße, seit vier Jahre wohnen sie
nebenan im Neubau. Am Montagabend hat die Vietnamesin ihren Mann in die
DRK-Kliniken Köpenick begleitet und weiter nach Marzahn ins Unfallkrankenhaus.
"Er kann mit einem Auge kaum sehen und muss operiert werden",
sagt sie. "Vielleicht am Freitag." Noch in der Nacht zu Dienstag
ist die Polizei zu ihr in die Wohnung gekommen und hat Fragen gestellt.
Die Schlägerei, das viele Blut - eine grauenhafte, eine neue Erfahrung
für die Frau. "Noch nie ist so etwas passiert", sagt sie.
"Die Leute sind ganz lieb hier."
Doch eine Streetworkerin aus Köpenick hat anderes festgestellt. "Seit
Ende 2003 nimmt die offene Gewalt auf der Straße wieder zu",
sagt Kathrin Kalauch. Sie hat vier Jahre lang in Altglienicke Straßensozialarbeit
mit Jugendlichen gemacht und ist seit einigen Wochen in Oberschöneweide
tätig. Vor etwa 14 Tagen sei ein Hamburger Schüler von einem
alkoholisierten Mittzwanziger niedergestochen worden. Kathrin Kalauch
ist es gewohnt, auf Jugendliche zuzugehen, die aus ihrer rechten Gesinnung
kein Hehl machen. "Viele übernehmen die Einstellung ihrer Eltern",
sagt sie. Die jungen Leute seien aufgeschlossen für Gespräche.
"Aber es dauert ein halbes Jahr, bis sich ein vertrauensvolles Verhältnis
bildet."
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07.04.2004
Berliner Zeitung
2 400 rechtsextreme Berliner
Als rechte
Hochburgen in Berlin gelten neben Treptow-Köpenick und benachbarte
Teile von Neukölln auch Lichtenberg, Marzahn und Hellersdorf.
In Treptow-Köpenick kommt es immer wieder zu Vorfällen mit rechtsextremistischem
Hintergrund:
1. Februar: Eine Häuserwand am Sterndamm in Schöneweide wird
mit Hakenkreuzen beschmiert.
8. Februar: Ein italienisches Restaurant in Altglienicke wird mit Hakenkreuzen
und einem SS-Schriftzug bemalt.
20. Februar: Am S-Bahnhof Schöneweide werden zwei Jugendliche von
Rechten verprügelt.
7. März: Am S-Bahnhof Köpenick prügeln rechte Jugendliche
auf linke ein.
944 politisch
motivierte Straftaten von Rechten registrierte die Polizei im vergangenen
Jahr. 2002 lag die Zahl bei 944. Dazu gehören auch antisemitische
und fremdenfeindliche Taten. Propagandadelikte sind die häufigsten
Taten, die registriert werden. Hierzu gehören zum Beispiel Hakenkreuz-Schmierereien
und der Vertrieb verbotener CDs. 2003 wurden 672 solcher Taten registriert.
Bei der Polizei wurden im vergangenen Jahr 55 von Rechten verübte
Körperverletzungen angezeigt. Ein Drittel davon ereignete sich im
südlichen Neukölln und in Treptow-Köpenick. Die Zahl der
organisierten Mitglieder der rechten Szene ist in den vergangenen Jahren
in Berlin nahezu konstant geblieben. Sie liegt nach Schätzungen der
Behörden bei rund 2 400.
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07.06.2004 Berliner Zeitung
Demo gegen NPD-Zentrale - Rangeleien mit der Polizei
Rund 1 500
Demonstranten haben gestern Nachmittag in Köpenick gegen die NPD-Bundeszentrale
und die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern protestiert. Zu dem
Marsch hatten linke Gruppen bundesweit aufgerufen. Angereist waren laut
Polizei auch rund 400 gewaltbereite Autonome, darunter aus Hamburg und
Göttingen. Die Demonstration führte vornei an der NPD-Zentrale
in der Seelenbinderstraße, wo die Partei ein Schulungszentrum baut,
durch Alt-Köpenick, hin zum Abschiebegewahrsam an der Grünauer
Straße.
Immer wieder gab es Rangeleien mit der Polizei. "Hinten hatte die
Demonstration Happening-Charakter", sagte Einsatzleiter Michael Knape.
"Aber vorn waren fast nur Gewaltbereite, die die Konfrontation mit
der Polizei suchten." So geriet der Demonstrationszug auf der Dammbrücke,
die nach Alt-Köpenick führt, ins Stocken. An der Spitze hatten
zahlreiche Demonstranten Basecaps und Sonnenbrillen aufgesetzt, was laut
einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtes als Verstoß gegen das
Vermummungsverbot gilt. Außerdem hatten Demonstranten Transparente
zusammengeknotet - ein weiterer Verstoß gegen die Polizeiauflagen,
weil damit Polizisten der Zugriff auf einzelne Störer erschwert wurde.
Als die Demo am Abschiebegewahrsam ankam, rissen Teilnehmer die Absperrgitter
weg, die vor der Anlage aufgestellt waren. Polizisten wurden mit Pflastersteinen,
Glasflaschen und Farbeiern beworfen.
Die Polizei nahm 21 Demonstranten fest, unter anderem wegen Drogenbesitzes,
schweren Landfriedensbruchs und Verstoßes gegen das Vermummungsverbot.
Einer von ihnen war vor seiner Festnahme von Beamten als Steinewerfer
von früheren Krawallen identifiziert worden. (kop.)
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07.06.2004
Tagesspiegel
Aggressiver Protest gegen NPD in Köpenick
Linke
Gruppen demonstrierten auch vor Abschiebegefängnis in Grünau
Gegen die
Erweiterung der NPD-Parteizentrale und den Abschiebegewahrsam der Polizei
haben gestern Nachmittag in Köpenick laut Polizei rund 1500 Menschen
demonstriert. Die Veranstalter sprachen von 3000 Personen. Aufgerufen
hatten linke Gruppen und die antifaschistische Szene. Vereinzelt kam es
zu Stein- und Flaschenwürfen gegen die Polizei. 21 Personen wurden
festgenommen, acht schon im Vorfeld der Demo. Zwölf Personen wurden
vor dem Abschiebegewahrsam festgenommen, weil sie Farbbeutel und Steine
warfen. Die Polizei setzte 700 Beamte unter dem Leitenden Polizeidirektor
Michael Knape ein.
Unter den Demonstranten befand sich ein harter Kern von über 300
gewaltbereiten Autonomen, die teilweise aus Hamburg und Brandenburg angereist
waren. Die NPD-Zentrale in der Seelenbinderstraße hatte die Polizei
mit schwerem Gerät, Wasserwerfern und Räumfahrzeugen abgeriegelt.
Die Linken kamen nur bis auf 20 Meter an das Gebäude heran. Vom Dach
filmten NPD-Mitglieder den Aufzug. Zu ersten Auseinandersetzungen kam
es vor der Köpenicker Altstadt, als ein Teil der Demonstranten sich
vermummte. Die Polizei ließ den Zug erst weiter, als sich die Lage
beruhigt hatte. Vor dem Abschiebegewahrsam in Grünau, ebenfalls schon
oft Ziel linker Demonstrationen, forderten die Teilnehmer die Freilassung
der dort auf ihre Abschiebung wartenden, sich illegal in Deutschland aufhaltenden
Ausländer. Gegen 18 Uhr begleiteten Polizisten die verbliebenen Teilnehmer
zur S-Bahn.
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07.06.2004
TAZ
Protest gegen einseitige Bildung
2.000 Menschen demonstrieren gegen die NPD-Bundeszentrale in Köpenick.
Die Rechtsextremisten wollen dort ein "Nationales Schulungszentrum"
errichten. Antifa kritisiert bei dem Protestzug auch den Abschiebeknast
in Grünau
Dann wurden sie doch noch viele, die den Weg nach Köpenick auf sich
nahmen. 2.000 Menschen trudelten nach und nach am Sonntagnachmittag am
S-Bahnhof ein. Nicht um am nahe liegenden Müggelsee zu baden, sondern
zum Demonstrieren.
"Endlich weg damit!" lautete das Motto der Demo, zu der das
linksradikale Bündnis ACT! aufgerufen hatte. Mit "damit"
meinen die Veranstalter die NPD-Bundeszentrale und das Abschiebegefängnis
in der Grünauer Straße. Nach einstündiger Verspätung
zogen die Demonstranten langsam in Richtung NPD-Zentrale in der Seelenbinderstraße.
25 Meter davor wurden sie von der Polizei gestoppt.
Die Bundeszentrale der NPD befindet sich seit vier Jahren in Köpenick.
Seit etwa einem Jahr soll hier zusätzlich das "Nationale Bildungszentrum"
entstehen. Das will die vor Ort aktive Gruppe Antifaschistischer Aufstand
Köpenick (AAK) verhindern. Der AAK befürchtet, dass hier in
großer Zahl "künftige Nazikader geschult" werden
könnten. Schon jetzt sei die Gegend um die NPD-Zentrale zum Anlaufpunkt
für die rechte Szene geworden. Die Demoredner berichteten von zahlreichen
rechtsradikal motivierten Übergriffen auf Nichtdeutsche.
Doch ging es den Demonstranten nicht nur um die NPD. Auf der Strecke gedachten
sie an einem Denkmal der 24 Menschen, die im Mai 1933 von SA-Schergen
ermordet wurden - die Tage gingen als "Köpenicker Blutwoche"
in die Geschichte ein. Dann wollten sie vor allem auf das Abschiebegefängnis
Grünau aufmerksam machen, das aus ihrer Sicht die "rassistische
Migrationspolitik" in Deutschland symbolisiert.
Immer wieder würden Häftlinge wegen der schlimmen Bedingungen
in Hungerstreik treten - ganz aktuell ein 23-jähriger Mann aus Sri
Lanka, der seit einem Jahr inhaftiert ist (taz berichtete). Die Demonstranten
forderten die Freilassung der Gefangenen und die Auflösung dieser
Flüchtlingshaftanstalt.
Insgesamt verlief der Protestzug ohne größere Zwischenfälle.
Drei Personen wurden nach Angaben der Polizei wegen Drogenbesitz vorübergehend
festgenommen. Neonazis und Anhänger der NPD ließen sich nicht
blicken.
Die Demonstration am Wochenende sei nur ein Vorgeschmack dessen, was auf
die NPD in den nächsten Wochen zukommen werde, sagte eine Teilnehmerin.
Für den Fall, dass das Bildungszentrum nämlich tatsächlich
eröffnet, haben ACT! und AAK zum Tag X aufgerufen. Treffpunkt für
gemeinsame Aktionen gegen die NPD ist dann um 17 Uhr am S-Bahnhof Köpenick.
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14.06.2004
mut-gegen-rechte-gewalt.de
Demokratie
- im Berliner Alltag ein Auslaufmodell?
Kommunalanalysen für Berlin-Mitte, Treptow-Köpenick und Marzahn-Hellersdorf
Am Montag,
den 14. Juni, sind drei Kommunalanalysen des Zentrums Demokratische Kultur
zu drei Berliner Bezirken veröffentlicht worden. Sie beschreiben,
wie, wo und durch wen in Mitte, Marzahn-Hellersdorf und Treptow die Demokratie
gefährdet ist - und welche Kräfte dagegen wirken. Leider steht
das Prinzip Demokratie weder bei rassistisch agierenden noch bei den davon
betroffenen Jugendichen hoch im Kurs (im Foto v.l.: Berlins Integrationsbeauftrager
Günter Piening und Dierk Borstel vom Zentrum Demokratische Kultur).
Die Studien des Zentrums Demokratische Kultur (ZDK) zeichnen sich besonders
durch eins aus: Die genaue Beobachtung. Denn Kommunalanalysen sind keine
Zahlenansammlungen, sondern beschreiben sehr konkret, welche Kräfte
in einem Ort oder Bezirk genau wirken. Bestimmen Menschen das Klima, die
die Demokratie gefährden - Rechtsextreme oder Islamisten etwa -,
oder gibt es in der demokratischen Zivilgesellschaft genug Institutionen,
die dagegen halten?
Nach Berlin-Kreuzberg-Friedrichshain (mut-gegen-rechte-gewalt.de berichtete
>klick) hat sich das ZDK nun im Auftrag des Berliner Migrations- und
Integrationsbeauftragten Günter Piening die Bezirke Marzahn-Hellersdorf,
Mitte und Treptow-Köpenick angeschaut. Von Juni bis Dezember 2003
forschten die Experten, führten pro Bezirk rund 80 Interviews, initiierten
und besuchten Gruppendiskussionen, beobachteten Sozialräume, sprachen
mit Experten und (potenziellen) Opfern. Die Ergebnisse wurden auf einer
Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt.
Integrationsbeauftragter Günter Piening stellte einige der Ergebnisse
vor, die ihn besonders beschäftigten. Auch im Hinblick auf die steigende
Zahl rechtsextremer und antisemitischer Gewalttaten in Berlin stellte
er fest, dass gerade eine besonders gefährliche Mischung zwischen
rechtsorientierten Jugendcliquen und organisierten Rechtsextremen entsteht.
Die Rechtsextremen verwendeten bewusst jugendkulturelle Protestäußerungen
wie die Forderung nach eigenen "Zentren" oder Globalisierungskritik,
um bei den Heranwachsenden anzukommen. In der übrigen Bevölkerung,
so berichtete Piening, herrsche in den untersuchten Bezirken oft eine
Stimmung, dass Deutsche Vorrechte gegenüber Migranten besäßen.
Soziale Konflikte würden ethnisiert (z.B. Müll, Lärm).
Demokratievertrauen fehle. Für potenzielle Opfer entstehe so eine
bedrohliche Stimmung, die in kleinen Gebieten sogar Angsträume schafft,
die gemieden werden.
Ebenfalls besorgniserregend findet der Integrationsbeauftragte, dass auch
in migrantischen Milieus, die in Mitte untersucht wurden, Rassismus steigt.
Auch gebe es auch unter Migranten einen stetig steigenden Mangel an demokratischem
Grundverständnis, besonders unter Jugendlichen.
Positiv fand Piening die Reaktion der jeweiligen Bezirke auf die demokratiegefährdenden
Tendenzen: Es werde offen diskutiert statt unter den Teppich gekehrt,
und es gebe überall Bemühungen um Netzwerke gegen Rechtsextremismus,
Rassismus und Antisemitismus.
Auch Dierk Borstel vom Zentrum Demokratische Kultur sieht es mit Sorge,
wie sich einige Milieus in der deutschen Hauptstadt entwickeln. Immer
mehr gingen in manchen Gebieten demokratische Werte verloren. Folge sei
ein Vakuum, das sich besonders auf die Beziehung zu gesellschaftlichen
Minderheiten auswirke: Solidarität, Verständnis und selbst Interesse
für Minderheiten fehlten dann oft. Stattdessen könnten demokratiefeindliche
Ideologen wie Rechtsextremisten oft das Vakuum füllen.
Einige
Ergebnisse der Studien:
Marzahn-Hellersdorf & Treptow-Köpenick
Beide Bezirke haben eine für Berlin durchschnittliche Arbeitslosenquote
und einen niedrigen Migrantenanteil an der Bevölkerung. Allerdings
lebt in Marzahn rund die Hälfte aller deutsch-russischen Aussiedler,
die nach ganz Berlin gekommen sind. Diese werden von behördlichen
Statistiken allerdings als Deutsche geführt und nicht als Migranten
erfasst werden.
Erwachsene in diesen Ostbezirken haben wenig Vertrauen in die Demokratie.
Sie koppeln ihre Unterstützung der Demokratie und ihrer Werte stark
an deren wirtschaftliche Effektivität. Nur wenn sie dass Gefühl
haben, dass es Ihnen und dem Land wirtschaftlich gut geht, sind sie bereit,
Prinzipien und Werte der Demokratie zu unterstützen. Allerdings fühlen
sich die meisten kollektiv benachteiligt (unabhängig davon, ob sie
es persönlich sind oder nicht). Viele empfinden Politik als sinnlos
und sprechen sich für mehr Kontrolle und "Durchgreifen"
aus. Demokratie ablehnende Äußerungen werden offen geäußert,
und es wird ihnen nicht widersprochen.
Jugendliche werden wiederum stark von den Stimmungen und Geschichten aus
ihrem Umfeld und ihrer Familie beeinflusst. Erfahren sie andere Meinungen
in der Schule oder aus den Medien, interpretieren sie sie um, bis sie
wieder ins Weltbild passen. Dies geschieht umso stärker, je eintöniger
und eingeschränkter der Alltag der Jugendlichen ist. Viele haben
Zukunftsängste. Viele Jugendliche wissen nicht, was Demokratie eigentlich
bedeutet und haben noch nie Teilhabe oder Einfluss auf ihr Umfeld erlebt.
Zudem ist Schulunlust weit verbreitet, so dass es schwer sein wird, Demokratie-Kompetenz
zu vermitteln.
In Teilen der Bezirke Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick gibt
es Milieus, in denen die großen sozialen Probleme mit politischen
Stimmungen verknüpft werden. Hier sind viele Bewohner anfällig
für demokratiefeindliche Populismen (wie "Arbeit zuerst für
Deutsche!"), äußern sich rassistisch und rufen nach einer
"starken Hand". Die Erwachsenen vermitteln ihren Kindern zum
Teil ein diffuses Geschichtsbild über den Nationalsozialismus und
die DDR. Für Jugendliche gibt es oft wenig pädagogische Angebote,
die andere Erfahrungen ermöglichen. Folge: Hier erfahren rechtsextreme
Jugendliche, die das "System" und Minderheiten hassen, Anerkennung
statt Widerspruch.
Rassismus ist weit verbreitet. Migranten werden, egal wie lange sie in
Deutschland leben oder ob sie hier geboren sind, als "Ausländer"
und "Fremde" betrachtet und behandelt. Besonders Menschen aus
Vietnam ("Zigarettenmafia") und russisch-deutschen Aussiedlern
("gewaltbereit, nehmen Drogen") werden sehr negativ beschrieben
und als "untergeordnet" angesehen. In Marzahn-Hellersdorf werfen
selbst Pädagogen und zivilgesellschaftliche Akteure den Opfern von
Rassismus vor, "übersensibilisiert" zu sein und verletzten
sie so ein zweites Mal. Auch herrscht bei vielen von ihnen ein verkürztes
Verständnis von Integration als Assimilation vor. Zum Teil wird gar
ein "ethnopluralistisches Konzept" propagiert: "Die Türken
nach Kreuzberg, die Aussiedler nach Marzahn und den Deutschen der Rest
der Stadt."
Bezirksbürgermeister Uwe Klett (Marzahn-Hellersdorf) bekundete auf
der Pressekonferenz seinen Willen, Akteure zu stärken, die sich gegen
Rechtsextremismus engagieren. Besonders dringend müssten diejenigen
fortgebildet werden, die mit Jugendlichen arbeiten. Er rief aber auch
alle politischen Parteien auf, sich geschlossen hinter das Engagement
gegen Rechtsextremismus zu stellen.
In Treptow-Köpenick gibt es die Bundeszentrale der NPD und eine sehr
aktive Kameradschaft sowie einen sehr geringen Migrantenanteil an der
Bevölkerung. Deshalb betonte Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht,
dass es zwar bereits ein gut funktionierendes Bündnis für Demokratie
und Toleranz gäbe, dieses aber fachliche Unterstützung brauche.
Mitte
In Berlin-Mitte, einem Ost-West-Mischbezirk aus den ehemaligen Stadtteilen
Mitte, Tiergarten und Wedding, liegt das Problem der Demokratiegefährdung
etwas anders. In Mitte ist der Migrantenanteil hoch 24 %, im Wedding sogar
32 %. Die Arbeitslosigkeit ist hoch (Wedding 25 %), die Zahl der Sozialhilfeempfänger
auch (17 %). Hier legte die Kommunalanalyse besonderen Wert darauf, welche
Demokratievorstellungen in den Migrantengruppen existieren. Festgestellt
wurde ein Mangel von Menschen mit migrantischem Hintergrund, die sich
in politische Prozesse der deutschen Aufnahmegesellschaft einbringen und
dabei demokratische Werte vertreten - also Menschen, die als Mittler zwischen
Mehrheits- und Migrationsgesellschaft auftreten könnten.
Das Demokratieverständnis von Migranten ist unter anderem von ihrer
Lebensgeschichte, ihrer Herkunft, ihren Moralvorstellungen und ihrer Religiosität
geprägt. Aber auch die Aufnahmegesellschaft trägt viel dazu
bei. Viele der Migranten machen in Berlin-Mitte alltäglich Erfahrungen
mit Rassismus, Diskriminierungen und Ausgrenzung (z.B. vom Arbeitsmarkt).
Dies bestimmt und torpediert oft genug das Vertrauen gerade der Jugendlichen
in die Demokratie. Alternative sozial-moralische Bezugssysteme, die eine
Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und ihrer Demokratie
ausdrücken, werden so attraktiv.
Gleichzeitig tut sich die deutsche Gesellschaft oft schwer zu differenzieren
(z.B. zwischen säkularisierten Muslimen, strenggläubigen Muslimen,
Islamisten (die die Demokratie ablehnen) und gewaltbereiten bis terroristischen
Islamisten). Das führt zu einer großen Unsicherheit des Bezirks
im Umgang mit Muslimen, die sich einerseits in unzulässigen Gleichsetzungen
von Muslimen und Islamisten ausdrückt, andererseits aber auch zur
unkritischen Hofierung islamistischer Vereine als "Vertreter des
Islam" führt.
Grundsätzlich wird von einem Teil der erwachsenen Muslime in Mitte
der Islam politisch als alternatives Gesellschaftskonzept zur Demokratie
begriffen. Diese Sicht wird Jugendlichen über die Eltern, Moscheen
oder Koranschulen vermittelt. Islamistische Organisationen instrumentalisieren
Ängste muslimischer Eltern (z.B. vor Entfremdung der Kinder, Drogensucht
und Kriminalität) und wenden sie zu Feindbildern gegen die nichtmuslimische
Umwelt. Gruppendruck und soziale Kontrolle existiert meist in subtiler
Form, besonders was das Kopftuch-Tragen muslimischer Mädchen angeht.
In Schulen kommt es zum Teil zu antisemitischen Sprüchen und Anfeindungen,
zum Teil werden Nichtmuslime abwertend behandelt, besonders nicht muslimische
oder nicht verschleierte Mädchen.
Joachim Zeller, Bezirksbürgermeister von Mitte, betonte deshalb,
wie wichtig die Kommunalanalyse für die Arbeit des Bezirkes ist.
Sie zeige wichtige Gefahren, an denen nun gearbeitet werden müsse.
Im Vordergrund steht für ihn die Frage, wie wir Migranten demokratische
Werte nahe bringen können - zumal, wenn es schon ganze Gruppen gibt,
deren einziger Kontakt zu Deutschen im Gang zu Ämtern besteht. Jetzt
seien Aktionspläne gefragt, um die Ergebnisse der Kommunalanalysen
in Handeln überführen zu können.
Praktisch wird dies in Zukunft durch das Community Coaching des Zentrums
Demokratische Kultur und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin
geschehen.
Im Internet gibt es die Studien unter: www.zentrum-demokratische-kultur.de/publikationen.html
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15.06.2004
Berliner Zeitung
Verbotene
Musik
Vor dem Auftritt der Hauptmann-Garde am 1. Mai erklangen alle drei Strophen
des Deutschlandliedes
KÖPENICK.
Jeden Mittwoch und Sonnabend wird vor dem Köpenicker Rathaus die
Köpenickiade gespielt. Doch die Hauptmann-Garde, die das Spektakel
im Auftrag des Tourismusvereins aufführt, ist ist ins Gerede gekommen.
Wie erst jetzt bekannt wurde, wurde am 1. Mai statt der Marschmusik, die
vor jedem Auftritt aus der Konserve kommt, das komplette Deutschlandlied
gespielt, auch die verbotene erste Strophe. "Ich dachte zuerst, ich
hätte mich verhört", sagt Olaf Liebig. Der 38-Jährige
war im Luisenhain mit den Vorbereitungen für das Maifest der PDS
befasst. Als Liebig hörte, was gespielt wurde, rannte er über
die Straße und zog den Strecker raus. "Es kann nicht sein,
dass an dem Tag, an dem die EU-Osterweiterung gefeiert und auch Litauen
in die EU aufgenommen wird, lautstark 'von der Maas bis an die Memel'
gespielt wird", sagt er. Ein älterer Mann habe ihn daraufhin
wüst beschimpft, wenige Minuten später habe derselbe Mann offiziell
den Auftritt der Garde angekündigt.
Im
Tourismusverein sorgt man sich ums Image und möchte am liebsten gar
nicht über den Zwischenfall reden. "Es war eine einmalige Verfehlung,
und wir haben die Sache mehrmals ausgewertet, der Betreffende ist auch
abgemahnt worden", sagte gestern Geschäftsführerin Katrin
Reiche-Kurz. Der Mann sei am 1. Mai ehrenamtlich für den Verein tätig
gewesen. Er habe sein Tun mit Frust erklärt - seine SAM-Stelle sei
damals nicht verlängert worden. Reiche-Kurz: "Er hat versprochen,
es nie wieder zu tun." Getrennt hat sich der Verein von dem Mann
nicht. Seit dem 1. Juni hat er sogar wieder eine ABM-Stelle dort, nachdem
das Arbeitsamt Geld für ein weiteres halbes Jahr bewilligt hat.
Chef
des Tourismusvereins ist der Bundestagsabgeordnete Siegfried Scheffler
(SPD). Er war über den Vorfall nicht über informiert und ist
entsetzt. "Es ist unentschuldbar, was da passiert ist, und wenn ich
davon gewusst hätte, hätte der Mann die ABM-Stelle nie bekommen",
sagte er gestern. Der Verein prüft jetzt auf Anweisung Schefflers,
ob es rechtlich möglich ist, den Mann zu entlassen.
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15.06.2004 TAZ
Ganz
schön viele denken dumpf
Das Zentrum Demokratische Kultur fragte Leute in drei Bezirken nach
Diskriminierungstendenzen.
Wichtigstes Fazit: Der Alltagsrassismus nimmt zu. In Mitte untersuchte
die Studie auch Islamismus
Wirklich
neu sind die Erkenntnisse nicht, aber fundiert: Gestern hat Günter
Piening, Integrations- und Migrationsbeauftragter des Landes, eine Studie
des Zentrums Demokratische Kultur (ZDK) vorgestellt. Wichtigstes Ergebnis:
Rechtsextremismus, die Diskriminierung von Minderheiten und mangelndes
Demokratievertrauen haben in Berlin keineswegs abgenommen. Im Gegenteil:
Der Alltagsrassismus ist weiter auf dem Vormarsch.
Drei Bezirke hat das ZDK untersucht: Mitte, Treptow-Köpenick und
Marzahn-Hellersdorf. Mehr als 250 Leute mit Expertenwissen haben die Autoren
befragt, also Lehrer, Sozialpädagogen, Bezirkspolitiker, Behörden
und Vertreter von Initiativen, die mit Rechtsextremismus zu tun haben.
Auch mit Opfern und Tätern sprachen die Autoren und fragten sie nach
demokratiegefährdenden Tendenzen.
Gerade
im Jugendbereich gebe es eine "gefährliche Mischung" aus
informellen und häufig gewaltbereiten Cliquen und organisierten Rechtsextremisten,
so ein Fazit. Beängstigend finden die Autoren, dass Rechtsextreme
immer öfter jugendliche Protestformen übernähmen, die links
besetzt waren, etwa Forderungen nach "Freiräumen" und Freizeitzentren
oder Globalisierungskritik. Ziel sei, so die Studie, "vorhandene
Cliquen in ihre Denk- und Organisationsdisziplin einzubinden".
Piening betonte, dass Rechtsextremismus aber "nicht auf physische
Gewalt und jugendliche Täter" reduziert werden dürfe. Die
Ethnisierung sozialer Konflikte und die Annahme, dass Deutschen Vorrechte
vor Zugewanderten zustünden, seien in sehr unterschiedlichen Millieus
zu finden.
Bei der Vorstellung der Studie waren auch die Bezirksbürgermeister
anwesend. So zeigte sich der Bürgermeister von Treptow-Köpenick,
Klaus Ulbricht (SPD), besorgt über die wachsenden rechtsextremistischen
Strukturen in seinem Bezirk. "Bei einem Ausländeranteil von
gerade 3 Prozent fehlt uns zwangsläufig das multikulturelle Klima",
sagte Ulbricht. Ähnlich äußerte sich auch Uwe Klett (PDS)
aus Marzahn-Hellersdorf. Er rief zu mehr Engagement der Parteien und Organisationen
auf. Sein Bezirk hatte 2003 die meisten rechtsextrem motivierten Übergriffe
zu verzeichnen.
Sowohl Piening als auch die Bürgermeister kündigten an, dass
sie einen neuen Aktionsplan erstellen wollen - trotz der Erklärung
des Senats, im nächsten Jahr eine Viertelmillion Euro weniger für
die Bekämpfung von demokratiegefährdenden Tendenzen ausgeben
zu wollen. Neben rassistischen beschäftigte sich die Studie zudem
mit islamistischen Tendenzen in Mitte (siehe Bericht rechts).
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15.06.2004 Berliner Zeitung
Untersuchung
zu Rassismus in drei Bezirken
Integrationsbeauftragter warnt vor Rechtsextremen
Andreas Kopietz
Der Integrationsbeauftragte
des Senats, Günter Piening, hat davor gewarnt, die Auseinandersetzung
mit dem Rechtsextremismus zu vernachlässigen. "Wegen der zunehmenden
sozialen Konflikte sind immer mehr Menschen für Lösungsvorschläge
aus rechtsextremer Richtung offen", sagte Piening, als er am Montag
drei Bezirksstudien für Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick
und Mitte vorstellte.
Im
vergangen Jahr hatte die Berliner Polizei einen Anstieg der rechtsextremistischen
Gewaltdelikte von 52 auf 70 registriert. Der Integrationsbeauftragte gab
deshalb beim Zentrum Demokratische Kultur die Studien in Auftrag, die
die Gefährdung der Demokratie untersuchen sollte. Herausgekommen
sind drei Untersuchungen, die zu dem Schluss kommen: "Rassismus ist
in allen drei Bezirken in latenter und manifester Form wahrnehmbar."
In Teilen der Gesellschaft gebe es einen Verlust demokratischer Werte.
Die
Autoren des Papiers führten etwa 250 Interviews - unter anderem mit
Sozialarbeitern, Lehrern und Ausländern. Von deren Wahrnehmung lebt
die Untersuchung. "Wir haben keine messende sondern eine beschreibende
Methode gewählt", sagte Dierk Borstel vom Zentrum Demokratische
Kultur. Laut Untersuchung suchen Rechtsextremisten die Nähe zu Jugendlichen
und fordern Jugendzentren - etwa in Treptow-Köpenick. In Mitte registrierten
die Autoren einen Mangel an demokratischer Diskussion "in verschiedenen
migrationsgeprägten Gruppen". Demnach seien auch Türken
und Araber mitunter judenfeindlich oder diskriminierten Schwarze. (kop.)Die
Untersuchungen voraussichtlich ab heute im Internet unter: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de
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24.06.2004
Berliner Zeitung
Erster Stolperstein in Köpenick
KÖPENICK.
Zum 71. Jahrestag der Köpenicker Blutwoche wurde an der Salvador-Allende-Straße
43 ein so genannter Stolperstein in den Gehweg eingelassen. Mit der kleinen
Messingplatte wird der jüdische Unternehmer Georg Eppenstein geehrt,
dessen Firma und Wohnung sich in der damaligen Achenbachstraße befand.
Eppenstein war während der Köpenicker Blutwoche im Juni 1933
von der SA schwer misshandelt worden, er starb an den Folgen seiner Verletzungen.
Der erste Stolperstein in Köpenick wurde vom Bund der Antifaschisten,
dem Bürgerverein Allende-Viertel und Schülern der Merian-Oberschule
initiiert. (sk.)
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Berliner
Zeitung 15.7.2004
Warum
Neonazis ungern telefonieren
Die neuen Hochburgen der Rechtsextremisten sind laut Polizei in Treptow
und Köpenick
Die Botschaft
ist eindeutig: "Wir wissen, wo du wohnst!" In den vergangenen
Wochen hefteten Unbekannte hunderte Aufkleber an Reinickendorfer Lampenmasten
und Briefkästen. Darauf steht: "Jäger kommen und gehen
." Die Aufkleber zeigen ein Bild des Polizisten Michael Knape, der
in Reinickendorf wohnt. Der Polizeidirektor ist Leiter der für den
Osten Berlins zuständigen Direktion 6. Die Verfolgung neonazistischer
Umtriebe begreift der 52-jährige Knape nicht nur als Job, sondern
als Berufung. Innerhalb von drei Jahren ist er damit bei den Rechtsextremisten
zum Lieblingsfeind avanciert.
Besuch
beim Bürgermeister
Allerdings zeigt die Aufkleberaktion nicht nur, dass die Naziszene etwas
gegen Michael Knape hat. Sie steht dafür, dass sich die rechtsextremistische
Szene in Berlin in einem Wandel befindet und ihre Aktionsformen geändert
hat.
Vorbei die Zeit, in der Neonazis nur durch Demonstrationen und Angriffe
auf Ausländer auf sich aufmerksam machten. Knape zufolge ist Bewegung
in die rechte Szene geraten. "Sie ist aktiver geworden und sucht
Kontakt zur Gesellschaft. Sie will die Jugend erreichen und auf kommunaler
Ebene politische Ziele durchsetzen - etwa die Einrichtung so genannter
nationaler Jugendzentren", sagt er. So suchten Rechtsextremisten
mit ihrer Forderung nach einem "nationalen Jugendzentrum" zum
Beispiel den Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick in dessen
Bürgersprechstunde auf.
Während Parteien wie die NPD auch in Berlin noch von einem Einzug
in die Parlamente träumen, sind die Neonazis außerhalb der
Partei derweil aktionsorientierter geworden, wie der Berliner Verfassungsschutz
feststellt. "Ihnen geht es darum, möglichst viel Präsenz
auf der Straße zu zeigen, um die Öffentlichkeit zu beeindrucken",
sagt Behördensprecher Claus Guggenberger. So schleusten sich Neonazis
am 8. Mai am Treptower Ehrenmal in eine Veranstaltung zum Tag der Befreiung
vom Hitlerfaschismus ein, um zu stören. Einige Tage später hielten
sie eine Kundgebung beim Tag der offenen Tür der Polizei in Ruhleben
ab. Neuerdings vertreiben Rechtsextremisten eine Gratis-Postille mit dem
Titel "Berliner Bote". Startauflage 5 000. Darin hetzen sie
gegen die "Multi-Kulti-Hochburg Neukölln" und gegen Polizeiführer
Knape, dessen Konterfei sie ebenfalls wieder abbilden.
Eine neue rechtsextreme Kampagne läuft seit kurzem in Pankow. Dort
werden massenhaft Aufkleber verteilt - mit Parolen wie "Pankow bleibt
deutsch" oder "Deutsche kauft bei Deutschen!" Verteilt
werden die Aufkleber durch eine Gruppierung mit dem Namen "Vereinte
Nationalisten Nordost (VNN)", die seit Mai in der Öffentlichkeit
auftritt. "Diese Aufkleber senden eine deutliche Botschaft an alle,
die nicht ins rechtsextreme Weltbild passen und schaffen ein Bedrohungsszenario",
sagt Timm Köhler von der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus".
Nach seinen Erkenntnissen sammeln sich in der VNN Leute aus dem Spektrum
Freier Kameradschaften und der NPD.
Obwohl Berlins Neonazis versuchen, sich offensiv in die Kommunalpolitik
einzumischen und dabei öffentlich auftreten, planen sie andere Aktionen
zunehmend konspirativ: Im Februar gelang es ihnen, in Friedrichshain zahlreiche
Plakate anlässlich des 74. Todestages des SA-Führers Horst Wessel
zu kleben. Am Krankenhaus Friedrichshain installierten sie heimlich eine
"Horst-Wessel-Gedenktafel". Als die Polizei kam, waren die Täter
längst weg. Dass die Polizei mitunter überrascht wird, mag daran
liegen, dass sich die rechten Akteure - ein Kern von 30 bis 50 Leuten
- immer öfter persönlich absprechen. Telefone, die abgehört
werden könnten, sind verpönt. Rechte Aktivitäten haben
Knape zufolge vor allem in Treptow-Köpenick zugenommen. Deshalb entsprechen
zumindest nach seiner Einschätzung Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen
nicht mehr dem Bild der traditionellen Neonazi-Hochburgen. "Lichtenberg
und Treptow-Köpenick machen uns viel größere Sorgen, sagt
Knape. In Lichtenberg hätten die Rechten ihre Lokale und Treffs.
In Treptow-Köpenick hat der Polizist besonders im Ortsteil Johannisthal
rechte Jugendliche ausgemacht. Problematisch ist für Knape auch,
dass in Köpenick die Parteizentrale der NPD ist, wo ein bundesweites
Schulungszentrum eröffnen soll.
Allerdings spielt die NPD eine immer geringere Rolle in der Szene. Viele
Mitglieder sind ausgetreten und machen "frei" weiter. Etwa der
ehemalige NPD-Kreisvorsitzende René Bethage, der zu den maßgeblichen
Organisatoren von Propaganda-Aktionen in Treptow-Köpenick und berlinweit
aufgestiegen ist. Der Riss zwischen der NPD und den so genannten "Freien
Kräften" ist tief. Das hat nicht zuletzt die De-monstration
von Rechtsextremisten am 1. Mai in Lichtenberg gezeigt. Dort gab es Streitereien
und Handgreiflichkeiten zwischen Teilnehmern, die sich nicht an polizeiliche
Auflagen wie das Vermummungsverbot halten wollten, und NPD-Ordnern. Um
zu zeigen, dass sie nicht dazugehören, ließen die "Freien
Kräfte" einen Abstand zum NPD-Block und riefen Parolen wie "Erster
Mai ohne Partei!"
Bomberjacke
ade
Glatze und Bomberjacke sind in Berlin Klischees von gestern. Dank eines
alternativ wirkenden Outfits können sich Neonazis inzwischen von
Linken fast unbehelligt in der Innenstadt bewegen. Am Montag hätten
es 25 von ihnen fast bis zum Richtfest am Holocaust-Mahnmal geschafft.
Zivilpolizisten mit gutem Personengedächtnis verhinderten jedoch,
dass Neonazis die Feier stören konnten. Denen blieb im Anschluss
nur eine Kundgebung auf dem Alexanderplatz.
Dank alternativen Outfits hatten es rund 30 Neonazis am 1. Juli auch bis
zum Bundespresseamt am Reichstagufer geschafft. Dort zeigte das Bundesamt
für Verfassungsschutz eine Ausstellung über Neonazis. Die mitunter
ziemlich unrasierten rechten Besucher sahen sich dort auch eine Schaufensterpuppe
an. Das Exponat hatte einen kahlen Schädel, eine Bomberjacke und
hielt einen Baseballschläger. So stellt sich das Bundesamt den typischen
Neonazi vor.
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02.08.2004
RBB
Bewährungsstrafe
für Misshandlung eines Vietnamesen
Ein Gymnasiast
Imbissbesitzer ist am Montag von einem Berliner Amtsgericht wegen eines
ausländerfeindlichen Angriffs auf einen Vietnamesen zu zwei Jahren
Haft mit Bewährung verurteilt worden. Der 17-jährige Schüler
hatte den Asiaten mit einem Kantholz im Gesicht schwer verletzt und als
"Reisfresser" beschimpft.
Anlass der brutalen Tat vom vergangenen April in Köpenick war laut
Anklage, dass der Imbissbetreiber die Rechnung nicht "anschreiben"
wollte. Der Schüler wurde wegen gefährlicher Körperverletzung
und Beleidigung schuldig gesprochen.
Der damals 40-jährige Vietnamese erlitt nach dem wuchtigen Schlag
mit dem Holz einen Jochbeinbruch und Prellungen. Der Mann musste mit blutender
Kopfwunde im Krankenhaus behandelt werden. Das Gesicht ist von einer Narbe
auf der Wange gezeichnet. Eine Metallplatte musste eingesetzt werden.
Der Schüler hat Misshandlungen zu Prozessbeginn eingeräumt.
Seine Stimmung sei hochgekocht, weil der Vietnamese ihn mit einem Messer
bedroht habe, behauptete der Gymnasiast. Zuvor habe er vergeblich versucht,
einen Kasten Bier auf Pump zu besorgen. Das vermeintliche Messer war nach
Aussagen des Opfers jedoch eine Rolle mit Alufolie.
Der Hauptangeklagte bestritt rassistische Motive. Er räumte aber
ein, lockere Verbindungen zu rechtsgerichteten Gruppen win. Ein gleichaltriger
Angeklagter, der aufgepasst haben soll, muss wegen Beihilfe 90 Stunden
Freizeitarbeiten ableisten. Der Erlös seiner Arbeit kommt dem Opfer
zu Gute.
Bei dem Lehrling hatte die Polizei CDs von Neonazibands gefunden. Der
Prozess gegen einen 21-jährigen Mitbeschuldigten ist auf kommenden
Montag vertagt worden. Teile des Verfahren handelte das Gericht in nichtöffentlicher
Sitzung ab.
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03.08.2004
Morgenpost
"Fremdenfeindliche
Grundhaltung"
Schöffengericht verhängt Bewährungsstrafe für Überfall
auf Asia-Imbiss
Ein Jugendschöffengericht
in Tiergarten hat gestern den 17-jährigen Markus L. wegen Beleidigung,
versuchter Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung
zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt. Sie ist auf drei Jahre
zur Bewährung ausgesetzt. Dem Oberschüler wird ein Bewährungshelfer
zur Seite gestellt. L. steht nach Auskunft der Justizpressestelle bereits
wegen einer früheren Tat unter der Aufsicht der Jugendgerichtshilfe.
L.
hatte eingeräumt, am 5. April den vietnamesischen Besitzer eines
Imbisses in Köpenick mit einem Kantholz niedergeschlagen zu haben.
Zuvor hatte sich sein Opfer geweigert, dem Schüler Getränke
"anzuschreiben". Der Händler N. konnte fliehen, musste
jedoch später wegen eines Jochbeinbruchs im Unfallkrankenhaus Marzahn
behandelt werden. Kurz nach dem Überfall verhaftete die Polizei den
Schüler Markus L., außerdem den 17-jährigen Tobias B.
und den 21 Jahre alten Dennis E. Tobias B. muss wegen Beihilfe zur gefährlichen
Körperverletzung 90 Stunden Arbeit beim Opferfonds leisten. Der Erlös
soll dem Besitzer des Asia-Imbisses zugute kommen. "Das Gericht geht
von einer rechtsradikalen, fremdenfeindlichen Grundhaltung als Tatmotiv
aus, zusammen mit Ärger und einer gruppendynamischen Entwicklung",
sagte Justizsprecher Arnd Bödeker. Markus L. hatte während der
Verhandlung Ausländerfeindlichkeit als Motiv bestritten und gab an,
er habe sich vom Imbiss-Besitzer bedroht gefühlt. Er gehöre
keiner Kameradschaft an, gab aber auf Nachfrage des Staatsanwalts zu,
Ex-NPD-Funktionär René Bethage von der rechtsextremen "Berliner
Alternative Südost" zu kennen. Der Schüler berichtete,
er sei zu rechten Demonstrationen gegangen und habe erste Kontakte mit
rechten Gruppen schon in der Grundschule gehabt. Der Prozess gegen den
Lehrling Dennis B. wird am 9. August fortgesetzt. Er hatte zugegeben,
mit einer Brechstange und einer Sturmhaube neben der Imbissbude gestanden
zu haben, als L. zuschlug. "Ich würde mich gern entschuldigen
bei Herrn N. und sagen, dass es mir wirklich Leid tut", sagte der
21-Jährige gestern vor Gericht.
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03.08.2004
TAZ
Fidschi?
"Ein ganz normales Wort"
Drei Neonazis überfallen einen Imbissbetreiber. Der eine schlägt
dem Vietnamesen mit einem Kantholz ins Gesicht. Zwei kommen mit milder
Strafe davon, weil sie noch nicht volljährig sind. Der 21-jährige
Dennis E. wartet aufs Urteil
Mit Altersweisheit hat das bei Dennis E. ganz sicher nichts zu tun. Wahrscheinlicher
ist, dass ihn das drohende höhere Strafmaß dazu veranlasste,
am Ende seiner Vernehmung vor der Richterin ein leises "Es tut mir
leid" über die Lippen zu bringen. Denn anders als die beiden
17-jährigen Mitangeklagten ist Dennis E. schon 21 und fällt
damit als "Heranwachsender" nicht mehr unter das Jugendstrafrecht.
Drei
Monate musste er bereits in Untersuchungshaft sitzen, während der
eigentliche Schläger nach nur zwei Wochen frei kam. Der dritte im
Bunde durfte gar nach nur einem Tag wieder raus. Gestern musste sich das
Trio wegen Sachbeschädigung und schwerer Misshandlung vor Gericht
verantworten. Und wieder darf Dennis mit einer höheren Strafe rechnen.
Es wird ihm nur wenig nützen, dass er seit einer Woche Vater ist.
Denn dass er Nachwuchs bekommt, wusste er schon am 5. April. Zu dem Zeitpunkt
sei ihm nicht klar gewesen, was er da macht, sagt er im Nachhinein. Und
die Bezeichnung "Fidschi" für Vietnamesen - das sei für
ihn ein "ganz normales Wort". Neger, das sei ein Schimpfwort.
"Aber Fidschi?"
Deswegen
will er das Geschehen am frühen Abend des besagten Tages auch nicht
als ausländerfeindlichen Angriff bezeichnen. Zusammen mit den beiden
Minderjährigen brach er von seiner Wohnung in Köpenick zur nahe
gelegenen Imbissbude eines Vietnamesen auf. Er selbst trug Brechstange
und Hassmaske, einer der 17-Jährigen ein Kantholz. Dennis hat dabei
zugesehen, wie dieser zunächst an die Tür des Imbisses klopfte
und ihm dann zwei oder drei Mal mit dem Kantholz wuchtig ins Gesicht schlug,
während der Dritte ein paar Meter weiter Schmiere stand. Der zur
Tatzeit 40-jährige Vietnamese erlitt einen Jochbeinbruch und musste
mit blutender Kopfwunde im Krankenhaus behandelt werden. Noch heute durchzieht
eine tiefe Narbe seine linke Gesichtshälfte.
Er,
Dennis, habe einfach die Wut seines jüngeren Kameraden geteilt. Der
hatte kurz zuvor dem vietnamesischen Imbissbetreiber verübelt, dass
er die Rechnung für einen Kasten Bier nicht "anschreiben"
wollte. Weder sei ihm, Dennis, aufgefallen, dass sein Kumpel den Imbissbesitzer
bei dieser Gelegenheit mit "Scheißreisfresser" beschimpft
hatte, noch dass er gegen die Tür des Imbissstandes trat. Aber dass
der Vietnamese ihn mit einem Messer bedroht haben soll - das habe er schon
gesehen. Das vermeintlich silbern blitzende Messer war nach Aussagen des
Opfers eine Rolle mit Alufolie.
Als
unpolitisch versteht sich Dennis. Er, der das letzte Mal vor zwei Jahren
auf einer 1.-Mai-Demonstration der NPD mitgelaufen ist - "wegen der
Ausschreitungen". Und in jüngerer Zeit höchstens mal auf
einem Trauermarsch ein Banner mit der Aufschrift "Frei, sozial, national"
getragen hat. Flugblätter, ja, die habe er verteilt. Aber organisiert
in einer Kameradschaft? Sei er nie gewesen. Höchstens im Umfeld.
Und dann werde nur getrunken. Inzwischen habe er ein Antigewaltseminar
besucht. Und er sei nicht mehr dafür, dass alle Ausländer raus
müssten. Das ginge ja gar nicht. Er finde nur, dass "Bürger
mit deutschem Personalausweis nicht gleich deutsche Bürger"
seien.
Sein
Alter gönnt ihm nach dem Prozessauftakt noch eine Woche Schonzeit.
Nach vierstündiger Befragung der drei Angeklagten und nicht ganz
einem Dutzend Zeugen trennte die Richterin Dennis Verfahren von denen
der anderen ab. Eine nicht ganz unumstrittene Entscheidung. Der Prozess
wurde nicht nur ohne Dennis weiter geführt, sondern auch ohne den
Vietnamesen als Hauptzeugen und Nebenkläger. Denn Nebenklagen sind
bei Jugendstrafverfahren nicht zulässig.
Der 17-jährige
Schläger wurde noch am selben Tag zu zwei Jahren Haft mit Bewährung
verurteilt. Der gleichaltrige Angeklagte muss wegen Beihilfe 90 Stunden
Freizeitarbeit leisten. Der Erlös soll dem Opfer zu Gute kommen soll.
Dennis Prozess wird am nächsten Montag fortgesetzt.
"FELIX
LEE
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03.08.2004
Tagesspiegel
Gymnasiast
gesteht Angriff auf Vietnamesen
Bewährungsstrafe für rechten Schläger aus Köpenick
Die Narbe
ist die sichtbare Spur. Sie zieht sich quer über die linke Wange
des schmächtigen Vietnamesen - so lang und so breit wie ein Streichholz.
Vier Monate ist es her, dass der 41-Jährige Opfer eines brutalen
Überfalls wurde. Die Täter waren Jugendliche, die der rechten
Szene angehören sollen. Gestern saßen sie dem Vietnamesen im
Gerichtssaal gegenüber. "Ich habe nichts gegen Ausländer",
sagte der 17-jährige Gymnasiast Markus L. Jeder könne machen,
was er wolle. "In seinem Land", fügte er hinzu.
L.
ist der Haupttäter. Er schlug am 5. April am Asia-Imbiss an der Rudower
Ecke Glienicker Straße in Köpenick mit einem 80-Zentimeter-Kantholz
zu. "Reisfresser", brüllte er laut Anklage dabei. Durch
einen der wuchtigen Schläge erlitt Nou N. einen Jochbeinbruch. "Rassistische
Motive spielten aber keine Rolle", behauptete L. Er hatte versucht,
einen Kasten Bier auf Pump zu besorgen. N. lehnte das ab. Nach einem Tritt
gegen den Imbiss zog L. ab und kehrte dann mit seinen Freunden zurück.
"Ich war ziemlich sauer", sagte der Gymnasiast. Der Vietnamese
habe ihn nach dem "leichten Tritt" mit einem Messer bedroht.
"Meine Angst vor dem Messer schlug in Wut um", sagte er. Seine
21 und 17 Jahre alten Kumpels wurden nicht handgreiflich. Den beiden wirft
die Staatsanwaltschaft vor, während des Angriffs auf der Straße
aufgepasst zu haben. E. sagte, er habe keinen Angriff gesehen. Tobias
B. schwieg.
Nou
N. saß wie versteinert im Gerichtssaal. Immer wieder betastete er
die Narbe. Ein Messer sei gar nicht im Spiel gewesen, sagte er. "Ich
hatte eine Rolle Alu-Folie in der Hand." Zwei Wochen lag er im Krankenhaus.
Die Narbe blieb. Und die Angst. Er und seine Ehefrau schließen den
Imbiss jetzt vor Einbruch der Dunkelheit.
Markus
L. will nur "locker" mit der rechten Szene verbunden sein. Der
Polizei allerdings ist er bereits mehrfach in rechtsextremen Zusammenhängen
aufgefallen. Zuletzt bei einer Aktion mit dem ehemaligen NPD-Funktionär
René Bethage. Nach zum Teil in nichtöffentlicher Verhandlung
wurde Markus L. der Körperverletzung und Beleidigung schuldig gesprochen.
Das Jugendschöffengericht verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft auf
Bewährung. Tobias B. muss wegen Beihilfe 90 Stunden gemeinnützige
Arbeit leisten. Der Erlös der Arbeit kommt dem Opfer zu Gute. Der
Prozess gegen den 21-jährigen Angeklagten wird am Montag fortgesetzt.
Kerstin Gehrke
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03.08.2004 Tagesspiegel
RECHTE
SZENE
In
Köpenick tummeln sich Neonazis und NPD
Der Bezirk
Treptow-Köpenick gilt als einer der Schwerpunkte rechtsextremer Umtriebe
und entsprechender Kriminalität. Die Polizei registrierte 2003 insgesamt
77 "rechte" Delikte, darunter elf Gewalttaten. Cliquen von Skinheads
und Neonazis geraten häufig mit Linken aneinander. Außerdem
versuchen Neonazis, unpolitische Jugendliche zu agitieren. Provokativ
trat vor allem die Kameradschaft "Berliner Alternative Süd -
Ost (BA-SO)" auf. Mitglieder der BA-SO störten Veranstaltungen
der SPD und beteiligten sich, auch mit "linken" Symbolen, an
Aufmärschen. Die von einem ehemaligen NPD-Mann geführte Gruppierung
versuchte, mit anderen Kameradschaften in Berlin und Brandenburg eine
Art Netzwerk aufzubauen. Parallel unterhalten die Neonazis Kontakte zur
NPD. Die Partei hat im Jahr 2000 ihre Bundesgeschäftsstelle in die
Seelenbinderstraße (Köpenick) verlegt und will dort ein Schulungszentrum
etablieren. Die Neonazi-Gruppe "Vandalen" hielt im September
2003 in Köpenick ihr Jahrestreffen ab. fan
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09.08.2004
Taz
Faschos nehmen Schulen ins Visier
Behörden
schlagen Alarm: Neonazis wollen kostenlos Propaganda-CDs verteilen. An
immer jüngere SchülerInnen. Die Aktion offenbart nur einen Teil
des rechten Vormarschs auf Berlins Schulen. PDS setzt dagegen auf CD für
die LehrerInnen
Das schafft
nicht einmal Britney Spears. Da ist die CD noch gar nicht im Umlauf, und
trotzdem sorgt sie für Furore. Die Urheber mussten nicht mal selbst
die Werbetrommel rühren. Der Verfassungsschutz sorgte für die
entsprechende Publicity.
Seit einigen Wochen schlagen die Behörden Alarm. Sie haben konkrete
Hinweise, dass Neonazis pünktlich zum Schulbeginn braune Propaganda-CDs
an die Schüler verteilen wollen. Von bundesweit 250.000 Stück
ist die Rede. "Anpassung ist Feigheit - Lieder aus dem Untergrund"
heißt die CD, auf der eine gereckte Faust abgebildet ist. Und der
Inhalt dieser braunen Scheibe ist auch schon bekannt. Eingeleitet wird
sie von einer Männerstimme, die im Stakkato-Deutsch die Schulen als
"Sammelbecken für jugendliche Schwerkriminelle" anprangert.
Von "antideutscher Geschichtsschreibung" an Schulen spricht
er, die "nur Deutsche als Täter sieht". Auch die übrigen
20 Lieder strotzen nur so von fremdenfeindlicher Agitation und nationalistischer
Deutschtümelei.
In seltener Eintracht deckt das CD-Repertoire aus rechtem Rock und Heavy
Metal ein breites Spektrum ab. Ein Indiz für den inzwischen sehr
hohen Organisationsgrad der bisher eher zerstrittenen Szene. Von Bands
wie "Noie Werte" und "Stahlgewitter" über "Spirit
of 88" und "Frontalkraft" sind alle Musikrichtungen vertreten,
die bei Neonazis angesagt sind. Daneben finden sich auf der CD Webadressen
von 56 rechtsextremen Organisationen und regionalen Verbänden.
Verfassungsschützer sprechen von einer neuen Dimension der braunen
Propaganda. So massiv hätten sich Neonazis noch nicht zusammengeschlossen,
um gemeinsam an Schulen auf Nachwuchs-Jagd zu gehen. Sie befürchten,
dass die Agitatoren durchaus Erfolg haben könnten. Gerade unter den
12- bis 15-Jährigen habe sich gezeigt, dass Musik eine wirkungsvolle
"Einstiegsdroge" sein kann.
Auch die Berliner Behörden haben das Problem erkannt. Lehrer wurden
informiert und angewiesen, beim Auftauchen der CD sofort das Kriminalamt
einzuschalten, sagte Anne Rühle, Sprecherin der Senatsverwaltung
für Bildung. Zudem sollen im Umfeld von Schulen Polizisten patrouillieren.
Der Berliner Verfassungsschutz rechnet mit Verteilaktionen an Schulen,
an denen es bereits Cliquen mit rechtsradikalen Jugendlichen gibt. Diese
befinden sich vor allem in den Ostbezirken wie Pankow, Lichtenberg und
Köpenick.
Anfangs waren sich Polizei und Landesministerien uneins über den
strafrechtlichen Umgang mit dieser CD. Anwälte der Urheber hatten
angeblich den Sampler vorab auf strafbare Inhalte überprüft,
um Beschlagnahmungen und Anklagen zu vermeiden. Das Amtsgericht Halle
hat aber inzwischen dem Generalstaatsanwalt von Sachsen-Anhalt Recht gegeben,
der die CD als "offenkundig schwer jugendgefährdend" eingestuft
hat. Seit Donnerstag darf sie bundesweit beschlagnahmt werden.
Bianca Klose von der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus"
kann in der Aktion hingegen nichts qualitativ Neues entdecken. Sie beobachtet
bereits seit einigen Jahren eine Zunahme von Antisemitismus und Fremdenhass
an Berliner Schulen. Schimpfwörter wie "Du Judenschwein"
und "Dönerfresser" sind inzwischen auch an Realschulen
und Gymnasien geläufig, nicht nur an Hauptschulen. "Zudem ist
auffällig, wie sehr sich die Szene verjüngt hat", so Klose
weiter. Neonazi-Kader würden gezielt Fünft- und Sechstklässler
ansprechen. Eine Rock-CD sei nur eins von vielen Mitteln, die ansonsten
eher schwer verdauliche Ideologie jugendgerecht zu verpacken. Eine Lehrerin
in Köpenick berichtet von Flugblättern und Schülerzeitungsartikeln
mit rechten Inhalten, die seit einem Jahr in ihrer Schulklasse kursieren.
Gegenmaßnahmen
gibt es aber auch. So hat die länderübergreifende Stelle für
Jugendschutz (www.jugendschutz.de) im Auftrag der Bundeszentrale für
politische Bildung eine CD herausgebracht, auf der sich Unterrichtsmaterialien
für Lehrer zum Thema Rechtsextremismus befinden. Und der PDS-nahe
Jugendverband "solid" will im September ebenfalls mit einem
eigenen CD-Projekt vor die Schultore treten. Das Motto lautet: "AufMUCKEn
gegen rechts". Ihr Geschoss: Konstantin Wecker und Hannes Wader.
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Junge Welt
09.08.2004
Fascho-Fasching
Der Nazis neue Kleider: Zur Übernahme linker Symbolik durch faschistische
Gruppierungen
Ein skurriles Bild bot sich, als am 6. Dezember vergangenen Jahres mehrere
hundert Neonazis unter dem Motto "nationale Zentren erkämpfen!"
durch die Berliner Bezirke Rudow und Schöneweide marschierten. Statt
des üblichen Sortiments an Bomberjacken, schwarz-weiß-roten
Fahnen und Transparenten in altdeutscher Schrift hatten die Neonazis rote
Fahnen dabei, trendige HipHop-Klamotten und im Graffity-Style gehaltene
Transparente, auf denen stand: "Support your local Black Bloc!"
oder "Kapitalismus zerschlagen - Autonomen Widerstand organisieren!"
Schwarz gekleidete junge Männer marschierten mit Sonnenbrillen, Che-Guevara-T-Shirts
und Basecaps durch die Berliner Randbezirke und ließen in Sprechchören
die "internationale Solidarität" hochleben. Die zumindest
ästhetische, oberflächlich gesehen aber auch politische Ähnlichkeit
mit der gleichzeitig stattfindenden antifaschistischen Gegendemo war erstaunlich.
Gipfel der Absurdität war ein auf dem Naziaufmarsch mitgeführtes
Transparent, das zur Verteidigung der Rigaer Straße 94 aufrief,
einem von Räumung bedrohten linken Hausprojekt. Die Friedrichshainer
Besetzer, die sich unters Antifa-Volk gemischt hatten, um gegen den Naziaufmarsch
zu protestieren, wird diese Solidaritätsbekundung von rechtsaußen
alles andere als erfreut haben.
Seit diesem 6. Dezember ist überdeutlich, was schon vorher in antifaschistischen
Kreisen vermutet worden war: In der extremen Rechten ist ein Trend zur
Umfunktionierung linker Ästhetik und Symbolik zu verzeichnen. Vorreiter
bei dem Versuch, ehemals als "links" verstandene politische
Begriffe wie "Antiimperialismus" oder "Antikapitalismus"
zu vereinnahmen und neu zu besetzen, ist die in Berlin ansässige
Anti-Antifa-Gruppe Autonome Nationalisten Berlin (ANB), die schon seit
einigen Jahren in ihren Publikationen mit veränderten Symbolen der
Autonomen-Antifa-Bewegung zur Jagd auf Migrantinnen, Migranten und Linke
aufruft oder bei Nazidemos mit revolutionärem Pathos die "Zerschlagung
des Kapitalismus!" fordert.
Immer mehr Gruppen aus dem radikalen Spektrum der "freien Kameradschaften"
folgen diesem Beispiel und legen Wert auf ein militant-revolutionäres
Erscheinungsbild. Als letzter Schrei gilt in der Szene wie bei diffus-rechten
Jugendlichen der Textilversand "Thor Steina", der aktuelle Streetwear-Mode,
die sich auch in Antifa-Kreisen großer Beliebtheit erfreut, mit
NS-Symbolik verknüpft und damit zur Zeit eine Menge Geld macht.
Verständlicherweise beklagen Linke verwundert den "Raub"
linker Symbole durch die Faschisten. Doch ist diese Strategie keineswegs
neu: Die reaktionäre "Umcodierung" von Inhalt und Ästhetik
der revolutionären Arbeiterbewegung war immer ein zentrales Moment
faschistischer Bewegungen. Der Ruf nach einer sozial regulierten "Volksgemeinschaft"
als Antwort des verunsicherten Kleinbürgertums auf die Krisenhaftigkeit
des Kapitalismus und die Bedrohung durch eine sozialistische Revolution
des Proletariats verknüpfte reaktionäre Ressentiments seit jeher
mit einem pseudorevolutionären Habitus. Vom Begriff des Nationalsozialismus,
der roten Fahne mit dem Hakenkreuz bis zu den unzähligen Nazi-Versionen
linker Arbeiterlieder sind die Beispiele zahllos. Nach dem Sieg der Alliierten
über den deutschen Faschismus ist diese Strategie innerhalb der radikalen
Rechten zwar nie ganz verschwunden, wurde aber doch stark zurückgedrängt.
Ein Grund für die "Bürgerlichkeit" der Nazis zwischen
'45 und '89 mag die vergleichsweise große soziale Sicherheit in
der BRD gewesen sein, die einen "revolutionären" Habitus
für den überwiegenden Teil der extremen Rechten unattraktiv
machte. Die seit Mitte der 70er Jahre erneut zunehmende Krisenhaftigkeit
des Kapitalismus und der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers haben
die Bedingungen jedoch wieder radikal verändert.
Mit der Verunsicherung
des Kleinbürgertums durch Neoliberalismus und Wirtschaftskrisen begann
der zweite Frühling "antikapitalistischer" und "nationalrevolutionärer"
Bestrebungen innerhalb der extremen Rechten. Seitdem agitieren die Nazis
gegen "US-imperialistische Kriege", den "Sozialraub am
deutschen Volk" oder die "anglo-amerikanische Globalisierung"
- ein Trend, der mit der oben beschriebenen Demonstration in Berlin eine
neue Qualität erreicht hat.
Die Gefährlichkeit dieser Entwicklung darf auch aus historischer
Sicht nicht unterschätzt werden. Nur eine starke sozial-revolutionäre
Linke, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich vom "völkischen
Antikapitalismus" der Nazis abgrenzt, kann ihr etwas entgegensetzen.
Linke Gepflogenheiten wie die kritiklose Solidarisierung mit nationalen
Befreiungsbewegungen, z. B. der PLO, oder die personifizierte Kritik an
"Bonzenschweinen" und "Wohnungsspekulanten" sollten
überdacht werden. Deswegen muß man nicht in den politischen
Fatalismus antideutscher Sekten verfallen. Antifa heißt schließlich
Angriff und nicht weggucken plus Israel-Fahnen schwenken.*
Der Autor ist Berliner Landessprecher des PDS-nahen Jugendverbandes ['solid]
- die sozialistische jugend
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11.08.2004
Jungle World
Deutsches Haus
Das Jugendschöffengericht
Tiergarten (Berlin) verurteilte am 2. August zwei 17jährige Deutsche
zu zwei Jahren Haft auf Bewährung bzw. 90 Stunden Freizeitarbeit.
Die beiden Jugendlichen hatten am 5. April zusammen mit einem Freund eine
vietnamesische Imbissbude überfallen und den Besitzer durch Schläge
mit einem Kantholz ins Gesicht schwer verletzt. Der Vietnamese hatte sich
geweigert, einen Kasten Bier "anzuschreiben", woraufhin die
Jugendlichen ihn als "Scheißreisfresser" beschimpften
und zusammenschlugen. Unbekannte beschmierten am 31. Juli in Berlin einen
Gedenkstein, der an die Opfer der Gestapo erinnert, mit einem Hakenkreuz
und der Zahl 18. Sie steht in rechtsextremen Kreisen für die Initialen
Adolf Hitlers, den ersten und achten Buchstaben im Alphabet. In Amt Neuhaus
(Niedersachsen) griffen am 28. Juli vier Neonazis vor einem Wohnblock
Migranten an. Sie riefen rassistische Parolen und warfen Steine und Stöcke
gegen ein Fenster des Hauses, berichtete die taz. Bereits am 27. Juli
wurden in Fürstenwalde (Brandenburg) drei Asylbewerber angegriffen.
Die drei Jugendlichen waren auf dem Weg zu einem Bekannten von zwölf
deutschen Jugendlichen mit rassistischen Parolen beschimpft worden. Beim
Versuch, die Deutschen zur Rede zu stellen, wurden sie angegriffen und
im Gesicht und am Oberkörper verletzt. Die Polizei geht inzwischen
von einem fremdenfeindlichen Motiv aus. Zunächst war von einer Auseinandersetzung
zwischen Jugendlichen berichtet worden. Bereits am 17. Juli wurde eine
Gruppe von acht Afrikanern in Potsdam (Brandenburg) von deutschen Fußballfans
angegriffen. Dies berichetete der Verein Opferperspektive. Einem der Afrikaner
stellten die Fußballfans demnach ein Bein und forderten ihn auf,
den Zug zu verlassen: "Raus aus dem Zug. Hier ist nicht Afrika. Geh
zurück nach Afrika!" Dabei riefen sie auch: "White Power!"
Dann schlugen sie auf ihn ein und verletzten ihn am Hals. Als die Polizei
eintraf, stellten die Beamten zunächst die Personalien der Angegriffenen
fest. Den 35jährigen Kameruner, der verletzt wurde, wollten sie von
seinen Begleitern trennen, doch er wehrte sich dagegen. Er erhielt inzwischen
eine Vorladung der Polizei. Ihm wird Widerstand gegen Polizeibeamte vorgeworfen.
Sowohl die Angreifer als auch die Angegriffenen wurden zur weiteren Feststellung
ihrer Personalien auf eine Polizeiwache gebracht. Gegen zwei Uhr nachts
wollten die Afrikaner die Polizeistation aus Angst vor weiteren Angriffen
nicht verlassen. Daraufhin wurde ihnen mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs
gedroht. Schließlich wurden sie von Polizeibeamten zum Bahnhof geleitet,
wobei diese Videoaufnahmen von den Afrikanern gemacht haben sollen. Der
Verein Opferperspektive erhob Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die eingesetzten
Beamten des Bundesgrenzschutzes und der Polizei. In diesem Jahr zählte
der Verein bereits 58 rechtsextrem oder rassistisch motivierte Übergriffe
in Brandenburg.
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20.8.2004 Analyse und Kritk
Bei uns
kann jeder machen was er will - nur eben in seinem Land
Was vor Gericht passiert, wenn drei Neonazis einen Imbissbetreiber
überfallen - ein Bericht
Markus L. (17), Tobias B. (17) und Dennis E. (21) sind drei groß
gewachsene, kräftig gebaute junge Männer. Seitlich von ihnen
sitzt der 1,60 m kleine No N. (41), Betreiber einer vietnamesischen Imbissbude.
Herr N. ist als Nebenkläger anwesend. Markus L. ist angeklagt, den
schmalen Mann als "Scheiß-Reisfresser" beleidigt und mit
einem Kantholz durch wuchtige Schläge ins Gesicht schwer verletzt
zu haben. Zusätzlich soll er seine Imbissbude beschädigt haben.
Die beiden Mitangeklagten hätten bei der Tat "Schmiere gestanden"
und sind deshalb der Beihilfe angeklagt.
Der Auftakt des Prozesses verläuft anders als geplant. Ein Verteidiger
und sein Mandant sind nicht erschienen. Die Vorsitzende Jugendrichterin
widmet den Termin deshalb zu einer Haftprüfung um. Denn Dennis E.
sitzt seit seiner Festnahme drei Monaten zuvor in Untersuchungshaft. Unter
Ausschluss der Öffentlichkeit setzt Richterin H. den jungen Mann
auf freien Fuß, zwei Wochen später beginnt der eigentliche
Prozess.
Die drei jungen Männer, zwei Schüler und ein Lehrling, waren
am 5. April mittags an der Imbissbude des Herrn N. erschienen, um sich
einen Kasten Bier "auf Pump" zu besorgen. Dies hatte Herr N.
abgelehnt. Daraufhin beschimpft Markus L. den Mann als "Scheiß-Reisfresser"
und tritt gegen die Tür der Bude. Nach der Schilderung des Angeklagten
verließ daraufhin Herr N. seinen Stand und verfolgte ihn. Markus
L. erklärt, dass er von Herrn N. geschlagen und getreten worden sei,
dieser habe ihn mit einem Messer bedroht. Er "habe Angst gehabt"
und sei davongelaufen. Das habe ihn so geärgert, dass er beschlossen
habe, zusammen mit seinen Bekannten später noch einmal zu der Bude
zurückzukehren.
Ein Kasten Bier "auf Pump"
Pünktlich nach Sonnenuntergang machen sich die drei auf den Weg.
Markus L. hat ein etwa 80 cm langes Kantholz dabei, Dennis E. trägt
ein Brecheisen unter seiner Jacke. Dennis E. und Tobias B. sehen zu, wie
Markus L. an die Tür der Bude klopft. Als Herr N. öffnet, trifft
ihn der erste Schlag mit dem Kantholz. Er taumelt zurück und L. dringt
in den Imbiss ein. Drei Mal schlägt er auf Herrn N. ein, dieser kann
sich in Panik an ihm vorbeidrängeln und um Hilfe rufend die Flucht
ergreifen. Blutüberströmt kommt er in seiner nur etwa hundert
Meter entfernt liegenden Wohnung an und bricht zusammen. Seine Frau ruft
die Feuerwehr. Vierzehn Tage verbringt Herr N. im Krankenhaus, die Ärzte
diagnostizieren "ein Jochbeinbruch mit tiefen Einquetschungen der
Weichteile, sowie schwere Hämatome und Prellungen" an Gesicht
und Armen. Herrn N. wird eine Metallplatte eingesetzt, er ist nur noch
bedingt arbeitsfähig und es ist unklar, wie viele Operationen zukünftig
noch notwendig sein werden.
Die Schwester von Tobias B. sagte vor Gericht aus, Markus L. habe mit
der Tat geprahlt.
Während der Tat und auf dem Rückweg in die nahe gelegene Wohnung
des Dennis E. werden die drei von Nachbarn beobachtet. "Sie haben
sich amüsiert", sagt eine 14-Jährige als Zeugin. "Hast
du gehört, da hat jemand um Hilfe gerufen", sollen die Jungen
lachend erzählt haben. Das Mädchen läuft zu ihrem Vater
und erzählt, was sie gerade gesehen hat. "Ich gehe da nicht
runter, hat Papa gesagt", berichtet sie mit leiser Stimme.
Irgendwie nur lästiges Beiwerk
Die Akustik im Saal des Schöffengerichts ist sehr schlecht. Vier
Mal fragt der vietnamesische Dolmetscher, ob es möglich sei, etwas
lauter zu sprechen, da er sonst nicht übersetzen könne. Drei
Mal bekommt er von der Vorsitzenden die Replik, "doch bitte etwas
leiser zu übersetzen", da sonst die ohnehin schwierige Verständigung
behindert sei.
Bei Hausdurchsuchungen in den elterlichen Wohnungen der drei Angeklagten
hatte die Polizei Plakate von Adolf Hitler, Rudolf Heß und Horst
Wessel an den Wänden gefunden. Außerdem Reichskriegsflaggen,
Hunderte von Aufklebern und Plakaten der NPD, sowie zahlreiche rechtsextreme
CDs von indizierten Gruppen wie den "Zillertaler Türkenjägern".
Der Abteilung "Rechtsextremismus" der Polizei sind zwei der
Angeklagten bereits einschlägig bekannt. Sie sind Mitglieder so genannter
Freier Kameradschaften, waren an diversen rechtsradikalen Aktionen beteiligt.
So haben Markus L. und Dennis E. beispielsweise auch an den jährlich
stattfindenden Demonstrationen zum Gedenken an Rudolf Heß in Wunsiedel
teilgenommen.
Vor Gericht mögen sie nicht so recht dazu stehen. Nein, ausländerfeindliche
Motive hätten bei der Tat keine Rolle gespielt, man habe sich "auch
schon etwas von der rechten Szene distanziert", wie Dennis E. erzählt.
Wie diese Distanzierung aussieht, wird bei ihren Einlassungen deutlich.
"Wir sehen ja immer nur die negativen Dinge bei den Ausländern,
Schießereien in Kreuzberg und sowas. Was die aber auch unserer Wirtschaft
nutzen, sehen wir nicht, nur dass sie uns ausnutzen", gibt sich E.
reuig und entschuldigt sich öffentlich bei Herrn N. Auch Markus L.
hat "nichts gegen Ausländer". "Bei uns kann jeder
machen was er will - nur eben in seinem Land", lautet sein Credo.
Eine knappe halbe Stunde später wird ein Polizeibeamter als Zeuge
aussagen, dass L. unmittelbar nach seiner Haftentlassung an einer rechtsradikalen
Propaganda-Aktion teilgenommen hat, bei der es zu Rangeleien mit einem
Fotografen gekommen sei. Insgesamt sei Markus L. "in den letzten
vierzehn Tagen zwei Mal bei Aktionen einer Kameradschaft in Erscheinung
getreten", so der Polizist.
Betreut werden die Jugendlichen von anwesenden Jugendgerichtshelferinnen,
die ihnen in den Pausen Flaschen mit Wasser reichen, wenn die sich Sorgen
darum machen, "dass vielleicht welche von der Antifa im Publikum
sein" könnten.
Herr N. leidet anhaltend unter schweren Traumata und Richterin H. empfiehlt
ihm "zur Senkung ihrer Angst" Gespräche mit den Tätern
im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleiches. Sie meint es gut: "Sie
sollen sich da aber nicht von mir gedrängt fühlen." Herr
N. vergräbt das vernarbte Gesicht in den Händen, fängt
an zu weinen und schüttelt nur den Kopf. In ihrer Frage danach, ob
Herr N. denn immer noch den Imbiss an alter Stelle betreiben würde,
klingt Unverständnis durch.
"Da es den Schöffen an einem so schönem Tag nicht zuzumuten
ist, weitere vier Stunden hier zu verhandeln", trennt die Vorsitzende
das Verfahren gegen den 21-jährigen Dennis E. ab und terminiert es
auf die darauf folgende Woche. Da es sich bei Tobias B. und Markus L.
strafrechtlich um Heranwachsende handelt, schließt Richterin H.
die Öffentlichkeit für den Rest des Verfahrens aus. Das Urteil
wird über die Pressestelle erfragt: Zwei Jahre Haft auf drei Jahre
Bewährung für Markus L. mit der Auflage eines sechsmonatigen
Alkoholverbots. 90 gemeinnützige Arbeitsstunden zu Gunsten des Geschädigten
lautet das Urteil für Tobias B. Er hat Berufung eingelegt.
Fidschi? "Ein ganz normales Wort"
Eine Woche später wird das abgetrennte Verfahren gegen Dennis E.
fortgesetzt. Richterin H. verliest ein psychologisches Gutachten über
die Folgen der Tat bei Herrn N. Da ist von "schweren posttraumatischen
Belastungen", "Angstzuständen" und "Schlafstörungen"
die Rede.
Die Verlesung des Strafregisterauszugs weist für Dennis E. sieben
Verurteilungen in den letzten vier Jahren aus, darunter Diebstahl, Sachbeschädigung,
das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und immer
wieder: Gefährliche Körperverletzung. Wegen einer versuchten
räuberischen Erpressung in Tateinheit mit versuchter gefährlicher
Körperverletzung ist Dennis E. 2002 zu anderthalb Jahren auf Bewährung
verurteilt worden. Die hier verhandelte Straftat geschah während
der Bewährungszeit. Außerdem läuft derzeit noch ein weiteres
Verfahren gegen den jungen Mann wegen einer Schlägerei zwischen linken
und rechten Jugendlichen.
Die Nebenklagevertreterin möchte mehr über die politischen Aktivitäten
des Angeklagten wissen und fragt nach. Der gibt an, die NPD-Plakate nur
für einen Bekannten zwischengelagert zu haben. Flugblätter einer
Kameradschaft mit der Forderung nach einem "Nationalen Zentrum"
habe er als Hauswurfsendung aber schon mal verteilt. Die Formulierung
"Fidschi" zur Bezeichnung asiatischer Menschen sei für
ihn normal.
"Was haben Sie denn mit all diesen Dingen gemacht, die man bei Ihnen
gefunden hat?", will die Rechtsanwältin wissen. "Die habe
ich weggeschmissen - außer die Originale". "Was sind denn
das für Originale?", hakt die Anwältin nach. "Na,
die Hitler-Büste und der SS-Ring."
Eine Jugendgerichtshelferin, die Dennis E. betreut, wird als Zeugin vernommen.
Sie stellt fest, dass "das alles nicht so einfach für ihn"
sei, sieht "keine schädlichen Neigungen" und empfiehlt,
Dennis E. nach Jugendstrafrecht zu verurteilen.
Dann fragt Richterin H. Herrn N., warum er denn nicht krankenversichert
ist. Der Dolmetscher übersetzt die Antwort: "Die Krankenkasse
hat mir aus Gründen, die ich nicht verstehe, gekündigt."
Zum Tatzeitpunkt sei er noch versichert gewesen, habe der AOK eine Einzugsermächtigung
erteilt. Das Konto sei auch immer gedeckt gewesen. Aber nach der Tat habe
ihn die Krankenkasse rausgeworfen.
"Das können wir jetzt hier nicht klären", kommentiert
Richterin H. und möchte statt dessen wissen, welche Kosten dem Geschädigten
bis dato entstanden sind. "4.500 Euro für den Krankenhausaufenthalt
und weitere Kosten für Ärzte und Medikamente", lautet die
Antwort. Die künftigen Operationen seien da noch nicht enthalten.
Richterin H. fängt an zu rechnen: "Zwei Mal 90 Arbeitsstunden,
das macht ... etwa 1.500 Euro" und fragt Herrn N.: "Wären
Sie denn bereit, dieses Geld von den Angeklagten anzunehmen?" Die
Antwort kommt schnell und eindeutig: "Nein."
In seinem Plädoyer spricht der Staatsanwalt von "einer feigen
und brutalen Tat". Es sei typisch für rechte Gewalttäter,
dass sie in Überzahl gegen Unterlegene vorgingen, dies zeige sich
auch in anderen Verfahren. Der "Straßenterror rechter Gewalttäter"
erzeuge zunehmend "ein Gefühl der Unsicherheit" in der
Öffentlichkeit. Auf Grund von Reifeverzögerungen sei nach dem
Jugendstrafrecht zu verurteilen. Er fordert zwei Jahre ohne Bewährung,
allerdings mit der Möglichkeit, dass Dennis E. sechs Monate lang
eine Reihe von Auflagen erfüllt und dann Bewährung erhalten
kann.
"Als Generalprävention notwendig"
Der Verteidiger erkennt bei seinem Mandanten "sicherlich auch unterschwellige
Ausländerfeindlichkeit", diese sei bei der Tat aber "nicht
maßgeblich" gewesen. Und "immerhin, es gibt erste zarte
Versuche, aus der rechten Szene auszusteigen".
Richterin H. fällt das Urteil von zwei Jahren nach dem Jugendstrafrecht.
Zusätzlich muss Dennis E. 90 Stunden bei einem Opferfond zu Gunsten
des Geschädigten N. arbeiten. Wenn er in den nächsten sechs
Monaten eine Alkohol-Entzugstherapie macht, sich regelmäßig
bei seinem Bewährungshelfer meldet und Kontakt mit einer Aussteiger-Organisation
aufnimmt, wird die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Bis dahin bleibt
er auf freiem Fuß, der Haftbefehl wird aufgehoben. Die Vorsitzende
hat das Urteil aus dem Jahr 2002 mit einbezogen. Die Kosten des Verfahrens
hat Dennis E. zum ersten mal selbst zu tragen. "Da ich weiß,
dass sie nicht viel haben, werden wir da bestimmt einen Modus finden",
gibt sich Richterin H. verständnisvoll. Der Angeklagte müsse
"aber auch lernen, dass so etwas Geld kostet".
Zweieinhalb Wochen zuvor war ein 19-Jähriger wegen der Beteiligung
an den "Krawallen zum 1. Mai" (konkret ging es um die Verhinderung
eines NPD-Aufmarsches) zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt
worden. Er hatte laut Anklage eine Flasche in Richtung Polizei geworfen,
die niemanden verletzte. Dem verurteilenden Landgericht war es wichtig,
mit einer extra herausgegebenen Presseerklärung festzustellen, dass
derart "harte Urteile aus generalpräventiven Gründen der
Abschreckung notwendig" seien.
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27.08.2004
Morgenpost
Festival
gegen Neonazis
Oberschöneweide - Linke Gruppen haben für morgen eine Demonstration
unter dem Motto "Linke Freiräume erkämpfen. Nazis stoppen!"
angekündigt. Sie soll um 12 Uhr am Bahnhof Schöneweide starten.
Die Route führt am ehemaligen Zwangsarbeiterlager an der Britzer
Straße vorbei bis zum Kranbahnpark an der Wilhelminenhofstraße.
Dort soll um 14 Uhr das Musikfestival "Kontrollverluste" mit
12 Bands beginnen, die Punk, Reggae und Hip-Hop spielen. 2002 und 2003
hatte das Bezirksamt die Genehmigung für das linke Open-Air-Festival
verweigert, das damals für den Platz des 23. April beantragt war.
Laut Polizei ist die Demo für 200 Teilnehmer genehmigt.
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28.08.2004 Berliner Morgenpost
"Kameradschaft
Tor" überrascht die Polizei
Zug durchs Brandenburger Tor - Aufruf zu Gewalt im Internet
Der Marsch der Neonazis durch das Brandenburger Tor sorgt auch Tage später
noch für Zündstoff. Etwa 70 Angehörige der rechtsradikalen
Szene waren am vergangenen Mittwoch nach dem Ende einer Demonstration
vor der Britischen Botschaft mit Fahnen und Transparenten singend durch
das symbolträchtige Bauwerk marschiert. Die Polizei wurde von diesem
Auftritt völlig überrascht, wie ein Sprecher gestern eingestand.
"Wir sind davon ausgegangen, dass die Demonstranten nach Ende der
Kundgebung den Heimweg antreten", sagte ein Beamter kleinlaut.
Die vor Ort eingesetzten Kräfte mussten erst durch Passanten auf
die Aktion der Rechten aufmerksam gemacht werden, räumte der Polizeisprecher
ein. Daraufhin seien sofort Kräfte eingesetzt worden, die jedoch
zu spät kamen, um das öffentlichkeitswirksame Spektakel noch
zu verhindern. An der Westseite des Tores flüchteten die Demonstranten
vor den inzwischen anrückenden Polizeikräften in den Tiergarten.
Die vorangegangene Kundgebung erfolgte im Rahmen der so genannten "Rudolf-Hess-Aktionswochen",
die bundesweit von mehreren rechtsradikalen Gruppen und Organisationen
zum Todestag des einstigen Hitler-Stellvertreters am 17. August initiiert
wurden. Vor der britischen Botschaft forderten die Demonstranten die Freigabe
der Akten des früheren NS-Führers.
Das Gros der Demonstranten stellte nach Erkenntnissen des Staatsschutzes
die "Kameradschaft Tor". Die radikale Truppe hat unlängst
mit dem Aufbau einer eigenen Internetpräsenz begonnen, über
die sie fremdenfeindliche und antisemitische Hetze verbreitet. Zudem fällt
die Gruppe zunehmend häufiger durch massive Drohungen via Internet
oder Flugblätter gegen missliebige Personen auf ("Wir wissen,
wo du wohnst"). Eine Entwicklung, die die Behörden ernstlich
beunruhigt, wie ein Staatsschützer einräumte.
Die "Kameradschaft Tor" ist in Lichtenberg beheimatet, eine
wachsende Zahl von Neonazi- und Skinheadgruppen ist inzwischen in Treptow-Köpenick
aktiv. Im Bezirk wird jetzt eine Analyse über "Rechtsextreme
Erscheinungsformen und Möglichkeiten der demokratischen Intervention"
diskutiert, die das Zentrum für Demokratische Kultur in Mitte angefertigt
hat (www.zentrum-demokratische-kultur.de). Sie wurde kürzlich dem
Bündnis für Demokratie vorgestellt. Im September debattiert
das Bezirksamt die Studie und nötige Schritte mit den Verfassern.
Trotz des geringen Ausländeranteils im Bezirk haben Alteingesessene
Angst vor vermeintlicher "Überfremdung", so die Einschätzung
der Analyse. Rechtsextremismus finde seinen Nährboden in Teilen der
Alltagskultur. "Immer wieder begegnen uns Argumente, wonach die etablierte
deutsche Bevölkerung eine materielle und rechtliche Vorrangstellung
haben sollte", heißt es in der Studie. Jedoch habe sich in
Treptow-Köpenick eine "erstaunliche Bandbreite an Initiativen
und Projekten" gegen Rechtsextremismus entwickelt.
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01.09.2004
Junge Welt
Kontrollverluste:
Antifademo
und Jugendfestival in Berlin-Köpenick
Rund 150 mehrheitlich junge Menschen gingen am Samstag im Berliner Stadtbezirk
Treptow-Köpenick gegen rechte Umtriebe, aber auch gegen institutionalisierten
Rassismus auf die Straße. Die Antifaschisten protestierten erneut
gegen die vom Bezirk erteilte Baugenehmigung für ein neues "Schulungszentrum"
der NPD, die in Köpenick bereits ihre Bundeszentrale hat. An der
Gedenkstätte für die Opfer der Köpenicker Blutwoche und
an der ehemaligen Köpenicker Synagoge erinnerten sie an die Folgen
der Nazibarbarei. Die Abschlußkundgebung wurde vor dem Abschiebegefängnis
in der Grünauer Straße abgehalten.
Am Nachmittag fand im Kranbahnpark in Berlin-Oberschöneweide das
alternative Jugendfestival "Kontrollverluste" statt, bei dem
es auf zwei Bühnen Live-Musik, Theater, Diskussionen, Filme und Ausstellungen
gab. Mehr als 1000 Menschen besuchten die Veranstaltung.
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06.09.2004
Neues Deutschland
Rechte
überfielen Besucher von linkem Festival
Angriff mit Knüppeln / 700 Besucher kamen zu "Le monde est
à nous" in Königs Wusterhausen
Auch der Überfall durch mehrere Neonazis konnte nicht mehr verhindern,
dass "Le monde est à nous" (französisch für
"Die Welt gehört uns") in Königs Wusterhausen wieder
ein Erfolg war. Die Initiatoren der Veranstaltung waren am Sonnabend mit
den über 700 Besuchern zufrieden. Der nächtliche Polizeieinsatz
zeige aber, wie aktuell die Bedrohung durch Faschisten sei.
Rechtsradikale hatten in den frühen Morgenstunden mehrere Besucher
des antifaschistischen Festivals auf dem Heimweg mit Autos verfolgt und
mit Knüppeln angegriffen. Die Veranstalter riefen schnell die Polizei
und konnten so Schlimmeres verhindern. Wie in den vergangenen Jahren hatte
ein lokales Bündnis zu Musik, Sport und Infoständen auf die
örtliche Festwiese geladen.
Organisiert wurde die Veranstaltung vor allem durch die antifaschistische
Jugendgruppe "Redaction" und den Verein Splirtz, die wie in
den letzten Jahren durch die städtische PDS unterstützt wurden.
Waren gegen Mittag die Tische der Workshops noch weitgehend leer, so füllte
sich das Areal dann in den Abendstunden schnell. Diverse Bands wussten
das junge Publikum bis in die Nacht zu begeistern.
Das Fest kann im Dahmeland schon auf eine gewisse Tradition zurückgreifen.
Linke Jugendliche versuchten erstmals im September 2000 mit einem umfangreichen
Kulturangebot den zahlreichen Rechtsradikalen in der ehemaligen Kreisstadt
etwas entgegenzusetzen. Seitdem avancierte das Fest zum Politikum.
Die PDS, sie stellt inzwischen mit Stefan Ludwig den Bürgermeister
der Stadt, fürchtete wegen der Beteiligung vermeintlich linksradikaler
Gruppen offenbar negative Schlagzeilen, und war zeitweilig kurz davor,
das Bündnis zu verlassen. Vor drei Jahren griffen dann Neonazis am
Vorabend der Veranstaltung die auf der Bühne schlafenden Organisatoren
mit Molotowcocktails an. Bis heute konnten die Täter trotz zahlreicher
Spuren nicht ermittelt werden.
Tatsächlich ist die Konzentration neonazistischer Aktivitäten
im Landkreis Dahme-Spreewald auffällig. Der Kreisverband der NPD
wuchs nach seiner Gründung im Jahr 2000 schnell.
Neonazis kleiden sich längst nicht mehr nur als Skinheads, wie eine
Infoveranstaltung im Rahmen des Festes am Freitagabend im Stadtjugendring
klarmachte. Beliebt seien Pullover der Marke "Thor Steinar".
Patentiert wurde der Markenname von Axel Kopelke, der in Königs Wusterhausen
einen Klamottenladen betreibt und jahrelang als aktiver Rechter galt.
Auch für das nächsten Jahr ist ein Fest "Le monde est à
nous" geplant, wie "Redaction" erklärte. Antifaschistisches
Engagement sei in Königs Wusterhausen weiterhin zwingend erforderlich,
wie die rechtsradikalen Übergriffe vom Wochenende gezeigt haben.
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06.09.2004
Morgenpost
Zahl
der Neonazis nimmt zu
Rechtsradikale rekrutieren immer mehr Mitglieder und trauen sich zunehmend
in die Öffentlichkeit
In Berlin
gehen - wie auch andernorts - die Neonazis in die Offensive. Vor allem
die Szene der so genannten Kameradschaften ist in Bewegung, hat der Verfassungsschutz
festgestellt. Die Zusammenschlüsse verzeichneten seit geraumer Zeit
einen deutlichen Zulauf an Mitgliedern, seien zunehmend besser organisiert
und suchten gezielt den Weg in die Öffentlichkeit, heißt es
in einer der Berliner Morgenpost vorliegenden Verfassungsschutz-Analyse.
Insider befürchten, dass sich in Berlin die Mitgliederzahl der Neonazi-Gruppen
und Kameradschaften nahezu verdoppeln könnte. Für das Jahr 2003
verzeichneten Staats- und Verfassungsschützer in der Hauptstadt einen
Anstieg der Mitgliederzahlen von 500 auf 750, im laufenden Jahr registrieren
sie einen weiter anhaltenden Zulauf, bestätigte ein Staatsschützer.
Die Zeiten, in denen Neonazis sich darauf beschränkten, in Hinterzimmern
unter gleich Gesinnten ihre braune Weltsicht zum Besten zu geben und zumeist
anonym via Internet und Flugblättern gegen anders Denkende zu hetzen,
scheinen passé zu sein. "Den Rechtsradikalen geht es darum,
möglichst viel Präsenz auf der Straße zu zeigen, um die
Öffentlichkeit zu beeindrucken", erläutert Claus Guggenberger,
der Sprecher des Berliner Verfassungsschutzes.
Belege für diese neue Präsenz der Rechtsradikalen haben die
Behörden zur Genüge gesammelt. Im Mai rückten Mitglieder
einer in Lichtenberg beheimateten Kameradschaft am sowjetischen Ehrenmal
im Treptower Park an, um eine Antifa-Veranstaltung zu stören. Im
Juni gelangten Neonazis beim Tag der Offenen Tür der Berliner Polizei
auf das Gelände in Ruhleben, enthüllten Transparente und skandierten
rechtsradikale Parolen.
Gleich mehrfach suchten Gruppen-Vertreter in den letzten Wochen Bezirksbürgermeister
in deren Sprechstunden auf, um unverhohlen für ihr Hauptanliegen,
die Einrichtung "nationaler" Jugendzentren ("Zutritt nur
für Deutsche") zu werben. Und erst vor zwei Wochen demonstrierten
70 Neonazis vor der britischen Botschaft für die Ehrenrettung ihres
Idols Rudolf Hess und nutzten nach dem Ende der Kundgebung eine kurze
Unaufmerksamkeit der Polizei, um singend und Fahnen schwenkend durch das
Brandenburger Tor zu marschieren. Solche Aktionen funktionieren vor allem
durch eine immer perfektere Tarnung. "Viele Neonazis laufen nicht
mehr mit Glatze und Bomberjacken durch die Gegend, sondern tragen modische
Kleidung und unauffällige Frisuren. Damit bewegen sie sich unbehelligt
im gesamten Stadtgebiet", erklärt der Extremismusforscher Michael
Kohlstruck.
Zwei Faktoren sind es nach Verfassungsschutzerkenntnissen, die den Neonazis
Auftrieb geben: Ein in Teilen der Bevölkerung durch die Gefahr islamistischen
Terrors entstandenes latentes Misstrauen gegen Muslime und die Wut der
Menschen über befürchtete soziale Härten im Gefolge von
Reformen wie Hartz IV. "Da drehen die Rechtsradikalen dann das ganze
große Rad, hetzen gegen unsoziale Politik und schüren Angst
vor Überfremdung", erläutert ein Staatsschützer.
Mit dem Mut zu öffentlichen Auftritten ist in der rechtsradikalen
Szene auch die Aggressivität gewachsen. Via Internet und Flugblättern
werden inzwischen nicht mehr nur Drohungen gegen Linke ausgestoßen,
sondern auch gegen bürgerliche Politiker, gegen Lehrer, deren Geschichtsunterricht
den Neonazis nicht passt, und gegen Polizeibeamte. Fazit des Berliner
Verfassungsschutzes: Hier entsteht ein ernst zu nehmendes Bedrohungspotenzial.
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15.09.2004
Junge Welt
Aktionäre
ohne Gewissen
Ein Rundgang
zur Zwangsarbeit für die Unternehmerfamilie Quandt in Berlin-Niederschöneweide
Über
den Einsatz von KZ-Häftlingen und anderen Zwangsarbeitern im Flick-Konzern
ist die deutsche Öffentlichkeit relativ gut informiert, seit in den
Medien über die Flick-Collection und das "Blutgeld" berichtet
wird, mit dem Friedrich Christian Flick seine Kunstsammlung erworben hat.
Der Enkel des als Kriegsverbrecher verurteilten Rüstungslieferanten
Friedrich Flick verdankt einen Teil seines Reichtums der Ausbeutung von
Arbeitssklaven in der Zeit des Hitlerfaschismus. Auch andere große
Vermögen deutscher Industriellenfamilien sind wesentlich während
der Nazizeit und nicht zuletzt durch den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen
und Zwangsarbeitern entstanden. Doch während viele Unternehmen sich
auf massiven öffentlichen und juristischen Druck hin an der Zwangsarbeiterentschädigung
beteiligt haben, ist über die historische Verantwortung der privaten
Großaktionäre bisher nur selten diskutiert worden.
Ein Beispiel ist die Familie Quandt, deren heutiges Gesamtvermögen
auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt wird. Ihr Industrieimperium
begründeten die Quandts im 19. Jahrhundert als Textilfabrikanten
im brandenburgischen Pritzwalk. Nach dem Ersten Weltkrieg (damals produzierte
die Firma Quandt Uniformen) stieg Günther Quandt, der eigentliche
Konzernschmied und spätere Wehrwirtschaftsführer, in den Kalibergbau
ein und übernahm die Akkumulatorenfabrik AFA. In der Nazizeit produzierte
die AFA (später VARTA) Batterien für Flugzeuge, Raketen, U-Boote
und Kraftfahrzeuge. Dabei wurden zahlreiche Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge
eingesetzt. Allein in der zum AFA-Konzern gehörigen Batteriefabrik
Pertrix in Berlin-Schöneweide mußten 500 weibliche KZ-Häftlinge
arbeiten. Sie waren zunächst in einem Bootsschuppen an der Spree
untergebracht. Nach einem Bombenangriff wurden sie auf Lager in der Umgebung
verteilt, etwa 200 von ihnen verlegte die SS in Steinbaracken in der Köllnischen
Straße.
Zu diesen Standorten des bei Pertrix angesiedelten KZ-Außenlagers
führte vergangenen Sonntag ein vom Förderverein für ein
Dokumentations- und Begegnungszentrum zur NS-Zwangsarbeit und der Berliner
Geschichtswerkstatt veranstalteter Rundgang. Dabei konnte man das sonst
nicht zugängliche Lager in der Köllnischen Straße besichtigen.
Es ist mit 13 Baracken das letzte noch gänzlich erhaltene Zwangsarbeiterlager
Berlins. Ein Abstecher führte zu den Gebäuden der Batteriefabrik
Pertrix, die seit der Abwicklung des Nachfolgebetriebes Batropa leer stehen
und seit einem Giftmüllfund nicht betreten werden dürfen.
Cord Pagenstecher und Anne Barth, die über das Gelände führten,
berichteten auch über andere Unternehmen der Familie Quandt. Etwa
über die Deutschen Waffen- und Munitionswerke (DWM), die einen Sitz
am Berliner Eichborndamm hatten und in der Zeit des Hitlerregimes Rüstungsgüter
produzierten. Nach dem Krieg stellten die DWM, die inzwischen den Namen
Industriewerke Karlsruhe trugen, Landminen her, die bis zu vierhundert
Splitter streuen. Günther Quandts Söhne Harald, Stiefsohn von
Joseph Goebbels, und Herbert, Intimus von Franz Josef Strauß, wurden
nach dem Krieg Großaktionäre von Daimler Benz und BMW. Noch
heute halten ihre Erben gut 50 Prozent des stimmberechtigten Kapitals
von BMW sowie zahlreiche weitere Industriebeteiligungen. Über die
Herkunft ihres Reichtums spricht die Quandt-Familie nicht. Sie gilt als
öffentlichkeitsscheu und sehr diskret.
www.berliner-geschichtswerkstatt.de
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23.09.2004 Berliner Zeitung
Nach der Schule geht's zur Kameradschaft
Rechtsradikale in Berlin bauen feste Strukturen auf / Besonders für
Jugendliche haben sie verlockende Angebote
Günter
Piening, Ausländerbeauftragter des Senats, nutzte gestern die Aufmerksamkeit,
die nach den NPD- und DVU-Wahlerfolgen in Brandenburg und Sachsen für
das Thema Rechtsextremismus besteht. Seine Warnung: Rechtsextremismus
dürfe nicht als Strohfeuer gesehen werden, das auf Grund der Zuspitzung
der derzeitigen sozialen Probleme nur kurz aufflackere und nach einiger
Zeit wieder verlösche. "Es geht um mehr als Protest", sagte
Piening.
Nach Umfragen des Rechtsextremismusexperten der Freien Universität,
Richard Stöss, ist Berlin zwar "nicht die Hauptstadt des Rechtsextremismus".
Etwa zehn Prozent der Bevölkerung besitzen seinen Studien zufolge
eine verfestigte rechtsextreme Einstellung (siehe Grafik), in Brandenburg
sind es 24 Prozent.
Allerdings hat sich mittlerweile vor allem im Ostteil Berlins im Umkreis
der NPD und so genannter "Kameradschaften" von Neonazis eine
Infrastruktur ausgebildet, die rechtslastige und politisch noch unsichere
Jugendliche an sich zu binden versucht - mit wachsendem Erfolg. "NPD-Funktionäre
holen zum Beispiel Jugendliche in Treptow- Köpenick nach der Schule
ab und bringen sie zu Parteischulungen", berichtete Bianca Klose
vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus, einem von mehreren
Projekten gegen Rechts. "Die NPD-Leute gehen mit Jugendlichen aufs
Arbeitsamt, spielen mit ihnen Fußball oder gehen in Boxvereine",
so Klose. Man erobere und besetze in Gruppen bestimmte öffentliche
Plätze, an die sich dann kein Ausländer mehr trauen könne.
Die Rechten kauften ihre Ausstattung in Szeneläden ein und gingen
in bestimmte Musikklubs. Kloses Fazit: "Es gibt in Berlin eine rechtsextreme
Erlebniskultur mitten in der Gesellschaft. Jugendliche, die sich darin
aufhalten, brauchen sich kaum noch mit einem demokratischen Umfeld auseinander
zu setzen."
Klose und Stöss berichteten auch über ein verändertes Vorgehen
der NPD in der Öffentlichkeit. "Die Zeiten, in denen die Neonazis
im Wald ihre Kriegsspiele veranstaltet haben, sind vorbei", sagte
Stöss. "Jetzt vertreten die teilweise intellektuell durchaus
beschlagenen NPD-Kader offensiv ihre Politik." Klose und ihr Kollege
Carl Chung vom Mobilen Beratungsteam Ostkreuz haben die Erfahrung gemacht,
dass die Rechten seit einiger Zeit eine "Wortergreifungsstrategie"
fahren. "Die kommen zu Veranstaltungen und Bürgerversammlungen
in Mitte, Treptow-Köpenick oder Marzahn-Hellersdorf und versuchen,
die Diskussion über soziale und andere Themen zu beeinflussen",
sagte Klose. Rechtsextremismus ist nach den Untersuchungen Stöss'
und den Beobachtungen der Praktiker vor allem ein Problem in den Ost-Bezirken.
Das hat nach Auffassung von Stöss mit dem Prozess der Deindustrialisierung
und den durch Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg verursachten Problemen
zu tun. "In den verwahrlosten Plattenbauhäusern in Marzahn-Hellersdorf
ist es schwer, mit demokratischen Werten zu argumentieren", sagte
Chung. Die Erfahrung junger Arbeitsloser und Sozialhilfeempfänger,
ohne Perspektive zu sein und keine Wertschätzung zu bekommen, mache
sie anfällig für einfache Parolen, wonach die Ausländer
schuld an ihrer Misere seien.
Auch in West-Berlin gebe es rechtsextreme Einstellungen. Dort sei allerdings
das gesellschaftliche Potenzial, das gegen rechte Aktivitäten zu
motivieren sei, erheblich größer. "Wenn in Spandau ein
Schüler in einer Klasse sich als Neonazi bekennt, dann hat das nicht
dieselbe Wirkung wie in einem stärker latent rechtsextremen Umfeld
wie im Osten", sagte Klose.
Ziel muss es nach Ansicht Pienings sein, "genau hinzuschauen. Eine
lebendige, konfliktfähige Demokratie ist die beste Impfung gegen
rechtes Gedankengut."
Die zahlreichen
Beratungsprojekte, die der Senat und der Bund fördern, müssten
mit den Akteuren vor Ort Strategien entwickeln, die den Rechten den Entfaltungsraum
nehmen. Klose begrüßte es, dass etwa die Bezirksbürgermeister
in einigen betroffenen Ostbezirken das Problem offen ansprechen und mit
den Initiativen gegen Rechts kooperieren. Allerdings, so forderte Piening,
koste der Kampf gegen Rechts Geld. Auf keinen Fall dürfe der Bund
seine Förderung, die deutschlandweit etwa 60 Millionen Euro beträgt,
streichen. Piening: "Zum Nulltarif ist die Stärkung demokratischer
Strukturen nicht zu bekommen."
Mehr rechtes
Denken im Osten // Rechtsextreme Einstellungen sind im Osten Berlins deutlich
häufiger zu finden als im Westen. Forscher führen das unter
anderem auf die sozialen Probleme im Ostteil zurück. Im Osten nahm
die Zahl der Rechtsdenkenden zu.
Die Einstellungen ermittelten Forscher mit standardisierten Fragen. Als
rechtsextrem gilt, wer unter anderem meint, Deutsche sollten Ausländern
auf dem Arbeitsmarkt vorgezogen werden. Man muss autoritäre Erziehung
bejahen und finden, dass Hitler ohne Judenvernichtung heute als großer
Staatsmann gälte.
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04.10.2004
Berliner Zeitung
Toter Mann stellt die Polizei vor Rätsel
Leichenfund in Treptow
Ein mysteriöser
Todesfall beschäftigt seit Sonnabend die Polizei. Kurz vor Mitternacht
hatten Passanten in einer Grünanlage am Mahonienweg in Treptow einen
Toten gefunden. Obwohl Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst keinen
Hinweis für ein Verbrechen hatten, wurde angeordnet, die Leiche am
Sonntag zu obduzieren. Dabei fanden die Gerichtsmediziner heraus, dass
der 59-jährige Mann an einem Herzinfarkt gestorben ist. Inzwischen
hatte die Polizei auch erfahren, dass der Mann an einer Herzschwäche
litt. Dennoch wurden die Ermittlungen nicht eingestellt, denn Zeugen hatten
beobachtet, dass sich der Mann mit einem jüngeren Mann im Park gestritten
hatte. Am Sonntag erfuhr die Polizei, dass es sich dabei um einen 21-Jährigen
handelt, der am späten Abend in der Grünanlage urinierte und
deshalb offenbar von dem 59-Jährigen angesprochen worden ist. Ob
der Jüngere den Älteren schlug, oder der vor Aufregung die Herzattacke
erlitt, weiß die Polizei noch nicht. Fest steht, dass der 21-Jährige
der Polizei bereits wegen gefährlicher Körperverletzung und
wegen des Verwendens verfassungsfeindlicher Kennzeichen bekannt ist. Nach
einem Verhör kam der Mann wieder frei. (ls.)
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04.10.2004
Tagesspiegel
Tod nach Streit mit Nazi
Staatsschutz ermittelt wegen Vorfalls in Treptow
Bislang hatten
die Neonazis auf dem Spielplatz nur gesoffen und gegrölt. Am Samstagabend
lag ein Mann tot auf dem Rasen der Treptower Neubausiedlung - offenbar
nach einem Herzinfarkt. Er hatte kurz vor Mitternacht einen 21-Jährigen
angesprochen, weil dieser in die Grünanlage am Mahonienweg urinierte.
Erst wurde gepöbelt, dann gerangelt - dann fiel der 59-Jährige
um. Die Obduktion ergab, dass er einen Herzfehler hatte. Da die Polizei
zunächst von einem Tötungsdelikt ausging, wurde der 21-Jährige
am Tatort festgenommen. Am Sonntagmittag, nachdem die Todesursache klar
war, kam er wieder auf freien Fuß, es wird jetzt nur noch wegen
Körperverletzung gegen ihn ermittelt. Da der junge Mann aus der rechten
Szene bereits wegen gefährlicher Körperverletzung, Verwendens
von verfassungswidrigen Kennzeichen und Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz
bekannt ist, ermittelt der für politische Delikte zuständige
Staatsschutz. Seit zwei Jahren tyrannisieren Jugendliche aus der rechten
Szene die Anwohner der Siedlung Späthsfelde. "Das ist beängstigend
geworden", schilderte eine Anwohnerin das nächtliche Gegröle:
"Die saufen, grölen Parolen und Nazilieder." Sie hat den
Streit in der Nacht zu Sonntag gehört: "Komm her, alter Mann,
ich hau dir auf die Schnauze", soll der junge Mann gebrüllt
haben. Dann eine Mädchenstimme: "Beruhige dich doch, bleib hier."
Nach Polizeiangaben ist noch unklar, inwieweit der 21-Jährige den
Mann körperlich angegriffen hat. Am Wochenende zuvor seien es etwa
20 Rechte gewesen, sagte die Frau. Die von Anwohnern wegen des Radaus
alarmierte Polizei habe die Jugendlichen jedoch nur vertrieben, ohne die
Personalien festzustellen, ärgert sich ein anderer Nachbar. Es habe
schon diverse Polizeieinsätze gegeben, ohne andauernden Erfolg. Wie
berichtet, ist Treptow-Köpenick neben Pankow der Bezirk mit der aktivsten
rechten Szene.Ha
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04.10.2004
Morgenpost
Herzinfarkt statt Verbrechen: 59jähriger tot aufgefunden
Ein 59jähriger Berliner ist in der Nacht zum Sonntag in Treptow tot
aufgefunden worden. "Eine Sofortobduktion ergab, daß der Mann
an einem Herzinfarkt gestorben ist", sagte Polizeisprecher Matthias
Prange. Ursprünglich waren die Ermittler aus der Direktion 6 von
einem Verbrechen ausgegangen waren und hatten einen 21jährigen festgenommen.
Der ältere Mann war wegen einer Herzkrankheit infarktgefährdet.
Seine Leiche wurde in einer Grünanlage am Mahonienweg entdeckt. Wie
die Polizei ermittelte, hatte er zuvor eine Auseinandersetzung mit dem
Tatverdächtigen, weil dieser in den Park uriniert haben soll. Der
21jährige gehört der rechtsextremen Szene an und ist bei der
Polizei bereits wegen verschiedener Delikte bekannt. Unklar ist, ob die
beiden handgreiflich wurden. Der 21jährige ist inzwischen wieder
auf freiem Fuß, gegen ihn wird wegen Körperverletzung ermittelt.
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04.10.2004 Berliner Kurier
Nazi schlug Mann - tot
TRAGISCH Tapferer Anwohner starb an Herzversagen
Treptow -
Feiernde Neonazis in der Grünanlage, den Anwohnern im Mahonienweg
waren diese Typen schon lange ein Dorn im Auge. Jetzt eskalierte der Streit
und am Ende lag Peter Sch. (59) tot auf dem Rasen. Maik G. (21) wurde
festgenommen.
23.30 Uhr war es, als in der ruhigen Reihenhaussiedlung noch immer Krach
vom Spielplatz dröhnte. Etwa zehn Rechtsextreme tranken Bier, riefen
Nazi-Sprüche, pöbelten rum. Anwohner klagen: "Das geht
fast jedes Wochenende so."
Schläger Maik G. benahm sich besonders schlimm, pinkelte in den Park.
Peter Sch. (groß, stark) sah das, lief die wenigen Meter von seinem
Haus hin, regte sich auf, schrie: "Was bist du denn für ein
Schwein?" Sofort zofften sich die Männer, möglicherweise
flogen sogar Fäuste. Plötzlich fiel Peter Sch. um. Der Notarzt
konnte nicht helfen. Maik G. führten Polizisten wegen gefährlicher
Körperverletzung mit Todesfolge ab. Mittags kam er wieder frei. Peter
Sch. hat er dennoch auf dem Gewissen.
Die Obduktion ergab, dass Peter Sch. an einem Herzinfarkt starb. Bekannte:
"Er hatte Probleme mit der Pumpe." Der Mann hinterlässt
Frau und Sohn. Beide stehen unter Schock. SCHA
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06.10.2004
KLARTEXT
NPD-Erfolg: wie rechtsextreme Kameradschaften die Jugend
erobern wollen
Die NPD schöpft
nach dem 9-Prozent-Wahlergebnis in Sachsen neues Selbstbewusstsein und
will nun auch in der Bundeshauptstadt punkten. Das Zauberwort der Parteistrategen
lautet "Jugendarbeit". Doch die machen zurzeit vor allem rechte
"Kameradschaften", die offiziell mit der Partei nichts zu tun
haben. Eine Spurensuche über das gefährliche Treiben organisierter
Rechtsextremisten in Berlin.
Unser Innenminister
wollte sie verbieten lassen. Jetzt sitzt sie im sächsischen Landtag
und kassiert Steuergelder: die NPD. Neun Prozent holte sie bei den Wahlen
in Sachsen, dank ihrer neuen Strategie: die Rechtsextremen geben sich
als Biedermänner. Sie engagieren sich für Recht und Ordnung
und für die Belange der kleinen Leute, mehr nicht. Wirklich nicht?
Die Partei hat gute Kontakte zur internationalen Neonazi-Szene, zu rechten
Schlägern und zu militanten Kameradschaften. Und die werben jetzt
verstärkt um Jugendliche. Alexander Kobylinski hat sich in Berlin
umgeschaut, wo die NPD nach dem jüngsten Wahlerfolg vor Selbstbewusstsein
strotzt.
Berlin vor
anderthalb Wochen. Versprengte NPD-Anhänger wollen zur Demo auf der
Bornholmer Brücke. Sie hatten nicht mitbekommen, dass das Bundesverfassungsgericht
die Demo längst verboten hatte. Die NPD war zu weit gegangen. Mitten
im Wedding wollte man gegen islamische Zentren demonstrieren. Die Zentrale
der NPD in Köpenick. Hier will man den Eindruck einer rechtsextremen
Krawalltruppe vermeiden. Trotz Kamera und Stacheldraht, die NPD gibt sich
bürgerbewegt.
Klaus Beier,
NPD Bundesvorstand
"Wir haben natürlich ein Programm, wir haben eine Programmatik.
Da ist die soziale Frage ganz im Vordergrund. Wir betreiben eine Friedenspolitik,
wir betreiben eine Umweltpolitik. Wir betreiben eine Politik gegen die
Multi-Kulti-Extremisten in diesem Land, in der BRD. Wir wollen Politik
betreiben für Deutsche, die noch Deutsche in diesem Land bleiben
möchten."
Deutschland
den Deutschen, der braune Geist weht, wie eh und je. Ein Aussteiger berichtet
anonym, er hat Angst:
Ehemaliger
NPD-Kader: "Aus meinen Erfahrungen heraus wird schon eine ziemliche
NS-Strategie verfolgt, also das heißt, man feiert schon die alten
Siege im dritten Reich. Intern wird auf jeden Fall Klartext geredet und
das Dritte Reich glorifiziert und halt positiv gesehen."
Beispiel
1: In der "Jungen Freiheit" lässt NPD-Chef Udo Voigt keinen
Zweifel an der Gesinnung aufkommen. Sein Ziel ist, die BRD abzuwickeln.
Für ihn ist Adolf Hitler nach wie vor ein großer Staatsmann.
Dass Hitler für den millionenfachen Mord an den Juden verantwortlich
ist, wird heruntergespielt:
Ehemaliger
NPD-Kader: "Es wird versucht, das auszuklammern, weil es halt gefährlich
ist, darüber zu reden, weil der Verfolgungsdruck des Staates ziemlich
groß ist. Es wird versucht, die Zahlen runterzudrücken, das
heißt, es wird nicht geleugnet, in dem Sinne, es wird nur relativiert.
Und man versucht halt, die Zahlen runterzumanipulieren."
Beispiel
2: Ähnlich wie die NSDAP in der Weimarer Republik schließt
die NPD Bündnisse mit militanten Gruppen. Einige haben sogar offiziell
ihren Parteieintritt erklärt. Sie sollen den Kampf um die Straße
führen.
Beispiel
3: Die NPD und die Kameradschaften wollen die ganz Jungen erreichen. Dazu
soll jede Menge Propaganda unters Volk gebracht werden. Wie diese Blut-und-Boden-CD
mit Skinhead-Gegröle. Obwohl das Amtsgericht Halle die Verbreitung
wegen Volksverhetzung verboten hat, wollen die anonymen Hersteller nicht
aufgeben.
Doch es bleibt
nicht nur bei Musik. Um die professionelle Jugendarbeit kümmert sich
Rene Bethage. Der ehemalige NPD-Funktionär gibt sich als Sozialarbeiter,
mit Rechtsextremismus habe sein Engagement nichts zu tun.
Rene Bethage:
"Wir versuchen halt, mehrmals die Woche mit den Jugendlichen etwas
zu unternehmen, beispielsweise Fußball zu spielen. Oder ein- bis
zweimal uns abends zusammenzusetzen, und über Probleme zu reden.
Gelegentlich gehen wir auch mal gemeinsam ins Kino."
Von wegen
Kinobesuch. Bei einem Treffen mit seinen Jugendlichen will er die Kamera
nicht dabei haben. Kein Wunder, Bethage ist einer der aktivsten Berliner
Rechtsextremisten und Organisator der Kameradschaft Berliner Alternative
Süd-Ost:
Rene Bethage:
"Ich bin selber Mitglied einer Initiative, einer politischen Initiative,
die sich kürzlich in Treptow-Köpenick gegründet hat und
in dieser Eigenschaft als eben auch Mitglied dieser Organisation, der
Berliner Alternative Süd-Ost, habe ich die Veranstaltung hier angemeldet
und werde die also auch durchführen."
Seit Jahren
meldet er rechtsextreme Demonstrationen an, Bethage und seine Kameradschaft
werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Der Kampf um die Straße
wird in Berlin verstärkt.
Ordner: "Eh,
ich könnt doch nicht so einen Scheiß hier reden. Die filmen
das und das kommt dann im Fernsehen. Du nimmst die Kamera runter, du Assi
und du machst sie auch aus."
NPD-Kader:
"Sinn ist immer noch, Leute an die rechte Szene heranzuführen,
die halt mit der Partei NPD, oder überhaupt mit Parteien Schwierigkeiten
haben. Da sind natürlich Kameradschaften besser dafür geeignet,
allein der Spaßfaktor und von der ganzen Aggressivität und
der Freizeitgestaltung. Da sind natürlich Kameradschaften flexibler
als eine Partei."
Beispiel
4: Das rechtsextreme Umfeld gibt sich autonom. Glatze ist schon lange
nicht mehr Pflicht. Die Szene ist vielfältiger geworden und kaum
noch zu fassen:
Freie Nationalisten:
"Ich mach mein eigenes Ding. Ich häng mich keiner Partei an,
oder keiner Gruppierung, oder hin und her, keiner Gruppe oder Kameradschaft.
Ich mach mein Ding ganz alleine."
KLARTEXT:
"Wieso läuft Euch dann die Polizei hinterher?"
Freie Nationalisten:
"Ja, fragen Sie die doch mal. Wir gehören eigentlich gar keiner
Partei an. Wir wollen uns da jetzt nicht auf eine Partei beschränken.
Weil, ich sage mal so, wir sind freie Nationalisten und wir wollen auch
eigentlich ziemlich frei bleiben. Ich sage mal so, da wäre der Handlungsraum
enger und da könnten wir nicht so agieren, wie wir agieren."
Zum Handlungsraum
dieser selbsternannten "freien Nationalisten" gehört offensichtlich
auch Gewalt gegen Ausländer. Der Besitzer dieses vietnamesischen
Imbisstandes wurde am sechsten April krankenhausreif geschlagen. Der traumatisierte
Mann fürchtet noch heute um sein Leben. Diese Tat bezeichnet Rene
Bethage im Nachhinein als Fehler. Offen zur Gewalt bekennt sich hier keiner.
Nationalisten im neuen Gewand.
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14.10.2004 Berliner Zeitung
Brandenburgs
Rechtsextreme wollen mehr Einfluss in Berlin
"Märkischer Heimatschutz" schickt Personal, Geld und
Aufkleber
Die offizielle Politik kommt mit der geplanten Länderfusion Berlin-Brandenburg
nicht voran. Die Neonazis sind da schon weiter. Die zersplitterte rechte
Szene Berlins will sich künftig aus Brandenburg helfen lassen. Davon
gehen Beobachter aus. Denn der so genannte Märkische Heimatschutz
(MHS) hat am vergangenen Wochenende eine Berliner Sektion gebildet. Der
vor drei Jahren gegründete MHS ist in Brandenburg neben der NPD die
zweitstärkste Organisation von Rechtsextremisten. Die Polizei beobachtet
diese Entwicklung nach eigenen Angaben "mit Argusaugen". Der
Verfassungsschutz wertet dies als Versuch der Brandenburger rechten Szene,
mehr Einfluss auf die Berliner Kameradschaften zu erlangen.
Tatsächlich, heißt es in den Reihen des MHS, solle "ein
fester Kern von Aktiven geformt und langsam erweitert" werden. Berlin
solle demnächst mit Propaganda-Material "zugepflastert"
werden. Zudem wolle sich die Berliner Sektion verstärkt der Jugendarbeit
in den Kiezen widmen. "Unseren Kameraden in Berlin steht jetzt das
volle Volumen des Märkischen Heimatschutzes zur Verfügung",
sagt der aus Eberswalde stammende MHS-Chef Gordon Reinholz.
Die Sicherheitsbehörden nehmen diese Ankündigungen ernst. Im
Vergleich zu Berliner Kameradschaften sind die Brandenburger nämlich
straff organisiert. "Der MHS betreibt eine breite Öffentlichkeitsarbeit,
um seine Vorstellungen von einem nationalen Sozialismus zu propagieren",
heißt es im Brandenburger Verfassungsschutzbericht. Die Brandenburger
verfügen über mehr Geld als die Berliner und haben sogar eine
eigene Druckerei. So soll das Hetzblättchen "Märkischer
Bote" nun auch als "Berliner Bote" in einer Auflage von
mehreren tausend Exemplaren alle zwei Monate verteilt werden. "Jetzt
können wir schnell mal tausende Aufkleber herstellen lassen. Eine
kleine Kameradschaft muss für 500 Stück lange sparen",
sagt ein Berliner, der sich am Aufbau der MHS-Strukturen beteiligt.
Klaus Gäth vom polizeilichen Staatsschutz sieht der Entwicklung dennoch
"relativ ruhig" entgegen. "Wir wissen, was die machen",
sagt er. "In Berlin kann die Polizei außerdem ganz anders agieren
als im Flächenstaat Brandenburg." Nach seinen Worten arbeiten
Berliner und Brandenburger Neonazis schon länger zusammen.
Bisher waren in Berlin vor allem die Lichtenberger Kameradschaft Tor und
die Berliner Alternative Südost aktiv, die sich auf Treptow konzentriert.
Andere Kameradschaften existieren nicht mehr, etwa die ebenfalls kiezbezogene
Kameradschaft Reinickendorf. Dass die Berliner Neonaziszene insgesamt
zwar unkoordinierter ist, bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht dreister
geworden ist - vor allem in den vergangenen Monaten: Im August marschierten
Rechte, von der Polizei unbehelligt, durch das Brandenburger Tor. Auch
damals waren MHS-Mitglieder dabei. Einige Tage später veranstalteten
die Neonazis - wieder gemeinsam mit MHS-Leuten - in Spandau unter freiem
Himmel eine Gedenkveranstaltung für den Hitler-Stellvertreter Rudolf
Heß. Der wegen Volksverhetzung verurteilte Sänger der Band
Landser produzierte mit anderen Bands nun sogar eine Sampler-CD, auf der
ein Berliner Polizeiführer als "Nazijäger" verspottet
wird.
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15.10.2004 Tagesspiegel
Rechtsextreme Länderfusion
Berliner
und Brandenburger Rechtsextremisten wollen enger zusammenarbeiten. Der
"Märkische Heimatschutz" (MHS), eine 2001 in der Uckermark
gegründete Gruppe, vermeldet im Internet, am vergangenen Wochenende
eine "Berliner Sektion" gegründet zu haben. Nach eigenen
Angaben will der MHS in Berlin massiv plakatieren und Flugblätter
verteilen, aber auch "Jugendarbeit in den Kiezen" betreiben.
Nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes wollen die Berliner Rechten
von der guten Logistik und Organisation des MHS profitieren - und die
Brandenburger treibe es einfach in die Hauptstadt, hieß es. Neu
ist die Kooperation nicht, so ist der MHS kürzlich mit der Berliner
Gruppe "Alternative Südost", eine der beiden aktivsten
Neonazi-Organisationen der Stadt, in Oranienburg aufgetreten. Auch bei
der letztlich verbotenen NPD-Demo im Wedding wollte der Märkische
Heimatschutz teilnehmen, die gute Zusammenarbeit zwischen MHS und NPD
ist bekannt.
Wie viele Rechtsextremisten die Berliner MHS-Sektion bilden, konnte der
Verfassungsschutz nicht sagen, in ganz Brandenburg sollen es nur 35 Mitglieder
sein. Als Kopf der Gruppe gilt Gordon R. aus Eberswalde. Die Polizei hatte
1999 und im Oktober 2003 die Wohnung des Mannes durchsucht und seinen
Computer beschlagnahmt. Ihm wurde vorgeworfen, Daten von Polizisten und
Journalisten gesammelt zu haben. Das Brandenburger Landeskriminalamt konnte
gestern auf Anfrage nichts zum Stand der Ermittlungen sagen.
In den 90er Jahren hatte sich Gordon R. im Streit von der Berliner NPD
getrennt und war später ausgeschlossen worden. Deshalb hieß
es gestern auch beim Verfassungsschutz: "Mal sehen, wie lange die
neue Einigkeit besteht."
Neues gibt es auch bei der Berliner NPD. Wie gestern in einem Teil der
Auflage berichtet, ist der bekannte Neonazi Michael Regener, Sänger
der Band Landser, im Berliner NPD-Landesverband als Mitglied aufgenommen
worden. Regener, in der rechten Szene als "Luni" bekannt, genießt
geradezu Kultstatus wegen seiner volksverhetzenden Texte. Die Berliner
Polizei hatte einen angekündigten Auftritt Regeners bei der NPD-Demo
in Wedding als Argument benutzt, die Kundgebung zu verbieten. Bislang
soll Regener nur einfaches Mitglied des mit 150 recht schwachen Landesverbandes
der NPD zu sein.
Im Dezember 2003 war Regener vom Berliner Kammergericht zu drei Jahren
und vier Monaten Haft verurteilt worden, das Gericht hatte "Landser"
als kriminelle Vereinigung eingestuft und Regener als ihren Rädelsführer.
Doch er ist weiterhin auf freiem Fuß: Regener hatte Revision eingelegt.
Das Urteil ist deshalb nicht rechtskräftig.
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19.10.2004
TAZ
Extrem in Mode, aber zerstritten
Nach den Wahlerfolgen in Sachsen und Brandenburg steigen Rechtsextreme
auch in der Gunst der Berliner Wähler. Zum Glück kommt die rechtsextreme
Szene in Berlin aber untereinander nicht klar
Auf Bundesebene
schmieden NPD-Kader, DVU-Funktionäre und Anhänger der Neonazi-Szene
eine neue "nationale Volksfront". Die rechte Szene in Berlin
konnte vom bundesweiten Stimmungshoch bisher aber nicht profitieren. Sie
bleibt zerstritten und zersplittert. Am Wochenende hat der so genannte
Märkische Heimatschutzbund (MHS) einen Hauptstadt-Ableger gegründet
- eine Kameradschaft, die im November 2001 von dem Neonazi Gordon Reinholz
in der Uckermark gegründet wurde und inzwischen mit rund 35 Mitgliedern
zu den größten Kameradschaften in Brandenburg zählt. Mit
der Gründung einer Sektion in Berlin ist die Zahl der Kameradschaften
auf gut ein halbes Dutzend gestiegen. Dennoch ist Berlin von einem neuen
Boom der rechten Szene weit entfernt. Gründungen von neonazistischen
Parteien, Kameradschaften, Vereinen und Bünden hat es in den vergangenen
Jahren immer wieder gegeben. Doch viel mehr sind sie nicht geworden. Denn
am Personenkreis hat sich nur wenig verändert. Vor allem nicht am
Umgang untereinander. Dieser zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass
die rechten Führungskader untereinander heillos zerstritten sind.
Allen voran die rechtsextremen Parteien. Die DVU ist in Berlin quasi nicht
existent, die Republikaner gibt es de facto nicht mehr und die NPD führt
seit der Spaltung des gemeinsamen Landesverbands Berlin/Brandenburg im
April 2003 ein nur noch kümmerliches Dasein. Damals wurden als Trennungsgrund
nach außen hin die "unterschiedlichen politischen, sozialen
und wirtschaftlichen Gegebenheiten" im Stadtstaat und im Flächenland
angeführt. Wesentlich ausschlaggebender waren jedoch persönlicher
Zwist und die Frage der Militanz. Vielen Basisaktivisten, die verstärkt
mit den militanten Kameradschaften sympathisierten, war die Parteiführung
zu "lasch". Spätestens mit dem Austritt des "Demonstrations-Motors"
René Bethage, der seither seine Aufmärsche über die von
ihm gegründete Kameradschaft "Berliner Alternative Süd-Ost"
(Baso) organisiert, sind vom Berliner NPDLandesverband kaum noch Impulse
ausgegangen, heißt es im Antifaschistischen Infoblatt. Wenn es überhaupt
zu Aktionen der NPD in Berlin gekommen war, wie zum Beispiel dem Aufmarsch
am 1. Mai, wurden sie von Funktionären der NPD-Bundeszentrale getragen.
Noch zerstrittener ist der NPD-Landesverband in Brandenburg. Die Absprache
mit der DVU bei den Landtagswahlen im September als Kooperation zu verkaufen
sei "schlichtweg ein Witz", sagt Ulli Jentsch vom Antifaschistischen
Pressearchiv (apabiz). Die NPD in Brandenburg sei quasi gar nicht existent.
In der Berliner rechten Szene, der der Verfassungsschutz aktuell etwa
2.400 Mitglieder zuordnet, bleibt die NPD trotz ihres Wahlerfolgs in Sachsen
unattraktiv. Entgegen dem Bundestrend gibt es auch keine Anzeichen für
einen Zulauf von militanten Kameradschaftsmitgliedern. Selbst das Gerücht,
der Kopf der Neonazi-Band "Landser", Michael Regener, habe sich
der NPD angeschlossen, kann von Sicherheitskreisen bislang nicht bestätigt
werden.
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23.10.2004
Tagesspiegel
"Die NPD propagiert eine rechte Volksfront"
Claudia Schmid,
Leiterin des Verfassungsschutzes, über die Szene in Berlin. Sie fürchtet
die Annäherung von Neonazis mit Rockern und organisierter Kriminalität
Die Wahlerfolge von NPD und DVU in Sachsen und Brandenburg haben bei Rechtsextremisten
Euphorieausgelöst. Sind NPD, DVU und vielleicht auch die Republikaner
in Berlin im Aufwind?
Der NPD-Landesverband
ist in Berlin bei weitem nicht so stark wie der in Sachsen. Die Parteiarbeit
wird vor allem von der NPD-Bundeszentrale in Köpenick dominiert.
Aber selbst dort haben wir im groß angekündigten Schulungszentrum
noch keine größeren Aktivitäten feststellen können.
Der Zustand von DVU und Republikanern in Berlin ist desolat. Es ist auch
nicht zu erkennen, dass die rechtsextremen Parteien hier nach den Wahlen
ihre Mitgliederzahlen steigern konnten.
NPD und
DVU wollen bei der Bundestagswahl 2006 in einer Kombination antreten.
Bewegen sich die beiden Parteien auch in Berlin aufeinander zu?
Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch in Berlin sondiert wird. Aber ich
halte es für möglich, dass sich die zwei Parteien vor 2006 wieder
zerstritten haben. NPD und DVU erheben beide einen Führungsanspruch.
Kandidieren kann laut Wahlrecht immer nur eine Partei. Deshalb dürfte
sich die Hochstimmung verflüchtigen, wenn es darum geht, wer auf
der Wahlliste den Vortritt hat.
NPD-Chef
Udo Voigt hat kürzlich Hitler als großen deutschen Staatsmann
bezeichnet. Warum setzt die Partei nach dem biederen und erfolgreichen
Wahlkampf in Sachsen wieder auf ein Nazi-Image?
Während des Verbotsverfahrens hatte sich die NPD aus taktischen Gründen
von den Neonazis distanziert. Seit dem Scheitern des Verfahrens will die
Parteiführung die Neonazis wieder einbinden. Das passte zum Wahlkampf
in Sachsen, denn dort herrschen besondere Verhältnisse. In Sachsen
wird die NPD schon lange von einer starken Szene unterstützt. Die
Partei hat dann mit einer gemäßigten Themenwahl auch bürgerliche
Schichten angesprochen. Nach der Wahl wollte Voigt mit dem Interview deutlich
machen, dass NPD und Neonazis auch bundesweit politisch zusammenpassen.
Die Nähe
zu den Neonazis stößt in Teilen der Parteibasis auf Kritik.
Deshalb bin ich gespannt darauf, was sich Ende Oktober beim NPD-Bundesparteitag
abspielt. Da sollen zumindest zwei der drei Neonazi-Anführer, die
kürzlich in die Partei eingetreten sind, in den Bundesvorstand gewählt
werden. Teile der NPD-Basis stehen den Neonazis skeptisch gegenüber.
Die Linie von Parteichef Udo Voigt ist daher nicht unumstritten. Offenbar
umwirbt er jetzt Neonazis, weil er auf ihre Hilfe beim Parteitag hofft.
In Berlin ist der ehemalige Sänger der Rockband Landser, Michael
Regener, der NPD beigetreten.
Versucht
Regener nun, seine Fans für die Partei zu begeistern?
Im Unterschied zu dem groß inszenierten Parteieintritt der anderen
drei Neonazis gibt es bislang keine NPDWerbung mit Regener. Aber sein
Eintritt passt zu der Strategie, bekannte Neonazis als Brückenbauer
zur Szene zu nutzen. Die NPD propagiert im Moment eine Art Volksfront
von Partei und freien Kräften.
Wie reagieren
die Berliner Neonazi-Kameradschaften auf das Werben der NPD?
Eine Bewegung rein in die NPD gibt es bei den Kameradschaften nicht. Selbst
der Eintritt Regeners, der Anführer der "Vandalen" ist,
hat keine große Resonanz gefunden. Die Kameradschaften tun sich
nur punktuell mit der NPD zusammen, wie beim Aufmarsch am 1. Mai. Größere
Sorgen bereiten mir andere Aktivitäten. Die Kameradschaften haben
vor allem ihre Anti-Antifa-Kampagne professionalisiert. Da wird versucht,
politische Gegner auszuspionieren und eine Drohkulisse aufzubauen. Das
geht gegen radikale Linke, gegen Politiker, aber auch Journalisten und
Polizisten sind betroffen. Im Internet werden steckbriefartig Daten von
Gegnern veröffentlicht. Außerdem nimmt die Gewalt gegen Polizisten
zu, wie bei den Angriffen auf die Beamten am 1. Mai zu beobachten war.
Besonders
unbeliebt ist der Chef der Polizeidirektion 6, Michael Knape, der viele
Einsätze gegen die Szene geleitet hat . .
Herr Knape ist für die Kameradschaften eine zentrale Hassfigur. Er
und die Polizeispezialeinheit PMS haben wesentlich dazu beigetragen, die
rechte Szene zu verunsichern. In Berlin werden seit Jahren rechtsextreme
Konzerte mit unserer Hilfe verhindert oder aufgelöst.
Wie viele
Kameradschaften agieren derzeit in Berlin?
Besonders aktiv sind fünf, mit etwa 60 Mitgliedern. Dazu zählen
die "Berliner Alternative Süd-Ost" und die
"Kameradschaft Tor". Die Brandenburger Kameradschaft "Märkischer
Heimatschutz" hat jetzt eine Berliner Sektion gegründet. Sie
ist aber offenbar klein, das ist mehr ein Name als eine Gruppe. Neonazis
versuchen, Bürgernähe zu demonstrieren. In Prenzlauer Berg hat
sich eine Kameradschaft am Protest gegen das Abholzen von Bäumen
beteiligt. Die Kameradschaften wollen auch Themen aufgreifen, die mit
klassisch-rechtsextremer Propaganda nicht viel zu tun haben. Wie beim
Irak-Krieg und bei Hartz IV. Jetzt sind es mal Bäume oder Jugendthemen.
Mit geringem Erfolg. Für die Mainstream-Jugendlichen sind die Kameradschaften
nicht attraktiv. Außerdem fehlen interessante Führungsfiguren.
Bewegen
sich Neonazis auch weiter auf Rocker und Hooligans zu?
Hier bestehen seit langem Verbindungen. Während Hooligans und Neonazis
meist zusammen saufen, nutzen Neonazis Clubhäuser von Rockergruppen
für Treffen und Konzerte. Rockerclubs wie die Hells Angels stehen
mit der organisierten Kriminalität in Verbindung und verfügen
über Geld und Waffen. Neonazis werden für Jobs im Rotlichtmilieu
rekrutiert. Die Kooperation von Rockern und Neonazis bereitet uns weiter
Sorge. Das Interview führte Frank Jansen
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17.11.2004
Yahoo-Nachrichten
Bürgerverein fordert Verbot von Neonazi-Aufmarsch
in Adlershof
Berlin (ddp-bln). Der Adlershofer Bürgerverein fordert ein Verbot
des für den 4. Dezember geplanten Neonazi-Aufmarsches durch den Berliner
Bezirk Treptow-Köpenick. Wo das Demonstrationsrecht offenkundig für
provokatorische Auftritte missbraucht werden solle, müssten alle
rechtlichen und politischen Gegenmaßnahmen ausgeschöpft werden,
betonte der Verein in einem am Mittwoch verbreiteten Offenen Brief an
Innensenator Ehrhart Körting (SPD).
Nach den "beunruhigenden Wahlerfolgen" von NPD und DVU müsse
dieser erste große Neonazi-Aufmarsch in Berlin verhindert werden,
heißt es in dem Schreiben weiter. Zudem dürfe einem "einschlägig
vorbestraften Berufsnazi wie dem als Redner angekündigten Christian
Worch keine Tribüne geboten werden".
Zu den Erstunterzeichnern des Briefes gehören Literaturnobelpreisträgerin
Elfriede Jelinek, DGB-Landeschef Dieter Scholz, Vertreter des Bundes der
Antifaschisten, der Rocksänger Dirk Zöllner, die Publizistin
Daniela Dahn und die Schauspielerin Annekathrin Bürger. Über
Maßnahmen gegen den Aufmarsch berät nach Angaben des Vereins
am Freitag auch das Bündnis für Demokratie und Toleranz, gegen
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus unter Leitung von Bezirksbürgermeister
Klaus Ulbricht (SPD).
Die rechtsextremistischen Kameradschaften wollen vom S-Bahnhof Adlershof
zum S-Bahnhof Köpenick ziehen. Zu der Demonstration unter dem Motto
"Jugend braucht Perspektiven - Für die Schaffung eines neuen
Jugendzentrums" haben die Veranstalter bis zu 300 Teilnehmer angemeldet.
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17.11.2004
Morgenpost
Neonazi-Demo: Anwohner beantragen Verbot
Der Adlershofer Bürgerverein hat nach Auskunft seines Vorsitzenden
Hans Erxleben einen Antrag beim Polizeipräsidenten gestellt, den
Aufmarsch von Rechtsextremen am 4. Dezember zu verbieten. Laut Michael
Knape, Leiter der Polizeidirektion 6, ist die Demonstration der "Berliner
Alternative Südost" für 200 bis 300 Teilnehmer angemeldet.
Sie soll vom Bahnhof Adlershof durch die Köpenicker Altstadt bis
zum S-Bahnhof Köpenick führen. Knape sieht Parallelen zum 6.
Dezember 2003, als Rechtsextreme von Rudow nach Schöneweide zogen
und die Einrichtung "nationaler Jugendzentren" forderten. Damals
hatten Anwohner, Politiker und Vereine eine wesentlich stärkere Gegendemonstration
mobilisiert. Bianca Klose vom Team "Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus"
setzt darauf, daß sich auch 2004 eine Gegenbewegung formiert. Frau
Klose: "Sobald es Einzelheiten gibt, werden wir sie im Internet veröffentlichen."
Die Neonazi-Demo war gestern Abend Thema beim Runden Tisch in Johannisthal,
dem Nachbarortsteil von Adlershof. Auch das Jugendbündnis "Bunt
statt Braun" und das Bündnis für Demokratie und Toleranz
im Bezirk beraten in den nächsten Tagen über Aktionen am 4.
Dezember. Am 20. November plant die Berliner Alternative Südost einen
Aufmarsch in Lichtenberg, zeitgleich zur Silvio-Meier-Demonstration. Aus
der Polizeipressestelle heißt es: "Wir werden angemessen vor
Ort sein."
saf
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17.11.2004
RBB-Online
Der Bürgerverein Adlershof leistet Widerstand
NPD macht mobil: Aufmärsche in Köpenick und am Brandenburger
Tor geplant
Der Adlershofer Bürgerverein hat ein Verbot des für den 4. Dezember
geplanten Neonazi-Aufmarsches durch den Berliner Bezirk Treptow-Köpenick
gefordert. Wo das Demonstrationsrecht offenkundig für provokatorische
Auftritte missbraucht werden solle, müssten alle rechtlichen und
politischen Gegenmaßnahmen ausgeschöpft werden, betonte der
Verein in einem am Mittwoch verbreiteten Offenen Brief an Innensenator
Ehrhart Körting (SPD).
Nach den "beunruhigenden Wahlerfolgen" von NPD und DVU müsse
dieser erste große Neonazi-Aufmarsch in Berlin verhindert werden.
Zu den Erstunterzeichnern gehören Literaturnobelpreisträgerin
Elfriede Jelinek, DGB-Landeschef Dieter Scholz, Vertreter des Bundes der
Antifaschisten, der Rocksänger Dirk Zöllner, die Publizistin
Daniela Dahn und die Schauspielerin Annekathrin Bürger.
Über Maßnahmen gegen den Aufmarsch berät nach Angaben
des Vereins am Freitag auch das Bündnis für Demokratie und Toleranz,
gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus unter Leitung von Bezirksbürgermeister
Klaus Ulbricht (SPD).
Indes wurde bekannt, dass die NPD am 8. Mai 2005 einen Aufmarsch am Brandenburger
Tor plant. Wie die "Berliner Zeitung" am Donnerstag unter Berufung
auf einen NPD-Sprecher berichtet, soll die Demonstration unter dem Motto
stehen "60 Jahre Befreiungslüge - Schluss mit dem Schuldkult".
Sie sei bereits bei der Polizei angemeldet.
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17.11.2004
Berliner Abendblatt
Bürgervereine: Protest gegen Neonazi-Aufmarsch
Vereine und Verbände fordern ein Verbot dieser Provokation
Treptow-Köpenick.
So genannte freie Kameradschaften wollen am Samstag, dem 4. Dezember,
am Bahnhof Adlershof aufmarschieren. Dagegen wenden sich 18Vorsitzende/Sprecher
von Vereinen und Verbänden, darunter der Volkssolidarität und
des Bürgerkomitee Plänterwald. Sie veröffentlichten am
9. November eine Erklärung.
Darin heißt es: "Das Motto dieser Demonstration am Bahnhof
heißt scheinheilig Jugend braucht Perspektiven - für die Schaffung
eines neues Jugendzentrums`. Das ist verlogen, scheindemokratisch und
dummdreist. Denn gemeint sind nationale Freiräume` für vermeintlich
,aufrechte` Jugendliche."
Vereine
fordern Bürger auf, auf die Straße zu gehen
Neonazis müssen auf allen gesellschaftlichen Ebenen und mit allen
zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden. Es sei an der
Zeit,' das Gemenge von Demokratieverachtung, Gewalt und Menschenhass wieder
als das zu bestimmen, was es ist: Diese Ideologie sei eine der übelsten
Bedrohungen Deutschlands.
Auch der Adlershofer Bürgerverein Cöllnische Heide protestiert
gegen den braunen Spuk und verweist darauf, dass extra für den Aufmarsch
der bundesweit berüchtigte und einschlägig vorbestrafte Christian
Worch aus Hamburg eingeflogen werde. Der Vereinsvorsitzende: "AdIershof
ist kein Aufmarschgebiet für Leute wie den Ex-NPD Funktionär
Rene Bethage, der mit seiner Berliner Alternative Südost in diesem
Sommer Rudolf-Hess-Plakate in ganz Treptow verteilte und nun der Organisator
dieser neuen Provokation ist." Die Vereine fordern die Bürger
auf, gegen die Neonazis auf die Straße zu gehen.
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18.11.2004
TAZ
Bürger
wollen Nazis stoppen
Der Adlershofer Bürgerverein fordert ein Verbot des für den
4. Dezember geplanten Neonazi-Aufmarsches durch Treptow-Köpenick.
Wo das Demonstrationsrecht offenkundig für provokatorische Auftritte
missbraucht werden solle, müssten alle rechtlichen und politischen
Gegenmaßnahmen ausgeschöpft werden, betonte der Verein in einem
offenen Brief an Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Zu den Erstunterzeichnern
gehören Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und DGB-Landeschef
Dieter Scholz. Über Maßnahmen gegen den Aufmarsch berät
am Freitag auch das Bündnis für Demokratie und Toleranz unter
Leitung von Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD). Ddp
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18.11.2004
Berliner Zeitung
Prominente fordern Verbot von Neonazi-Aufmarsch
In einem offenen Brief an Innensenator Erhard Körting (SPD) haben
Vertreter aus Kunst, Gewerkschaften und Gesellschaft das Verbot eines
Neonazi-Aufmarsches am 4. Dezember in Treptow-Köpenick gefordert.
Zu den Unterzeichnern gehören Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede
Jelinek, der Berliner DGB-Vorsitzende Dieter Scholz, Liedermacherin Barbara
Thalheim, Rocksänger Dirk Zöllner sowie Schauspielerin Annekathrin
Bürger. Initiator des Schreibens ist der Adlershofer Bürgerverein
Cöllnische Heide. Ein Verbotsantrag des Bürgervereins soll vom
Polizeipräsidenten abgewiesen worden sein. (epd)
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19.11.2004
TAZ
Dumpfbacken mucken auf
Die
Neonazi-Szene in Berlin sieht sich im Aufwind. Vor allem die Kameradschaft
Baso macht von sich reden - und findet unter den Rechten viele Nachahmer.
Demo-Anmeldungen reichen bis Mai 2005
In der Berliner
Neonazi-Szene tut sich was. Manche befürchten gar: eine Menge. Und
in der Tat: Spätestens seit dem Aufmarsch im brandenburgischen Halbe
am vergangenen Samstag, an dem über 1.600 Neonazis vorwiegend aus
der Region teilnahmen, sehen sich auch die Berliner Neonazis im Aufwind.
Vor allem die "Berliner Alternative Südost" (Baso) ist
in jüngster Zeit vermehrt in den Vordergrund gerückt. Gegründet
wurde die Kameradschaft unter anderem vom ehemaligen NPD-Funktionär
René Bethage, der lange Jahre der Motor des NPD-Kreisverbands Treptow-Köpenick
war. Nach internen Querelen trat er im September 2003 aus, scharte eine
Gruppe von 15 Jugendlichen vor allem aus Treptow um sich und tat sich
mit der Kameradschaft "Deutsche Gemeinschaft Süd" aus Rudow
zusammen. Seitdem tritt die Gruppe als Baso auf.
Ihr derzeitiges Hauptanliegen ist ein "Nationales Jugendzentrum".
Dabei geben sie sich den Antlitz einer demokratischen Jugendorganisation.
Sie schreiben Briefe an Politiker, treten bei Bezirksverordnetenverammlungen
und Parteiveranstaltungen auf und organisieren Kundgebungen und Demos.
Doch bleibt es nicht bei diesen Mitteln: Ende 2003 besetzten sie einen
Keller auf einem stillgelegten Industriegelände in Schöneweide
und erklärten ihn zur "Wolfsschanze". Die Wände beschmierten
sie mit Hakenkreuzen und SS-Runen. Ihren spektakulärsten Auftritt
hatten sie am 6. Dezember vor einem Jahr, als es ihnen gelang, für
einen Aufmarsch über 1.000 Neonazis nach Rudow und Schöneweide
zu mobilisieren. "Mittlerweile hat sich das Projekt zu einer Kampagne
der gesamten Kameradschaftsszene mit wiederholten Kundgebungen und symbolischen
Hausbesetzungen entwickelt", schreibt das Antifaschistische Infoblatt.
Auch bundesweit ist die Baso aktiv. Nach Recherchen des "Bürgerbündnisses
Aktiv gegen Rechtsradikalismus Treptow-Köpenick" vergeht kaum
ein rechter Aufmarsch ohne Baso-Beteiligung.
Trotz vieler Machtkämpfe in der Kameradschaftsszene geht es vor allem
auf die Kappe von Baso-Aktivisten, dass sich die Berliner Kameraden zunehmend
als bündnisfähig erweisen - selbst mit NPD-Funktionären,
mit denen sie jahrelang im Streit lagen, arbeiten sie immer stärker
zusammen und organisieren gemeinsame Aufmärsche.
Auffällig auch, dass Neonazis im Umfeld der Baso immer offensiver
gegen Linke vorgehen. So wurden allein an einem Tag Ende September vier
junge Leute am Bahnhof Lichtenberg und vor einem Supermarkt am Bahnhof
Friedrichsfelde Ost angegriffen. Die Opfer waren Jugendliche aus der linken
Szene. Die Initiative "Gegen Rechtsextremismus Lichtenberg-Hohenschönhausen"
zählt allein in diesem Jahr mindestens 50 rechtsradikal motivierte
Überfälle im Südosten von Berlin.
Nicht zuletzt der Aufmarsch in Lichtenberg an diesem Samstag, der den
linken Silvio-Meier-Gedenkmarsch verhindern soll, zeigt, dass Berlins
Neonazis immer organisierter agieren. Für den 4. Dezember plant die
rechte Kameradschaft in der Köpenicker Innenstadt bereits den nächsten
Aufmarsch. Und der hohe Organisierungsgrad scheint auch auf andere in
der Neonazi-Szene abzufärben. Bereits jetzt schon haben die "Jungen
Nationaldemokraten" (JN), die Jugendorganisation der NPD, zum "60.
Jahrestag der Befreiung" einen Aufmarsch am Brandenburger Tor angemeldet.
Der ist am 8. Mai 2005.
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23.11.2004
Berliner Morgenpost
Verfassungsschutz warnt: Neonazis haben Zulauf
Kameradschaften mit gemäßigtem Auftreten auf Stimmenfang
Die Berliner
Neonazi-Szene befindet sich im Aufwind. Sicherheitsbehörden und Extremismus-Experten
registrieren nicht nur einen starken Zulauf an Mitgliedern, insbesondere
bei den rechtsradikalen Kameradschaften, sondern auch gesteigerte Aktivitäten
dieser Gruppen. Nach einem aktuellen Verfassungsschutzbericht ist die
Zahl der Mitglieder bei den organisierten Neonazis in Berlin innerhalb
eines Jahres von 500 auf 750 gestiegen.
Ebenfalls
deutlich gestiegen ist nach Angaben der Versammlungsbehörde der Polizei
die Anzahl der angemeldeten Veranstaltungen. Am 13. November demonstrierten
1600 Berliner und Brandenburger Neonazis im brandenburgischen Halbe. Am
vergangenen Wochenende zog die "Berliner Alternative Südost"
(BASO) durch Lichtenberg. Und für den 4. Dezember plant die Truppe
bereits einen weiteren Aufmarsch in Köpenick. "Die Anmeldungen
von Demos rechtsextremer Gruppen reichen bis weit ins nächste Jahr",
sagte ein Beamter der Versammlungsbehörde gestern.
Der Verfassungsschutz registriert in Berlin derzeit ein halbes Dutzend
rechter Kameradschaften. Neben der BASO ist vor allem die "Kameradschaft
Tor Berlin" besonders aktiv. Die in Lichtenberg beheimatete Truppe
verfügt über beste Verbindungen zu rechtsradikalen Gruppierungen
im gesamten Bundesgebiet.
Sorgen bereitet Staats- und Verfassungsschützern dabei vor allem
eine neue Strategie der organisierten Neonazis. Nach Darstellung von Verfassungsschutz-Sprecher
Claus Guggenberger soll durch gemäßigtes Auftreten mehr Sympathie
und Akzeptanz, insbesondere bei Jugendlichen gewonnen werden. Insgesamt
- so heißt es in einem Verfassungsschutzpapier - bemühen sich
die Kameradschaften nicht ohne Erfolg darum, für möglichst viele
Jugendliche attraktiv zu erscheinen.
Beim Aufzug am vergangenen Sonnabend in Lichtenberg wurde diese Strategie
erstmals deutlich sichtbar. Statt Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefeln
dominierten modische Kleidung und adrette Frisuren, an Stelle grölender
Skinhead-Musik erklang aus dem Lautsprecher Eingängiges von Nena
und Udo Lindenberg. Und die Redebeiträge und Parolen hätten
nach Einschätzung von Beobachtern auch von einer Gewerkschaftsdemo
stammen können. "Dieses gemäßigte Auftreten ist allerdings
rein taktisch begründet", warnt Guggenberger.
Auch Michael Knape, Leiter der für die östlichen Berliner Bezirke
zuständigen Polizeidirektion 6, warnt vor der neuen Strategie der
organisierten Neonazis: "Diese Leute belegen bei öffentlichen
Auftritten soziale Themen, um so als Rattenfänger auf Wählerjagd
zu gehen. Bei den Demonstrationen versuchen sie, sich ein bürgerliches
Antlitz zu geben. Doch hinter dieser Fassade verbergen sich nach wie vor
rechtsextreme Ideen. Das sind Wölfe im Schafspelz, es ist allerhöchste
Vorsicht geboten."
Knape leitet immer wieder Schwerpunkteinsätze gegen Neonazis. Dadurch
ist der Leitende Polizeidirektor zu einem profunden Kenner der rechten
Szene geworden. "Es ist deutlich zu erkennen, daß sich die
Veranstalter und Anmelder rechten Großdemonstrationen von Rechtsanwälten
beraten lassen. Bei den Zwischenkundgebungen während den Aufzügen
bewegen sich die Redner stets nur um Haaresbreite von der Volksverhetzung
entfernt", sagte Knape gestern.
Die Warnungen sind auch nach Ansicht der von Privatpersonen gegründeten
"Initiative gegen Rechtsextremismus" begründet. Sie registrierte
in diesem Jahr allein in den Bezirken Lichtenberg und Treptow-Köpenick
mehr als 50 Gewaltdelikte von Rechtsradikalen.
Auch einige Teilnehmer des BASO-Aufzugs in Lichtenberg zeigten Stunden
nach ihrem gemäßigten Auftreten während der Demonstration
ihr wahres Gesicht. Um Mitternacht randalierte ein Dutzend von ihnen an
der Straße Unter den Linden, grölte "Sieg Heil" und
provozierte Passanten mit dem Hitlergruß. Zwei von ihnen wurden
festgenommen.
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29.11.2004
Neues Deutschland
Brauner Marsch durch Adlershof geplant
Kommunalpolitik sowie Antifagruppen mit buntem Protest entlang der Demo-Strecke
Erneut will Berlins Neonazi-Szene durch einen Stadtteil marschieren, diesmal
am 4. Dezember in Adlershof. Wie nahezu zur gleichen Zeit im vorigen Jahr
fordert man ein "nationales Jugendzentrum". Beteiligt sind vor
allem NPD-Mitglieder und -Funktionäre sowie Angehörige der so
genannten Freien Kameradschaften "Berliner Alternative Süd-Ost"
und "Tor" sowie des brandenburgischen Ablegers "Märkischer
Heimatschutz".
Erst vor gut einer Woche hatten die gleichen braunen Cliquen in Lichtenberg
demonstriert, um ihr "rechtes Kernland", wie sich die Polizei
ausdrückte, zu markieren.
Diesmal soll der Neonazi-Aufzug dem Vernehmen nach um 11 Uhr am S-Bahnhof
Adlershof beginnen und über die Dörpfeld-, Oberspree-, Müggelheimer,
Wendenschloß-, Friedrichshagener und Bahnhofstraße zum S-Bahnhof
Köpenick führen. Antifagruppen befürchten, dass es - befördert
von jüngsten Wahlerfolgen rechtsextremistischer Parteien - zu einem
der größten Aufmärsche der letzten Jahren kommen könnte.
Entlang der Marschroute wird es deshalb zu massiven Protesten kommen,
die durch ein breites Bündnis von Antifa-Gruppen, Bezirksamt und
Bürgerinitiativen sowie Parteien organisiert werden. Auch der Landesvorstand
der PDS hat seine Mitglieder zur "Zivilcourage gegen Rechts"
aufgerufen.
Gegenkundgebungen sind bislang um 10 Uhr am Platz der Befreiung und am
Marktplatz Dörpfeldstraße geplant, weitere um 12 Uhr am S-Bahnhof
Spindlersfeld und am Mandrellaplatz. Das PDS-Büro in der Grünauer
Straße 6 und die Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche beabsichtigen
einen Tag der offenen Tür. Details will man eingangs dieser Woche
bekannt geben.
Nach Angaben von Antifa-Gruppen handelt es sich bei den Organisatoren
der Nazi-Demo um menschenverachtende Schläger, die u.a. einen vietnamesischen
Imbissbetreiber mit einer Latte krankenhausreif schlugen. Für den
Adlershofer Bürgerverein Cöllnische Heide ist der braune Ruf
nach einem Jugendzentrum eine verlogene und dummdreiste Losung. Vielmehr
gehe es um "nationale Freiräume". Kameradschaften seien
dabei, in Treptow-Köpenick stabile braune Strukturen aufzubauen.
Der Verein fordert die Bürger auf, zum Protest Trillerpfeifen mitzubringen.
"Wir pfeifen auf alte Nazis, ob in Adlershof oder anderswo",
heißt es im Aufruf.
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30.11.2004
Berliner Zeitung
Nazis werden ausgepfiffen
Bezirk plant Aktionen gegen den Aufmarsch der Rechten
TREPTOW-KÖPENICK.
Mit lautstarkem Protest will der Bezirk am Sonnabend den geplanten Aufmarsch
von Neonazis begleiten. Mehrere so genannte freie Kameradschaften aus
Berlin und Brandenburg wollen ein "freies Jugendzentrum" einfordern.
Ihr Marsch beginnt am Bahnhof Adlershof und führt über Spindlersfeld
zum Bahnhof Köpenick. Den Streckenverlauf gibt die Polizei erst kurz
vorher bekannt. Als Redner sind der Ex-NPD-Funktionär René
Bethage und der vorbestrafte Neonazi Christian Worch angekündigt.
"Wir wollen zeigen, dass öffentliche Räume nicht den Neonazis
gehören", sagte Bürgermeister Klaus Ulbricht (SPD). Gemeinsam
mit Bündnissen und Vereinen ruft er zur Gegendemonstration auf. Diese
beginnen um 10 Uhr auf dem Platz der Befreiung am Bahnhof Adlershof und
begleiten den Aufmarsch. An mehreren Orten sollen Musikbands auftreten.
Hunderte Plakate "Berlin gegen Nazis" werden an der Strecke
zu sehen sein. Und mit tausenden Trillerpfeifen sollen die Rechten ausgepfiffen
werden.
Ulbricht verweist auf Studien, wonach bis zu 25 Prozent der Bevölkerung
Rechtsstaat und Demokratie für verzichtbar halten. "Demokratie
lernen ist beileibe kein Thema nur für Jugendklubs, sondern ist auch
in Seniorenfreizeitstätten nötig." Es gebe eine Gruppe
von Menschen, die ihm Angst mache: "Das sind jene, die meinten, die
Nazis hätten Recht und die Ausländer nähmen uns die Arbeit
weg." Mit solchen Auffassungen müsse man sich auseinander setzen."
In einem offenen Brief, den auch die Literaturnobelpreisträgerin
Elfriede Jelinek unterzeichnet hat, fordert der Adlershofer Bürgerverein,
den Neonazi-Aufmarsch zu verbieten. Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) lehnt dies mit Hinweis auf die Rechtslage ab: "Zur Demokratie
gehört es daher, dass man auch die allerunbequemsten und diejenigen
zu Wort kommen lassen muss, die man nach der eigenen Auffassung nicht
ertragen kann", so Körting.
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30.11.2004 Tagesspiegel
Bezirk ruft auf zu Protest gegen Nazis
Rechtsradikale marschieren in Köpenick
Der Bezirk
Treptow-Köpenick und verschiedene Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit
und Rassismus wollen mit Kundgebungen gegen den Nazi-Aufmarsch am kommenden
Sonnabend im Bezirk protestieren. Die rechtsradikale Kameradschaft "Berliner
Alternative Südost" (Baso) hatte unter dem Motto "Die Jugend
braucht die Schaffung eines neuen Jugendzentrums" eine Demonstration
mit circa 200 Teilnehmern ab 11 Uhr vom S-Bahnhof Adlershof bis zum S-Bahnhof
Köpenick angemeldet. Der Aufzug wird auch durch die Werner-Seelenbinder-Straße
führen - vorbei an der NPD-Parteizentrale.
"Mit
unseren Kundgebungen am Rande der Strecke zeigen wir, dass wir die Verbreitung
von rassistischen und antisemitischen Parolen nicht dulden", sagt
Bianca Klose von der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus".
Am gestrigen Montag haben sich die Anmelder der Gegenveranstaltung und
die Polizei zu einem Gespräch getroffen, um die Kundgebungsorte festzulegen.
"Wir fungieren als eine Art Schiedsrichter", sagte der Leiter
der zuständigen Polizeidirektion 6, Michael Knape. "Einerseits
sollen die Demo-Gegner nah genug an der Strecke sein, um wahrgenommen
zu werden von den Nazis. Andererseits dürfen sie den Aufzug auch
nicht blockieren." Die Polizei rechnet mit bis zu 400 rechtsradikalen
Teilnehmern und wird mit 1000 Beamten im Einsatz sein. Tabu
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30.11.2004
Junge Welt
"Der Demagogie von Neonazis Aufklärung entgegensetzen"
Nach Wahlerfolgen von NPD und DVU werden auch bürgerliche
Kreise allmählich sensibler für Rechtsentwicklung. Ein Gespräch
mit Silvia Kurz
* Silvia Kurz ist Sprecherin der Antifa-Gruppe (T.A.G.) in Berlin-Treptow,
die im Bündnis "Gemeinsam gegen rechts" mitarbeitet und
auch Aktionen gegen den Naziaufmarsch am 4. Dezember in Treptow vorbereitet.
F: Am
4. Dezember will die Neonazikameradschaft "Berliner Alternative Süd-Ost"
(BA-SO) unter dem Motto "Jugend braucht Perspektiven! Für die
Schaffung eines neuen Jugendzentrums" durch Berlin-Adlershof marschieren.
Wer steckt hinter der ominösen Kameradschaft?
Die BA-SO
wird von dem Neofaschisten René Bethage angeleitet, der sich seit
dem Sommer 2003 auf die Jugendarbeit konzentriert. Diese Kameradschaft
bietet rechten Jugendlichen die inhaltliche und organisatorische Basis,
um neonazistische Ideologien gewalttätig umzusetzen. So schlug z.B.
eines ihrer Mitglieder einen vietnamesischen Imbißbetreiber vor
wenigen Monaten krankenhausreif. Andererseits versuchen dieselben Schläger
mit ihrer Forderung nach einem "nationalen Jugendzentrum", bürgerliche
Kreise anzusprechen. Das "Bürgerbündnis Aktiv gegen Rechtsradikalismus
Treptow-Köpenick" hat dazu eine Broschüre mit dem Titel
Antifaschistischer Süd-Ost-Bote herausgegeben. Die gibt es auf unserer
Internetseite. *
F: Die
Forderung nach einem "Nationalen Jugendzentrum" in Berlin ist
nicht neu. Ist sie Teil einer größeren Gesamtstrategie der
Neonazis in der Stadt?
Ja, die Forderung
der BA-SO ist Teil einer berlinweiten Kampagne von Neonazi-Kameradschaften
für "alternative Freiräume". Vor anderthalb Jahren
forderten sie noch ein "braunes Haus", mittlerweile schon ein
"nationales Jugendzentrum". Vor
allem in Treptow-Köpenick gibt es viele rechte Jugendliche, die bereits
organisiert sind. Davon abgesehen sind BA-SO und andere Kameradschaften
Auffangbecken für Nichtorganisierte. Man darf auch nicht die NPD-Zentrale
vergessen, die Propagandamaterial zur Verfügung stellt und Schulungen
veranstaltet. Diese Konstellation erzeugt auf der Straße ein Klima,
in dem rechte Übergriffe zum Alltag gehören. Schwerpunkt ist
der S-Bahnhof Berlin-Schöneweide.
F: Was
wollen, was können Sie der Demagogie der Neofaschisten entgegensetzen,
die mit der Forderung nach einem Jugendzentrum auch bei unpolitischen
Jugendlichen Sympathien gewinnen könnten?
Aufklärung.
Das Problem ist die bürgerliche Maske der BA-SO, die dazu führt,
daß ihre Mitglieder nicht als Neofaschisten erkannt werden. Wir
gehen dagegen mit Flugblättern und Plakaten vor oder mit einer antifaschistischen
Schülerzeitung. Wir versuchen auch, uns mit anderen zu vernetzen
- Beispiel dafür ist das Bündnis "Gemeinsam gegen rechts".
Zudem vermitteln wir Opfer rechter Gewalt oder Menschen, die andere Probleme
mit Nazis haben, an Beratungsstellen.
F: Bisher
ist es antifaschistischen Gruppen kaum gelungen, viele Menschen gegen
Neonaziaufmärsche zu mobilisieren. Warum?
Hauptursache
sind wohl die wöchentlichen Aufmärsche der Rechtsextremisten.
Das laugt einen mit der Zeit aus. Zudem sind die Gegendemonstranten vorwiegend
linke Jugendliche, die schnell als gewaltbereite Autonome abgestempelt
und damit gesellschaftlich isoliert werden. Andererseits greift mit dem
Sozialabbau rechtes Gedankengut in Teilen der Bevölkerung wieder
um sich. Der Schock, den die hohen Wahlergebnisse der rechten Parteien
in Sachsen und Brandenburg hervorgerufen haben, hat allerdings dazu geführt,
daß zunehmend auch bürgerliche Bündnisse gegen solche
Aufmärsche aktiv werden. Wir hoffen, daß dieser Trend anhält
und sich wieder mehr Menschen der Gefahr von Rechts bewußt werden.
* Info: www.treptowerantifa.de
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02.12.2004
Neues Deutschland
Marschroute der Nazis noch offen
Vielfältige Aktionen des Widerstands geplant/Senator Körting
antwortet Bürgerverein zu Verbot
Weitgehend bedeckt hält man sich derzeit bei der Polizei, was die
Marschroute der Neonazi-Kameradschaften am Samstag durch Köpenick
betrifft. Wie eine Sprecherin gestern sagte, sei bisher nichts entschieden
worden, auch nichts über Auflagen für die Veranstalter. Dies
würde üblicherweise zeitnah zum Anmeldedatum 4. Dezember geschehen.
Dem Vernehmen nach soll der 250-köpfige Aufzug um 11 Uhr am S-Bahnhof
Adlershof beginnen und über die Dörpfeld-, Oberspree-, Müggelheimer-,
Wendenschloß-, Friedrichshagener und Bahnhofstraße zum S-Bahnhof
Köpenick führen. Gefordert wird, ein "nationales Jugendzentrum"
zu errichten. Linke Gruppen wollen mit mehreren Aktionen protestieren.
Keineswegs dürfe neben der NPD-Zentrale ein zweites Zentrum der rechtsextremistischen
Szene entstehen, wird im Aufruf angemerkt.
Auch zu einem eventuellen Verbot durch die Versammlungsbehörde konnte
oder wollte sich die Polizeisprecherin nicht äußern. Ein solches
Verbot hatte der Bürgerverein Cöllnische Heide in einem Offenen
Brief an Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und Polizeipräsident
Dieter Glietsch beantragt.
Einschlägig vorbestraften Berufsnazis wie den Rednern auf den geplanten
Neonazi-Kundgebungen dürfe keine Tribüne geboten werden. Das
Demonstrationsrecht werde von den Neonazis zu Provokationen missbraucht.
Auch alle rechtlichen Möglichkeiten müsse man - neben dem politischen
Protest - ausschöpfen, war in dem Papier festgestellt worden. Unterschrieben
hatten namhafte Persönlichkeiten, darunter Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin
für Literatur 2004, sowie Antifa-Veteranen, Rechtsanwälte und
Künstler.
In seiner Antwort an den Verein versicherte Körting, er sei stets
"an der Seite all derer zu finden, die ein Wiedererstarken rechtsradikaler
und neonazistischer Umtriebe mit allen politischen Mitteln bekämpfen".
Juristische Eingriffe in die Meinungs- und Versammlungsfreiheit jedoch
seien, wie das Bundesverfassungsgericht mehrfach festgestellt habe, "nur
unter ganz bestimmten und sehr engen Voraussetzungen möglich".
Es gehöre zur Demokratie, "auch die allerunbequemsten und diejenigen
zu Wort kommen zu lassen", die man "nach der eigenen Auffassung
nicht ertragen kann". Körting wies darauf hin, dass die Grenze
erst dann überschritten ist, wenn die öffentliche Sicherheit
nur noch durch ein Verbot aufrechterhalten werden kann. Diese Situation
habe vorgelegen, "als die NPD eine Demonstration gegen muslimische
Zentren in Berlin beabsichtigt hatte". Auch die Gegebenheiten des
Neonazi-Aufmarsches vom 4. Dezember würden vor diesem Hintergrund
geprüft, schrieb der Senator.
Dass die Versammlungsbehörde erst in letzter Minute die Marschroute
bestätigt, macht es schwer, den Widerstand vernünftig zu organisieren,
sagte PDS-MdA Udo Wolf dem ND. Es gehe ja darum, Protest in Hörweite
kundzutun. Das sei auch überaus nötig, weil die Neonaziszene
nach den jüngsten Wahlerfolgen von NPD und DVU versuche, die Straße
zurückzuerobern.
Das gesamte nächste Jahr über werde das demokratische Berlin
vermutlich mehrfach damit zu tun haben. Um den Nazis Einhalt zu gebieten,
müsse vor allem die Mobilisierungsfähigkeit der Zivilgesellschaft
ausgeprägt werden, sagte Udo Wolf.
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02.12.2004
Berliner Kurier
Wie vertreiben wir die braune Pest, Herr Innensenator?
INTERVIEW Ehrhart Körting über antisemitische und rassistische
Täter
Berlin -
Brauner Spuk in der Hauptstadt. Bis zu 300 Mitglieder der rechtsextremen
Kameradschaft "Berliner Alternative Süd-Ost" wollen am
Sonnabend durch Köpenick und Treptow ziehen. KURIER-Redakteur Ronald
Gorny sprach darüber mit Innensenator Ehrhart Körting (SPD).
?Gegendemonstranten
haben sich angesagt. Befürchten Sie Ausschreitungen?
!Ich rechne damit, dass es der Polizei gelingen wird, die verschiedenen
Züge auseinander zu halten. Polizei wird reichlich präsent sein.
Unter den Gegendemonstranten sind nach bisheriger Kenntnis keine autonome
Gruppen, vielmehr mehrere Bürger-Initiativen. Auch Wissenschaftler
und Forscher wollen gegen neonazistísche Tendenzen demonstrieren.
?Warum
verbieten Sie denn nicht den Aufmarsch der Rechten?
!Das Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit eine Vielzahl von
rechten Veranstaltungen zugelassen - mit der Begründung, dass die
Meinungs- und Versammlungsfreiheit ein sehr hohes Gut und die Demokratie
stark genug ist, um auch Verfassungsfeinde demonstrieren zu lassen.
?Gibt
es mehr rechtsextreme Straftaten in Berlin?
!Die Gesamtzahl der rechtsextremistischen Straftaten ist zwar leicht rückläufig.
Von Januar bis September 2004 wurden 698 Verfahren eingeleitet, im gleichen
Vorjahreszeitraum waren es 727. Aber: In den ersten neun Monaten dieses
Jahres gab es 130 antisemitische Straftaten (Vorjahr: 96). Es handelte
sich dabei überwiegend um anonyme Schmähbriefe gegen die Israelische
Botschaft, den Zentralrat der Juden und die Jüdische Gemeinde.
?Wurde
durch die Extremisten auch Gewalt ausgeübt?
!In den ersten drei Quartalen 2003 kam es zu 54 Verfahren, 2004 zu 48
Verfahren. 21 Gewalttaten waren in diesem Jahr gegen Ausländer gerichtet,
sie wurden meistens von Rechten verübt. 5 Übergriffe richteten
sich gegen Juden. Seit zwei Jahren beobachten wir das Phänomen, dass
vermehrt jugendliche Heranwachsende arabischer Herkunft für antisemitische
Delikte verantwortlich sind.
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03.12.2004
Berliner Morgenpost
Sechs Kundgebungen gegen Neonazi-Demo
Polizei ist mit 1000 Beamten im Einsatz
Sechs Protestkundgebungen
gegen die Demonstration der rechten Kameradschaft Berliner Alternative
Südost sind für den 4. Dezember in Köpenick und Adlershof
angemeldet. Initiatoren sind der Adlershofer Bürgerverein, das Jugendbündnis
Bunt statt Braun, das Zentrum für Demokratie, das Bezirksamt Treptow-Köpenick
und die Fraktionen der PDS und der SPD in der Bezirksverordneten-Versammlung.
Die Kameradschaft zieht vom Bahnhof Adlershof über die Dörpfeldstraße,
Oberspreestraße, Müggelheimer Straße, Wendenschloßstraße,
Salvador-Allende-Straße, Seelenbinderstraße und Bahnhofstraße
bis zum S-Bahnhof Köpenick. Sie wollen Lautsprecherwagen mitführen.
Zu den Rednern gehört Ex-NPD-Funktionär René Bethage.
Die Gegner des Aufmarsches treffen sich ab 10.30 Uhr gegenüber vom
Bahnhof Adlershof, auf dem Marktplatz Adlershof, am S-Bahnhof Spindlersfeld,
auf dem Schloßplatz in Köpenick, an der Puchanstraße
und an der Straße Am Bahndamm nahe dem S-Bahnhof Köpenick.
Bezirksamt und BVV haben 4000 Protestplakate gegen den Aufzug der Neonazis
drucken lassen, die kostenlos im Rathaus Köpenick ausgegeben werden.
Die Polizei rechnet mit 250 bis 300 Teilnehmern der Neonazi-Demo und wird
am Sonnabend etwa 1000 Beamte nach Köpenick und Adlershof schicken.
Michael Knape, Chef der Direktion 6, leitet den Einsatz. "Unsere
Hauptaufgabe ist, jede friedliche Versammlung zu schützen."
Man werde sicherstellen, daß sowohl die Rechten als auch ihre demokratischen
Gegner friedlichen Gebrauch vom Demonstrationsrecht machen könnten.
Straftaten würden nicht zugelassen. Knape: "Meine Sorge ist,
daß sich links-autonome Kräfte unter die demokratischen Gegenkundgebungen
mischen und sie als Schutzkulisse für Angriffe mißbrauchen."
Die friedlichen Teilnehmer sollten sich von Gewalttätern distanzieren.
saf
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03.12.2004
Berliner Zeitung
Neonaziaufmarsch am Sonnabend, Brandanschlag im Vorfeld
Neonazis
wollen am Sonnabend in Treptow-Köpenick demonstrieren. Der Aufmarsch
soll um 11 Uhr am S-Bahnhof Adlershof beginnen und über die Dörpfeld-,
Oberspree-, Müggelheimer, Wendenschloß-, Salvador-Allende-
und Seelenbinderstraße zum S-Bahnhof Köpenick führen.
An der Route, unter anderem in der Dörpfeldstraße, planen zahlreiche
Gruppen Gegenkundgebungen. Linksradikale Autonome beschmierten im Vorfeld
des Aufmarsches in Treptow Fassaden von Häusern, in denen Neonazis
wohnen. In Neukölln gab es gestern einen Brandanschlag auf den Renault
eines Neonazis. Dazu bekannte sich die Antifa. (kop.)
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03.12.2004
TAZ
Schon wieder braunes Gesocks
Nazi-Aufmärsche
werden zum Dauerbrenner. Morgen ist Adlershof dran. Antifas und Bürgerinitiative
gegen Rechts stellen sich quer - mit vier Gegenkundgebungen
Vor zwei Wochen demonstrierten sie gegen den rechten Aufmarsch in Lichtenberg,
vor einer Woche waren sie unterwegs im sächsischen Pirna und morgen
steht Adlershof im Bezirk Köpenick auf dem Programm: Den Antifas
müsste so langsam die Puste ausgehen.
Tut sie aber nicht. Bereits um 10 Uhr wollen sich die Gegendemonstranten
am Platz der Befreiung und am Marktplatz Dörpfeldstraße treffen,
um den Aufmarsch der rechtsradikalen Kameradschaft Berliner Alternative
Süd-Ost (Baso) zu verhindern. Weitere Gegenkundgebungen sind um 12
Uhr am S-Bahnhof Spindlersfeld und am Mandrellaplatz geplant. Dort sollen
die Rechten mit Trillerpfeifen ausgepfiffen werden. Die Neonazis wiederum
wollen um 11 Uhr am S-Bahnhof Adlershof zusammenkommen und über die
Dörpfeld-, Müggelheimer und Seelenbinderstraße zum S-Bahnhof
Köpenick ziehen. Der Grund ihres Aufmarschs: Sie fordern ein "freies
Jugendzentrum".
Alles Mumpitz, sagt der Adlershofer Bürgerverein Cöllnische
Heide. Um "national befreite Zonen" gehe es denen. In einem
offenen Schreiben hatte der Verein Innensenator Ehrhart Körting (SPD)
aufgefordert, den Nazi-Aufmarsch zu verbieten. Zu den Unterzeichnern gehörte
unter anderem die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.
Körting lehnte jedoch ab und verwies auf die schwierige Rechtslage.
Die "Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus" (MBR) beobachtet
in den jüngsten Aufmärschen eine grundsätzlich neue Strategie
der Neonazis. Bereits vor einem Jahr war die Baso mit rund 200 Anhängern
in Treptow-Köpenick aufmarschiert. Damals lautete das Motto noch
"Nationale Zentren erkämpfen". Inzwischen scheinen sie
sich in ihrer Wortwahl zu mäßigen. Mit sozialen Themen werde
versucht, "die demokratische Öffentlichkeit für sich zu
vereinnahmen und Jugendliche für ihre Zwecke zu rekrutieren",
sagt MBR-Leiterin Bianca Klose.
Als Redner bei den Rechten wird unter anderem der vorbestrafte Hamburger
Neonazi Christian Worch erwartet, der sich als Daueranmelder zahlreicher
Aufmärsche bundesweit einen Namen gemacht hat. Auch René Bethage,
ehemaliger NPD-Funktionär und Oberkader der Baso, ist als Redner
mit von der Partie.
Die Polizei erwartet insgesamt etwa 400 Neonazis, die sie mit rund 1.000
Beamten begleiten will.
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03.12.2004
Yahoo
Widerstand gegen Neonazi-Aufmarsch in Köpenick
Berlin (ddp-bln).
Mit einer Demonstration will ein breites gesellschaftliches Bündnis
am Samstag (11.00 Uhr) gegen einen Neonazi-Aufmarsch in Treptow-Köpenick
protestieren. Die Initiatoren wehren sich dagegen, dass der Bezirk immer
häufiger zum Aktionsfeld von Rechtsextremisten werde.
Geplant sind in der Nähe des rechten Aufzugs insgesamt fünf
Kundgebungen, auf denen demokratische Kräfte ihre Stimme erheben
werden und junge Nachwuchsbands auftreten. Stationen sind der S-Bahnhof
Adlershof, der S-Bahnhof Spindlersfeld, der Schloßplatz, die Puchanstraße
und der S-Bahnhof Köpenick.
Das Bündnis unter Leitung des Bezirksbürgermeisters von Treptow-Köpenick,
Klaus Ulbricht (SPD), ruft die Bürger auf, die Neonazis entlang der
Strecke auszupfeifen. Außerdem appelliert es an Bewohner und Geschäftsleute,
mit Plakaten an Häusern und in Schaufenstern ihren Protest zum Ausdruck
zu bringen.
Der Adlershofer Bürgerverein hatte Mitte November in einem offenen
Brief an Innensenator Ehrhart Körting (SPD) ein Verbot des Neonazi-Aufzugs
gefordert. Zu den Erstunterzeichnern gehörten Literaturnobelpreisträgerin
Elfriede Jelinek, die Publizistin Daniela Dahn und Rocksänger Dirk
Zöllner. Körting lehnte ein Verbot aber unter Hinweis auf die
Rechtslage ab.
Die rechtsextremistischen Kameradschaften marschieren (11.00 Uhr)"für
die Schaffung eines neuen Jugendzentrums". Über die genaue Route
hält sich die Polizei noch bedeckt. Angemeldet wurden 250 bis 300
Teilnehmer.
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03.12.2004
Berliner Kurier
Herr Meyer, muss man als Jude in Berlin wieder Angst
haben?
INTERVIEW Vorsitzender der jüdischen Gemeinde befürchtet eine
Fusion von NPD, DVU, Republikanern
Berlin - In der deutschen Hauptstadt gibt es immer mehr antisemitische
Straftaten (KURIER berichtete), am Sonnabend ziehen braune Horden durch
Köpenick.
KURIER-Redakteur
Ronald Gorny sprach mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde,
Albert Meyer, über den braunen Spuk.
? Schmähbriefe
landen in Ihrer Gemeinde, judenfeindliche Straftaten nehmen zu. Fühlen
Sie sich noch sicher in Berlin?
! Ich bin über den Anstieg der antisemitischen Straftaten geschockt,
weil ich die rechte Gefahr in dieser Stadt unterschätzt habe. Ich
gehe davon aus, dass diese Zahlen keine persönliche Gefährdung
darstellen. Aber sie könnten der Nährboden dafür sein.
? Sollte
der rechte Aufmarsch am Sonnabend in Köpenick verboten werden?
! Ich halte grundsätzlich nichts von Verboten, bin aber der Auffassung,
dass die Senats-Innenverwaltung die zwingende Pflicht hat, auch nur andeutungsweise
strafrechtlich-relevante Äußerungen zu ahnden.
?Rechte
Parteien feiern Wahlerfolge. NPD und DVU wollen 2006 gemeinsam in den
Bundestag einziehen. Kommt es zu einer Fusion?
!
Ich gehe fast sicher davon aus, dass die gemeinsame Interessenslage diese
Parteien verbinden wird. Ihre Ziele richten sich gegen die Prinzipien
des demokratischen Rechtsstaates. Eine Fusion von NPD, DVU und Republikanern
ist daher zu befürchten.
? Wer
ist schuld an dieser Entwicklung?
! Ich mache den Wählern keine Vorwürfe, eher den bürgerlichen
Parteien. Sie haben versagt, es nicht verstanden zu vermitteln, dass jede
Stimme für rechtsextremistische Parteien eine verlorene Stimme und
eine Stimme gegen die Menschlichkeit ist. Rechte Parteien haben bislang
immer in Parlamenten versagt.
? Sind
Sie für ein NPD-Verbot?
! Ich bin in der Regel gegen Parteienverbote, es sei denn, diese Parteien
verstoßen gegen Gesetzesvorschriften. Als Jurist bin ich der Auffassung,
dass dies bei der NPD der Fall ist, denn sie leugnet Auschwitz und verlässt
somit den Boden der Verfassung.
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03.12.2004
Yahoo News
Körting plädiert für Präzisierung
des Versammlungsrechts
Berlin (ddp-bln).
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) plädiert angesichts
zunehmender rechtsextremistischer Demonstrationen für eine Präzisierung
des Versammlungsrechts. So sollten Aufmärsche untersagt werden können,
die an historische Ereignisse oder Personen des NS-Regimes erinnern, sagte
Körting in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp. Als
Beispiele nannte er den Machtantritt Hitlers am 30. Januar oder die Geburts-
und Todestage von Nazi-Größen. Eine grundlegende Einschränkung
des Demonstrationsrechts, wie sie von der CDU immer wieder gefordert wird,
lehnte der SPD-Politiker aber ab.
Nach der bisherigen Rechtslage seien Verbote von Demonstrationen, die
in Anknüpfung an historische Daten Gräueltaten bagatellisierten
oder Opfer verhöhnten, nur "sehr schwer" durchsetzbar,
sagte Körting. Er trete deshalb dafür ein, die Regelungen "enger
zu fassen". Das sei möglich, ohne das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit
auszuhöhlen, betonte der Verfassungsrechtler, der sich im Zuge der
Föderalismusdebatte auch für eine Übertragung des Versammlungsrechts
in die Kompetenz der Länder einsetzt.
Allerdings könnten nach Darstellung Körtings rechte Aufzüge
wie der für Samstag in Treptow-Köpenick geplante damit nicht
verhindert werden. Auch wenn er politisch an der Seite der Gegendemonstranten
stehe, eine Demokratie müsse es ertragen, "dass Verfassungsfeinde
öffentlich ihre Meinung äußern", sagte der Senator.
Das Bundesverfassungsgericht habe bewusst hohe Hürden für das
Verbot einer Veranstaltung gesetzt, das nur bei strafbaren Inhalten wie
Volksverhetzung möglich sei.
Bei allem Verständnis für Proteste gegen Neonazi-Aufmärsche
sei die Versammlungsbehörde, die über ein mögliches Verbot
oder Auflagen zu entscheiden habe, dem Prinzip der Neutralität verpflichtet.
Für sie dürfe es keine "politisch liebsamen oder unliebsamen
Demonstrationen" geben, sondern es gelte der Grundsatz der Gleichbehandlung.
Jeder "Hauch einer Zensur" sei auszuschließen, auch wenn
es sich bei den Veranstaltern um rechtsextremistische Parteien oder Gruppierungen
handele.
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04.12.2004
TAZ
"Versammlungsrecht enger fassen"
Innensenator
Ehrhart Körting plädiert für eine "Präzisierung"
des Versammlungsrechts, um Aufmärsche von Neonazis an historischen
Daten und Orten eher verbieten zu können
Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat angesichts zunehmender rechtsextremistischer
Demonstrationen in der Stadt für eine Präzisierung des Versammlungsrechts
plädiert. So sollten Aufmärsche von Neonazis untersagt werden
können, die an historische Ereignisse oder Personen des NS-Regimes
erinnern, sagte Körting am Freitag. Als Beispiele nannte er den Machtantritt
Hitlers am 30. Januar 1933, als die Nazis ihren Sieg mit einem Fackelzug
durch das Brandenburger Tor feierten, oder die Geburts- und Todestage
von Nazi-Größen. Eine grundlegende Einschränkung des Demonstrationsrechts,
wie sie von der CDU immer wieder gefordert wird, lehnte der SPD-Politiker
aber ab.
Nach der bisherigen Rechtslage seien Verbote von Demonstrationen, die
in Anknüpfung an historische Daten Gräueltaten bagatellisierten
oder Opfer verhöhnten, nur "sehr schwer" durchsetzbar,
sagte Körting. Er trete deshalb dafür ein, die Regelungen "enger
zu fassen". Das sei möglich, ohne das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit
auszuhöhlen, betonte der Verfassungsrechtler, der sich im Zuge der
Föderalismusdebatte auch für eine Übertragung des Versammlungsrechts
in die Kompetenz der Länder einsetzt.
Allerdings könnten nach Darstellung Körtings rechte Aufzüge
wie der für Samstag in Treptow-Köpenick geplante damit nicht
verhindert werden. Auch wenn er politisch an der Seite der Gegendemonstranten
stehe, eine Demokratie müsse es ertragen, "dass Verfassungsfeinde
öffentlich ihre Meinung äußern", sagte der Senator.
Das Bundesverfassungsgericht habe bewusst hohe Hürden für das
Verbot einer Veranstaltung gesetzt, das nur bei strafbaren Inhalten wie
Volksverhetzung möglich sei.
Bei allem Verständnis für Proteste gegen Neonazi-Aufmärsche
sei die Versammlungsbehörde, die über ein mögliches Verbot
oder Auflagen zu entscheiden habe, dem Prinzip der Neutralität verpflichtet.
Für sie dürfe es keine "politisch liebsamen oder unliebsamen
Demonstrationen" geben, sondern es gelte der Grundsatz der Gleichbehandlung.
Jeder "Hauch einer Zensur" sei auszuschließen, auch wenn
es sich bei den Veranstaltern um rechtsextremistische Parteien oder Gruppierungen
handele. " TAZ, DDP
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04.12.2004
TAZ
Gegendemos stärken
Immer wenn Berliner Innensenatoren nicht mehr weiterwussten, riefen sie
nach Verboten. Nun ist anscheinend auch Ehrhart Körting (SPD) an
diesem Punkt angelangt. Angesichts der Zunahme rechtsextremistischer Aufmärsche
müsse das Versammlungsrecht präzisiert werden, fordert er und
spricht sich für Demoverbote an symbolträchtigen Orten aus.
KOMMENTAR
VON FELIX LEE: Natürlich ist es grauslig, wenn ausgerechnet am 8.
Mai, dem 60. Jahrestag der deutschen Kapitulation, Horden von Neonazis
durchs Brandenburger Tor marschieren oder sie in unmittelbarer Nähe
des Holocaust-Mahnmals antisemitische Hassparolen grölen.
Eine Einschränkung des Versammlungsrechts kann aber nicht die Antwort
auf solche Grusel-Shows sein - und wäre diese Beschneidung noch so
minimal. Das bestehende Demonstrationsrecht ist ein lang erkämpftes
Grundrecht, das auch dem Schutz von Minderheiten dient - ob man sie politisch
akzeptiert oder nicht. Körtings CDU-Vorgänger Werthebach hatte
die allgemeine Empörung über Neonazi-Aufmärsche am Brandenburger
Tor dazu genutzt, sich den Wunsch des Verbots zu erfüllen. Und auch
Reaktionen der CDU auf Körtings aktuellen Vorstoß zeigen, wo
die Reise hinzugehen droht: die allgemeine Einschränkung des Demonstrationsrechts
im Regierungsviertel.
Dies kann man Körting sicherlich nicht vorwerfen. Bei ihm ist es
vielmehr ein Zeichen der Ohnmacht, wenn er demofreie Zonen fordert, um
Neonazis aus dem Stadtkern zu verjagen - mit der Folge, dass sich womöglich
die Bürger von Marzahn und Lichtenberg mit dem braunen Mob herumschlagen
müssen.
Den Neonazis entgegenzutreten - dafür gibt es andere altbewährte
Mittel: die Gegendemonstrationen stärken.
Dann käme Körting auch nicht in Verlegenheit, zu behaupten,
rechte Aufmärsche, wie sie auch heute wieder in Treptow-Köpenick
geplant sind, könne man eh nicht verhindern.
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04.12.2004
Neues Deutschland
Vielfacher Protest gegen Nazi-Marsch
Kundgebungen entlang der Strecke/Gruß von Nobelpreisträgerin
Jelinek an Gegendemonstranten
An mindestens sechs Punkten entlang der Strecke des Neonazi-Aufmarsches
am heutigen Sonnabend wird sich der Protest gegen den braunen Geist artikulieren.
Ab 10 Uhr gibt es eine Kundgebung auf dem Platz der Befreiung, und zwar
nach aller Möglichkeit in Sicht- und Hörweite des Antreteplatzes
der Nazis am S-Bahnhof Adlershof.
Allerdings beabsichtigt die Polizei, die nach eigenen Angaben mit über
1000 Mann allgegenwärtig sein wird, eine "Bannmeile" von
jeweils etwa 50 Metern zum Nazi-Aufzug zu errichten. Die Gegendemonstranten
dürften zwar so nahe an die Strecke der Nazis herankommen, dass sie
wahrgenommen werden, andererseits jedoch deren Aufzug nicht blockieren,
so ein Polizeiführer. Das Jugendbündnis "Gemeinsam gegen
Rechts" organisiert ab 10.30 Uhr den Widerstand auf dem Marktplatz
an der Dörpfeldstraße. An der Kreuzung Oberspreestraße/Ottomar-Geschke-Straße
hat die PDS um 12 Uhr eine Kundgebung angemeldet, auf dem Köpenicker
Schloßplatz das Bezirksamt eine weitere ab 11 Uhr. Hier spielen
auf einer Bühne im Rahmen eines Programms des Jugendbündnisses
"Bunt statt braun" sieben lokale Bands auf. "Gleichschritt
bringen wir zum Tanzen", lautet ihr Motto.
An der Gedenkstätte für die Opfer der Köpenicker Blutwoche
in der Puchanstraße - unweit der NPD-Zentrale - hat ebenfalls das
Jugendbündnis für 13.30 Uhr eine Versammlung angekündigt.
Für Punkt 12 Uhr ruft die SPD zum Protest an der Kreuzung Alte Kaulsdorfer
Straße/Am Bahndamm auf - unweit der Abschlusskundgebung der Nazis.
Das Rathaus hat tausende Protestplakate gegen den Aufzug drucken lassen,
die auch heute im Bezirksamt ausgegeben werden.
Unterdessen hat sich die Nobelpreisträgerin für Literatur 2004,
Elfriede Jelinek, in einem Brief an den Adlershofer Bürgerverein
Cöllnische Heide mit den Gegendemonstranten solidarisiert. "Es
ist für mich ein unerträglicher Gedanke, dass in Deutschland
wieder Nazis marschieren dürfen", heißt es in dem Brief,
der auf der Kundgebung am Platz der Befreiung verlesen werden wird.
PDS-MdA Evrim Baba erklärte, für ein Jugendzentrum für
rechtsextremistische und rassistische Schläger gebe es in Berlin
keinen Platz. Es gelte, nirgendwo eine Dominanz von Nazis vor Ort zuzulassen.
Alle antifaschistischen Kräfte rief Baba auf, mit der PDS auf die
Straße zu gehen. Eine Grußbotschaft hat ebenfalls der DGB-Bezirksvorsitzende
Dieter Scholz dem Verein übermittelt.
"Dass Faschisten in Krisenzeiten Wahlerfolge erringen, ist äußerst
beunruhigend und ein Warnsignal für jede Demokratie", stellte
Scholz fest. Den extremistischen Kräften müsse gezeigt werden,
"dass dieses Land keinen Mob mehr duldet".
Eine Gruppe "Antifa HoHo" hat sich derweil selbst bezichtigt,
im Zusammenhang mit dem Köpenicker braunen Aufmarsch auf das Auto
eines Berliner Rechtsextremisten einen Brandanschlag verübt zu haben.
Tatort war am Donnerstag der Buckower Damm in Neukölln. Köpenicker
Häuser, in denen Neonazis wohnen sollen, wurden mit Farbe beschmiert.
Die Polizei bestätigte gestern beide Vorfälle.
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04.12.2004
Yahoo News
Neonazis festgenommen - Zahlreiche Proteste gegen rechten
Aufzug
Berlin (ddp-bln).
Bei einer Neonazi-Demonstration mit rund 220 Teilnehmern in Treptow-Köpenick
sind am Samstag drei Rechtsradikale vorübergehend festgenommen worden.
Den Männern wurde das Verbreiten von Parolen verfassungswidriger
Organisationen vorgeworfen, wie ein Polizeisprecher sagte. Insgesamt wurden
sieben Personen aus dem rechten Spektrum festgenommen. Die Sicherheitskräfte
waren nach seinen Angaben mit rund 1300 Beamten vor Ort. Mehrere hundert
Menschen hatten entlang der Demonstrationsroute gegen den Aufmarsch der
Rechten protestiert.
Auf Plakaten und Luftballons der Gegendemonstranten war unter anderem
zu lesen ""Gegen Nazis" und "Nein zu Neonazis".
Auf der geplanten Route der Rechtsextremen hatten linksgerichtete Gruppen
drei Mülltonnen angezündet. Vier Gegendemonstranten kamen wegen
Verstoßes gegen das Vermummungsverbot in vorübergehenden Gewahrsam.
Die rechtsradikale Kameradschaft "Berliner Alternative Südost"
wollte vom S-Bahnhof Adlershof zum S-Bahnhof Köpenick ziehen und
damit die Schaffung eines Jugendzentrums fordern.
Die Initiatoren der Protestaktionen gegen den braunen Aufmarsch wehrten
sich dagegen, dass ihr Bezirk immer häufiger zum Aktionsfeld von
Rechtsextremisten wird. Das Bündnis unter Leitung des Bezirksbürgermeisters
Klaus Ulbricht (SPD) hatte die Bürger aufgerufen, die Neonazis entlang
der Strecke auszupfeifen. Außerdem appellierte es an Bewohner und
Geschäftsleute, mit Plakaten an Häusern und in Schaufenstern
ihren Protest zum Ausdruck zu bringen.
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05.12.2004
Morgenpost
Neonazis von Protest begleitet
Polizei sichert Demonstrationen mit 1300 Beamten
220 Neonazis
sind gestern nachmittag demonstrierend durch Köpenick gezogen und
haben damit rund 250 Gegner der rechten Szene zu Protesten entlang der
Strecke veranlaßt. Die Veranstaltungen wurden von einem Großaufgebot
der Berliner Polizei mit 1300 Beamten gesichert.
Die rechten Kameradschaften starteten gegen Mittag am S-Bahnhof Adlershof
und zogen in Richtung des Zentrums von Köpenick. Mit der Demonstration
wollten sich die Neonazis für "nationale Jugendzentren"
einsetzen. Hauptinitiator war die "Berliner Alternative Südost",
zu den Angereisten zählte der Hamburger Neonazi Christian Worch.
"Vielfalt statt Einfalt" hieß das Motto einer der Gegenveranstaltungen.
Auch Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) hatte sich am Aufruf
zu Protesten entlang der Marschroute beteiligt. Näher als etwa 50
Meter kamen sich die Anhänger der rechten Szene und ihre Gegner nicht,
da das Hauptziel der Polizei war, eine solche Konfrontation zu verhindern.
Größere Zwischenfälle blieben somit aus.
In der Dörpfeldstraße nahm die Polizei drei Neonazis fest,
die aus der Menge heraus "Nun, Volk, steh auf und Sturm brich los"
skandiert hatten. Dabei handelt es sich um ein Zitat aus der berüchtigten
Sportpalast-Rede von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels aus dem
Jahre 1943. Wegen der Festnahmen ließen die Veranstalter den Zug
stoppen. Nach Verhandlungen mit der Polizei setzte er sich gegen 14 Uhr
wieder in Bewegung. Wegen der Verwendung von verfassungswidrigen Kennzeichen
folgten weitere Festnahmen. Gegen 17 Uhr ging am Bahnhof Köpenick
der rechte Aufzug zu Ende; zur Erleichterung vieler Köpenicker, die
seit den Morgenstunden unter Absperrungen und Umleitungen zu leiden hatten.
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05.12.2004
Morgenpost
"Man muß etwas entgegensetzen"
Pastorin nimmt an Protestkundgebung in Adlershof teil
"Es
ist furchtbar ärgerlich, daß so was gestattet wird", sagt
Pastorin Dorothea Quien über den Aufmarsch der Neonazis. "Man
muß dem etwas entgegensetzen." Sie hat vor einer Woche den
Aufruf gegen die Demonstration im Gottesdienst verlesen, hat das Schriftstück
und das Protestplakat auf dem Gelände der evangelischen Verklärungskirche
in Adlershof ausgehängt. Die 48jährige nahm gestern an der Gegenkundgebung
gegenüber vom Bahnhof Adlershof teil, zu der der Bürgerverein
aufgerufen hatte. "Ich komme aber nicht mit einer Trillerpfeife -
das ist nicht meine Art", sagt die Theologin. "Ich bin noch
auf der Suche, was eine angemessene Form des Protestes ist." Sie
freut sich jedoch darüber, daß die Adlershofer für die
rechten Demonstranten das Lied der Schlümpfe gesungen haben, mit
der Anfangszeile "Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?" Es sei
gut, die Neonazis auf die Schippe zu nehmen.
Doch der wirklich gefährliche Punkt sei nicht die Demonstration,
sondern die Zeit vorher, "wenn sie ihre Gesinnungsgenossen rekrutieren,
aus Schulen oder in Jugendklubs." Sie sehe es als Aufgabe der Kirchen,
Menschen immun zu machen gegen die Parolen der Nazis. Die aktuelle Diskussion
um Islam und Muslime berge die Gefahr, Fremdenfeindlichkeit zu nähren.
"Wir müssen als Pfarrer aufpassen, was wir sagen."
Dorothea Quien ist seit 1991 in Adlershof. "Ich liebe meinen Beruf",
sagt sie. Sie hat ihre Ausbildung in der DDR, am Kirchlichen Proseminar
in Naumburg, gemacht. Zu ihrer Gemeinde gehören 1400 Christen. Die
Arbeit sei vielfältig und wunderschön, sagt sie.
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05.12.2004
Tagesspiegel
1300 Polizisten bewachen 250 rechte Demonstranten
25 Festnahmen beim Protestzug der Kameradschaft Baso durch Köpenick.
Bürgergruppen pfiffen die Marschierenden mit Trillerpfeifen aus
Die Stimmung
bei den Rechten war etwas aggressiver als sonst, vor allem, nachdem drei
braune Teilnehmer von der Polizei gleich zu Beginn aus dem Demonstrationszug
geholt worden waren: Sie hatten eine Parole aus der Nazizeit gebrüllt.
Der Anmelder der rechtsextremistischen Kameradschaft "Berliner Alternative
Südost" (Baso), René Bethage, stoppte den Zug und verlangte
ultimativ die Freilassung. Doch er verlor die Machtprobe mit Polizeieinsatzleiter
Michael Knape. Dieser hatte die Auflösung der Demonstration angekündigt,
wenn die Rechten die Dörpfeldstraße noch länger blockieren.
Nach drei Stunden marschierten die 250 Rechtsextremisten dann weiter,
anfangs noch von einigen Linken der Antifa in den Nebenstraßen begleitet.
Zu den befürchteten militanten Aktionen kam es nicht, da die Polizei
gut 150 Gegendemonstranten so genannte Platzverweise erteilte und damit
den Protest zerstreute. Es blieben die Anwohner, einige hundert Treptower
und Köpenicker, die mit Trillerpfeifen ihren Protest kundtaten. Bezirksbürgermeisters
Klaus Ulbricht (SPD) hatte dazu aufgerufen, die Neonazis entlang der Strecke
auszupfeifen. Außerdem hatte er an Bewohner und Geschäftsleute
appelliert, mit Plakaten an Häusern und in Schaufenstern ihren Protest
zum Ausdruck zu bringen. Das war auch geschehen: Überall an den Straßen
waren Plakate und grüne Luftballons zu sehen, auf denen "Gegen
Nazis" und "Nein zu Neonazis" zu lesen war; kleine Kinder
schlugen mit Löffeln auf Kochtöpfe. Ulbricht selbst beobachtete
den Zug der Rechten am frühen Abend am Mandrellaplatz, in Sichtweite
der NPD-Zentrale.
Die Polizei hatte wie bei der vorangegangenen Baso-Demo vor zwei Wochen
Stärke gezeigt: 1300 Beamte waren im Einsatz, schweres Gerät
stand in Bereitschaft. Der acht Kilometer lange Marsch vom S-Bahnhof Adlershof
zum S-Bahnhof Köpenick stand unter dem Motto "Jugend braucht
Perspektiven - Für die Schaffung eines Jugendzentrums". Am Abend
zog die Polizei Bilanz: sechs vorübergehende Festnahmen bei den Rechten,
19 bei den Linken. Diese hatten überwiegend gegen das Vermummungsverbot
verstoßen.
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06.12.2004
Berliner Zeitung
Gut behütet: Adlershof und Köpenick wurden
zu einem Heerlager
250
Neonazis demonstrierten, 1 300 Polizisten beschützten den Aufmarsch
So gut behütet
waren Neonazis wohl noch nie: 1 300 Polizisten beschützten am Sonnabend
den Aufmarsch von knapp 250 Rechtsextremisten. Die Beamten verwandelten
an diesem Tag Adlershof und Köpenick in ein grün-weißes
Heerlager. Den Aufmarsch mit der Forderung nach einem rechten Jugendzentrum
hatte die rechtsextremistische "Berliner Alternative-Südost"
angemeldet. Die Route verlief vom S-Bahnhof Adlershof über Wendenschloss-
und Seelenbinderstraße zum S-Bahnhof Köpenick.
Tatsächlich hatte es schon im Vorfeld des Aufmarsches nach einer
Konfrontation zwischen Linksautonomen und Rechtsextremisten ausgesehen:
Linke hatten ein paar Tage zuvor die Fassaden von Häusern beschmiert,
in denen Neonazis wohnen. Auf einem Mieterparkplatz in Neukölln ging
der Renault Espace eines Neonazis in Flammen auf. Hierzu bekannte sich
die Antifa mit der Parole "Den Nazi-Aufmarsch am 4.12. in Treptow
verhindern!". Auf dem Bahnhof Lichtenberg wurden bei der Anreise
zwei Neonazis von acht Linken mit Knüppeln krankenhausreif geprügelt.
In Reinickendorf verprügelten Neonazis dagegen einige Linke. Zu eskalieren
drohte die Situation am Vorabend, als Mitglieder von PDS, Grünen,
SPD und Jusos in Köpenick Plakate gegen den Naziaufmarsch an Laternen
anbrachten. Minuten, nachdem sie befestigt waren, hatten Rechte sie wieder
abgerissen. Am Bahnhof Köpenick seien Plakatkleber von Neonazis mit
Baseballknüppeln erwartet worden, erzählen die Aktivisten. Polizisten
hätten die Rechten abgedrängt.
Gründe genug also für die Polizei, lieber ein paar Beamte mehr
als zu wenig zu schicken. Allerdings hatten sie es nur mit knapp einhundert
"autonom" gestylten Jugendlichen zu tun, darunter viele alkoholisierte
Punks, die schon etliche Flaschen Sternburg-Pils gekippt hatten. Einige
versuchten sich im Barrikadenbau, indem sie mit Bauzäunen oder alten
Sofas den Naziaufmarsch blockieren wollten. Als einige Punks einen Müllcontainer
anzündeten, löschte eine Frau den Schwelbrand mit einem Eimer
Wasser. Wenig Gefahr für die Demonstrationsfreiheit der Rechtsextremisten
dürfte auch von den genehmigten Gegendemonstrationen ausgegangen
sein, die verschiedene Initiativen mit dem Bezirksbürgermeister an
der Spitze veranstalteten. Die Polizei selbst spricht von 250 Gegendemonstranten.
Ihre Kundgebungen durften nur fernab der Demoroute stattfinden und waren
mit quer gestellten Polizeiwagen abgeschirmt. Dennoch schickte die Einsatzleitung
der Polizei keinen ihrer 1 300 Beamten nach Hause. An der Wendenschloßstraße
schauten Bewohner aus den Fenstern und machten Fotos von dem riesigen
Polizei-Fuhrpark. "Es war skurril", beschreibt ein Mann kopfschüttelnd.
"Erst kam eine Kolonne Polizeiwannen, dann noch eine. Dann kam ein
Räumpanzer und noch eine Kolonne, dann dieses verlorene Häufchen
Neonazis, dann noch eine Kolonne Polizeiwagen." Die Polizei verteidigte
den Aufwand. Auftrag sei es, den störungsfreien Verlauf der Versammlungen
zu gewährleisten - unabhängig von der politischen Meinung.
Fast hätte es so ausgesehen, dass es ein kurzer Neonazi-Aufmarsch
werden würde. Weil drei Teilnehmer eine Goebbels-Parole gebrüllt
hatten, wurden sie von Polizisten festgenommen. Der Versammlungsleiter
der Rechten verkündete: "Wir bleiben hier aus Solidarität
solange stehen, bis unsere Kameraden wieder bei uns sind." Als die
Polizei damit drohte, den Aufzug aufzulösen, gaben die Rechten ihre
"Solidarität" auf. Sie wollten lieber noch einige Stunden
lang beachtet werden.
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06.12.2004
Die Welt
21 Festnahmen bei Demonstrationen
Aufmarsch der Neonazis in Köpenick von Gegenkundgebungen begleitet
Bei einem
von mehreren Protestkundgebungen begleiteten Aufmarsch der Neonazi-Gruppe
"Berliner Alternative Südost" (BASO) hat die Polizei am
Sonnabendnachmittag in Köpenick insgesamt 21 Personen festgenommen.
Etwa 220 Rechtsextremisten zogen fast sechs Stunden vom S-Bahnhof Adlershof
über die Köpenicker Altstadt zum S-Bahnhof Köpenick. An
den insgesamt sechs Gegenkundgebungen entlang der Strecke beteiligten
sich etwa 250 Personen. Die Polizei war mit knapp 1300 Beamten im Einsatz.
Ein Polizeisprecher begründete das starke Aufgebot mit der Anwesenheit
des vorbestraften Neonazis Christian Worch, dessen erscheinen in der Vergangenheit
zumeist zahlreiche Rechtsextremisten mobilisiert hatte. Außerdem
wollte die Polizei, wie der Sprecher weiter sagte, unter allen Umständen
ein Aufeinandertreffen von rechten und linken Demonstranten verhindern.
Dies sei auch am Sonnabend gelungen.
Die 13 Festnahmen aus den Reihen des BASO-Aufzuges erfolgten wegen sogenannter
Propagandadelikte, wie das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger
Organisationen. Acht linke Gegendemonstranten wurden hingegen wegen Verstoßes
gegen das Vermummungsgebot in Gewahrsam genommen. Alle Festgenommenen
wurden nach Beendigung der Kundgebungen wieder auf freien Fuß gesetzt.
Die Rechten forderten bei ihrem Aufmarsch lautstark die Errichtung eines
"nationalen Jugendzentrums" in Treptow-Köpenick. Mit diesem
Anliegen waren sie in der Vergangenheit bereits bei Bezirksbürgermeister
Klaus Ulbricht (SPD) vorstellig geworden.
Der Köpenicker Rathaus-Chef war am Sonnabend einer von 250 Gegendemonstranten,
die unter dem Motto "Vielfalt statt Einfalt" dagegen protestierten,
daß der Bezirk im Südosten immer häufiger zum Aktionsfeld
rechter Gruppen wird. Während der Veranstaltungen kam es in Köpenick
zu zahlreichen Straßensperrungen und Umleitungen.
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06.12.2004
Junge Welt
"Berlin gegen Nazis"
Protest gegen neofaschistische Provokation in Treptow/Köpenick Berlin.
Über 200 Neofaschisten aus dem Spektrum der sogenannten
Freien Kameradschaften
haben am vergangenen Sonnabend im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick
für ein "nationales Jugendzentrum" demonstriert. Sogar
der bundesweit aktive Neonaziführer Christian Worch aus Hamburg war
eigens für den Aufmarsch der extrem Rechten angereist.
Mittlerweile hat bei den politisch Verantwortlichen des Bezirks Treptow-Köpenick,
der als Hochburg der Neonazis gilt, anscheinend ein Umdenken begonnen.
Während die Aktivitäten der örtlichen "Kameradschaft"
in der Vergangenheit eher verharmlost worden waren, riefen Politiker aller
Parteien die Bevölkerung am Sonnabend zu Protesten gegen den Aufmarsch
der Rechtsextremisten auf. Bereits im Vorfeld waren auf der Demonstrationsroute
der Neofaschisten Hunderte von Plakaten mit der Aufschrift "Berlin
gegen Nazis" angebracht worden.
Zudem hatte der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Dr.
Klaus Ulbricht, die Bürger in einem offenen Brief zu "aktiven
und lautstarken" Protesten aufgerufen und gefordert, "den Neonazis
keinen Fußbreit Boden" zu überlassen. Der Aufruf des SPD-Politikers,
dem am Sonnabend mehrere hundert Menschen gefolgt waren, war sowohl von
linken Gruppierungen als auch von den örtlichen Kirchengemeinden
und sogar der CDU unterstützt worden.
Die Polizei, die mit insgesamt 1300 Beamten im Einsatz war, um Zusammenstöße
zwischen Neonazis und Antifaschisten zu verhindern, nahm im Rahmen der
Proteste drei Neofaschisten wegen "Verbreitens von Parolen verfassungswidriger
Organisationen" fest. Auch mehrere Antifaschisten wurden aufgrund
angeblicher Vermummung kurzzeitig in Gewahrsam genommen und erst nach
Ende des Naziaufmarsches wieder freigelassen.
Unterdessen kündigten die Neonazis neue Aktionen an, um ihrer Forderung
nach einem "nationalen Jugendzentrum" weiterhin Gehör zu
verschaffen.
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06.12.2004
Neues Deutschland
Eier, Pfiffe und Klassik gegen Nazis
Protest in Treptow gegen Aufmarsch der Rechtsradikalen / Insgesamt fünf
Festnahmen
Auf 50 gut
bewachte Meter hielt die Polizei am Samstag zu Beginn Neo-Nazis und Gegendemonstranten
auseinander. Dennoch waren, als sich der Zug der knapp 200 Rechten am
Bahnhof Adlershof in Bewegung setzte, "Nazis raus!"-Rufe und
Pfiffe gut zu hören, Protest-Ballons und Plakate wie "Berlin
gegen Nazis" überall an der Strecke zu sehen. Ein breites Bündnis
trat dem Aufmarsch der äußersten Rechten entgegen und brachte
rund 400 Nazi-Gegner aller Generationen auf die Straße, darunter
auch Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD).
Beim Uhrengeschäft in der Dörpfeldstraße gingen die Jalousien
runter, als die Rechten zur Zwischenkundgebung aufmarschierten. Jugendliche
protestierten mit Rock-, eine Seniorenfreizeitstätte mit klassischer
Musik. Weil die Polizei, die mit 1300 Beamten antrat, mehrere Rechte wegen
der Verherrlichung des 3. Reiches und des Tragens von waffenähnlichen
Gegenständen verhaftete, ließen die Veranstalter stundenlang
verharren, um deren Freilassung zu erwirken. Als ein Hagel Eier auf den
Zug niederging, ging die Polizei gegen Gegendemonstranten vor.
Die Neo-Nazis präsentierten sich musikalisch mit Liedern von linken
Bands wie "Ton, Steine, Scherben" und den "Toten Hosen".
Schon seit einigen Jahren kopiert vor allem die Berliner Kameradschaftsszene
linke Ausdrucksformen. Doch sind Symbole, die ausgerechnet das Logo der
Antifaschistischen Aktion variieren, schon sehr weit von traditioneller
rechter Subkultur entfernt. Neben den üblichen Glatzen und Hooligans
prägten Jung-Rechte im HipHop- oder Autonomen-Outfit das Bild des
Aufmarsches.
Doch diese Äußerlichkeiten können nicht darüber hinwegtäuschen,
wes Geistes Kind jene sind, die vorgeblich für die Errichtung eines
Jugendzentrums marschierten. Sie stellen den offen national-sozialistischen
Teil des rechten Lagers in Berlin und Brandenburg dar. Die "Berliner
Alternative Süd-Ost" dient dem Aufmarsch-Anmelder und früheren
NPD-Kader Rene Bethage zum Heranziehen des politischen Nachwuchses. Vor
allem im Bezirk Treptow bindet er so Jugendliche in die Struktur der Kameradschaften
ein. Und mit dem Hamburger Christian Worch fand sich ein altgedienter
Neo-Nazi ein, der schon seit 1974 damit beschäftigt ist, Gruppen
aufzubauen, die regelmäßig verboten werden. Silvia Kurz von
der Treptower Antifagruppe zeigte sich zufrieden, dass wesentlich mehr
Gegendemonstranten auf die Straße gingen als Nazis. Mit Blick auf
ein teilweise rüdes Verhalten der Polizei gegenüber Protestierern
merkte sie an: "Wenn man Nazi-Aufmärsche durchgehen lässt,
muss man auch die Teilnehmer von Gegenkundgebungen durchlassen, anstatt
sie zur Seite zu schubsen und wegzuprügeln." Die Polizei machte
mit der Sperrung der Langen Brücke für Antifas den Zugang zu
Kundgebungen in Köpenick unmöglich. Vier
Demonstranten aus der rechten Szene und einer aus der linken wurden kurz
festgenommen.
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06.12.2004
TAZ
Lautes Pfeifen nutzt nichts gegen 230 Pfeifen
Alles Pfeifen
nutzte nichts. Mit vierstündiger Verspätung durfte der 230-köpfige
braune Mob über die Straßen von Treptow und Köpenick stapfen.
Wenige verbliebene Gegendemonstranten pfiffen laut, als die rechten Kameradschaften
an ihnen vorbeizogen. Sehr bedauerlich die ganze Situation. Denn zwei
Stunden zuvor hieß es unter den zumeist linken Gegendemonstranten,
der Aufmarsch sei abgebrochen worden, weil einige der Neonazis verfassungsfeindliche
Symbole trugen. Viele der 600 Gegendemonstranten machten sich daraufhin
auf den Heimweg. Wenigstens müssen Linke nicht einen weiteren Samstag
opfern. Die Neonazis hatten gedroht, nächste Woche gegen das Verbot
ihrer Demo zu protestieren. Das passiert jetzt nicht. FLEE
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07.12.2004
Neues Deutschland
Nazi-Schläger überfielen PDS-Mann
Berlins Innensenator Körting: Kameradschaften immer
aggressiver
Der 25-jährige
PDS-Bezirksverordnete aus dem Berliner Stadtbezirk Treptow-Köpenick,
Philipp Wohlfeil, ist in der Nacht zum Sonntag von vier Neonazis angegriffen
und verletzt worden, wie erst später bekannt wurde.
Bereits im Laufe des Abends war es mehrfach zu Pöbeleien gegen junge
PDS-Mitglieder gekommen, die sich in der PDS-Geschäftsstelle und
im Lokal des Vereins "Brücke 7" befanden - beide in der
Brückenstraße gelegen. Sie hatten sich zuvor an den Aktionen
gegen den Aufmarsch der Neonazi-Kameradschaften durch den Stadtbezirk
beteiligt. Ein Teil der braunen Marschierer traf sich zur gleichen Zeit
in der nahe gelegenen Kneipe "Haltestelle". Von hier aus gingen
mehrfach Provokationen aus, die von Polizei unterbunden wurden.
Um Mitternacht schloss die "Haltestelle". Die meisten Kameradschafts-Mitglieder
verließen die Kneipe. Ungefähr um 0.30 Uhr wollte Wohlfeil
gemeinsam mit Schwester und Freund am S-Bahnhof Schöneweide in die
Straßenbahn der Linie 27 steigen, als sie von hinten angegriffen
wurden.
"Es ging alles ziemlich schnell", sagte der Jurastudent, der
dem Vorstand der PDS-Jugend Berlin-Brandenburg angehört, gestern
dem ND. Wohlfeil erlitt eine dreifache Fraktur des rechten Mittelfußes,
seine Begleitung Schürfwunden und Blutergüsse. Eine Brille ging
verloren.
Die nach den Pöbeleien anrückende Polizei hätte nach Ansicht
Wohlfeils bis zum endgültigen Abzug der Rechtsextremisten präsent
bleiben müssen. Dass man es nicht tat, sei unverantwortlich gewesen,
so der Bezirksverordnete. Es wurde eine Strafanzeige gestellt. Die Täter
blieben unbekannt, auch wenn man sich ziemlich sicher ist, die Schläger
wiedererkennen zu können. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren
eingeleitet.
Schon im Sommer war am gleichen Ort eine Veranstaltung der PDS von Rechtsextremisten
regelrecht belagert worden. Auch bei diesen Vorfällen hatten die
Kameradschaften das Lokal "Haltestelle" als Stützpunkt
benutzt, erinnert sich Wohlfeil. Verletzte hatte es damals nicht gegeben.
Am Sonnabend hatte es aus dem Nazi-Aufzug heraus Drohungen gegen den Einsatzleiter
der Polizei gegeben, der drei Festnahmen wegen "Mitführens verfassungsfeindlicher
Symbole und Zeichen" angeordnet hatte, wie Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) gestern den Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses informierte.
PDS-MdA Steffen Zillich wies darauf hin, dass schon im Vorfeld des Neonazi-Marsches
Plakate der PDS, des Bezirksamtes und der SPD-Ortsvereine von Kameradschafts-Mitgliedern
heruntergerissen und die Klebetrupps mit Baseballschlägern bedroht
worden waren. Dank gelte den Gegendemonstranten, die sich nicht einschüchtern
ließen. Zillich sprach zugleich davon, dass man es verstärkt
mit bedenklichen Zuständen zu tun habe.
Körting bestätigte, dass die rechtsextreme Szene zunehmend aggressiver
vorgehe. Zudem habe sie ihre Taktiken geändert und benutze beispielsweise
die typische Bekleidung der linken Gruppen. Die Gefahren einer solchen
Entwicklung dürften nicht unterschätzt werden und müssten
im Auge behalten werden, sagte Körting. Das gelte übrigens auch
für den militanten Teil der linken Szene, so der Senator - vorige
Woche war von einer Gruppe "HoHo-Antifa" das Auto eines Neonazis
angezündet worden.
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09.12.2004
Die Welt
Neonazis bedrohen Polizeidirektor. Steckbriefe und Telefonterror
Berlins Rechtsextremisten
bedrohen inzwischen auch Polizisten. Der Leiter der für Marzahn-Hellersdorf,
Lichtenberg und Treptow-Köpenick zuständigen Direktion 6, Michael
Knape, hat gestern dieser Zeitung bestätigt, daß er Drohungen
aus der rechten Szene erhalten habe. Beim Aufzug der Neonazi-Kameradschaft
"Berliner Alternative Südost" am Sonnabend in Köpenick
etwa sei er von Teilnehmern verunglimpft worden. Der Leitende Polizeidirektor
führt seit Jahren viele Einsätze gegen die rechte Szene, weil
in seiner Direktion überproportional viele Neonazis aktiv sind.
"Immer wieder drohen die Rechtsextremisten damit, mich zu Hause aufsuchen
zu wollen. Sie kennen inzwischen meine Privatadresse in Heiligensee",
sagt der 52jährige. Nach dem Aufmarsch am Sonnabend sollen Neonazis
sogar eine Protestaktion vor seinem Haus angemeldet haben. Dies sei jedoch
abgelehnt worden, sagt Michael Knape. Dennoch habe sich die Polizeiführung
für Schutzmaßnahmen entschieden.
"Nachts klingelt immer wieder mein Telefon. Wenn ich den Hörer
abnehme, wird an der anderen Seite aufgelegt", so der Polizeidirektor.
Er lasse sich jedoch nicht von den Rechtsextremisten einschüchtern
und wolle den Druck auf die Szene aufrechterhalten.
"Allerdings belasten diese unverhohlenen Drohungen meine Frau und
meine 17jährige Tochter sehr", sagt er. Ein Grund dafür
sei auch, daß die Neonazis mehrere Steckbriefe an Bäumen seines
Wohngebietes angebracht hatten. "In einer Lichtenberger Wohnung haben
wir 100 solcher Steckbriefe gefunden", so Knape. Zudem habe die rechtsradikale
Band "Spreegeschwader" eine CD produziert, auf der ein Haßlied
gegen den Polizeidirektor zu hören sei.
Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte am Montag im Innenausschuß
des Abgeordnetenhauses deutlich gemacht, daß er die zunehmende Aggressivität
der Rechtsextremisten sehr ernst nehme. Auch die Leiterin des Berliner
Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, hatte gegenüber dieser Zeitung
erklärt, daß in der rechten Szene nicht nur verbal aufgerüstet
werde. "Früher wollten die Rechtsextremisten nicht auffallen
und vermieden jegliche Konfrontation mit Polizisten. Doch bei verschiedenen
Demonstrationen in diesem Jahr wurden auch Polizisten attackiert und sogar
mit Büchsen beworfen", erläutert Michael Knape. "Wir
nehmen das natürlich nicht hin und werden auch weiterhin Veranstaltungen
von Rechtsextremisten auflösen, wenn Straftaten begangen werden",
kündigt er an.
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10.12.2004
TAZ
Neonazis bedrohen Polizeichef
Rechtsextreme Kameradschaften terrorisieren einen Polizeidirektor - bei
Aufmärschen und mit Steckbriefen. Innensenator Körting beobachtet
die persönlichen Anfeindungen mit großer Sorge
Schwarze
Listen mit Namen politisch unliebsamer Gegner sind bei Neonazis seit Jahren
gang und gäbe. Doch nun richtet sich der personifizierte Zorn der
Rechtsextremisten erstmals gegen einen führenden Polizisten. Unter
Beschuss steht der Leiter der Direktion 6, Michael Knape, zuständig
für die Bezirke Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Treptow-Köpenick.
Das Bedrohungsszenario, dem Knape ausgesetzt ist, ist vielfältiger
Natur: Bei einem braunen Aufmarsch am vergangenen Samstag in Treptow-Köpenick
soll der bundesweit bekannte Hamburger Neonazi Christian Worch dem Polizeidirektor
direkt ins Gesicht gesagt haben: Man wisse ja, wo er wohne. So unverhohlen
sei auf einer Versammlung noch nie einem Polizisten gedroht worden, heißt
es aus Polizeikreisen. Organisiert war der Aufmarsch von der "Berliner
Alternative Südost", kurz Baso. Die 20 Mitglieder starke rechtsextreme
Kameradschaft um den ehemaligen NPD-Kader René Bethage macht seit
Monaten mit Aktionen von sich reden.
Die Polizei vermutet, dass auch der anonyme Telefonterror nachts bei Knape
aus dem rechten Kameradschaftsspektrum kommt, ebenso, dass Steckbriefe
in seinem Wohngebiet hängen. Zudem ist eine CD in rechten Kreisen
im Umlauf, auf der ein Hasslied gegen den Polizeidirektor zu hören
ist. Sie wird der rechtsextremen Band "Spreegeschwader" zugeschrieben.
Die Versuche rechter Aufmärsche vor Knapes Wohnhaus in Heiligensee
konnte die Versammlungsbehörde bisher verbieten.
Dass die Neonazis ausgerechnet Knape im Visier haben, ist kein Zufall.
Seit Jahren leitet er Einsätze gegen die rechte Szene, die insbesondere
in Lichtenberg und Treptow-Köpenick besonders aktiv ist. Wie kaum
einer vor ihm hat der 52-Jährige den Rechten den Kampf angesagt -
und er geht nicht zimperlich mit ihnen um. Eine besondere Blöße
mussten sich Neonazis geben, als Polizisten unter Knapes Leitung sie bei
eisigen Temperaturen aufforderten, ihre Hemden auszuziehen, weil sie Kleidung
mit verbotenen Nazi-Logos trugen.
Knape selbst will die persönlichen Angriffe nicht kommentieren. "Die
Drohungen werden uns in keiner Weise abhalten, den Kurs der Polizei fortzusetzen",
sagt Polizeijustiziar Oliver Tölle. Auch Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) steht voll und ganz hinter dem Direktionsleiter. "Wir setzen
alles daran, Herrn Knape zu schützen", sagte Körting. Er
sei sich mit Knape einig, dass man sich dem Druck nicht beugen werde.
Neu sind ihm die personifizierten Anfeindungen nicht. Im Innenausschuss
des Abgeordnetenhauses hatte Körting am Montag deutlich gemacht,
dass er die zunehmend aggressive Haltung von Neonazis gegenüber Polizisten
bereits seit einiger Zeit "sehr ernst" nehme.
Von einer neuen Qualität möchte auch Frank Jansen nicht sprechen,
zuständig für den Bereich Rechtsextremismus beim Tagesspiegel.
Auch er ist schon mehrfach offen bedroht worden. Sein Name steht auf einer
Schwarzen Liste der Neonazis, die im Netz unter einer so genannten Anti-Antifa-Homepage
zu finden ist. In Wellenform habe es Drohungen dieser Art immer wieder
gegeben, erklärt Jansen. Ulli Jentsch vom Antifaschistischen Pressearchiv
(Apabiz) weist darauf hin, dass Ausländer und Punks nicht nur hohlen
Drohungen ausgesetzt seien. Gewalttätige Übergriffe sind längst
Alltag.
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10.12.2004
Morgenpost
"Wir beugen uns nicht dem Druck"
Körting sichert Polizeidirektor Knape Schutz zu
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat gestern gegenüber
dieser Zeitung deutlich gemacht, daß sich die Sicherheitsbehörden
der Hauptstadt nicht von Drohungen aus der rechtsextremen Szene beeindrucken
ließen. Hintergrund: Der Leiter der für Marzahn-Hellersdorf,
Lichtenberg und Treptow-Köpenick zuständigen Polizeidirektion
6, Michael Knape, wird von Neonazis bedroht. Der Leitende Polizeidirektor
leitet regelmäßig Einsätze gegen Rechtsextremisten und
deren Musikbands.
"Die Drohungen gegen Herrn Knape sind uns seit längerem bekannt.
Wir setzen alles daran, ihn zu schützen", sagte der Innensenator.
Wie Michael Knape berichtet hatte, seien in seinem Wohngebiet in Heiligensee
Steckbriefe mit seinem Foto verteilt worden. Zudem hätten vermutlich
Rechtsextremisten immer wieder nachts angerufen und sofort aufgelegt,
wenn der Hörer abgenommen wurde. "Eine Neonazi-Band hatte eine
CD produziert, auf der sich ein Haßlied gegen mich befindet. Vor
wenigen Tagen wollten die Rechtsextremisten sogar vor meinem Haus demonstrieren",
sagte der 52 Jahre alte Polizeiführer.
Er machte zugleich deutlich, daß er sich von den Drohungen nicht
einschüchtern lasse. Innensenator Ehrhart Körting: "Wir
sind uns mit Herrn Knape einig, daß man sich dem Druck der Straße
nicht beugen darf."
Die Chefin des Berliner Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, hatte dieser
Zeitung kürzlich von der neuen Strategie der NPD berichtet. Diese
habe sich wieder für Neonazis geöffnet, um eben den Kampf um
die Straße zu forcieren. So hätten ihre Mitarbeiter beobachtet,
daß die rechte Szene vor allem bei Demonstrationen aggressiver geworden
sei und auch zunehmend Polizisten angreife.
Sicherheitsexperten berichten übereinstimmend, daß die Rechtsextremisten
vor allem bei Aufzügen spezielle Dokumentationstrupps abstellten,
um mißliebige Fahnder, Journalisten und Linke zu filmen. Diese Aufnahmen
fänden sich dann später auf einschlägigen Internetseiten
wieder. Es würden regelrechte Steckbriefe erstellt, in denen auch
zu Gewalt aufgerufen werde, berichtete ein Ermittler.
Nach Angaben aus dem Verfassungsschutz hat das Selbstbewußtsein
der Rechten durch deren Wahlerfolge in Sachsen und Brandenburg deutlich
zugenommen. "Die Szene schreckt auch vor Gewalt nicht mehr zurück.
Bei der Demonstration am 1. Mai haben Rechtsextremisten sogar Polizisten
angegriffen", hatte Innensenator Ehrhart Körting im Innenausschuß
des Abgeordnetenhauses erklärt.
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11.12.2004
Neues Deutschland
Maskerade der braunen Cliquen
Bedrohliche Trends bei virtuellen und ganz irdischen Berliner Kameradschaften
Vermummt und maskiert - ein brauner Schwarzer Block
Aufmärsche nahezu im Monats-Takt, kaum noch Glatzen und Springerstiefel,
dafür Palästinensertücher und Masken, ein Schwarzer Block,
Eifrigkeiten beim Kiezpalaver über Hartz IV und anderweitigen Sozialabbau
- seit etwa zwei Jahren hat sich die bis dahin etwas verlotterte rechtsextremistische
Kameradschafts-Szene Berlins augenfällig gewandelt.
Sechs Kameradschaften oder mehr sind derzeit aktiv, darunter jene namens
"Tor" und "Alternative Südost". Manche Cliquen
und geheimen Bünde gründen sich, um nach wenigen Tagen wieder
spurlos zu verschwinden. Dennoch scheinen neue Führungsköpfe
das gewohnte feindliche Gegeneinander vorerst begraben und das strukturelle
Chaos beendet zu haben.
Alles Tun zielt nach dem Willen und mit dem Segen der NPD auf eine rechte
Volksfront. Um dieses Ansinnens willen stieg ein namhafter Kameradschaftsführer
in den Führungskreis der NPD auf. Und ein Aktionist der Partei begab
sich in die Niederungen des Kameradschafts-Wesens, um Basisarbeit zu leisten.
Bewirkt hat das bislang nichts. Der Verfassungsschutz vermerkte zuletzt
einen geringfügigen Zuwachs an Mitgliedern hier und dort, sagt seine
Berliner Chefin Claudia Schmid. Keineswegs könne dies aber als Trend
gewertet werden. Zahlen erhellen die Dunstkreise der Szene nicht.
Als gravierend erweisen sich taktische Wandelungen. Die Kameradschaften
suchen Akzeptanz, scheinen organisierter, treten aggressiver auf, um sich
zugleich häufiger zu tarnen. Man begibt sich mitten in die Gemengelage
sozialpolitischen und systemkritischen Protestes, streift sich bei Aufmärschen
T-Shirts mit dem Abbild von Che Guevara über. Man kopiert linke Symbolik,
reduziert sie auf Phrasen und macht sie damit unkenntlich, setzt Freiheitskampf
mit dem Kampf um braune Freiräume gleich. Man lockt mit Kneipenabend,
Lagerfeuer und Konzert, bei denen man auch anderes als Nazi-Musik hört
- bis hin zu Hip-Hop.
Nahezu fasziniert schauen die Kameradschaften auf die Mythen um den Schwarzen
Block, den die linke Szene vor allem bei Demos in den 80er Jahren inszeniert
hat. Wie kein anderes Mittel drücke er die Entschlossenheit aus,
im Schutze seitlicher Transparente Ziele "energisch durchzusetzen".
"Spontanität und gemeinsames Auftreten sind das oberste Maß
und bekräftigen die Entschlossenheit", wird in einem innerbraunen
Streitpapier angemerkt. Seit gut einem halben Jahr wird über das
Für und Wider der Blöcke gestritten. Einige Male wurden sie
versucht und wieder abgebrochen. Der bedrohlich wirkende schwarze Aufmarsch
konkurriert mit dem neuen Kurs, auch Leute um sich zu versammeln, die
sonst nicht unbedingt braunen Geistern folgen würden.
Man hofft auf jene "unterirdische Strömung", die der Parteienforscher
Richard Stöss als rechtes Potenzial in der Bevölkerung identifiziert
hat. Und das mache im Ostteil Berlins 12 Prozent aus, im Westteil 8 und
in Brandenburg rund 24 Prozent. Andere Experten gehen von einem lokalen
Gefährdungspotenzial von bis zu 30 Prozent aus.
Gewalt und geistiger Terror gehören bei allem taktischen Geplänkel
weiter zum politischen Handwerk der Cliquen. Bis September wurden 698
Verfahren eingeleitet (im Jahr davor 727), darunter 48 wegen brutaler
Überfälle (54) und 130 wegen antisemitischer Straftaten (96).
Die immer mal durch die Öffentlichkeit geisternden "national
befreiten Zonen" existieren wohl nicht in der Stadt. Aber man kennt
Angstzonen. Bianca Klose, Projektleiterin der "Mobilen Beratung gegen
Rechtsextremismus", beschreibt sie als Orte wie Straßen, Plätze,
Tankstellen, Discos oder Nachtbusse, an denen potenzielle Opfer rechtsextremer
Gewalt wie Migranten, Behinderte oder Autonome Angst spüren, bedroht
oder verletzt zu werden.
Bei den Mühen um Nachwuchs und das Zimmern einer rechten Volksfront
fällt der virtuellen Kameradschaft ein wichtiger Part zu. Ihr obliegt,
vornehmlich Halbwüchsige über das Internet zu ködern, sie
an rechtes Gedankengut heranzuführen, über Aktionen zu informieren.
Die Anti-Antifa stellt Steckbriefe ins Internet, all das, was man über
politische Gegner ausgeforscht hat. Im Visier befinden sich missliebige
Linke, Regionalpolitiker, Journalisten und Polizisten. Dem Simpel der
rechtsextremistischen Szene bleibt faktisch überlassen, ob aus der
Drohkulisse eine tatsächliche Bedrohung wird. Zudem erteilt man guten
Rat für den Fall einer Haft, klärt auf, wie man sich bei Haussuchungen
und Aufmärschen verhält. Man verständigt sich in geschlossenen
Chaträumen. Für den Zugang ist ein Passwort nötig. Man
kennt sich zumeist nicht, begegnet sich einzig und allein im weltweiten
Netz. Gleichwohl vermag es der virtuelle Kontakt nicht, die traditionelle
Clique zu ersetzen, wie Claudia Schmid sagt. Es fehlt die Führerfigur,
auf die man schaut, an der man sich aufrichtet, motiviert. Man will beisammen
sein, miteinander grölen und saufen, etwas unternehmen, möglichst
mit einem Hauch von Abenteuer. Da bleibt die virtuelle Kameradschaft eine
Agitationsplattform, die als zweite Schiene den "Wir-Gedanken"
festigen sowie Selbstwert- und Machtgefühl fördern soll, so
sieht es Schmid.
Die Geheimdienst-Chefin rechnet damit, dass die Szene übers Jahr
intakt bleiben wird. Indizien belegen, dass der Kampf gegen den politischen
Gegner verschärft werden soll. Gewalt-Protagonisten befinden sich
zuhauf in den Cliquen. Und es naht Zuwendung aus dem Umland. Denn der
"Märkische Heimatschutz" hat seine Berliner Sektion aktiviert
und möchte mehr Einfluss in der Hauptstadt erlangen.
Wer finanziert den "Heimatschutz"? Er leidet zwar nicht besonders
unter üppigen Personalressourcen, verfügt aber über satte
finanzielle Möglichkeiten. Kurzfristig tausende Flugblätter
zu drucken, stellt für ihn kein Problem dar. Aus welcher Quelle die
Gelder sprudeln, das will man beim Verfassungsschutz nicht kommentieren.
Unerträglicher
Gedanke
Die Literatur-Nobelpreisträgerin 2004 an den Verein Cöllnische
Heide zum Naziaufzug vom 4. Dezember in Köpenick: Es ist für
mich ein unerträglicher Gedanke, daß in Deutschland wieder
Nazis marschieren dürfen. Als ob sich die Geschichte mit ihren Leichenfingern
aus dem Grab heraus das zurückholen wollte, was man ihr einmal gerade
noch aus den Händen reißen konnte. Das ist wirklich wie ein
Hauch von Tod, denn Faschismus bedeutet ja immer Krieg und Tod. Er ist
etwas Unerträgliches und darf daher auch nicht hingenommen werden,
in welcher Form auch immer er auftritt, dieser Todesfaschismus, er tut
es meist mit schweren Stiefeln. Elfriede Jelinek
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13.12.2004
Tagesspiegel
Rechte Feier gestürmt. Polizei beschlagnahmte "Thor
Steinar"-Kleidung
Die
Polizei hat am Samstagabend eine Weihnachtsfeier von Mitgliedern der rechtsextremen
Szene in Köpenick aufgelöst. Am Ende erhielten die rund 60 Feiernden
einen Platzverweis. 13 Strafverfahren wurden eingeleitet - überwiegend
wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.
Die Beamten fanden Kleidungsstücke mit dem Aufdruck der verbotenen
Marke "Thor Steinar". In einer Schreibmappe lagen Texte mit
rechtsextremistischem Liedgut und Hakenkreuzen. Die "Thor Steinar"-Kleidungsstücke
und die Texte wurden konfisziert, ebenso eine CD mit rechtsextremistischer
Musik.
Die Beamten hatten einen Hinweis, dass in dem Lokal "Spreehexe"
in der Schnellerstraße Getränke ohne Genehmigung ausgeschenkt
werden: Nach Polizeiangaben ist die Kneipe neu und war offiziell noch
nicht eröffnet. Rund 130 Beamte des zuständigen Abschnitts 65
und der Bereitschaftspolizei überprüften daraufhin gegen 22.15
Uhr die Gäste in dem Lokal. Die Polizisten trafen dort auf Mitglieder
der Kameradschaft "Baso", der "Kameradschaft Tor",
der "Mädelgruppe Tor" sowie des "Märkischen Heimatschutzbundes".
Unter den Anwesenden waren auch 14 polizeibekannte "Lokalgrößen",
darunter der Chef der "Baso", René B., sowie Daniel M.
von der "Kameradschaft Tor" und weitere Szenegrößen
wie Ian B., Sebastian D. und Marco O.
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13.12.2004
TAZ
Rechte saufen ohne Lizenz ab
Bei der Überprüfung der Schanklizenz einer Köpenicker
Kneipe stößt die Polizei auf eine Feier von Neonazis. "Bauarbeiter"
und Antifa liefern sich am Vortag eine Straßenschlacht in Friedrichshain
Mit 130 Mann
überprüfte die Polizei in der Nacht zum Sonntag die Schankgenehmigung
einer Kneipe in der Schnellerstraße in Köpenick. Und freute
sich anschließend über einen großen Fang: "Wir sind
schon zufrieden", sagte ein Polizeisprecher gegenüber der taz.
Denn in dem Lokal wurden nicht nur ohne Lizenz Getränke ausgeschenkt:
64 Mitglieder verschiedener Berliner Neonazi-Organisationen feierten in
der Kneipe eine heimliche Party. Darunter Björn Wild und Daniel Meinel
von der Kameradschaft Tor und Sebastian Dahl, der der Berliner Alternative
Südost, kurz Baso, zugeordnet wird. Außerdem feierten Mitglieder
der Mädelgruppe Tor und des Märkischen Heimatschutzbundes in
dem Lokal.
Insgesamt leitete die Polizei 13 Strafverfahren ein. Auch wegen der fehlenden
Schanklizenz, aber überwiegend wegen Tragens von Kleidungsstücken
des verbotenen Lables "Thor Steinar" und des Verwendens von
Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. In einer Schreibmappe
fand die Polizei außerdem Blätter mit Nazi-Liedern und Hakenkreuzen.
Gegen den Besitzer wurde Anzeige wegen der Verbreitung von Propagandamitteln
erstattet. Die Mappe und eine CD mit rechtsextremistischer Musik wurden
beschlagnahmt, und das Lokal wurde wegen Fehlens der Schankgenehmigung
geschlossen.
"Die Aktion zeigt, dass wir uns von solchen Sachen nicht beeindrucken
lassen", sagte der Polizeisprecher. Mit "solchen Sachen"
sind besonders die Drohungen aus der rechten Szene gegen den Leiter der
Polizeidirektion 6, Michael Knape, gemeint (taz berichtete). Vor allem
die Baso wird verdächtigt, in letzter Zeit Knape mit Telefonanrufen
terrorisiert und Steckbriefe in seinem Wohngebiet aufgehängt zu haben.
Auch der Neonazi-Aufmarsch am Samstag vor einer Woche wurde von der Baso
organisiert.
Eine weitere Party am vergangen Wochenende sorgte unterdessen für
Verwirrung. Laut Polizei haben am Freitagabend mehrere vermummte Personen
die Fensterscheibe der Cocktailbar Morrison in Friedrichshain eingeworfen,
weil sie die Weihnachtsfeier einer Friedrichshainer Baufirma für
eine Nazi-Party hielten. Rund 30 Bauarbeiter hätten in der Kneipe
friedlich gefeiert, sagte eine Morrison-Angestellte der taz. "Das
war eine ganz harmlose Weihnachtsfeier. Die Jungs haben getrunken und
Spaß gehabt." Um Nazis habe es sich ganz sicher nicht gehandelt.
Aus Antifa-Kreisen war jedoch zu hören, dass es sich bei der Weihnachtsfeier
ganz eindeutig um ein Nazi-Treffen gehandelt habe. So sollen Gäste
der Feier auf der Straße laut "Sieg Heil!" und "Holt
euch die linken Schweine!" gerufen haben. Ein Polizeisprecher betonte
hingegen, dass es keinerlei Anzeichen für eine Neonazi-Veranstaltung
gegeben habe.
Konfliktscheu scheinen die Bauarbeiter auf jeden Fall nicht gewesen zu
sein. Nachdem die Scheibe eingeworfen wurde, sollen sich laut Polizei
gleich "mehrere Dutzend" der Partygäste eine Straßenschlacht
mir rund 50 Vermummten geliefert haben. Auf den Internetseiten des alternativen
Netzwerks Indymedia heißt es, unter den Bauarbeitern sei unter anderem
ein Mitglied der rechtsextremen Kameradschaft Tor gewesen. "Angenommen,
es war tatsächlich die Feier einer Baufirma, dann scheint das eine
Firma zu sein, die nur Nazis beschäftigt", heißt es bei
Indymedia.
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15.12.2004
Berliner Zeitung
Hatz auf einen Polizeiführer
Michael Knape verfolgt Rechtsextremisten / Jetzt wollen sie vor seinem
Haus demonstrieren / Großrazzia gegen CD-Hersteller
Ein hoher
Berliner Polizeiführer ist in das Visier von Neonazis geraten. Am
kommenden Sonntag wollen sie vor der Privatwohnung des Leitenden Polizeidirektors
Michael Knape in Heiligensee demonstrieren. Das Thema der Demonstration
lautet "Polizeiwillkür stoppen - Jugend braucht Perspektiven
- Für ein neues Jugendzentrum." Die Anmeldung werde gerade geprüft,
sagte gestern ein Polizeisprecher. Für Knape ist klar: Mit der geplanten
Demo vor seiner Haustür hätten die Angriffe auf ihn eine neue
Qualität erreicht. "Ich lasse mich von Neonazis aber nicht einschüchtern",
sagt er. "Als Polizeibeamter ist man gewöhnt, mit Gefahren umzugehen."
Der 52-Jährige verfolgt intensiv neonazistische Umtriebe. Es gibt
kaum ein Nazi-Treffen, das von Knapes Beamten nicht gestört wird.
Die Gruppierung "Vandalen" etwa plant die Polizei-Razzia bei
ihren Jahrestreffen als festen Programmpunkt ein. Innerhalb der vergangenen
Jahre avancierte Knape so zum Lieblingsfeind der Rechtsextremisten. Im
Sommer hefteten Unbekannte in seiner Wohngegend in Heiligensee Aufkleber
an Laternenmasten, die sein Foto zeigen und den Aufdruck "Jäger
kommen und gehen". Knape berichtet von nächtlichem Telefonterror
unbekannter Anrufer. Als er und seine Leute am 6. November eine Party
der Hammer-Skins in Friedrichshain stürmten, sei er von einem Teilnehmer
angepöbelt worden, dass man sich demnächst im Supermarkt sehe,
berichtet der Polizist. Wo die Neonazis ihn einstufen, das wurde auch
an Sprüchen deutlich, die am Rande einer Demonstration am 4. Dezember
in Adlershof fielen. "Er muss dem Antifa-Netzwerk zugeordnet werden",
hieß es unter anderem.
Inzwischen wird der Polizeiführer auch besungen. Als "Nazijäger
Nummer Eins, Albtraum der rechten Szene" und "Sherlok Holmes
von Groß Berlin" wird er auf einer im August erschienenen CD
verspottet. Die Scheibe wurde für ein Label namens "Panzerbär-Records"
hergestellt. Auf ihr befinden sich laut Werbung Lieder "der bekanntesten
Bands der Reichshauptstadt", etwa von "Spreegeschwader",
"Legion of Thor" oder dem Ex-Sänger der wegen Volksverhetzung
verurteilten und verbotenen "Landser", Michael Regener.
Gestern schlug die Polizei zu: Sie durchsuchte mindestens 14 Wohnungen
und Geschäftsräume mutmaßlicher Rechtsextremisten, die
die CD produziert und vertrieben haben sollen. Durchsucht wurden auch
Objekte in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Den Anlass lieferten nicht
etwa die Anfeindungen gegen Knape, sondern die Urheberrechtsgesellschaft
Gema, die auf der CD bei drei Titeln Verstöße gegen das Urheberrecht
entdeckt hat. Die Polizisten beschlagnahmten hunderte Tonträger.
Sie nahmen bei der Gelegenheit auch andere CDs mit, etwa "White covers
to Landser". Auf dieser Scheibe sind Bands zu hören, die die
volksverhetzenden Titel der Landser nachspielen, zum Beispiel "Spreegeschwader"
mit "Berlin bleibt deutsch" ("Braune Kolonnen in loderndem
Schein, genauso wird's bald wieder sein"...).
Der Probenraum von "Spreegeschwader" wurde ebenfalls durchsucht.
Er befindet sich an einem Ort, an dem man Neonazis kaum vermuten würde:
mitten im ausländerreichen Wedding, in einem Gewerbehof an der Drontheimer
Straße. Die Nazi-Kapelle hat sich in einem Keller eingerichtet:
Die Decke ist mit einem Armee-Tarnnetz verhängt, die Wände sind
mit Runen und Postern von Bands wie Slayer und Motörhead verziert.
Die meisten Nachbarn sind ahnungslos. In dem Haus befindet sich außerdem
ein Möbellager, eine Firma für Unterrichtsmedien und ein Verein
zur Förderung von Bildung und Kultur.
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16.12.2004
Tagesspiegel
Nazi-Demo vor Haus eines Polizeidirektors wird verboten
Rechtsextremisten wollten in Heiligensee aufmarschieren. Staatsschutz
sieht Grenzen des Versammlungsrechts überschritten
Eine von
Neonazis für Sonntag geplante Demonstration vor der Wohnung des Leitenden
Polizeidirektors Michael Knape wird verboten. Die Rechtsextremisten wollten
mit dem Aufmarsch in Heiligensee "psychischen Zwang" auf den
Chef der Direktion 6 ausüben, hieß es gestern in Sicherheitskreisen.
"Eine Drohkulisse", sagte Klaus Gäth vom Staatsschutz,
"weit entfernt von einer friedlichen Demonstration". Damit seien
die Grenzen des Versammlungsrechts überschritten. Als Bestätigung
für den Verbotskurs sei auch die Weigerung des Anmelders anzusehen,
an einem anderen Ort in Berlin zu demonstrieren. Dies belege, dass der
Knape eingeschüchtert werden soll, sagte ein Sicherheitsexperte.
Der Anmelder der Demonstration, der Szene-Anführer René Bethage,
hat nach Informationen des Tagesspiegels der Polizei für den Fall
eines Verbots eine Klage durch alle Instanzen angekündigt. "Die
wollen mit aller Macht in meinem Wohnbereich Heiligensee demonstrieren",
sagte Knape.
Bethage, dominierende Figur in der Neonazi-Kameradschaft "Berliner
Alternative Südost" (Baso), will in Heiligensee mit etwa 100
Neonazis unter dem Motto "Polizeiwillkür stoppen - Jugend braucht
Perspektiven - Für ein neues Jugendzentrum" auftreten. Als Redner
hat Bethage sich selbst, den Hamburger Neonazi-Anführer Christian
Worch und Gordon Reinholz von der Brandenburger Kameradschaft "Märkischer
Heimatschutz" angekündigt. Worch hatte am 4. Dezember an einem
ebenfalls von Bethage angemeldeten Aufmarsch durch Köpenick teilgenommen,
bei dem die Neonazis wie schon häufig mit Knape aneinander gerieten.
Der Polizeidirektor ließ drei Rechtsextremisten vorläufig festnehmen.
Sie hatten ein Zitat aus der 1943 von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels
gehaltenen Rede im Sportpalast skandiert.
"Die Stimmung in der rechten Szene wird ruppiger", bilanzierte
Knape gestern. Tags zuvor waren bei einer Razzia gegen die Band Spreegeschwader
2000 CDs sichergestellt worden, unter anderem ein Sampler "Hier tobt
der Bär". Auf dem Cover dieser Text: "Gruß und Dank
an den Berliner Staatsschutz und ganz besonders an Herrn Polizeidirektor
Professor Knape für die Inspiration" - und dann die unverhohlene
Drohung "Man sieht sich!" Seit Jahren macht sich der 53-Jährige
durch sein hartes Vorgehen in der rechten Szene unbeliebt, Dutzende Feiern
von Kameradschaften und Skinheads wurden aufgelöst, zuletzt am Sonnabend
eine "Weihnachtsfeier einiger Kameradschaften". Mit dabei: René
Bethage. Wegen der Erfolge der Polizei sind die Angriffe der Neonazis
gegen Knape in jüngster Zeit schärfer und persönlicher
geworden. So wurde der Leiter der Direktion 6 bei der letzten Demo der
Baso Anfang Dezember vom Hamburger Neonazi Christian Worch mehrfach persönlich
per Lautsprecher angesprochen und verhöhnt. Knape selbst sagte gestern,
dass der Kampf gegen Rechtsextremisten "nicht mein Hobby ist. In
Kreuzberg oder Neukölln würde ich genau so hart gegen Drogenhändler
vorgehen."
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16.12.2004
TAZ
Polizei tritt Rechten auf die Füße
Rechte Kameradschaften sind nach Einschätzung von Verfassungsschutz
und Polizei deutlich im Aufwind. Auftreten immer aggressiver. Demonstration
vor dem Haus des Polizeidirektors verboten
Noch hält
sich der Verfassungsschutz mit Zahlenangaben zurück. Aber der Trend
ist eindeutig. "Es gibt eine deutliche Steigerung, was die Mitgliedschaft
und das Mobilisierungspotenzial in der Kameradschaftsszene angeht",
sagte der Sprecher des Verfassungsschutzes, Claus Guggenberger, zur taz.
Nach Einschätzung von Polizei und Staatsschutz haben die Rechtsextremen
nicht nur mehr Zulauf, sondern werden auch aggressiver.
Dass die Kameradschaft "Berliner Alternative Südost", kurz
Baso genannt, für kommenden Sonntag vor dem Wohnhaus des Leitenden
Polizeidirektors Michael Knape in Heiligenseee eine Demonstration angemeldet
hat, passt in das Bild. Die Demonstration wurde gestern von der Versammlungsbehörde
mit der Begründung verboten, damit werde psychischer Druck auf den
Polizeidirektor ausgeübt.
"Polizeiwillkür stoppen - Jugend braucht Perspektiven - Für
ein neues Jugendzentrum" - so das Motto der geplatzten Versammlung.
Sie ist nicht die erste Aktion aus dem Neonazi-Spektrum gegen Knape. Eine
Steckbriefaktion in dessen Wohnumfeld gehört ebenso dazu wie nächtlicher
Telefonterror. Der 52-jährige Polizeidirektor, der die Direktion
6 mit den dazugehörigen Bezirken Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg
und Treptow-Köpenick mit einem überproportional hohen Anteil
von Anhängern der rechten Szene leitet, ist bei den Kameraden wegen
seines entschiedenen Vorgehens verhasst. "Sie loten hammerhart aus,
wie weit sie gehen können", sagte Knape gestern auf einer Jahresbilanz-Pressekonferenz
der Direktion 6 und meinte damit längst nicht nur seinen eigenen
Fall. Zwölf rechte Aufzüge haben in diesem Jahr im Bereich der
Direktion 6 stattgefunden. Vor allem die Kameradschaften Thor und Baso
melden in letzter Zeit vermehrt Demonstrationen an. Mit Forderungen wie
der nach einem "freien Jugendzentrum" würden ganz gezielt
soziale Themen besetzt und Kinder agitiert, sagte gestern der Kripo-Chef
der Direktion 6, Michael Klös. Als Beispiel nannte er das kostenlose
Verteilen von CDs auf Schulhöfen und Abenteuerfahrten nach Brandenburg.
Auch das Verhalten der Rechten gegenüber der Polizei habe sich verändert,
heißt es. Während die Klientel früher "relativ unproblematisch"
war, werde jetzt zunehmend ganz gezielt die Konfrontation gesucht. Was
Outfit und Auftreten angehe, glichen sich die Rechtsextremisten immer
mehr der linken Szene an und näherten sich auch bewusst deren Hochburgen.
Ein Beispiel: Am 4. November feierten rund 80 Anhänger der Hammerskins
- "die Hardcore-Szene" - in Friedrichshain und hörten laut
Knape verbotene Tonträger und ließen "dabei noch nicht
mal die Rollos runter". Aber "schon um 20 Uhr" habe die
Polizei das Treffen aufgelöst.
Im Rahmen des geltenden Rechts sei auch in Zukunft kein Treffen der Rechten
ohne Polizei denkbar, betonte Knape. Er führe keinen persönlichen
Kriegszug gegen die rechte Szene, sondern tue seine Pflicht als Leiter
der größten Berliner Direktion. In seinem Zuständigkeitsbereich
gebe es nun mal mehr Anhänger der rechten Szene als in der übrigen
Stadt. In den letzten Tagen habe er vermehrt Anrufe mit dem Tenor erhalten:
"Nicht unterkriegen lassen. Weitermachen!"
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16.12.2004
Neues Deutschland
Aufmarsch-Verbot für braune Szene
Kameradschaften bedrohen Direktions-Chef der Polizei/Nazi-Gruppen zunehmend
aggressiver
Ein Aufzug, den die braune Szene für den kommenden Sonntag angesagt
hatte, wird mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit "wegen seiner zu erwartenden
Unfriedlichkeit" von der Versammlungsbehörde verboten. Dies
kündigte gestern auf Nachfrage des ND ein ranghoher Beamter aus dem
Landeskriminalamt an. Nazi-Kameradschaften wollten unter dem Motto "Polizeiwillkür
stoppen - Jugend braucht Perspektiven - Für ein neues Jugendzentrum"
durch Heiligensee marschieren.
Der Aufmarsch sollte zur Privatwohnung von Michael Knape, Chef der Polizeidirektion
6, führen. In seiner Verantwortung waren in den zurückliegenden
zwölf Monaten Veranstaltungen diverser Nazi-Cliquen aufgelöst
worden, darunter solche der Hammerskins, der Kameradschaften und der Vandalen.
Deren Treffs, Aktionsräume und oftmals auch Wohnsitze befinden sich
im Bereich dieser Ostdirektion der Polizei.
Am Montag gab es beispielsweise eine Haussuchung bei einer Band, die eine
Hass-CD produziert und versucht hatte, sie zu vermarkten. 2000 dieser
CD wurden beschlagnahmt. In der vorigen Woche hatte eine Kameradschafts-Weihnachtsfeier
mit gut 60 Personen im "Grenzraum" zum vornehmlich links geprägten
Ortsteil Friedrichshain Polizeibesuch. Es habe sich bei der Feier ganz
offenbar um eine bewusste Provokation gehandelt, sagte Knape, dessen Direktion
für die Sicherheit in Lichtenberg, Treptow-Köpenick und Marzahn-Hellersdorf
zuständig ist.
Bei der Versammlungsbehörde geht man davon aus, dass der Heiligensee-Aufzug
zumindest eine psychische Drohung gegen den Polizeiführer darstellt.
Damit würden die Freiheiten des Versammlungsrechts deutlich überschritten,
so der LKA-Beamte. Allerdings rechnet man bei der Versammlungsbehörde
mit einem juristischen Streit. Neonazi René B., der in der Kameradschaft
"Berliner Alternative Südost" das Sagen und den Aufmarsch
angemeldet hat, lehnte bisher alle Alternativen ab, die ihm von der Polizei
freigestellt wurden. Dabei handelt es sich dem Vernehmen nach um andere
Örtlichkeiten bzw. einen mindestens 200-Meter-Abstand zum Knapeschen
Wohnsitz.
Der Direktions-Chef wird bereits seit längerer Zeit von der braunen
Szene belästigt. Man befestigte z.B. Steckbriefe mit dem Konterfei
Knapes an Bäume in seinem Wohnumfeld. Auch häufen sich vor allem
nachts bedrohliche Anrufe.
Knape zeigt sich von alldem allerdings wenig beeindruckt, wie er sagt,
vermerkt allerdings, dass die braunen Cliquen in letzter Zeit "zunehmend
ihre Aktivitäten gesteigert haben sowie ruppiger, aggressiver vorgehen".
Auch die verbalen Angriffe gegen ihn selbst seien ein Beleg dafür.
Bei den Kameradschaften gelte Berlin als "Reichshauptstadt",
von der sie förmlich angezogen würden und die es zu verteidigen
gelte. Die vermehrte Gewaltbereitschaft hänge auch damit zusammen,
so Knape. Hinzu käme ein steter polizeilicher Druck, der die Szene
im Direktionsbereich verunsichere.
Um besser auf Nazi-Aktionen reagieren zu können, hat die Polizei
eingangs des Jahres in der Direktion 6 eine "Informationssammelstelle-rechts"
(ISA-rechts) eingerichtet. Sie ermittelt nicht, pflegt aber einen Info-Austausch
mit der zuständigen Abteilung im Landeskriminalamt, was zu zeitnahen
Erkenntnissen über die Szene führt. Zudem werden Nazi-Aktionen
analysiert und bewertet.
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18.12.2004
Tagesspiegel
Rechte Demo gegen Polizeidirektor bleibt verboten
Verwaltungsgericht: Privatsphäre des Beamten sollte verletzt werden
- das ist nicht zulässig
Das Verwaltungsgericht
hat gestern das von der Polizei erlassene Verbot einer rechtsextremistischen
Demonstration vor dem Haus des Polizeidirektors Michael Knape bestätigt.
Das Ziel der Demonstration sei reine Einschüchterung des in der rechten
Szene wegen seines harten Vorgehens verhassten Beamten, urteilten die
Richter. Auf dem von dem bekannten Rechtsextremisten René Bethage
für Sonntagnachmittag in Heiligensee angemeldeten Marsch solle Knape
"an den Pranger gestellt werden", hieß es im Urteil weiter.
Wer "gegen Polizeiwillkür" demonstrieren wolle, könne
dies vor dem Dienstsitz des Direktionsleiters - aber nicht vor dessen
Privathaus. Bethage wollte mit rund 100 Gesinnungsgenossen fünf Stunden
lang durch Heiligensee marschieren, dabei sollte Knapes Haus geradezu
umzingelt werden. Verhandlungen mit der Versammlungsbehörde waren
gescheitert, "denn Bethage habe darauf beharrt, bis in Rufweite des
Hauses zu kommen". Auch das sei ein Indiz dafür, dass die Privatsphäre
des Beamten bewusst verletzt werden sollte, hieß es.
Die Rechtsextremisten sollten sich nicht über das Urteil beklagen,
hieß es bei der Polizei: Mit dem gleichen Tenor hatte das Gericht
1994 eine von der linken Szene angemeldete Demo vor dem Weddinger Haus
des Neonazis Arnulf Priem verboten, sagte ein Beamter.
René Bethage ist führender Kopf der extremistischen Kameradschaft
"Berliner Alternative Südost" (Baso). Er hat zuvor angekündigt,
durch alle Instanzen gegen das Verbot klagen zu wollen.
Die Baso hatte Knape in den vergangenen Monaten auf mehreren Demonstrationen
beschimpft, mehrfach gab es persönliche Angriffe und Beleidigungen
über Lautsprecher. Zuletzt war eine Musik-CD der braunen Szene aufgetaucht
mit der explizit gegen Knape gerichteten Drohung "Man sieht sich!"
auf dem Cover. Ha
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22.12.2004
Junge Welt
Getarnte "Kameraden"
Neonazis versuchen in Berlin, verstärkt in Schulen und Jugendklubs
Fuß zu fassen. Dabei scheinen Springerstiefel und Bomberjacke eher
hinderlich zu sein
Rechte Schmierereien, rassistische und antisemitische Sprüche, Ausgrenzen
von Minderheiten, Neonaziklamotten sind Erscheinungen, wie sie täglich
an deutschen Schulen zu beobachten sind. Einem Beitrag des Deutschlandfunkes
vom vergangenen Donnerstag zufolge sind neofaschistische Positionen gerade
an Berlins Schulen und in Jugendeinrichtungen auf dem Vormarsch.
junge Welt fragte an zwanzig Berliner Schulen, ob rechte Vorfälle
verglichen mit den Vorjahren zugenommen hätten. Neun Einrichtungen
bestätigten das, vier sprachen von einem gleichen Niveau, sieben
gaben keine Auskunft. Deutlich wird ein unterschiedliches Problembewußtsein.
Vorfälle mit rechtsextremen Hintergrund werden aus Angst um den Ruf
der Schule mitunter gedeckelt oder durch das Leugnen des politischen Hintergrundes
verharmlost. Der rassistisch motivierte Übergriff ist dann schnell
eine typische Prügelei unter Jugendlichen. Ein gesprühtes Hakenkreuz
an der Schulmauer fällt unter normales Graffito.
Aber, es gibt auch andere Möglichkeiten: das Problematisieren des
Neofaschismus bei Projekttagen, Ausflüge zu Orten deutscher Naziverbrechen,
schulexterne Projekte wie die Pflege von Orten der Erinnerung oder das
Betreuen von Menschen in Flüchtlingsheimen sind Beispiele für
einen ernsthaften Umgang mit dem Problem.
Ein Sprecher des Berliner "Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum"
(apabiz) sieht in der Jugendarbeit der Neonazis bundesweit eine besorgniserregende
Entwicklung. Beispielhaft für das Bemühen der Rechten sei die
in fünfstelliger Zahl gepreßte CD mit neofaschistischer Musik,
die trotz Verbots und teilweiser Beschlagnahmung in der Szene Verbreitung
findet, so der apabiz-Sprecher. Auch die Kampagne Berliner Neofaschisten
für ein "Nationales Jugendzentrum" weist in diese Richtung.
So trugen Neofaschisten Anfang Dezember bei einem Aufmarsch im südöstlichen
Bezirk Treptow-Köpenick Transparente mit Slogans wie "Jugend
braucht Perspektiven" und "für eine revolutionäre
Jugendbewegung" durch die Straßen. Die Teilnehmer des Aufzuges
waren zumeist Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren. Offensichlich wurde
an diesem Tag, daß das althergebrachte Klischee vom Glatzkopf mit
Bomberjacke und Springerstiefeln nicht mehr stimmt. Überwiegend präsent
waren Neofaschisten im Autonomen-Look, teils sogar mit Palituch und Che-T-Shirt.
Daß Neonazis in Schulen und in der Öffentlichkeit immer verdeckter
auftreten, beobachtet auch Timm Köhler von der Mobilen Beratung gegen
Rechtsextremismus (MBR): "Staatliche und gesellschaftliche Repression
hat zu starken Veränderungen im rechtsextremen Lifestyle geführt",
sagt Köhler gegenüber junge Welt. "Die Neonazis agieren
heute verdeckter und kleiden sich unauffällig", seine Beobachtung.
Matthias Adrian von Exit schätzte im jW-Gespräch ein, daß
rechte Musik und entsprechende Lifestyleartikel nicht zu unterschätzen
seien. So vorbereitete Jugendliche der rechten Subkultur müßten
häufig nur noch von organisierten Neonazis abgeholt und in Gruppen
integriert werden. Adrian selbst war in rechten Organisationen wie der
NPD und deren Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten"
aktiv. Seit seinem Ausstieg vor vier Jahren arbeitet er auch im Schulbereich
an Projekten gegen Rechtsextremismus.
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