| |
Pressearbeit
Im folgenden sind die Presseartikel dokumentiert, die sich mit Nazis
in Treptow beschäftigen bzw. Reaktionen auf Pressemitteilungen der
Treptower Antifa Gruppe beinhalten.
1997 1998
1999 2000 2001
2002 2003 2004
2005 2006

2003
Skinheads machen erneut Jagd auf ausländische
Jugendliche >
Tagesspiegel
15.04.2003
NPD baut Schlägertrupps als Nachwuchs auf
> Neues Deutschland 8.7.2003
Kein
Forum für Nazis in Berlin-Treptow > Juni - August 2003 Unser
Blatt, Nr. 25
Fight
Back: Rechtsmilitante Cliquen prägen braune Szene > Neues
Deutschland 3.8.03
Heimatpfleger > Junge Welt 04.08.03
NPD will büffeln > taz Berlin 7.8.2003
Notwehr "niederer Beweggrund"
>
07.08.2003 Junge Welt
Kein "niederer Beweggrund" > 11.08.2003
Junge Welt
Haftbestätigung für Christian J. > 12.08.2003
Junge Welt
Empörung über Urteil gegen Journalisten >
12.08.2003 Junge Welt
Köpenickiade
um linkes Open-Air-Fest >
taz
Berlin 20.8.2003
Gericht verbietet Fest im Park > 21.08.2003
Berliner Zeitung
Linkes Festival in der Parkaue
>
22.
08.2003 Berliner Zeitung
Wie versichert man sich gegen Neonazis? > Neues Deutschland
19.09.03
Polizei sprengte Nazi-Party > Tagesspiegel 22.9.03
Antifa-Gruppe rüffelt Körting > 16.9.2003
taz Berlin
Innensenator nimmt doch an Diskussion tei > 18.09.2003
Berliner Morgenpost
Auf Keller-Niveau > 19.09.2003 Tagesspiegel
Körting will drüber reden > 19.9.2003 taz
Berlin
"Man braucht einen langen Atem" > 19.9.2003
taz Berlin
Spezialeinsatzkommando beendete Fest der „Vandalen“
sehr schnell. > 24.09.2003 Tagesspiegel
Rechte wussten offenbar von geplanter Razzia > 24.09.2003
Berliner Zeitung
Flexibles Demokratieverständnis > 24.09.2003
Junge Welt
Leserinnenbriefe zum taz Artikel "Körting will
drüber reden" > taz Berlin 23.9.2003
Konzept zu vage
>
30.9.2003 Morgenpost
Aufmarsch in Halbe untersagt > Berliner Zeitung 05.11.2003
Polizei verbietet Aufmarsch auf Soldatenfriedhof >
Berliner Zeitung, 07.11.2003
Neonazi-Demo von Rudow nach Schöneweide > 11.
11.2003 Berliner Zeitung
Volkstrauertag: Nazis gedenken ihrer "Helden"
> Neues Deutschland 17.11.03
Schönbohm will braunem Spuk ein Ende bereiten >
Berliner Zeitung 17.11.03
PDS-Protest gegen NPD-"Freiräume" >
Neues Deutschland 18.11.2003
Keine
Heldenverehrung
>
19.11.2003 Junge Welt
Der
NPD laufen die Mitglieder weg > Berliner Zeitung 20.11.2003
Polizei schließt in Johannistal Neonazi-Club >
Berliner Zeitung 24.11.03
Körting rechnet nicht mit Gewalt bei Neonazi-Demo am
Samstag > Tagesspiegel 3.12.2003
Man spricht deutsch - sicherheitshalber > Tagesspiegel
3.12.2003
Razzien und Abschreckung gegen Rechtsradikale > Morgenpost
3.12.2003
Rechte
Gewalt: Zahl der Delikte drastisch gestiegen > Morgenpost 3.12.2003
Elterninitiative: "Wir haben die Schnauze voll"
> Tagesspiegel, 3.12.03
Neonazis schlagen öfter zu > Berliner Zeitung,
04.12.2003
Rechte Szene im Aufwind > Taz 4.12.2003
Kameradschaften erstarken > Berliner Morgenpost,
4.12.03
Rechte Bildungsoffensive > Tagesspiegel, 4. 12. 2003
Neue Kameradschaften und wieder mehr rechte Gewalt >
Tagesspiegel, 4. 12. 2003
Neuer Zulauf für die Kameradschafts-Szene >
Neues Deutschland 04.12.2003
Von Anwohnern gefürchtet, von der Polizei geduldet
> Tagesspiegel 5.12.2003
1000 Polizisten sichern Neonazi-Demo > Tagesspiegel
5.12.2003
Widerstand gegen rechte Demo formiert sich > Morgenpost
5.12.2003
Besorgte Eltern gründen Initiative in Rudow >
Morgenpost 5.12.2003
Viele Antifa-Aktionen gegen Kameradschaften-Marsch >
Neues Deutschland 05.12.03
Rudower gegen Nazi-Aufmarsch > Tagesspiegel 06.12.2003
Neonazi-Aufmarsch in Berlin - Keine größeren
Störungen > RBB-Nachrichten 06.12.2003
Berliner stellen sich Nazi-Demo entgegen > Berliner
Morgenpost 07. 12. 2003
Neonazis blieben in Rudow eine Minderheit > Tagesspiegel
07.12.2003
Neonazis mit roten Fahnen > 8.12 Berliner Zeitung
Harte Hand gegen Antifas > Taz 8.12.03
Aktionen gegen Neonazis > Junge Welt 08.12.2003
Händler kritisieren Straßensperrung >
Berliner Zeitung, 9.12.03
Kampf um neues Jugendzentrum > Neues Deutschland
22.12.03
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel
15.04.2003
Skinheads
machen erneut Jagd auf ausländische Jugendliche
Am Sonntagabend schlugen Rechte am S-Bahnhof Schöneweide zu
Nicht nur
am U-Bahnhof Rudow kommt es regelmäßig zu Gewalt zwischen Skinheads
und Ausländern, auch am S-Bahnhof Schöneweide prügeln sich
die verfeindeten Jugendgruppen. Am Sonntagabend um 20.10 Uhr griffen etwa
20 rechte Skinheads eine Gruppe von zehn türkischen und jugoslawischen
Jugendlichen auf dem Vorplatz ohne ersichtlichen Grund an. Die Skins waren
mit abgebrochenen Flaschenhälsen bewaffnet. Die Türken flüchteten,
wurden aber eingeholt und von den Rechten geschlagen, teilweise verlagerten
sich die Auseinandersetzungen in die umliegenden Straßen. Die Lage
war um 21.40 Uhr unter Kontrolle. Die Polizei fertigte vier Anzeigen wegen
Körperverletzung und eine wegen Widerstandes gegen Polizeibeamte
an. Zwei rechte Jugendliche wurden festgenommen und zu einer Blutprobe
gebracht. In beiden Gruppen waren nach Angaben der Polizei auch Mädchen.
Drei rechte Jugendliche haben eine 14-jährige Deutsche als Ausländerin
beschimpft und geschlagen.
Die Massenschlägerei soll nicht die Rache für die Prügelei
zwischen Türken und Rechten am Freitag vorvergangener Woche gewesen
sein. Zwar seien die meisten der Ausländer in Neukölln gemeldet,
es soll sich aber auf beiden Seiten um andere Personen gehandelt haben
als am Freitag zuvor. Die Kripo hält es dennoch für möglich,
dass sich die Jugendlichen gezielt zum Schlagabtausch verabredet haben.
Am 4. April hatten 25 Rechte auf sieben Türken eingeprügelt,
die Polizei hatte alle Rechten kurzzeitig festgenommen. Wie berichtet,
hatte ein 16-jähriger Skin dabei einen Zivilpolizisten tätlich
angegriffen. Für den Freitag letzter Woche hatten die Skinheads den
"Gegenschlag" erwartet. Doch die Polizei war wie üblich
mit Spezialeinheiten am U-Bahnhof Rudow präsent und erteilte einer
Gruppe von Ausländern sofort Platzverweise, hieß es auf dem
Abschnitt 51. Am Sonnabend und Sonntag blieb es daraufhin ruhig in Rudow.
Der Bahnhof mit dem Imbiss "Ketchup" ist einer der bekanntesten
Treffpunkte für rechtsextreme Jugendliche in Berlin und steht deshalb
unter ständiger Beobachtung der Polizei-Spezialeinheit für "politisch
motivierte Straßengewalt" (PMS).
------------------------------------------------------------------------
TOP
Juni - August
2003 Unser Blatt, Nr. 25
Kein
Forum für Nazis in Berlin-Treptow
In
Berlin- Treptow protestierten Antifaschisten gegen den Brücke 7 e.V.,
der NPD-Kadern ein Forum bietet. Ein Flugblatt aus Treptow dazu: "Kein
Forum für Nazis!!! Am 9. Mai 2003 fand in den Räumlichkeiten
des Brücke 7 e.V. in Berlin-Schöneweide eine Podiumsdiskussion
zum Thema "Wie national dürfen unsere Parteien und Randgruppen
sein?" statt. Die Betreiber der Brücke 7 gerieten bereits vor
mehreren Wochen in die Kritik, als am 28. März 2003 eine von ihnen
organisierte Veranstaltung von 15 rechtsextremen Besuchern dominiert wurde.
Alternative Jugendliche wurden durch das inkonsequente Verhalten der Brücke-
7-Betreiber gegenüber den anwesenden Neo-Nazis ausgegrenzt. Der Brücke-7-
Chef, Claus Bubolz, versuchte im Anschluss die Kritik der Treptower Antifa
Gruppe mit juristischen Schritten zu unterbinden. Bei der letzten Veranstaltung
nahmen u.a. die zwei führenden Berliner NPD-Funktionäre Jörg
Hähnel und Rene Bethage, sowie etwa 10 rechtsextreme Jugendliche
teil. Wir rufen alle Anwohner dazu auf, dafür zu sorgen, dass Treptow
keine Spielwiese für NPD-Nazis und ihre menschenverachtende Propaganda
wird."
Kontakt:
Treptower Antifa Gruppen (T.A.G.)c/o Infoladen Daneben Liebigstr. 34,
10249 Berlin. Tel.: 0173 1070626, e-mail:T.A.G.@firemail.de
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues
Deutschland vom 8.7.2003
NPD baut Schlägertrupps als Nachwuchs auf
Neuer Landesverband
in Berlin gegründet/Radikalisierung erwartet/Kameradschafts-Szene
"ruht" Handfeste Typen werden gesucht. Sie sollen von ehernem
Charakter, weltanschaulich gefestigt, einsatzwillig und opferbereit sein.
In Lehrgängen will man sie ausbilden, "Dienst an der Gemeinschaft
zu leisten". Die Rede ist von Schlägertrupps der NPD, in der
Partei selbst OD-Struktur oder Ordnungsdienst genannt. Sie sollen dieses
Jahr - als so genannter Eigenschutz bei Demos oder Versammlungen - erheblich
ausgebaut werden. Auf diese Art versucht man, die Anhänger der vier
derzeit in Berlin aktiven "Kameradschaften" und andere "heimatlose"
Jung-Neonazis stärker in die NPD-Strukturen einzubinden. Nach einer
vielmonatigen eher depressiv-lähmenden Phase in der hauptstädtischen
Formation der Neonazi-Partei, geschuldet den staatlichen Vorbereitungen
für ein NPD-Verbot, müht man sich derzeit offenbar wieder um
einen gewissen Schwung. Zu diesem Zwecke ist jüngst der Landesverband
Berlin-Brandenburg aufgelöst und in jeweils eigenständige Verbände
mit je sechs Kreisgruppen in beiden Bundesländern umgewandelt worden.
Wie in der NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" dazu dargestellt wird,
möchte man damit "den unterschiedlichen politischen, sozialen
und wirtschaftlichen Gegebenheit in beiden Bundesländern Rechnung
tragen". Beim Berliner Verfassungsschutz vermutet man jedoch eine
Kurskorrektur "mit einem neonazistischen Hintergrund". Der Berliner
NPD-Verband sei dabei, sich deutlich stärker neonazistisch auszurichten.
Für diese Einschätzung spreche schon die personelle Zusammensetzung
des neuen Verbandes und seiner Führung. "Dies könnte zukünftig
zu einer weiteren inhaltlichen Radikalisierung der NPD führen",
heißt es beim Berliner Verfassungsschutz. Offenbar versucht die
NPD zugleich, den seit längerem anhaltenden Mitgliederschwund aufzuhalten.
Bundesweit hatte die Partei noch vor zwei Jahren 6500, in Berlin 250 Mitglieder.
Voriges Jahr sanken die Zahlen auf 6100 bzw. 240, im Land Brandenburg
von 200 auf 190. Vermehrt begeben sich deshalb NPD-Spitzen dorthin, wo
sich junge Intellektuelle treffen, etwa letzte Woche an der Humboldt-Uni.
Am Rande eines Diskussionsforums über den 11. September hatte man
einen Infostand mit entsprechendem Propagandamaterial aufgebaut, verteilte
kostenlos eine CD-Rom mit dem Titel "Die Septemberlüge"
und flüchtete durch einen Nebeneingang, als man erkannt wurde und
es zu Tumulten kam. Dass die NPD aber auch bei Studenten einen gewissen
Nährboden für ihre Ideen vorfindet, lässt sich daraus schließen,
dass gegen die NPD protestierende Autonome auf dieser Veranstaltung von
einem Teil der Anwesenden als Störer tituliert wurden. Nach wie vor
hat die NPD Schwierigkeiten mit den Kameradschaften, die sie so gern als
Nachwuchs-Trupp sehen würde. Doch blieb ein durchschlagender Erfolg
bisher aus. Entgegen dem Trend in anderen Bundesländern gelang es
der NPD kaum, solche politischen Ziele zu formulieren und entsprechende
Aktionen zu starten, die Jugendliche dauerhaft ansprechen und motivieren
würden. Deshalb sei eine feste Einbindung in eine Kameradschaftsstruktur,
die der NPD ja auch nur als Vehikel dient, eher unattraktiv, meint man
beim Geheimdienst. Die Kameradschaftsszene selbst ist momentan kaum noch
aktiv in der Stadt. Diejenigen namens "Adlershof" oder "1375"
sind seit zwei Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten. Die umtriebige
"Germania" hat sich aufgelöst, nachdem ein Kameradschafts-Verbund
mit Führungsanspruch derselben gescheitert war. Derzeit wird die
Szene von etwa 40 Personen geprägt, die sich auf die Kameradschaften
"Hohenschönhausen", "Pankow", "Preußen"
und "Tor Berlin" verteilen. Aber auch um sie ist es eher stiller
geworden. Hinzu kommt allerdings eine ebenfalls 40-köpfige Jugendclique
im Dunstkreis des 1. FC Union, wie der Innensenat mitteilte. Sie ist als
"Gruppe 9" bekannt und setzt sich "zum Teil aus ideologisch
gefestigten Neonazis" zusammen. Trotz der anscheinenden Ruhe um die
Kameradschaften ist für den Verfassungsschutz erkennbar, dass es
"vor allem in den östlichen Peripheriebezirken ein großes
Potenzial an Jugendlichen gibt, das für neonazistisches Gedankengut
empfänglich ist". Auf längere Sicht jedenfalls stelle dies
ein Risiko dar.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues
Deutschland vom 3.8.03
Rechtsmilitante
Cliquen prägen braune Szene
Antifa-Analyse zu Kameradschaften, Aussteigern
und "Querfrontbestrebungen"
Der harte
Kern der Neonazi-Szene in Berlin ist über Jahre stabil geblieben.
Man verfügt über feste Strukturen mit vielen Knotenpunkten,
etwa Kneipen und Läden, braune Parteibüros und Wohnungen. Mancher
Nazi-Aktivist hat sich zurückgezogen. Doch die Szene reproduziert
sich ständig. Derzeit wächst die dritte Generation einer rechtsextremen
gewaltfreudigen Jugendszene seit einem Dutzend Jahren heran. Aus der Trend-Analyse
eines Recherche-Teams der Antifa über den braunen Nachwuchs in mehreren
Gebieten der Stadt ist ein 40-seitiges, großformatiges Heft namens
"Fight Back" entstanden, das dieser Tage in 5000 Exemplaren
erschienen ist. Die Autoren wollen ihr Werk nicht als linksalternatives
Gegenstück zum Verfassungsschutzbericht verstanden wissen, wohl aber
Erkenntnisse vermitteln, die bei der alltäglichen Antifa-Arbeit in
den Kiezen gemacht wurden. Auffällig sei, dass sich das demonstrative
Antlitz rechtsextremer Jugendlicher gewandelt habe. Zwar fänden sich
nach wie vor die traditionellen Stiefelnazis mit Bomberjacke auf Bahnhofsvorplätzen
oder an anderen Treffs, aber häufig kleide man sich auch komplett
schwarz oder wie Hooligans oder Rocker, NPD-Kader wiederum streng seriös
und bieder. Teils ähnele sich die Bekleidungsart der linken und rechten
Szene immer mehr. Das hat nach den Autoren u.a. damit zu tun, dass sich
Neonazis häufig in linke Protestaktionen, etwa gegen Krieg, Globalisierung
oder Sozialabbau, einzugliedern versuchen. Hinzu kommen so genannte Querfrontbestrebungen
nicht ganz einflussloser brauner Köpfe, die suggerieren, dass die
Standortbestimmung Links und Rechts zu veralteten Denkmustern gehört,
weil die politischen Ziele sich heutzutage einander angenähert hätten.
Wahres Anliegen ist aber, neue Anhänger unter vielleicht etwas unbedarften
Linken zu orten. "Kameradschaften" und ähnliche Gruppen
spielen momentan eine ziemlich differenzierte Rolle. Während die
namens "Pankow" und "Preußen" immer wieder durch
Plakataktionen und Schmierereien sowie bundesweite Aktivitäten auffielen,
wurde die "Kameradschaft Adlershof" nach ihrer Gründung
kaum öffentlich. Die rechtsextremistische Bruderschaft "Odins
Wölfe" kam über die eigene Gründung kaum hinaus. Deutlich
anders aber die Hooligan-"Gruppe 9", die sich selbst "Höllenjungs"
nennt. Unter den dort beheimateten und allein fußballinteressierten
Union-Fans befinden sich laut Antifa-Heft einige Neonazi-Köpfe aus
Treptow, weshalb von einer Schnittstelle zwischen unpolitischen Fußballhooligans
und organisierter Naziszene gesprochen wird. In Grünau wiederum etablierten
sich beispielsweise zwei rechtsradikale Gruppen mit immerhin 60 Jugendlichen.
Deutlich werde auch, dass Neonazi-Parteien einen geringen direkten Einfluss
auf rechtsorientierte Jugendliche besitzen. Sie fühlen sich derzeit
kaum von starren Parteistrukturen oder völkischen Vereinen, sondern
vielmehr von rechtsmilitanten Cliquen angezogen, deren Einfluss in der
Szene deutlich angewachsen sei. Skeptisch sehen die Autoren das Aussteigerprogramm.
Anhand typischer Beispiele wird nachgewiesen, dass die meisten Kandidaten
in neuem Gewande, aber in altem Geiste wieder auftauchen. "Fight
Back" ist kostenfrei in linken Infoläden zu bekommen oder bei
www.treptowerantifa.de herunterzuladen.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Junge Welt 04.08.03
Heimatpfleger
Berlin-Köpenick: Das linke Festival "Kontrollverluste"
im Kleinkrieg mit PDS-Stadtrat Michael Schneider
Wer jemals Festivals oder Straßenfeste organisiert hat, kann in
der Regel ein Lied vom Kleinkrieg mit den deutschen Behörden singen.
Oft scheint die Genehmigung solcher Großveranstaltungen aussichtslos.
Etliche Ämter - ob für Grünflächen, Hygiene, Lärmbelästigung
oder Wirtschaft zuständig - erlassen Auflagenbescheide; nicht selten
platzen die Vorhaben. Ein Verfechter deutscher Ordnung und Gründlichkeit
ist auch Michael Schneider (PDS), Stadtrat für Umwelt und Natur sowie
stellvertretender PDS-Bezirksbürgermeister des Berliner Bezirks Treptow-Köpenick.
Vor einiger Zeit meldeten der Bund der Antifaschisten, das Bündnis
"Bunt statt Braun", Libatee e.V., eine Initiative für ein
unabhängiges Jugendzentrum in Köpenick, sowie zahlreiche weitere
Initiativen bei Schneider das linke Festival "Köpenicker Kontrollverluste"
an. Es sollte am 23. August auf dem Platz des 23. April stattfinden -
dem Platz, der nach dem Tag der Befreiung Köpenicks vom Faschismus
benannt ist. Am anvisierten Veranstaltungsort befindet sich ein Mahnmal
für die Opfer der "Köpenicker Blutwoche" von 1933.
Auf dem Festival wollten die Veranstalter auch die erneut entfachte Abrißdebatte
um das Mahnmal aufgreifen - umsonst und draußen. Schneider jedoch
scheint mit dem Projekt wenig gemein zu haben. Dem deutschen Rasen zuliebe
soll es nicht stattfinden. In einem Schreiben vom Donnerstag kündigte
seine Behörde jedenfalls an, den Antrag auf Sondernutzung der Grünfläche
abzulehnen. Dabei könnte ein solches Festival für den Ruf des
Bezirks viel Gutes tun, kommen doch inzwischen nicht nur autonome Antifas,
sondern auch zivilgesellschaftliche Organisationen und selbst der für
sein blindes rechtes Auge bekannte Verfassungsschutz zu der Einschätzung,
daß die Region ein gehöriges Problem hat: Zahlreiche rechte
Führungskader und Neonaziorganisationen sind hier aktiv, die rechtsextreme
NPD hat in Treptow-Köpenick ihre Bundeszentrale, rechte Übergriffe
sind keine Seltenheit. Taugliche Gegenstrategien fehlen. Antifaschistische
Initiativen werden kaum gefördert. Nach Ansicht einer Sprecherin
der Treptower Antifagruppe (T.A.G.) hat die Sozialarbeit mit rechten Jugendlichen
bis heute vor allem dazu geführt, daß sie sich heimischer fühlen.
Nicht nur in Jugendclubs würden die Sozialarbeiter jegliche Kontrolle
über "ihre" Jugendlichen verlieren. Die Arbeit des Vereins
"Gangway" mit gewalttätigen rechten Jugendlichen etwa,
die sich tagsüber auf dem Vorplatz des S-Bahnhofes Grünau aufhielten,
hätte die Situation für politisch anders Gesinnte dort eher
verschlimmert.Daß es dem Umweltstadtrat Schneider mit dem "Kontrollverluste"-Verbot
ernst ist, zeigen die Ereignisse des vergangenen Jahres. Das Festivalkonzept
nämlich ist nicht ganz neu. 2002 war bereits ein erster Anlauf unternommen
worden. Damalige Widerspruchsverfahren vor dem Verwaltungs- bzw. Oberverwaltungsgericht
bestätigten das behördliche Verbot am Tag vor der Eröffnung
des Festivals. Hauptargumente des Bezirksamtes waren vor Gericht das mangelnde
"öffentliche Interesse" und die für die Grünfläche
angeblich zu erwartenden Schäden. Nach Informationen von Jana Jünger
aus dem Vorbereitungskreis der "Kontrollverluste" gegenüber
jW gehört Schneider mit Vorschlägen beispielsweise zur Einrichtung
einer Parkpolizei zu den Scharfmachern im Bezirksamt. Weiterhin werfen
die Veranstalter ihm vor, daß mit der Verbotsargumentation seines
Amtes, nach der das Fest nicht im "überwiegenden öffentlichen
Interesse" stehen würde, staatliche Behörden fernab jedes
demokratischen Verfahrens agierten.Dieses Spiel wollen die Organisatoren
in diesem Jahr nicht mitspielen. Frühzeitig gingen sie auf das Bezirksamt
zu. Am 11. Juli führten sie ein Vorgespräch mit Schneider. Am
23. Juli besichtigten sie die Grünfläche und besprachen Durchführbarkeit
und Details des Festivals. "Die Ergebnisse des Ortstermins sind in
keiner Art und Weise im ablehnenden Bescheidentwurf der Behörde berücksichtigt.
Wir fühlen uns hingehalten und verschaukelt.", erklärte
der Vorsitzende der VVN-BdA Berlin e. V. und Kontrollverluste-Anmelder
Ronny Ziller gegenüber jW. Er sei dennoch sicher, daß "die
Köpenicker Kontrollverluste 2003 definitiv stattfinden".*
Weitere Informationen: kontrollverluste.de, treptower antifa.de
------------------------------------------------------------------------
TOP
taz Berlin
7.8.2003
NPD
will büffeln
Partei plant "nationaldemokratisches Bildungszentrum". Die NPD
plant, in der Nähe ihrer Parteizentrale in der Seelenbinderstraße,
Köpenick, ein "nationaldemokratisches Bildungszentrum in der
Reichshauptstadt" einzurichten. Laut der Zeitschrift blick nach rechts
ist der Umbau eines Gebäudes im Hinterhof vorgesehen.
NPD-Parteichef Udo Voigt rühre per Spendenaufruf die Werbetrommel,
heißt es weiter. Das Schulungszentrum solle 180.000 Euro kosten.
Das Planungs- und Genehmigungsverfahren sei bereits abgeschlossen. Köpenicks
Baustadtrat Dieter Schmitz bestätigte der Zeitschrift, dass die Verwaltung
bereits im März die Genehmigung erteilt hat: "Wir können
nicht Baugenehmigungen nach politischen Sympathien erteilen."
Das Bildungszentrum soll einen Schulungsraum für bis zu 60 Personen,
Zimmer sowie eine "nationale Zentralbibliothek" enthalten. "
------------------------------------------------------------------------
TOP
07.08.2003
Junge Welt
Notwehr "niederer Beweggrund"
Berlin: Journalist erhielt 18 Monate Haft, weil er sich gegen vier angreifende
Neonazis verteidigte
Sich gegen Gewalt von Neonazis zur Wehr zur setzen, gilt nach bundesdeutschem
Recht offenbar als Vergehen aus "niederen Beweggründen"
Am vergangenen Montag verwarf das Berliner Landgericht nach insgesamt
zehn Verhandlungstagen die Revision des Pressefotografen Christian J.,
der im Dezember 2002 zu zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt
worden war (siehe jW vom 19. Juni). Er war im Oktober 2001 beim Fotografieren
am S-Bahnhof Grünau im Südosten Berlins von vier NPD-Wahlkämpfern
angegriffen worden und hatte sich aus dem Schwitzkasten eines der Angreifer
nur befreien können, indem er ihm ein Stück vom Ohrläppchen
abbiß. Das Amtgericht Tiergarten verkürzte die Strafe nun immerhin
auf eineinhalb Jahre. Daß
altbekannte und bereits vorbestrafte Größen der rechtsextremen
Szene wie Friedhelm Busse aus München und der Göttinger Stephan
Pfingsten sich mit Worten wie "Judenpresse" und "verzeckte
Hyäne" auf den Fotografen stürzten, der sich zunächst
mit dem Umherwirbeln seines Fahrradschlosses verteidigen konnte, davon
war vor Gericht natürlich keine Rede mehr. Die Verfahren gegen die
NPDler wurden sehr rasch eingestellt mit der Begründung, daß
Zeugen, bei denen es sich um Anhänger der linken Szene handle, unglaubwürdig
seien. Im
Prozeß gegen Christian J. dagegen nahmen die Richter die Schilderung
der NPDler ernst, denen zufolge der Fotograf mit den Worten "Euch
müßte man alle umbringen!" auf sie losgestürmt sei,
um sie - die sich nach eigenen Aussagen alle vier nicht zur Wehr gesetzt
hätten - dann einen nach dem anderen zu verprügeln. NPD-Mann
Friedhelm Busse rührte das Gericht mit der Schilderung, wie er um
sein Leben gefürchtet habe, als dieser "Wilde" auf ihn
zurannte. Wenigstens
hinsichtlich dieser Darstellung war das Gericht beim nun abgeschlossenen
Berufungsverfahren kritischer. Dafür aber warf man Christian J. vor,
mit seiner journalistischen Tätigkeit an dem Wahlkampfstand "eine
heftige Reaktion provoziert" zu haben. Die NPD sei eine demokratische
Partei und damit auch zu dulden. Wie der Richter betonte, sei auch er
gegen, wie er sich auszudrücken pflegte, "solche Leute".
Dies würde aber nicht rechtfertigen, gegen sie vorzugehen. Der Richter
und die ihm beisitzenden Schöffen folgten der Argumentation der Staatsanwaltschaft,
wonach Christian J. eine Reaktion der NPDler auf das Fotografieren "herbeigesehnt
habe", um in den Kampf mit den vier ihm teilweise körperlich
deutlich überlegenen Neonazis gehen zu können. Das erfolgte
Urteil steht im Einklang mit einem Urteil des Bundesgerichtshof von vor
zwei Wochen. Danach stelle eine Tat, die aus antifaschistischer Motivation
erfolgt, genauso einen "niederen Beweggrund" dar wie ein von
Neonazis verübter Angriff. Aus diesem Grund fiel das Urteil gegen
den Fotografen auch so hart aus. Er habe eben aus "niederen Beweggründen
gehandelt", als er die Neonazis fotografierte. Bertha Setzer
------------------------------------------------------------------------
TOP
11.08.2003
Junge Welt
Kein "niederer Beweggrund"
Bundesgerichtshof kritisiert Berliner Landgericht
KARLSRUHE. Der Bundesgerichtshof (BGH) verwahrt sich dagegen, daß
sich das Berliner Landgericht in einem Urteil gegen einen Journalisten
auf ein BGH-Urteil beruft. Der Fotograf war wegen Körperverletzung
von NPD-Anhängern verurteilt worden (jW vom 7. August). Er habe,
so das Amtsgericht Tiergarten, die Konfrontation mit den Rechtsextremisten
aus politischen Gründen gesucht, was ihm als "niedere Beweggründe"
entsprechend einem BGH-Urteil vom 11. Juli ausgelegt wurde. Das BGH wies
nun in einer Stellungnahme gegenüber jW darauf hin, daß es
bei diesem Urteil um einen Angriff auf einen Siegburger Skinhead ging,
der "ohne persönlichen Anlaß" und mit Tötungsabsicht
niedergeschlagen worden war. Bei dem Berliner Fall dagegen läge Körperverletzung
vor. Das Motiv "niedere Beweggründe" sei nur für Mordmotive
relevant, so ein Karlsruher Richter.
------------------------------------------------------------------------
TOP
12.08.2003
Junge Welt
Haftbestätigung für Christian J.:
Antifaschismus als "niederer Beweggrund"?
Ulrich Klinggräf ist der Anwalt des wegen Körperverletzung
verurteilten Fotojournalisten Christian J.. jW sprach mit ihm
F: Der Berliner Fotograf Christian J. ist in der Berufungsverhandlung
vor dem Berliner Landgericht am Montag vergangener Woche zu eineinhalb
Jahren Gefängnis verurteilt worden. Mit welcher Begründung?
Bei
einer Wahlkundgebung der NPD am 10. Oktober 2001 kam es am Berliner S-Bahnhof
Grünau zu einer Auseinandersetzung zwischen meinem Mandanten und
vier Wahlhelfern der NPD. Christian J. machte Fotos, die er an die junge
Welt verkaufen wollte. Die Anhänger der NPD seien daraufhin aggressiv
geworden, sagt mein Mandant. Die anderen behaupten, als sie ihn am Fotografieren
zu hindern versucht hätten, sei er völlig ausgerastet und habe
angefangen herumzuschlagen. Christian J. beteuert, die vier seien auf
ihn losgegangen und hätten ihn attackiert. Das Gericht ist mit einer
in meinen Augen abenteuerlichen Begründung zu dem Schluß gekommen,
daß sich mein Mandant nicht in einer Notwehrsituation befand, sondern
der Angriff von ihm ausgegangen sei.
F:
In der mündlichen Begründung unterstellte der Vorsitzende Richter
dem Angeklagten "niedere Beweggründe".
"Niedere
Beweggründe" ist schon rein fachlich kein zutreffender Ausdruck.
Er wird nur bei Morddelikten verwendet, während es bei diesem Verfahren
um Körperverletzung ging.
F: Liegt
die schriftliche Urteilsbegründung schon vor?
Nein,
und das kann erfahrungsgemäß auch noch eine Weile dauern, vielleicht
mehrere Wochen. Ich bin mir relativ sicher, daß der Begriff "niedere
Beweggründe" dort nicht auftauchen wird.
F: Es hat
auch ein Verfahren gegen die Neonazis der NPD gegeben.
Das ist eingestellt worden. Wir haben dagegen Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft
eingelegt und einen Antrag auf Eröffnung eines Verfahrens vor dem
Kammergericht gestellt. Aber das war alles vergebens.
F:
Im ersten Verfahren, das November vergangenen Jahres endete, war Ihr Mandant
sogar zu zwei Jahren und acht Monaten verurteilt worden
Damals
wurde Christian J. noch für einen Vorfall am 1. Mai 2002 verurteilt.
Nach einer Veranstaltung der NPD ist es in einer S-Bahn zu einer Auseinandersetzung
zwischen Linken und NPD-Mitgliedern gekommen. Meinem Mandanten wurde deswegen
gemeinschaftliche schwere Körperverletzung zur Last gelegt und das
Amtsgericht Tiergarten hatte ihn auch hierfür verurteilt. In der
nun zu Ende gegangenen Berufungsverhandlung aber ist er von diesem Vorwurf
freigesprochen worden.
F:
Ist das Verfahren damit endgültig beendet?
Wir
haben Revision gegen das Urteil eingelegt. Das ist die letzte Instanz.
Ich mache mir allerdings keine großen Hoffnungen, da es hierbei
im Gegensatz zur Berufung keine sogenannte Tatsacheninstanz mehr gibt,
sondern nur noch geprüft wird, ob dem Berliner Landgericht gravierende
Rechtsfehler unterlaufen sind, die eine Revision des Urteils rechtfertigen.
Entscheidend sind hierbei Fragen der Beweiswürdigung, und diese sind
in einem Revisionsverfahren nur sehr begrenzt angreifbar.
------------------------------------------------------------------------
TOP
12.08.2003
Junge Welt
Empörung über Urteil gegen Journalisten
Antifa Treptow: Schon der Versuch, sich gegen Neonazis zu wehren, wird
kriminalisiert
Die "Treptower Antifa Gruppe" in Berlin ist empört über
die Verurteilung des Journalisten Christian J., der wegen Körperverletzung
eines NPD-Anhängers eineinhalb Jahre ins Gefängnis soll. "Der
vorliegende Fall zeigt einmal mehr, was die bürgerliche Gesellschaft
als Gerechtigkeit versteht", heißt es in einer Erklärung
vom Montag. "Allein schon der Versuch, sich zur Wehr zu setzen, bringt
das Opfer juristisch auf eine Ebene mit den Tätern und kriminalisiert
jeglichen Widerstand." Für Montag abend hat die Antifa-Gruppe
ironisch ein "Solisaufen für den brutalsten Journalisten Berlins"
in Berlin-Kreuzberg angekündigt. Bei dem Kampf des Fotografen gegen
vier Rechtsextremisten hatte der Verurteilte einem der NPDMann ein Stück
vom Ohrläppchen abgebissen.
"Das
Verfahren ist unter anderem deswegen für den Angeklagten so ungünstig
verlaufen, weil der NPD-Anhänger Stephan Pfingsten sehr ruhig und
glaubhaft seine Version vor Gericht vorgetragen hat", berichtet ein
Treptower Antifa-Aktivist, der den Prozeß verfolgt hat. Als Entlastungszeugen
von Christian J. dagegen wären Punks in einer Art aufgetreten, die
den Richter gegen sie eingenommen hätte. Der Aktivist befürchtet
nun, daß jede journalistische Arbeit wie die des Verurteilten juristisch
als Provokation betrachtet und so Repression gegen Aufklärungsarbeit
legitimiert wird. In
ein paar Wochen wird der Berliner Fotojournalist Christian J. voraussichtlich
seine eineinhalbjährige Haftstrafe antreten. Das Berliner Landgericht
hat ihn wegen Körperverletzung für schuldig befunden (siehe
jW vom 7. August). "Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig",
sagte sein Anwalt Ulrich Klinggräf am Montag. "Erst muß
die schriftliche Begründung vorliegen, danach wird unser Revisionsantrag
geprüft." Aber eine Revision des Urteils ist nur möglich,
wenn der Richter den Fehler wiederholt, dem Angeklagten "niedere
Beweggründe" zu unterstellen, wie dies in der mündlichen
Begründung am Montag vergangener Woche geschehen war. Und das ist
eher unwahrscheinlich.
Auf
Hilfe seitens der Gewerkschaft kann Christian J. vorerst auch nicht rechnen.
Die Fachgruppe "Deutsche Journalistinnen- und Journalistenunion"
bei ver.di war am Montag zu keiner Stellungnahme bereit. Eine Mitarbeiterin
der Berliner Pressestelle erklärte dazu, die Darstellungen des Falles
seien unterschiedlich, man wolle die offizielle Urteilsbegründung
abwarten, um sich seitens der Gewerkschaft "vorurteilsfrei"
eine Meinung bilden zu können.
------------------------------------------------------------------------
TOP
taz
Berlin 20.8.2003
Köpenickiade
um linkes Open-Air-Fest
PDS
und SPD wollen ein antifaschistisches Festival in Köpenick verbieten.
Grund: Ein Park würde leiden. Heute entscheidet das Verwaltungsgericht
Carl
Zuckmayer und sein Hauptmann von Köpenick hätten sich ein Drehbuch
übers Verbot für das linke Open-Air-Festival "Köpenicker
Kontrollverluste" kaum schöner ausdenken können. "Die
von Ihnen beantragte Veranstaltung würde eine erhebliche Beeinträchtigung
des Erholungswerts der Parkanlage darstellen", schreibt Michael Schneider,
PDS-Stadtrat für Umwelt und Grün, an die Veranstalter des Festivals.
Ob das Verbot rechtens ist, entscheidet heute das Verwaltungsgericht.
Das Anliegen der Organisatoren: Am Samstag soll es auf dem Platz des 23.
April, in der Nähe des S-Bahnhofs Köpenick und direkt am Mahnmal
für die Köpenicker Blutwoche, ein linkes, nichtkommerzielles
Festival geben. Mit Ska-Bands aus Frankreich, Jazzcore aus Kanada und
HipHop aus Köpenick, mit einer Hüpfburg und Leckereien für
alle. Und mit politischen Zielen: "Wir wollen ein selbst verwaltetes
Jugendzentrum in Köpenick und eine Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus
und dessen historischen Wurzeln im Bezirk", sagt Peter Schmidt von
den Festival-Organisatoren. "Wir haben die Entscheidung abgewogen",
verteidigt Bürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) seinen PDS-Stadtrat.
"Hinter dem Schutz der Grünanlagen muss das öffentliche
Interesse zurückstehen." Hinter verschlossenen Türen fallen
deutlichere Worte im Bezirksamt. Es gebe gar kein öffentliches Interesse
an dem Festival, heißt es aus der PDS, und von PDS-Stadtrat Michael
Schneider wird der Ausspruch kolportiert, die Festivalbesucher "sind
nicht unsere Jugendlichen". Peter Schmidt, Sprecher des Veranstalterbündnisses,
dem unter anderen die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes/Bund
der Antifaschisten (VVN/BdA), der Kinderring Berlin e. V. sowie der Verein
Libatee angehören, hält den Verbotsbescheid ohnehin nur für
vorgeschoben. Schmidt berichtet von einem Ortstermin, bei dem der zuständige
Revierpfleger den Organisatoren mehrfach versichert hatte, dass mit Änderungen
im Konzept alles machbar sei. "Sogar die Hüpfburg wollte der
Revierpfleger vom Bürgersteig auf den Rasen verlegen." Ronni
Ziller, Landesvorsitzender der VVN/BdA und Anmelder des Festivals, ist
überzeugt, dass Umweltstadtrat Schneider & Co. nicht mit offenen
Karten spielen. "Das Bezirksamt hat Angst, wenn sie ein linkes Festival
genehmigen, dass dann die NPD ankommt und auch eine öffentliche Veranstaltung
machen will." Peter Schmidt kritisiert: "Während die NPD
still und heimlich eine Baugenehmigung für ein Schulungszentrum vom
Bezirksamt bekommt, wird ein eintägiges linkes Festival verboten."
Auch mit möglichen Ersatzorten tut sich der Bezirk schwer: "Der
Ausweichantrag auf ein Straßenfest ist vom Tiefbauamt genehmigt,
aber von der Polizei abgelehnt worden", sagt Bürgermeister Ulbricht.
Vielleicht komme ja noch ein Sportplatz an der Wuhlheide in Frage. Nach
dem Veranstalter des Festivals und ihren Zielen befragt, gerät Ulbricht
ins Schlingern: "Ich kenne das politische Anliegen des Vereins nicht
so richtig, außer dass sie das Mahnmal für die Blutwoche behalten
wollen. Dass die ein selbst verwaltetes Jugendzentrum wollen, ist mir
völlig neu." Die Initiative müsse "nur wachsen",
fügt er hinzu. "Da wird von uns die Quadratur des Kreises verlangt",
findet Peter Schmidt. "Erst sollen wir beweisen, dass wir etwas auf
die Beine stellen können. Dann wird unser Festival verboten, und
dann heißt es wieder, wir könnten ja gar keine Aktivitäten
vorweisen." Entmutigen lassen sich die Festivalorganisatoren trotzdem
nicht. Schließlich wurden die "Köpenicker Kontrollverluste"
schon im vergangenen Jahr verboten. Daraufhin demonstrierten 350 Besucher
in der Altstadt. "In diesem Jahr wird das Festival auf jeden Fall
stattfinden", versichert Schmidt. "Die Reaktion des Bezirks
zeigt doch, dass Köpenick nichts dringender braucht als Kontrollverluste."
------------------------------------------------------------------------
TOP
21.08.2003
Berliner Zeitung
Gericht
verbietet Fest im Park
Veranstalter scheitern mit Klage gegen den Bezirk
Die Organisatoren
eines für Sonnabend angekündigten Open-Air-Festivals müssen
sich einen neuen Ort für ihre Veranstaltung suchen. Das Berliner
Verwaltungsgericht entschied gestern Abend, dass das Fest nicht auf dem
Platz des 23. April stattfinden darf. Dort sollte es auf der Wiese Punk
und HipHop geben, auch politische Organisationen aus dem linken Spektrum
wollten sich vorstellen. Die Richter entschieden, dass die Sondernutzung
einer Grünfläche zulässig ist, wenn die öffentlichen
Interessen höher einzustufen sind als die privaten (AZ: VG 1 A 243.03).
"Das ist hier nicht der Fall", sagte Gerichtssprecher Rudolf
Böcker. Die Veranstalter hatten gegen den Bezirk Treptow-Köpenick
geklagt, weil der eine Nutzungserlaubnis verweigerte. "Die Veranstalter
wollten zwei Bühnen, fünf Feldküchen, fünf Zelte und
30 Stände aufbauen", sagte Bürgermeister Klaus Ulbricht
(SPD). Das würde der Park nicht überleben. Vor der Gerichtsentscheidung
warf Peter Schmidt, der Sprecher der Veranstalter, dem Bezirk vor, grundsätzlich
etwas gegen das Fest zu haben. "Wir haben das Gefühl, dass die
uns hier nicht wollen." Schon im vorigen Jahr war das Festival "Köpenicker
Kontrollverluste" auf demselben Platz gescheitert. Feste in Parks
seien nichts Ungewöhnliches, so Schmidt. Deshalb habe man diesmal
auf eine Ausnahme gehofft. "Der Köpenicker Sommer findet schließlich
auch im grünen Luisenhain statt." Ulbricht wehrt sich gegen
die Unterstellung das Fest verhindern zu wollen. Man habe nichts gegen
politische Veranstaltungen. Er schlug vor, das Festival auf einem Sportplatz
an der Wuhlheide stattfinden zu lassen. Der ist rund 300 Meter entfernt.
"Die wollen, dass uns möglichst wenige hören und sehen",
sagte Schmidt darauf. Man prüfe jetzt, ob Revision gegen das Gerichtsurteil
eingelegt wird. Zum Platz des 23. April wollen die Initiatoren am Sonnabend
trotzdem kommen - um gegen den Bezirk zu demonstrieren.
------------------------------------------------------------------------
TOP
22.
08.2003 Berliner Zeitung
Linkes
Festival in der Parkaue
KÖPENICK/LICHTENBERG. Die Veranstalter des für Sonnabend geplanten
linken Open-Air-Festivals "Köpenicker Kontrollverluste"
bekommen einen Platz im Nachbarbezirk. Nachdem Treptow-Köpenick eine
Nutzungserlaubnis für den Platz des 23. April verweigerte und auch
eine Klage vor dem Berliner Verwaltungsgericht scheiterte, findet das
Fest nun in der Lichtenberger Parkaue an der Möllendorffstraße
statt. Von 17 bis 22 Uhr gibt es Punk, Raggae und HipHop. Umweltstadtrat
Andreas Geisel (SPD) erteilte den Organisatoren kurzfristig eine Erlaubnis
für die subkulturelle Veranstaltung. Feste sind in der Parkaue nichts
Außergewöhnliches. Dort gibt es jedes Jahr "Rock für
links" und die "Fête de la musique".
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues Deutschland
19.09.03
Wie versichert man sich gegen Neonazis?
30
Minuten vor Ultimo PDS änderte Wahlvorschlag
Viel hätte nicht gefehlt und die Brandenburger PDS hätte sich
und vermutlich dem Gemeinderat von Halbe ein politisches Kuckucksei ins
Nest gelegt. Auf der Offenen Liste stand ein Neonazi.
Der
Mann heißt Ulli Boldt. Bei dem Namen klingeln bei Antifaschisten
Alarmglocken. Bei der Basisgruppe der PDS in Halbe klingelte nichts, als
ein Mann namens Ulli Boldt, Vertreter der Württembergischen Versicherung,
sich bereit erklärte, auf der Offenen Liste der PDS für den
Gemeinderat zu kandidieren. Er entsprach so schien es genau jenem Kandidatentyp
mit sozialem Gewissen, den die PDS auf Flyern gesucht hatte. Boldt wohnt
seit drei Jahren in Halbe, die Chefin der Basisgruppe ist erst wieder
seit einem halben Jahr in der Region, der angeblich parteilose junge Mann
Boldt ist 37 ist sehr aktiv in der Kommune, bei der Feuerwehr ebenso wie
im Fußballverein, die Jugendarbeit liegt ihm am Herzen. Dass er
ein "intellektuell begabter Mensch ist", hat sich bis zur Kreisvorsitzenden
Karin Weber durchgesprochen, die nun allerdings ebenso entsetzt wie hilflos
ist. "Boldt wusste, wie er mit uns zu reden hatte und wie er uns
zu der Überzeugung führte, dass er an linker Politik interessiert
ist." Was sicher stimmt, nur hatte er vermutlich sehr spezifische
Motive dafür. Natürlich prüften die Genossen der Basisgruppe
das Angebot allerdings nur mit halber Kraft. Als sie den Wahlvorschlag
beschlossen, waren von 15 Mitgliedern sieben anwesend. Doch selbst bei
voller Besetzung wäre es wohl zu der fatalen Fehlentscheidung gekommen.
Dass der PDS die politische Panne erspart blieb, verdanken sie Mitgliedern
der im Gebiet sehr regen Antifa. Die hatten einst große Hoffnung
in die PDS gesetzt, sich aber nach und nach von der Partei abgewandt.
Sie kennen Boldt, der bis 1997 noch in Königs Wusterhausen gewohnt
und gewirkt hat, bestens. Der Neonazi war ein Aktivist der inzwischen
verbotenen Nationalen Front. Die Truppe ist auch in der Südlich-Randberliner
Gegend nicht durch besonders sensible Politikgestaltung aufgefallen. Es
gab nicht nur Berührungen mit militanten Nazi-Skins. Boldt, so hört
man, wusste schon damals sehr genau, wie er wen für die Zwecke der
Rechtsextremisten nutzen konnte. Mindestens bis 1996 betrieb er das so
genannte Nationale Info-Telefon, das ein wesentliches Mittel zur Vernetzung
war. Als Vorsitzender der Berliner Kulturgemeinschaft Preußen e.
V. versuchte er die intellektuelle Art. "Völkisch-kulturell"
wollte der Verein vor allem die Jugend bilden. Boldt saß zudem im
Vorstand des Jungen Weikersheim, das Studienzentrum ist in so manchem
Verfassungsschutzbericht zu finden. Dann wiederum trat er als Anmelder
von Hess-Gedenkmärschen in Oranienburg und Frankfurt(Oder) auf. Dass
Halbe, wo Tausende von Hitlers Endzeitwahn hingeraffte Soldaten begraben
sind, ein besonderes nationales Zentrum seiner Bewegung ist, stand auch
für Boldt nie in Zweifel. Als Unbekannte zweimal Boldts Autos angezündet
haben, wollten sie auf keinen Fall, dass er irgendwo unter- und in einer
demokratischen Partei wieder auftaucht. 1997 hat ihn die CDU gefeuert,
weil er sein Vorleben verschwiegen hatte. Karin Weber meint, alle Berichte
über Boldts Nazigesinnung "enden 1995, das ist jetzt neun Jahre
her..." Es ist eine vergebliche Hoffnung, wegen zweier falscher Zahlen
ideologische Einkehr zu vermuten. Auch Boldt sagt, er hätte sich
aus der rechten Szene verabschiedet, an seiner politischen Herkunft jedoch
keinen Zweifel gelassen. Der PDS-Wahlkampfchef in Brandenburg, Heinz Vietze,
dagegen begründet die Streichung des wie er sagt "ehemaligen
Rechtsextremisten" als Kandidat der PDS unter anderem so: "Unehrlichkeit
verdient das Vertrauen derer, die ihn nominierten, nicht und auch nicht
das der Wählerinnen und Wähler." Gestern um 12 Uhr wurden
Wahllisten geschlossen, 30 Minuten vor Ultimo hatte die PDS ihre "Boldt-lose"
Liste abgegeben. Bleibt die Frage, wie das Eintauchen von Neonazis in
legale und demokratische Strukturen ein erklärtes Ziel von Rechtsextremisten
verhindert werden kann. Kreischefin Karin Weber will keinesfalls "so
etwas wie Gesinnungsschnüffelei" erzeugen. Die will auch Thomas
Nord nicht. Dennoch hält der Landesgeschäftsführer, das,
was in Halbe passierte, für "einen Ausdruck von Unwissenheit
und unglaublicher Naivität", gerade deshalb sei es "alarmierend.
Wir haben allen Kreisorganisationen Hilfe angeboten, wenn sie jemanden,
der sich für die PDS engagieren will, nicht genug kennen."
------------------------------------------------------------------------
TOP
22.9.03 Tagesspiegel
Polizei
sprengte Nazi-Party
Spezialeinsatzkommando beendete Fest der "Vandalen" sehr schnell.
Die Rechtsradikalen feierten in einem Lokal des Bezirksamts Köpenick
Eine größere
Party war dem Gastwirt angekündigt, bis zu 250 Leute, Mietvertrag
bis 5 Uhr früh, Grill im Garten und Livemusik. Der Pächter des
Casinos vom Sportverein "TSV Eiche Köpenick" wurde nicht
mal argwöhnisch, als die beiden Männer bei den Vertragsverhandlungen
ankündigten, "dass vielleicht abends mal die Polizei vorbeischaut".
Begründung: "Wir trinken gerne was, und dann werden wir etwas
lauter." "Wir" - das war am Sonnabend die Neonazitruppe
"Vandalen", die sich konspirativ zur Feier ihres 21. Geburtstages
verabredet hatte. Dem
Wirt Kai-Uwe B. hatten sich die Vandalen nach Tagesspiegel-Informationen
offen als Vandalen vorgestellt. Besondere Pointe: Die Kneipe gehört
dem Bezirk Köpenick, die Neonazis feierten also diesmal in öffentlichem
Eigentum. Köpenicks Bürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) reagierte
am Sonntag entsetzt: "Wir müssen schnell klären, wie es
dazu kommen konnte."
Wie
in den Vorjahren verdarb die Polizei die Feier. Um 21.30 Uhr stürmten
370 Polizisten den Ort, Das Spezialeinsatzkommando vorneweg, - zur totalen
Verblüffung des Pächters und zum absoluten Ärger der Vandalen.
Unter den Gästen waren nach Einschätzung des Polizei-Staatsschutzes
"bekannte Rechtsextremisten aus dem ganzen Bundesgebiet", darunter
der frühere Kroatien-Söldner Eckart B. und Oliver Schweigert,
einst Anführer der "Nationalen Alternative" in Berlin sowie
Mitglieder der rechtsextremistischen Bands "Landser", "DST"
("Deutsch, Stolz Treu") und "Spreegeschwader". Die
Vandalen hatten sich1982 in der DDR gegründet, der Verfassungsschutzbericht
gönnt der Gruppe eine ganze Seite.
Vier
der 160 Anwesenden wurden kurzzeitig festgenommen, sieben Anzeigen geschrieben:
Widerstand, verfassungsfeindliche Kennzeichen, versuchte gefährliche
Körperverletzung, aber auch Trunkenheit am Steuer. Juristisch also
angesichts der Größe des Polizeieinsatzes eine magere Ausbeute.
Aber dem Polizeieinsatzleiter geht es um die Verunsicherung der Szene.
Klar sei gewesen, dass die Vandalen an einem September-Wochenende wieder
ihre Geburtstagsfeier organisieren würden, sagte der Leitende Polizeidirektor
Michael Knape gestern dem Tagesspiegel. Von der Spezialeinheit "Politisch
Motivierte Straßengewalt" (PMS) sei dann das Lokal schon am
späten Sonnabendnachmittag entdeckt worden - die Vandalen waren beim
Aufbau aufgefallen. Dann wurde gewartet, bis sich der Saal füllt
- und mehrere Hundertschaften der Polizei in die Wendenschloßstraße
geschickt. "Die PMS war wieder hellwach", lobte Knape die Einheit,
die sich seit über zehn Jahren intensiv mit der rechten Szene beschäftigt
- und alle kennt.
Aber
auch die Vandalen hätten ihre Party gut vorbereitet. Es seien sogar
richtige Eintrittskarten gedruckt worden, berichtet der Einsatzleiter.
Doch die Polizei drehte der dort auftretenden, bislang nicht der Polizei
aufgefallenen Band sofort den Strom ab; und danach beendete der Pächter
das Fest. "Wegen arglistiger Täuschung" wollte sich Pächter
Kai-Uwe B. nicht mehr an den Mietvertrag halten - und riegelte gegen Mitternacht
die Türen zu. Darüber waren die Vandalen genauso sauer wie über
den Polizeieinsatz - und drohten Ungemach an. Die Polizei musste den Mann
in der Folge vor seinen Gästen schützen; es hagelte Platzverweise.
Die letzten Vandalen verschwanden gegen 1.15 Uhr, in Köpenick kehrte
Ruhe ein.
Polizeidirektor
Knape nimmt dem Pächter ab, dass er keine Ahnung hatte, wen er dort
beherbergt. "Der wurde hinters Licht geführt. Der war minutenlang
völlig geplättet, nachdem wir dort reinmarschiert sind",
sagte Knape. Doch Pächter B. kannte zumindest den wahren Namen seiner
Gäste: "Die sagten, sie heißen Vandalen und feiern ihren
Jahrestag. Ich war wohl sehr blauäugig."
------------------------------------------------------------------------
TOP
16.9.2003 taz Berlin
Antifa-Gruppe
rüffelt Körting
Die Treptower Antifa-Gruppe (T.A.G.) hat Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) aufgefordert, einer Gesprächseinladung des ihrer Ansicht nach
rechtsgerichteten "Kulturvereins Brücke 7 e. V." nicht
zu folgen. Der Kulturverein mit seinem Vorsitzenden Claus Bubolz sei in
Antifa-Kreisen bekannt dafür, ranghohen NPD-Funktionären ein
Podium zu bieten, teilte die T.A.G. am Montag mit. Organisierte NPD-Kader
nutzten die Räume des Vereins zur Agitation. Die Antifa-Gruppe habe
deshalb mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass Körting dort am
17. September als "Innenminister" Berlins an einer Diskussion
zum Thema "Rechts und links - wie viel verträgt unsere Demokratie?"
teilnehmen wolle. "Wir fordern Sie auf, Ihre Teilnahme auf der Veranstaltung
abzusagen", hieß es in einem offenen Brief an Körting.
Dazu erklärte der Sprecher des Senators, Peter Fleischmann, es gebe
eine Anfrage des Vereins, ob Körting bereit sei, mit nach rechts
abdriftenden Jugendlichen zu sprechen. Bisher habe der Senator nicht über
seine Teilnahme entschieden. "DPA
------------------------------------------------------------------------
TOP
18.09.2003
Berliner Morgenpost
Innensenator nimmt doch an Diskussion tei
Erst ja, dann nein, nun wieder ja. Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) hat gestern mitgeteilt, er werde am Abend doch an der Diskussion
"Rechts und links - wie viel verträgt unsere Demokratie?"
im Kulturverein "Brücke 7" in Niederschöneweide teilnehmen.
Am Dienstag hatte der Senator seine Zusage zurückgezogen, weil er
befürchtete, links- oder rechtsgerichtete Jugendliche könnten
die Veranstaltung stören. "Brücke 7"-Chef Claus Bubolz
hatte daraufhin an Körting geschrieben und auf seine Teilnahme gedrängt.
"In meinem Klub wird er nicht gestört, dafür lege ich meine
Hand ins Feuer", so Bubolz.
Die Treptower Antifa-Gruppe hatte im Vorfeld gegen die geplante Diskussion
protestiert. In "Brücke 7" würde NPD-Funktionären
ein Podium geboten, heißt es in einem Brief an den Innensenator.
Dagegen loben die Jungsozialisten im Bezirk das ehrenamtliche Engagement
des Vereins gegen Rechtsextremismus. Sie fordern, dass er unbefristet
zum freien Träger der Jugendhilfe wird. Denn nur dann kann "Brücke
7" Bundes- und Landesmittel in Anspruch nehmen, um als Jugend- und
Kulturzentrum "Für Toleranz gegen Gewalt" aufgebaut zu
werden. 114 000 Euro stehen bereit, sechs SAM-Kräfte sollen beim
Umbau eines Gebäudes eingesetzt werden. Zurzeit ist "Brücke
7" nur bis Anfang 2004 als freier Träger anerkannt. "In
drei Wochen verfallen die Mittel des Arbeitsamtes in Höhe von rund
32 000 Euro, wenn uns das Bezirksamt und der Landesjugendausschuss nicht
vorher die unbefristete Anerkennung erteilen", sagt Bubolz. Im Kuratorium
seines Vereins sind der Schriftsteller Günter Grass und Professor
Walter Jens.
------------------------------------------------------------------------
TOP
19.09.2003 Tagesspiegel
Auf Keller-Niveau
Innensenator
Körting traf sich in Köpenick mit Jugendlichen aus der rechten
Szene. Doch alles Reden brachte wenig
Vor der Brust baumelt an einem Kettchen ein kleines Eisernes Kreuz. Der
17-Jährige trägt die Miniaturausgabe des einstigen Kriegsordens
mit sichtbarem Stolz, genauso wie die Schnürstiefel, die Tarnhose
und das Polohemd mit den schwarz-weiß-roten Streifen am Kragen.
"Et kann einfach nich' sein, det sie die ganzen Ausländer hier
reinholen und nich' drauf achten, det sie wieder gehn'", berlinert
der Möchtegernkriegsheld sein Gegenüber an. Dieser sieht anders
aus: Dunkler Anzug, rote Krawatte, kurzärmeliges Hemd mit kleinen
Karos. Es ist der Innensenator leibhaftig, der nach einigem Hin und Her
am Mittwochabend doch nach Schöneweide zum "Kulturverein Brücke
7" gekommen ist - um mit jungen Extremisten zu diskutieren. Gekommen
ist allerdings fast nur rechtes Kurzhaarvolk, die Linken meiden das Lokal.
Ehrhart Körting schlägt sich wacker. "Wir haben damals
mehrere hunderttausend Menschen geholt, damit es uns gut geht", belehrt
er den jungen Träger des Eisernen Kreuzes. Der schüttelt nur
den Kopf.
Körting hat sich auf heikles Terrain begeben. Die Kneipe mit der
engen Kellergalerie ist umstritten, seitdem der umtriebige und stets heisere
Vereinschef Claus Bubolz versucht, junge Rechte und Linke an einen Tisch
zu holen. Bei einer Veranstaltung im Mai mischten sich NPD-Bundesgeschäftsführer
Frank Schwerdt und andere Berufsrechte unter das Publikum. Diesmal achtet
Bubolz darauf, dass der harte Kern draußen bleibt. Ein Rechtsextremist,
der als Anmelder vieler Aufmärsche bekannt ist, und Mitglieder der
"Kameradschaft Tor" ziehen maulend auf die andere Straßenseite
und starten eine Spontankundgebung. Die Neonazis entrollen ein schwarzes
Transparent, das Gewalt androht: Ein Vermummter holt zum Wurf einer Brandflasche
aus, daneben prangt die Parole "Gegen die Diktatur eurer Demokratie".
Und Körting wird in Sprechchören als "Heuchler" beschimpft.
Er nimmt es gelassen.
In dem engen, feucht riechenden Keller versucht der Senator, dem nationalen
Nachwuchs von den Pauschalparolen abzuhelfen. Als ein Neuköllner
Stiefelträger vorwurfsvoll behauptet, er sei von Arabern zusammengeschlagen
worden, gibt Körting zu, die Gewalt von Jugendlichen, gleich welcher
Herkunft, sei ein Problem in der Stadt. Und er verwahrt sich gegen Rausschmissphantasien.
Wenn nichtdeutsche Straftäter "hier geboren und hier aufgewachsen
sind, ist es unsere Aufgabe, sie zur Räson zu bringen", sagt
Körting. "Oder wie der Berliner sagt: Dann kriegt er mal eins
auf die Schnauze." Doch der derbe Tonfall scheint die Jungrechten
auch nicht zu überzeugen. Zumal Körting betont, die seit Jahrzehnten
in der Stadt lebenden Türken sind "Berlinerinnen und Berliner".
Ein Glatzkopf ruft:"Nein!", Körting ruft: "Doch!"
Mehr Niveau ist an diesem Abend nicht drin.
Der Verein "Brücke 7" hat ehrgeizige Ziele. Bubolz möchte
gegenüber vom S-Bahnhof Schöneweide eine Begegnungsstätte
aufmachen, die größer sein soll als das Domizil in der Brückenstraße.
Doch trotz der illustren Namen, die der Verein im Kuratorium versammelt
- unter anderem Günter Grass, Walter Jens, Björn Engholm - gibt
es Widerstand im Bezirksamt. Stadtrat Jochen Stahr bemängelt, Bubolz
habe "hunderte Faxe" geschickt, aber keine klare "Projektierung".
Und es müsse der Verdacht ausgeräumt sein, Neonazis könnten
die Begegnungsstätte nutzen, um sich für öffentliche Diskussionen
zu schulen. Bubolz reagiert allergisch: "Muss ich noch den Papst
zu Hilfe holen?"
------------------------------------------------------------------------
TOP
19.9.2003
taz Berlin
Körting
will drüber reden
Nach langem Hin und Her ging er doch: Innensenator Körting versuchte
im "Kulturverein Brücke 7" mit rechten Jugendlichen zu
diskutieren. Diese kontern mit Parolen. Antifa protestiert vor der Tür
Äußerlich
sehen die Jugendlichen im Veranstaltungsraum nicht anders aus als ihre
protestierenden Altersgenossen der Treptower Antifa, die vor dem "Kulturverein
Brücke 7 e. V." stehen. Gefärbte Haare, Ohrringe, der eine
trägt ein Basecap und der andere eine HipHop-Hose. Und kahl geschorene
Haare finden sich längst auch unter Anhängern der linken Szene.
Nur im Detail lassen sich Unterschiede erkennen: Der eine hat eine Kampfrune
als Anhänger um den Hals, der andere ein Kapuzenshirt der Marke Pitbull.
Berlins
Innensenator Ehrhart Körting schreckte das Outfit offenbar nicht
ab. Kurzfristig zog er seine Absage zurück und erschien zur Podiumsdiskussion,
zu der der Vereinsvorsitzende der Brücke 7, Claus Bubolz, am Mittwochabend
eingeladen hatte. Im Schlepptau: vier Bodyguards. Körting hatte noch
am Vortag seine Teilnahme abgesagt mit der Begründung: Es seien Prügeleien
zwischen Antifa-Gruppen und NPD-Anhängern zu erwarten. "Jetzt
ist es eine Veranstaltung, da sind halt ältere und junge Leute mit
unterschiedlichen Auffassungen", rechtfertigt Körting den Hickhack
um seine Teilnahme. Er wolle persönlich dazu beitragen, gefährdete
Jugendliche von der rechtsextremen Szene abzubringen. "Wie viel rechts
und links verträgt unsere Demokratie?", war demnach die Frage
der Diskussion, die genauso hätte lauten können: Wie viel rechts
und links verträgt der Kulturverein Brücke 7 e. V.? Geht es
nach Bubolz: Sehr viel. Er ist stolz darauf, dass sein Projekt in der
Treptower Brückenstraße 7 der einzige Verein der Stadt sei,
"wo linke Jugendliche mit Che-Guevara-T-Shirts und nationalistische
Jugendliche mit Glatzen und Schnürstiefeln gewaltfrei unter einem
Dach debattieren".
Die
Betonung liegt auf "nationalistisch". Denn von der Beschreibung
"rechts gerichtet" oder gar "rechtsradikal" möchte
er nichts wissen. Einige seiner Pappenheimer seien zwar stolz darauf,
deutsch zu sein. Für Bubolz sind sie damit aber noch lange nicht
rechtsradikal. Auch dann nicht, wenn sie den Innensenator mit Parolen
wie "das Boot ist voll" und Ausländer seien "alle
kriminell" und "Sozialschmarotzer" konfrontieren.
Körting
hält sich im Gespräch wacker. Und sein Mitdiskutant, der CDU-Vertreter
von Treptow-Köpenick im Abgeordnetenhaus, Carsten Wilke, ebenfalls.
Sie zitieren aus Statistiken, die beweisen, dass Ausländer den Deutschen
keineswegs Arbeitsplätze wegnehmen. Die meisten Jobs, die Ausländer
ausführten, würden viele Deutsche nach wie vor nicht übernehmen
wollen. Und auch die Ausländerkriminalität sei nicht wesentlich
höher als die Kriminalität bei Deutschen.
Die
meisten der Jugendlichen hören dem Innensenator zu, einige pfeifen
ihn aus. Einer verlässt den Raum mit demonstrativ erhobenem Arm.
"In der Demokratie sind Meinungen frei", sagt Körting nach
der Veranstaltung. Für ihn sei die Grenze erst dann überschritten,
wenn Volksverhetzung betrieben oder Gewalt propagiert werde.
Das
sehen die rund 20 Antifas draußen vor dem Eingang anders. Der Eintritt
zur Veranstaltung wurde ihnen verwehrt. Abgeschirmt von rund einem Dutzend
Polizisten stehen sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite
und protestieren lautstark gegen die Veranstaltung. Aus ihrer Sicht hat
der Verein Brücke 7 schon lange die Toleranzgrenze überschritten.
Faschismus und Fremdenhass seien keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
Bereits
vor einem halben Jahr stand der Kulturverein mit seinem Konzept unter
Beschuss. Damals hatten Antifa-Gruppen unter anderem deshalb gegen den
Verein protestiert, weil bei einer Veranstaltung die beiden führenden
Berliner NPD-Funktionäre Jörg Hähnel und René Bethage
anwesend waren. Damit heimste sich Bubolz den Vorwurf ein, der Verein
sei inzwischen selbst rechtsradikal unterwandert. Dies weist Bubolz von
sich.
In
der Tat: Im Kuratorium des Vereins sitzen keinesfalls rechtslastige Funktionäre,
sondern honorige Größen wie der Literaturnobelpreisträger
Günter Grass und Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister
Klaus Schütz. Ein Mann von der Antifa, der sich als Silvio Kurz ausgibt,
hält an seiner Kritik fest: Gespräche mit NPD-Funktionären
und Kadern der rechtsextremen Szene brächten nichts. Im Gegenteil:
Damit treibe man Neonazis nur mehr Kameraden in die Arme.
------------------------------------------------------------------------
TOP
19.9.2003
taz Berlin
"Man
braucht einen langen Atem"
Diskussionen
mit rechtsextremen Akteuren funktionieren nicht, meint Lorenz Korgel.
Rechtsextremen gehe es nicht um Dialog, sondern um die Demonstration von
Stärke. Sinnvoller sei, sich mit Opfern rechter Gewalt zu solidarisieren
taz: Herr Korgel, Dialog mit Rechtsradikalen - macht das Sinn?
Lorenz Korgel: Man muss unterscheiden: Es gibt sozialpädagogische
Maßnahmen, wo sich Pädgogen mit einzelnen rechtsextremen Jugendlichen
auseinander setzen. Das macht Sinn. Diskussionen in der Öffentlichkeit
hingegen gehen meist nach hinten los, weil unterschätzt wird, dass
es sich dabei um ausgebildete, rhetorisch geschulte rechtsextreme Akteure
handelt.
Die Auftritte der Rechtsextremen sind demnach Ihrer Meinung nach geplant?
Wir beobachten häufig, dass Rechtsextreme mit ganz gezielten Strategien
in solche Diskussionen hineingehen. Sie sprechen untereinander ab, wer
welche Diskussionsstränge vorgibt - der eine argumentiert emotional,
der andere argumentiert vernünftig - während eine Gruppe meist
jüngerer Leute den Raum besetzt und strategisch im Griff behält.
In den Diskussionen verfolgen sie alle zusammen das Ziel, die Inhalte
zu dominieren.
Sie meinen, das Dialogangebot an die Rechtsextremen wird als Arena für
einen Schaukampf benutzt?
Ja. Für die Angehörigen der potenziellen gegnerischen Gruppen
verlaufen diese Diskussionen nie demokratisch, weil sie sich immer bedroht
fühlen müssen. Meinungsfreiheit ist in diesen Diskussionen nicht
gegeben.
Warum dann solche Diskussionen, wie sie im "Brücke 7 e. V."
stattfanden?
Manchmal ist es pädagogische Blauäugigkeit, zu glauben, dass
sich rechtsextreme Ideologien in Dialogen auflösen lassen. Es wird
dabei verkannt, dass Rechtsextremismus kein vernunftgeleitetes Ideologieensemble
ist, sondern eine auf Vorurteilen und totalitären Wahrheiten aufgebaute
Überzeugung.
Ist mit solchen Dialogangeboten die Hoffnung verbunden, die Rechtsradikalen
könnten von ihren extremen Positionen abrücken?
Das wird damit bezweckt, aber ich habe das noch nicht erlebt. Insbesondere
wird es gefährlich, wenn rechtsextreme Akteure aus dem Umfeld von
Organisationen teilnehmen dürfen. Nach unserer Erfahrung ist der
Dialog mit rechtsextremen Cliquen außerdem so, dass sich die wortstarken
Cliquenführer mit den Pädagogen messen.
Und der Cliquenführer punktet?
Er kann nur gewinnen. In der Regel ist er Cliquenführer, weil er
die anderen überzeugt hat, und das wird er in einem derartigen Szenario
auch demonstrieren.
Heißt das: Finger weg von solchen Veranstaltungen?
Grundsätzlich ja. Leuten, die dennoch so etwas durchführen -
Pädagogen, Lehrer, Politiker - ist auf jeden Fall ein Argumentationstraining
zu empfehlen, weil die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Diskussion
geschult werden müssen.
Was schlagen Sie als Alternative vor?
Generell mangelt es an einer Solidarisierung mit Opfern rechtsextremer
Gewalt. Und an dem wirklichen politischen Willen, langfristig und konzeptionell
zu diesem Problem zu arbeiten. Den Besen, der das Problem Rechtsextremismus
hinwegfegt, den gibt es nicht. Man braucht dafür einen langen Atem.
"INTERVIEW: WALTRAUD SCHWAB
------------------------------------------------------------------------
TOP
24.09.2003
Tagesspiegel
Spezialeinsatzkommando beendete Fest der „Vandalen“
sehr schnell.
Die Rechtsradikalen feierten in einem Lokal des Bezirksamts Köpenick
Von Jörn Hasselmann
Eine größere
Party war dem Gastwirt angekündigt, bis zu 250 Leute, Mietvertrag
bis 5 Uhr früh, Grill im Garten und Livemusik. Der Pächter des
Casinos vom Sportverein „TSV Eiche Köpenick“ wurde nicht
mal argwöhnisch, als die beiden Männer bei den Vertragsverhandlungen
ankündigten, „dass vielleicht abends mal die Polizei vorbeischaut“.
Begründung: „Wir trinken gerne was, und dann werden wir etwas
lauter.“ „Wir“ – das war am Sonnabend die Neonazitruppe
„Vandalen“, die sich konspirativ zur Feier ihres 21. Geburtstages
verabredet hatte.
Dem Wirt Kai-Uwe B. hatten sich die Vandalen nach Tagesspiegel-Informationen
offen als Vandalen vorgestellt. Besondere Pointe: Die Kneipe gehört
dem Bezirk Köpenick, die Neonazis feierten also diesmal in öffentlichem
Eigentum. Köpenicks Bürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) reagierte
am Sonntag entsetzt: “Wir müssen schnell klären, wie es
dazu kommen konnte.“
Wie in den Vorjahren verdarb die Polizei die Feier. Um 21.30 Uhr stürmten
370 Polizisten den Ort, Das Spezialeinsatzkommando vorneweg, – zur
totalen Verblüffung des Pächters und zum absoluten Ärger
der Vandalen. Unter den Gästen waren nach Einschätzung des Polizei-Staatsschutzes
„bekannte Rechtsextremisten aus dem ganzen Bundesgebiet“,
darunter der frühere Kroatien-Söldner Eckart B. und Oliver Schweigert,
einst Anführer der „Nationalen Alternative“ in Berlin
sowie Mitglieder der rechtsextremistischen Bands „Landser“,
„DST“ („Deutsch, Stolz Treu“) und „Spreegeschwader“.
Die Vandalen hatten sich 1982 in der DDR gegründet, der Verfassungsschutzbericht
gönnt der Gruppe eine ganze Seite.
Vier der 160 Anwesenden wurden kurzzeitig festgenommen, sieben Anzeigen
geschrieben: Widerstand, verfassungsfeindliche Kennzeichen, versuchte
gefährliche Körperverletzung, aber auch Trunkenheit am Steuer.
Juristisch also angesichts der Größe des Polizeieinsatzes eine
magere Ausbeute. Aber dem Polizeieinsatzleiter geht es um die Verunsicherung
der Szene. Klar sei gewesen, dass die Vandalen an einem September-Wochenende
wieder ihre Geburtstagsfeier organisieren würden, sagte der Leitende
Polizeidirektor Michael Knape gestern dem Tagesspiegel. Von der Spezialeinheit
„Politisch Motivierte Straßengewalt“ (PMS) sei dann
das Lokal schon am späten Sonnabendnachmittag entdeckt worden –
die Vandalen waren beim Aufbau aufgefallen. Dann wurde gewartet, bis sich
der Saal füllt – und mehrere Hundertschaften der Polizei in
die Wendenschloßstraße geschickt. „Die PMS war wieder
hellwach“, lobte Knape die Einheit, die sich seit über zehn
Jahren intensiv mit der rechten Szene beschäftigt – und alle
kennt.
Aber auch die Vandalen hätten ihre Party gut vorbereitet. Es seien
sogar richtige Eintrittskarten gedruckt worden, berichtet der Einsatzleiter.
Doch die Polizei drehte der dort auftretenden, bislang nicht der Polizei
aufgefallenen Band sofort den Strom ab; und danach beendete der Pächter
das Fest. „Wegen arglistiger Täuschung“ wollte sich Pächter
Kai-Uwe B. nicht mehr an den Mietvertrag halten – und riegelte gegen
Mitternacht die Türen zu. Darüber waren die Vandalen genauso
sauer wie über den Polizeieinsatz – und drohten Ungemach an.
Die Polizei musste den Mann in der Folge vor seinen Gästen schützen;
es hagelte Platzverweise. Die letzten Vandalen verschwanden gegen 1.15
Uhr, in Köpenick kehrte Ruhe ein.
Polizeidirektor Knape nimmt dem Pächter ab, dass er keine Ahnung
hatte, wen er dort beherbergt. „Der wurde hinters Licht geführt.
Der war minutenlang völlig geplättet, nachdem wir dort reinmarschiert
sind“, sagte Knape. Doch Pächter B. kannte zumindest den wahren
Namen seiner Gäste: „Die sagten, sie heißen Vandalen
und feiern ihren Jahrestag. Ich war wohl sehr blauäugig.“
------------------------------------------------------------------------
TOP
24.09.2003
Berliner Zeitung
Rechte wussten offenbar von geplanter Razzia
Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Geheimnisverrats
Die Razzia gegen Neonazis am vergangenen Sonnabend in einem Lokal eines
Sportvereins in Köpenick ist offenbar verraten worden. "Die
Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wegen des Verdachts des Geheimnisverrats",
bestätigte Justizsprecherin Andrea Boehnke der Berliner Zeitung auf
Anfrage. Die Ermittlungen richten sich gegen "Unbekannt". Einen
Verdächtigen gebe es nicht, sagte die Sprecherin. Die Ermittlungen
waren eingeleitet worden, weil der zuständige Staatsanwalt während
der Durchsuchung in einem Gespräch mit einem Neonazi erfahren hatte,
dass die Rechten 45 Minuten vor der Razzia angeblich informiert worden
sind.
Als die Polizei gegen 21.30 Uhr das Vereinshaus eines Sportvereins stürmte,
spielte eine Rockabilly-Band Lieder aus den 60er-Jahren. Unter den Zuhörern
waren auch Mitglieder der rechtsextremistischen Bands wie "Landser",
"Deutsch, Stolz, Treue" und "Spreegeschwader". 370
Polizisten, darunter das Spezialeinsatzkommando, stürmten das Areal
in der Wendenschlossstraße und lösten die Feier zum 21. Gründungstag
der "Vandalen - Ariogermanischen Kampfgemeinschaft" auf. Die
Polizei kontrollierte jeden Gast und erstattete sieben Anzeigen wegen
Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, zeigen verfassungsfeindlicher
Kennzeichen, versuchter Körperverletzung sowie Trunkenheit am Steuer.
Kaum Freude
bei der Polizei
Die Veranstalter wollen Anzeige gegen die Polizei erstatten, weil die
Feier abgebrochen werden musste. "Wir hatten einen Vertrag mit dem
Lokalbetreiber für eine private Feier", hieß es bei den
Rechten. Die Geburtstagspartys werden von den Rechtsextremisten jedes
Jahr an einem September-Wochenende organisiert und haben sich auch bei
Neonazis aus dem Bundesgebiet und dem Ausland herumge- sprochen. Der obligatorische
Polizeieinsatz zählt schon fast zum Programmpunkt. Denn seit drei
Jahren werden die Partys regelmäßig von der Polizei gestört.
Im vergangenen Jahr sprengte die Polizei die Jahrestagsparty bei einem
Gastwirt in Marzahn. Wie damals schon, hielt sich auch dieses Mal die
Freude der Polizei über den Einsatz in Grenzen. Es sei zwar gelungen,
die Szene zu verunsichern, aber von einem Schlag gegen Rechts könne
keine Rede sein, sagten Polizisten. Das liegt daran, dass die Polizei
erst in letzter Minute erfährt, wo die Feiern statt finden. Denn
die Rechten hängen keine Plakate aus, sondern betreiben Mund-zu-Mund-Propaganda.
Einer der Organisatoren: "Man kennt sich untereinander, nicht jeder
kommt rein."
Gewaltbereit // Die Gruppe "Vandalen - Ariogermansiche Kampfgemeinschaft"
wurde 1982 in Weißensee gegründet und zählt derzeit zehn
feste Mitglieder. Der Verfassungsschutz klassifiziert die Gruppe als ideologisch-gefestigte
Neonazis. Ihre Ideologie basiert auf einen Germanenkult. Die Gruppe unterhält
weit reichende Kontakte zu anderen rechtsextremistischen Organisationen
im In- und Ausland.
Die Mitglieder der "Vandalen" gelten bei der Polizei als äußerst
gewaltbereit und stark waffeninteressiert. Seit Anfang der 90er Jahre
fallen die Vandalen durch Straftaten auf. Dazu gehören Körperverletzungen
und Propagandadelikte.
Die Polizei registriert gegenwärtig, dass die "Vandalen"
zunehmend Mitglieder und Sympathisanten rekrutiert. Vor allem Aktivisten
der in Deutschland verbotenen Skinhead-Organisation "Blood &
Honour" gehören zum Umfeld der "Vandalen".
------------------------------------------------------------------------
TOP
24.09.2003 Junge Welt
Flexibles Demokratieverständnis
Berliner Innensenator Körting (SPD) diskutierte mit Neonazis darüber,
wie weit Rechte gehen dürfen
Der "Kulturverein Brücke 7 e.V." im Berliner Stadtbezirk
Treptow hat sich wieder einmal ins Gespräch gebracht. In der vergangenen
Woche hatte er ein Streitgespräch zum Thema "Rechts und Links
- wieviel verträgt unsere Demokratie?" organisiert. Mit dem
Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte ein prominenter
Podiumsgast sein Kommen versprochen. Seine Diskussionspartner waren neben
dem Vereinsvorsitzenden Claus Bubolz Vertreter der Polizei, der Treptower
Antifa Gruppe (TAG) - und der überregional aktiven "Kameradschaft
Tor". Körting hatte nach linken Protesten gegen die gleichberechtigte
Teilnahme von Neonazis an der Diskussion sein Erscheinen zunächst
abgesagt. Die rhetorische Eingangsfrage war schnell beantwortet. Rechts?
Links? Einerlei - alles Extremismus.
Daß das Motto der Veranstaltung entsprechendes Publikum anziehen
würde, war abzusehen. Nicht umsonst nimmt die große Koalition
der Mitte jede Gelegenheit wahr, radikale Linke und bekennende Nazis als
gleichwertige Übel darzustellen. Gleichzeitig hatte der Podiumsgast
Carsten Wilke, der für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt,
mit den Nazis drinnen und draußen offenbar kein Problem.
Die TAG hatte schon vor Monaten auf die Politik des Kulturvereins aufmerksam
gemacht: Am 9. Mai fand in den Räumlichkeiten von "Brücke
7" eine Podiumsdiskussion zum Thema "Wie national dürfen
unsere Parteien und Randgruppen sein?" statt. Die NPD-Spitzenfunktionäre
Jörg Hähnel und René Bethage plauschten ausgelassen mit
den Gästen. Um dem Vorwurf zu entgehen, sein Verein sei ein rechtsradikales
Sammelbecken mit liberalem Anstrich, verweist der bekennende Sozialdemokrat
Bubolz gern auf das Kuratorium von "Brücke 7". Hier finden
sich neben Literaturnobelpreisträger Günter Grass auch der Sprachforscher
Walter Jens und Ex-Kultursenator Ulrich Roloff-Momin (SPD) sowie zahlreiche
weitere SPD-Politiker. Dennoch fanden in den Räumen des Vereins bereits
mehrmals Veranstaltungen statt, bei denen die lokale Neonazijugend erfreut
feststellen konnte, daß "nationale Aktivisten stets willkommen
waren". Die Antifa hingegen ist empört: Während der Innensenator
sich im Saal der "Sorgen und Nöten der Rechten annahm, bedrohten
draußen Neonazis nichtrechte Passanten", so TAG-Sprecher Silvio
Kurz.
------------------------------------------------------------------------
TOP
taz Berlin 23.9.2003
Leserinnenbrief zum taz Artikel | betr.: "Körting will drüber
reden", taz vom 19. 9. 03
Rechts
mit Links verwechselt
Ich
bin erstaunt, wie schlecht dieser Artikel recherchiert wurde. Es handelte
sich bei den so genannten 20 Antifaschisten vor der Tür nämlich
um eine Spontankundgebung der "Berliner Alternative Süd-Ost"
die durch Mitglieder der "Kameradschaft Tor" unterstützt
wurden. Die Antifa war am besagten Abend nicht in Erscheinung getreten.
OLIVER JONAS, Berlin
Die
Antifa wars nicht
Ihr berichtetet über eine Diskussionsveranstaltung im "Kulturverein
Brücke 7 e. V.", auf der Innensenator Körting mit rechtsextremen
Jugendlichen besprach, wie viel Rechts und Links die Demokratie vertragen
könnte. Wir haben in der Vergangenheit gegen solche Veranstaltungen
im Brücke 7 e. V. protestiert, da hier geschulten NPD-Funktionären
ein Podium geboten wurde, ihre menschenverachtende Propaganda zu verbreiten.
In
eurem Artikel werden von euch leider falsche Tatsachen behauptet. Ihr
schreibt, dass die rechtsextremen Jugendlichen im Veranstaltungsraum nicht
anders aussahen als ihre protestierenden Altersgenossen von der Treptower
Antifa, die vor dem Brücke 7 e. V. standen. Nur im Detail ließen
sich die Unterschiede erkennen. Doch leider hat es auch damit nicht geklappt:
Die Kundgebung draußen wurde von Aktivisten der Kameradschaftsszene
und der NPD gestellt, die unter dem Namen "Berliner Alternative Süd-Ost"
(BA-SO) auftraten. Auch der "Mann von der Antifa", den ihr interviewtet,
war nicht unser Pressesprecher Silvio Kurz.
So
schwer wäre die Unterscheidung zwischen AntifaschistInnen und Neonazis
auch nicht gewesen - immerhin war auf dem Transparent der Neonazis deutlich
"Kameradschaft Tor" zu lesen, und in einer euch zugestellten
Pressemitteilung erklärte die Treptower Antifa Gruppe (T.A.G.): "Durch
Körtings Täuschungsmanöver wurde versucht, öffentliche
Kritik an dieser zweifelhaften Gesprächsrunde zu verhindern. Während
sich Körting in den Räumlichkeiten des Brücke 7 e. V. der
Sorgen und Nöte der rechten Jugendlichen annahm, bedrohten und fotografierten
draußen Mitglieder der Kameradschaft Tor auf einer Kundgebung der
NPD nicht rechte Passanten." Wir hoffen, zukünftig nicht mehr
mit Neonazis verwechselt zu werden.
SILVIO
KURZ für die Treptower Antifa Gruppe (T.A.G.)
Der Verweis
auf die rechtsextremen Erscheinungsformen, mit dem Herr Lee versucht,
einen Einblick in die immer differenzierter werdende Kleidungs- und Symbolwelt
der Rechtsextremen zu geben, deutet eine Sensibilität für das
Thema Rechtsextremismus an. Nun habe ich selber an der Diskussionsveranstaltung
teilgenommen. Auch ich habe die Personen auf der gegenüberliegenden
Straßenseite wahrgenommen. Doch nur weil auf dem Transparent eine
Person mit einem Brandsatz in der Hand gemalt ist, heißt auch das
in der gegenwärtigen Zeit nicht mehr, dass es sich um "linke"
oder gar "Antifas" handelt. Das Gegenteil ist richtig.
Man
hätte es anhand der Transparentaufschrift lesen und erahnen können:
"Gegen die Diktatur eurer Demokratie!" Ich bin einfach herübergegangen
und habe mit den Protestierern gesprochen. Sie gaben zur Auskunft, nationale
Bildungsarbeit machen zu wollen … wohl kaum ein Anliegen der "Antifa"!
Auch den angedeuteten Sprechchor, dass Faschismus keine Meinung, sondern
ein Verbrechen sei, konnte ich nicht vernehmen, sondern stellte nur ein
"Arbeitsplätze, statt Kriegseinsätze!" fest - eher
eine NPD-Losung als ein Antifa-Slogan. INGO GRASTORF, Berlin
------------------------------------------------------------------------
TOP
30.9.2003 Morgenpost
Konzept zu vage
Jugendzentrum riskiert Förderung
So zerknirscht wie jetzt erlebt man Claus Bubolz selten. Der hyperaktive
Chef des Kulturvereins "Brücke 7" muss zugeben, dass er
wichtige Unterlagen für sein geplantes Jugend- und Kulturzentrum
nicht beim Bezirksamt Treptow-Köpenick eingereicht hat. Bisher schob
er der Verwaltung die Schuld dafür in die Schuhe, dass sein Projekt
"Für Toleranz gegen Gewalt" in Schöneweide nicht vorankommt.
Mitte September sollte der Startschuss fallen, rund 114 000 Euro an Bundes-
und Landesmitteln liegen bereit. In wenigen Tagen verstreicht für
einen Teil des Geldes die Abruf-Frist. Doch die Mittel fließen erst,
wenn "Brücke 7" vom Bezirksamt auf Dauer als freier Träger
der Jugendhilfe anerkannt wird.
Dafür setzt Jugendstadtrat Joachim Stahr (CDU) strenge Kriterien
an. "Die Anerkennung setzt voraus, dass uns ein inhaltliches Konzept
und ein Konzept für das Personal vorgelegt wird", sagt der Dezernent.
Letzteres habe er bis jetzt nicht bekommen, lediglich eine Liste mit ehrenamtlichen
Mitgliedern des Vereins. Bubolz wolle Jugendliche aus politischen Randgruppen
einbeziehen. "Das ist ein anspruchsvolles Vorhaben und kein Töpferkurs",
sagt Stahr. "Dafür braucht man gestandene Leute. Wir wollen
die Namen der Verantwortlichen wissen. Wir wollen wissen, welche Stufen
das Projekt haben soll. Wie die Mitarbeiter für diese Aufgabe qualifiziert
werden."
Bisher hat "Brücke 7" nur eine befristete Anerkennung als
freier Träger der Jugendhilfe, die im Frühjahr 2004 ausläuft.
Stadtrat Stahr: "Der Verwaltung liegt noch kein formaler Antrag vor,
dass der Verein vor Ablauf der Zeit unbefristet anerkannt werden will."
Vereinschef Claus Bubolz macht seit Jahren durch ungewöhnliche Initiativen
von sich reden. Kürzlich konnte er im letzten Moment Innensenator
Ehrhart Körting (SPD) für eine Diskussion mit rechten Jugendlichen
gewinnen, obwohl der Senator bereits abgesagt hatte. Im Kuratorium von
"Brücke 7" sind Persönlichkeiten wie Walter Jens,
Björn Engholm und Günter Grass. Bubolz, selbst SPD-Mitglied,
wird von den Jusos unterstützt. Die Treptower Antifa wirft ihm vor,
Neonazis ein Forum zu bieten.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner
Zeitung 05.11.2003
Aufmarsch in Halbe untersagt: Rechte wollen demonstrieren
HALBE. Ein
für den Volkstrauertag auf dem Waldfriedhof von Halbe (Dahme-Spreewald)
geplantes "Heldengedenken" von Rechtsextremisten ist von der
Ordnungsbehörde des Amtes Schenkenländchen nicht genehmigt worden.
Eine solche Veranstaltung sei mit der Friedhofsordnung nicht vereinbar,
hieß es. Rund 1 000 Anhänger so genannter Freier Nationalisten
und Kameradschaften waren von den Organisatoren der Veranstaltung auf
dem größten deutschen Soldatenfriedhof angemeldet worden. Die
Demonstration sollte unter der Parole "Ruhm und Ehre den deutschen
Frontsoldaten" stattfinden. Die Polizei als Versammlungsbehörde
hat die Feier offiziell noch nicht verboten. Auch für eine am Tag
zuvor angemeldete Protestveranstaltung antifaschistischer Gruppen an den
Gräbern ukrainischer Zwangsarbeiter sei keine Ausnahmegenemigung
durch das Ordnungsamt erteilt worden, informierten die Organisatoren am
Dienstag.
Bei Halbe fand im April 1945 die letzte Kesselschlacht des Zweiten Weltkrieges
statt. Dabei kamen mehr als 40 000 sowjetische und deutsche Soldaten ums
Leben. Auf dem Soldatenfriedhof liegen die sterblichen Überreste
von rund 22 000 Gefallenen, darunter auch 57 als Deserteure hingerichtete
Soldaten sowie einigen tausend Zwangsarbeitern.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Freitag,
07.11.2003
Polizei verbietet Aufmarsch auf Soldatenfriedhof
Rechtsextremisten wollten in Halbe demonstrieren
FRANKFURT
(ODER). Die Polizei hat den für den Volkstrauertag am 16. November
geplanten Aufmarsch rechter Gruppierungen auf dem Soldatenfriedhof in
Halbe (Dahme-Spreewald) verboten. "Wir haben uns auf das Feiertagsgesetz
berufen", sagte Klaus Kandt, amtierender Präsident des Frankfurter
Polizeipräsidiums, am Donnerstag. Die Anmelder hätten gegen
dieses Verbot keinen Widerspruch eingelegt. "Sie haben eine Ausweichveranstaltung
auf dem Friedhof für Sonnabend, den 15. November angemeldet",
so der Polizeidirektor. Auch diese Demonstration unter dem Motto "Ruhm
und Ehre dem deutschen Frontsoldaten" sei untersagt worden, da der
Soldatenfriedhof ein besonders schutzwürdiger Ort sei. Gegen dieses
Verbot hätten die Organisatoren beim Verwaltungsgericht Frankfurt
(Oder) geklagt. "Eine richterliche Entscheidung erwarten wir an diesem
Freitag", so Kandt. Wenn das Gericht das polizeiliche Verbot aufheben
sollte, werde man bei der nächsthöheren Instanz Einspruch einlegen.
"Sollte der Neonazi-Aufmarsch dennoch gestattet werden, so werden
rund 1 000 Polizisten im Großeinsatz sein", sagte Hans-Jürgen
Mörke, der zuständige Polizeiführer. Es komme dann darauf
an, Ausschreitungen zwischen Rechtsextremisten sowie linken Gruppen, die
ebenfalls zwei Aktionen in Halbe angemeldet haben, zu verhindern. "Jedermann
wird an diesem Tag in Halbe von der Polizei kontrolliert", so Mörke.
Alle Zufahrtsstraßen würden gesperrt. Käme es zu der geplanten
Neonazi-Demonstration, dann müsse diese vor dem Friedhof beendet
werden. "Trommeln, Fahnen und Uniformen sind verboten", sagte
Mörke. Auf dem größten deutschen Soldatenfriedhof in Halbe
liegen die sterblichen Überreste von 22 000 deutschen und sowjetischen
Soldaten sowie mehreren Tausend Zwangsarbeitern.
------------------------------------------------------------------------
TOP
11. 11.2003
Berliner Zeitung
Neonazi-Demo von Rudow nach Schöneweide
Rechtsextremisten
wollen am 6. Dezember von Rudow nach Schöneweide demonstrieren. Die
Demonstration unter dem Motto "Freiräume schaffen, nationale
Zentren erkämpfen!" soll vom U-Bahnhof Rudow über Johannisthal
nach Schöneweide verlaufen. Organisiert wird die Demonstration von
lokalen rechten Gruppen, die sich unter anderem "Berliner Alternative
Süd-Ost" nennen. Bei der Polizei sind 500 Teilnehmer angemeldet.
Gruppen wie die "Treptower Antifa" haben Gegenkundgebungen,
unter anderem am U-Bahnhof Zwickauer Damm, angekündigt.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues Deutschland 17.11.03
Volkstrauertag:
Nazis gedenken ihrer "Helden"
400 Antifaschisten protestieren in Halbe
Rund 700 Neonazis aus allen Teilen Deutschlands trafen sich am Samstag
im brandenburgischen Halbe, um auf ihre Weise den Volkstrauertag zu begehen.
Durch starke Polizeikräfte abgeschirmt, protestierten Antifaschisten
gegen den braunen Spuk.
Samstagvormittag am Bahnhof Halbe. Der Wirt vom "Goldenen Stern"
ist sauer. Er musste seine Gaststätte schließen, obwohl sich
doch so viele potenzielle Gäste wie noch nie vor seinem Haus sammelten.
Andererseits, die wollte er denn doch nicht in seinen Räumen haben.
Er lehnte am Zaun, schätzte die Anzahl der Polizisten und schimpfte
mit einem Nachbarn darüber, dass man so viel Geld ausgeben muss,
gerade jetzt, wo alles Soziale den Bach runter geht. Gegenüber der
Kneipe lehnte eine junge BGS-Beamtin am Absperrgitter und schaute finster
drein. Vor zwei Tagen sei sie aus Gorleben gekommen, dann musste sie zur
Nachtschicht und nun das hier. Während der bekannte Nazi-Führer
Christian Worch, der aus Hamburg mit einem Wagen voller Lautsprecher,
Fahnen, Transparente und Funkgeräte angereist war, Befehle über
den Bahnhofsplatz brüllt, kontrollierten Brandenburger Polizisten
sehr sorgsam, was die zuströmenden Neonazis in ihren Taschen hatten.
Wer angetrunken war, musste kehrt machen. Doch das waren nur sehr wenige.
Hier in Halbe versammelten sich nicht nur die üblichen dumpfen jungen
Skins, hier trafen sich ideologisch fest gefügte Kader. Deren Logistik
klappte. Eine Feldküche war aus dem Thüringischen angefahren,
Flugblätter wurden verteilt, Worch und andere Führer ließen
sich von einem Wall schwarzer Fahnen, auf denen nur noch die Runen von
Himmlers Mörderbande fehlen, umrahmen. Ein "Liedermacher"
wurde angekündigt. Der Kahlschädel verherrlichte die "Helden"
in Feldgrau als die "besten Soldaten der Welt", verleugnete
die Oder-Neiße-Grenze, schürte Hass auf den Wehrmachtsausstellungs-Macher
Reemtsma und drohte kritischen Journalisten, dass sie sich "für
ihre Lügen schon bald vor dem Rechtsgericht verantworten müssen".
Unterdessen ging schwarzes Klebeband herum. Die Polizei hatte angeordnet,
dass alle SS-Zeichen auf Kranzschleifen zu verschwinden hätten. Die
"Heldenverehrer", die sich - wie auf ihren Transparenten stand
- "treu" bleiben, klebten einfach ein "S" ab.
Derweil begleiteten Polizeifahrzeuge und berittene BGS-Polizisten die
ankommenden Gegendemonstranten jenseits der Gleise zum weit entfernten
Veranstaltungsort der Antifaschisten. Vor allem junge Leute waren gekommen,
um nicht wortlos zu dulden, dass Halbe zu einem Wallfahrtsort der Neonazis
wird. Der Waldfriedhof in Halbe ist die größte Grabstätte
für deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Hier liegen zwischen
rund 27000 Tote, die bei der Kesselschlacht von Halbe im April 1945 umgekommen
waren.
Doch was die Antifaschisten zu sagen hatten, klang weder zu den Nazis
durch, noch kam es an die Ohren der meisten Einwohner, die zumeist schweigend
zur Kenntnis nahmen, was vor ihren Türen vorging. Auf der Veranstaltung
der Antifaschisten sprach unter anderem Ludwig Baumann. Er ist als Wehrmachtsdeserteur
nur knapp mit dem Leben davon gekommen und kämpft seit vielen Jahren
als Vorsitzender der Vereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz gegen
die Gleichgültigkeit in diesem Land, die Nazi-Kult erst möglich
macht. Er war mit Blumen zum Friedhof gekommen, um die dort ebenfalls
begrabenen Deserteure und Zwangsarbeiter zu ehren. Erst nach langen Verhandlungen
und unter Polizeischutz durfte der alte Mann an deren Gräber.
Später gruppierten sich die Neonazis zum "Schweigemarsch".
Vor dem Friedhof gesenkte Fahnen, schwarze Transparente, drei Reihen Kränze.
Noch bevor Unbelehrbare, die - anders als die Tausenden, die in Halbe
begraben liegen - den Angriffskrieg der Nazis heil überstanden, ihre
markigen Durchhalte-Reden halten konnten, war ein Sprechchor zu hören:
"Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!" Vier, fünf Mal
wiederholten sich die Worte. Ein kleines, beherztes Grüppchen um
den Theologieprofessor Heinrich Fink, Vorsitzender der Vereinigung der
Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten, wollte den Spuk
nicht widerspruchslos geschehen lassen. Rasch war Polizei zur Stelle,
die "Ruhe und Ordnung" wieder herstellte.
Fink, der Tränen der Wut und Verzweiflung kaum zurückhalten
konnte, ist als Junge dem Kessel um Halbe nur knapp entkommen. Der ehemalige
Rektor der Humboldt-Universität und einstige PDS-Bundestagsabgeordnete
ist besorgt: "In einer Woche drei Skandale am rechten Rand, erst
die Sache mit dem CDU-Abgeordneten Hohmann, dann darf Degussa weiter am
Mahnmal für die ermordeten Juden mitarbeiten und nun marschieren
hier diese Nazis mit dem Segen unserer Gerichte…"
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner
Zeitung 17.11.03
Schönbohm will braunem Spuk ein Ende bereiten
700 Neonazis zogen durch Halbe - jetzt will der Innenminister das Versammlungsrecht
ändern
HALBE.
"Es sind traurige, armselige Gestalten. Und es ist unerträglich,
dass diese Leute vielleicht das Bild Deutschlands im Ausland prägen."
Das sagte Innenstaatssekretär Eike Lancelle angesichts der rund 700
Neonazis, die am Sonnabend erstmals nach zwölf Jahren wieder durch
die Gemeinde Halbe (Dahme-Spreewald) ziehen durften. Lancelle war am Sonnabend
zusammen mit Winfriede Schreiber, der Präsidentin des Polizeispräsidiums
Frankfurt (Oder), nach Halbe geeilt, wohl auch um ein politisches Signal
zu setzen.
1 200 Polizisten im Einsatz
Verwaltungsrichter hatten die Demonstration der Rechtsextremisten zum
dort gelegenen größten deutschen Soldatenfriedhof genehmigt.
"Ich respektiere zwar die Entscheidung der Gerichte", sagte
Lancelle. Aber nun müsse sich die Politik stark machen, um derartig
unerträgliche Umzüge in Zukunft zu verhindern. So wolle sich
Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) in der kommenden Woche in
der Innenministerkonferenz mit seinen Kollegen verständigen. Ziel
sei es, das Versammlungsrecht so zu ändern, dass rechtsextremistische
Aufmärsche an markanten Orten wie etwa Halbe für immer unterbunden
werden könnten.
Wenige Minuten, nachdem sich Lancelle so geäußert hatte, wurden
dem ehemaligen PDS-Bundestagsabgeordneten und früheren Rektor der
Berliner Humboldt-Universität, Professor Heinrich Fink, sowie einer
Lehrerin und einem jungen Mann durch Polizisten Platzverbot ausgesprochen.
Sie hatten bei der Kundgebung der Rechten vor den Toren des Soldatenfriedhofs,
bei der die Neonazis den Kampf von Wehrmacht und Waffen-SS verherrlichten,
lautstark mit "Mörder-Rufen" gegen den braunen Aufmarsch
protestiert. "Es ist ein Skandal, dass diese Leute durch Halbe ziehen
dürfen", sagte der 68-jährige Fink. Zuvor hatten zahlreiche
Teilnehmer einer linken Gegendemonstration versucht, zum Soldatenfriedhof
vorzudringen, um das "Heldengedenken" und die gewaltverherrlichenden
Ansprachen alter und neuer Nazis zu stören. Sie wurden jedoch von
der Polizei aufgehalten.
Rund 1 200 Polizisten aus Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern,
Sachsen und Thüringen waren im Einsatz, um eine Eskalation der Gewalt
zwischen den Neonazis und den etwa 350 Gegendemonstranten zu unterbinden.
"Ich bin mit der Arbeit der Beamten zufrieden", sagte Polizeipräsidentin
Schreiber später. "Es war wichtig, sicherzustellen, dass die
Rechten nicht auf den Friedhof kamen." Auch wurden die anderen Auflagen,
unter denen das Gericht die Neonazi-Demonstration genehmigt hatte, kontrolliert.
So durften die teils kahl geschorenen Teilnehmer keine Waffen, Fackeln
und Trommeln mitführen. Gleichschritt sowie das Tragen von Springerstiefeln
waren untersagt. SS-, SA- und andere Nazi-Symbole mussten auf Kranzschleifen
oder Tätowierungen überklebt werden.
Zwei Stunden lang konnten die Männer und Frauen mit der braunen Gesinnung
ungehindert durch Halbe ziehen - unter den Klängen von Wagner und
Smetana. Am Ende des Tages resümierte die Polizei, dass es lediglich
kleinere Zwischenfälle gegeben habe. "38 Mal erteilten wir Platzverweise",
sagte Polizeisprecher Peter Salender. Als völlig unakzeptabel bezeichnete
Andreas Schuster, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP),
den Aufmarsch der Neonazis und den daraus resultierenden Polizeieinsatz.
"Es ist schlimm, wie viele polizeiliche Kräfte hier gebunden
wurden, nur um diese Rechtsextremen zu schützen", sagte er.
Dabei hätte die Polizei genug andere Sachen in Brandenburg zu tun.
Auch nach Schusters Ansicht müsste das Versammlungsrecht schnellstens
geändert werden, damit der jährlich wieder in die Schlagzeilen
kommende braune Spuk in Halbe ein für allemal verhindert werden könne.
"Wenn der Innenminister in diese Richtung vorstoßen will, dann
hat er unsere volle Unterstützung", sagte der GdP-Landeschef.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues Deutschland
18.11.2003
PDS-Protest
gegen NPD-"Freiräume"
(ND). Die
PDS Treptow-Köpenick wendet sich entschieden gegen die Errichtung
eines Schulungszentrums der NPD in Treptow-Köpenick. In einer Entschließung
der Hauptversammlung des Bezirksverbandes wird vor "zunehmenden Aktivitäten
zur Verbreitung von antidemokratischem, rassistischem Gedankengut und
brauner Unkultur" nachdrücklich gewarnt. Der PDS-Protest richtet
sich zugleich gegen eine für den 6. Dezember angekündigte Demonstration
Freier Kameradschaften aus Berlin und Brandenburg von Rudow nach Schöneweide
unter dem Motto "Freiräume schaffen, nationale Zentren erkämpfen".
Die Partei ruft ihre Mitglieder auf, dieser Demonstration gemeinsam entgegenzutreten,
gemeinsam mit anderen Initiativen und Projekten kulturvoll und ideenreich
zu reagieren und auf Strassen und Plätzen Zeichen zu setzen.
------------------------------------------------------------------------
TOP
19.11.2003
Junge Welt
Keine
Heldenverehrung
Demo gegen aktuelle Rechtsentwicklung am elften Todestag des Hausbesetzers
Silvio Meier
Im Berliner
Stadtbezirk Lichtenberg ist nicht nur die rechte Szene ungebrochen aktiv.
Auch Antifaschisten zeigen zunehmend Initiative. Doch die Proteste der
vergangenen Jahre konnten nicht verhindern, daß sich die Neonazis
im Stadtteil auch überregional einer Vorreiterrolle rühmen können.
In den letzten Monaten gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen
rechten Hooligans und linken Jugendlichen. Anläßlich des elften
Todestages des Hausbesetzers Silvio Meier wollen antifaschistische Gruppen
kommenden Samstag wie jedes Jahr gegen rechte Umtriebe demonstrieren.
Der damals 27jährige war am 21. November 1992 in einem U-Bahnhof
ermordet worden.
Die Organisatoren der Demonstration von der Treptower Antifa Gruppe und
von der Antifaschistischen Linken Berlin haben Anfang der Woche erklärt,
man gehe nicht auf die Straße, um Silvio Meier "als ›Helden‹
zu verehren". Vielmehr nehme man den Todestag zum Anlaß, um
auf die gesellschaftliche Hintergründe von Neofaschismus aufmerksam
zu machen. Der Kampf gegen Neonazis und ihre Ideologie sei genauso wichtig
wie eine Auseinandersetzung "mit der allgemeinen gesellschaftlichen
Rechtsentwicklung".
Der Protest gegen Orte, an denen sich Neonazis im Stadtbezirk versammeln,
ist einer der inhaltlichen Schwerpunkte der Demonstration. Zu den aktiven
Neonazi-Organisationen in Lichtenberg gehört die "Kameradschaft
Tor". Sie plant mit anderen rechten Gruppen für den 6. Dezember
einen Aufmarsch. Die Antifa will das nicht hinnehmen und zu Gegenaktivitäten
mobilisieren.
Berlin, 22.
November, 15 Uhr am U-Bahnhof Frankfurter Tor: Demo
21. November, 17 Uhr, U-Bhf. Samariterstraße: Mahnwache; 21 Uhr
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner
Zeitung 20.11.2003
Der
NPD laufen die Mitglieder weg
Verfassungsschutz registriert dafür Wiederbelebung der örtlichen
Kameradschaftsszene
Berlins Neonazis formieren sich neu. Sie konzentrieren jetzt ihre Arbeit
auf die Kieze. Den Grund dafür sehen Sicherheitsbehörden in
einer Schwächung der rechtsextremen NPD. "Wir können eine
Wiederbelebung der Kameradschaftsszene feststellen", sagt der Sprecher
des Berliner Verfassungsschutzes, Claus Guggenberger. Im vergangenen Jahr
waren solche lokalen Neonazi-Gruppierungen den Behörden kaum aufgefallen.
Mittlerweile gibt es sogar Neugründungen, wie eine Kameradschaft
Reinickendorf. Auch das "Nationale Bündnis Preußen",
das bislang vor allem Treffs in Dorfgaststätten in der Region Barnim
und der Uckermark organisierte, ist erstmals in Berlin aktiv. Gleichzeitig
beobachten Verfassungsschützer eine zunehmende Vernetzung der Gruppen.
Diese konzentrieren sich verstärkt auf die Anleitung rechten Nachwuchses
- auf "nationale Aufbauarbeit", wie ein Aktivist formuliert:
"Wir wollen Teenager von der Straße holen und ihnen eine soziale
Perspektive in einer Gruppe geben. " Das passiert zum Beispiel gerade
im Südosten der Stadt. Dort etablieren sich seit einigen Monaten
zwei lokale Bündnisse, die der Verfassungsschutz unter dem Begriff
"Kameradschaft" führt: eine "Deutsche Gemeinschaft
Süd" in Rudow und die "Berliner Alternative Süd-Ost"
(BA-SO) in Treptow-Köpenick. Doch während Kameradschaften sich
szene-interne Aktivitäten organisieren, verstehen sich die neuen
Bündnisse als "Initiativen" nach außen: Unter anderem
machten Mitglieder im Sommer bei einem SPD-Fest in Rudow und einer Bürgerveranstaltung
in Köpenick zur Agenda 2010 auf sich aufmerksam.
Beide Gruppen treten auch als Veranstalter einer Demonstration unter dem
Motto "Freiräume schaffen, nationale Zentren erkämpfen!"
auf, die für den 6. Dezember angekündigt ist. Sie soll von Rudow
durch Johannisthal nach Schöneweide führen. Unterstützt
wird der Marsch durch mehrere Berliner Kameradschaften.
Vorbei scheinen die Zeiten, in denen die NPD-Führer zur zentralen
Demonstration ins Berliner Stadtzentrum befahlen und die Anhänger
scharenweise folgten. Nach dem Scheitern des Verbotsverfahrens im März
verliert die NPD in der Szene an Einfluss. Obwohl die Partei in Köpenick
ein "Nationales Schulungszentrum" plant, das überregional
Kader anziehen soll, sind rechte Strukturen außerhalb der Partei
für Neonazis interessanter geworden. "Das hängt unter anderem
damit zusammen, dass Teile der Rechtsextremen sogar in der NPD eine Systempartei
sehen", sagt Claus Guggenberger. Tatsächlich sank die Mitgliederzahl
der NPD nach Angaben eines Sprechers bundesweit von 6 500 auf 5 000 und
in Berlin von 260 auf 200. Doch selbst Parteimitglieder halten die neue
Mitgliederzahl noch für weit übertrieben. Inzwischen ist der
Kreisverband Südwest zusammengebrochen, und in Treptow-Köpenick
gibt es noch etwa fünf Aktive. Lediglich alte Mitglieder in Reinickendorf,
die sich noch aus Mauerzeiten kennen, halten noch zur Sache. Dennoch ist
sich Bianca Klose vom Zentrum Demokratische Kultur sicher, dass die NPD
nach wie vor großen Einfluss besitzt und Kader der rechten Szene
außerhalb der Partei schult. "Da sind schon massive Zusammenhänge
zu erkennen", warnt sie.
Tatsächlich machen einstige Funktionäre jetzt ohne ihre Partei
weiter. Etwa der 38-jährige René Bethage. Bis zu seinem Austritt
Ende September war er im Landesvorstand und Kreisvorsitzender für
Treptow-Köpenick. "Die NPD hat den Fehler gemacht, alles von
oben nach unten durchzudrücken", begründet er seine jetzige
Tätigkeit. "Aber wenn man keine funktionierende Basis hat, klappt
es eben nicht. " Seine "Basis", das sind bislang noch lose
agierende Jugendcliquen, deren Weltbild es Bethage zufolge zu festigen
gilt. Er versucht Gleichgesinnte zu organisieren, vor allem in Schöneweide
und Köpenick, und gründete besagte "Berliner Alternative
Süd-Ost". Bethage ist auch der Anmelder der Demonstration am
6. Dezember.
Dass die Abschlusskundgebung der Demo ausgerechnet in der Brückenstraße
vor dem Domizil des Vereins "Brücke 7" geplant ist, macht
deutlich, wie hilflos der Bezirk und lokale Initiativen im Umgang mit
Rechtsextremismus erscheinen. In den Räumen von "Brücke
7" hatte der Verein, zu dessen Kuratoriumsmitgliedern unter anderem
der Schriftsteller Günter Grass und der Ehrenpräsident der Akademie
der Künste, Walter Jens, zählen, in diesem Jahr mehrere Versuche
unternommen, mit rechtsextremen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.
Unter dem Motto "wie national" man eigentlich sein dürfe,
gab es eine Diskussionsrunde, bei der die Beteiligten hitzig aneinander
vorbei debattierten. Im September versuchte sich dann SPD-Innensenator
Ehrhart Körting an den Rechten, bei einer Veranstaltung unter dem
Motto "Rechts und Links - wie viel verträgt unsere Demokratie?".
Der Senator schlug sich wacker. Doch wenn die Veranstaltung einen Effekt
hatte, dann den, dass die Rechten in den Vereinsräumen an dem Abend
auf die Idee kamen, die BA-SO zu gründen.
Derweil eskalieren seit Monaten in Treptow und Neukölln die Auseinandersetzungen
zwischen Teenagern, die sich als links und rechts bezeichnen. Nur zwei
Beispiele von vielen: Am 23. Oktober wird laut Polizei ein rechter Jugendlicher
am Bahnhof Schöneweide von Linken zusammengeschlagen. Zwei Tage später
versuchen Skinheads einen Jugendclub in der Nähe zu stürmen.
Die Zivilbeamten der Polizei achten nicht nur auf die Rechten, sondern
auch auf Linke. Zum Beispiel auf eine so genannte Treptower Antifagruppe
(T. A. G. ), die sich gern konspirativ gibt und zu deren Umfeld etwa zehn
bis 20 Jugendliche zwischen 14 und 22 Jahren gehören. Als Sprecher
tritt ein 21-Jähriger auf, der sich Silvio Kurz nennt. Seine Truppe
bereitet sich schon eifrig auf den 6. Dezember vor, zu "Gegenaktionen"
und "Blockaden" auf. Das bezirkliche "Bündnis gegen
Rechts" ist Kurz zu lasch, und Sozialarbeitern, die sich um Rechte
kümmern, wirft er "akzeptierende Jugendarbeit" vor. Im
Internet veröffentlichte Kurz eine Broschüre unter dem Namen
"fight back", in der zur Jagd auf Neonazis aufgerufen wird.
Sogar Minderjährige werden mit vollem Namen und Foto gezeigt. Angesichts
dessen erhöhte das Bezirksamt die Zahl der Streetworker. Jugendstadtrat
Joachim Stahr (CDU) will einen "Runden Tisch" gegen Rechts initiieren.
Die Zwölf- bis 15-Jährigen bei den Rechten könne man noch
gewinnen, glaubt Stahr. Die Älteren seien jedoch verloren. "Die
sind weg. Mit denen kann man nichts mehr machen. Die schmeißen wir
auch aus unseren Jugendklubs raus. " Einem 13-Jährigen erteilte
Stahr im Frühjahr Hausverbot. Der Junge war in einem Johannisthaler
Jugendklub beim Surfen auf einer rechten Internetseite erwischt worden.
Seine Betreuung übernahm jetzt ein anderer: Ex-NPD-Funktionär
Bethage.
LESERBRIEF/Gegendarstellung
Betreff:
Berliner Zeitung, Donnerstag, 20. November 2003
"Der NPD laufen die Mitglieder weg Verfassungsschutz registriert
dafür Wiederbelebung der örtlichen Kameradschaftsszene"
VON ANDREAS KOPIETZ
Sehr geehrter
Herr Kopietz, wir möchten mit diesem Brief einige Unwahrheiten aus
ihrem Artikel richtig stellen.
Wir haben
niemals behauptet, das bezirkliche Bündnis "Bündnis gegen
Rechts" sei uns zu "lasch", und wir würden deswegen
daran nicht teilnehmen. Zu aller erst möchten wir betonen, dass wir
außerordentlich begrüßen, dass im Bezirk Treptow auch
von bürgerliche Seite etwas gegen Rechtsradikalismus unternommen
wird - des weiteren sind wir ebenfalls in einem vielfältigen Bündnis
"Gemeinsam Gegen Rechts" was in einem informellen Austausch
zum Treptower Bündnis steht. Die weitere Aussage, dass wir in der
Broschüre "Fight Back" zur "Jagd auf Neonazis"
aufrufen, ist ebenfalls falsch. In dieser Broschüre werden rechtsextreme
Strukturen aufgedeckt, und deren Drahtzieher benannt (dies geschieht auch
im Verfassungsschutzbericht). Außerdem sind die Artikel der Broschüre
nicht von uns geschrieben, auch wenn wir die Ausgabe für sehr wichtig
halten, um das Ausmaß lokaler Nazistrukturen öffentlich zu
machen. Außerdem wurden wir im gleichen Atemzug mit einem Überfall
auf einen rechten Jugendlichen am S-Bhf Schöneweide genannt. Im Artikel
erscheint der Eindruck, dass wir verantwortlich für diesen Übergriff
sind - auch dies ist absolut falsch. Wir haben definitiv nichts damit
zu tun, unsere Gruppenpolitik beschränkt sich auf legale Aktionsformen.
Mit Ihrem Artikel diskreditieren Sie legale Antifagruppen, wie wir eine
sind. Wir hoffen, dass Ihre Leser uns gegenüber weiterhin aufgeschlossen
sind, und wollen sie einladen mit uns und dem Bündnis "Gemeinsam
Gegen Rechts" an Gegenaktivitäten am 6.Dezember gegen den Naziaufmarsch
in Rudow und Treptow teilzunehmen. Treptower
Antifa Gruppe [T.A.G.]
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner
Zeitung 24.11.03
Polizei schließt in Johannistal Neonazi-Club
Anzeigen gegen Jugendliche
Auf einem
stillgelegten Industriegelände in Schöneweide hat die Polizei
gestern früh einen Treff jugendlicher Neonazis geschlossen. In den
Kellerräumen des ehemaligen "VEB Kühlautomat" am Johannistaler
Segelfliegerdamm hatten sich Jugendliche illegal einen Club eingerichtet.
Den Tresen und die Wände bemalten sie unter anderem mit zahlreichen
Hakenkreuzen, SS-Runen, Ku-Klux-Klan-Kürzeln und Werbung für
die Terrorgruppe Combat 18. Auf der Eingangstür stand die Aufschrift
"Wolfsschanze".
Wie lange der Treff schon existierte, ist unklar. Obwohl sich in unmittelbarer
Nähe eine Polizeiwache befindet, stießen die Beamten nur durch
Zufall auf die Rechten. Wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilte, seien
Polizisten einer Anzeige wegen Stromdiebstahls und Hausfriedensbruchs
nachgegangen. Unbekannte hatten auf einem benachbarten Telekomgelände
ein Stromkabel an einen Verteilerkasten angeschlossen. Als die Beamten
dem Kabel folgten, gelangten sie zu den Kellerräumen, die sich unter
einer Fabrikhalle befinden. Dort hätten sie fünf Jugendliche
im Alter von 15 und 20 Jahren angetroffen, die laute Musik von Nazi-Bands
hörten, so der Polizeisprecher. Die Polizisten beschlagnahmten CDs
und Kassetten und nahmen Anzeigen wegen des Verwendens verfassungswidriger
Kennzeichen auf.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel
3.12.2003
Körting
rechnet nicht mit Gewalt bei Neonazi-Demo am Samstag
Berlin (dpa/bb) - Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) rechnet
bei der Neonazi-Demo am Samstag nicht mit gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Die Polizei werde die Rechtsextremen und die linksradikalen Gegen-Demonstranten
auseinander halten, versprach Körting am Mittwoch. Notfalls werde
die Streckenführung noch geändert. "Die Polizei wird alles
tun, um eine Massenschlägerei zu verhindern", sagte er. Am Samstagvormittag
wollen rund 500 Rechte vom U-Bahnhof Rudow zum S-Bahnhof Schöneweide
ziehen.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel 3.12.2003
Man spricht deutsch - sicherheitshalber
Die NPD baut in Köpenick neben ihre Zentrale noch ein Schulungszentrum:
Einige Nachbarn reagieren verunsichert, andere haben sich mit der Situation
arrangiert
Wenn die
Kinder auf dem Hof spielen, sollen sie nur deutsch sprechen, hat die Mutter
ihnen gesagt. Der Vater, Werner Martens (Name geändert), erwähnt
es nebenbei. Er bleibt gelassen, wenn er über seinen Nachbarn nachdenkt,
die NPD-Parteizentrale. Seine Frau, ja, die habe Angst. Seine Frau ist
Polin. Und die polnische Verwandtschaft, so sagt Martens, war "schockiert",
als sie letztens auf Besuch in die Köpenicker Seelenbinderstraße
kam. Das Kinderzimmer geht zum Hof, mit Blick aufs NPD-Territorium. Im
Sommer hielten die Neonazis dort Pressekonferenzen im Freien ab. Martens
hat manchmal am offenen Fenster gelehnt und ihnen zugehört. Er verfolge
jetzt alle Berichte über die rechtsextreme Partei intensiver, sagt
er.
Wie viele andere im Bezirk. Seit die Parteizentrale der NPD vor drei Jahren
nach Köpenick gezogen ist. "Wenn ein Bezirk mit den Rechten
fertig wird, dann unserer", sagt Ernst Welters, PDS-Fraktionsvorsitzender
in der BVV. Es wurden Bündnisse gegen Rechts geschmiedet, Demos organisiert,
Diskussionen und Ausstellungen veranstaltet. Zumindest im Kernbereich
von Köpenick hat die "rechte Szene" bisher kaum Fuß
fassen können. Doch jetzt baut die NPD ihr Hauptquartier aus. Im
Sommer soll das "Nationaldemokratische Bildungszentrum in der Reichshauptstadt"
fertig sein, mit Schulungsraum, Bibliothek und Zimmern für Seminarteilnehmern.
Die Baugenehmigung wurde im Frühjahr 2003 erteilt, rechtlich war
nichts zu beanstanden. Nun fehlen noch 25000 Euro an Spendengeldern, sagt
NPD-Sprecher Klaus Beier. "Aber daran wird es nicht scheitern."
Bürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) ist die Lage nicht angenehm. Um
zu zeigen, dass man politisch nicht unterstützt, was man baurechtlich
genehmigt wurde, will das Parteienbündnis gegen Rechtsextremismus,
dessen Schirmherr Ulbricht ist, gegenüber der NPD ein "Zentrum
für Demokratie" einrichten. Auch dort soll es Seminare geben,
etwa ein Argumentationstraining gegen rechte Propaganda. Den Nachbarn
dagegen scheinen NPD-Zentrale und geplantes Schulungszentrum egal zu sein.
Was stört, sind Schmutz und Baulärm. "Sonst tun die uns
nix", sagt eine junge Frau, Krankenpflegerin. Für Politik habe
sie keine Zeit, schlimmer als die Rechten seien auf jeden Fall die "Grünen",
die einen vollquatschten. Harry Schatz, Rentner, ehemals Volkspolizist,
lobt, dass die Nachbarn von der NPD immer freundlich grüßen,
außerdem sei auch alles ganz sauber. Wählen möchte er
die NPD trotzdem nicht. "Generell nicht leiden" kann Fernfahrer
Michael Riedel die Rechten. Er wohnt gegenüber und weiß von
viel Unruhe, als die NPD in die Seelenbinderstraße 42 zog: Nazis-raus-Rufe,
Brandanschläge, nächtliche Plakataktionen. Inzwischen sei es
ruhiger. Riedel hat sich arrangiert mit der NPD. Sie belästigt ihn
nicht mehr, nicht mal mit Werbung. "Glatzen" sehe auch nicht
rumlaufen, nur "Ortsgruppenleiter" mit Schlips.
Bei den jüngsten Wahlen zum Abgeordnetenhaus bekam die Partei 50515
Stimmen in dem Stimmbezirk, zu dem die Seelenbinderstraße gehört.
Bei einer geringen Wahlbeteiligung waren das acht Prozent, weit über
dem Bezirksdurchschnitt. NPD-Gegner sagen, rechte Sympathisanten seien
extra dort hingezogen, um ihre Parteileitung zu unterstützen. Von
der ist tagsüber aber nicht viel zu sehen. In der NPD-Zentrale sind
die Rollläden halb geschlossen, der Fahnenschaft über dem Eingang
ist meistens leer. Das Haus wirkt unbewohnt. Dabei hatte Parteichef Udo
Voigt vor drei Jahren beim Einzug noch angekündigt, die Fahne werde,
wie damals, auch in Zukunft weithin sichtbar über dem Haus wehen.
Ein paar Häuserblocks von der Parteizentrale entfernt wird das Treiben
der NPDintensiv beobachtet. "Die schleichen rein und wieder raus,
ganz heimlich", sagt Marianne Heimann von der Ludwig-Turek-Bibliothek.
Wegen der vielen Nachfragen aus umliegenden Schulen hat sie reichlich
Fachbücher über das Dritte Reich im Regal stehen. Sogar Abbildungen
verbotener Abzeichen kann man bei ihr einsehen. "Wir haben schon
mal mit Material vom Verfassungsschutz ein Schaufenster gestaltet."
Die NPD-Leute hätten sich aber noch nie blicken lassen.
Als Rettungsanker könnte sich der Ausbau der NPD-Zentrale paradoxerweise
für das "Café" erweisen, ein grellbunt bemaltes
Haus der Köpenicker Punk-Jugend. Das "Café" kämpft
derzeit dagegen, geschlossen zu werden - und hat nunmehr ein neues Argument:
Die Straße braucht ein politisches Gegengewicht zur NPD, schon rein
optisch. Conny Heidrich, die Sprecherin der Initiative "bunt statt
braun", spricht von "gelebter Gegenkultur": "Das Café
jetzt zu schließen wäre ein blödes politisches Signal."
Bei Jugendlichen würde das etwa so rüberkommen: Die NPD baut
aus - und die linke Alternative wird kaputtgespart.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Morgenpost
3.12.2003
Razzien
und Abschreckung gegen Rechtsradikale
Regelmäßige
Razzien bei Zusammenkünften der rechten Szene und eine permanente
Überwachung jedes noch so kleinen Neonazi-, Skinhead- oder Hooligangrüppchens
- auf die wieder zunehmende Gewalttätigkeit der Rechtsradikalen in
Berlin reagiert die Polizei vor allem durch Abschreckung, amtlich als
Generalprävention bezeichnet. "Wir wollen diesen Leuten klar
machen, dass es nirgendwo in dieser Stadt einen Platz für ihre Aktivitäten
gibt" beschreibt Michael Knape, Leiter der Polizeidirektion 6 (Ost)
die Strategie der Polizei gegen die Rechten. Der Leitende Polizeidirektor
lässt seine Beamten seit Jahren konsequent gegen die rechtsextremistische
Szene vorgehen. Regelmäßig stattet ein mit voller Absicht martialisch
wirkendes Großaufgebot den Skinheads, Neonazis und Hooligans bei
ihren Zusammenkünften unangemeldete Besuche ab und sorgt dadurch
in aller Regel für ein abruptes Ende der Veranstaltungen. Fünfmal
innerhalb von zwei Monaten schlug die Polizei bei derartigen Veranstaltungen
zu.
Erst am vergangenen Wochenende suchte ein 270-Mann-Aufgebot der Polizei
eine Feier der "Hammerskins" in Pankow heim. Diese Truppe, die
sich selbst als Elite unter den "Kämpfern für die nationale
Sache" begreift, macht seit Jahren durch übelste Hetzparolen
und hohe Gewaltbereitschaft von sich reden. Nach dem Verbot der ebenso
übel beleumdeten Skinhead-Bewegung "Blood & Honour"
vor drei Jahren erhielten die "Hammerskins" weiteren Zulauf
von gewaltbereiten Rechtsradikalen. Komplettiert wird die Abschreckungsstrategie
mit einer Rundumüberwachung der Szene durch Verfassungsschutz, Staatsschützer
des Landeskriminalamtes und szenekundige Beamte der Einsatzgruppe PMS
(Politisch motivierte Straßenkriminalität). Das Ziel: Verunsicherung
der Szene. Ein Staatsschützer: "Dadurch werden zumindest Mitläufer
und Sympathisanten abgeschreckt und weiterer Zulauf für diese Gruppen
verhindert."
------------------------------------------------------------------------
TOP
Morgenpost 3.12.2003
Rechte Gewalt: Zahl der Delikte drastisch gestiegen
Steigerung
von 64 Prozent / Mehr als die Hälfte der Täter sind zwischen
13 und 19 Jahren alt
Berlin -
Die Zahl der von Rechtsradikalen begangenen Gewalttaten in der Hauptstadt
ist im ersten Halbjahr 2003 sprunghaft angestiegen. In den ersten sechs
Monaten dieses Jahres gab es bei solchen Delikten eine Steigerung von
64 Prozent im Vergleich zum Halbjahr davor. So wurden in der ersten Jahreshälfte
2003 in Berlin 41 Fälle von Körperverletzung, Landfriedensbruch,
Widerstand und Brandstiftung verübt, bei denen die Täter aus
dem rechten Spektrum kommen sollen. In den sechs Monaten davor verzeichnete
die Polizei nur 25 solcher Taten, im gesamten Jahr 2002 waren es 52. Mit
diesen Zahlen beantwortete Innensenator Ehrhart Körting eine schriftliche
Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus.
Rechtsradikale Gewalttäter sind in erster Linie Jugendliche und junge
Erwachsene im Alter zwischen 13 und 19 Jahren. 71 der in der Zeit von
Juli 2002 bis Juni 2003 ermittelten 129 Tatverdächtigen gehören
dieser Altersgruppe an. 38 weitere Verdächtige waren zwischen 20
und 29 Jahre alt.
Die meisten brutalen Übergriffe mit rechtsradikalen Motiven wurden
in Bezirken im Osten der Stadt begangen. Nach der Halbjahresstatistik
der Innenverwaltung hält Treptow-Köpenick mit neun Fällen
von Körperverletzungen den traurigen Spitzenplatz. In Pankow wurden
sieben Taten bekannt.
Auffälligster Bezirk im Westen der Stadt ist Neukölln, wo laut
Innensenator drei Körperverletzungen und zwei Fälle von Landfriedensbruch
mit jeweils rechtsradikalem Hintergrund bekannt wurden. Erkenntnisse über
die Gründe für die starke Zunahme der Taten in der ersten Jahreshälfte
konnte Körting auf die Abgeordneten-Anfrage nicht nennen. Er verwies
aber darauf, dass die Zahlen im langfristigen Statistik-Vergleich starken
Schwankungen unterliegen. Nach den Erkenntnissen des Berliner Verfassungsschutzes
gehören etwa 2700 Personen in der Hauptstadt der rechtsradikalen
Szene an. Als besonders gewaltbereit gelten Skinheads und Neonazis, die
sich vorwiegend in Kameradschaften und inzwischen auch in kleineren, lose
bis gar nicht organisierten Cliquen treffen.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel,
3.12.03
Elterninitiative: "Wir haben die Schnauze voll"
In Rudow ruft ein Polizist zum Protest gegen Nazimarsch
auf
Der Protest
gegen den für Sonnabend in Neukölln und Treptow-Köpenick
geplanten Neonazi-Aufmarsch breitet sich überraschend stark aus.
Neben Lokalpolitikern und Antifagruppen ruft nun auch eine Elterninitiative
mit einem ungewöhnlichen Mitglied zu Gegenwehr auf. Einer der Sprecher
der Initiative ist der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats der Berliner
Polizei, Uwe Hundt. Der Hauptkommissar betont jedoch, er beteilige sich
nur als Privatmann an dem Protest gegen den braunen Umzug. Die private
Wut ist allerdings enorm. "Wir haben als Eltern die Schnauze voll",
empört sich Hundt. "Wir wollen die Rechten nicht mehr in dieser
Stadt sehen." Und Hundt berichtet von zwei Vorfällen, die seinen
Ärger angefacht haben.
Da sei die türkische Mutter aus der Bekanntschaft, "die grundsätzlich
nur noch mit dem Taxi nach Hause fährt". Die Frau aus der Gropiusstadt
sei im Bus von Neonazis angepöbelt worden und meide nun aus Angst
den öffentlichen Nahverkehr, sagt Hundt. Fall zwei: Seine 17-jährige
Tochter habe sich an der Straßenkreuzung "Rudower Spinne"
eingemischt, als Freundinnen mit ausländischem Aussehen von Rechtsextremisten
beleidigt wurden. Die Täter hätten der Tochter zynisch geantwortet:
"Du als Deutsche bist doch blond und blauäugig." Hundt
und seine Frau begleiten inzwischen die türkischen Freundinnen, die
ihre Tochter besuchen, vom und zum U-Bahnhof Rudow. Dieser liegt an der
"Spinne", in deren Umfeld sich häufig Rechtsextremisten
aufhalten.
Auf dem Parkplatz am U-Bahnhof werden sich denn auch die Neonazis am Sonnabend
versammeln. Die Polizei erwartet etwa 250 Rechtsextremisten, vor allem
aus dem Spektrum der "freien Kameradschaften" und der Skinheadszene.
Die Neonazis wollen über die Neuköllner Straße, Stubenrauchstraße,
Massantebrücke, den Sterndamm und die Grünauer Straße
zum Platz vor dem S-Bahnhof Schöneweide ziehen. Als seltsamen Gag
empfindet die Polizei die Ankündigung, mit einfarbigen Fahnen herumzuziehen
- obwohl schwarze untersagt sind und rote vermutlich nicht in Frage kommen.
Uwe Hundt und die Elterninitiative "Rudow - Gegen Rechts!" wollen
um 11 Uhr von der Ecke Neudecker Weg/Im Bauernbusch aus zur Köpenicker
Straße und von dort zur Straße Alt-Rudow ziehen. Diese Route
kreuzt weder die der Neonazis noch der linken Gruppen, die den braunen
Marsch behindern wollen. In Treptow-Köpenick ruft Bürgermeister
Klaus Ulbricht (SPD) zu einem "Bunten Markt gegen braune Einfalt"
auf. Außerdem wird sich das Bündnis "Bunt statt braun"
mit "Trommeln gegen Rechts" Gehör verschaffen. Nach dem
Abgang der Neonazis wollen Joachim Gauck, Vorsitzender des Vereins "Gegen
Vergessen - Für Demokratie", und der Generalsuperintendent der
Evangelischen Kirche Berlins, Martin-Michael Passauer, vor dem früheren
Johannisthaler Rathaus sprechen. Und die Rudower SPD hat sich vorgenommen,
mit Besen die Marschroute der Neonazis zu säubern, wenn die sich
verzogen haben. Frank Jansen
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner
Zeitung Donnerstag, 04.12.2003
Neonazis schlagen öfter zu
Zahl der Gewalttaten in diesem Jahr gestiegen / Die radikalen Parteien
verlieren Mitglieder an rechtsextremistische Kameradschaften
Nach Jahren der Stagnation belebt sich die neonazistische Kameradschaftsszene
in Berlin wieder. Wie berichtet, konzentrieren sich die extremen Rechten
seit einigen Monaten auf die "nationale Aufbauarbeit" in den
Kiezen. Gruppen außerhalb der NPD haben Zulauf, während der
Partei die Mitglieder weglaufen - und nicht nur ihr. "Die rechtsextremistischen
Parteien haben 2003 maßgeblich an Mitgliedern verloren", sagte
Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Er stellte gestern das "Lagebild
Rechtsextremismus" vor, das seine Verfassungsschützer verfasst
haben.
Die Aktivitäten der DVU beschränken sich nur noch auf gelegentliche
Mitgliederversammlungen und Stammtische, teilte Körting mit. Die
Republikaner sind tief zerstritten, ihr Parteileben ist fast zum Erliegen
gekommen. "Bei denen muss man irgendwann darüber nachdenken,
ob sie es noch wert sind, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden",
sagte Körting.
Auch die NPD sei in einer Krise. "Nach der Einstellung des Verbotsverfahrens
hatten alle gedacht, die Partei bekäme Aufwind. Aber in der Neonazi-Szene
wird die NPD jetzt als Systempartei angesehen" - also als Teil der
verhassten Demokratie. Die Verfassungsschützer zählen immerhin
noch 240 NPD-Mitglieder in Berlin, doch selbst die Parteiführung
spricht nur noch von etwa 200. Sie begründet den Schwund mit selbst
aussortierten "Karteileichen". Inzwischen sind ganze Kreisverbände
nicht mehr arbeitsfähig.
Von einer Schwächung der Rechten kann dennoch keine Rede sein. Mit
2 380 Personen ist das "rechtsextremistische Potenzial" konstant
geblieben, teilte der Verfassungsschutz mit. Man findet es zum Beispiel
bei den Autonomen Nationalisten Berlins (ANB), die sich dem Kampf gegen
die "Antifa" verschrieben haben. Sie sind dazu übergegangen,
politische Gegner zu bedrohen und anzugreifen - zum Beispiel einen Marzahner
PDS-Bezirksverordneten und einen Pankower Stadtrat. Auch ein Steinwurf
auf einen Jugendlichen in einer Straßenbahn Mitte November wird
der ANB zugeschrieben.
Überhaupt registriert der Verfassungsschutz deutliche Steigerungen
bei der Zahl rechter Gewalttaten. Während im vergangenen Jahr 52
Gewaltstraftaten begangen wurden, waren es im ersten Halbjahr dieses Jahres
schon 41. Dabei verschoben sich die geografischen Schwerpunkte. Im vergangenen
Jahr wurden in Marzahn-Hellersdorf 30 Prozent aller rechtsxtrem motivierten
Körperverletzungen registriert, nun sind es noch neun Prozent. Eine
Erklärung haben die Verfassungsschützer dafür nicht. Inzwischen
entfallen 34 Prozent aller rechtsextremen Gewalttaten auf Treptow-Köpenick.
Vermehrt sei es dort in der jüngsten Zeit auch zu Auseinandersetzungen
zwischen Rechts- und Linksextremisten gekommen, so der Verfassungschutz.
Die Behörde meldet auch Neugründungen wie die Kameradschaft
Reinickendorf und die Berliner Alternative Süd-Ost (BASO) in Treptow-Köpenick.
Letztere gruppiert sich wie berichtet um den Ex-NPD-Funktionär René
Bethage. Er hat auch den für Sonnabend geplanten Neonazi-Aufmarsches
von Rudow nach Schöneweide angemeldet. Bei der Veranstaltung sollen
"Nationale Zentren" für rechte Jugendliche gefordert werden.
Körting zufolge versuchen derartige Gruppen sich um neue Themenfelder
wie die soziale Lage von Jugendlichen zu kümmern. Dabei würden
sie sich auch unkonventioneller Methoden bedienen. Zu diesen Methoden
gehört, dass Bethages Kameraden gestern versuchten, in die Sprechstunde
des Bürgermeisters im Rathaus Köpenick zu gelangen. Dazu gehört
auch, dass die Rechten Innensenator Körting für die Demo am
Sonnabend als Redner eingeladen haben. Der Senator lehnte jedoch ab.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Taz 4.12.2003
Rechte Szene im Aufwind
Die Gewalt von rechts hat nach einem Bericht des Innensenators erheblich
zugenommen. Besonders aktiv sind "Kameradschaften". Am Samstag
wollen sie durch Neukölln und Treptow marschieren
Die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten hat in Berlin im Vergleich zum
Vorjahr stark zugenommen: 41 Angriffe von Rechten wurden schon bis Ende
Juni gezählt. Aufs Jahr gerechnet sind das fast doppelt so viele
wie im vergangenen Jahr, in dem 52 Gewalttaten gezählt wurden. Das
sagte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) gestern bei der Vorstellung
des "Lagebilds Rechtsextremismus". Insgesamt registrierten die
Behörden in diesem Jahr bereits 494 Strafttaten mit rechtem Hintergrund.
Als Schwerpunkte rechter Gewalt gelten die Bezirke Treptow-Köpenick
sowie Pankow und Neukölln. Damit sei es zu einer deutlichen geografischen
Verschiebung gekommen, sagte Körting. Denn im Vorjahr hatte der Bezirk
Marzahn-Hellersdorf mit 30 Prozent aller Angriffe den Spitzenplatz. Rechtsextreme
Kader seien vermehrt in die jetzt betroffenen Bezirke umgezogen, führte
Körting zur Begründung an. Eine Erklärung für den
Anstieg der Angriffe, die nach seiner Ansicht zumeist "spontan, ohne
Planung und oft unter Alkoholeinfluss" erfolgen, hatte Körting
nicht.
Sabine Seyb von der Beratungsstelle "Reach Out", die Betroffene
rechter Angriffe unterstützt, führt den Rückgang in Marzahn-Hellersdorf
und Hohenschönhausen auch darauf zurück, "dass potenzielle
Opfer inzwischen öffentliche Verkehrsmittel meiden und nachts nicht
mehr auf die Straße gehen". Bei Reach Out hofft man, dass die
gestiegenen Zahlen ein verändertes Anzeigeverhalten widerspiegeln.
Als Besorgnis erregend bezeichnete Körting den starken Zulauf bei
neonazistischen Kameradschaften. Kameradschaften wie die "Berliner
Alternative Süd-Ost" (Baso) übten eine hohe Anziehungskraft
auf rechte Jugendliche aus. Die Kameradschaft Baso wird von dem ehemaligen
NPD-Kader René Bethage angeleitet und ist in Treptow-Köpenick
aktiv. Auch die "Kameradschaft Reinickendorf" sowie die "Autonomen
Nationalisten Berlin" und die "Kameradschaft Tor" sind
den Behörden durch "öffentlichkeitswirksame Aktionen"
aufgefallen. Rechte Parteien wie NPD, DVU und Republikaner sieht der Verfassungsschutz
hingegen in der Krise.
Rechte Terrorstrukturen sieht Körting in Berlin dagegen nicht - auch
wenn die Sprengstoffanschläge auf das Grab des ehemaligen Vorsitzenden
der Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, noch immer unaufgeklärt
sind. Allerdings mache die Entstehung von "Mischszenen zwischen rechtsextremen
Skinheads, Neonazis, Rockern und Rechtsextremisten aus dem Hooliganmilieu
die Auseinandersetzung viel schwieriger".
Erfolge vermeldete Körting in zwei Bereichen: Rechte Konzerte würden
konsequent unterbunden, und auch intellektuelle Rechtsextremisten seien
- mit Ausnahme von Horst Mahler - in Berlin nicht sonderlich aktiv.
Wie Neonazis ihre Freizeit gestalten, enthüllten autonome Antifaschisten
Ende November in Schöneweide. Dort hatten sich Aktivisten der Baso
im Keller eines leer stehenden Fabrikgebäudes in unmittelbarer Nachbarschaft
einer Polizeiwache einen Bunker eingerichtet - mitsamt großflächigen
Hakenkreuzen und dem weißen Schriftzug "Wolfsschanze"
an der Tür.
Am Samstag will die Kameradschaft Baso unter dem Motto "Freiräume
schaffen, nationale Zentren erkämpfen" gemeinsam mit rund 500
Berliner und Brandenburger Neonazis Neukölln bis zum S-Bahnhof Schöneweide
marschieren.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner Morgenpost, 4.12.03
Kameradschaften
erstarken
Gruppen schwierig zu beobachten - Rechtsextremistischen Parteien laufen
Anhänger weg
Den rechtsextremistischen
Parteien in Berlin laufen die Mitglieder weg. Gleichzeitig finden Neonazis
in der wieder erstarkenden Kameradschaftsszene ein Auffangbecken. Nach
dem Lagebild Rechtsextremismus, das Innensenator Ehrhart Körting
(SPD) gestern vorstellte, bilden sich außerdem Mischszenen aus Skinheads,
Neonazis, Hooligans und Rockern. Der Verfassungsschutz schätzt das
"rechtsextremistische Potenzial" in Berlin unverändert
zum Vorjahr auf etwa 2500 Personen. Gut 600 sind jeweils in der DVU und
bei den Republikanern Mitglieder, der NPD gehören etwa 240 Männer
und Frauen an. Zu Neonazis und sonstigen gewaltbereiten Rechtsextremisten
rechnet der Verfassungsschutz gut 1000 Personen.
Als "entscheidende Entwicklung dieses Jahres" beim Rechtsextremismus
sieht der Innensenator "die Wiederbelebung der Kameradschaftsszene".
Sie sei nach Jahren der Stagnation erstmals wieder durch eigenständige
öffentlichkeitswirksame Aktionen in Erscheinung getreten, sagte Körting.
"Neben Aktivitäten der bereits bekannten Kameradschaften konnten
ambitionierte Neugründungen beobachtet werden. Hierbei handelt es
sich um die "Berliner Alternative Süd-Ost" (BASO) und die
"Kameradschaft Reinickendorf", teilte er mit. Die Gruppen verlegen
ihre Aktivitäten zunehmend in die Bezirke. So hat die BASO ihren
Aktionsschwerpunkt in Treptow-Köpenick. Als treibende Kraft gilt
aus Sicht des Verfassungsschutzes der dortige frühere NPD-Kreisverbandschef
Rene Bethage, der mehrfach Demonstrationen anmeldete, so auch die am Sonnabend
geplante. Als Folge der Aktivitäten der BASO gilt die Tatsache, dass
sich in Treptow-Köpenick in der ersten Jahreshälfte die meisten
rechtsextremistischen Gewalttaten ereigneten.
Die Kameradschaften versuchen nach Körtings Angaben verstärkt,
unkonventionelle Wege zu gehen: "Sie besetzen ganz neue Felder, indem
sie sich etwa um die soziale Lage der Jugendlichen kümmern."
Für den Innensenator sind die Gruppen auch deshalb gefährlich,
weil sie schwieriger als Parteien zu beobachten sind. "Außerdem
scheint sich eine Führungsszene herauszubilden, die zu gemeinsamen
Aktionen fähig scheint", unterstrich Körting. Ob dieser
Prozess aber von Dauer sei, sei völlig offen und hänge davon
ab, ob die Führungspersonen Konkurrenz untereinander vermeiden und
neue Anhänger gewinnen könnten. Terroristische Strukturen in
der rechten Szene in Berlin hat der Verfassungsschutz bisher nicht festgestellt.
Zwei Drittel der Skinheads in der DDR geboren
Der Verfassungsschutz schätzt die Zahl der als gewalttätig geltenden
rechtsextremistischen Skinheads in Berlin auf etwa 370. Einen gründlichen
Einblick in diese Szene ermöglicht jetzt eine 86- seitige Broschüre,
die die Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, gestern
vorstellte. Nach den Erkenntnissen ihrer Behörde sind die Verbindungen
zwischen neonazistischen Skinheads und anderen rechtsextremistischen Gruppen
in der Hauptstadt in den vergangenen Jahren enger geworden.
Etwa 80 Prozent der so genannten Glatzen wohnen im Ostteil der Stadt.
Besonders stark betroffen sind Marzahn, Lichtenberg und Pankow. Zwei Drittel
aller Berliner Skinheads sind in der ehemaligen DDR geboren. Gut die Hälfte
zählt zur Altersgruppe der 19- bis 27-Jährigen. Sie sind Organisationen
gegenüber feindlich eingestellt und lehnen deshalb auch Parteien
weitgehend ab.
Die rechtsextremistischen Skinheads fühlen sich in ihrer Clique wohl
und gut aufgehoben. Sie verherrlichen Gewalt, die sie als Spaß betrachten.
Von der Gewaltbereitschaft hängt das Prestige in der Gruppe ab. In
Deutschland gibt es seit mehr als 20 Jahren Skinheads. Die Berliner Szene
spielte von Beginn an eine zentrale Rolle in Deutschland.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel, 4. 12. 2003
Rechte
Bildungsoffensive
Vor allem in Ostdeutschland werden Schulungsstätten gebaut
Die rechtsextreme
Szene baut seit etwa drei Jahren verstärkt Schulungsstätten
auf: vor allem in Ostdeutschland, wo sie mehr Zulauf erwartet. In einigen
Fällen profitiert die Szene von den Spenden älterer Anhänger.
Auch das NPD-Haus in Köpenick sei von dem inzwischen verstorbenen
Carl-Arthur Bühring für die Führung der Partei gekauft
worden, berichtete der SPD-nahe Infodienst "Blick nach Rechts".
Im sächsischen Gränitz versucht der frühere NPD-Chef Günter
Deckert, einen leeren Gasthof herzurichten. Ein weiteres Projekt betreibt
Deckert in Annaberg. Pompös geplant hat Ex-NPD-Funktionär Steffen
Hupka in Trebnitz (Sachsen-Anhalt). Dort soll in einem früheren Schloss
ein "Nationales Schulungszentrum Mitteldeutschland" entstehen.
Als Geldgeber nennt der "Blick nach Rechts" unter anderem den
Hamburger Szene-Anführer Christian Worch, den rechtsextremen Liedermacher
Frank Rennicke und den Rentner Rolf Hanno. Dieser soll Hupka ein 200000-
Euro-Darlehen gegeben haben. Hanno habe auch Deckert finanziell unterstützt.
Im thüringischen Fretterode hat sich der aus Niedersachsen stammende
Neonazi Thorsten Heise ein Anwesen zugelegt. Andere West-Nazis zieht es
nach Mecklenburg-Vorpommern: In Amholz kauften der Hamburger Thomas Wulff
alias "Steiner" und ein niedersächsischer Rechtsextremist
ein Herrenhaus. Das sei aber weniger eine Schulungsstätte, sondern
mehr ein "Mehrfamilienwohnobjekt". Fan
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel, 4. 12. 2003
Neue
Kameradschaften und wieder mehr rechte Gewalt
Polizeistatistik weist Neukölln und Treptow-Köpenick als
Schwerpunkte aus
Der Senator
wirkte besorgt. Die neonazistischen Kameradschaften hätten nach Jahren
der relativen Ruhe verstärkt Zulauf, parallel dazu sei die Zahl der
rechten Gewaltdelikte im ersten Halbjahr deutlich gestiegen, trug Ehrhart
Körting (SPD) gestern im Roten Rathaus vor. Während 2002 insgesamt
52 Gewaltdelikte registriert wurden, seien es in den ersten sechs Monaten
2003 bereits 41 gewesen. Doch daraus "sollte man keine Tendenz ablesen",
sagte der Senator, jedes Jahr gebe es "Schwankungen". Außerdem
sei die Zahl aller rechten Taten nur leicht gestiegen. Im ersten Halbjahr
zählte die Polizei 494 Delikte, das ist wenig mehr als die Hälfte
der 948 rechten Straftaten im Jahr 2002.
Terroristische Strukturen wie in München, wo eine braune "Kameradschaft"
einen Anschlag auf die Baustelle des jüdischen Gemeindezentrums plante,
gebe es in Berlin "zum Glück" nicht, sagte Körting.
Auffallend sei allerdings die "örtliche Verschiebung":
34 Prozent der rechten Gewaltdelikte wurden in Neukölln und Treptow-Köpenick
festgestellt. 2002 lag Marzahn-Hellersdorf an der Spitze, in Neukölln
und Treptow-Köpenick registrierte die Polizei damals im ganzen Jahr
nur fünf Gewalttaten. Doch jetzt sei vor allem in Rudow eine rechtsextreme
Gruppe "in Erscheinung getreten", wie der Senator vornehm formulierte.
Gemeint war die Kahlkopfclique, die den Verkehrsknotenpunkt "Rudower
Spinne" unsicher macht und auch im benachbarten Treptow-Köpenick
prügelt. Im April provozierten die rechten Halbstarken in Rudow eine
Massenschlägerei. Sechs Türken wurden angepöbelt, mit Fäusten
und einer Baseballkeule attackiert. Zur Eskalation brauner Gewalt passt,
dass sich eine neue "Kameradschaft" gebildet hat, die "Berliner
Alternative Süd-Ost (Baso)".
Als treibende Kraft gilt René Bethage, der in den vergangenen Jahren
NPD-Aufmärsche anmeldete, doch im September die Partei verlassen
hat. Die Baso versuche, "neue Felder zu besetzen", sagte Körting.
Angeblich haben Anhänger der Baso mit anderen Neonazis im Oktober
kurz ein leer stehendes Gehöft in Brandenburg besetzt. Am Sonnabend
will die Baso, wie berichtet, von Rudow nach Treptow-Köpenick marschieren.
Zunehmend militant agiert in Pankow die Kameradschaft "Autonome Nationalisten
Berlin". Im Gegensatz zu den lose organisierten Neonazis schwächeln
die rechtsextremen Parteien. DVU und "Republikaner" zählen
kaum mehr als je 600 Mitglieder. Setze sich der Niedergang der Reps fort,
sei zu prüfen, ob sie noch das "Siegel" der Beobachtung
durch den Verfassungsschutz verdienten, spottete Körting. Auch die
NPD stagniert (2002: 240 Mitglieder). Statt des Triumphs, der nach dem
Scheitern des Verbotsverfahren zu erwarten war, verliere die Partei an
Bedeutung. So werde auch das Schulungszentrum, das die Partei in Köpenick
errichtet, nicht die erhoffte Wirkung haben (siehe unten). Körting
bezifferte das rechtsextreme Potenzial in Berlin auf 2500 Personen. Verfassungsschutzchefin
Claudia Schmid präsentierte zudem eine 86-seitige Studie über
einen Teil dieser Szene, die rechten Skinheads.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues Deutschland 04.12.2003:
Neuer
Zulauf für die Kameradschafts-Szene
Innensenator Körting stellte Lagebild des Rechtsextremismus vor/Zahl
der Gewalttaten nimmt zu
Während
NPD, DVU und Republikaner "strukturell schwächeln", kaum
mehr öffentlich in Erscheinung treten, an Einfluss sowie an Mitgliedern
verlieren und sich an "politische Stammtische" zurückziehen,
hat die Kameradschafts-Szene einen Zulauf zu verzeichnen. Das werte er
als neuen Trend, erklärte Innensenator Ehrhart Körting (SPD),
als er gestern ein Lagebild des Rechtsextremismus vorstellte.
Dabei registrierte der Politiker, dass die Gewalt "deutlich zugenommen"
habe. Er bezog sich auf Analysen des Verfassungsschutzes. Im ersten Halbjahr
seien 41 derartige Delikte angezeigt worden. Für das gesamte vorige
Jahr nannte der Senator 52 Straftaten. Zumeist habe es sich um Körperverletzungen
gehandelt. Aus diesem Anstieg eine Tendenz zu schließen, bezeichnete
Körting als nicht seriös. Über die Jahre hinweg unterliege
die Zahl immer mal wieder Schwankungen. Terroristische Strukturen ließen
sich bisher nicht nachweisen. Auch jüngste Haussuchungen in Berlin
im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen eine Münchner Kameradschaft
hätten einen solchen Verdacht nicht erhärten können.
Der Schwerpunkt der Gewaltdelikte habe sich von den Stadtbezirken Marzahn-Hellersdorf
nach Treptow-Köpenick, Neukölln und Pankow verschoben. Noch
2002 waren 30 Prozent dieser Delikte im Nordosten begangen worden. In
der ersten Hälfte dieses Jahres schrumpften sie auf "nur"
noch 9 Prozent. In den anderen genannten und bislang eher zu "vernachlässigenden"
Bezirken komme es derzeit zu etwa 35 Prozent dieser Taten, erläuterte
Körting. Meist handele es sich um aus der Situation heraus sich hochspulende
Aktionen unter Alkohol, so Körting.
Die Zahl der Kameradschaften und Cliquen hätte sich vermehrt. Sie
seien deutlich aktiver geworden und dieses Jahr nach einer monatelangen
Stagnation erstmals wieder massiv öffentlich aufgetreten. Sie versuchten,
"unkonventionelle Wege zu gehen", an Probleme der Jugend anzuknüpfen
und in der Agitation verstärkt soziale Felder zu besetzen. So seien
"symbolische Hausbesetzungen" vorgenommen worden, um darauf
aufmerksam zu machen, "dass zig Tausend Wohnungen und Häuser
ungenutzt sind und die Berliner Jugend (egal ob rot oder braun) auf der
Straße sitzt", wie die Kameradschaft Tor in einem Flugblatt
verkündete. Durch die Kameradschaften werde verstärkt ein mehr
unterschwelliger Rechtsextremismus genährt. Das mache die Auseinandersetzung
schwierig, sagte Körting.
Besonders auffällig agierte zuletzt die Kameradschaft "Berliner
Alternative Süd-Ost", die vor allem Treptow-Köpenick zum
Aktionsschwerpunkt erklärt hat. Sie tritt auch als Anmelder der Neonazi-Demo
am bevorstehenden Samstag vom U-Bahnhof Rudow zum S-Bahnhof Schöneweide
auf, zu der 500 Rechtsextremisten angekündigt sind. Beim Verfassungsschutz
denkt man, dass dieser Aufzug unter dem Motto "Freiräume schaffen
- Jugendzentren für Deutsche erkämpfen" den Auftakt einer
langfristigen Kampagne darstellen soll.
Körting rechnet angesichts zahlreicher Antifa-Aktionen nicht mit
gewaltsamen Auseinandersetzungen. Er gehe davon aus, dass es durch Auflagen
der Versammlungsbehörde zur Streckenführung des Aufzugs zu keinem
Zusammenstoß mit der Antifa kommen wird.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel
5.12.2003
Von Anwohnern gefürchtet, von der Polizei geduldet
Die "Rudower Spinne" ist ein Treffpunkt für Rechtsextreme
- getan wird dagegen wenig
Endstation
"Rudower Spinne". Hier kommen die Pendler aus der U-Bahn ans
Tageslicht. Zehntausende sind es täglich. Hier treffen sich auch
die Glatzen, 15 bis 20 Jugendliche mit rechtsradikalem Unsinn und viel
Bier im Kopf. Meistens bleibt es ruhig. Manchmal kommt es zu Pöbeleien,
selten zu Schlägereien. Am kommenden Samstag beginnt hier der Aufmarsch
von Neonazis. Die Rudower Spinne, der zentrale Verkehrsknotenpunkt des
Stadtteils, ist seit Jahren in rechter Hand. Wer Angst vor Rechten hat,
meidet diesen Platz. Alle wissen das. Und die Behörden dulden das.
"Es gibt sie nun mal, die rechten Jugendlichen. Sie gehören
zu Rudow", sagt Klaus Smok, Chef der Streetworker im Viertel. "So
weiß man eben, wo sie sind", erklärt Jugendstadtrat Thomas
Blesing.
Die örtliche Polizei tritt dem Eindruck entgegen, die "Spinne"
sei wegen der Rechten ein gefährlicher Ort. Seit einer größeren
Schlägerei im Frühjahr sei praktisch nichts mehr vorgefallen,
sagt Peter Jung, Dienstgruppenleiter von Rudow-Süd. Selbst diese
Schlägerei habe eigentlich nur indirekt etwas mit der "Spinne"
zu tun. "Das war eine verabredete Aktion. Auslöser war ein Vorfall
auf dem Britzer Baumblütenfest."
Für Jung hat die Spinne als rechter Versammlungsort einen taktischen
Vorteil. Der Platz ist von breiten Straßen umgeben, quasi eine betonierte
Halbinsel. So etwas lässt sich gut kontrollieren. Und es gibt keine
Beschwerden von Anwohnern. In Wohnviertel lässt man die Rechten sehr
ungern. "Einmal sind sie auf einen Spielplatz ausgewichen. Das hat
uns gar nicht gefallen."Auch die Geschäftsleute an der Spinne
sehen keinen Grund zur Klage. "Es gibt keine unmittelbare Auswirkung",
sagt Bernd Brandt von der "AG Rudower Geschäftsleute".
Der Pendlerströme fließen zu Brandts Leidwesen ohnehin weitgehend
an den Geschäften vorbei. Und wenn die Rechten neues Bier kaufen,
benehmen sie sich offenbar anständig. Die Demonstration am Samstag
allerdings störe die Geschäftswelt. Brandt befürchtet,
dass wegen des Pressewirbels im Vorfeld viele Rudower abgeschreckt werden,
die "Adventsmeile" zu besuchen.Seit Sommer 2002 kümmern
sich Streetworker verstärkt um die rechte Szene. Bis vor zwei Wochen
auch recht erfolgreich, sagt Streetworker-Chef Smok. Doch im Vorfeld der
Demo habe der Chef der Kameradschaft "Berliner Alternative Süd-Ost"
René Bethage seine "Jugendarbeit" verstärkt. Es
gebe Anweisungen, sich nicht mehr mit Streetworkern abzugeben. Die Demo
sei für den harten Kern der Rudower Szene - etwa 30 bis 40 Jugendliche
- ein "Qualitätssprung". " Da glauben einige, jetzt
bricht die Weltrevolution aus." Ob sie tatsächlich mitlaufen
werden, da hat Smok so seine Zweifel. In der Regel hätten die Rechten
erst gegen Mittag ihren Rausch ausgeschlafen. Die Demo beginnt aber schon
um 10 Uhr.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel
5.12.2003
1000 Polizisten sichern Neonazi-Demo
Am Sonnabend wollen sie durch Neukölln und Treptow-Köpenick marschieren,
die Neonazis der "Berliner Alternative Süd-Ost (Baso)". Die
Demo soll am U-Bahnhof Rudow starten und vor dem S-Bahnhof Schöneweide
enden. Sicherheitsexperten erwarten etwa 250 Teilnehmer, Gegenproteste von
Linksradikalen und bürgerlichen Initiativen sind angekündigt.
Die Polizei will bis zu tausend Beamte einsetzen, um beide Seiten auseinanderzuhalten.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Morgenpost 5.12.2003
Widerstand gegen rechte Demo formiert sich
Die geplante
Demonstration von Rechtsextremisten am 6. Dezember in Rudow bildet nach
Ansicht des Verfassungsschutzes den Auftakt einer längerfristigen
Aktion von Kameradschaften in Berlin. Das sagte Amtsleiterin Claudia Schmidt
gestern im Verfassungsschutzausschuss des Abgeordnetenhauses. Der Veranstalter
der Demo, ein ehemaliger NPD-Funktionär, rechnet mit bis zu 250 Teilnehmern.
Die Demonstration soll vom U-Bahnhof Rudow nach Oberschöneweide führen.
Die endgültige Route steht nach Angaben der Polizei noch nicht fest.
Insgesamt sind bislang sieben Gegendemonstrationen angemeldet. Die Polizei
setzt voraussichtlich 1000 Beamte ein. Alle Parteien begrüßten
gestern im Ausschuss, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen den
Aufmarsch der Neonazis nicht widerspruchslos hinnähmen. "Das
zeigt, dass die demokratischen Instinkte gesund sind", sagte der
SPD-Rechtsexperte Fritz Felgentreu. "Demokraten müssen Flagge
zeigen", ergänzte der CDU-Politiker Andreas Gram.
Mit dem Vorwand, auf soziale Missstände aufmerksam machen zu wollen,
verfolgt die Kameradschaftsszene nach Angaben der Verfassungsschutzchefin
eine neue Strategie. Nach dem Vorbild der linksextremistischen Szene wende
sich die rechte Szene zunehmend sozialen Themen zu, um Jugendliche zu
rekrutieren. Vor allem im Südosten der Stadt registriere der Verfassungsschutz
zunehmend gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten.Trotz
gegenwärtig verstärkter Aktivitäten von Neonazis besteht
nach Angaben von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) derzeit keine
Gefahr terroristischer Anschläge aus der rechten Szene. Auch die
vor einem Jahr befürchtete Vernetzung mit islamistischen Gruppen
finde nicht statt. Kürzlich hatte die Polizei das Jahrestreffen der
Hammer Skins in Pankow aufgelöst. Auch von dieser Gruppierung gehe
keine konkrete Gefährdung aus.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Morgenpost 5.12.2003
Besorgte Eltern gründen Initiative in Rudow
Anfang November hat sich als Reaktion auf das Treiben einer rechtsradikalen
"Kameradschaft" in Rudow eine Elterninitiative gebildet. Die
Gruppe begann mit fünf Mitgliedern, durchweg Eltern von Kindern,
die in Rudow Kindertagesstätten besuchen. Nach Angaben von Sprecher
Uwe Hundt gab es inzwischen Anfragen weiterer Eltern, so dass überlegt
wird, aus der bislang losen Gruppierung eine feste Einrichtung zu machen.
Für Sonnabend hat die Initiative um 11 Uhr am Neudecker Weg, Ecke
im Bauernbusch, zu einer Demonstration gegen den Aufmarsch der Rechten
aufgerufen.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues Deutschland
05.12.03
Viele Antifa-Aktionen gegen Kameradschaften-Marsch
Demos, Rock, "Bunter Markt wider braune Einfalt"
Bisher sind
bei der Versammlungsbehörde sieben Gegenaktionen und -demos angemeldet
worden, wenn am Sonnabend ab 10 Uhr Neonazi-Kameradschaften vom U-Bahnhof
Rudow zum S-Bahnhof Schöneweide marschieren. Angemeldet sind 500
Teilnehmer, die Behörde rechnet jedoch mit höchstens 200 bis
250. Wie ein Sprecher gestern sagte, geht man aber von weiteren Antifa-Veranstaltungen
aus. Die Polizei werde dem Neonazi-Aufzug noch einige Auflagen erteilen,
vermutlich aber erst am Sonnabend. Das betreffe vor allem die Marschroute,
aber auch die "Anzugsordnung", die "Bewaffnung" sowie
Spruchbänder und Fahnen. Um 10 und um 14.30 Uhr beginnen Antifa-Kundgebungen
am U-Bahnhof Zwickauer Damm mit anschließender Demo bzw. vor dem
Rathaus Johannisthal. Ein "Bunter Markt gegen braune Einfalt"
öffnet um 11 Uhr in der Stubenrauchstraße, wo es ab 10 Uhr
auch zu einem "Friedlichen Picknick" kommt. Ein "Antifa-Info-Frühstück"
gibt es ab 8 Uhr im "Syndikat", Weisestr. 56. Auf dem Sterndamm
zwischen Königsheideweg und Ellernweg startet um 11 Uhr "Rock
gegen Rechts". Und die PDS-Geschäftsstelle Treptow in der Brückenstraße
28 bleibt den ganzen Tag geöffnet. Dort kann man sich eine Ausstellung
"Neofaschismus in der Bundesrepublik" anschauen. All diese Demos
und Aktionen werden von der Gewerkschaft ver.di, verschiedenen Antifa-Gruppen,
attac, einem Elternbündnis, der PDS, von SPD-Bürgermeister Klaus
Ulbricht, den Jusos und vielen anderen unterstützt. Die Chefin des
Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, rechnet mit einer "gewissen
Störanfälligkeit" im Umfeld der Veranstaltungen. Die Polizei
hat deshalb "angemessene Präsenz" angekündigt.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel 06.12.2003
Rudower
gegen Nazi-Aufmarsch
1000 Polizisten heute im Einsatz
Gegen den
heutigen Aufmarsch von Neonazis in Rudow und Treptow werden mehrere Initiativen
demonstrieren. Rund 1500 Neuköllner Bürger, Bezirkspolitiker
und antifaschistische Gruppen rufen zu Gegenveranstaltungen auf. Hinweise
auf geplante Störungen der Nazi-Demo, die ab 10 Uhr vom U-Bahnhof
Rudow zum S-Bahnhof Schöneweide führt, gibt es nach Auskunft
der Polizei nicht. Autofahrer sollten den Bereich bis zum Nachmittag meiden.
Allerdings appellierte der Einsatzleiter, der Leitende Polizeidirektor
Michael Knape, gestern an die Gegner des Nazi-Aufmarsches: "Distanzieren
Sie sich von unfriedlichen Aktionen und Gewalt jeder Art! Wir schützen
die Versammlungsfreiheit, nicht die Sache oder das Anliegen der Kundgebung".
Wie berichtet, werden mehrere 100 Neonazis zu dem Aufmarsch unter dem
Motto "Freiräume schaffen - Jugendzentrum für Deutsche
erkämpfen" erwartet. Auch eine Initiative Rudower Eltern, in
der auch ein Polizist aktiv ist, protestiert am Neudecker Weg. Antifa-Gruppen
aus Kreuzberg rufen im Internet dazu auf, den "Aufmarsch zu einem
Desaster für die lokale Naziszene" zu machen. Die Polizei wird
etwa 1000 Beamte einsetzen, um die Gruppen zu trennen.weso
------------------------------------------------------------------------
TOP
RBB-Nachrichten 06.12.2003
Neonazi-Aufmarsch
in Berlin - Keine größeren Störungen
Im Südosten
Berlins haben am Samstag rund 170 Neonazis demonstriert. Die mit einem
Großaufgebot vertretene Polizei verhinderte Zusammenstöße
zwischen den Rechte und den Teilnehmern von mehreren Gegen-Aufzügen.
Versuche, den Weg der Rechten zu blockieren, konnten die Beamten friedlich
unterbinden. Am Rande der Gegendemonstrationen, an denen sich rund 850
Menschen beteiligten, wurden Beamte mit Eiern beworfen, es gab nach Angaben
der Polizei Festnahmen. Größere Störungen blieben jedoch
aus, die Veranstaltungen sollten am späten Nachmittag abgeschlossen
sein. Insgesamt war fast ein Dutzend Gegenveranstaltungen angesetzt, neben
"Straßenkehren gegen den rechten Dreck" oder einem Rockkonzert
auch mehrere Demonstrationszüge. Der Marsch der Rechten vom U-Bahnhof
Rudow zu S-Bahnhof Schöneweide wurde zwischenzeitlich umgeleitet,
um Gegen-Kundgebungen auszuweichen.
Zu ihnen hatten unter anderem antifaschistische Gruppen, aber auch eine
Elterninitiative und verschiedene Bündnisse gegen Rechts aufgerufen.
Die Polizei hatte auch Wasserwerfer bereitgestellt, um auf eine Eskalation
der Ereignisse reagieren zu können. Am Rande der Demonstrationen
beobachteten die Innenexperten der Parteien im Abgeordnetenhaus das Geschehen,
auch Polizeipräsident Dieter Glietsch war vor Ort.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner Morgenpost 07. 12. 2003
Berliner
stellen sich Nazi-Demo entgegen
Begleitet
von zahlreichen Protestaktionen, jedoch ohne die befürchteten gewalttätigen
Zusammenstöße verlief gestern eine Demonstration von Neonazis
durch Neukölln und Treptow-Köpenick. Der Aufmarsch führte
vom U-Bahnhof Rudow bis zum S-Bahnhof Schönweide. Nach Polizeiangaben
beteiligten sich etwa 170 Rechte an dem mehrstündigen Umzug durch
den Berliner Südosten.
Die Polizei hatte mehr als 1000 Beamte, Wasserwerfer und schwere Räumtechnik
aufgeboten, um Zusammenstöße zu unterbinden. Bereits am Treffpunkt
der Rechtsextremen, an der "Rudower Spinne", hatten sich am
Morgen Hunderte Menschen zusammengefunden, um mit Sprechchören und
Trillerpfeifen gegen den Aufmarsch zu protestieren. "Nazis raus"
und "Stalingrad" schallte es den vorwiegend jugendlichen Demonstranten
entgegen, deren Abmarsch sich um mehr als eine Stunde verzögerte.
Etliche Rudower standen zu dieser Zeit bereits mit Kehrgeräten bereit,
um mit einer "Besen-Aktion" den Platz vor dem U-Bahnhof symbolisch
zu reinigen. "Wir wollen damit deutlich machen, dass wir den Neonazis
keinen öffentlichen Raum überlassen", sagt Detlef Fritz,
der bereits seit den frühen Morgenstunden Aufrufe für die "Besen-Aktion"
verteilte, zu der die Ortsverbände von SPD, PDS und Bündnisgrünen
gemeinsam aufgerufen hatten. Ebenfalls emsig am Straßenrand unterwegs
mit Protest-Aufrufen war Doris Schönduwe, Neuköllner Bezirksverordnete
der Grünen. "Ich bin hier, weil ich den Neonazis laut ins Gesicht
sagen will: Rudow gehört euch nicht, genauso wenig, wie euch Berlin
gehört", so die 59-Jährige. Für sie ist es ein besonders
gutes Zeichen, dass trotz des Einkaufs-Sonnabends so viele Menschen zu
den Protesten an den Straßenrand gekommen sind.
Unter ihnen auch zwei junge Leute mit einer Israel-Fahne sowie eine Frau
mit einem selbst gemalten Plakat mit der Aufschrift: "Nie wieder
Nazi-Deutschland". Extra aus Spandau angereist war eine Gruppe von
Schülern. "Nazis sind eine Gefahr für die Demokratie. Wir
wollen frühzeitig etwas gegen sie tun, denn auch Hitler hat einmal
mit ein paar Leuten angefangen", begründet Michael Thelemann
sein Engagement. Wenig Verständnis haben die jungen Leute, dass die
Polizei den Aufmarsch o massiv schützt. "Wir schützen nicht
die Rechten, sondern das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit", argumentiert
einer der zahlreichen Polizeibeamten, die in so genannten "Anti-Konflikt-Teams"
Zusammenstösse und Handgreiflichkeiten verhindern sollten.
Nur einmal schien das Konzept nicht aufzugehen, als etwa 100 Vertreter
der linksautonomen Szene versuchten, mit einer Blockade auf der Stubenrauchstraße
den Demonstrationszug der Rechten zu stoppen. Zwar räumten sie zunächst
das Feld, doch kurz darauf flogen Flaschen und Eier auf die Polizisten,
die das Areal daraufhin abriegelten. Es gab mehrere Festnahmen.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Tagesspiegel 07.12.2003
Neonazis
blieben in Rudow eine Minderheit
1000 Polizisten begleiteten 200 Rechte. Es gab rund 40 Festnahmen
Im Südosten
Berlins sind am Samstag rund 200 Neonazis aus Berlin, Brandenburg und
Mecklenburg-Vorpommern marschiert; etwa 800 Menschen nahmen an mehreren
Gegendemonstrationen teil. Die Polizei war mit mehr als 1000 Beamten vertreten,
darunter auch Bundesgrenzschutz, und verhinderte Zusammenstöße,
nahm aber rund 40 Personen fest. Der Marsch der Rechtsextremisten führte
vom U-Bahnhof Rudow zum S-Bahnhof Schöneweide. Das Adlergestell blieb
deshalb eine Stunde gesperrt - ein Riesenstau war die Folge.
Polizeipräsident Dieter Glietsch sagte nach dem Abschluss der rechten
Demonstration am späten Nachmittag, der Einsatz sei optimal bewältigt
worden. "Die kritischen Punkte waren die Blockade-Aktionen der Linken",
sagte er. Nichts sei schlimmer, als wenn die Polizei Gewalt anwenden müsse,
um den Rechten die Versammlungsfreiheit zu gewährleisten und die
Straße mit Gewalt von Gegendemonstranten geräumt werden müsse.
Der massive Polizeieinsatz sei gerechtfertigt gewesen, da die Demonstrationsroute
mit sechs Kilometern relativ lang war. Zudem seien viele Gegenveranstaltungen
angemeldet worden. Etwa 15 Uhr wurde am Rande einer linken Gegendemo ein
Supermarkt an der Köpenicker Landstraße geplündert. Festnahmen
gab es dort nicht.
Die Rechtsextremisten boten ein bizarres Bild: Sie marschierten mit roten
Fahnen auf und riefen linke Parolen wie "Hoch die internationale
Solidarität". Mitgeführt wurde auch ein schwarzes Transparent
mit der Aufschrift "Support your local black block". Es soll
der linksextremen Antifaschistischen Aktion entwendet worden sein.
Die Polizei leitete in Neukölln die Rechtsextremisten um, um zu verhindern,
dass die Linken, wie geplant, sie mit Obst, Gemüse und Eiern bewerfen.
Allerdings wurden am Rande der Gegendemonstrationen Beamte mit Eiern beworfen,
es gab nach Angaben der Polizei Festnahmen. Als 40 bis 50 Linke die Fahrbahn
der Stubenrauchstraße blockierten, drohte Einsatzleiter Michael
Knape mit Festnahmen. Der Großteil der Blockierer wurde sodann eingesammelt
und vor den nahe gelegenen Aldi-Markt gebracht, wo die Personalien festgestellt
werden sollten. Dagegen wehrten sich einige Linke.
Größere Krawalle blieben jedoch aus. Die S-Bahn setzte diesmal
keine Sonderzüge ein, um die Neonazis hinterher abzutransportieren.
Der Anmelder der rechten Demonstration hatte auch nicht das Geld, um die
Züge zu bezahlen. Insgesamt war fast ein Dutzend Gegenveranstaltungen
angesetzt, neben "Straßenkehren gegen den rechten Dreck"
und einem Rockkonzert auch mehrere Demonstrationszüge. Die Linken
ließen vom Dach einer Kneipe aus einer großen Lautsprecherbox
das "Lied der Schlümpfe" erklingen.
Die Polizei hatte Wasserwerfer in Bereitschaft, um bei Krawallen reagieren
zu können. Am Rande der Demos beobachteten Innenexperten mehrerer
Parteien das Geschehen. Jörn Hasselmann/Frank Jansen
------------------------------------------------------------------------
TOP
8.12 Berliner Zeitung
Neonazis
mit roten Fahnen
200 Rechte marschierten - 800 Menschen protestierten dagegen /
BVG holt Rechtsradikale mit Sonderbus ab
Rund 200
Neonazis sind am Sonnabend vom U-Bahnhof Rudow zum Bahnhof Schöneweide
marschiert. Mehr als 1 000 Polizisten waren im Einsatz, um Zusammenstöße
mit Gegendemonstranten zu verhindern. Es gab massive Verkehrsbehinderungen,
unter anderem, weil die Polizei die Schnellerstraße und das Adlergestell
komplett gesperrt hatte.
Die Demonstration begann verspätet, weil 50 Teilnehmer am Bahnhof
Schönefeld vergeblich auf den Bus der Linie 171 nach Rudow warteten.
Nachdem mehrere Busse ausgefallen waren, machten sich die Rechten mit
ihren Transparenten zu Fuß auf den Weg. Zivilpolizisten beobachteten
auf der Waltersdorfer Chaussee den Zug, den man auch als Demonstration
hätte interpretieren können. "Um zu verhindern, dass sich
diese Gruppe als Aufzug Richtung Rudow begab, wurde über die BVG
ein Ersatzbus geordert", sagte ein Polizist. An der Stadtgrenze habe
der BVG-Bus die Rechten dann aufgenommen.
Linke
Symbole kopiert
"Den Linken die Symbole nehmen" - nach diesem Motto handeln
seit rund zwei Jahren immer mehr Rechtsradikale bei ihren Demonstrationen.
Das wurde auch am Sonnabend deutlich: Die Rechten trugen nicht nur Palästinensertücher
und Che-Guevara-T-Shirts, sondern auch rote Fahnen der Arbeiterbewegung.
Mit ihren Kapuzen und Sonnenbrillen entsprachen viele Teilnehmer so gar
nicht dem üblichen Klischee vom kahl geschorenen Neonazi, sondern
eher dem des linken Autonomen. Die Verwirrung ging sogar so weit, dass
Polizisten zeitweise glaubten, linke Antifa-Aktivisten hätten es
mit ihren Transparenten bis zum Neonazi-Aufzug geschafft. Zudem skandierten
die Rechten "Hoch die internationale Solidarität!"
Gegen den Aufmarsch protestierten rund 800 Menschen mit vielfältigen
Aktionen, unter anderem einem "Bunten Markt gegen braune Einfalt".
An mehreren Orten wurden die Rechten mit dem Schlumpflied beschallt: "Sagt
mal wo kommt Ihr denn her...". Eine Zwischenkundgebung wurde von
Trillerpfeifen übertönt. Am Zwickauer Damm hatte die Polizei
Wasserwerfer und Räumpanzer aufgefahren, dort versammelten sich Antifa-Gruppen.
Mehrmals versuchten Gegendemonstranten die Straße zu blockieren.
Derlei Probleme löste die Polizei mit Diskussionen sowie Appellen
und Strafandrohungen per Lautsprecher. Insgesamt nahm die Polizei 38 Personen
fest, unter anderem, weil sie Beamte mit Flaschen beworfen hatten.
Störaktionen gab es auch bei der S-Bahn. Um die Anreise der Rechten
zu behindern, zogen nach Angaben des Bundesgrenzschutzes Linke an den
Bahnhöfen Hermannplatz und Neukölln die Notbremsen. Bei der
Abreise bewarfen Linke in Treptow einen S-Bahn-Zug mit Steinen und beschädigten
Fensterscheiben. Im Anschluss an die Demonstrationen plünderten rund
40 Jugendliche einen Supermarkt an der Köpenicker Landstraße.
Polizeipräsident Dieter Glietsch zeigte sich dennoch zufrieden. "Die
Beamten haben den Einsatz optimal bewältigt." Die vielen Gegenveranstaltungen
und die lange Strecke von sechs Kilometern hätten die Zahl von 1
000 Beamten gerechtfertigt. Unterstützt wurden die Polizisten durch
Brandenburger Beamte der Mobilen Einsatzeinheit gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit,
denn viele Rechte waren aus dem südlichen Umland von Berlin angereist.
Nach Schätzungen der Gewerkschaft der Polizei kostete der Einsatz
mindestens 140 000 Euro.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Taz 8.12.03
Harte
Hand gegen Antifas
Gegen Aufzug von 170 Neonazis in Treptow haben rund 900 Menschen protestiert.
Polizei rückt mit 1.000 Mann an und macht Sitzblockaden platt. Dazu
38 Festnahmen
Gegen den Aufmarsch von 170 Neonazis im Süden Berlins haben am Wochenende
rund 900 Menschen protestiert. Nach Angaben der Polizei ist es nicht zu
Zwischenfällen zwischen Rechten und Nazigegnern gekommen. Bei den
Protestveranstaltungen wurden dennoch 38 Gegendemonstranten vorläufig
festgenommen. Die Polizei leitete 23 Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes
gegen das Versammlungsgesetz, Landfriedensbruchs und gefährlicher
Körperverletzung ein. Angemeldet hatte die Neonazi-Demonstration
die "Berliner Alternative Süd-Ost", die ihren Schwerpunkt
in der Region hat. Der Rechtsextremisten-Aufzug vom U-Bahnhof Rudow in
Neukölln bis zum S-Bahnhof Schöneweide in Treptow war von der
Polizei kurzfristig umgeleitet worden, da die Gegendemonstranten Vorbereitungen
trafen, eine Weiterführung der Nazikundgebung zu verhindern. Dabei
wurden Sitzblockaden von den Einsatzkräften unterbunden und zahlreiche
Personen festgenommen, nach dem Polizisten mit Steinen und Flaschen beworfen
worden sein sollen.
Silvio Kurz, Sprecher der Treptower Antifa, kritisierte sowohl die Anzahl
als auch die Strategie der Polizeibeamten. Der Einsatz von zirka 1.000
Beamten sei "unverhältnismässig hoch" gewesen. Außerdem
sei "nicht nachvollziehbar, mit welcher Härte die Polizei gegen
die Nazigegner vorgegangen ist". Friedliche Sitzblockierer seien
"regelrecht weggeprügelt" worden. Polizisten hätten
Demonstranten Armbrüche zugefügt.
Am Zwickauer Damm protestierten rund 400 Personen mit Rockmusik gegen
den Rechten-Aufzug. Die Polizei hatte dort Räumfahrzeuge und Wasserwerfer
aufgefahren. An der Protestkundgebung "Rudow - gegen Rechts"
beteiligten sich rund 100 Personen, 200 besuchten einen "Bunten Markt
gegen braune Einheit". Am Sterndamm versammelten sich ebenfalls rund
200 Menschen zu Klängen von Rock gegen Rechts. Außerdem hatten
die SPD Neukölln und andere Organisationen dazu aufgerufen, nach
dem Aufzug der Rechtsextremisten symbolisch die Straße zu fegen.
Auf der gesamten Strecke waren immer wieder Protestrufe wie "Nazis
raus!" von aufgebrachten Anwohnern zu hören. Eine Zwischenkundgebung
der Neonazis am Rathaus Johannisthal wurde von Trillerpfeifen übertönt.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Junge Welt 08.12.2003
Aktionen
gegen Neonazis
1000 Menschen
gegen rechte Provokateure in Berlin mobilisiert. Antifaschistische Demo
auch in Nürnberg
Bei einem Aufmarsch von rechten Gruppen am Samstag in Berlin ist es Gegendemonstranten
gelungen, die Neonazis von ihrer ursprünglich geplanten Route abzubringen.
Gegen den Neonaziaufzug hatte ein breites Bündnis von SPD, PDS, Bündnis
90/Die Grünen, Gewerkschaften, Einzelhändlern sowie autonomen
Antifas mit zahlreichen Aktionen mobilisiert. Rund 1 000 Menschen beteiligten
sich schließlich an mehreren Kundgebungen sowie einer antifaschistischen
Demonstration, die evangelische Kirche hatte zu einer Andacht geladen.
Die Polizei ihrerseits war mit rund 1 000 Beamten vor Ort. Es waren Wasserwerfer
und schwere Räumgeräte in Bereitschaft.
Gegen zehn Uhr hatten sich am U-Bahnhof Zwickauer Damm mehrere hundert
Menschen an einer Kundgebung des Berliner "Bündnisses gegen
Rechts" versammelt. Zeitgleich sammelten sich die Neonazis am U-Bahnhof
Rudow. Der Aufmarsch konnte mit erheblicher Verspätung schließlich
starten. Weil es Gegendemonstranten jedoch gelungen war, zu den Rechten
vorzudringen, sah sich die Polizei später veranlaßt, den Aufmarsch
abzukürzen und über zahlreiche Nebenstraßen zu führen.
An anderen Orten wurden währenddessen ein "Picknick gegen rechts",
ein "Bunter Markt gegen braune Einfalt" sowie ein Rockkonzert
gegen Neonazismus veranstaltet.
An dem neofaschistischen Marsch durch Köpenick und Neukölln
beteiligten sich rund 150 Neonazis aus Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
Mehrfach wurde der Zug gestoppt, weil sich junge Antifas den Neofaschisten
in den Weg gestellt hatten. Dabei wurden auch verfaultes Obst und Eier
auf die Teilnehmer des Aufmarsches geworfen. Rund 40 Linke wurden nach
dieser Aktion durch die Polizei in Gewahrsam genommen.
Zum Neonaziaufmarsch aufgerufen hatten zahlreiche rechtsextreme Gruppen
aus dem militanten Berliner und Brandenburger "Kameradschafts"spektrum.
Motto des braunen Zuges: "Freiräume schaffen. Nationale Jugendzentren
erkämpfen". Ein ungewohntes Bild gaben die Neonazis bei ihrer
Aktion: Einige von ihnen führten rote Fahnen mit, an anderer Stelle
wurde von Rechten "Gegen Faschismus und Intoleranz" skandiert.
Dieses abstruse Gehabe ist insbesondere auf Aktivitäten der Berliner
"Kameradschaft Tor" zurückzuführen, die in den letzten
Jahren mehrfach versuchte, sogenannte "linke Codes" für
sich zu vereinnahmen.
Nach Beendigung des Aufmarsches "säuberten" mehrere Bezirkspolitiker
mit Besen symbolisch die Route der Neonazis.
Auch in Nürnberg veranstalteten Neonazis am Samstag einen Aufmarsch
mit etwa 60 Teilnehmern. Dagegen hatte das "Bündnis gegen die
Naziprovokation" rund 500 meist jugendliche Antifaschisten und Autonome
mobilisiert. Der Gegendemonstration gelang es nach Angaben der organisierten
autonomie nürnberg (oa), die Neonaziprovokation massiv zu stören
und zu übertönen. Es sei zu wiederholten Übergriffen der
Polizei auf die Gegendemonstranten gekommen, mindestens fünf von
ihnen seien festgenommen worden.
Andreas Siegmund-Schultze
------------------------------------------------------------------------
TOP
Berliner Zeitung, 9.12.03
Händler kritisieren Straßensperrung
OBERSCHÖNEWEIDE. Die Polizeiabsperrungen wegen des Neonazi-Aufmarsches
am vorigen Sonnabend hatten bei Geschäftsleuten empfindliche Einbußen
zur Folge. Die Betreiber des Einkaufscenters Schöneweide kündigten
an, sich bei Innensenator Ehrhart Körting (SPD) über die ihrer
Meinung nach unverhältnismäßigen Sperrmaßnahmen
zu beschweren. "Wir hatten rund 300 000 Euro Einbußen, weil
die Kunden uns nicht erreichten", sagte der Center-Manager Stefan
Kollar gestern. Die Sperrungen in der Vorweihnachtszeit "waren hart
an der Grenze zur Geschäftsschädigung." Um Gegendemonstranten
von den Rechten fern zu halten, hatte die Polizei die Schnellerstraße,
das Adlergestell und den Bahnhof Schöneweide stundenlang komplett
gesperrt.
------------------------------------------------------------------------
TOP
Neues Deutschland
22.12.03
Kampf um neues Jugendzentrum
"Brücke 7" als freier Träger nicht anerkannt - Vereinschef
will weitermachen
Der Chef
des Kulturvereins "Brücke 7", Claus Bubolz, muss eine Niederlage
im Kampf um sein geplantes Jugendzentrum einstecken. Das Jugendamt verweigert
dem Verein die dauerhafte Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe.
Von dieser Anerkennung macht jedoch die Senatskulturverwaltung abhängig,
ob sie Fördermittel in Höhe von 114 000 Euro für den Verein
freigibt. Dieser will damit ein neues Jugend- und Kulturzentrum "Für
Toleranz gegen Gewalt" an der Grünauer Straße 1 gegenüber
vom Bahnhof Schöneweide einrichten.
Anfang Dezember kam der Behördenbescheid. Die Leistungsfähigkeit
des Trägers entspreche nicht den notwendigen fachlichen Standards,
heißt es in der Begründung. Der Kulturverein erfülle nicht
die fachlichen Voraussetzungen, um als freier Träger der Jugendhilfe
anerkannt zu werden. Das Amt widerruft außerdem die bis April 2003
befristete Anerkennung als freier Träger der Jugendarbeit.
Bubolz kämpft gegen die behördliche Einschätzung. Er hat
einen Eilantrag beim Berliner Verwaltungsgericht gestellt, der die Entscheidung
prüfen soll. Er beruft sich auf seine vielfältigen Aktionen
und Diskussionen mit Jugendlichen aus unterschiedlichen politischen Richtungen
und auch darauf, dass ihn der CDU-Abgeordnete Carsten Wilke für die
Bürgermedaille von Treptow-Köpenick vorschlägt und Ex-Parlaments-Präsidentin
Hanna-Renate Laurien dieses Ansinnen unterstützt.
Für das Haus an der Grünauer Straße habe "Brücke
7" einen Mietvertrag mit dem Bezirk für zehn Jahre, sagt Bubolz.
"Ein anderer kann deshalb nicht einziehen." Der Vereinschef
ist dafür bekannt, dass er ein Anliegen hartnäckig verfolgen
kann. Er holte Walter Jens, Günter Grass und Björn Engholm in
das Vereinskuratorium und überzeugte Innensenator Ehrhart Körting
(SPD), an einer umstrittenen Diskussion teilzunehmen, nachdem dieser schon
abgesagt hatte. Am 16. Januar wird sich der Verein mit seinem Vorhaben
im Rathaus Treptow präsentieren. Der österreichische Botschafter
Christian Prosl habe die Schirmherrschaft über das Jugendprojekt
"Für Toleranz gegen Gewalt" übernommen, teilt Bubolz
in einem Schreiben an Treptow-Köpenicks Jugendstadtrat Joachim Stahr
(CDU) mit.
|