:TEXTE/HINTERGRUND

Religiöse Rechte

Dass bei christlichen Sekten einiges zu finden ist, was zu kritisieren wäre, überrascht nicht. Aber die Vielzahl und Größe der rechtsextremen Strömungen ist schockierend. Von chaze

Freireligiös
Die Freireligiöse Gemeinschaft sieht sich als eine von der Kirche unabhängige christliche Glaubensgemeinschaft. In ihren Publikationen, vor allem der Zeitschrift Wege ohne Dogma, rufen sie immer wieder dazu auf, sich „von Rom zu lösen“. Damit meinen sie nicht nur die katholische, sondern auch die evangelischen und orthodoxen Kirchen. Diese Parole hat Tradition, sie wurde vorrangig von den „Deutsche Christen“ in der Zeit des Nationalsozialismus verwendet. Diese versuchten eine explizit deutsche Religion zu formulieren und waren lange Zeit die inoffizielle Religion der SA-Kader. Jener Glauben sollte sich aus dem „Erbgut des deutschen Volkes“ ergeben und anderen Religionen gegenüber den gleichen Platz einnehmen, wie die arischen Deutschen gegenüber anderen Menschen. Das Judentum und das Christentum hätten beide den Geist von der Materie getrennt und so eine losgelöste, rein geistige Religion geschaffen. Hier klingt der antisemitische Topos vom unnatürlichen Juden an, aber auch die Ablehnung „geistiger Werte“, wie die Annahme der Gleichheit der Menschen.
Auf diese Glaubensrichtung beziehen sich heute direkt und indirekt die Freireligiösen. So zitieren sie zustimmend nationalsozialistische Autoren. Begründet mit der Annahme, dass der Mensch auf eine „Erfüllung“ zustrebe, die von Gott gewollt sei und deren Erreichen durch unnatürliche Vermischung der Rassen oder „Minderwertige“ behindert würde, behaupten sie die Verschiedenartigkeit der Rassen und fordern Fortpflanzungsverbote für Behinderte. Dies ist eine religiöse Begründung für rechtsextremes Gedankengut, Euthanasie und Rassismus.
Mit diesem Glauben ist es auch nicht weiter verwunderlich, das sowohl vor, als auch nach 1933 wichtige Ideologen der Freireligiösen, namentlich Wilhelm Bonneß, George Pick und Dietrich Bronder, bekennende Nazis und Hitler-Verehrer waren. Und es ist folgerichtig, das gerade diese Leute nach 1945 die Vorstände Freireligiöser Gemeinden und Organisationen besetzten. Zu erwähnen bleibt, das verschiedene MitgliederInnen des Bundestages und verschiedener Bundeskabinette den Freireligiösen angehörten.

Deutsche Unitarier
Ähnliches Gedankengut wird von der Deutschen Unitarier Gemeinschaft verbreitet. Diese im Deutschen Paritätische Wohlfahrtsverband vertretende Gemeinschaft wurde nach 1945 als eine Erbin der „Deutschen Christen“ gegründet. Sie übernahm deren Gedanken, auch wenn sie heute eine veränderte Terminologie benutzt. Die öffentlichen Texte der Unitarier bekennen sich zu Gleichberechtigung und Eigenverantwortung aller Menschen, sie betreiben eine den Pfadfindern ähnliche Jugendorganisation und andere karitative Einrichtungen.
Dies verbinden sie mit der Suche nach einem „artgerechten Glauben“, der sich durch die Zugehörigkeit zu einem Volk definieren solle. Jene Religion sei zu suchen und von den Menschen zu gestalten. Hier dreht sich die Argumentation im Kreis. Zwar sei das Engagement des Menschen notwendig, die jeweils individuelle Religion zu finden, gleichzeitig aber ist die Religion selber schon durch das „Artsein“ -ein anderes Wort für Rassenzugehörigkeit- festgelegt. Der Mensche erkennt nach den UnitarierInnen seine Art in sich wieder. Danach nimmt der Glaube wieder einen strickten Weg in Richtung der „Deutschen Christen“. Der gleiche Rassismus, aber auch das gleiche Geschlechterbild wie vor 1945 werden als „artgerecht“ gefordert.
Sigrid Hunke, von 1971-1983 Vizepräsidentin der Deutschen Unitarier, formulierte in ihrem Buch „Europas andere Religion“, das dieses „Artgemäße“ -im Gegensatz zu dem von ihr als unnatürlich verstandenen Gleichheitsgedanken- hieße, sich im „Schicksal sieghaft zu bewähren“. Sozialdarwinismus paart sich mit der Gründungsgeschichte der Unitarier aus dem Nationalsozialismus und direkten Kontakten zur sogenannten „Neuen Rechten“.

Mynarek
Auf Sigrid Hunke bezieht sich der sich selbst Kirchenkritiker nennende Hubertus Mynarek. Dieser Begründer einer „ökologischen Religion“ trat im Umfeld des Kirchentages 2003 in Berlin auf. Einst selber katholischer Priester, sieht er sich heute von der Kirche, aber auch von AntifaschistInnen und Bürgerinitiativen verfolgt.
Wie die Freireligiösen vertritt auch er die Auffassung, dass die jüdische und christliche Theologie Gott und Welt getrennt habe und damit die Menschen von ihrer angeblich ursprünglichen Verbundenheit mit der Natur gelöst habe. Zum einen versucht er tatsächliche und angebliche Verbrechen der Kirchen anzuprangern, zum anderen probiert er seine eigene Religionskonzeption zu verbreiten. Dabei zitiert er immer wieder Ereignisse und Vorkommnisse aus der Kirchengeschichte, die tatsächlich abzulehnen sind. Daraus folgt bei ihm aber nicht eine kritische Auseinandersetzung mit den Kirchen; sondern eine Gleichsetzung des Holocaust mit diesen. Er ist Hauptvertreter der Initiative Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche, welche den Holocaust verharmlosend, sowohl die Kirche, als auch die Deutschen im Dritten Reich als verbrecherisch in der gleichen Art und Weise wahrnimmt.
Wenn Mynarek dann seine eigene Konzeption vorstellt, wird dessen Antisemitismus noch deutlicher. Er tritt an, eine natürliche Religion gegen die geistige Weltherrschaft des „Judaochristentums“ und der sich daraus ergebenden gleichmacherischen und deshalb zerstörerischen Zivilisation zu formulieren. Der Mensch solle im Einklang mit der Natur leben, den diese Natur sei gottbeseelt und deshalb allein heilig. Die Religion der Menschen ist nach ihm erblich bedingt, so wie es auch Hunke behauptet, „eine biologische Tatsache, etwas, das in den genetisch-biologischen Anlagen des Menschen verankert ist“ [Mynarek: Ökologische Religion]. Das göttliche Prinzip, dass sich in der Natur verwirklicht habe, walte auch im Menschen, der dies erkennen müsste und die Aufgabe habe diese „eigentliche Bestimmung“ zu verwirklichen. Wer davon abweiche sei „ein Irrläufer der Evolution“ [ebenda].
Diese Auffassung -so widersprüchlich sie auch ist- führt Mynarek immerhin zu einem konkreten Punkt: er kann die gesamte Gesellschaft als Ausdruck der natürlichen, göttlichen Natur erklären. Jeder soziale Unterschied ist Ausdruck eines Naturphänomens. Und er kann eine Forderung erheben: dass der Mensch auf seinem von der Natur zugewiesenen Platz zu stehen habe. Hieran knüpfen Konzepte der „Neuen Rechten“, bei der Mynarek beliebt ist, an. Diese hat den traditionellen Rassismus durch eine Konzeption von „Ethnopluralismus“ ersetzt, welcher die „Ethnien“ hierarchisch einteilt, ihnen zudem aber einen Platz auf der Welt zuweist, den sie auszufüllen hätten. Der Mensch wird so unter die Ethnie, oder, wie bei Mynarek unter die gottgleiche Natur gestellt.

Universelles Leben
Die AnhängerInnen der „Prophetin“ Gabriele Wittek -auch der „sprechende Gott“ genannt- sehen sich ebenfalls in Opposition zur Kirche. Ein Großteil ihrer Schriften enthält kämpferisch gehaltene kirchenfeindliche Passagen. Das Zentrum dieser Sekte, die unter verschiedenen Namen auftritt, ist Würzburg. Dort hatte die damalige Hausfrau Wittek ab 1971 spirituelle Zirkel besucht und angeblichen Kontakt zu ihrer toten Mutter, einem Geistwesen namens Bruder Emanuel und letztlich auch mit Jesus Christus.
Auf dessen Anweisungen hin gründete sie ein Heimholungswerk Jesu Christi, das mit anwachsendem kommerziellem Erfolg in Universelles Leben umbenannt wurde. Heute umfasst das Vermögen dieser Gruppe mehrere Kliniken, Bio-Bauernhöfe, Naturheilkliniken, kleine und mittelständische Betriebe, hauptsächlich in der Umgebung von Würzburg. Die Angehörigen der Sekte sind dazu gezwungen nur in diesen Betrieben zu arbeiten. Diese Arbeit wird als Gottesdienst verstanden. Eine rigide Moral hält die Brüder und Schwestern zusammen.
Der innere Aufbau ist konsequent antidemokratisch. Gott spricht durch seine Prophetin Gabriele, deshalb unterliegen ihr alle Entscheidungen. Sie setzt die Glaubensgeschwister an die richtigen Stellen innerhalb der Sekte und deren Betriebe, sie beruft sie ab und bestimmt über die restliche Lebensgestaltung. Auch für sie ist der Mensch nur Teil der göttlichen Natur und hat deshalb an seinem Platz zu stehen und zu beten.
Mit ihrer Firma Gut zum Leben hat sich die Sekte in manchen Regionen Deutschlands eine Vormachtstellung in den Naturkostläden erobert. Vor allem die Güter Neu Jerusalem im Spessart sind zu einer autarken Gemeinschaft ausgebaut worden, in der „jeder auf jeden aufpasst“, also eine vollständige Kontrolle der Geschwister untereinander herrscht. In Berlin tritt diese Sekte vor allem mit der kostenlos verteilten Zeitschrift Der geistige Revolutionäre Christus auf, die vor allem für den Kirchenaustritt und vegetarisches Leben, sowie Produkte der Sektenfirmen wirbt. Zudem hat Universelles Leben in den letzten Monaten großflächige Anzeigen geschaltet, welche sich gegen Massentierhaltung und Fleischessen richten; weil dies der sprechende Gott in ihren letzten Broschüren als unnatürlich und krankmachend bezeichnet hat.

kopiert und eingesetz aus http://chaze.piranho.com/artikel/religioese_rechte.html



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