Leseprobe: Otherland

Einer der anderen Dozenten stieß die Tür der Bürozelle auf und beugte sich hinein. Der Lärm vom Korridor kam mit hereingeschwappt, lauter als gewöhnlich.

„Bombendrohung.“

„Schon wieder?“ Renie stellte ihr Pad auf den Tisch und nahm ihre Tasche. Dann fiel ihr ein, wie viele Sachen während des letzten Alarms verschwunden waren, und sie griff sich noch das Pad, bevor sie in den Flur trat. Der Mann, der ihr Bescheid gesagt hatte – sie konnte sich seinen Namen einfach nicht merken, Yono Soundso -, war ihr mehrere Schritte voraus und im Strom der gemütlich zu den Ausgängen schlendernden Studenten und Dozenten schon kaum mehr auszumachen. Sie ging schneller, um ihn einzuholen.

„Alle zwei Wochen“, sagte sie. „Einmal am Tag, wenn Prüfungen sind. Das macht mich noch wahnsinnig.“

Er lächelte. Er hatte dicke Brillengläser, aber hübsche Zähne. „Wenigstens kommen wir mal an die frische Luft.“

Minutenschnell war auf der breiten Straße vor der Technischen Hochschule von Durban 4 eine Art spontaner Karneval lachender Studenten und Studentinnen im Gange, die froh über den Unterrichtsausfall waren. Eine Gruppe junger Männer hatte sich die Jacken wie Röcke um die Taillen gebunden und tanzte auf dem Dach eines geparkten Wagens, ohne sich um die schrill und schriller werdenden Befehle einer älteren Professorin zu kümmern, sofort damit aufzuhören.

Renie beobachtete sie mit gemischten Gefühlen. Auch sie fühlte den Reiz der Freiheit, genauso wie sie die warme afrikanische Sonne auf Armen und Nacken fühlte, aber sie wusste auch, dass sie mit dem Korrigieren der Semesterarbeiten drei Tage im Rückstand war, und wenn der Bombenalarm zu lange dauerte, musste sie eine Einzelstunde ausfallen lassen und diese dann neu ansetzen, was abermals ein Stück ihrer rapide schwindenden Zeit fressen würde.

 

Tad Williams

Ins Regal stellen