Leseprobe: Die Heldenmutter

Es war ein Morgen im Frühherbst. Die zaghaften Strahlen der aufgehenden Sonne versprachen noch einen warmen Tag, aber schon glitzerte der erste Rauhreif im Gras. Der Biß des Windes war kalt, und sein Heulen erinnerte an weiß überzuckerte berge und Wolfsspuren im Schnee.

Lyra stand früh auf wie immer, schon lange vor Sonnenaufgang, um den Beginn der Arbeiten zu überwachen und selbst mit hand anzulegen, wo es sein mußte - natürlich nicht mehr bei den schweren Feldarbeiten. Jetzt half sie allenfalls noch beim Melken der Kühe oder beim Schweine- und Hühnerfüttern. Aber es gab eine Menge anderer Dinge, die sie noch tun konnte und auch tat. Sie war sich nicht einmal sicher, ob das alles wirklich leichter war als ihr normales Tagewerk: Sie mußte die Gruppen einteilen, die aufs Feld gingen, die bestimmen, die auf dem Hof blieben und dort arbeiteten, dazu all die großen und kleinen Querelen schlichten, die so zu dem Leben auf dem Hof gehörten wie das morgendliche Krähen der Hähne und der Geruch nach Kuhstall und Hühnermist.

Sie war erleichtert, als auch die letzten aufbrachen und sie selbst endlich das Gesindehaus verlassen und in den Stall gehen konnte. Nach dem Durcheinander von Stimmen, dem Streiten und Lärmen und dem kleinlichen Quengeln derer, die sich benachteiligt oder von ihr gegängelt fühlten, erschien ihr die Arbeit bei den Kühen wie eine Erholung.

 

Wolfgang und Heike Hohlbein

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