Leseprobe: Die Entführung auf dem Quirinal
In den Schluchten der engen Straßen hallten alle Geräusche wider: das Schlurfen von Sandalen, das Klimpern von Leder und Messing. Um diese Zeit, zur elften Stunde des Tages, war es für gewöhnlich recht ruhig. Die meisten Menschen beendeten ihre Cena, und die wenigen Händler, deren Geschäfte noch geöffnet waren, schlossen allmählich die Schlagläden vor ihren Fenstern; auf dem Quirinal, wo die luxuriösen Geschäfte und Häuser der Wohlhabenden lagen, war es besonders ruhig. Das tosende Zentrum Roms schien in weiter Ferne zu liegen.
Der junge Mann, der im tiefliegenden Eingang eines mehrstöckigen Hauses lehnte, konnte deutlich das Herannahen einer Sänfte hören. Es war noch recht früh, so dass sie vielleicht nicht das übliche Gefolge von Fackelträgern und bewaffneten Wächtern mit sich führte. Falls die Sänfte aus der näheren Umgebung kam - von einer Stätte diesseits des Forums, beispielsweise -, war sicher keine Begleitung dabei, aber allein die Götter wussten, wo die Frau gesteckt hatte. Wäre er nicht durch und durch Philosoph gewesen, so hätte er darum gebetet, dass sie allein war. Aber als Mann des Geistes und Bewunderer der Tradition der Stoa bereitete er sich darauf vor, alle Umstände hinzunehmen, die das Schicksal ihm auferlegen würde.
Endlich tauchte die Sänfte in der Kurve der dämmerigen Straße auf. An dieser Stelle standen hohe Häuser, und die letzten glitzernden Sonnenstrahlen waren vor wenigen Augenblicken über das ziegelrote Dach geglitten und verblasst. In düsterem Rauchblau und Lila senkte sich die Dämmerung über die Straße. Dennoch konnte man noch erkennen, dass die Sänfte, deren eierschalenfarbene Vorhänge im Wind flatterten, J. Tullius Varus gehörte, dem Präfekten der Stadt Rom, der nun, da Kaiser Trajan seine Feldzüge im Osten fortsetzte, einer der mächtigsten Männer der Stadt war. Zwei schwitzende Araber trugen die Sänfte. Ihnen folgte ein griechischer Sklave mittleren Alters, der schwer mit allerhand Päckchen beladen war, doch weitere Begleitung fehlte.