Die Jahre von 1941 bis 1950

 

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Das Jahr 1941

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14.08.1941 Atlantik Charta: Roosevelt und Churchill "wünschen keine territorialen Änderungen, die nicht mit dem frei zum Ausdruck gebrachten Wunsch der betreffenden Völker übereinstimmen".
 

Das Jahr 1943

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25.07.1943 Sturz Mussolinis; neue Regierung Badoglio. Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten.
08.09.1943 Deutsche Truppen besetzen Italien; Errichtung des "Südtiroler Ordnungsdienstes" (SOD).
20.09.1943 Auf Befehl Hitlers Errichtung der "Operationszone Alpenvorland"; "Oberster Kommissar" wird Gauleiter Franz Hofer.
30.10.1943 bis 11.01.1943 Die Moskauer Deklaration über Österreich wird anläßlich des Abschlusses der Außenministerkonferenz in Moskau kundgemacht: der "Anschluß" als null und nichtig, die Befreiung des Landes und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs werden als Ziele propagiert, gleichzeitig aber auf die Verantwortung für die Teilnahme am Kriege Hitlers hingewiesen, woraus sich ein eigener Beitrag zur Befreiung ergebe; Südtirol fällt nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Westmächten (8.9.) in den Bereich der von Hitler geschaffenen "Operationszone Alpenvorland" (gemeinsam mit Trient und Belluno) unter den Obersten Kommissar Franz Hofer; daneben besteht die "Repubblica Sociale di Salo" an der Spitze mit dem am 12.9 befreiten Mussolini.
06.11.1943 Allgemeine Wehrpflicht in der Operationszone.
 

Das Jahr 1944

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08.06.1944 Das Komitee für Nachkriegsplanung im State Department (Vorsitz Sumner Welles) spricht sich für die Rückkehr Südtirols aus, weil diese Region der Wiederherstellung des österreichischen Staates in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht dienen würde und diese von Geschichte, Kultur und Tradition her österreichisch sei.
27.06.1944 US-Präsident Roosevelt billigt ausdrücklich schriftlich den Vorschlag des Komitees für Nachkriegsplanungen im State Department, d.h. die Rückgliederung Südtirols an das zukünftige Österreich.
 

Das Jahr 1945

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14.03.1945 Karl Gruber trifft aus der Rüstungsindustrie des Deutschen Reiches kommend als "Ing. Brandt" in Innsbruck ein.
31.03.1945 Truppen der sowjetischen Armee überschreiten bei Güns, südöstlich von Wien, die ungarisch-österreichische Grenze.
09.04.1945 Wien ist von sowjetischen Truppen eingekreist.
21.04.1945 Karl Renner, der sich in Gloggnitz aufgehalten hat, trifft in Wien ein, wo er erste Besprechungen mit Vertrauensmännern der ÖVP, SPÖ und KPÖ aufnimmt.
26.04.1945 Fühlungnahme Karl Grubers mit Helmut Heuberger und der Widerstandsgruppe Gruppe O5 und des POEN (Eduard Reut-Nicolussi, Fritz und Otto Molden, Richard Heuberger).
27.04.1945 Die provisorische Staatsregierung unter Staatskanzler Renner konstituiert sich, sie proklamiert die Wiederherstellung der Republik Österreich; der provisorischen Regierung gehören Sozialisten (u.a. Adolf Schärf), Christdemokraten (Leopold Kunschak) und Kommunisten (Johann Koplenig) an; Benito Mussolini wird von Partisanen am Comer See gefangengenommen und am Tag darauf erschossen.
28.04.1945 Der Oberste Kommissar verläßt Bozen.
30.04.1945 Selbstmord Hitlers in Berlin; Italienische Demonstrationszüge in Meran, die in einen Art Aufstand münden, der auf ausdrücklichen Befehl von Bruno De Angelis bereits nach Unterzeichung des Waffenstillstandes mit der deutschen Heeresgruppe C provoziert wird. Es sterben mindestens zwölf Personen.
01.05.1945 Befreiung von Geiseln des NS-Regimes im Pustertal (136 Persönlichkeiten aus 22 Nationen wurden in die sogenannte "Alpenfestung" Hofers verbracht). Es erfolgt die Entwaffnung der sie bewachenden SS-Verbände durch eine Panzergrenadierkompanie unter dem Kommando von Hauptmann von Alvensleben; die deutschen Heeresdienststellen übergeben die Persönlichkeiten am 4.5. den in Südtirol eingerückten amerikanischen Truppen.
01.05.1945 Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien.
02.05.1945 Es kommt zu von italienischer Seite provozierten Auseinandersetzungen zwischen deutschen Truppen und italienischen Partisanen in Laas im Vinschgau, bei denen 9 italienische Arbeiter sterben.
03.05.1945 Einheiten der 103. US-Infanterie-Division erreichen zwischen 19 und 20 Uhr Innsbruck (7. Armee); die Widerstandsbewegung besetzt das von den Nationalsozialisten geräumte Landhaus; die einrückenden US-Truppen werden von Reut-Nicolussi auf Englisch begrüßt.
03.05.1945 Waffenstillstand zwischen der deutschen Heeresgruppe Südwest mit dem alliierten Oberkommando in Italien; das CLN mit De Angelis an der Spitze übernimmt die Zivilgewalt der Provinz Bozen auf; in der Industriezone beginnt auf ausdrücklichem Befehl De Angelis ein Aufstand - bereits nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes, beim Angriff italienischer Partisanen auf Einheiten der Wehrmacht kommen Partisanen (25) und italienische Zivilisten (20-25) ums Leben. Die Zahlen der Todesopfer schwanken.
03.05.1945 Italiener eröffnen in Bozen das Feuer auf sich zurückziehende deutsche Truppen; das "Nationale Befreiungskomitee" übernimmt die Verwaltung Südtirols.
04.05.1945 Der Exekutiv- bzw. Ordnungsausschuß der "Österreichischen Widerstandsbewegung" tritt zur ersten Sitzung in Innsbruck zusammen, Gruber leitet den Vorsitz.
05.05.1945 Kapitulation der 19. deutschen Armee in Innsbruck
06.05.1945 US-Truppen besetzen Linz und Steyr, während britische und amerikanische Truppen in Kärnten einziehen und erste französische Truppen den Arlberg überschreiten; das CLN unterstellt sich der AMG in Südtirol; erste gemeinsame Aussprache von ca. 30 Südtiroler Vertrauenslauten mit dem CLN.
07.05.1945 Bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in Reims.
08.05.1945 Die Südtiroler Volkspartei (SVP) wird in der Villa Malfèr in Bozen gegründet, tritt - unter italienischem Protest - sogleich öffentlich auf und verkündet ihr Programm, d.h. das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol; rund ein Drittel der Gründungsmitglieder besteht aus Optanten, die "Dableiber" (Erich Amonn, Josef Raffeiner, Friedl Volgger, Otto von Guggenberg) geben aber zunächst den Ton an, was aus parteiinternen Gründen (viele "Dableiber" wollten unter anderen Vorzeichen nicht bei der SVP mitarbeiten) und aufgrund der alliierten Präsenz im Lande (die Alliierten akzeptierten nur eine deutschsprachige Partei, die von "Dableibern" geleitet wurde) geschieht.
09.05.1945 Bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Berlin-Karlshorst.
10.05.1945 Oberst Wray ruft CNL- und SVP-Vertreter zu sich und gibt ihnen die Richtlinien für die Provinz Bozen bekannt.
12.05.1945 Bruno de Angelis wird von den Alliierten als Präfekt von Bozen eingesetzt, als Stellvertreter wird Gilardi und zweiter Stellvertreter Walther Amonn bestellt.
13.05.1945 Die provisorische Staatsregierung Österreichs beschließt ein Verfassungsgesetz über das neuerliche Wirksamwerden der Bundesverfassung vom 1. 10 1920 in der Fassung vom 7. 12 1929.Die provisorische Staatsregierung Österreichs beschließt ein Verfassungsgesetz über das neuerliche Wirksamwerden der Bundesverfassung vom 1. 10 1920 in der Fassung vom 7. 12 1929.
19.05.1945 Die erste Nummer der Dolomiten erscheint.
23.05.1945 Karl Gruber wird nach Aufgabe seiner Agenden als Chef der Widerstandsbewegung von der US-Besatzungsmacht als Landeshauptmann von Tirol bestätigt und offiziell anerkannt.
24.05.1945 Die Tageszeitung Alto Adige erscheint als "Tagblatt des Befreiungskomitees in Südtirol" (bis 17.4.1948), das CLN publiziert darin einen "Aktionsplan" für Südtirol, wobei betont wird: "Die grundsätzliche Voraussetzung, um die Situation analysieren zu können, besteht in der Tatsache, daß die Brennergrenze von den Regierungen und Vereinten Nationen nicht in Frage gestellt wird."
25.05.1945 Erste gemeinsame Sitzung des CLN mit der SVP; eine Kommission wird eingesetzt, die eine Vereinbarung ausarbeiten soll.
26.05.1945 In einer Note des Quai d'Orsay wird festgehalten, daß Südtirol "eine imperialistische Aneignung Italiens war, unnütz und unerheblich für das Leben des neuen Italien".
28.05.1945 De Angelis verkündet, daß ein Dekret in Ausarbeitung sei, wonach die Ausweisung aller Deutschen aus Südtirol erfolgen würde, wozu auch die Optanten zu zählen seien, die bereits die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hätten; zwei Tage später revidiert er seine Aussage, daß die Frage der Optanten im Sinne der Südtiroler geregelt würde. Vor diesem Hintergrund war die SVP-Führung bezüglich eines Arrangements mit De Angelis konzessionsbereiter.
31.05.1945 Vereinbarung ("Waffenstillstand" so Leopold Steurer) zwischen CLN-SVP mit einem mündlich und "in feierlicher Form" von Erich Amonn vorgetragenen Vorbehalt der Südtiroler Volkspartei auf Ausübung des Selbstbestimmungsrechts; gemeinsam fordern SVP und CLN "die rasche, radikale und systematische Säuberung aller nazistischen und faschistischen Elemente", jener Kollaborateure mit Nationalsozialismus und Faschismus und eine "vollkommene Trennung zwischen den neuen demokratischen Kräften (...) und den früheren politischen Gegebenheiten".
02.06.1945 Der Ordnungsausschuß der Widerstandsbewegung tritt als Landesregierung in Tirol auf.
11.06.1945 Polizeiverordnung der Alliierten Militärverwaltung tritt in Kraft, wonach die "Suspendierung und Entlassung nazistischer und faschistischer Amtsverwalter und Beamter" vorgesehen ist, was die ehemaligen ADO-Ortsgruppen-, Kreisleiter und Ortsgruppenführer sowie Befehlshaber des SOD betrifft.
16.06.1945 bis 17.06.1945 Der Text der Vereinbarung zwischen CLN und SVP wird in den Dolomiten veröffentlicht.
26.06.1945 Gründung der Vereinten Nationen (UNO)
04.07.1945 Erstes Alliiertes Kontrollabkommen für Österreich
05.07.1945 Gruber beruft die provisorische Landesversammlung ein.
05.07.1945 Der britische Außenminister Anthony Eden legt dem Kabinett ein Memorandum vor, welches bereits am 23. 05 fertiggestellt worden ist, worin festgehalten ist, daß Italien "weitere Demütigungen" erspart werden sollten. Im Friedensvertragsentwurfs sollte über Südtirol nichts gesagt werden. Italien sollte "politisch und wirtschaftlich" unterstützt werden.
06.07.1945 US-Truppen verlassen Tirol, französische Verbände rücken nach.
08.07.1945 Gruber nimmt an der ersten Besprechung der Ländervertreter Tirols und Salzburgs teil.
09.07.1945 Abkommen über die Besatzungszonen Österreichs, unterzeichnet von der European Advisory Commission (ECA) in London
10.07.1945 An Stelle des Exekutiv- bzw. Ordnungsausschusses der Widerstandsbewegung tritt die provisorische Landesversammlung.
11.07.1945 Italienische Regierungserklärung bezüglich einer Autonomielösung für Südtirol parallel zum Autonomiestatut im Aostatal
12.07.1945 Das britische Kabinett legt seine Haltung in den Hauptfragen des italienischen Friedensvertrages fest. Strategische und wirtschaftliche Gründe bezüglich der Provinz Bozen würden sich zugunsten Italiens und Österreichs die Waage halten, aber der "Wunsch, Italien nicht noch mehr zu demütigen und die Besorgnis über eine weitere Ausdehnung des sowjetischen Einflusses in Österreich" (Pietro Pastorelli), sind für die Haltungsänderung der Briten bestimmend, die bis dato eher für eine Rückgliederung Südtirols eingestellt waren. Das Kabinett nimmt diesen Beschluß an.
16.07.1945 In einer Rundfunkansprache erklärt Gruber den Hunger zum "Staatsfeind Nr.1".
17.07.1945 bis 02.08.1945 Potsdamer Konferenz: Harry S. Truman, Josef W. Stalin und Winston Churchill bzw. Clement Attlee fassen die Potsdamer Beschlüsse; darunter Verzicht auf österreichische Reparationen, aber Anspruch der Besatzungsmächte auf das "deutsches Eigentum" als Kriegsbeute; es erfolgt keine genaue Definition, was unter "deutschem Eigentum" verstanden wird, was bei den späteren Staatsvertragsverhandlungen große Komplikationen auslöst.
18.07.1945 Begrüßungsrede Grubers anläßlich des Eintreffens der französischen Streitkräfte unter Führung von General Béthouart
24.07.1945 Abzug der sowjetischen Truppen aus der Steiermark und Einzug der britischen Truppen in Graz
29.07.1945 Erste ÖVP-Länderkonferenz in Salzburg
04.08.1945 In einer Note des General Charles de Gaulle wird festgehalten, daß "l'écroulement de l'Allemagne et la poussée des Slaves dans le bassin de l'Adriatique" die französische Interessenlage mit Blick auf Italien grundlegend ändere. Die französische Haltung müsse grundsätzlich Italien begünstigen. Diese Linie wird von Georges Bidault auch nach dem Abtritt de Gaulles weiter verfolgt.
05.08.1945 Ein Artikel im Il Tempo bezichtigt die französische Regierung, daß sie sich in einer vorteilhaften Position befinde und nach der Anfachung des "Tiroler Irredentismus" nun auch auf das Aostatal Ansprüche erheben werde.
06.08.1945 Abwurf der ersten amerikanischen Atombombe auf Hiroshima
09.08.1945 Abwurf der zweiten amerikanischen Atombombe auf Nagasaki; Deklaration der vier Besatzungsmächte über die Zukunft Österreichs: Aufteilung in 4 Besatzungszonen; Wien wird in vier Zonen geteilt und der 1. Bezirk zum gemeinsamen Verwaltungsgebiet aller vier Besatzungsmächte erklärt.
09.08.1945 Am Quai d'Orsay wird die Position über Südtirol leicht modifiziert. Man beabsichtigt nicht mehr, die kategorische Forderung nach Rückgliederung zu vertreten, aber eine "solution temporaire, une occupation internationale de cette région qui serait 'reservée à un futur plébiscite" (Pierre Guillen) vorzuschlagen.
15.08.1945 Kapitulation Japans
19.08.1945 Zweite ÖVP-Vorkonferenz in Salzburg
22.08.1945 Mit einstimmigem Beschluß des UNRRA-Rates wird Österreich in die Hilfsaktion der UNO miteinbezogen; De Gasperi schreibt an Byrnes einen Brief, darin u.a. über die Notwendigkeit eines Verbleibs Südtirols bei Italien.
24.08.1945 Das Pressebüro des italienischen Ministerpräsidenten erklärt laut NZZ bezüglich des Aostatals, einem vom italienischen Staatsangehörigen anderer Sprache bewohnten Gebiet, die vollständige sprachliche Gleichberechtigung und "eine großzügige, neuartige administrative Dezentralisierung in allen örtlichen Angelegenheiten" zu gewähren. Die Regierung beabsichtige, nach dem Vorbild der dem Aostatal gewährten Autonomie die nötigen Maßnahmen für die östlichen und nördlichen Grenzgebiete auszuarbeiten und zu diesem Zweck mit den Vertretern der Bevölkerung und der örtlichen Interessen Fühlung zu nehmen; Landeshauptmann Gruber bittet in drei gleichlautenden Telegrammen US-Präsident Truman und dessen Außenminister Byrnes sowie Bevin, De Gaulle, Bidault und Stalin um die "Wiederherstellung der Freiheit für Südtirol", Zulassung einer Delegation zu den Verhandlungen und um Vorbereitung einer Volksabstimmung. Diesen Wünschen wird nicht entsprochen.
25.08.1945 bis10.09.1945 Erstes "Forum Alpbach"
27.08.1945 Zwei Abgesandte der Landesstelle für Südtirol übergeben Staatskanzler Renner umfangreiches Material über Südtirol und weisen darauf hin, daß es "unbedingt notwendig" sei, "einen regelmäßigen Kurierdienst mit Innsbruck einzurichten, damit auf diese Weise die Bemühungen Innsbrucks und Wiens koordiniert werden könnten".
27.08.1945 Charles de Gaulle sagt zu US-Außenminister Byrnes in Washington noch, "que le Brenner doit revenir à l'Autriche" (Guillen).
01.09.1945 Die Truppen der alliierten Besatzungsmächte übernehmen die vier Besatzungszonen in Wien; bis zum 1.9. war ganz Wien nur von Truppen der Sowjetarmee besetzt.
04.09.1945 Entschließung und Reden von Karl Gruber, Karl Kunst, Josef Ronczay, Alphons Marincovich und Eduard Reut-Nicolussi bei der Großkundgebung für Südtirol in Innsbruck vor über 30.000 Zuhörern; die französische Besatzungsmacht sorgt für ein Maximum an Publizität und spricht sich für eine Rückgliederung aus. Der Vorsitzende des Tiroler Bauernbundes Muigg ruft auf: "Mehr als ein Vierteljahrhundert lang hat ein erheblicher Teil unserer Heimat unter dem Joch der Faschisten aus dem Süden schmachten müssen, um später von den Faschisten aus dem Norden verraten und verkauft zu werden. Eine bessere, glücklichere Zeit ist angebrochen! Unsere Heimat Tirol fordert ihr Recht! Das Tiroler Volk ruft der ganzen Welt zu: Das Südtirol gehört zu Tirol, das Südtirol gehört zu Österreich!" Gruber übermittelt den Staatschefs und Außenministern der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs telegraphisch die Bitte, den Südtirolern die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit Österreich zu bieten; der Bischof von Brixen und alle Geistlichen Südtirols haben laut Tiroler Tageszeitung den Alliierten eine Bittschrift überreicht, in der die Wiederangliederung der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung Südtirols an Österreich erbeten wird.
05.09.1945 Die provisorische österreichische Regierung beschließt laut Neues Österreich einen Appell anläßlich der bevorstehenden Londoner Außenministerkonferenz: "Das Schicksal Südtirols beschäftigt neuerdings die Welt. (...). Bis zum Jahre 1919 gab es in diesem Gebiete - abgesehen von der Gegend um Cavalese - kein bodenständiges Italienertum. (...) Nach den Ergebnissen dieses Krieges kann an eine Bedrohung Italiens vom Norden her nicht mehr gedacht werden, da die Vereinten Nationen fest entschlossen sind, das Wiedererstehen eines deutschen Militarismus und Imperialismus zu verhindern (...). Wir bitten daher im Namen des gesamten österreichischen Volkes, vorzüglich des Volkes von Tirol nordlich und südlich des Brenner, es wolle bei den bevorstehenden Friedensverhandlungen mit Italien für Südtirol eine über die Zugehörigkeit dieses Gebietes endgültig entscheidende freie Volksabstimmung angeordnet werden (...). Da Österreich noch nicht den Vereinten Nationen angehört, kann es den in London durch die Außenminister der fünf Weltmächte geleiteten Arbeiten zur Vorbereitung des Friedensvertrages mit Italien offiziell nicht zugezogen werden. Es ersucht daher die Mitglieder der Alliierten Kommission für Österreich, die im Vorstehenden gestellte Bitte vor dem Rate der fünf Außenminister namens Österreichs vorzubringen und nach Kräften zu vertreten." Laut Kabinettsratsbeschluß wurde die Bundesregierung auf die Forderung nach Selbstbestimmung für Südtirol festgelegt.
05.09.1945 Die Renner-Regierung in Wien fordert die Rückgliederung Südtirols (das österreichische Memorandum erreicht London erst am 22. September).
11.09.1945 Der Alliierte Rat für Österreich tritt zum ersten Mal zusammen: Anerkennung der Grundsätze der Moskauer Deklaration und der drei politischen Parteien (ÖVP, SPÖ, KPÖ).
11.09.1945 bis 02.10.1945 Außenministerkonferenz der Großmächte im Lancasterhouse in London (Byrnes, Molotow, Bevin, Bidault, Wang-Shih-Chieh), Behandlung des Friedenschlusses mit Italien, Friedensverträge mit Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Finnland; eine Rückkehr Südtirols zu Österreich wird von keiner Seite vorgeschlagen; Byrnes (11.9.) verlangt in einem kurzen Verfahrensvorschlag, den er gleichzeitig austeilt, die Anhörung Österreichs zur österreichisch-italienischen Grenze - ohne jegliche Einschränkung (!) und eine Entsendung einer Untersuchungskommission. Bevin vereitelt diesen Vorschlag (12.9.), weil es noch keine österreichische Regierung gebe (zur gleichen Zeit lehnt das Foreign Office auch den US-Vorschlag zur raschen Bildung einer gesamtösterreichischen Regierung ab). Die Außenminister entscheiden für die Beibehaltung der Brennergrenze. Byrnes legt nun eine Zusatzformel im Hinblick auf territoriale Regelungen vor, in der es heißt: "Die Grenze mit Österreich wird unverändert bleiben, mit der Ausnahme, jeden Fall zu hören, den Österreich für kleinere Grenzberichtigungen zu seinen Gunsten vorbringt". "Minor rectifications" werden damit als zulässig bezeichnet. Diese Bestimmung, "die für alle späteren Überlegungen im Hinblick auf die Brennergrenze präjudizierend werden sollte" (Rolf Steininger) datiert vom 14. 09.
12.09.1945 Die provisorische Regierung Renner überreicht dem Alliierten Rat ein "Memorandum über die Rückgliederung Südtirols an Österreich", in dem "eine über die Zugehörigkeit dieses Gebietes endgültig entscheidende, freie Volksabstimmung angeordnet" werde.
12.09.1945 De Gaulle erklärt gegenüber dem italienischen Botschafter Saragat in Paris, daß die Manifestationen in Innsbruck nicht als Ermutigung Frankreichs bezüglich der österreichischen Forderungen zu verstehen seien. Sollte Österreich den Beweis seiner Lebensfähigkeit und Unabhängigkeit erbringen, wurde seine Forderungen mit Blick auf Südtirol mit mehr Wohlwollen geprüft werden, sollte es jedoch weiter unter die Kontrolle einer starken auswärtigen Macht fallen, würde der italienische Standpunkt mit mehr Sympathie verfolgt werden.
14.09.1945 Die Außenminister der vier Sieger beschließen in London die Beibehaltung der Brennergrenze; man ist lediglich bereit, "kleinere Grenzberichtigungen" zugunsten Österreichs zu prüfen.
15.09.1945 Landeshauptmann Gruber spricht bei den Vertretern des Alliierten Rats in Wien vor und übergibt Material und Photos von der Südtirolkundgebung in Innsbruck.
15.09.1945 Der Justizminister und PCI-Generalsekretär Palmiro Togliatti fordert laut Arbeiter-Zeitung vom 15.9. die Beibehaltung der Brennergrenze, "um Italien gegen ein Wiederaufleben deutscher Eroberungsgelüste zu schützen".
19.09.1945 Brixens Fürstbischof Johannes Geisler wendet sich an den US-Militärgouverneur William McBratney, daß "im Interesse des öffentlichen Friedens" die italienischen Besatzungstruppen aus Südtirol abgezogen würden; bereits am 17.7.1945 verfaßte er ein Schreiben an Feldmarschall Alexander mit der Bitte, die Division "Folgore" durch britische oder amerikanische Truppen abzulösen. Das Schreiben wurde aber laut Josef Gelmi zurückbehalten.
23.09.1945 Die tägliche Nahrungsmittelration wird in Österreich von 800 auf 1500 Kalorien erhöht.
24.09.1945 bis 26.09.1945 Im niederöstereichischen Landhaus findet die erste Länderkonferenz statt, die provisorische Staatsregierung Renner wird durch Mitglieder aus den westlichen Bundesländern erweitert; Gruber wird in dieser provisorischen Regierung Unterstaatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten.
25.09.1945 De Gasperi unterstreicht gegenüber De Gaulle in Paris, daß Italien einen Verlust Südtirols nur sehr schwer ertragen würde, im übrigen dürfte kein Interesse bestehen, diese überzeugte nationalsozialistische Bevölkerung Österreich zuzuschlagen.
28.09.1945 Exposé des Quai d'Orsay für General Béthouart: Angesichts der ungewissen Zukunft Österreichs mit einer dauerhaften sowjetischen Besatzungszone würde eine Rückgabe Südtirols aus strategischen Gründen sehr gefährlich sein und bei Erweiterung des Einflußbereichs eine Ausbreitung der sowjetischen Einflußnahme bis zur Poebene drohen.
01.10.1945 Der Postverkehr in ganz Österreich wird wieder aufgenommen.
03.10.1945 Großkundgebung im Wiener Konzerthaus "Wien ruft Südtirol", bei der Staatskanzler Renner, die Staatssekretäre Figl, Honner und Bürgermeister Körner sprechen. Mit einer Resolution für die Rückkehr Südtirols und dem Andreas-Hofer-Lied wird die Kundgebung geschlossen.
08.10.1945 Eine viersprachige Identitätskarte wird für alle Österreicher eingeführt.
09.10.1945 bis 10.10.1945 Zweite Länderkonferenz in Wien: Alle ehemaligen Angehörigen der NSDAP, der SA und der SS sind vom Wahlrecht ausgeschlossen.
12.10.1945 Wiedererrichtung des österreichischen Verwaltungs- und Verfassungsgerichts- und des Staatsrechnungshofs.
14.10.1945 Südtirol-Großkundgebung aller Parteien in Wien, bei der Renner, Figl, Körner, Honner und der Vorsitzende des Aktionsausschusses sprechen.
15.10.1945 Die amerikanische Besatzungsmacht wird in Südtirol durch die britische Militärregierung ersetzt.
20.10.1945 Anerkennung der provisorischen Regierung Renner durch alle vier Besatzungsmächte
20.10.1945 Die Westmächte erkennen die von den Sowjets im April eingesetzte Regierung Renner in Wien an.
25.10.1945 Dritte Länderkonferenz in Wien: die Sicherung der Volksernäherung, Klärung der Flüchtlingsfrage und Novellierung des Verbotsgesetzes vom 8. 05 1945 stehen im Mittelpunkt.
27.10.1945 Das italienische Gesetzesdekret 755 genehmigt deutsche Schulen in Südtirol. De Gasperi führt dieses als Beweis für den guten Willen Roms in bezug auf die Gewährung einer Autonomie für Südtirol an.
04.11.1945 Rede De Gasperis in Mailand: Die Brennergrenze ist eine Notwendigkeit für die Entwicklung und Verteidigung Italiens.
05.11.1945 Überreichung eines weiteren Memorandums der Bundesregierung zur Südtirolfrage an den Alliierten Rat, in dem auf den Willkürakt des Jahres 1919 hingewiesen wird. Erneut wird die Rückgliederung als "der beste Beweise für den Gerechtigkeitssinn der Alliierten" bezeichnet und um eine Volksabstimmung und die Anhörung einer österreichischen Delegation bei den Friedensverhandlungen mit Italien gebeten.
09.11.1945 Dolomiten und Alto Adige veröffentlichen den Briefwechsel zwischen Parri und Truman und zwischen De Gasperi und Byrnes.
16.11.1945 Die Provisorische Österreichische Staatsregierung hat laut Neues Österreich an den Alliierten Rat eine Note zur Weiterleitung an die im Rat vertretenen Regierungen gerichtet (15.11.), in der sie um die Rückgliederung Südtirols und die Abhaltung einer Volksabstimmung der autochthonen Bevölkerung in Südtirol vorstellig wird. Die Note weist darauf hin, daß die Südtirolfrage die Lebensinteressen des österreichischen Staates berührt, weil die durch seine Abtrennung verursachte Schwächung der westösterreichischen Gebiete einer der wesentlichsten Gründe für den schweren Existenzkampf und die Unstabilität des österreichischen Staates zwischen den beiden Kriegen gewesen sei.
20.11.1945 Die christdemokratische Presse, die dem Außenminister de Gasperi nahesteht, veröffentlicht laut NZZ zur österreichischen Forderung eines Plebiszits in Südtirol folgende Stellungnahme: "1. Es gibt überhaupt keine Südtiroler Frage. 2. Alles, was sich auf Südtirol bezieht, ist eine inneritalienische Angelegenheit, die Italien in versöhnlichem Geiste lösen will. 3. Österreich hat bis zuletzt an der Seite Deutschlands gegen die Alliierten und gegen Italien gekämpft. 4. Die entgegenkommende Haltung Italiens ergibt sich zur Genüge aus der Tatsache, daß den 160.000 Südtirolern, die Deutsche werden wollten, gestattet wird, auf italienischem Boden zu bleiben."
22.11.1945 Unter "Südtirols Opfergang unter dem Nationalsozialismus" wird eine erste Liste der von den Nationalsozialisten verfolgten Südtiroler im Volksboten veröffentlicht. Weitere Listen folgen am 29.11 und am 6.12. Die Bekanntmachung der Verfolgten und Ermordeten (KZ-Hälftlinge, KZ-Opfer, Fahnenflüchtige, Kriegsdienstverweigerer etc.) soll dazu dienen, die italienischen Vorwürfe zu widerlegen, Südtirol sei ein Hort von Nationalsozialisten gewesen. Die erste Bilanz ergibt 21 Tote, 140 Gefängnisinsassen, 166 Häftlinge in Konzentrationslagern und im Polizeilichen Durchgangslager Bozen und 254 Kriegsdienstverweigerer und Deserteure. Wie neue Nachforschungen (Steurer/Pichler/Verdorfer, Verfolgt, Verfemt, Vergessen, S. 507) ergeben, sind die genannten Zahlen noch um rund ein Viertel bis ein Drittel aufzurunden.
24.11.1945 Der italienische Ministerrat beschließt einen Entwurf zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft für den Großteil der Südtiroloptanten als Art "Sicherheitsvorkehrung" (Leopold Steurer) mit Blick auf ein zu befürchtendes Plebiszit, was einer zahlenmäßigen Halbierung der Minderheit gleichgekommen wäre, und leitet diesen Beschluß als Empfehlung an die Consulta weiter; nachdem die SVP ihre Bereitschaft zur Mitarbeit in der "paritätischen Kommission" zur Regelung der Staatsbürgerschaftsfrage im Frühjahr 1946 erklärt, liberalisiert Rom den rigiden Standpunkt.
25.11.1945 Durchführung der ersten Nationalratswahlen: Die ÖVP erhält 85, die SPÖ 76, die KPÖ 4 und die Demokratische Partei 0 Mandate.
25.11.1945 Wahlen in Österreich.
28.11.1945 Rücktritt der provisorischen Staatsregierung Renner und Einführung der neuen Regierung unter Bundeskanzler Leopold Figl
07.12.1945 Offener Brief De Angelis an den Generalsekretär der SVP, veröffentlicht im Alto Adige, wonach die italienische Regierung der Auffassung sei, daß die Südtirolerfrage durch Erlassung eines Autonomiegesetztes gelöst werden soll, welches durch einen österreichisch-italienischen Vertrag völkerrechtlich garantiert werden könne; Gruber schlägt vor, die offenen wirtschaftlichen Fragen in Südtirol durch eine österreichisch-italienische Treuhandgesellschaft klären und lösen zu lassen.
10.12.1945 Alcide De Gasperi löst Ferrucio Parri vom Partito d'Azione als Ministerpräsident ab und behält die Leitung des Außenministeriums bis zum 17.10.1946 bei.
12.12.1945 bis 15.12.1945 Österreichisch-tschechoslowakische Wirtschaftsverhandlungen Wien-Prag-Wien; nach ersten ergebnislosen Vorverhandlungen wird mit der CSR der erste Handelsvertrag auf Kompensationsbasis abgeschlossen.
13.12.1945 bis 20.12.1945 Durchführung der ersten Währungsreform in der Zweiten Republik: Reichsmarknoten und Alliierte MIlitärschillinge werden pro Kopf der Bevölkerung bis zu 150 Reichsmark in Schillingnoten im Verhältnis 1:1 umgetauscht, das übrige Bargeld wird gesperrt, bis 30. 11 bestehende Aktivsalden unterliegen einer 60%igen Sperre.
14.12.1945 Ministerpräsident de Gasperi erklärt in der ersten Sitzung des neuen Kabinetts, daß die nunmehr amtlich angekündigte Übertragung der Verwaltung der norditalienischen Provinzen mit Ausnahme der Provinzen Venezia Giulia und Udine seitens der Alliierten mit Wirksamkeit vom 31. 12 "ein günstiges Symptom für die neue Regierung" darstelle. Eine Kommission zur Ausarbeitung einer Verwaltungsautonomie für Südtirol, die aus Vertretern beider Nationalitäten zusammengesetzt sein soll, werde gebildet.
16.12.1945 bis 26.12.1945 Außenministerkonferenz in Moskau (Bevin, Molotow, Byrnes) mit den Themen: Persien (Abzug aller Besatzungsmächte), Balkanfragen, Deutschland und Ferner Osten.
18.12.1945 Die aufgrund der Nationalratswahlen vom 25. 11 gebildete Regierung unter Bundeskanzler Figl wird vom Alliierten Rat anerkannt; Ernennung Grubers zum Bundesminister für Äußeres.
20.12.1945 Karl Renner wird einstimmig von der Nationalversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. Der neugewählte National- und Bundesrat hält laut Neues Österreich unter dem Vorsitz von Altbürgermeister Karl Seitz seine erste Sitzung ab. Staatskanzler Renner führte in einem Rechenschaftsbericht der Provisorischen Regierung u.a. aus: "Man gebe uns ein gesichertes und ausreichendes Staatsgebiet! Man gebe uns Südtirol zurück, das vor Gott und der Welt uns gehört! Man lasse nicht zu, daß die durch Volksabstimmungen vor einem Vierteljahrhundert festgesetzte Südgrenze der Republik neuerlich bestritten wird. Österreich braucht, um als Schwacher seine Mission zu erfüllen, die Stütze der Vereinten Nationen."
21.12.1945 Entschließung des Parlaments betreffend Südtirol; im neugewählten Nationalrat hält laut Neues Österreich Bundeskanzler Figl eine Rede über die Grundsätze und Ziele seiner Regierung. Er sagt u. a.: "Wir wollen nicht von der Ungerechtigkeit gewisser Grenzziehungen vom Jahre 1918 reden, aber eines ist uns kein Politikum, sondern eine Herzenssache, und das ist Südtirol. Seine Rückkehr nach Österreich ist ein Gebet jedes Österreichers. Als zweites Gesetz unserer Außenpolitik muß ich die Unteilbarkeit unseres Kärntner Landes bezeichnen".
21.12.1945 Rede De Gasperis vor dem italienischen Ministerrat, in der er seine Bereitschaft bekanntgibt, mit Österreich diplomatische Beziehungen aufzunehmen; von Österreich dürften jedoch "keine unannehmbaren Präjudize territorialer Art" geschaffen werden.
27.12.1945 De Gasperi erklärt laut Arbeiter-Zeitung 28.12., zur Südtirolfrage, daß diese Provinz zur geographischen Einheit Italiens gehöre. Die Grenzen eines Staates mit 45 Millionen Einwohnern können nicht durch unbedeutende Minderheiten entschieden werden, die noch dazu zum Großteil Nazi-Anhänger waren und vor und nach dem Kriege Hitler halfen.
 

Das Jahr 1946

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01.01.1946 Die Zivilverwaltung der Provinz Bozen geht von der Alliierten Kontrollkommission auf die italienische Regierung über, lediglich das strittige Territorium der Venezia Giulia mit den Provinzen Triest, Görz und Udine bleibt unter alliierter Verwaltung; die AMG in Bozen unter dem britischen Oberst Miller behält nur mehr den Kompetenzbereich Militär und Sicherheit (Grenzverkehr mit Österreich) und dieser fungiert als Verbindungsoffizier zur Alliierten Kontrollkommission in Rom.
04.01.1946 Als Gegenäußerung zur österreichischen Note an den Alliierten Rat richtet De Gasperi an die Botschafter der Alliierten in Rom eine Note, in der er am Verbleib Südtirols bei Italien festhält; die deutschsprachige Bevölkerung habe in diesen Territorien seit 1919 abgenommen, die italienische sei ständig gewachsen, Bozen sei heute eine größere Stadt mit italienischer Mehrheit, Südtirol zum "unentbehrlichen Hinterland für die Industrie der Poebene" geworden.
07.01.1946 Das Foreign Office läßt seinen Vertreter in Österreich, William B. Mack, wissen, daß keine Einwände bestünden, die Bundesregierung über die "provisorische Entscheidung" zu informieren, daß Südtirol mit Ausnahme allfälliger "kleinerer Grenzänderungen" nicht an Österreich abgetreten werde.
08.01.1946 Erich Amonn und Josef Raffeiner fahren nach Rom, um mit De Gasperi das Südtirolproblem zu besprechen. Am 11.1.1946 werden sie vom Ministerpräsidenten empfangen. Das Hauptgesprächsthema war die Regelung der Optantenfrage, v.a. der vom Ministerrat am 24.11.1946 gefaßte Beschluß zur Regelung der Staatsbürgerschaftsoptionen, Probleme der Zweisprachigkeit, Aufnahme von Beamten im öffentlichen Dienst, Heimkehr der Kriegsgefangenen und die Frage einer Mitarbeit der SVP an einer Kommission zur Regelung der Optantenfrage; De Gasperi erklärt sich zu einer Revision des Entwurfs bereit und fordert die SVP zur Zusammenarbeit mit der italienischen Regierung auf, obgleich inzwischen das AMG den Regierungsentwurf zur Optantenfrage bereits abgelehnt hat, weil dieser nicht im Einklang mit der italienischen Gesetzgebung steht.
10.01.1946 Die SVP-Delegierten versuchen wegen der schwebenden Optantenfrage bei der Alliierten Kommission in Rom vorzusprechen, werden dort aber nicht angehört.
11.01.1946 Unterredung des Außenministers Gruber mit dem italienischen Handelsdelegierten in Wien, Maurillo Coppini, bei dem der Außenminister unmißverständlich klar macht, daß eine Autonomie für Südtirol keine Lösung des Problems sei, sondern nur Ausgangspunkt für neue anhaltende Konflikte; die Leiter der Mitteleuropa- und Südeuropa-Abteilungen im State Department vertreten den Standpunkt, daß eine Volksabstimmung in Südtirol in Betracht gezogen werden sollte.
15.01.1946 Italien steht - laut Wiener Zeitung 15.1. - auf dem Standpunkt, daß alle Optanten die italienische Staatsbürgerschaft verloren haben. Für die 70.000 Abwanderer lehnt Rom einen Rückerwerb der italienischen Staatsbürgerschaft überhaupt ab, während sie ihn für die in Südtirol verbliebenen Personen zwar vorsieht, aber hierfür sehr dehnbare Bedingungen stellt. Jeder in Südtirol befindliche Optant muß ein Gesuch einbringen, über das eine Kommission entscheidet, in der drei Italiener und zwei Tiroler sitzen sollen.
16.01.1946 Mack berichtet an das Foreign Office, daß er Gruber über den Septemberbeschluß (14.9.) informiert hat.
17.01.1946 Amtliches Kommuniqué über den Empfang der SVP-Vertreter bei De Gasperi (11.1.) in den Dolomiten und im Volksboten, Parteiobmann Amonn verwahrt sich gegen Gerüchte und Verdächtigungen, wonach das Selbstbestimmungsrecht von der Partei nicht mehr verfochten werde, ruft zur Ruhe und Besonnenheit auf und distanziert sich von "nazistischen Kreisen", die bereits einmal Südtirol "an den Rand des Abgrunds geführt haben".
21.01.1946 Gruber übergibt dem Alliierten Rat ein Memorandum, in dem Österreich im Falle der Rückkehr Südtirols anbietet: 1. Verbleib der Wasserkräfte bei Italien, 2. zukünftige Nutzung der Wasserkraft durch österreichisch-italienische Gesellschaften, 3. freie Wahl der Staatsbürgerschaft für die Italiener mit einem privilegierten Sonderstatus, Kultur- und Sprachautonomie, 4. Unterstellung Südtirols unter den Schutz der Vereinten Nationen, 5. Italien erhält eine Freihafenzone an der Donau; nach Auffassung des britischen Vertreters Mack "ein großzügiger und staatsmännischer Beitrag zur Lösung" des Problems; De Gasperi erklärt in der Consulta, daß die geplante lokale Autonomie nicht nur den deutschen Teil der Provinz Bozen betreffen, sondern sich "auf das ganze tridentinische Venetien beziehen" müsse.
22.01.1946 Erteilung der Agreements für diplomatische Vertreter Österreichs bei den Regierungen der USA, Großbritanniens und Frankreichs
23.01.1946 Bundeskanzler Figl unterstreicht in einem Telegramm an Bevin die Notwendigkeit der Rückkehr Südtirols mit Blick auf die zukünftige Stabilität Österreichs; Besprechung zwischen Eduard Reut-Nicolussi, Josef Muigg und den Pfarren Falk von Gossensaß und Großgasteiger von Brenner in Gries am Brenner, um Kontakte zwischen Nord- und Südtirol zu intensivieren; klarzustellen, daß Verhandlungen mit den Italienern abzulehnen seien und Demonstrationen und Kundgebungen in Südtirol vorzubereiten sind.
24.01.1946 Generalvikar Pompanin bittet den Obmann des Verbandes der Südtiroler in Tirol, Reut-Nicolussi, sich dafür einzusetzen, daß die Bundesregierung nachdrücklich ein Plebiszit für Südtirol verlangt; die Bundesregierung richtet ein Memorandum an den Alliierten Rat in bezug auf die beabsichtigte Regelung der Optantenfrage (Gesetzesentwurf) seitens der italienischen Regierung. Das Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 wird für ungültig erklärt.
25.01.1946 Amonn und Raffeiner sprechen mit dem britischen Beobachter Colonel Miller, der ihnen vorher schon die Autonomielösung nahezubringen versuchte. Er fordert sie auf, Memoranden zur Brennergrenze, die Grenze bei Salurn und zur "napoleonischen Grenze" vorzulegen.
01.02.1946 Die Bundesregierung überreicht laut Wiener Zeitung vom 2.2. dem Alliierten Rat eine Note zur Südtirolfrage. Für die Territorien, die aufgrund der beantragten Volksabstimmung an Österreich zurückfallen würden, wäre Wien bereit, die von Italien errichteten Elektrizitätswerke in italienischen Händen zu belassen; der Stromexport nach Italien würde devisenfrei erfolgen; den im Rückgliederungsgebiet verbleibenden Italienern die Wahl zwischen österreichischer und italienischer Staatsbürgerschaft freigestellt und volle kulturelle Autonomie, Niederlassungsfreiheit und die Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung gewährt; Österreich ist bereit, das Rückgliederungsgebiet unter den besonderen Schutz der Vereinten Nationen zu stellen, um somit den strategischen Befürchtungen der Italiener voll Rechnung zu tragen. Ferner wird Italien die Errichtung einer Freihandelszone an der Donau vorgeschlagen.
02.02.1946 Übermittlung eines "Vorentwurfs" für einen Vertrag "Zur Wiederherstellung" der Rechtsstellung Österreichs von Gruber an die alliierten Vertreter in Wien, William B. Mack (UK) und John G. Erhardt (USA).
03.02.1946 Ministerpräsident De Gasperi erklärte laut NZZ einem Vertreter des Giornale del Mattino, eine Volksabstimmung in Südtirol wäre "ein Hohn und eine Dummheit". Es bestehe kein Grund, die Grenze von 1919 zu ändern. Bozen sei eine hauptsächlich von Italienern bewohnte Stadt. De Gasperi sagte u.a.: "Wir sind glücklich, daß sich Österreich von Deutschland loslöst und wir wünschen ihm ein Gedeihen, zu dem wir beitragen möchten, indem wir die besten kommerziellen und kulturellen Beziehungen mit Österreich wiederaufnehmen. Aber wer bietet eine Garantie dafür, daß die österreichische Republik, die sich bereits 1920 auf den Anschluß hin orientierte und bis zum Kriegsschluß an der Aggression Deutschlands teilnahm, nicht von neuem in den Bereich des Pangermanismus gerät? Zu glauben, daß die Deutschen in Südtirol eine Verstärkung für die Unabhängigkeit Österreichs bedeuten würden, ist eine Illusion, zunächst deshalb, weil es nur wenige sind, und dann, weil sie während des Krieges und vorher dem Hitlerischen Mythos zu sehr zugänglich waren."
07.02.1946 Italienische Note an die Außenminister der Großmächte mit Zahlenangaben zur Bedeutung der Südtiroler Energieerzeugung für die italienische Wirtschaft
09.02.1946 Die SVP läßt Innocenti wissen, daß sie zur Mitarbeit bei der Regelung der Optantenfrage bereit sei, eine Zusammenarbeit mit Blick auf die Autonomie jedoch ablehne (Beschluß vom 8.2.).
20.02.1946 Höhenfeuer in ganz Tirol, Sprengung des Sockels des Andreas-Hofer-Denkmals in Meran, organisiert von Nordtiroler Südtirolaktivisten. Der Anschlag wurde von allen Parteien und der gesamten Presse Südtirols verurteilt. Die Dolomiten hierzu: "Die Wirkung des Anschlages dürfte allerdings eine ganz andere sein, als seine Urheber in ihrem kurzsichtigen nationalistischen Wahn sich erwarten mögen: Die Detonation von Meran hört man voraussichtlich auch in London!"
20.02.1946 Der Generalsekretär des Quai d'Orsay hält intern fest: Bevor die Brennergrenze verändert wird, muß sichergestellt sein, daß dieser nicht in die Hände der Russen fällt. Italien ist für das Mächtespiel der zukünftigen französischen Politik in Europa ein viel wichtigeres Element als Österreich.
21.02.1946 Außenminister Bevin gibt im Unterhaus einen Überblick über die gesamte Außenpolitik: Er wünsche, Italien im Friedensvertrag Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Bei Behandlung der Grenzfragen bestehe ein Gegensatz zwischen den sogenannten ethnographischen Grenzen und den wirtschaftlichen Bedürfnissen. Dies treffe sowohl für Südtirol als auch für Triest zu. Er stellt die Frage, warum es nicht Arrangements geben sollte, die trotz ethnographischer Grenzen beiden Teilen die wirtschaftlichen Vorteile geben.
26.02.1946 Im britischen Oberhaus treten Lord Vansittart und Lord Perth in einer Debatte über Südtirol dafür ein, daß dieses mit Österreich vereinigt werde, das Trentino jedoch bei Italien verbleiben solle, da der nördliche Teil Südtirols deutschsprachig sei und seine Vereinigung mit Österreich wünsche. Sie sprechen sich gegen eine Volksabstimmung aus. Lordkanzler Jowitt erklärt, die Alliierten hätten die italienische Regierung wissen lassen, sie würden Südtirol unter italienischer Verwaltung belassen, ohne das künftige Schicksal des Landes, über das sie sich freie Hand behielten, zu präjudizieren.
27.02.1946 Mack berichtet dem Foreign Office, daß Österreich keine Forderungen hinsichtlich "kleinerer Grenzberichtigungen" erhebe, weil man damit "die Aufmerksamkeit von dem viel wichtigeren Anspruch auf Südtirol ablenken würde".
01.03.1946 Beginn der Beratungen der stellvertretenden Außenminister in London. Der britische Delegierte legt die Note der Bundesregierung vom 5.11.1946 vor, worauf der sowjetische Delegierte Fedor Gusew erklärt, daß die vorliegende österreichische Forderung (Rückgliederung) über den Rahmen "geringfügiger Grenzberichtigungen" hinausginge.
04.03.1946 Außenminister Bevin beendet die interne Diskussion über die Südtirolfrage im Foreign Office und entscheidet für Italien, obwohl Österreich "die besseren Argumente" habe. Bevin weist seine Diplomaten an, nicht die Initiative zu ergreifen und nur die Forderung nach kleineren Grenzberichtigungen zwecks besserer Verbindung hinsichtlich des Pustertals zu unterstützen; die westlichen Vertreter auf der stellvertretenden Außenministerkonferenz schließen sich der Auffassung Gusews an; der amerikanische Delegierte James Dunn, der von Byrnes angewiesen worden war, die Memoranden der Bundesregierung 5.11.45 und 21.1.46 den anderen Delegation vorzulegen und die Abhaltung eines Plebiszits als Lösung der Südtirolfrage vorzuschlagen, hält sich bemerkenswerterweise nicht an die Instruktionen aus Washington und stimmt Gusew zu.
05.03.1946 Rede Churchills in Fulton/Missouri, der von einem Eisernen Vorhang spricht, der sich nun von Stettin bis Triest durch Europa ziehe.
08.03.1946 Ankunft der ersten Lebensmittelsendung der UNRRA in Österreich
11.03.1946 Rede Grubers in Innsbruck: "Südtirol muß zu Östereich zurückkehren".
15.03.1946 Der Alliierte Rat beschließt, daß Österreich die Erlaubnis erhält, politische Vertreter mit dem Ausland, ausgenommen Deutschland und Japan, auszutauschen.
15.03.1946 Gruber überreicht dem Alliierten Rat ein Memorandum über das Kanaltal, in dem dieses als "kleinere Grenzberichtigung" und auch für dieses Gebiet eine Volksabstimmung gefordert wird.
18.03.1946 Infolge Verzögerungen der UNRRA-Hilfslieferungen müssen in Österreich die Lebensmittelrationen für die Normalverbraucher von 1550 auf 1200 Tageskalorien reduziert werden.
23.03.1946 Wiederaufnahme des Fernsprechverkehrs Österreich-Frankreich.
28.03.1946 Rede Grubers in der Akademischen Vereinigung für Außenpolitik der Österreichischen Liga der Vereinten Nationen an der Universität Wien.
29.03.1946 Außenpolitische Rede Grubers zu ÖVP-Funktionären, in der er die Rpckgliederung Südtirols als Ziel erklärt. U.a. führt er aus: "Während die Südtiroler Bauern im Staatsverband Italiens ein Element der Anarchie darstellen, tragen sie in Österreich in hervorragendem Maße zur politischen Stabilität bei (...). Es handelt sich nicht um etwas, was den Italienern genommen werden soll, sondern um ein absolut österreichisches Gebiet und um einen Bestandteil seines ältesten Kronlandes. Bei der Behandlung dieser Frage in London mußten wir erkennen, daß die Bereitschaft der Westmächte, Österreich zu helfen, nicht so groß ist, wie aus Reden und Erklärungen vermutet wird. Bis jetzt hat man sich weder die Mühe gemacht, eine österreichische Delegation in dieser Frage zu hören, noch eine Untersuchungskommission nach Südtirol selbst zu entsenden. Keine der Mächte hat sich auch nur die Mühe genommen, den Eingang der Note der österreichischen Regierung formell zu bestätigen. Die Friedensmacher des Jahres 1946 sind anscheinend nicht viel besser vorbereitet als jene des Jahres 1919."
02.04.1946 Die italienische Botschaft deponiert in London, daß Italien eine "liberale und demokratische Politik" betreiben und ein "Programm lokaler Autonomien" durchführen werde.
04.04.1946 Gruber wendet sich im Auftrag Figls an den Alliierten Rat in Wien und bittet um Anhörung einer österreichischen Delegation durch den Rat der stellvertretenden Außenminister in London und um Einsetzung einer Kommission, die die Verhältnisse in Südtirol vor Ort untersuchen soll.
05.04.1946 Feierliche Unterzeichnung des UNRRA-Vertrages von Außenminister Gruber und General Parminter im Bundeskanzleramt; Großkundgebung in Bruneck für das Selbstbestimmungrecht Südtirols
06.04.1946 Massenwallfahrten, um für Südtirols Anliegen zu beten, setzen in der Diözese Brixen ein, so um Säben zum Fest Mariens Kreuzgänge.
07.04.1946 Großkundgebung in Innichen für das Selbstbestimmungrecht Südtirols
10.04.1946 Wiedereinführung eines beschränkten Postpaketverkehrs in Österreich; Gruber weist den österreichischen Vertreter in Paris, Norbert Bischoff, an, daß Österreich als "geringere Grenzberichtigung" eine Grenze südlich von Brixen vorschlage. Am 13.5. wird Bischoff diese Information zusammen mit 5 Landkarten schriftlich nachgereicht.
11.04.1946 Auf dem Parteitag der italienischen Sozialisten in Florenz tritt der Parteisekretär der Kommunistischen Partei Minister Togliatti, für eine straffe Zusammenarbeit der beiden marxistischen Parteien während des Wahlkampfes ein. Der sozialistische Parteisekretär und stellvertretende Ministerpräsident Pietro Nenni umreißt das sozialistische Parteiprogramm unter anderem mit den Forderungen nach einer demokratischen Republik und einer autonomen Gemeindeverwaltung. Als Grenze der Venezia Giulia befürwortet er die Wilson-Linie. Ohne Anerkennung des italienischen Anspruches auf Triest und die Städte Westistriens sei eine Verständigung mit Belgrad unmöglich. Weiter tritt er für den Schutz der deutschsprachigen Minderheit in Südtirol ein und bestreitet die Existenz mit Frankreich zu bereinigender Grenzfragen.
12.04.1946 Überreichung eines geheimen Memorandums von Gruber (ohne Namensnennung) betreffend die "Bozner Lösung" der Südtirolerfrage an den britischen Vertreter in Wien, William B. Mack (UK): im wesentlichen sollte demgemäß Südtirol einschließlich Bozens, aber ohne Industriezone und Teile des Unterlands zu Österreich kommen.
13.04.1946 In Trens findet eine Bittwallfahrt statt, die Ausmaße einer Großdemonstration von 8000 bis 10.000 Personen annimmt.
17.04.1946 Wiederaufnahme des Briefpostverkehrs Österreichs mit Deutschland
22.04.1946 Südtirol-Großkundgebung in Innsbruck für die Wiedervereinigung mit dem südlichen Landesteil, die von der französischen Besatzungsmacht erneut genehmigt wird: 155.000 in Südtirol und unter den Südtirol-Optanten in Österreich gesammelte Unterschriften werden Figl unter dem Jubel der Bevölkerung überreicht. Er führt u.a. aus: "Am 9. 03 1938 hielt der letzte Bundeskanzler (Schuschnigg), der selbst ein Südtiroler war, seine letzte große politische Rede in Tirol. Niemals seit 1918 hat irgendeine Regierung Österreichs unseren Anspruch auf unser Südtirol aufgegeben. Es war dem barbarischen Usurpator Hitler vorbehalten, diesen schwersten Verrat an unserem Land zu begehen und durch die gewaltsame Deportation Tausender von Südtiroler Familien unendliches Leid über unsere Südtiroler Landsleute zu bringen. Ganz Österreich steht heute hinter uns, wenn ich als der erste Kanzler, der nach acht Jahren wieder vor euch steht, wiederhole: Wir wollen unser Südtirol wieder! (...) Das neue Europa, das sich die Gerechtigkeit gegenüber allen Völkern und Nationen als oberstes Programm gesetzt hat, kann dieses Programm nur verwirklichen, wenn es das erste und schwerste Unrecht, das auf diesem Gebiet gesetzt wurde, wieder gutmacht, denn gerade in der Südtiroler Frage handelt es sich darum, daß ein seit Jahrhunderten ungeteiltes Land, das stets ein Bollwerk freier demokratischer Entwicklung war, willkürlich, ohne jede Berechtigung, es sei denn aus strategischen oder imperialistischen Plänen eines Nachbarlandes zerstückelt wurde." Angesichts der ihm überreichten Unterschriften "von Österreichern aus Südtirol" betont Figl, daß dies "eine eindeutige Sprache der Zahlen" sei. Landeshauptmann Weißgatterer führt aus: "Man bleibe uns mit Autonomieversprechungen für Südtirol vom Leibe. Wir glauben an die Atlantikcharta, die Selbstbestimmung vorsieht. Laßt Südtirol sprechen, es wird für Österreich sprechen. Hitler wollte die Brennergrenze. Wir können nicht glauben, daß die Alliierten die Hitler-Grenze wollen. Die Welt höre uns." An die Kundgebung schließt sich ein Festzug, an dem über 20.000 Personen in Trachten und 102 Musikkapellen teilnehmen. Der ausländischen Presse wird auf der Seegrube ein Empfang gegeben, bei dem Reut-Nicolussi um Unterstützung bittet.
25.04.1946 Gruber schreibt an den Alliierten Rat, daß eine Unterschriftenaktion in Südtirol durchgeführt worden sei, die den Wunsch der Südtiroler zum Ausdruck bringe, wieder mit Österreich vereinigt zu werden. Die Unterschriften lagern in Innsbruck.
25.04.1946 bis 16.05.1946 1. Session der Vier Mächte-Außenministerkonferenz in Paris zur Vorberatung der Friedensverträge mit den "Satellitenstaaten" des Deutschen Reiches; auf dieser Konferenz fordert Österreich neuerlich die Rückgliederung Südtirols und schlägt eine Volksabstimmung vor, am 16.5. wird die Konferenz bis zum 15.6. vertagt.
26.04.1946 Die Beamten des State Departments legen sich fest, daß die Grenze zwischen Österreich und Italien unverändert bleiben soll.
27.04.1946 Laut Neues Österreich enthält der Vertragsentwurf für Österreich folgende Hauptpunkte: 1. Die Wiederherstellung der österreichischen Unabhängigkeit mit einer Viermächtegarantie unter der Autorität des Sicherheitsrates der UNO. 2. Beendigung der Besetzung, sobald der Vertrag in Kraft tritt. 3. Die vier Großmächte empfehlen Österreichs Zulassung zur UNO. 4. Österreichs Grenzen sollen die vom 31.12.1937 sein, mit Ausnahme der österreichisch-italienischen Grenzen mit Südtirol, vorausgesetzt, daß Grenzberichtigungen in diesem Punkt von Österreich in Erwägung gezogen werden.
30.04.1946 In der Sitzung der Außenministerkonferenz legen laut United Press Bidault, Byrnes, Bevin und Molotow Vorschläge für die Grenzziehung in der Venezia Giulia vor, die den Grenzziehungsvorschlägen ihrer Vertreter in der Untersuchungskommission entsprechen. Nach anfänglicher Ablehnung durch Bevin und Byrnes wird ein Vorschlag Molotows auf Einladung von Vertretern Italiens und Jugoslawiens zwecks Stellungnahme zum Bericht der Untersuchungskommission angenommen. Byrnes beantragt sodann, eine österreichische Delegation zwecks Begründung der Forderungen auf Südtirol anzuhören, was von Molotow abgelehnt wird. Der Außenministerrat bestätigt seinen im 09 1946 gefaßten Beschluß, keine größeren Grenzveränderungen zwischen Österreich und Italien vorzunehmen, und leitet die Angelegenheit an die Stellvertreter der Außenminister mit der Weisung weiter, die Vertreter Österreichs, sofern dies angezeigt sei, in der Frage von Grenzkorrekturen anzuhören.
30.04.1946 Gruber gibt laut Neues Österreich bekannt, daß die Bundesregierung anläßlich des Beginns der Außenministerkonferenz in Paris an die Mitgliedstaaten der UNO ein ausführliches Memorandum über die Südtiroler Frage gerichtet habe, das folgende Vorschläge enthält: 1. Ein Sonderstatut für die durch Italien errichteten elektrischen Kraftwerke in Südtirol, die in italienischem Besitz verbleiben und ihre elektrische Energie nach Italien exportieren können. 2. Der Ausbau der in Südtirol zu erschließenden Wasserkräfte wird durch gemischte italienisch-österreichische Gesellschaften erfolgen. 3. Österreich ist bereit, Italien eine Freihafenzone an der Donau für die Förderung des italienischen Handels in Mitteleuropa einzuräumen. Da Italien befürchtet, der Verlust der Brennergrenze würde seine strategische Stellung erschweren (ein Argument, das unter den gegenwärtigen Verhältnissen wohl nicht mehr durchschlagend scheint), hat sich die österreichische Regierung bereit erklärt, das Gebiet von Südtirol mit dem Brennerpaß unter die Kontrolle der Vereinten Nationen zu stellen. Österreich lehne es ab, in eine Kampagne von wechselseitigen Beschuldigungen einzutreten, die von italienischer Seite in dieser Frage begonnen wurde. Welche Leistungen und Opfer die Österreicher selbst während der ganzen Hitler-Herrschaft für ihre eigene Befreiung gebracht haben, wird der Weltöffentlichkeit in Form eines mit Tatsachenmaterials belegten "Rotbuches" bekanntgegeben werden; Österreich wird erst jetzt offiziell bekanntgegeben, daß die Großmächte am 14.9.1946 bereits für einen Verbleib Südtirols bei Italien votiert haben.
01.05.1946 Die Außenminister bestätigen ihren Beschluß vom 14.9.: Südtirol bleibt bei Italien; das von Österreich geforderte Plebiszit wird abgelehnt, dagegen die Möglichkeit von "minor rectifications" eingeräumt; der Außenministerrat nimmt laut Reuter (30.4.1946) eine Empfehlung der Stellvertreter der Außenminister an, wonach die österreichische Forderung auf Südtirol nicht als Grenzkorrektur zugunsten Österreichs in dem eingeschränkten Sinne betrachtet werden könne, wie sie von den Großmächten als allein diskutabel betrachtet worden ist. Die Bundesregierung soll hievon sowie von den diesbezüglichen Beschlüssen der Sitzung des Außenministerrates vom 09 1946 in London in Kenntnis gesetzt werden. Byrnes gibt sodann bekannt, daß die amerikanischen Truppen aus Österreich und Italien nach Inkrafttreten der betreffenden Friedensverträge zurückgezogen würden und schlägt eine Reduktion der Besatzungstruppen der vier Mächte in Österreich auf je 15.000 Mann schon vor diesem Zeitpunkt vor.
01.05.1946 Die Außenminister bekräftigen ihren Beschluß vom 14.9.1945.
02.05.1946 Die Bekanntgabe des Beschlusses des Außenministerrates, Südtirol bei Italien zu belassen, bewirkt in Tirol einen allgemeinen fünfstündigen Proteststreik sowie Demonstrationen. Das gesamte Verkehrswesen, die öffentlichen Dienste, Post, Telegraphen und Telephon, Strom- und Gasversorgung sowie die Industrie liegen seit 7 Uhr früh still. Zehntausende versammeln sich vor dem Landhaus und fordern in Sprechchören den Landeshauptmann zur Stellungnahme auf; um 9 Uhr hält dieser eine Rede vom Balkon und fordert die Anwesenden auf, ihm und der Landesregierung zum Berg Isel zu folgen, um am Denkmal Andreas Hofers "der Stimme des Volkes Ausdruck zu verleihen". Sämtliche Glocken Tirols werden zum Zeichen der Trauer geläutet. Auch in Südtirol, so in Bozen, Meran und Brixen, kommt es zu Protestkundgebungen, im Pustertal zu Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und Carabinieri.
02.05.1946 Die Tiroler Landesregierung veröffentlicht folgenden Aufruf: "Trotz dem einmaligen Willen der gesamten Tiroler Bevölkerung nördlich und südlich des Brenners, trotz den von der Bevölkerung Südtirols gesammelten 150.000 Unterschriften, obwohl hervorragende Persönlichkeiten erklärt haben, daß die Zerstückelung Tirols nach dem ersten Weltkrieg eine schwere Ungerechtigkeit und eine Quelle dauernder Mißverständnisse darstelle, obwohl die ganze Welt weiß, daß das Recht auf unserer Seite ist, ist Südtirol wieder Italien zugeteilt worden, ohne daß man uns auch nur angehört hatte (...) Wir erheben einen leidenschaftlichen Protest gegen diesen neuen Gewaltakt. Tirol wird seine gerechten Ansprüche auf Südtirol nie aufgeben. Es wird sich nie eine Tiroler Regierung finden, die sich nicht gegen die Trennung Südtirols von Nordtirol wendet"; eine Tiroler Delegation fliegt nach Wien, um sich mit Außenminister Gruber zu beraten; Gruber bestätigt, daß die Bundesregierung an "kleineren Grenzberichtigungen" nicht interessiert sei, empfiehlt friedliche Demonstrationen und schließt für die Zukunft gewaltsame Aktionen nicht aus.
02.05.1946 bis 03.05.1946 Kanonikus Gamper veröffentlicht im Volksboten (2.5.1946) und den Dolomiten (3.5.1946) eine Stellungnahme, wonach der negative Entscheid der Außenminister lediglich eine "Vorentscheidung" und "keineswegs das letzte Wort" über Südtirol gesprochen worden sei.
05.05.1946 Am Kassian-Sonntag strömen am Vormittag in Brixen größere Menschenmassen zusammen; die Festpredigt hält der Regens des Kassianeums Joseph Gargitter, der spätere Bischof; Friedl Volgger und Otto von Guggenberg sprechen zu den ca. 12.000 Anwesenden; Großkundgebung der Südtiroler für die Selbstbestimmung auf Schloß Sigmundskron am Nachmittag: Vor ca. 20.000 Personen hält SVP-Obmann Amonn eine Rede, die mit den Worten "Herr mach' uns frei!" schließt.
05.05.1946 Am Salzburger Residenzplatz nehmen ca. 30.000 Personen an einer Südtirolkundgebung teil, an der Spitzenvertreter der Landesregierung, Ernst Fischer (KPÖ) und Reut-Nicolussi, sprechen.
08.05.1946 Am Jahrestag der Kapitulation des Deutschen Reiches (aus der Sicht der Alliierten der "V-Day") hält der französische Gouverneur Pierre Voizard eine vielbeachtete öffentliche Rede, die das Klima zwischen Besatzungsmacht und Bevölkerung günstig beeinflußt.
08.05.1946 Reichskonferenz der britischen Dominions (Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika) in London. Der Südafrikaner Jan Christian Smuts fordert dort als Wortführer der Dominions mit einstimmigem Beschluß die Rückgliederung Südtirols an Österreich.
08.05.1946 Mack wird von Bevin darauf hingewiesen, daß eine Voraussage unmöglich sei, was die Außenminister als "kleinere Grenzberichtigung" betrachten würden. Falls Österreich Anspruch auf das Pustertal erhebe, sei er bereit, diese Forderung zu unterstützen.
09.05.1946 Die französische Besatzungsmacht geht gegen die Initiatoren des Generalstreiks in Tirol vor und führt Verhöre mit Fritz Würthle und Josef Ronczay durch.
11.05.1946 Österreichs Gesandter in Paris, Norbert Bischoff, überreicht im Auftrag der Bundesregierung eine Note vom 10.5. an den Außenministerrat, in der die Rückgliederung des Pustertals, des oberen Eisacktales und der Stadt Brixen als "kleinere Grenzberichtigung" mit der Begründung der Wiederherstellung einer direkten Eisenbahnverbindung zwischen Nord- und Osttirol verlangt wird.
11.05.1946 Österreich fordert die Rückgabe des Pustertales; die Außenminister lehnen das am 24.6. ab.
12.05.1946 Rede De Gasperis in Trient; Reut-Nicolussi wird zum Obmann des "Verbandes der Südtiroler" gewählt.
14.05.1946 Massenveranstaltung für Südtirol auf dem Wiener Rathausplatz, an der ca. 100.000 Personen teilnehmen, "Wiens einziger Schrei: Südtirol! Riesenkundgebung auf dem Rathausplatz" titelt die Wiener Zeitung am 15.5.1946; Figl weist Weißgatterer an, die Beziehungen zur französischen Besatzungsmacht in Tirol zu festigen; Der Außenministerrat beschäftigt sich mit dem österreichischen Memorandum, und Bevin stellt den Antrag, daß Österreicher und Italiener von den Stellvertretenden Außenministern gehört werden sollten. Molotow stimmt dem zu, meldet aber Zweifel an, ob die österreichische Forderung als "geringfügige Grenzberichtigung" im Sinne des 09-Beschlusses aufzufassen sei.
15.05.1946 Eine Tiroler Abordnung wird von Bundeskanzler Figl empfangen, der erklärt, "weiterhin mit allen Kräften um die Rückgliederung Südtirols zu kämpfen". Die ca. 155.000 Südtiroler Unterschriften werden von Legationsrat Schöner dem Vertreter des Alliierten Rats, Oberstleutnant Pomeroy, für die Konferenz in Paris überreicht.
17.05.1946 Einladung nach Paris für Außenminister Gruber
18.05.1946 Grubers Pustertalvorstoß kommt durch einen Artikel in der New Times vorzeitig an die Öffentlichkeit.
19.05.1946 Am Linzer Hauptplatz versammeln sich zehntausende Menschen um "Gerechtigkeit für Südtirol" (Tagblatt, 20.5.1946) zu fordern. Landeshauptmann Heinrich Gleißner fordert die Rückkehr Südtirols zu Österreich.
20.05.1946 Herbert Thalhammer übersendet drei "mögliche Kompromißvorschläge" plus Karten an Außenminister Gruber.
21.05.1946 Außenminister Gruber wird laut Reuter von der Regierung ermächtigt, mit Italien über kleine Grenzberichtigungen (im Sinne des Beschlusses der Außenministerkonferenz) zu verhandeln, wobei sich Österreich jedoch seinen Anspruch auf Südtirol vorbehält. Bei den Grenzberichtigungen handelt es sich um das in der Nähe der Dreiländerecke zwischen Österreich, Italien und Jugoslawien gelegene Kanaltal, das 1918 Italien zugesprochen wurde.
22.05.1946 Brixens Fürstbischof Geisler und SVP-Organisationsleiter Volgger richten ein Schreiben an Bevin, in dem sie die Selbstbestimmung für Südtirol fordern.
23.05.1946 Stellungnahme Bevins zur Südtirolfrage im britischen Unterhaus auf die Anfrage konservativer Abgeordneter, ob er sich nicht bewußt sei, daß jeder Historiker die Ungerechtigkeit von Südtirol hervorhebe: Südtirol sei keine rein ethnische Frage, wirtschaftliche Faktoren gelte es zu berücksichtigen, die Frage des Selbstbestimmungsrechtes sei auf bestimmte Gebiete in Europa schwer anzuwenden, weil die Völker Europas "rassisch so vermischt" seien.
23.05.1946 De Gasperi schreibt einen persönlichen Brief an Truman, in dem er auf die katastrophalen Folgen hinweist, falls im Friedensvertrag zu große Opfer von Italien gefordert würden. Er bittet den US-Präsidenten, keine "ungerechten Lösungen" zuzulassen, wozu auch die Brennergrenze gehöre.
25.05.1946 Gruber begibt sich zur Außenministerkonferenz nach Paris; Das "Committee on South Tyrol" protestiert in einem Schreiben an Gruber, daß sich Österreich auf eine Teillösung einläßt, wodurch die rechtliche und moralische Stellung in nicht wieder gut zu machender Weise geschwächt würde.
26.05.1946 Großkundgebung der Pustertaler in Toblach für das Selbstbestimmungsrecht für ganz Südtirol.
27.05.1946 Gruber erklärt laut New York Times, daß er nur kleinere italo-österreichische Grenzberechtigungen verlangen werde. Die Forderung nach Rückkehr Südtirols sei jedoch nicht aufgegeben. Die Entscheidung der Außenminister anerkennt er als bindend für den gegenwärtigen Zeitpunkt.
28.05.1946 Die NZZ meldet, daß Fürstbischof Geisler und der SVP-Obmann an die Außenminister Bevin, Byrnes, Molotow und Bidault ein Gesuch um Entsendung einer Untersuchungskommission nach Südtirol gerichtet haben.
30.05.1946 Als Vertreter Österreichs legt Außenminister Gruber und als Delegierter Italiens, der italienische Botschafter in London Graf Nicolò Carandini, die Auffassungen ihrer Regierungen über die Grenzziehung zwischen Österreich und Italien vor dem Rat der Stellvertreter der Außenminister in London im Sinne des Beschlusses der Außenministerkonferenz dar.
30.05.1946 Gruber trägt die Forderung nach "kleineren Grenzberichtigungen" (Pustertallösung) vor; eine Rechtsverwahrung hinsichtlich der Selbstbestimmung für Südtirol wird eingebracht, wobei Gruber betont, daß Österreich "auf jeden Fall" beabsichtigt, "zu einem späteren Zeitpunkt das Thema Volksentscheid in Südtirol vor einem zuständigen, internationalen Gremium aufzuwerfen". Gruber führt u- a. aus, die österreichischen Forderungen bezögen sich auf ein Gebiet von 3.200 Quadratkilometer mit einer Bevölkerungszahl von rund 70.000. Es handelt sich dabei vor allem um das Pustertal und das obere Eisacktal mit den Städten Brixen, Bruneck und Sterzing: auch der Brenner gehöre dazu. Die vorgeschlagene Grenze würde fünf Kilometer nördlich von Cortina d'Ampezzo und weiter westlich rund 20 Kilometer nördlich von Meran verlaufen. Bozen würde bei Italien bleiben. Das beanspruchte Gebiet gehöre zu Südtirol. Wenn es aber bei Italien belassen würde, ergäben sich für Österreich Verkehrsschwierigkeiten, die sich auf die österreichische Wirtschaft nachteilig auswirken müßten. Die Bundesregierung sei bereit, die Festsetzung der genauen Grenzlinie bei Brixen Experten zu überlassen und Italien umfassende Erleichterungen für den Bezug von Strom aus dem Kraftwerk von Brixen einzuräumen.
30.05.1946 Graf Carandini erklärt, wenn Italien auch bereit sei, die Verantwortung für den Krieg zu übernehmen, so könne es doch nicht zugeben, daß sich diese Verantwortung auch auf die Beziehungen zu Österreich erstrecke. Italien sei bereit, Österreich alle Erleichterungen zuzugestehen, wenn das ganze Gebiet bei Italien bleibe.
30.05.1946 Churchill führt laut Wiener Zeitung (5.6.) anläßlich der Debatte im Unterhaus über die Südtirolfrage aus: "Ich kenne keinen Fall in ganz Europa, auf den die Atlantik Charta und die Charta der Vereinten Nationen besser angewandt werden könnte, als das österreichische Tirol. Warum erlaubt man den Bewohnern dieses Landes nicht, ein Wort über ihre eigene Zukunft zu sagen? Warum können wir nicht ein faires und freies Plebiszit unter Überwachung durch die Großmächte haben? Ist es nicht unlogisch, zu sagen, daß es im Falle Triest den Standard des ethnologischen Ausgleichs gibt, für Südtirol jedoch andere Gesichtspunkte Geltung haben? Die Sowjetunion ist bereit, in beiden Fällen das ethnologische Prinzip zu mißachten." Er sprach den Wunsch aus, daß Großbritannien die freundschaftlichsten Beziehungen zu Italien anknüpfen möge, das bald wieder seinen Platz in der Gemeinschaft der Völker Europas einnehmen solle; zwischen Gruber und dem italienischen Botschafter Carandini kommt es in London auf Rat der britischen Diplomatie zur Kontaktaufnahme; die gleichen Vorstellungen trägt Gruber auch dem britischen Vertreter Mack in Wien am 13.6. vor.
01.06.1946 Außenminister Gruber führt ein Gespräch mit Carandini in Paris unmittelbar vor seiner Abreise nach London; auf einer Pressekonferenz erklärt Gruber, Österreich hoffe, "ein Land des Friedens wie die Schweiz zu werden"; Le Monde hebt im Anschluß an die Pressekonferenz mit Gruber hervor, daß hinsichtlich des Tourismus das Pustertal und Nordtirol eine Einheit bilden würden und veröffentlicht eine Karte mit den "Rectifications mineurs".
02.06.1946 Der Alto Adige veröffentlicht eine römische Meldung, wonach der Andreas-Hofer-Bund, die Organisation der Südtiroler Widerstandsbewegung, durch seinen Obmann Hans Egarter ein Telegramm an die Außenminister gerichtet habe, worin gegen die Forderung nach kleineren Grenzberichtigungen Protest eingelegt wird; die Echtheit des Telegramms bleibt umstritten; Wahlen zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung in Italien: Niederlage des Partito d'Azione.
03.06.1946 Der britische Außenminister Bevin hatte laut Reuter eine Zusammenkunft mit Außenminister Gruber, bei der Fragen der italienisch-österreichischen Grenzberichtigungen besprochen wurden. Gruber unterbreitete folgende Vorschläge: 1. Die Mächte sollen mit Österreich einen Feststellungsvertrag schließen, nicht aber einen Friedensvertrag, denn Österreich sei das Opfer der Angriffspolitik Deutschlands gewesen und habe niemals Krieg erklärt. 2. Die Teilung Österreichs in vier Zonen soll mit sofortiger Wirkung aufgehoben und die Besatzungstruppen etappenweise abgezogen werden. 3. Grenzberichtigungen in Südtirol sollen Österreich zugestanden werden. 4. Freiheit des Schiffsverkehrs auf der Donau und Zugang zu Triest. 5. Die Ansprüche an Österreichs Industrie, im Zusammenhang mit den deutschen Wiedergutmachungsleistungen, sollen fallen gelassen werden. 6. Österreich soll in die Vereinten Nationen aufgenommen werden; De Gasperi war über den Besuch Grubers bei Bevin in heller Aufregung.
04.06.1946 Gruber erläutert in London gegenüber Gladwyn Jebb seine Vorstellungen zur Lösung der Südtirolfrage: Die beiden Regierungen sollten eine gemeinsame italienisch-österreichische Verwaltung für ganz Südtirol unter UNO-Aufsicht errichten. Italien sollte sämtliche wirtschaftlichen Rechte behalten und Truppen am Brenner stationieren können, während Österreich für kulturelle Fragen und Verkehrsangelegenheiten zuständig sein sollte, mit dem Recht Südtirols, Abgeordnete in den Nationalrat nach Wien entsenden zu können.
06.06.1946 Bevin erklärt sich laut Wiener Zeitung einverstanden, daß kleine Grenzberichtigungen zugunsten Österreichs vorgenommen werden könnten und in diesem Sinne mit Italien zu sprechen. Er gibt seiner Hoffnung Ausdruck, daß Italien und Österreich in der Grenzfrage zu einer vernünftigen Lösung kommen und den Friedensschluß erleichtern werden.
10.06.1946 Besprechung von Vertretern Nord- und Südtirols in Innsbruck, die ihre Vorbehalte gegen die Politik des Außenministers zum Ausdruck bringen.
11.06.1946 Ing. Amann und Thalhammer begeben sich als Experten zur Außenministerkonferenz nach Paris, um dort entsprechende Angaben über die Wasserkräfte und Elektrizitätswerke in Südtirol zu machen.
15.06.1946 In der New York Times wird der Plan eines Kondominiums für Südtirol durch den Österreich-Korrespondenten John MacCormac veröffentlicht.
15.06.1946 bis 12.07.1946 Fortsetzung der Vier Mächte-Außenministerkonferenz (vom 25. 04-16. 05 1946) in Paris; der Anspruch Österreichs auf Südtirol wird neuerdings abgelehnt; Versuche, die Staatsvertragsverhandlungen in Gang zu bringen werden infolge interalliierter Differenzen (sowjetisches Veto) fallengelassen.
18.06.1946 Proklamation der Republik Italien nach den Wahlen zur Nationalversammlung und Volksabstimmung.
18.06.1946 Amonn und Volgger richten ein Privatschreiben an Innocenti und nehmen "inoffiziell" und mit Vorbehalten gegen dessen vor Monaten entwickelten Autonomieentwurf Stellung (keine Regionalautonomie Südtirol-Trentino).
18.06.1946 Das Foreign Office spricht sich in einer Weisung für den britischen Botschafter in Paris, für die Abtretung des Pustertales an Österreich, jedoch ohne Brixen, aus. Die Delegation wird angewiesen, einen "modifizierten Vorschlag" einzubringen; falls keine Einigung erzielt werden könnte, sollte Italien militärische Durchzugsrechte und die Möglichkeit erhalten, Truppen am Brenner zu stationieren. Hinsichtlich der Wasserkräfte müßten Italien Garantien gegeben werden ebenfalls Minderheitenrechte. Die Briten wollten somit die Kondominiumsidee lediglich für das Pustertal angewendet sehen.
20.06.1946 Die US-Delegation nimmt zum Kondominiumsplan Grubers Stellung und lehnt in einer Stellungnahme für das State Department dieses Konzept aufgrund der ungeklärten Souveränitätsfrage und des Fehlens angemessener Polizeikontrollen als nicht praktikabel ab; der Wasserkraft-Ausschuß kommt in Paris zum Ergebnis, daß die von Österreich Italien angebotenen Garantien hinsichtlich der Wasserkraft den Schaden nicht ausgleichen würden, der Italiens Wirtschaft und v.a. seiner Elektrizitätswirtschaft entstehen würde, sollte das gesamte Pustertal an Österreich abgetreten werden. Die stellvertretenden Außenminister legen den Expertenbericht ohne eigene Empfehlung vor.
22.06.1946 Ein Amnestiegesetz, ausgearbeitet von Justizminister Palmiro Togliatti, zur "Befreiung und Versöhnung aller guten Italiener" tritt in Kraft.
23.06.1946 Schreiben des Fürstbischofs Geisler an Bevin, daß weder die Pustertallösung noch der italienische Autonomievorschlag eine Regelung der Südtirolfrage bewirken würden. Trotz des demokratischen Charakters der neuen italienischen Regierung erscheine der Faschismus in diesem Teil der Welt bereits wieder. Der Brief wurde am 11.8. in der Wiener Zeitung auszugsweise abgedruckt.
24.06.1946 Der Außenministerrat lehnt nach Vorlage eines Entschließungsantrags von Molotow die Pustertallösung als "kleinere Grenzberichtigungen" ab, die übrigen Außenminister stimmen dieser Auffassung zu; die Entscheidung der Alliierten, daß Österreich Südtirol nicht erhalten werde (14.9.1946) wird erneut festgeschrieben, Gruber ist schwer enttäuscht.
25.06.1946 Die Londoner Times urteilt: "Ein rein politischer Beschluß: Südtirol als Teilentschädigung für die Kolonien." U.a. heißt es über die Entscheidung der Außenminister: "Sie scheinen stillschweigend übereingekommen zu sein, Südtirol bei Italien zu belassen als eine Teilentschädigung für jene Gebiete, welche es wahrscheinlich in den Kolonien, in Venezia Giulia außer den kleinen französischen Grenzforderungen in den Seealpen verlieren werde. Die Entscheidung war im Grunde eine politische."
26.06.1946 Rede Grubers anläßlich des ersten Jahrestages der Gründung der UN im Großen Konzerthaussaal in Wien, veranstaltet von der österreichischen Liga der Vereinten Nationen. Er betont laut Wiener Zeitung vom 27.6., Österreich wolle nichts anderes erreichen, als Gewährung des Selbstbestimmungsrechts "für den österreichischen Volksstamm der Südtiroler";
26.06.1946 Die Tiroler Landesregierung beschließt folgende Resolution: "Das Tiroler Volk kann und will nicht glauben, daß in Paris das letzte Wort schon gesprochen ist. Es erwartet, daß der österreichische Außenminister zunächst bei den alliierten Regierungen vorstellig wird, dann die Angelegenheit in der Friedenskonferenz unterbreitet und, wenn Österreich kein Gehör findet, eine Entscheidung durch die Organisation der Vereinten Nationen erwirkt. Das Ziel aller unserer Anstrengungen ist die Durchführung einer freien Volksbefragung in Südtirol, um in diesem Teil der Welt eine Ordnung zu erreichen, welche der moralischen Grundsätzen entspricht." Landeshauptmannstellvertreter Franz Hüttenberger (SPÖ) kritisiert, daß "von den für Österreichs Außenpolitik verantwortlichen Männern in der Behandlung des Südtiroler Problems Ungeschicklichkeiten begangen wurden, welche die gerechte Sache Südtirols ungünstig beeinflussen".
26.06.1946 Der stv. US-Außenminister Dean Acheson schreibt an den in Paris weilenden Byrnes, daß Grubers Kondominiumsplan eine Grundlage für Direktverhandlungen zwischen Italien und Österreich bilden könnte. Die ethnische Frage sei nach wie vor offen, die Polizeiaufsicht könnte auf lokaler Ebene gelöst werden und in einem Südtirolstatut enthalten sein.
28.06.1946 Zweites Alliiertes Kontrollabkommen für Österreich (Rechte und Pflichten des Alliierten Rates und der Bundesregierung werden festgeschrieben, das Abkommen garantiert deren Unabhängigkeit und Gebietshoheit; Verfassungsgesetze bedürfen der einstimmigen Genehmigung des Alliierten Rates, während die übrigen Gesetze bei mangelnder Stimmeneinheit nach 31 Tagen in Kraft gesetzt werden können; Ermächtigung mit allen Regierungen der Vereinten Nationen diplomatische und konsularische Beziehungen einzugehen.
29.06.1946 "Treueschwur" der Tiroler Jugend anläßlich der 150jährigen Wiederkehr des "Herz-Jesu-Bündnisses" (1796), an der auch Bischof Paulus Rusch teilnimmt.
30.06.1946 Herz-Jesu-Prozessionen werden landesweit durchgeführt und dabei demonstrieren zehntausende Tiroler für das Selbstbestimmungsrecht Südtirols; Innocenti schließt einen weiteren (überarbeiteten) Autonomieentwurf ab, der eine gemeinsame Region Trient-Bozen vorsieht.
03.07.1946 Zur Südtirolfrage gibt Gruber eine Erklärung vor dem Nationalrat ab, in der er u.a. ausführte: Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges habe die Bundesregierung unter Berufung auf das in der Atlantikerklärung verankerte Selbstbestimmungsrecht der Völker sofort ein Plebiszit in Südtirol angemeldet (...) Nachdem auf der 09konferenz in London beschlossen worden sei, hinsichtlich der italienisch-österreichischen Grenze nur kleine Berichtigungen zuzulassen, habe der britische Außenminister bei der Konferenz vom 05 1946 in Paris die Frage zur Diskussion gestellt. Molotow habe aber eine Erörterung ebenso abgelehnt wie den Vorschlag Bevins, die Bundesregierung einzuladen, die Forderung auf "kleinere Grenzberichtigungen" - ein Begriff, der nicht näher definiert worden sei - vorzubringen. Das State Department habe die Bundesregierung hierzu wissen lassen, daß es den Zeitpunkt für eine Aufrollung des Südtirolproblems für ungünstig halte. Als dann kurz darauf doch ein österreichischer Vertreter nach Paris eingeladen worden sei, habe er die Forderung auf das Pustertal mit Einschluß von Brixen und das Kanaltal eingebracht und erklärt, daß sich Österreich vorbehalte, die Südtirolfrage zu einem späteren Zeitpunkt aufzurollen. Während die Sowjetunion dieser Forderung ablehnend gegenübergestanden sei und Jugoslawien nur bereit gewesen wäre, sie zu unterstützen, wenn Österreich seinerseits die jugoslawische Forderung auf Triest unterstütze, hätte Frankreich sie befürwortet, Bevin wie McNeil hätten im Unterhaus erklärt, daß man Österreich das Recht auf kleinere Grenzberichtigungen zubilligen müsse. Trotzdem sei die Entscheidung gegen Österreich gefallen, wobei wirtschaftliche, in keiner Weise stichhaltige Beweggründe den Vorwand für eine rein politische Entscheidung abgegeben hätten. Trotzdem werde Österreich nie davon abgehen, die Forderung nach einem Plebiszit in Südtirol zu stellen, und werde ebensowenig auf dieses Land verzichten, wie sich Großbritannien mit der Abtrennung der Grafschaft Kent oder Frankreich mit der Abtrennung Lothringens einverstanden erklären würde.
04.07.1946 Erich Amonn und Josef Raffeiner wenden sich an Innocenti, um ihm zu erklären, daß die SVP angesichts der Entscheidungen der Außenministerkonferenz - abgesehen von der bereits erfolgten Mitarbeit über die Staatsbürgerschaftsfrage der Optanten - auch zur Mitarbeit in der Autonomiefrage bereit sei. Amonn und Raffeiner dementieren allerdings später eindeutig und klar, daß sie sich nicht dem Autonomieprojekt Innocentis (u.a. gemeinsam mit dem Trentino) einverstanden erklärt hätten, was Innocenti und De Gasperi so in der Öffentlichkeit darstellten.
05.07.1946 Der sowjetische Oberbefehlshaber in Österreich Generaloberst Kurassow befiehlt die Übergabe des gesamten "deutschen Eigentums" in der Sowjetzone an die Sowjetunion ("Befehl Nr.17").
07.07.1946 Entschließung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes für die Selbstbestimmung Südtirols; Figl erklärt, daß Österreich wie die Resolution des ÖGB nach wie vor den Gedanken der Rückgabe Südtirols weiterverfolgt.
08.07.1946 Der stv. Undersecretary of State Oliver Harvey hält fest, daß die Anwendung des ethnischen Prinzips - so richtig dieses im Grunde sei - im Falle Südtirols nicht in Frage komme.
10.07.1946 Die USA kündigen den Verzicht auf das "deutsche Eigentum"in ihrer Zone an; Amonn und Raffeiner appellieren an den Ministerpräsidenten der Südafrikanischen Union, Jan Smuts, auf der kommenden Friedenskonferenz ihr Recht auf Selbstbestimmung zu vertreten.
12.07.1946 Gruber deponiert via erstem Botschaftssekretär der italienischen Botschaft in Wien, Roberto Gaja, die Idee eines Treffens mit De Gasperi, auch in Italien, um einen Gesprächsaustausch über freundschaftliche Beziehungen und der Zusammenarbeit" zu führen. Gruber erwähnt nicht die Südtirolfrage. Seiner Ansicht nach sollte über wirtschaftliche Erleichterungen und eventuell über eine italienisch-österreichische Zollunion gesprochen werden.
16.07.1946 Der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des US-Senats, Artur Vandenberg, erklärt zu der von den Außenministern beschlossenen Belassung Südtirols bei Italien, "dies sei von allen auf ethnischer Grundlage getroffenen Entscheidungen die am wenigsten zu rechtfertigende. Die UNO wäre das geeignete Forum, um solche Fehlentscheidungen auszuzgleichen".
17.07.1946 Die SVP betont in einem Telegramm an das House of Lords den Anspruch auf Selbstbestimmung und bittet, die Südtiroler dabei zu unterstützen.
18.07.1946 Der Vertragsentwurf für die Friedenskonferenz ist von den Außenministern fertiggestellt worden, Artikel 10 des italienischen Friedensvertrages sieht die Regelung der Verkehrsverhältnisse im Pustertal auf dem Wege direkter Verhandlungen zwischen Italien und Österreich vor.
19.07.1946 Die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldet laut Presseagentur des Ministerpräsidenten, die Bereitschaft der SVP-Vertreter an der Schaffung einer tridentinischen Regionalautonomie mitzuarbeiten.
20.07.1946 Die Dolomiten sehen sich außerstande mitzuteilen, welche Bedeutung dem ANSA-Kommuniqué zukommt, da keiner der führenden SVP-Vertreter für sie erreichbar war. Die Volkspartei hatte jedoch zu diesem Zeitpunkt noch keine offizielle Stellungnahme zu dem von Innocenti am 30.6. abgeschlossenen zweiten Autonomieentwurf verlautbart.
20.07.1946 De Gasperi läßt Gruber via Gaja mitteilen, daß er zu Gesprächen bereit sei, wenn territoriale Fragen nicht zur Diskussion stehen und deutet die Möglichkeit einer italienisch-österreichischen Zollunion aufbauend auf einem Projekt aus dem Jahre 1926 an.
24.07.1946 Die Dolomiten bringen eine "Äußerung der SVP zur Autonomiefrage": das endgültige Schicksal Südtirols werde erst auf der Friedenskonferenz besiegelt, mit Blick auf das durch die Außenminister geschaffene Präjudiz wäre es jedoch unverantwortlich, "in der Autonomiefrage völlig abseits zu stehen".
25.07.1946 Rede De Gasperis vor der Verfassunggebenden Nationalversammlung, in der er, veranlaßt durch Bevins Erklärungen im Unterhaus, auch auf die Südtirolfrage zu sprechen kommt und die Ausarbeitung eines Autonomieprojekts erwähnt, welches im Einvernehmen mit allen Parteien aus dem Trentino und der Provinz Bozen "auch unter Einschluß jener, die bisher die Fahne des Separatismus hoch gehalten habe", entwickelt werde.
25.07.1946 Im Volksboten erklärt Amonn, daß man in der Autonomiediskussion und Optantenfrage nicht mehr abseits stehen könne und man - im Falle einer Ablehnung der Selbstbestimmungsforderung - eine Autonomie für Südtirol einer Regionalautonomie vorziehen würde.
25.07.1946 Im britischen Unterhaus erklärt der Konservative Boothby bei Begründung eines von 150 Unterhausmitgliedern unterzeichneten Protestantrages gegen die Entscheidung der Außenministerkonferenz in Paris über die Belassung Südtirols bei Italien u.a., die Abtrennung Südtirols von Österreich im Friedensvertrag von Saint Ger05n sei die ernsthafteste Verletzung des von Wilson aufgestellten Grundprinzips der Selbstbestimmung der Völker gewesen und habe die moralische Grundlage des Vertrages von Versailles unterminiert. Sie habe die Alliierten mit jenem Schuldkomplex erfüllt, der schließlich Hitler erlaubt habe, zur Macht aufzusteigen. Die Italienisierung Südtirols sei brutal durchgeführt worden. Boothby fragt, "ob Großbritannien den schmutzigen Schacher, den der Berliner Pakt zwischen Hitler und Mussolini über Südtirol dargestellt habe, unterschreiben wolle?" Außenminister Bevin sagt in seiner Antwort u. a., das Problem Österreich sei 1943 in Moskau zur Sprache gekommen und entschieden worden, daß Italiens Boden nicht angetastet werden solle. Österreich sei noch nicht frei, und man wisse nicht einmal, ob Ostösterreich nicht vom Westen ganz abgeschnitten werde. Die Entscheidung über Südtirol sei im 09 in London gefallen. Er habe sich einverstanden erklärt und trage dafür die Verantwortung.
29.07.1946 Am Tag des Zusammentritts der Pariser Friedenskonferenz organisiert die Landesstelle für Südtirol eine Massenkundgebung von Exilsüdtirolern in Innsbruck. Reut-Nicolussi hält vor einer großen Menschenmenge vor dem Goldenen Dachl eine Rede; die namhaftesten Südtiroler Politiker fordern ein freies Plebiszit für Südtirol in einem öffentlichen Appell.
29.07.1946 bis 15.10.1946 Im Palais Luxembourg in Paris beginnt die Friedenskonferenz, Teilnehmer sind: Frankreich (Außenminister Bidault), Sowjetunion (Außenminister W. M. Molotow), Großbritannien (Premierminister Clement Attlee), Vereinigte Staaten (Außenminister James F. Byrnes), Australien (Außenminister Herbert v. Evatt), Belgien (Außenminister Paul Henri Spaak), Brasilien (Außenminister Joso Neves de Pontoure), Weißrussische Sowjetrepublik (M. A. Kisselew), Kanada (W. L. Mackenzie King), China (Wang-Shih-Tschieh), Tschechoslowakei (Außenminister Jan Masaryk), Abessinien (Ato Aklilou Ahte-Wold) Griechenland (Außenminister Constantin Tsaldaris), Indien (Sir Samuel Runganachan), Niederlande (Baron van Boetzelaer van Oosterhout), Norwegen (Außenminister Halvard Lange), Neuseeland (Außenminister H. G. Mason), Ukrainische Sowjetrepublik (Dimitri Manuilskt), Südafrikanische Union (Generalmajor Frank Theron), Jugoslawien (Außenminister Kardelj). Der Konferenz liegen die Entwürfe des Rates der Außenminister der Großen Vier in Paris, beziehungsweise der von ihnen beauftragten Stellvertreter zu den Friedensverträgen mit Italien, Finnland, Bulgarien, Rumänien und Ungarn sowie die von dieser nicht geklärten Fragen der Friedensverträge und der Donauschiffahrt vor. Die von der Moskauer Außenministerkonferenz vorgeschlagenen Friedensvertragsentwürfe haben laut britischen Weißbüchern folgenden Inhalt: Italien soll Österreich freien Frachten- und Personenverkehr zwischen Nord- und Südtirol zusichern.
30.07.1946 Dänische Hilfsaktion für österreichische Schulkinder
04.08.1946 Den 21 Delegationen der Pariser Friedenskonferenz werden vier Memoranden vorgelegt, in denen eine Volksabstimmung verlangt wird. Das erste Memorandum stammt von der Bundesregierung, das zweite von der SVP und der Sozialdemokratischen Partei Südtirols, das dritte von den Ladinern und das vierte vom Weihbischof von Brixen Geisler.
04.08.1946 Die New York Herald Tribune betont: "Die Südtiroler Frage ist wichtig für den Frieden" und schreibt, die USA hätten "eine ganz besondere Verantwortlichkeit in der Sache, denn die ursprüngliche Abtretung Südtirols an Italien erfolgte nach dem letzten Kriege durch Woodrow Wilson, welcher später darüber sagte: 'Ich bedauere diesen Entscheid. Ich kannte die Verhältnisse nicht, als die Entscheidung getroffen wurde'".
05.08.1946 Besprechung zwischen Amonn und Innocenti über das Autonomieprojekt vom 30. 06; der SVP-Obmann gibt zu erkennen, daß die Partei ein solches Statut ablehne, allerdings eine kleine Gruppe diesem nicht gänzlich abgeneigt sei.
07.08.1946 Die SVP gibt die Instruktionen für die Südtiroler Delegation in Paris aus: falls kein Plebiszit durchsetzbar ist werden drei Alternativen festgelegt: 1. Internationalisierung (Südtirol unter internationaler Kontrolle), 2. Liechtensteinlösung, 3. Autonomie (diese allerdings nur unter den Bedingungen einer internationalen Garantie und ausschließlich für Bozen).
07.08.1946 Friedl Volgger verläßt den Parteisitz Bozen-Gries und begibt sich gemeinsam mit Otto von Guggenberg über das Schnalstal/Similaun/Ötztal "illegal" nach Österreich, um von dort mit dem Arlberg-Express nach Paris zur Friedenskonferenz zu gelangen.
09.08.1946 Der Fürstbischof von Brixen Geisler richtet laut Reuter ein Schreiben an Bevin, in dem er die Außenminister der vier Großmächte um Revision ihres Beschlusses bezüglich Südtirols ersucht. Gleichzeitig wird laut United Press ein vom SVP-Obmann Ammon und dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Südtirols, Lorenz Unterkircher, und vier Südtiroler Mitgliedern des letzten gewählten italienischen Parlaments und sieben Mitgliedern des letzten gewählten Südtiroler Landtages unterzeichneter Appell von Parlamentariern für eine Volksabstimmung in Südtirol der Pariser Friedenskonferenz unterbreitet. Ein drittes Memorandum mit der gleichen Forderung wird von der österreichischen Regierung abgesandt.
10.08.1946 In der Zeitung Die Österreichische Furche erscheint ein Artikel über eine Kondominiumslösung für Südtirol, vermutlich inspiriert von Gruber.
10.08.1946 De Gasperi tritt vor die Pariser Friedenskonferenz, um die Anliegen Italiens zu vertreten. Der Friedensvertragsentwurf sei hart und strafend. Die militärischen Bestimmungen würden das Land wehrlos machen, die geplante Grenze zu Jugoslawien und der vorgesehene "Freistaat Triest" viele Italiener vom Mutterland abtrennen. In bezug auf Südtirol erklärt De Gasperi, daß im "Alto Adige" eine weitreichende Autonomie vorbereitet werde und die Südtiroler Vertreter einer Regionalautonomie bereits zugestimmt hätten.
14.08.1946 bis 15.08.1946 Erklärung der SVP-Landesleitung zu der von De Gasperi in Paris am 10.8. gemachten Äußerung, daß seitens der italienischen Regierung in Südtirol bereits eine Einigung über eine weitgehende Autonomie erzielt worden sei. In der Stellungnahme der SVP (Dolomiten, 14.8.1946; Volksbote, 15.8.1946) wird festgehalten, daß zwischen Volkspartei und italienischer Regierung keinerlei Verhandlungen über eine Autonomie stattgefunden hätten und von einer "Einigung" in keiner Weise die Rede sein könne.
17.08.1946 Der Antrag auf Anhörung Österreichs auf der Friedenskonferenz wird vom britischen Staatssekretär Hector McNeil vorgebracht und mit 15 zu 6 Stimmen (Rußland, Ukraine, Weißrußland, Polen, Jugoslawien und die CSR stimmten dagegen) - angenommen. Die Konferenz beschließt damit, Österreich einzuladen, zu dem Friedensvertrag mit Italien nach den gleichen Bedingungen wie sie für die Einladungen Albaniens, Kubas und Ägyptens niedergelegt wurden, seine Ansichten darzulegen.
19.08.1946 Die Dolomiten verkünden "Österreich wird angehört werden" auf der ersten Seite.
21.08.1946 Außenminister Gruber vertritt nochmals den Standpunkt Österreichs in der Südtirolfrage; seine Rede vor der Vollversammlung der Pariser Außenministerkonferenz (29. 07 - 15. 10) wurde in Absprache mit Kanzler Figl entworfen; das der Konferenz vorgelegte Südtirol-Memorandum Österreichs (25.8.) ändert nichts am Standpunkt der Außenminister, Südtirol bei Italien zu belassen.
22.08.1946 Unterredung Grubers mit Carandini, Bidault und Gruben; die belgischen Delegierten versuchen die Österreicher zu einer direkten Einigung mit Italien zu bewegen; Otto von Guggenberg und Hans Schoefl treffen in Paris ein.
23.08.1946 Die Südtiroler Delegierten legen auf Verlangen Grubers ihre Autonomievorstellungen fest.
24.08.1946 Der österreichische Botschafter Schmid macht gegenüber Carandini deutlich, Österreich werde auf die Forderung nach einer Provinzautonomie für Bozen und die zugehörigen Gemeinden des deutsch- und ladinischsprachigen Gebietes "niemals verzichten", zumal eine Zusammenlegung zu einer Majorisierung der deutschsprachigen Bevölkerung durch das italienische Element führen würde.
24.08.1946 Die SVP-Delegierten werden von Smuts empfangen.
25.08.1946 Im neuen Memorandum der Bundesregierung wird eine Verwaltungsautonomie gefordert, wie sie durch Italien den Bewohnern des Aostatals gewährt wurde. Das Memorandum bringt den Vorschlag zur Abänderung des Artikels 10 des italienischen Friedensvertragsentwurfs.
26.08.1946 Gruber überreicht dem Generalsekretariat der Friedenskonferenz ein 34 Seiten langes Memorandum zur Südtirolfrage, welches 4 Abschnitte enthält: die Rede Grubers, die Skizzierung der politischen Forderungen, das Exposé über die Südtirolfrage und Konklusionen zur Südtirolfrage sowie Vorschläge zur Wahrung der österreichischen Interessen in Triest.
26.08.1946 Die Südtiroler Delegation bringt ihr Mißfallen zum Ausdruck, daß "vorzeitig alle Karten aufgedeckt" werden und "offenkundig" wurde, "wie weit nachzugeben die österreichische Regierung bereit war". Die vergleichsweise Heranziehung der Aostatal-Autonomie wurde als Muster "für verunglückt und gefährlich" angesehen; Gruber schwebt jedoch kein detaillierter Vertrag vor. Er macht deutlich, daß es v.a. darum gehe, "in den Friedensvertrag einen Artikel hineinzubringen, der den Italienern ständig ihre Verpflichtung zum Abschluß eines Vertrages in Erinnerung bringen würde".
26.08.1946 Gegenüber Carandini deutet Gruber Bereitschaft an, die Vorschläge Innocentis zur Grundlage der Autonomie zu machen, allerdings nur unter der Bedingung, daß sie in einigen Punkten modifiziert würden, u.a. keine gemeinsame Autonomie mit dem Trentino.
30.08.1946 Die im italienischen Gegenvorschlag genannte Bedingung Grubers wird nicht berücksichtigt bzw. erfüllt. De Gasperi läßt sich auf die von Österreich gewünschte eindeutige territoriale Abgrenzung des autonomen Gebietes nicht ein.
30.08.1946 Volgger hat mit dem jugoslawischen Delegationsmitglied Marusic eine Unterredung.
01.09.1946 Carandini kehrt aus Rom mit Instruktionen De Gasperis und einem Vorschlag für Artikel 10 des italienischen Friedensvertrags nach Paris zurück.
02.09.1946 Heftige Diskussion zwischen Gruber, Schmid, Wimmer und Bischoff auf der einen und Guggenberg, Volgger und Schoefl auf der anderen Seite, weil die Südtiroler Delegierten den Carandini-Vorschlag als ungenügend bezeichnen und glatt zurückweisen.
02.09.1946 Der italienische Ministerpräsident De Gasperi erklärt laut Wiener Zeitung, daß die Autonomie Südtirols das ethnische Problem dieser Region nicht lösen könne, wenn sich diese nicht auch auf das Trentino erstrecke. Die italienische Regierung hätte nichts dagegen einzuwenden, daß die Klausel über den Schutz der Minderheiten im Friedensvertrag auch durch die Vereinten Nationen garantiert werde.
04.09.1946 Gruber verlangt die Unterdrückung des Begriffs "circumscription", um über die Ausgestaltung der Autonomie keinen Zweifel aufkommen zu lassen; die Italiener wollen diesen Begriff, weil er ihnen die Möglichkeit zur Ausdehnung der Autonomie auf das Gebiet von Trient gestattet. Gruber lehnt diesen Standpunkt ab, worauf das Wort "frame" an Stelle von "circumscription" gewählt wird.
05.09.1946 Gruber ist bereit, die Frage der Nennung des territorialen Geltungsbereichs der Autonomie offenzulassen und keine Formel zu verlangen, die das autonome Gebiet unbedingt auf die Provinz Bozen beschränkt. Er bittet Carandini, das Gleiche zu tun, und nicht direkt auf die Vereinigung der beiden Provinzen hinzuweisen: Damit ist der Weg für die Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen Alcide De Gasperi und Karl Gruber in der italienischen Gesandtschaft geebnet, die als "Pariser Abkommen" im Artikel 10 Bestandteil des italienischen Friedensvertrags werden und Rechte der Südtiroler sichern soll: Mit diesem als "Pariser Vertrag" in die Geschichte eingehenden Abkommen wird den deutschsprachigen Südtirolern Gleichberechtigung mit den Italienern und ein bestimmtes Maß an Autonomie zugesprochen. Ergänzt wurde das Abkommen durch einen Briefwechsel zwischen De Gasperi und Gruber vom selben Tag. In der Antwort des Ministerpräsidenten heißt es, daß die italienische Regierung bereit sein werde, alle Vorschläge der österreichischen Regierung genau zu prüfen ("give careful attention"), die auf die beste Lösung der in Artikel 10 sowie der im Text der Vereinbarung enthaltenen Punkte abzielen.
05.09.1946 Unterzeichnung des Gruber-De Gasperi-Abkommens in Paris ("Pariser Abkommen", "Pariser Vertrag").
06.09.1946 US-Außenminister Byrnes kündigt in einer Rede in Stuttgart eine Wende der amerikanischen Außen- und Deutschlandpolitik an.
06.09.1946 Rede Grubers für den Londoner Rundfunk BBC.
06.09.1946 Nach einer "schlaflosen Nacht" teilt De Gasperi den Österreichern mit, daß die italienische Delegation das "amendment to article 10" nicht selbst bei der Friedenskonferenz einbringen könne. Als sich herausstellt, daß die Briten Österreich nicht unterstützen würden, wenn es auf der Version vom 5.9. insistieren würde, wird die Seite 1 des Schriftstücks auf neutralem Papier und ohne Titel neu geschrieben, während Seite 2 mit den Unterschriften unverändert bleibt.
07.09.1946 De Gasperi gibt bei einer Pressekonferenz auf der italienischen Botschaft die Erklärung ab, daß die Frage des territorialen Umfangs der vereinbarten Autonomie für Südtirol noch offen geblieben sei, was massive Kritik bei der SVP-Delegation in Paris auslöst; nur mit Mühe kann diese von einem öffentlichen Protest abgehalten werden.
08.09.1946 In der Wiener Zeitung erscheint eine Art "Einverständniserklärung" der SVP-Delegierten zum Gruber-De Gasperi-Abkommen, worin es u.a. heißt: "Die erzielten Vereinbarungen bedeuten zwar in einigen Punkten Opfer, wir glaubten aber, dieselben als Beitrag zur Befriedung dieses Teiles der Welt bringen zu sollen. Auf alle Fälle bekommt Südtirol seine eigene Autonomie, und es wurden die Voraussetzungen geschaffen, daß die von Hitler und Mussolini vertriebenen Südtiroler in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückkehren können." Der Bundesregierung wird "als uneigennütziger Anwalt" gedankt; ein von Innocenti im Auftrag von De Gasperi ausgearbeitetes restriktiv gehaltenes Autonomiestatut, welches das Aufgehen Bozens in einer Region mit Trient vorsieht, wird veröffentlicht.
09.09.1946 Die SVP-Delegierten wenden sich nach dem Interview De Gasperis an Gruber und bezeichnen das Abkommen aufgrund der Aussagen des Ministerpräsidenten als "ungültig" und "Verrat" an den Vereinbarungen.
10.09.1946 Gruber, der von Wien eingeflogen kommt, beruhigt in einer mehr als einstündigen Unterredung die Südtiroler, mit der zentralen Argumentation, daß das Abkommen eindeutig das Autonomiegebiet bezeichne und es von der Zustimmung der Südtiroler selbst abhänge, ob es zu einem Zusammengehen mit dem Trentino kommen würde. Er betont, daß mit der Vereinbarung die Südtirolfrage zu einer internationalen Angelegenheit und auch zu einem international anerkannten österreichischen Anliegen geworden ist. Sollte Italien den Vertrag nicht einhalten, würde man gemeinsam, "eine Campagne [sic!] gegen Italien aufziehen, an der schon alles daran sein wird".
10.09.1946 In der Tiroler Tageszeitung erscheint eine Erklärung Grubers, wonach die nur für Südtirol geltende Autonomie von den Vertretern Südtirols selbst ausgearbeitet werde.
13.09.1946 Pressekonferenz Grubers über das Abkommen
14.09.1946 Gruber hält in einer internen Lagebesprechung fest, daß "für eine definitive Bereinigung" der Südtirolfrage "ein Vertrag mit ausgearbeiteten Details notwendig" sei, der allerdings "jetzt gar nicht ausgearbeitet werden könne".
14.09.1946 Die Prawda kritisiert, daß in der Vereinbarung die Grenzen des Gebietes nicht angegeben sind.
17.09.1946 Bundeskanzler Figl erklärt im Ministerrat bezüglich der territorialen Abgrenzung des Autonomiegebiets, daß die Einbeziehung des Trentinos "alles umstoßen" würde.
19.09.1946 Rede Churchills in Zürich, in der er zum Zusammenschluß Europas aufruft.
19.09.1946 Carandini bespricht sich laut einem Schreiben an den Generalsekretär des italienischen Außenministeriums, Renato Prunas, mit Volgger und Guggenberg und erhält deren Zustimmung, daß die Frage des territorialen Umfangs offenbleiben soll, handle es sich hierbei doch um ein Element jener Autonomie, die die italienische Regierung in freier Ausübung ihrer Souveränität zu gewähren bereit ist. Volgger und Guggenberg erklären sich zur Zusammenarbeit bereit und lehnen es nicht ab, eine Verwaltungseinheit zwischen Bozen und Trient in Betracht zu ziehen, unter der Bedingung, daß dabei ein effektiver Schutz der Rechte der deutschsprachigen Minderheit realisiert werden könne. Carandini erläutert das Innocenti-Projekt und wie dieses im legislativen wie exekutiven Bereich ein Auseinanderfallen der tridentinischen Einheit vorsehe, was der deutschen Minderheit einen effektiven Schutz und eine weitgehende Autonomie garantiere. Guggenberg und Volgger bezeichnen das Innocenti-Projekt für prinzipiell akzeptabel mit Ausnahme der Änderungen einzelnen Bestimmungen (Trient als einzige Hauptstadt, die Frage der Steuerhoheit, der Ausschluß der drei ladinischen Gemeinden), die sie wünschen.
21.09.1946 Von der Politischen und Territorialen Kommission für Italien wird mit 13 gegen 6 Stimmen (Weißrußland, Polen, CSR, Ukraine, Rußland, Jugoslawien) bei Stimmenthaltung Äthiopiens die Einbeziehung des italienisch-österreichischen Abkommens über Südtirol (welches auf Antrag der belgischen und niederländischen Delegation vom 13.9. eingebracht worden war) in den Artikel 10a des italienischen Friedensvertrages beschlossen. Der vom belgischen Delegierten Dehousse vorgelegte Artikel hat folgenden Wortlaut: "Die alliierten und assoziierten Mächte haben von den Bestimmungen (deren Text diesem Vertrage angeschlossen ist) Kenntnis genommen, über die von der österreichischen und italienischen Regierung am 5. 09 Einigung erzielt worden ist und durch welche den deutschsprachigen Bewohnern der Provinz Bozen und der benachbarten gemischtsprachigen Gemeinden der Provinz Trient gewisse Garantien zugesichert werden."
22.09.1946 Bundeskanzler Ing. Figl erklärt laut Weltpresse in Klagenfurt auf einer Kundgebung u. a.: "Es ist uns gelungen, die Frage Südtirols noch auf die Friedenskonferenz zu bringen, wobei sich unsere Delegation, der auch Vertreter von Südtirol angehören, bemüht hat, das Menschenmögliche aus der gegebenen Situation herauszuholen. Außenminister Gruber hat sich bemüht, besonders die Eigenart des Südtiroler Volkes für Österreich zu erhalten, und zwar in Form eines eigenen Autonomievertrages. Ich bin überzeugt, daß das Übereinkommen wirklich in die Tat umgesetzt wird, wobei das autonome Statut nur für die Provinz Bozen und die angrenzenden zweisprachigen Gemeinden ohne Trient Anwendung findet. Damit ist erreicht, was möglich war, daß die Südtiroler ihre Schule, ihre Kirche erhalten und an der Mitverwaltung der Provinz beteiligt werden, daß der Güterverkehr mit Österreich und der Reiseverkehr ein unbehinderter wird, daß wir also mit unserer Identitätskarte unbehindert von Lienz nach Innsbruck und von Innsbruck nach Bozen und von Bozen nach Klagenfurt und Wien fahren können. Österreich gilt heute wieder etwas in der Welt und wir wollen diesen Vorteil weiter nützen, damit wirklich die Zukunft des Landes gesichert sei."
23.09.1946 Guggenberg bittet Gruber seine am 10.9. den Südtirolern gegenüber gemachten Aussagen schriftlich festzuhalten, um für die zukünftige Entwicklung allen Anzweifelungen und Irrtümern begegnen zu können.
24.09.1946 Gruber schreibt an Guggenberg, indem er seine Darstellung der Unterredung mit De Gasperi unterstreicht, wonach gegen den Willen der Südtiroler eine Ausdehnung der Autonomiegrenzen nicht in Frage komme, d.h. eine Autonomie gemeimsam mit dem Trentino ihnen nicht aufgezwungen werden könne.
24.09.1946 Zu Ehren Carandinis gibt Gruber ein Frühstück im Restaurant Drouant, bei dem Schmid, Bischoff und Wimmer zugegen sind. In außerordentlich freundlicher Stimmung - so Carandini an Prunas - wird Sinn und Wille der Vereinbarungen nochmals klargestellt. Carandini betont die implizite Verzichtserklärung Österreichs auf Geltendmachung des Anspruchs auf Südtirol, worauf Gruber erklärt, daß an dem Tag, an dem die Autonomiefrage geregelt sei und die Wünsche der Südtiroler befriedigt seien, "der Fall Südtirol für Österreich abgeschlossen" sein würde. In bezug auf den Geltungsbereich der Autonomie versichert Gruber, daß diese Frage "offengelassen" wurde.
24.09.1946 Die Sowjetdelegation bringt Vorbehalte gegen den Einschluß des Abkommens in den Friedensvertrag zum Ausdruck, da dieses nur im geringsten Grade die Frage der nationalen Rechte der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols löst, was in Wirklichkeit nicht der Fall sei.
25.09.1946 Carandini schreibt an Prunas: Gruber bedaure, daß De Gasperi sich in Paris gegenüber der Presse "mißverständlich" geäußert habe. Wenn diese Erklärungen in Rom abgegeben worden wären, hätten die Südtiroler, die in Paris zur Zusammenarbeit bereit waren und das Abkommen akzeptierten, weniger heftig reagiert. Gruber erklärt laut Carandini am 16.9. "ganz offiziell (...), daß es an der Tatsache keinen Zweifel gibt, daß die Frage des territorialen Umfanges für jene Lösung offen bleibt, die sich die italienische Regierung anzuwenden vorbehält, bis sie sich mit den lokalen Vertretern in gegenseitigem Einvernehmen beraten hat". (Dok. 58 bei Steininger, Los von Rom?, S. 341).
26.09.1946 Besprechung zwischen Gruber und Vertretern Tirols und Südtirols in Innsbruck
27.09.1946 Insultierung Grubers vor dem Landhaus durch den Obmann des Tiroler Kriegsopferverbandes Hans Blaas; anschließend erfolgt eine Darstellung Grubers über die Verhandlungen in Paris vor Pressevertretern im Tiroler Landhaus.
27.09.1946 Im Alliierten Rat bezeichnet der sowjetische General Kurassow das Vorgehen Österreichs in Paris als Verletzung des Zweiten Kontrollabkommens. Das Abkommen mit De Gasperi hätte vor Unterzeichnung vorgelegt werden müssen.
01.10.1946 Bericht Grubers vor dem Ministerrat bzw. vor dem Außenausschuß des Nationalrats über die Pariser Konferenz und den Stand der Südtirolfrage, in dem er ausdrücklich betont, daß Österreich nicht auf Südtirol verzichtet habe; der Auswärtige Ausschuß nimmt eine Resolution an, in der bedauert wird, daß es nicht gelungen sei, die Freiheitsrechte des Südtiroler Volkes bei der Friedenskonferenz durchzusetzen. Außenminister Gruber wird ersucht, "für die Zukunft alle Maßnahmen zu treffen, um den verfassungsmäßigen Kontakt mit dem Parlament aufrechtzuerhalten". Die mit Italien vereinbarte Regelung bedürfe "noch mancher Auslegung, um als Zwischenlösung angesehen werden zu können". Abschließend heißt es: "Die Haltung Österreichs bedeutet in keiner Weise einen Verzicht auf die unveräußerlichen Rechte unseres Staates auf Südtirol".
01.10.1946 Der außenpolitische Ausschuß des Nationalrates nimmt das Abkommen mit Zurückhaltung zur Kenntnis.
02.10.1946 Gruber bittet den italienischen Vertreter in Wien, Roberto Gaja, De Gasperi mitzuteilen, daß die Resolution des Außenausschusses "aufgrund wahlpolitischer Überlegungen" zustandegekommen sei und die Bundesregierung die Absicht habe, dem Geist treu zu bleiben, in dem mit De Gasperi in Paris die Gespräche geführt worden seien; Vortrag Grubers "Österreich und die Pariser Friedenskonferenz" über Einladung der Österreichischen Liga der Vereinten Nationen im Konzerthaus, wobei er u.a. erklärt, "daß das in Paris mit Italien abgeschlossene Abkommen ein Maximum des gegenwärtig Erreichbaren darstelle".
06.10.1946 Die Zensur der Alliierten über die österreichische Inlandspost wird aufgehoben.
06.10.1946 Die Verbände der Südtiroler in den österreichischen Bundesländern schließen sich zu einem Gesamtverband der Südtiroler in Österreich (GSV) mit Sitz in Innsbruck zusammen.
22.10.1946 Außenminister Bevin erklärt laut The World Today im britischen Unterhaus unter anderem: Die Alliierten hätten sich in Moskau zur Schaffung eines freien und unabhängigen Österreichs verpflichtet, und Österreich habe sich durch die Abhaltung freier und unbeeinflußter Wahlen und durch den Abschluß seines Vertrages mit Italien über Südtirol als durchaus fähig erwiesen, seine eigenen Probleme zu lösen. Das schwierigste Problem stelle Deutschland dar.
30.10.1946 Rede Grubers in New York im Rahmen des Herald Tribune Forums
03.11.1946 bis 12.12.1946 Die Konferenz der Außenminister (Marshall, Molotow, Bevin, Bidault) in New York tagt, um aufgrund der Empfehlungen der Pariser Friedenskonferenz die Friedensverträge mit Italien, Rumänien, Ungarn und Finnland endgültig auszuarbeiten, beziehungsweise um die Punkte, die anläßlich der Friedenskonferenz unentschieden geblieben waren, zu klären. An der New-Yorker Konferenz nehmen Byrnes, Bevin, Molotow und Couve de Murville (in Vertretung Bidaults) teil. Außer den Friedensverträgen mit den Satellitenstaaten der "Achse" wird auch das Problem der freien Donauschiffahrt, die Frage des Vetorechtes im Sicherheitsrat und das Deutschlandproblem behandelt; der Vertrag mit Österreich über den Minderheitenschutz in Südtirol und über den Durchgangsverkehr zwischen Nord- und Osttirol wird auf Wunsch Molotows mit geringfügigen Änderungen am 3.12. in den Vertrag aufgenommen (die Konzession des sowjetischen Außenministers an die Westmächte erfolgte am 2.12.); die Sowjetunion erhält das Recht, in Ungarn und Rumänien ihre Streitkräfte zum Schutze der Verbindungslinien nach Österreich zu belassen; Verhandlungen über den österreichischen Staatsvertrag sollen bei der nächsten Konferenz in Moskau stattfinden.
04.11.1946 Flaggenaffäre in Kaltern mit einem Todesopfer
10.11.1946 Der Verpflegssatz für Normalverbraucher wird in Österreich von 1200 auf 1550 Tageskalorien angehoben; Gemeindewahlen in Cortina d'Ampezzo bringen für die "Zent ladina dolimites" über 1700 Stimmen, während die italienische Liste lediglich 853 Stimmen erhält.
03.12.1946 Der Alliierte Rat setzt die Besatzungskosten von bisher 30 Prozent des österreichischen Staatsbudgets auf 15 Prozent herab.
11.12.1946 Österreich ist in der Kontrollkommission für den Freihafen Triest; Jugoslawien meldet territoriale Ansprüche auf Kärnten an und erhebt im folgenden Jahr schwere Anschuldigungen. Neben Gebietsforderungen werden 11 Milliarden 600 Millionen Dollar Wiedergutmachung verlangt.
22.12.1946 General Mark Clark ist Beauftragter des Außenministers Byrnes für den österreichischen Staatsvertrag, der am 14. 01 1947 in London behandelt werden soll.
 

Das Jahr 1947

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10.02.1947 Der Friedensvertrag der Alliierten mit Italien wird unterzeichnet.
10.02.1947 Das später als "europäische Lösung" bezeichnete Gruber-De Gasperi-Abkommen wird im Annex IV des italienischen Friedensvertrages verankert. Artikel 85 des Vertrages bestimmt, daß die Annexe als integrierender Bestandteil des Vertrages anzusehen sind und dieselbe Bedeutung und dieselben Auswirkungen haben wie der Vertrag selbst. Das Abkommen läßt sich in der Folgezeit nur eingeschränkt realisieren.
27.06.1947 Die italienische Verfassunggebende Versammlung beschließt ohne Anhörung der Südtiroler die Errichtung einer "Region Trentino-Tiroler Etschland". Proteste der Südtiroler gegen den Zusammenschluß mit Trient bleiben wirkungslos.
27.06.1947 Die Verfassunggebende Versammlung in Rom beschließt die Errichtung autonomer Regionen, darunter auch "Trentino-Alto Adige".
16.09.1947 Der Friedensvertrag mit Italien tritt nach Hinterlegung der Ratifikationsurkunden der Signatarstaaten in Kraft.
16.12.1947 Sturm auf die Bozner Präfektur.
 

Das Jahr 1948

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01.01.1948 Italien stellt mit der Inkraftsetzung der Verfassung die Südtiroler vor eine vollendete Tatsache, nachdem im Artikel 116 die Bildung einer Regionalautonomie Trentino-Alto Adige vorgesehen ist. Damit wird das Pariser Abkommens zumindest aus der Sicht der Südtiroler Interessen in einem seiner wesentlichen Punkte nicht erfüllt.
28.01.1948 Sog. "Perassi-Brief"; Südtiroler Dankschreiben für die Autonomie.
29.01.1948 Die italienische Kammer erledigt mit großer Eile die 97 Artikel des Autonomiestatuts Trentino-Alto Adige, das Autonomiestatut tritt mit 14. 03 1948 in Kraft.
29.01.1948 Mit der Autonomie tritt auch das Optantendekret in Kraft, welches die Grundlage für die Reoption (Rücksiedlung) bildet.
29.01.1948 Die Verfassunggebende Versammlung in Rom verabschiedet das Statut für die Region "Trentino-Tiroler Etschland" ("Trentino-Alto Adige").
08.02.1948 Das Dekret über die Rückoption tritt in Kraft.
 

Das Jahr 1949

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04.02.1949 Ende der Rückoptionsfrist. Die Dolomiten vom 4. Februar 1949 schreibt: Heute endet die Frist, "die unseren abgewanderten Landsleuten gewährt ist, um für die Rückkehr in die Heimat zu optieren."