Einführung | Gründe für das Straßenkinddasein | Das Zuhause ist die Straße | Schluss mit Gewalt | Quincho Barrilete | Quellen
Weltweit leben ca. 100 Mio. Kinder auf der Straße. Die Zahl der "Straßenkinder ", "gamines", "niños de la calle" oder "meninos de rua" wächst beängstigend schnell. Ein großer Faktor des Problems ist die weltweit zunehmende Landflucht. Die Verantwortlichen in den betroffenen Großstädten mit ihren täglich enorm wachsenden Slums sehen kaum Möglichkeiten die Probleme, die mit den "Straßenkindern" auftreten, zu lösen, denn diese lassen sich letztlich nur dann aufheben, wenn das Großproblem "Armut" bewältigt ist.
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Gründe für das Straßenkinddasein
Es gibt sehr viele Gründe für dieses Elend. Für Kinder und Jugendliche in Lateinamerika ist es vorwiegend die materielle Not z.B.: Arbeitslosigkeit der Eltern, Armut und Zerfall der Familien und Zusammenleben der Familien auf engstem Raum. Aber auch Gewalt und Erpressung innerhalb der Familien, Flucht und Vertreibung und dadurch bedingt der Verlust der Familien können ausschlaggebende Faktoren sein. Dazu kommt, dass unzählige Kinder und Jugendliche in den Ländern der sogenannten Dritten Welt die Straße schon frühzeitig als Lebens- und Arbeitsraum kennenlernen, da sie von klein auf gezwungen sind mit den Eltern oder allein den Lebensunterhalt mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten auf der Straße zu verdienen. Der Übergang von einem arbeitendem Kind zu einem Straßenkind ist daher auch in der Regel fließend und geschieht selten von heute auf morgen .
Arbeitslosigkeit der Eltern
Armut und Zerfall der Familien
Zusammenleben der Familien auf engstem Raum
(sexuelle) Gewalt und Erpressung innerhalb der Familien
Flucht und Vertreibung und dadurch bedingt der
Verlust der Familien
Jedes der ca. 100 Mio. Straßenkinder hat trotz vieler Gemeinsamkeiten ein anderes Schicksal, sehr persönliche Gründe um auf die Straße zu gehen, eine eigene Lebensgeschichte. Die meisten der Straßenkinder sind Jungen. Die Kinder sind durchschnittlich zwischen acht und fünfzehn Jahre alt. Oft leben sie in Gruppen zusammen. Auch die Straßenkinder sind gezwungen die Möglichkeiten der Straße zu nutzen um zu (über-)leben: sie waschen Autos , verkaufen Zeitungen, Süßigkeiten, Zigaretten, Streichhölzer, sammeln Altpapier, Glas oder Plastik, erledigen Botengänge, bewachen Parkplätze und singen zur Unterhaltung in Bussen. Sie sind die billigsten Arbeitskräfte und deshalb werden sie oft ausgenutzt. Straßenkinder betteln und stehlen auch um zu überleben. Besonders die Mädchen sind der sexuellen Ausbeutung durch Fremde und Gruppenmitglieder ausgesetzt. Straßen und Bezirke der Städte werden von Kindergruppen in Revierkämpfen erobert und verteidigt. Da kann es schon vorkommen, dass so mancher zu Waffen greift. Ein großes Problem für die Kinder ist die Polizei. Da die Kinder so gut wie keine Rechte haben, macht die Polizei mit ihnen oft, was sie will. Sie machen sich oft über die Kinder lustig und beschimpfen sie. Die Mädchen werden oft vergewaltigt und dadurch seelisch sehr gestört. Wenn sich die Kinder wehren, werden sie von den Ordnungshütern in Jugendstrafanstalten verschleppt. Dort werden sie in eine sehr kleine Zelle eingesperrt. Die Gewalt hört auch in den Strafanstalten nicht auf. Die Kinder wissen, dass den Polizisten nichts passiert. Passanten, die die Misshandlung der Kinder bemerken, unternehmen nichts, da sie selbst vor der Polizei Angst haben. Oft enden Minderjährige im Krankenhaus. Eine große Gefahr für sie ist auch das Patex, ein Klebstoff. Die Kinder werden nach und nach von ihm abhängig. Es ist eine schlimme Droge für sie. Am Anfang fühlen sich die Straßenkinder noch gut, bald können sie aber ohne das Patex nicht mehr leben. Es nebelt sie ein. Doch gehen ca. 66% der Jüngstarbeiter neben ihrer Arbeit noch zur Schule. Das ist überraschend, denn die meisten Kinder arbeiten sehr, sehr hart.
Schluss mit der Gewalt - wir brauchen Bildung und Gesundheit
Im Laufe eines Jahres haben es arbeitende Straßenkinder geschafft , Organisationen zu formen um gemeinsam etwas zu erreichen was alleine nie gelingen würde. Vom 18. bis 21. Juni versammelten sich mit großem Medienecho, Minister und Straßenkinder in Managua um sich Rede und Antwort zu stellen.
Aus der Abschlusserklärung des Kongresses:
Wir arbeitenden Jungen und Mädchen erklären: Unser zweiter Nationaler Kongress hat für uns eine große Bedeutung, weil wir gelernt haben, dass wir Kinder das Recht auf Bildung und ein Leben ohne Gewalt haben. Das Treffen hat uns die Gelegenheit gegeben, uns selbst besser kennen zulernen, und uns ermutigt für unsere Rechte zu kämpfen.
So leben wir: Die Analyse unserer Probleme hat gezeigt, dass unsere Mütter und Väter unsere Rechte missachten. Wir werden misshandelt und es gibt viel Streit. Der Alkoholismus unserer Eltern schafft viele Probleme und der Machismo führt dazu, dass unsere Väter sich mit anderen Frauen einlassen und mit ihnen weitere Kinder haben. Statt sich um uns zu kümmern, wollen unsere Mütter es sich mit ihnen nicht verderben, und von klein auf sagen sie uns Jungen, dass wir die Frauen angrapschen. In den meisten Familien herrschen schlechte Verhältnisse, was dazu führt, dass wir auf diese Weise weitermachen, wie unsere Väter und Mütter erzogen wurden, und so wiederholt sich die Geschichte: Es gibt keinen Respekt, keine Zärtlichkeit, keine Liebe. Aus Mangel an Geld können wir keine Schule besuchen, erst recht jetzt, da sie nicht mehr kostenlos ist. In der Schule gibt es Lehrer, die uns missbrauchen, sei es, dass sie für unsere Situation kein Verständnis haben, sei es, dass sie - vor allem Mädchen - uns anmachen und mit uns "Liebe" machen wollen. Es greift Diskriminierung um sich, wer Geld hat, wird bevorzugt, und wir werden völlig unangemessen bestraft. Bei unserer Arbeit auf der Straße erleiden wir auch Diskriminierung und Ablehnung. Die Leute betrachten uns als Rumtreiber und Diebe. Die Vertreter des Staates respektieren uns nicht. Die Leute verstehen unsere Situation nicht und sehen den Wert unserer Arbeit nicht. Die Polizisten haben keine Ahnung ,warum wir Leim schnüffeln. Es sind die Erwachsenen, die uns zum Klauen nötigen. All diese Erfahrungen führen dazu, dass wir uns selbst gegenseitig so behandeln, wie es die Erwachsenen machen. Es kommt vor, dass die Jungen Mädchen missbrauchen. Sie reden vulgär zu ihnen, heben ihre Röcke hoch, schlagen sie aus purem Vergnügen. Wir haben kein Verständnis füreinander.
Wir fordern:
- Anerkennung unserer Bewegung als legitime Vertretung der arbeitenden Kinder Nicaraguas. - Vom Erziehungsministerium fordern wir, von uns nicht länger Einschreib- und andere Schulgebühren zu verlangen und uns mit Schulsachen ( Schulbücher, Schreibhefte) zu unterstützen. Außerdem müssen Bildungsalternativen geschaffen werden, die unserer Erfahrung berücksichtigen. - Vom Gesundheitsministerium fordern wir, von uns keine Gebühren für ärztliche Behandlung zu garantieren. - Von der Polizei fordern wir, dass sie uns nicht länger misshandelt und ihre Autorität missbraucht.
(Aus: Hollands ,Leben ohne Frieden S:. 95 ff)
Quincho Barrilete - Eines der Projekte für die Straßenkinder in Nicaragua
Das Projekt "Quincho Barrilete" arbeitet zu Gunsten der huele-pega Straßenkinder. Die "Assoziation Quincho Barrilete" sieht ihre grundsätzliche Tätigkeit in der umfassenden Wiedereingliederung der Straßenkinder, also nicht nur das Wegbringen von der Straße und der "Pega" (Klebstoff, an dem sie sich berauschen), sondern auch Einflussnahme auf ihre Gefühls- und Beziehungswelt. Dazu wird den Kindern und Jugendlichen ein Haus als sichere und beschützende Heimstätte geboten, in dem sich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander, in der Gruppe und zu den Erziehern entwickelt. Das Vorgehen des Projekts sieht verschiedene Phasen vor: - Erster Kontakt auf der Straße seitens der Erzieher und Versuch einer Annäherung der Kinder an das "Filter"- Projekt. Es ist dies eine Einrichtung am Rande des Mercado Oriental (der Markt, in dem die meisten Straßenkinder leben), in der ca. 50 Kinder verpflegt, unterrichtet und spielerisch beschäftigt werden. - In der zweiten Phase werden jene Kinder, welche die Straße und die Pega verlassen konnten, in der "Finca" (Bauernhof) in San Marcos aufgenommen. Hier werden sie allmählich wieder in die Gesellschaft, die sie ausgestoßen hatte, durch Schulunterricht und Handwerkslehren eingegliedert. - In der letzten Phase leben die Größeren in einem "Familienhaus" in Grenada; sie sind schon unabhängiger von den Erziehern und beginnen nach und nach ein selbständiges Arbeitsleben.
Kinder- Missionswerk (Hg.) : Arbeitsmappe Straßenkinder, Aachen 1995
Liv-Vertrieb (Hg.) : "Die Kinder der Anderen", Berlin 1994
J.Hollants u.a. : "Leben ohne Frieden- Kinder in Nicaragua", Montage Verlag Osnabrück 1994
Brezlavits, Carola: Kinderansichten, Lamur Verlag 1994
Microsoft, "Encarta Enzyclopedia 1998" Redmond (USA) 1997
Solidaritätskomitee Bozen (Hg.): "Das Projekt Quincho Barrilete - Nicaragua" Bozen 1996