Peter
Jackson Biografie -
Von Splatterorgien wie Braindead zum geachteten Regisseur
| Genialer
Dilettant: Peter Jackson, Neuseeland 1983. Eine Gruppe von Freunden beginnt in den Wäldern nahe der Stadt Wellington einen Kurzfilm zu drehen. "Roast of the Day" soll die kleine Hommage an drittklassige Science Fiction- und Horror-Movies zunächst heißen. Ein schlichtes Just for Fun-Projekt, realisiert an Wochenenden und Feiertagen. Jedenfalls so lange, bis Nachwuchs-Regisseur Peter Jackson im wahrsten Sinn des Wortes Blut leckt. Immer größere Mengen an rotem Farbstoff werden verspritzt, immer aufwendigere Gummi-Monster gebastelt und geschlachtet. Das 10-Minuten-Gemetzel verwandelt sich allmählich in einen abendfüllenden Splatterstreifen. Es fällt Jackson nicht schwer, den Produzenten, den Kameramann und den Special Effects-Spezialisten von der Idee eines richtigen Kinofilms zu überzeugen. Übernimmt er doch all diese Funktionen in Personalunion. |
![]() Dies ist ein Screenshot aus Jacksons ersten grossen Film "Bad Taste". ET nach Hause telefonieren! |
![]() Jap, das isser nun, man stellt ihn sich komplett anders vor, nicht? |
Bad
Taste & Big Money: Nach vier Jahren mühseliger Arbeit und mit Hilfe einer kleinen Finanzspritze von der neuseeländischen Filmkommission hat die durchgeknallte Blut- und Beuschel-Parodie tatsächlich Premiere in Cannes. Natürlich ist eine Geschichte von außerirdischen Kannibalen, die eine Fastfood-Kette aus Menschenfleisch errichten wollen, nichts für die seriöse Kritik. Aber Fans in aller Welt beginnen den Streifen zu verehren, dessen letztendlicher Titel nicht treffender gewählt sein könnte: "Bad Taste". Beinahe zwei Dekaden später dreht Peter Jackson noch immer Filme in den neuseeländischen Wäldern und Wiesen. Nur haben sich die Rahmenbedingungen ein wenig verändert. Statt mit einer gebrauchten 16mm-Kamera und 150.000 geborgten Dollars zu improvisieren, verfügte der Regisseur zuletzt über eines der größten Produktionsbudgets aller Zeiten. Über $ 300 Millionen vertraute Hollywood dem einstigen Fachmann für schlechten Geschmack an, um "The Lord of the Rings" auf die Leinwand zu bringen. |
![]() Muppets auf Drogen in dem Film "Meet the Feebles". Wer wollte das nicht schon immer mal sehen! |
Kleines
grünes Inselkino: Das ist aber noch nicht alles. Jackson bestand darauf, die dreiteilige Tolkien-Saga zur Gänze auf seiner kleinen, grünen Heimatinsel, fernab der kalifornischen Studiomaschinerie, zu verfilmen. Schließlich verzichtete der freundliche, eben vierzig gewordene Neuseeländer auch noch dankend in Sachen Effekten und Postproduktion auf bewährte US-Ressourcen. Auf eine gehässige Bemerkung von George Lucas, eine derartige Monsterproduktion wäre nur mit Hilfe seiner Industrial, Lights & Magic-Company verwirklichbar, reagierte Jackson achselzuckend. Und beauftragte stattdessen seine lokale Firma WetaFX Ltd., die er einst für seinen preisgekrönten Streifen "Heavenly Creatures" ins Leben gerufen hatte. Das 1994 veröffentlichte True Crime-Drama über zwei jugendliche Mörderinnen verhalf nicht nur dem späteren "Titanic"-Star Kate Winslet zum Durchbruch. Der packende und zugleich hochsensible Film wurde auch zu Jacksons wichtigster Visitenkarte, als es um das Anwerben hochkarätiger "Lord of the Rings"-Stars wie Ian McKellen, Christopher Lee oder Cate Blanchett ging. Zeigte "Heavenly Creatures" doch, mit welchem Feingefühl der Regisseur Emotionen inszenieren konnte. |
| Bitte
mehr Körperflüssigkeiten: Die Filme, die nach dem Underground-Erfolg von "Bad Taste" folgten, widmeten sich eher menschlichen Körperflüssigkeiten als nuancierten Gefühlsregungen. Der Puppenfilm "Meet The Feebles" (1989) zeigte rotzende, kotzende, blutende und heroinspritzende Muppets, abseits ihrer kindergerechten Fernseh-Fassade. Die anarchisch-groteske Zombie-Komödie "Braindead" (1991) trug schließlich mit ganzen Tankladungen voller Filmblut das Splatter-Genre zu Grabe. Kein Filmemacher wagte den Showdown dieses Werks, wo es nur so herumfliegende Körperteile regnet, bis dato zu übertreffen. Auch nicht Herr Jackson selbst, dessen bislang einzige Kollaboration mit dem Hollywood-System, der leicht spielbergeske Geisterjäger-Flop "The Frighteners" (1996), leider viel zu angepasst geriet. Nachdem sich der Regisseur dann jahrelang mit einem "King Kong"-Remake abmühte, das nie zustande kam, passierte 1999 das Unglaubliche: Ausgerechnet der Ex-Splatterpunk wurde mit dem Fantasyepos "The Lord of the Rings" zum Retter der marode gewordenen Blockbuster-Industrieauserkoren. |
![]() Braindead, Jacksons erster "Erfolgsfilm" der innerhalb kürzester Zeit zum König der Splatterfilme avancierte! |
Epilog:
Als Peter Jackson anlässlich von "Heavenly Creatures" die Viennale besucht,
erweist er sich als einer der liebenswürdigsten, unprätentiösesten Filmnerds,
die ich je die Ehre zu interviewen hatte. Leider war danach nichts auf dem Tape,
aber das ist eine andere Geschichte. Dass ausgerechnet dieser Regisseur den
Sprung ins Blockbuster-Business schaffte, lässt wieder an Gerechtigkeit glauben
und hat was von einer Weihnachtsgeschichte.
Schließlich zeigt der Durchbruch des leidenschaftlichen Ex-Dilettanten, dass
die uneingeschränkte Liebe zum Kino und etwas billiges Equipment genügen, um
die Welt zu verändern. Eat your heart out, Spielberg und Lucas.
C: Blumenau, Fm4;