| <<<
Presse
09.08.2010 Neues Deutschland
Auf Tuchfühlung mit dem Rassismus
Antifaschisten versuchten auf der Biermeile am Wochenende, extrem rechten
Vorurteilen Paroli zu bieten
Ein Mann zerreißt fluchend einen Handzettel
der Initiative gegen Rechts. Ein Zweiter möchte Aufkleber vom Stand
auf dem Bierfestival mitnehmen, und sein Grinsen verrät, dass er
sich über die Antifaschisten lustig macht. Ein weiterer raunt im
Vorbeigehen, dass Rassismus doch gut sei. Ein Satz, zu dem einem eigentlich
nichts mehr einfällt. Trotzdem sucht Canan Bayram (Grüne) das
Gespräch auch mit diesen Passanten. »Wir müssen mit den
Leuten reden. Das bringt was.« Davon ist die Abgeordnete und Aktivistin
der Kiezinitiative überzeugt.
Am frühen Abend wird es voll auf der Meile. Viele Tausende kommen,
und die Massen schieben sich an dem Infostand vorbei. »Hier stehen
wir genau richtig«, sagt Markus Roth von der Initiative, dabei ist
ihm sichtlich unwohl. Wer sich ein paar Minuten zu ihm setzt, der merkt
schnell, wie sehr die Anwesenheit der Antifaschisten eine Provokation
ist. Soziologen behaupten, der Rechtsextremismus habe seinen Nährboden
in der Mitte der Gesellschaft. Die Initiative gegen Rechts hat auf dem
Bierfestival Tuchfühlung mit ihm aufgenommen.
Dabei sollte es ein friedvolles Volksfest mit Musik werden. Der Veranstalter
Lothar Grasnick distanziert sich ausdrücklich von Flatrate-Partys,
Börsen- und Sonderpreisen. Er wollte nicht, dass die Biermeile in
einem Saufgelage endet. Sein Wunsch erfüllte sich nicht; es ging
zünftig zu – je später der Abend, desto ordinärer
wurde es.
Sebastian Wehrhahn von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin
(MBR) hat das Fest im Vorfeld problematisch eingeschätzt. In den
vergangenen Jahren habe es auf dem Volksfest Angriffe gegen Migranten
und Linke gegeben. Das sollte sich dieses Mal nicht wiederholen, und entsprechend
wurden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: Nach einem Vorbereitungstreffen
entschied das Bezirksamt, dass die Sportanlagennutzungsverordnung für
die Meile gelten solle. Der Veranstalter bekam damit das Hausrecht übertragen,
und er sollte unliebsame Gäste von dem Festival ausschließen.
Lothar Grasnick betonte, dass Neonazis unerwünscht seien. Wer verfassungsfeindliche
Symbole auf der Partymeile trage, solle runterfliegen.
Das Problem ist jedoch dabei: Die rechte Jugend heute trägt nicht
mehr nur Glatze und Bomberjacke, sondern ihre Codes sind versteckt, und
manchmal nur für Insider erkennbar. Die MBR traf sich im Vorfeld
des Festes mit dem Sicherheitsdienst und erklärte ihm die rechten
Symboliken. Sebastian Wehrhahn achtet darauf sehr genau; denn mittels
dieser versteckten Zeichen versuchten die Rechten bewusst, öffentliche
Räume zu besetzen. Die Schulung zeigt Wirkung: Ein älterer Mann
erzählt am Stand der Initiative, wie der Sicherheitsdienst einem
Rechten angewiesen habe, eine Runen-Tätowierung abzukleben. Vereinzelt
werden Neonazis auch der Polizei übergeben. Eine Sensibilisierung
gegenüber Rechtsextremen hat die Biermeile erreicht.
Allerdings werfen Antifaschisten dem Wachdienst auch vor, in etlichen
Fällen ihrer Aufgabe nicht nachgekommen zu sein: So seien am Freitagabend
in einem Bierzelt Neonazis aggressiv geworden, und die Security habe daneben
gestanden und zugeschaut. Die zuständige Sicherheitsfirma K&S
wollte sich gegenüber dem ND dazu nicht äußern. Insgesamt
sei es auf der Biermeile friedlich geblieben, vermeldet der Veranstalter.
Auch die Polizei, die sich dezent im Hintergrund hielt, hat keine größeren
Zwischenfälle bemerkt.
<<< Presse
09.08.2010 TAZ
Wo Hopfen und Malz verloren ist
FANMEILE Trotz Infostand der Initiative gegen Rechts sind das 14. Internationale
Bierfestival auf der Frankfurter Allee und sein Publikum gewöhnungsbedürftig
Der Anruf um die Mittagsstunde reißt
mich aus meinem Schönheitsschlaf. Verabredungen verschlafen, so was
kann schon mal vorkommen, aber nicht heute, wo wieder mal das Bierfestival
auf der Frankfurter Allee stattfindet und ich mich schwer mit dem Kater
vom Vorabend rausreden kann, wo ich doch zum Biertrinken verabredet bin.
Also im Taxi (zur Freude des Fahrers) Fischbrötchen frühstücken
und kurz darauf mit immer noch sichtbaren Kopfkissenabdrücken im
Gesicht über die 14. Biermeile schlendern. Jetzt heißt es aufmerksam
sein, denn die Bekömmlichkeit des ersten Biers kann über den
Verlauf des Tages entscheiden.
Ich wähle das "Agitatorenbier", auf dem Etikett prangen
Honecker und Castro. Die Flasche ist zügig geleert, und dennoch fühle
ich mich nicht wohl zwischen Junggesellen, Kegelvereinen und Hooligangruppierungen,
der Kopf schmerzt noch, und der Regen tut ein Übriges. Alles riecht
nach nassem Hund, nur die Hunde nicht, die riechen bereits verwest. Von
hinten spürt man den feuchten Atem der "Freunde des Bierglasmuseums
Wahrburg", englische Kampftrinker präsentieren ihre Hinterteile,
und die "Oelsnitzer Blasmusikanten" geben logischerweise die
Blasmusikversion eines DJ-Ötzi-Klassikers zum Besten. Was tun?
Die Bierkrugsonnenbrille muss her, für läppische 5 Euro bin
ich nun stolzer Besitzer eines überflüssigen Accessoires, das
mich kurzzeitig in die bierselige Gemeinschaft integriert. Es gibt Dinge,
die die Welt nicht braucht, und es gibt Veranstaltungen wie das Bierfestival.
In diesem Fall denkt die Welt nicht mal darüber nach, ob sie diese
Veranstaltung braucht oder nicht, sie erträgt sie auch nicht, sie
lässt sie einfach vorbeirauschen. Ich tue es ihr gleich, auch das
Honigbier ist schon wieder leer, ein auffallend hübsches Mädchen
ruft: "Hier gibt's Jogi Bier, das weckt den Jogi in dir!" und
ich bin dabei, na klar, ein "Jogi Bier" bitte.
Leider entdecke ich erst später, dass es sich gar nicht um den deutschen
Fussballnationaltrainer, sondern um die indische Bedeutung des Wortes
handelt. Je später der Abend, desto freundlicher das Publikum, dieser
Leitsatz gilt hier genauso wenig wie überall sonst. Allerdings hat
der Veranstalter dieses Mal wenigstens so getan, als ob ihn das größtenteils
rechtslastige Publikum stören würde, und zusammen mit der Initiative
gegen Rechts einen Infostand aufgebaut sowie Flyer verteilen lassen.
Da stehen dann so tolle Fragen drauf wie: "Sie fragen sich: Was haben
Sie damit zu tun, wenn rechte Schreihälse überall Ärger
machen müssen?", und beschreiben somit in Vollendung den Teil
der Besucher, der nicht offen rechtsradikal ist. Die ältere Dame
am Infostand hat ihre Aufgabe offenbar leicht fehlinterpretiert; auf die
Nachfrage, ob es denn bereits besondere Vorkommnisse gegeben habe, antwortet
sie lieber nicht, denn "sie kennt jeden bei der taz", und mein
Name sagt ihr leider gar nichts. Dementsprechend möchte sie auch
nichts berichten, geschweige denn Informationen an die falschen Leute
weitergeben, man weiß ja nie, der Feind hört mit. Todesmutig
habe ich aus anderen Top-secret-Quellen erfahren, dass es wie jedes Jahr
auch diesmal wieder zu Übergriffen auf Andersdenkende kam, doch wen
wundert's?
Inzwischen weiß ich, wie Cidre-Bier aus Afrika und Kreuzberger Klosterbier
schmeckt, ich hab den "Bierkönig" getroffen, die "Muffelhuffer
Biergesellschaft" kennengelernt und bin der ein oder anderen Gruppen
aus dem Weg gegangen.
Mir reicht's, hätte man mich doch lieber zur Hanfparade geschickt,
da ist einem wenigstens alles egal. Am Frankfurter Tor öffne ich
die Tür eines gerade ankommenden Taxis, drei Briten steigen aus,
nicken dem vermeintlichen Bierfestivalpagen höflich zu und drücken
mir 2 Euro in die Hand. Bloß weg hier. JURI STERNBURG
Leserbrief
Zu „Wo Hopfen und Malz verloren ist“ von Juri Sternburg
Der Autor vermittelt den Eindruck, dass die langjährige
Intervention der AnwohnerInneninitiative Gegen Rechts auf der sog. Biermeile
sinnlos ist, weil es besser sei dieses Massenbesäufnis an sich „vorbeirauschen“
zu lassen. Schulterzuckend entleert er sein Glas auf TAZ-Kosten, statt
zu recherchieren. Dass es AnwohnerInnen gibt, die sich diesem deutschtümelnden
Event nicht entziehen können, dass es Touristen gibt, die aufgrund
ihrer Herkunft dort Opfer werden, dass es Frauen gibt, die sich widerlichen
Anmachen ausgesetzt sehen, dass die Bewegungsfreiheit von marginalisierten
Gruppen für drei Tage in Friedrichshain stark eingeschränkt
ist – das kommt dem Autor nicht in den Sinn.
Tatsächlich: Juri war am Infostand um zu recherchieren. Sein Probierglas
umklammernd, schwer erschöpft vom Bierkonsum, schleppte er sich an
unseren Informationsstand und reihte sich mit seinem Gelalle in die übrigen
beleidigenden Ausdünstungen mitteilungsbedürftiger Männer
ein. Was sich u.a. die „ältere Dame“ (immerhin die migrationspolitische
Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus) an dem Tag an
rassistischen, nationalisitischen und antilinken Diskussionsbeiträgen
anhören durfte, ist der TAZ keine Zeile wert. Lieber wird über
angeblich verklemmte Linke schwadroniert, die dumme Flyer schreiben.
Zu Protokoll: Auf der Biermeile wir deutsche Konformität gefeiert
und gefordert. Juri Sternburg passt rein und kippt sich die Rübe
voll. Na bravo. Aber müssen wir sowas lesen? Stefan Otto hat im Neuen
Deutschland („Auf Tuchfühlung mit dem Rassismus“) zumindest
eine Ahnung warum linke die Biermeile auch in Zukunft nicht vorbeirauschen
lassen.
<<< Presse
16.07.2010 Berlin News
18-Jähriger wegen Angriffs auf Angolaner verhaftet
Nach dem Angriff auf einen 16-jährigen Angolaner vor
einer Woche ist am Freitag ein 18 Jahre alter Berliner verhaftet worden.
Laut Polizei wird ihm vorgeworfen, dem Jüngeren im Volkspark Friedrichshain
mit einer Schreckschusswaffe ins Gesicht geschossen zu haben. Zuvor soll
er den Angolaner fremdenfeindlich beleidigt haben.Bei seiner Vernehmung
gestand der 18-Jährige die Tat. Außerdem räumte er noch
weitere Raub- und Gewaltdelikte ein. Ihm wird gefährliche Körperverletzung
vorgeworfen. Der 16-Jährige hatte mit Freunden auf einer Parkbank
gesessen, als der Täter aus einer Gruppe heraus auf ihn zukam und
ihn wegen seiner Hautfarbe anpöbelte. Dann habe er aus einem Meter
Entfernung auf den Jugendlichen geschossen. Das Opfer musste ambulant
in einer Augenklinik behandelt werden.
<<< Presse
09.07.2010 Tagesspiegel
Unbekannter schießt auf Jugendlichen wegen seiner
Hautfarbe
Ein 16-Jähriger wurde im Volkspark Friedrichshain Opfer
eines fremdenfeindlichen Angriffs. Der Täter feuerte ihm aus nächster
Nähe mit einer Schreckschusswaffe ins Gesicht und floh. Der Jugendliche
musste in einer Klinik ambulant behandelt werden. Bei einem fremdenfeindlichen
Angriff im Volkspark Friedrichshain erlitt ein Jugendlicher in der Nacht
von Donnerstag auf Freitag Gesichtsverletzungen. Der 16-jährige Angolaner
saß mit Freunden auf einer Parkbank, als ein Unbekannter aus einer
Gruppe heraus auf ihn zutrat, ihn wegen seiner Hautfarbe beleidigte und
aus etwa einem Meter mit einer Schreckschusswaffe auf ihn schoss. Anschließend
flüchteten der Täter und die ihn begleitenden Personen. Das
Opfer erlitt leichte Verletzungen im Gesicht und wurde in einer Klinik
ambulant behandelt. Die Polizei hat die Ermittlungen übernommen.
<<< Presse
06.07.2010 Vorwaerts
Gegen Hass und Homophobie
Die Gewalt gegen Schwule und Lesben in Friedrichshain-Kreuzberg nimmt
zu. Mit einer Mahnwache hielten am Freitag Vereine und Initiativen dagegen.
Auch die SPD aus dem Bezirk war dabei.
„Ein Zeichen setzen“, nannte
Jan Stöß das Ziel der Mahnwache, die von der SPD Friedrichshain-Kreuzberg
unterstützt wurde. In der Vergangenheit ist es im Bezirk immer wieder
zu gewalttätigen Übergriffen auf Schwule, Lesben und Transsexuelle
gekommen. „Friedrichshain und Kreuzberg sind leider nicht die Insel
der Seeligen, für die manche unseren Bezirk in Sachen Toleranz halten.
Wir müssen Solidarität mit den Gewaltopfern zeigen“, forderte
daher der SPD-Kreisvorsitzende.
Neben der SPD und den Landesvereinigung der Schwulen und Leben in der
SPD („Schwusos“) riefen auch Bündnisse und Vereine wie
„Maneo“ und der Berliner Lesben- und Schwulenverband (LSVD)
auf, zu zeigen, dass Gewalt gegen Homosexuelle weder gebilligt, noch schweigend
hingenommen wird. So trafen sich die Teilnehmer der Mahnwache am vergangenen
Freitag um 19 Uhr am Spanienkämpferdenkmal im Volkspark Friedrichshain.
Ein runder Tisch für
den Bezirk
Der Ort war mit Bedacht gewählt: Erst eine gute Woche zuvor, in der
Nacht des 26. Juni, war es in dem Park zu mehren schwulenfeindlichen,
willkürlichen Übergriffen gekommen. In Berlin nimmt die Gewalt
gegen Homosexuelle zu. „Maneo“ hat ein Überfalltelefon
eingerichtet, bei dem Betroffene Angriffe melden können. Der Verein
unterstützt die Opfer schnell und unbürokratisch. Diese Möglichkeit
wurde 2008 von 186 Menschen genutzt, 2009 meldeten sich 225 Opfer.
Für die Opfer ist die Solidarität ihrer Mitmenschen wichtig.
„Durch die Mahnwache symbolisierten die Demonstrantinnen und Demonstranten:
Homophobe Gewalt in unserem Bezirk? Das darf nicht sein“ sagt Björn
Eggert, Mitglied der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenvertretung
Friedrichshain-Kreuzberg. Diese unterstützt das Ansinnen des Bezirksamts
einen „runden Tisch“ einzurichten, der sich mit dem größer
werdenden Problem homophober Gewalt befasst.
<<< Presse
03.07.2010 Neues Deutschland
Mutige Gärtner und Fußballer
Bänder für Mut und Verständigung in
der Potsdamer Staatskanzlei verliehen
Ein Dönerimbiss brannte, Geschäfte
von Vietnamesen wurden angegriffen, das Todesmarschmuseum im Belower Wald
und schließlich auch Menschen. Zuletzt aber musste das Bündnis
gegen Rechtsextremismus aus Wittstock und Umgebung glücklicherweise
keine »Heldentaten« mehr vollbringen, freut sich Sprecherin
Gisela Gusowsky-Bork. Neonazis hatten einmal ihren Sohn attackiert, als
dieser einen dunkelhäutigen Freund besuchte. Es sei viel erreicht
worden, doch man dürfe sich nicht zurücklehnen, warnt Bürgermeister
Jörg Gehrmann. Am Freitag erhielt das Bündnis in der Potsdamer
Staatskanzlei das Band für Mut und Verständigung.
Genauso geehrt wurde der FC Internationale Berlin, bei dem junge und alte
Fußballer aus 38 Nationen trainieren. Zu ihren Spielen treten sie
in Trikots an, die den Aufdruck »No racism« tragen. Dringend
wünscht sich der Verein, endlich eine eigene Sportanlage im Bezirk
Tempelhof-Schöneberg zu bekommen.
Das dritte Band für Mut und Verständigung des Jahres 2010 erhielt
der Potsdamer Integrationsgarten am Schlaatz. Familien zum Beispiel aus
Litauen, Russland, Rumänien und Ungarn pflanzen und feiern gemeinsam.
Sie stammen meist vom Lande und hatten daher ihre Schwierigkeiten, sich
in dem Neubaugebiet der Landeshauptstadt einzugewöhnen. Doch auf
dem Gelände eines zuvor brach liegenden Schulgartens konnten sie
sich ein kleines Paradies schaffen, »Wurzeln schlagen in der Fremde«,
wie sie sagen. Innerhalb von zehn Jahren gab es wiederholt Vandalismus
und acht Anschläge. Beim letzten Mal schmierten die Täter Hakenkreuze.
Sie konnten nicht gefasst werden. Die Gärtner geben jedoch niemals
auf. Sie säen immer wieder.
Einen Sonderpreis bekam die Initiative gegen Rechts in Berlin-Friedrichshain.
Sie wehrte sich gegen einen Laden der bei Neonazis beliebten Bekleidungsmarke
»Thor Steinar«. Die Initiative bewunderte am Freitag ausdrücklich
den Mut einiger Brandenburger. Ihnen in Friedrichshain biete die Großstadt
einen gewissen Schutz, den engagierte Antifaschisten in kleinen Städten
und Dörfern nicht genießen.
Davon kann die Bürgerinitiative »Zossen zeigt Gesicht«,
die ebenfalls mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde, ein Lied singen.
Bekannt wurde sie durch den erlitten Brandanschlag, der das Haus der Demokratie
in der Stadt zerstörte. »Zossen zeigt Gesicht« sieht
sich mit Morddrohungen konfrontiert, lässt sich jedoch nicht einschüchtern.
Schmerzlich seien die nicht mehr nachvollziehbaren Anwürfe von Bürgermeisterin
Michaela Schreiber, beklagte der Sprecher der Bürgerinitiative Jörg
Wanke. Zunächst sei man von der Rathauschefin als Unruhestifter und
Nestbeschmutzer beschimpft worden. Inzwischen müsse man sich sogar
den Vorwurf des Linksextremismus anhören. Wanke bat die Politik deswegen
um ein »Machtwort«. Das Band für Mut und Verständigung
wird seit 1993 verliehen, immer im Wechsel in Berlin und Potsdam.
<<< Presse
29.06.2010 Frankfurter Rundschau
Neonazis auf Strümpfen
Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, wie
Demokratie sich am besten schützt. Ziel aller Initiativen müsse
es sein, mehr Mitbestimmung und Toleranz in den Alltag einziehen zu lassen.
Von Volker Schmidt
Ein rechter Schläger auf Strümpfen
vor Gericht. Ein Haus, in dem Juden, Christen und Muslime miteinander
reden, kochen und essen. Ein Infocontainer vor einem Laden der bei Rechtsextremen
beliebten Kleidermarke Thor Steinar: Das sind drei Beispiele für
erfolgversprechende Ansätze in der Bekämpfung von Rechtsextremismus,
meint der Magdeburger Sozialwissenschaftler Roland Roth.
Roth hat im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung ein Gutachten
mit dem Titel "Demokratie braucht Qualität" (PDF-Dokument)
verfasst, das am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Er hat Beispiele
aus den "Handlungsfeldern" Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft
zusammengetragen und daraus "Gelingensfaktoren" zu destillieren
versucht.
Roth empfiehlt unter anderem Polizei und Justiz, Rechtsradikalen keine
Sonderbehandlung angedeihen zu lassen, aber alle gesetzlichen Mittel auszuschöpfen.
Richter sollen rassistische Motive thematisieren, die Polizei soll verhindern,
dass rechte Schläger "Angsträume" schaffen.
Ein Beispiel ist der Jugendrichter Andreas Müller vom Amtsgericht
Bernau in Brandenburg: Müller stuft Springerstiefel als Waffen ein,
lässt einen Neonazi schon mal ohne Schuhe vor Gericht stehen und
macht die Auflage zum Teil des Urteils, auch im Alltag die Stiefel nicht
zu tragen. Müller verurteilt Gewalttäter schnell; rassistische
Motive verschärfen das Strafmaß - trotzdem ist er kein "Richter
Gnadenlos"; er lehnt ein schärferes Jugendrecht ab. Dafür
verdonnert er Verurteilte zum Beispiel dazu, in pädagogischer Begleitung
eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen.
Konsequent gegen fremdenfeindliches
Verhalten vorgehen
Als erfolgreiche zivilgesellschaftliche Initiativen nennt Roth neben zwei
Beratungsteams in Berlin und dem Bürger-Bündnis im Harz-Städtchen
Wernigerode auch das Stuttgarter Abrahamhaus. Dort haben sich Angehörige
der abrahamitischen Religionen - Judentum, Christentum, Islam - zusammengetan,
um Vorurteile abzubauen. Roth hält den Ansatz für "das
stärkste Gegengift" gegen Parteien, "die mit der Angst
vor einer anderen Religion Politik zu machen versuchen". Es ging
aber nicht gleich um interreligiöse Streitthemen, sondern zuerst
um Kultur und Kulinarik.
Im Handlungsfeld Wirtschaft nennt Roth die "Initiative gegen Rechts"
in Berlin-Friedrichshain mit ihrer Aktion "Service-Wüste für
Nazis". Plakate mit dem Aufdruck "Kein Kiez für Nazis"
in Kneipen sollen, so Roth, von Übergriffen abschrecken und potenziellen
Opfern signalisieren, wo sie Schutz finden. Die Initiative erreichte durch
einen Info-Container vor einem Thor-Steinar-Laden auch, dass der Vermieter
die Ladenräume kündigte.
Firmen verordnet Roth unter anderem ein konsequentes Vorgehen gegen fremdenfeindliches
Verhalten von Beschäftigten. Er lobt aber auch Initiativen wie die
der Unternehmensgruppe Freudenberg aus Weinheim (Baden-Württemberg),
die Manager etwa zur Renovierung des "Hauses der Demokratie"
im sächsischen Wurzen schickte, das zuvor durch rechte Übergriffe
aufgefallen war.
Unterm Strich fordert Roth, das Ziel aller Initiativen müsse es sein,
mehr Demokratie und Toleranz in den Alltag einziehen zu lassen. Ein gesellschaftliches
Klima der Mitbestimmung und der Übernahme von Verantwortung seien
die beste Prävention gegen Rechtsextremismus. Mit anderen Worten:
Eine funktionierende Demokratie schützt sich selbst.
Wie in Riesa: Dort hat der Stadtrat in der vergangenen Woche die Mannheimer
Straße umbenannt, in der der Verlag der NPD-Parteizeitung "Deutsche
Stimme" seinen Sitz hat. Sie heißt jetzt Geschwister-Scholl-Straße.
<<< Presse
Mai 2010: Unser Blatt – VVN BdA Berlin
»Alles Extremismus«?
Diskussion zur Neuauflage der Totalitarismus-Doktrin
in der Bundesrepublik
Am 18. Januar diskutierten im Friedrichshainer
Cafe Sibylle der Bundesvorsitzende der WN-BdA, Prof. Dr. Heinrich Fink,
und eine Vertreterin der Antifa Friedrichshain vor rund 50 Anwesenden
über Gedenkstättenpolitik, Gleichsetzungsstrategien, den Extremismusbegriff
und Konsequenzen für weitere antifaschistische Arbeit.
Die Totalitarismustheorie feiert durch die neue Bundesregierung im Deckmantel
der Extremismusdebatte eine neue Renaissance. Im Kalten Krieg wurden alle
geistigen und politischen Kräfte mobilisiert, um gegen den Feind
in Ost und West zu destabilisieren. In der BRD tat man dies durch die
Gleichsetzung von Stalinismus und Faschismus als zwei totalitäre
Staatsformen. Die Gleichsetzung zweier grundsätzlich entgegen gesetzter
Ideen konnte nur in der gemeinsamen Gegnerschaft zur parlamentarischen
Demokratie gefunden werden. Alle, die das Bestehende fundamental ändern
wollten, wurden von Adenauer und folgenden Regierungen in einen Topf mit
KZ-Aufsehern geworfen, um das »überkochende ideologische Gebräu«
selbst als Drohkulisse für eigene Vorhaben zur Abwendung der »totalitären«
Ideen zu nutzen. Doch auch heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, gibt es
eine Riege von konservativen Politologen um den Chemnitzer Uni-Professor
Eckhard Jesse, die durch »vergleichende Totalitarismusforschung«
die DDR dämonisieren und den Extremismusbegriff nicht nur für
den Verfassungsschutz geschärft haben. Heinrich Fink warf diesen
Theoretikern vor allem vor, eine inhaltliche Überschneidung zwischen
der extremen Rechten und den mit ihr eng verbundenen Strömungen zu
entthematisieren, um die gemäßigte Rechte in die Mitte der
Gesellschaft einzugliedern. Während also bekennende Neonazis als
»extrem« vor die Tür gesetzt werden müssen, ist
eine rechtskonservative Identitätsbildung weithin opportun, eben
weil sie die nationalsozialistische'Vergangenheit nicht komplett verschleiern
muss.
Die Vertreterin der Antifa Friedrichshain betonte, dass das Stigma, »totalitär«
oder»extrem« zu sein, heute ja nicht nur theoretische Implikationen,
sondern auch reale Folgen für Antifaschisten hat.
Wer heute vom Verfassungsschutz als »extrem« ge(t)adelt wird,
weil inhaltlich oder aktionistisch das Bestehende in Frage gestellt wird,
muss damit rechnen, ins Visier genommen zu werden. Nach der schwammigen
Extremismus-Definition wäre auch denkbar, dass streikende Arbeiter,
die Fabriktore verbarrikadieren, als »extrem« eingestuft werden
könnten.
Die von der Bundesregierung beschlossene Umwidmung der Programme gegen
»Rechtsextremismus« zu Programmen gegen jeden »Extremismus«
sollen - vom einenden Gewaltbegriff ausgehend - bestimmte Ideen zusammenwerfen.
Nicht nur, dass auf diese Weise Neonazis verharmlost werden, auch ihre
effektiven antifaschistischen Gegner werden so diffamiert und zu »Schmuddelkindern«,
mit denen niemand zusammenarbeiten sollte. Letztlich führt das bei
Bündnispartnern zur politischen Selbstbeschneidung, Entradikalisierung,
zum Zurückziehen aus Debatten und zu vorauseltenden Distanzierungen.
Wie nah die Veranstaltung am Zeitgeist war, zeigten die polizeilichen
Durchsuchungen einen Tag später in Räumlichkeiten des Dresdener
Blockade-Bündnisses, um den Aufruf für Blockaden gegen den Naziaufmarsch
in Dresden zu beschlagnahmen.
Markus Roth/Antifa Friedrichshain
<<< Presse
15.02.2010 Neues Deutschland
»Harakiri« – Aus für
Nazi-Kleiderkammer
Berüchtigtes Geschäft in Prenzlauer Berg geschlossen / Andere
bei Rechten beliebte Läden in Berlin aber noch geöffnet
Der Laden ist dicht. Berlins ältester
Neonazi-Shop »Harakiri« hat seine Pforten geschlossen –
nach Informationen der Emanzipativen Antifaschistischen Gruppe (EAG) aus
wirtschaftlichen Gründen. Über 15 Jahre existierte das Geschäft
des Inhabers Henry Harms in der Bornholmer Straße und zuvor bis
2001 am S-Bahnhof Prenzlauer Allee. Harms, der auch schon mal die Namen
und Adressen von vermeintlichen Antifaschisten im Internet veröffentlichte,
vertrieb in seinem Laden nicht nur die bei Rechten beliebte Marke »Thor
Steinar«, sondern auch indizierte Tonträger der Neonazi-Bands
»Screwdriver«, »Spreegeschwader« und »Blue
Eyed Devils«.
»Wir sind froh, dass diese Anlaufstelle für Leute, die sich
für die Nazi-Szene interessieren, jetzt weg ist«, sagt Martin
Stein von der EAG. Denn in dem Laden hätten auch immer Flyer und
Plakate ausgehangen, die für Aktionen der Neonazis warben. Überdies
sei der »Harakiri« ein Ort gewesen, von dem dauernd Gefahr
für Linke, Migranten und Homosexuelle ausgegangen wäre. Ganz
aufgegeben scheint Harms allerdings nicht zu haben. Sein Internetshop
besteht weiter, und auch bei eBay soll er seinen Handel fortführen.
Während Harms nie einen Hehl aus seiner rechtsextremen Gesinnung
machte, sieht das bei »Thor Steinar« anders aus. Die Firma
Mediatex aus dem brandenburgischen Zeesen, die die Marke »Thor Steinar«
produziert, distanziert sich öffentlich von jedwedem Extremismus.
In der rechten Szene sind die Klamotten dennoch wegen ihrer subtilen Codes
beliebt.
Trotz ausgesprochener Kündigungen durch die Vermieter sind die beiden
Berliner »Thor Steinar«-Läden in der Rosa-Luxemburg-Straße
in Mitte und der Petersburger Straße in Friedrichshain zur Zeit
noch geöffnet. Der zunächst große Widerstand aus der Zivilgesellschaft
gegen die Geschäfte ist jedoch nur scheinbar eingeschlafen. »Die
Räumungsklage gegen den ›Tromsø‹ läuft seit
Oktober 2009«, berichtet Markus Roth von der Friedrichshainer Initiative
gegen Rechts (IGR). Der Vermieter habe sich zuvor in Ruhe erst mal bundesweit
über die rechtliche Situation schlau gemacht.
Denn anders als etwa in Mitte habe nämlich die Mediatex im Fall des
Friedrichshainer »Tromsø« nicht verschwiegen, dass
sie die bei Rechten beliebte Marke verkaufen will. Auf dieser Basis wurde
in anderen Fällen wegen »arglistiger« Täuschung
die Kündigung erwirkt.
Ob dieses Vorgehen Bestand hat, soll demnächst in letzter Instanz
der Bundesgerichtshof entscheiden, der über eine Räumung eines
»Thor Steinar«-Ladens in Magdeburg zu befinden hat, berichtet
Annika Eckel von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR).
Bis dahin scheuen Vermieter Räumungen, da sie Regressforderungen
befürchten. Damit künftig erst gar keine solche Läden in
Berlin öffnen können, hat die MBR extra Klauseln für Gewerbemietverträge
entwickelt, die derzeit durch die Stadträte in den jeweiligen Bezirken
bei Vermietern verbreitet werden. Das Interesse an diesen Informationen
sei groß, sagt Eckel.
In Friedrichshain bereitet die Initiative gegen Rechts derweil für
Ende Februar eine antifaschistische Demonstration zur einjährigen
Eröffnung des »Tromsø« vor. Doch nur mit Mitteln
der Straße sei den Geschäften nicht beizukommen, räumt
Markus Roth von der IGR ein. Deshalb konzentriere sich die Initiative
gleichzeitig zusätzlich darauf, die Geschichte des Hauses, in dem
der Klamottenladen residiert, in den Fokus zu rücken: Das Gebäude
in Friedrichshain diente in den 1930er Jahren der SA als Sturmlokal »Keglerheim«.
Im Keller wurden Gegner der Nazis gefoltert und gequält.
<<< Presse
04.02.2010 Jungle World
Der unpolitische Stampfkick
Ein junger Mann wurde im Juli 2009 am S-Bahnhof
Frankfurter Allee im Berliner Bezirk Friedrichshain beinahe totgetreten.
Vier Neonazis wurden für diese Tat angeklagt, nur einer von ihnen
erhielt eine Haftstrafe ohne Bewährung.
Kopfschütteln und Augenrollen, diese Reaktion zeigten nicht nur Angehörige
der Angeklagten, sondern auch zwei Justizbeamte am Donnerstag voriger
Woche im Berliner Landgericht. Ole Weidmann, der Anwalt der Nebenklage,
hielt sein Plädoyer zum Abschluss des Prozesses und erklärte,
dass man sich zu etwas bekennen und eine politische Haltung ausdrücken
möchte, wenn man Kleidung der Modemarke Thor Steinar trägt,
die in der rechten Szene sehr beliebt ist.
Die Staatsanwaltschaft und das Gericht unter dem Vorsitzende Richter Kay-Thomas
Diekmann waren an den vergangenen Verhandlungstagen zu einer anderen Einschätzung
gekommen, sie gingen davon aus, dass der Angriff auf das Leben von Jonas
K. nicht in erster Linie als politisch motiviert einzuordnen sei.
Auf beschlagnahmten Bildern, die als Beweismittel im Prozess zugelassen
waren, ist der Angeklagte Marcel B. zu sehen, kurz vor der Tat zeigte
er in der Friedrichshainer Diskothek Jeton den Hitlergruß. Der Anwalt
von Jonas K. wies darauf hin, dass zumindest zwei der Angeklagten, nämlich
B. und Michael L., schon früher durch Gewalttaten gegenüber
politischen Gegnern und die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole
aufgefallen waren. Dem Richter reichte das nicht aus, um daraus eine
politische Motivation für den Angriff abzuleiten. Damit folgte er
den Ausführungen des Staatsanwalts Jörg Wetzel, der eine politische
Motivation für den Angriff ebenfalls nicht bejahte mit dem Hinweis,
bei dem Vorfall im Juli vergangenen Jahres sei es »nicht um links
oder rechts, schwarz oder weiß, braun oder gelb« gegangen.
Zum Auftakt des Prozesses hatte das noch anders ausgesehen. In der Anklageschrift,
die von der Staatsanwaltschaft vorgelesen wurde, ging man von einem Mordversuch
»aus Gründen der Machtdemonstration gegen einen politischen
Gegner« aus. Während der Beweisaufnahme erhärtete sich
für das Gericht und die Staatsanwaltschaft der Verdacht, dass es
zwischen einem vorangegangenen Angriff einer Gruppe Linker auf die vier
angeklagten Neonazis und dem Angriff der Angeklagten auf Jonas K. keine
zeitliche Zäsur gegeben habe. Die Linken hätten sich durch L.s
Thor-Steinar-Jacke provoziert gefühlt. Juristisch bedeutet diese
Feststellung, dass sich die Tat im unmittelbaren Anschluss an eine Notwehrsituation
ereignete. Es gebe deutliche Hinweise, dass sich Jonas K. in der Gruppe
der Angreifer befunden habe; anders sei es auch nicht zu erklären,
dass die Flucht der Angreifer und der brutale Übergriff auf
Jonas K. quasi gleichzeitig stattgefunden hätten.
Jonas K., der Nebenkläger, konnte sich an den Tathergang nicht
erinnern. Er erlitt nach dem Angriff der Neonazis ein Schädelhirntrauma
und eine Jochbogenfraktur, wegen Blutungen im Gehirn lag er auf der Intensivstation.
Die ersten Notrufe waren bei der Polizei am Morgen des 12.?Juli zwischen
5.50?Uhr und 5.52?Uhr eingegangen – zu diesem Zeitpunkt lag Jonas
K. schon regungslos am Boden.
Nach sieben Prozesstagen rekonstruierte der Vorsitzende Richter das Geschehen.
Die Angeklagten K., B. und Michael G. seien ihrem Freund L., der von einem
Angreifer mit einer Flasche am Kopf verletzt wurde, zur Hilfe gekommen.
Daraus habe sich eine Schlägerei entwickelt, in deren Verlauf Jonas
K. zu Boden gebracht und mit Schlägen und Tritten malträtiert
worden sei. Bis zur Flucht derjenigen, die die Neonazis angegriffen hätten,
handele es sich um eine klare Notwehr- bzw. Nothilfesituation, erst danach
setze die strafrechtlich relevante Tat ein. Bei seiner Argumentation orientierte
sich Diekmann an den seiner Ansicht nach neutralen Zeugenaussagen
und folgte im Kern der Darstellung der angeklagten Neonazis und ihrer
Verteidiger. Zeugenaussagen, die dieser Ansicht widersprachen, wurden
hingegen als weniger glaubwürdig eingeordnet, weil sie mit der
Gruppe der linken Angreifer in Verbindung gebracht werden könnten.
Die Aussage einer als neutral gewerteten Zeugin, die sagte, sie habe
den Satz »Du Zecke stehst nicht mehr auf« gehört, wurde
nicht in die Urteilsfindung einbezogen, da der Satz keinem der vier angeklagten
Neonazis eindeutig zugeordnet werden konnte.
Am Ende verurteilte das Gericht den 26jährigen Oliver K. wegen versuchten
Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten.
Der 21jährige Marcel B. und der 23jährige Michael L. wurden
wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Jugend- bzw. Freiheitsstrafe
von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Der 24jährige Michael
G. wurde freigesprochen.
Damit blieb das Landgericht weit hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft
zurück. Diese hatte wegen versuchten Totschlags acht Jahre Haft für
K. und für die Angeklagten B. und L. drei Jahre Jugend- bzw. Freiheitsstrafe
wegen gefährlicher Körperverletzung gefordert. Strafmildernd
wirkte sich bei allen die starke Alkoholisierung aus.
B. hatte nach übereinstimmenden Aussagen zugetreten und erst von
Jonas K. abgelassen, als ihm Zeugen zuriefen: »Hört auf, der
bewegt sich doch gar nicht mehr.« L. wurde lediglich vorgeworfen,
dass er Personen daran gehindert hatte, Jonas K. zu helfen. Eine DNA-Analyse
der Kleidung hatte zwar ergeben, dass L. Blut von Jonas K. an seiner Kleidung
hatte. Das Gericht kam dennoch zu der Einschätzung, dass er nicht
zugetreten und sich nicht in der Nähe des Opfers befunden habe. Eine
direkte Tatbeteiligung könne weder ihm noch dem Angeklagten G. nachgewiesen
werden.Was am Ende bleibt, ist eine widersprüchliche Darstellung
einer Tat, nach der K., bedingt durch Alkohol und den Angriff auf den
Kumpel, ausrastete und Jonas K. fast zu Tode trat. Bei der Begründung
des Urteils bescheinigte der Richter dem Angeklagten K. zwar eine klare
Tötungsabsicht – immerhin hatte der Angeklagte gegenüber
Polizeibeamten zugegeben, Jonas K. mit einem »Stampfkick«
auf den Kopf getreten zu haben. Weil die eintreffende Polizei den Tötungsversuch
unterbinden konnte, rückte das Strafmaß jedoch in die Nähe
eines minderschweren Falls.
<<< Presse
29. Januar 2010 Störungsmelder ZEIT
Mildes Urteil für den “Boardsteinkick”
Mordversuch aus "Gründen der Machtdemonstration"
Sie hatten einen Linken fast getötet:
Wegen der brutalen Attacke auf einen Studenten im Juli 2009 am S-Bahnhof
Frankfurter Allee in Berlin-Friedrichshain sind die Angeklagten am Donnerstag
vom Landgericht Berlin zu Haftstrafen verurteilt worden. Zwei Verurteilte
bekamen Bewährung.
Ein halbes Jahr nach dem Beinahe-Tod eines jungen Linken in Friedrichshain
ist der Prozess gegen vier Rechtsextremisten mit einem überraschend
milden Urteil geendet. Die Jugendkammer des Landgerichts verurteilte am
Donnerstag den Haupttäter Oliver K. (26) wegen versuchten Totschlags
in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu fünfeinhalb
Jahren Haft. Die Angeklagten Michael L. (23) und Marcel B. (21) kamen
mit je zwei Jahren auf Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung
davon. Im Fall von Marcel B. verhängte die Kammer eine Jugendstrafe,
weil er zur Tatzeit Heranwachsender war. Den Angeklagten Michael G. (24)
sprachen die Richter frei.
Die Kammer blieb damit deutlich unter den Anträgen von Staatsanwalt
Jörg Wetzel, der für Oliver K. acht Jahre und für Michael
L. sowie Marcel B. je drei Jahre Haft gefordert hatte. Selbst der Verteidiger
von Oliver K. hatte in seinem Plädoyer immerhin eine Strafe „nicht
über sieben Jahre“ genannt. Im Fall von Michael G. hatte auch
der Staatsanwalt einen Freispruch als notwendig erachtet. Ursprünglich
hatte Wetzel allen vier Angeklagten versuchten Mord vorgeworfen.
Die Misshandlung des Linken Jonas K. am frühen Morgen des 12. Juli
2009 sei „eine fürchterliche und widerwärtige Gewalttat“
gewesen, sagte der Vorsitzende Richter, Kay-Thomas Diekmann. Er hielt
jedoch allen Angeklagten zugute, sie seien zunächst selbst angegriffen
worden. Die Taten während der Schlägerei mit einer Gruppe Linker
waren für die Kammer Notwehr und Nothilfe. Die Linken hatten Michael
L. attackiert und ihm eine Kopfplatzwunde zugefügt, weil er eine
Thor-Steinar-Jacke trug. Die Mitangeklagten eilten L. zu Hilfe. Die Richter
sahen zudem „deutliche Hinweise“, dass das spätere Opfer
Jonas K. zu den Angreifern gehörte.
Nach Ansicht der Richter begingen die drei verurteilten Angeklagten erst
dann Straftaten, als die meisten Linken flohen und damit die Notwehrsituation
beendet war. Oliver K. habe mit einem „klar erkennbaren Tötungsvorsatz“
das bewusstlose Opfer ein Stück weitergeschleift und ihm einen Stampfkick
auf den Kopf versetzt. Dies sei ein „ungeheuer brutales Vorgehen“,
sagte Diekmann und verwies auf die zur Tatzeit gleich drei offenen Bewährungsstrafen
des Angeklagten. Doch die Kammer billigte ihm strafmildernd zu, stark
alkoholisiert gewesen zu sein.
Im Fall des Angeklagten Marcel B. meinten die Richter, er habe Jonas K.
getreten, aber dann versucht, Oliver K. zu stoppen. Bei Michael L. sahen
die Richter eine minderschwere gefährliche Körperverletzung,
weil er Passanten hinderte, dem Opfer zu helfen.
.Der Anwalt des beinahe getöteten Linken, Ole Weidmann, hatte in
seinem Plädoyer gefordert, den Angeklagten Oliver K. wegen versuchten
Mordes zu verurteilen, wie es in der Anklageschrift stand. Außerdem
seien alle drei Freunde von Oliver K. Mittäter gewesen. Von den Angeklagten
äußerte nur Marcel B. in seinem letzten Wort Reue.
<<<
Presse
27.01.2010 Tagesspiegel
Nazi-Attacke: Plädoyer erwartet
Vier Rechtsextremisten, die im Juli 2009
in Friedrichshain einen jungen Linken fast totgeprügelt haben sollen,
können im Prozess am Landgericht vermutlich von einem psychiatrischen
Gutachten profitieren. Sie standen unter starken Alkoholeinfluss.
Der Sachverständige bescheinigte am Dienstag allen Angeklagten, für
die Tatzeit sei eine erhebliche Beeinträchtigung ihrer Steuerungs-
und Einsichtsfähigkeit nicht auszuschließen. Als Grund nannte
er der Jugendkammer die hohe Alkoholisierung der vier Männer. Nach
Berechnungen, die der Gutachter aufgrund von Blutproben nach der Gewaltorgie
angestellt hatte, waren die Angeklagten am frühen Morgen des 12.
Juli betrunken mit Werten zwischen zwei und 2,9 Promille. Damit erscheint
fraglich, dass die Rechtsextremisten wegen versuchten Mordes verurteilt
werden, den ihnen die Staatsanwaltschaft vorwirft. In der Anklage ist
allerdings auch von gefährlicher Körperverletzung die Rede.
Das Opfer Jonas K.(22) hatte durch
massive Tritte gegen den Kopf schwere Verletzungen erlitten. Als mutmaßlicher
Haupttäter gilt der Angeklagte Oliver K. (26), der dem jungen Linken
mehrere Stampfkicks auf den Kopf versetzt haben soll. Am Dienstagnachmittag
sollte der Staatsanwalt sein Plädoyer halten. Das geforderte Strafmaß
stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest. fan
<<<
Presse
22.01.2010 TAZ
Endspurt im Berliner Naziprozess
Polizei belastet Angeklagten schwer
Einer der vier in Berlin angeklagten Neonazi
soll laut Polizei bereut haben, dass sein Bordsteinkick an einem Linken
scheiterte. Urteil nächste Woche. Zwei Polizisten haben einen Neonazi
erneut schwer belastet, dem versuchter Mord vorgeworfen wird. Der 26-jährige
Oliver K. soll im Juli mit drei anderen Männern versucht haben, mit
einem sogenannten Bordsteinkick einen 22-jährigen Mann zu töten.
Vor dem Landgericht sagten die Beamten, K. habe eine Stunde nach dem Ereignis
gesagt, "diesen Typen hätte ich richtig auf den Bordstein legen
sollen - und dann ,wumm'". Dabei habe er mit dem Fuß aufgestampft.
Mehreren Zeugen zufolge hatte K. auf dem Gehweg auf sein bereits bewusstloses
Opfer eingetreten.
Die Angeklagten hatten angegeben, angegriffen worden zu sein, weil einer
von ihnen eine Jacke der bei Neonazis beliebten Marke "Thor Steinar"
trug. Offen blieb am Donnerstag allerdings, wer an der Schlägerei
beteiligt war. Die angeklagten Neonazis wollen zwei Männer als ihre
Angreifer erkannt haben; allerdings gab einer vor Gericht an, gar nicht
vor Ort gewesen zu sein. Der andere sagte, er sei zwar vor Ort, aber nicht
beteiligt gewesen. Ihm zufolge war er in einer Gruppe unterwegs gewesen,
die jemanden wegen "Thor Steinar"-Kleidung attackieren wollte.
Diejenigen, die er als Angreifer benannte, wurden hingegen von den vier
Neonazis vor Gericht nicht erkannt.
Die Richter ließen am Donnerstag auch die Fotos der Angeklagten
als Beweise zu, die zuvor gestohlen wurden und im Internet aufgetaucht
waren. Zwar seien sie durch Straftaten erlangt worden, würden aber
nicht besonders schutzwürdige Bereiche der Privatsphäre zeigen.
Die Bilder zeigen, wie einer der Angeklagten in einer Disko den Hitlergruß
zeigt. Außerdem gibt es Bilder, auf denen sie mit NPD-Plakaten und
SS-Helmen posieren. Alle vier Männer haben bereits wegen gefährlicher
Körperverletzung vor Gericht gestanden. Kommende Woche sollen Plädoyers
gehört und ein Urteil gesprochen werden. L. SANDER
<<<
Presse
20.01.2010 Junge Welt
Schläger vor Gericht
Augenzeuge schildert brutale Attacken gegen Berliner Studenten
Im Prozeß gegen vier mutmaßliche
Neonazis wegen versuchten Mordes hat ein Augenzeuge am Dienstag die Angeklagten
schwer belastet. Seinen Angaben nach hatten drei von ihnen im Juli vorigen
Jahres nach einem Besuch in der Diskothek Jeton in Friedrichshain wiederholt
auf den Kopf eines 22jährigen Studenten eingetreten. Zunächst
sollen die 20- bis 26jährigen Männer das Opfer vor dem S-Bahnhof
Frankfurter Allee mit Fäusten zu Boden geschlagen und dann mit Wucht
und in Tötungsabsicht mehrfach auf ihn eingeprügelt haben. Dem
Staatsanwalt zufolge handelten sie aus »Wut« und wollten damit
ihre Macht gegenüber einem vermeintlichen politischen Gegner demonstrieren.
»Das war das Schlimmste, was ich je gesehen habe«, erklärte
der 28jährige Augenzeuge. Er hatte die Polizei alarmiert. Drei der
Angeklagten hat er im Prozeß als Täter wiedererkannt. Ein 24jähriger
Mittäter sei nicht aktiv, aber dabei gewesen, sagte er. Anfangs habe
die Auseinandersetzung auf ihn wie eine »ganz normale Samstagsmorgenschlägerei«
gewirkt, so der Zeuge. Als er sich das nächste Mal umsah, habe der
junge Mann jedoch am Boden gelegen, und mehrere Leute hätten auf
ihn eingetreten. Das Opfer sei dann »über den Boden«
an eine Mauer gezogen worden. Seiner Erinnerung nach traten der 20- und
der 26jährige Angeklagte bis zum Eintreffen der Polizei »ununterbrochen«
weiter auf den Kopf des Opfers ein.
Der 23jährige Angeklagte, der laut Anklage bei einer vorausgegangenen
Schlägerei verletzt wurde, habe währenddessen versucht, ihn
und andere Leute zu vertreiben. Das Opfer hatte neben Prellungen und Platzwunden
ein Schädelhirntrauma erlitten und lag fast zwei Wochen im Krankenhaus.
Dem Studenten fehlt jede Erinnerung an den Vorfall. Drei der Angeklagten
hatten zu Prozeßbeginn den Übergriff im wesentlichen gestanden.
Das Verfahren wird am 21. Januar fortgesetzt.
<<<
Presse
13.01.2010 Tagesspiegel
Zeuge belastet Neonazis schwer
Im Prozess zu dem Beinahemord in Friedrichshain sieht es für die
vier Angeklagten Neonazis schlecht aus: Ein 19-Jähriger will gesehen
haben, wie die Angeklagten auf ihr am Boden liegendes Opfer eintraten
- mit Stampfkicks auf den Kopf.
Der junge Zeuge redet hastig und weint kurz. „Ich schäme mich
so dafür, dass ich nicht helfen konnte“, doch der Vorsitzende
Richter der Jugendkammer des Landgerichts beruhigt den Schüler. „Sie
haben ziemlich viel Mut an den Tag gelegt, Sie müssen sich nicht
schämen“, sagt Kay-Thomas Diekmann und nickt dem 19-Jährigen
zu. Der hat in der Nacht zum 12. Juli 2009 die Misshandlung des jungen
Linken Jonas K. durch Rechtsextremisten hautnah miterlebt. „Ich
rief: lasst den in Ruhe, der ist bewusstlos“, erinnert er sich am
Dienstag vor Gericht. Es half nichts. „Alle haben durchgängig
auf den Kopf eingetreten“, sagt der Zeuge. Zuvor hat er auf jeden
der vier Angeklagten gezeigt. Die blicken eisig.
Am zweiten Tag im Prozess zu dem Beinahemord in Friedrichshain sieht es
für Oliver K., Marcel B., Michael L. und Michael G. nicht gut aus.
Der Zeuge belastet die angeklagten Rechtsextremisten und bestätigt
weitgehend, was die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift zusammengetragen
hat. Zunächst habe es nahe dem U-Bahnhof Frankfurter Allee eine Schlägerei
zwischen den Beschuldigten und anderen Leuten gegeben, „das waren
vier gegen vier“. Michael L., der Zeuge nennt ihn „der Herr
mit der Thor-Steinar-Jacke“, habe einen Schlag auf den Kopf bekommen
und geblutet. Dann sei von einem der Täter eine Person zu Boden geschlagen
und dort getreten worden. Das Opfer habe jedoch aufstehen und weglaufen
können. Der Geschädigte blieb unbekannt, die Staatsanwaltschaft
wirft den Angeklagten in diesem Fall gefährliche Körperverletzung
vor. Doch es folgte in jener Nacht eine weitere, noch brutalere Tat –
laut Anklage ein versuchter Mord.
Der Zeuge sagt, Michael L. habe sich eine Person „gegriffen und
geboxt“. Es handelte sich um Jonas K., den der Zeuge nach eigenen
Angaben nicht kannte, auch wenn beide von einer Party in einem „alternativen
Wohnprojekt“ kamen. Der Zeuge sah dann die Tritte gegen den reglosen
Jonas K., darunter „Stampfkicks“ auf den Kopf. Schließlich
habe „der mit der Everlast-Jacke“, gemeint ist der Angeklagte
Oliver K., den „bewusstlosen Körper“ in Richtung Straße
gezogen „und den Kopf gerichtet“ – um ihn anschließend
mit weiteren Fußtritten zu traktieren. Als die Polizei kam, rannte
der Zeuge zu den Beamten und zeigte auf Oliver K. und Michael L., die
sich offenbar absetzen wollten. Beide wurden noch am Tatort festgenommen.
Jonas K. habe „potenziell lebensbedrohliche Verletzungen“
erlitten, sagt ein Gerichtsmediziner als Zeuge und erwähnt die „Einblutung
im Hirngewebe“. Jonas K. selbst hat zuvor den Richtern gesagt, dass
er sich an nichts mehr erinnern kann. „Ich bin froh, dass ich noch
am Leben bin“, die Stimme des 22-Jährigen stockt häufig.
Er wirkt traumatisiert, kann sich schlecht konzentrieren und wird psychologisch
betreut. Und er versucht, die Tat nicht an sich herankommen zu lassen.
„Ich will nichts wissen und ich bin froh, dass ich nichts weiß“,
sagt er. Frank Jansen
<<<
Presse
08.01.2010 Neues Deutschland
»Es war wie im Blutrausch«
Vier rechte Schläger wegen versuchten Mordes vor dem Berliner Landgericht
angeklagt
Ein unglaublich brutales Verbrechen wird
seit gestern vor dem Berliner Landgericht verhandelt. Die vier Täter
zwischen 20 und 26 Jahren aus dem Berliner Umland kommen aus der dumpfen
rechten Szene. In den Morgenstunden des 12. Juni 2009 haben sie laut Anklageschrift
gemeinsam den 22-jährigen Berliner Studenten Jonas K. fast zu Tode
geprügelt und getreten. Deshalb sind Oliver K., Marcel B., Michael
L. und Michael G. nicht wegen schwerer Körperverletzung, sondern
des versuchten Mordes angeklagt. Drei sitzen hinter Panzerglas, der Jüngste
neben seinem Verteidiger.
Viele Details sind noch im Dunkeln. Fest steht: Als Jonas an diesem Morgen
nach einer Schlägerei am S-Bahnhof Frankfurter Allee schon wehrlos
am Boden lag, sollen die vier wie entfesselt gegen seinen Kopf getreten,
ihn anschließend zum Radweg geschleift, das Gesicht über die
Bordsteinkante gedrückt und erneut zugetreten haben. »Stampfkick«
heißt das blutige Spiel in dem Film »American History X«,
wo ein amerikanischer Nazi-Skin einen Schwarzen mit einem gezielten Tritt
auf den Hinterkopf umbringt. Und die vier Rechten wollten genau das tun,
sagt die Staatsanwaltschaft. Das Opfer erlitt lebensgefährliche Verletzungen,
ein Schädelhirntrauma zweiten Grades mit Einblutungen und schwerste
Gesichtsverletzungen. Es geht ihm nach Angaben seines Anwalts Ols Weidmann
den Umständen entsprechend gut. An die Ereignisse vom 12. Juni hat
er keinerlei Erinnerungen.
Was geschah an jenem Morgen an der Frankfurter Allee gegen 5.45 Uhr? Der
erste Verhandlungstag war den Aussagen der Täter vorbehalten. Und
die beschrieben sich vor allem als Opfer. Nach ihren Darstellungen seien
sie nach dem Verlassen der rechten Disco »Jeton« aus einer
Gruppe von etwa zehn jungen Leuten angegriffen und niedergeschlagen worden.
»Da bin ich ausgerastet, ich war in Rage, wie im Blutrausch«,
schilderte der Haupttäter über seinen Anwalt seine Stiefelattacken.
Alle hätten sie eine Menge Alkohol geschluckt und könnten sich
deshalb nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Eigentlich wollten die Angeklagten
gar nicht raus mit der Sprache, doch der Vorsitzende Richter baute ihnen
Brücken, um sie zur Aussage zu bewegen. Natürlich könnten
sie schweigen, doch eine wahrheitsgemäße Schilderung könnte
sich positiv auf die spätere Entscheidung auswirken. So wären
Schläge und Tritte durchaus akzeptabel, wenn sie denn der Selbstverteidigung
dienten. Das griffen die Angeklagten dankbar auf und schilderten ihre
Opferversion.
Unmittelbar nach der Tat war die Polizei zur Stelle und nahm die Männer
fest. Außerdem meldeten sich zahlreiche Zeugen, die das Geschehen
beobachtet hatten. Danach ergibt sich ein etwas anderes Bild, als es die
vier Angeklagten jetzt vor Gericht zeichnen. Es begann wohl vor der Kneipe
»Jeton«. Das rechte Kleeblatt war nach einer so genannten
Schaumparty noch so richtig in Brülllaune und posierte auf der Straße
mit dem Hitler-Gruß. Dabei fotografierte man sich gegenseitig. Das
Handy verschwand im feuchtfröhlichen Trubel, die Bilder von den Hitler-Jüngern
tauchten später im Internet auf. Das Nazi-Spektakel und die bei Rechten
beliebte Thor-Steinar-Kleidung der Rechtsextremen empfanden andere Jugendliche
auf der Straße als Provokation. Aus einer verbalen Auseinandersetzung
entwickelte sich eine Schlägerei, bei der auch einer der Rechten
zu Boden ging. Als sich die Lage schon entspannt hatte, griffen sich die
Schläger den Studenten, weil sie ihn als »Zecke« ausgemacht
hatten. »Du Zecke sollst nicht mehr aufstehen!« Das war der
Schlachtruf, mit dem sie Jonas fast zu Tode trampelten.
In der kommenden Woche wird das Opfer als Zeuge aussagen,
das Urteil wird voraussichtlich gegen Ende des Monats gesprochen. Eines
wurde nach dem ersten Prozesstag deutlich: Gewalt ist immer ein schlechter
Ratgeber und sie dient nur jenen, die Rechts und Links gern in einem Atemzug
nennen wollen.
24.11.2009 Tagesspiegel
15 Festnahmen bei Gedenken an Silvio Meier
15 Festnahmen, zehn verletzte Polizisten und sechs beschädigte Autos:
Das ist die Bilanz der Silvio-Meier-Demonstration in Friedrichshain. Die
Anmelderin kritisiert die "massive Präsenz" der Polizei.
Bis zu 2000 Menschen nahmen nach Polizeiangaben
an dem Marsch teil. Es flogen Böller, von Hausdächern leuchteten
bengalische Fackeln und Raketen flogen in den nächtlichen Himmel.
Entgegen den Absprachen mit der Polizei löste sich die Demo etwa
einen Kilometer vor dem Ende plötzlich auf. Etwa 800 Teilnehmer suchten
sofort die Konfrontation mit der Polizei, in der Niederbarnimstraße
flogen kurzzeitig Flaschen und Steine auf Polizisten. Danach beruhigte
sich die Lage rasch, auch in der Nacht gab es keine Vorkommnisse mehr.
Die Anmelderin der Demonstration, die Linken-Abgeordnete Evrim Baba, verteidigte
den Abbruch der Demo: „Das ist unser Recht und unsere Freiheit.“
Man habe nur reagiert auf die „massive Präsenz der Polizei
und die Überwachung“. Die Demonstration selbst sei völlig
friedlich gewesen.
Die Demonstration stand unter dem Motto „Linke Freiräume schaffen,
gegen Nazis, Staat und Kapital“. Der 27-jährige Hausbesetzer
Silvio Meier war am 21. November 1992 am U-Bahnhof Samariterstraße
von Rechtsextremisten überfallen und erstochen worden. Evrim Baba
betonte, dass die „Gefahr weiterhin von rechts ausgeht“. Ein
breites Bündnis gegen Nazis sei notwendig. Die von Innensenator Körting
geforderte Abgrenzung zu Linksextremisten lehnte sie ab. „Wir entscheiden,
mit welchen Bündnispartnern wir demonstrieren.“
<<<
Presse
23.11.2009 Neues Deutschland
Deeskalativ in hitziger Atmosphäre
Silvio-Meier-Gedenkdemonstration in Berlin verlief weitgehend friedlich
Die vorher befürchtete gewalttätige
Eskalation beim Gedenkzug zu Ehren des von Nazis 1992 ermordeten Hausbesetzers
Silvio Meier in Berlin blieb aus. Sowohl Polizei als auch jugendliche
Antifaschisten hielten sich zurück.
Das Gedenken an Silvio Meiers Tod ist ungewöhnlich, denn es fehlt
das Besinnliche dabei. Einzig am Ausgang des U-Bahnhofs Samariterstraße,
wo eine Gedenktafel an den Hausbesetzer erinnert, legen Teilnehmer einer
Mahnwache Blumen und Kränze ab, zünden Grablichter an und halten
inne. Auf dem Bahnsteig wurde vor 17 Jahren Silvio Meier nach einer Auseinandersetzung
mit einer Gruppe Neonazis kaltblütig erstochen. Silvio Meier starb
mit 27 Jahren.
Oben auf der Fahrbahn der Frankfurter Allee versammeln sich 3000 Menschen
zur Demo. Fast alle sind schwarz gekleidet, und sie haben eine Wut angestaut,
die sie auf einem langen Zug durch Friedrichshain kundtun. »Enough
is enough« heißt das Motto des Gedenkens in diesem Jahr –
»genug ist genug«. Sie erinnern an die Gefahr, die noch immer
von Rechtsextremisten ausgeht. Die Route führt an der Diskothek »Jeton«
vorbei, die immer wieder Ausgangspunkt für Übergriffe feiernder
Neonazis ist, und stoppt am Bekleidungsgeschäft Tromsø in
der Petersburger Straße, wo die bei Rechten beliebte Kleidungsmarke
»Thor Steinar« vertrieben wird. Einige Demonstranten erinnern
auch an Iwan Chutorskoi, jenen linken Skinhead aus Moskau, der am 16.
November dieses Jahres vor seinem Haus erschossen wurde.
Die Silvio-Meier-Demonstration ist kein stiller Trauerzug, sondern sie
will aufrütteln. Sprechchöre gegen die Polizei und den Kapitalismus
hallen durch die Straßen. Nur wenige Teilnehmer werden den ermordeten
Antifaschisten gekannt haben; aber sie alle wollen das, wofür Silvio
Meier sich engagierte, erhalten. In einem Fernsehinterview blickte Meier
kurz vor seinem Tod pessimistisch in die Zukunft: Die Besetzungen seien
nur ein Übergangsstadium, meinte er. »Entweder werden Verträge
gemacht oder die Häuser geräumt.«
Dass allerdings auch Verträge kündbar sein können, das
erleben gerade die linken Hausprojekte in der Brunnenstraße 183
in Mitte und in der Liebigstraße 14 in Friedrichshain. Beide Häuser
stehen kurz vor dem Aus. Die Stimmung war deshalb schon im Vorfeld der
Demonstration aufgeheizt. Nachdem ein mutmaßlicher Autobrandstifter
am Montag festgenommen wurde, durchsuchte die Polizei zwei Hausprojekte
in der Liebigstraße.
Eine Bedrohung durch Rechtsextreme sehen Antifaschisten indes in Treptow.
Dort ist die Neonazikneipe »Zum Henker« in ihren Fokus geraten:
Am vergangenen Donnerstag kam es zu einer Attacke von Linksradikalen auf
das Lokal. Tags darauf zogen hundert Neonazis durch Treptow. Schon im
Oktober nannten sie auf einer Demonstration die Namen von zwanzig Antifaschisten.
Chris Lorenz (Name geändert) ist eine der Personen: »Noch ist
das alles eine Drohgebärde, und es ist nichts passiert. Aber keiner
weiß, ob wir im nächsten Jahr auch in Berlin Moskauer Verhältnisse
haben«, sagt er mit Blick auf den Mord an Iwan Chutorskoi.
In Anbetracht dieser hitzigen Atmosphäre begleitet die Polizei die
Demonstration zurückhaltend. Auch Elke Steven vom »Komitee
für Grundrechte und Demokratie« bescheinigt den Ordnungskräften
ein »bürgerfreundliches Auftreten«. Nur vereinzelt haben
die 25 Beobachter des Komitees sowie kritischer Juristen der Humboldt-
und der Freien Universität rüde Festnahmen gesehen.
Nachdem die Veranstalter den Aufzug vorzeitig in der Grünberger Straße
aufgelöst haben, kommt es kurz zu Tumulten. In der Niederbarnimstraße
rangeln sich Demonstranten und Einsatzkräfte. Insgesamt nimmt die
Polizei 15 Personen fest; zehn Beamte erleiden leichte Verletzungen.
<<<
Presse
23.11.2009 Tagesspiegel
„Ich muss mir von der SPD nichts sagen
lassen“
Sie gehört einer der beiden Regierungsparteien in Berlin an - und
macht dennoch Stimmung gegen die Polizei
Sie gehört einer der beiden Regierungsparteien
in Berlin an, und zwar der Linke. Wer sich die Veröffentlichungen
von Evrim Baba durchliest, wird sie für eine Sprecherin der Linksextremisten
halten. Und als solche agiert sie auch – mit Worten und mit Taten.
Seit Jahren meldet sie linksradikale Demos an. Am Sonnabend war es das
„Silvio-Meier-Gedenken“. Doch das Kommando auf dieser Demo
führte nicht Frau Baba, sondern die Autonomen. Diese brachen die
Demo plötzlich und entgegen den Vereinbarungen mit der Polizei vor
dem geplanten Ende ab, taktisch klug mittendrin im Schickeria-Kneipen-Kiez.
Minuten später flogen Steine.
Das war nur folgerichtig. Die 2000 Teilnehmer hatten zuvor diese Parolen
skandiert: „Stein für Stein“, „Bullen – haut
sie platt“ und „ob grün, ob braun, Nazis auf die Fresse
hauen“. Das Feindbild der Frau Baba ist damit klar umrissen: die
Polizei. Dies zeigen auch die Pressemeldungen der 38-Jährigen: „Polizei
schränkt Demonstrationsrecht ein“, heißt es da, oder
die Polizei „arbeitet den Neonazis in die Hände“. Und
weil auf diese Polizei kein Verlass ist, braucht es einen „Antifaschistischen
Selbstschutz“, verkündete sie auf ihrer Internetseite. „Das
rechtfertigt doch Gewalt“, stöhnte ein SPD-Mitglied im Abgeordnetenhaus.
Seit Monaten wird sie in der SPD und von vielen ihrer eigenen Fraktion
als „Problem“ wahrgenommen. Im Mai, als sie der Polizei vorgeworfen
hatte, für den Kreuzberger Krawall selbst verantwortlich zu sein,
hatte der Landeschef ihrer Partei zwar angekündigt, sich „damit
auseinanderzusetzen, wenn sich einzelne in der Partei nicht ausreichend
von Gewalttätern distanzierten“. Gefruchtet haben diese Bemühungen
nicht. Genausowenig wie die jüngsten Appelle von Innensenator Körting
und Polizeipräsident Glietsch an die Linkspartei, sich von Gewalt
und Extremismus stärker zu distanzieren. Evrim Baba sagte gestern:
„Ich muss mir von der SPD nichts sagen lassen.“ Die Demo sei
im Übrigen friedlich gewesen.
Baba könne sich gar nicht distanzieren, sagen Abgeordnete –
weil sie mittlerweile integraler Teil des Extremismus sei. Verwiesen wird
zum Beispiel auf einen Link auf ihrer Webseite zur „ALB“.
Die Autonomentruppe charakterisiert der Verfassungsschutz so: „Die
Gruppe verfolgt Ziele, die gegen den Bestand der freiheitlichen demokratischen
Grundordnung gerichtet sind. Sie tritt für den Kommunismus als politische
Ordnungsform ein.“ Jörn Hasselmann
<<<
Presse
21.11.2009 Morgenpost
Silvio-Meier-Demo: Konfrontationen erwartet
Mit einem großen Polizeiaufgebot wird
die heutige Silvio-Meier-Gedenkdemonstration in Friedrichshain begleitet.
Hunderte Teilnehmer werden erwartet, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.
Nach den Durchsuchungen in den alternativen Wohn- und Kulturprojekten
an der Liebigstraße in Friedrichshain und der Festnahme eines mutmaßlichen
Brandstifters im gleichen Bezirk ist die Stimmung in der Szene aufgeheizt,
vereinzelt wurde zu Gewalt aufgerufen. Polizeipräsident Dieter Glietsch
kündigte einen "angemessenen Einsatz" an. "Wir werden
für eine friedliche Demonstration sorgen", sagte ein Sprecher.
Die Demo gilt dem vor 17 Jahren von Rechten ermordeten Hausbesetzter Silvio
Meier. Sie beginnt um 15 Uhr mit einer Mahnwache am U-Bahnhof Samariter
Straße. Die Demo-Anmelderin Evrim Baba (Linke) rief dazu auf, "gegen
Nazis, Rassisten und Antisemiten Gesicht zu zeigen". Unterdessen
sind in der Nacht zu gestern wieder Autos in Brand gesetzt worden. In
Spandau traf es zwei Pkw der Marke "Chrysler". Der Staatsschutz
ermittelt.
<<<
Presse
21.11.2009 Neues Deutschland
Schlägerei bei Nazi-Kneipe »Zum
Henker«
(ND-Meyer). Rund 30 Anhänger der linken
Szene haben am frühen Donnerstagabend einen stadtbekannten Treff
der rechten Szene im Treptow-Köpenicker Stadtteil Niederschöneweide
angegriffen, teilte die Polizei am Freitag mit. Die Angreifer schmissen
Steine und Flaschen auf das Lokal in der Brückenstraße. Dabei
seien zwei Fensterscheiben des Etablissements beschädigt worden.
Als daraufhin acht Gäste aus der Kneipe auf die Straße stürmten,
seien die Angreifer zum S-Bahnhof Schöneweide geflüchtet. Die
Nazis hätten einen der Antifas erwischt und geschlagen. Der Rechte
und der leicht verletzte Linke seien vorläufig festgenommen worden.
Gegen den Rechten ermittelt nun wegen gefährlicher Körperverletzung
der Staatsschutz. Der Antifa wurde nach zeugenschaftlicher Befragung wieder
entlassen.
Zuvor hatte das lokale Bündnis für Demokratie und Toleranz zusammen
mit Antifagruppen einen von der LINKEN angemeldeten Infostand abgehalten.
Das Bündnis informierte über die Nazi-Kneipe »Zum Henker«
und die NPD. Die Antifa machte mit dem Stand Werbung für die Silvio-Meier-Demo,
die am heutigen Samstag durch Friedrichshain zieht.
Auf die Schließung des »Henkers« drängen zivilgesellschaftliche
Gruppen, Anwohner und die Antifa schon seit Monaten. Die Direktorin eines
benachbarten Hotels beispielsweise setzt sich nach ND-Informationen bei
Bezirksbürgermeisterin Gabi Schöttler (SPD) dafür ein,
eine mögliche Schließung der Kneipe behördlich zu prüfen.
<<<
Presse
20.11.2009 TAZ
Demobeoachter wollen Polizeieinsatz filmen
Bei der Gedenkdemo an Silvio Meier soll die Polizei an diesem Samstag
überwacht werden.
Es ist eine der festen Veranstaltungen im
Kalender des linken Berlins: Seitdem vor 17 Jahren der Hausbesetzer und
Antifaschist Silvio Meier von Neonazis getötet wurde, gedenken Antifas
jährlich mit einer Demonstration der Opfer rechter Gewalt. Unter
dem Motto "Gegen Nazis, Staat und Kapital" wollen die Demonstranten
ausgehend vom damaligen Tatort am U-Bahnhof Samariterstraße durch
Friedrichshain ziehen, das Ende ist an der Warschauer Ecke Grünberger
Straße geplant.
In diesem Jahr haben auch das Komitee für Grundrechte und Demokratie,
der Arbeitskreis kritischer Juristinnen und Juristen der Humboldt-Universität
sowie die Kritischen JuristInnen an der Freien Universität ihr Kommen
angekündigt. Sie wollen jedoch nicht an der Demonstration teilnehmen,
sondern ihren Ablauf beobachten, um die "demokratisch fundamentalen
Grundrechte auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit" zu schützen.
"Wir haben seit einiger Zeit den Eindruck, dass es dringend notwendig
ist, vor Ort zu sein", sagt Elke Steven vom Komitee für Grundrechte
und Demokratie. Dazu beigetragen hätten Bestrebungen, die Versammlungsfreiheit
einzuschränken, aber auch die Kriminalisierung von eigentlich friedlichen
Clownsgruppen, die das Polizeikonzept durcheinanderbrächten. "Ein
wichtiger Punkt waren auch die Übergriffe und deren Videodokumentation
einer Demonstration im September", sagt Steven. Während der
Proteste gegen staatliche Überwachung auf der "Freiheit statt
Angst"-Demonstration hatten Teilnehmer dokumentiert, wie ein Polizist
anscheinend gezielt einen Demonstranten geschlagen hat.
Rund 25 Demobeobachter der drei Gruppen sollen daher die Versammlung begleiten.
"Einige werden auch Fotoapparate dabeihaben, eventuell auch Videokameras",
sagt Steven. Was die Beobachtung ausmache, sei allerdings die Vielzahl
von Beteiligten, die Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen
könnten.
Evrim Baba, Abgeordnete der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus und Anmelderin
der Demonstration, forderte zu friedlichen Protesten auf, um dem "Charakter
einer Gedenkdemonstration" gerecht zu werden: "Der Name Silvio
Meier steht stellvertretend für alle Opfer und Betroffenen zur Erinnerung
und Mahnung." Polizeipräsident Dieter Glietsch hat im RBB einen
angemessenen, ruhigen und sachlichen Einsatz der Polizei angekündigt.
<<<
Presse
17.11.2009 Junge Welt
Linke im Visier
Vor 17 Jahren wurde der Hausbesetzer Silvio Meier von Neonazis getötet.
Gedenkdemo am Samstag. Proteste gegen geplante Räumung alternativer
Projekte angekündigt
Am kommenden Samstag findet in Berlin die
traditionelle Silvio-Meier-Demonstration statt. Sie erinnert an einen
jungen Hausbesetzer, der am 21. November 1992 von Neonazis auf dem U-Bahnhof
Samariterstraße im Berliner Stadtteil Friedrichshain von Neonazis
getötet wurde. Im Zentrum der diesjährigen Demonstration steht
die Forderung nach dem Erhalt linker Zentren in Berlin. Nach Angaben der
Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) sind mehrere Kultur- und Wohnprojekte
von Räumung bedroht, darunter die Hausprojekte Liebigstraße
14, Rigaer Straße 94 oder der Wagenplatz »Schwarzer Kanal«.
Die Bewohner stünden unter massiven Druck von »Spekulanten,
Wohneigentümern, Polizei und Mainstreampresse«, so ALB-Sprecher
Lars Laumeyer gegenüber jW. Erst am Montag durchsuchte ein Großaufgebot
von bis zu 140 Polizisten zwei Hausprojekte in der Liebigstraße.
Dort wohnt u.a. ein junger Mann, der in den frühen Morgenstunden
unter dem Verdacht der PKW-Brandstiftung festgenommen worden war.
Die Gedenkdemonstration hat sich über Jahre zu einer bedeutenden
Manifestation vor allem jugendlicher Linker entwickelt. Für viele
ist es die erste Demonstration überhaupt. Mehrfach standen Neonazistrukturen
von NPD oder »freien Kameradschaften« im benachbarten Bezirk
Lichtenberg im Visier der Antifaschisten. Der Kiez rund um die Weitlingstraße
galt seit den frühen 1990er Jahren als rechte Hochburg. Migranten
und Linke mieden die Gegend um den Bahnhof Lichtenberg. Antifaschistische
Kampagnen trugen dazu bei, daß Neonazis zurückgedrängt
werden konnten und linke Gruppen heute ungestört Flugblätter
gegen rechts verteilen können: »Das war vor ein paar Jahren
noch undenkbar, einmal wurde ein Infostand überfallen«, erinnert
sich Laumeyer. Er war bereits dabei, als 1998 die Silvio-Meier-Demo zum
»Café Germania« zog. Die rechte Kneipe in Lichtenberg
mußte nach Protesten und direkten Aktionen schließen. Im Jahr
2006 erwischte es das von Neonazis betriebene Lokal »Kiste«.
Das Auto des Betreibers brannte aus, und Demonstrationen erzeugten den
nötigen Druck für das Aus der Kneipe. Im Sommer diesen Jahres
mußte der Nazi-Laden »Horrido« der Firma »Erik
& Sons« nach nur fünf Monaten schließen.
Es sei eine Frage der Zeit, bis Lichtenberg gänzlich kippt und nicht
mehr als rechte Hochburg zu bezeichnen ist, hofft Laumeyer. Doch bisher
sei es im alternativ geprägten Bezirk Friedrichshain ebenso wahrscheinlich,
Opfer rechter Gewalt zu werden. Zuletzt war am 12. Juli 2009 am Bahnhof
Frankfurter Allee ein junger Antifaschist von mehreren Neonazis brutal
zusammengeschlagen worden. Die Neonazis legten den offenbar bewußtlosen
Jugendlichen mit dem Gesicht auf den Bordstein und traten auf seinen Kopf.
Der Überfall sorgte für großes Aufsehen, weil unter anderem
die Todesstelle Silvio Meiers nur wenige hundert Meter entfernt lag.
Als es 1992 zu der tödlichen Begegnung kam, war der 27jährige
Silvio Meier mit drei Begleitern unterwegs. Auf dem U-Bahnhof Samariter
Straße trafen sie auf eine Gruppe junger Rechter, einer trug ein
Abzeichen mit der Aufschrift »Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein«.
Nach einer zunächst verbalen Auseinandersetzung gab es ein Handgemenge,
und dem Rechten wurde das Emblem abgenommen. Für Silvio Meier, der
damals in einem besetzten Haus in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes
wohnte, schien die Sache erledigt. Doch die Rechten lauerten den Linken
auf und überfielen sie. Drei Männer wurden durch Messerstiche
schwer verletzt, Silvio Meier verstarb noch am selben Abend.
Polizei und Medien leugneten zunächst ein politisches
Motiv der Täter, die sich einige Tage später der Polizei stellten.
Als Antifaschisten den damals bei Neonazis beliebten Judith-Auer-Jugendclub
niedergebrannten – die Täter hatten darin regelmäßig
verkehrt – wurde von einem »Bandenkrieg« gesprochen
und die Rolle von Täter und Opfer vertauscht. Nur fünf der zwölf
am Überfall beteiligten Rechten mußten sich vor Gericht verantworten,
drei von ihnen erhielten Haftstrafen. Heute erinnert eine Gedenktafel
auf dem U-Bahnhof an Silvio Meier.
<<<
Presse
21.10.2009 Junge Welt
Die Sammelwut der Rechten
Seit Jahren veröffentlichen Berliner Neonazis Namen und Adresse von
aktiven Antifaschisten. Doch die lassen sich nicht einschüchtern
Es waren etwa 800 Neonazis, die am 10. Oktober
vom Berliner Alexanderplatz Richtung Friedrichshain marschiert sind. Eine
auf den ersten Blick überraschende Anzahl. Schließlich hatten
die Rechten nur wenige Tage lang mobilisiert. Zudem ist die Berliner Szene
extrem zerstritten. Doch der Kampf gegen Linke und besonders gegen die
»Antifa« ist neben Nazinostalgie noch immer das zentrale Thema,
mit dem Differenzen zumindest zeitweise überwunden werden können.
Bei den entsprechenden Demonstrationen treffen sich Rechtsrocker, Skinheads,
»autonome Nationalisten« und NPD-Mitglieder. So läßt
sich die durchaus beachtliche Größe der Veranstaltung, die
am vorvergangenen Samstag unter der Parole »Vom nationalen Widerstand
zum nationalen Angriff« stattfand, dann doch plausibel erklären.
Aggressiv war nicht nur das Motto, sondern auch das Auftreten vieler Teilnehmer
und der Redner. Wie berichtet, wurden via Lautsprecherwagen die Namen
20 bekannter Antifaschisten verlesen; von zwei Neonazigegnern außerdem
die Anschriften präsentiert. »Das sind die Hintermänner,
das sind die Hetzer, wir kriegen euch alle«, drohten die Neofaschisten
ganz unverhohlen. Die Polizei schritt nicht ein. Dabei war der Sprecher
kein Unbekannter. Es handelte sich um den Neonazi Lutz Giesen. Der brachte
die Antifa mit einem Brandanschlag in Verbindung, der kurz zuvor auf das
in der rechten Szene beliebte Lokal »Zum Henker« in Berlin-Schöneweide
verübt worden war. Antifaschistische Gruppen bestritten, daß
Linke hinter der Attacke stehen, und auch die Polizei schloß einen
politischen Hintergrund aus. Mittlerweile sitzen einige Verdächtige
in Untersuchungshaft. Für Lutz Giesen ist das jedoch kein Grund,
den Mythos von der linken Gewalt nicht weiter zu propagieren »Wir
schwören Rache«, beendete er seinen Vortrag.
Man werde sich von den Drohungen nicht einschüchtern lassen, sagte
einer der von den Neonazis erwähnten Antifas zu jW. Doch woher haben
die Rechten die Namensliste? Das Verzeichnis ist das Ergebnis der sogenannten
Anti-Antifa-Arbeit der Berliner Neonazis. Seid Jahren sammeln vor allem
Mitglieder der »Kameradschaften« Informationen über ihre
politischen Gegner. Zu diesen »Anti-Antifa«-Aktivisten zählen
Björn Wild und David Gudra aus dem Stadtteil Lichtenberg. Die beiden
waren auch am 10. Oktober mit Kameras bewaffnet. Wild ist bereits seit
zehn Jahren in extrem rechten Strukturen aktiv. Gudra, äußerlich
eher klein und unscheinbar, steht momentan wegen Beleidigung vor Gericht.
Das Opfer sowie diverse Zeugen befanden sich auch unter den von Giesen
veröffentlichten Namen.
<<<
Presse
14.10.2009 TAZ
Antifas werfen Polizei Untätigkeit vor
Ein Jugendlicher erhebt schwere Vorwürfe
gegen Polizei: Die soll zugesehen haben, wie er und weitere Antifas von
Neonazis angegriffen und verprügelt wurden. LKA will Ermittlungen
aufnehmen
Erneut wird aus Antifakreisen der Vorwurf erhoben, Polizisten hätten
bei einer Neonazi-Demo weggeguckt, als Rechtsextreme Straftaten begingen.
Diesmal geht es um einen Vorfall, der sich am Samstag im Anschluss an
die Demonstration vor dem Ringcenter am U-Bahnhof Frankfurter Allee ereignet
haben soll. Ein Betroffener berichtete der taz, eine Gruppe von Antifaschisten
sei dort von 50 bis 60 Neonazis attackiert worden. Die vor dem Bahnhof
stationierten Polizisten seien extra außer Sichtweite gegangen,
als die Neonazis auf die Linken losstürmten. Man habe gegen die Beamten
am Dienstag Strafanzeige erstattet.
Die Polizeipressestelle teilte mit, der Vorfall sei bislang nicht bekannt,
man prüfe, ob eine Anzeige eingegangen sei. Unabhängig davon
werde das Landeskriminalamt Ermittlungen gegen Beamte wegen des Verdachts
der Strafvereitelung aufnehmen.
Anzeige
Ein jugendlicher Betroffener schilderte den Vorfall gegenüber der
taz so: Er und sein Freund seien zusammen mit anderen Antifas vor dem
Ringcenter die Treppen hochgelaufen. Zu spät habe man bemerkt, dass
oben um die Treppe herum 50 bis 60 Neonazis standen. Aber die Polizei
sei mit einer Hundertschaft vor dem Eingang postiert gewesen. "Also
dachten wir, hier wären wir relativ sicher." Die Neonazis hätten
gespuckt und Flaschen auf die Antifas geworfen. Dann hätten die Neonazis
die Polizei aufgefordert "sich zu verziehen, damit sie uns plattmachen
könnten". Die Beamten seien daraufhin außer Sichtweite
gegangen.
Dann seien die Neonazis losgestürmt. Ein Teil der Antifas habe in
Richtung U-Bahn-Ausgang flüchten können. Der Betroffene sagt,
er und sein Freund hätten hingegen nicht mehr ausweichen können.
"Wir hatten noch Glück, dass die Nazis mehr Interesse an der
flüchtenden Gruppe hatten und uns nur im Vorbeilaufen mit Tritten
und Schlägen traktierten."
Die beiden Jugendlichen haben eigenen Angaben zufolge Gehirnerschütterungen
und Prellungen erlitten.
Im Anschluss hätten sie versucht, den Leiter der Hundertschaft zur
Rede zu stellen, so der Betroffene weiter. Doch der habe geantwortet:
"Sonst wollt ihr doch auch nichts von uns wissen, warum sollten wir
euch also schützen? Und jetzt verpisst euch, sonst gibt's auch von
uns noch mal richtig Ärger."
Auch die Herausgabe der Dienstnummern hätten die Beamten verweigert.
Er habe sich aber die Helmnummern und das Nummernschild aufgeschrieben.
<<<
Presse
10.10.2009 DIE ZEIT
Die Wahrheit einfach ausblenden - Wie Nazis sich als
Opfer geben
Neonazis geben sich gerne als Opfer. Die
“Systempresse”, die Polizei, die “gewalttätige
Antifa” - Alle wollen sie den armen “Nationalen Sozialisten”
etwas Böses. Nach einem Brandanschlag mit drei Verletzten auf eine
rechtsextreme Szenekneipe in Berlin schlugen die Wellen hoch. Neonazis
sahen darin sofort einen geplanten Angriff von “Linksextremisten”.
Solidaritätskundgebungen in mehreren Städten folgten. Doch jetzt
kam heraus, dass die Behauptungen der Neonazis allesamt erfunden waren.
Die Täter sind gefasst und haben mit der linken Szene rein gar nichts
zu tun. Ein peinliches Dilemma für den “Nationalen Widerstand”.
Trotzdem wollen die Rechtsextremisten heute in Berlin gegen “linke
Gewalt” aufmarschieren. Und die Pressemitteilung der Polizei? Ganz
klar: eine Fälschung für die Systempresse.
Der Brandanschlag auf die rechte Szenekneipe „Zum Henker“
in Schöneweide ist nach Angaben der Polizei aufgeklärt. Bei
Wohnungsdurchsuchungen in Berlin und Königs Wusterhausen nahmen Kripobeamte
gestern Abend sieben mutmaßliche Täter fest. Keiner der Täter
habe „aus politischer Motivation“ gehandelt, teilten die Ermittler
mit. „Die Männer seien „weder der rechten noch der linken
Szene zuzuordnen.“ Nach ersten Erkenntnissen hätten sie nach
einem Streit im Lokal „aus Rache gehandelt.“ Die rechtsextreme
Szene hatte bisher behauptet, die Täter kämen von links. Mehrere
hundert Neonazis wollen deshalb am heutigen Samstag durch Friedrichshain
marschieren.
Bei der Durchsuchung von sechs Wohnungen der Festgenommenen wurden laut
Polizei „diverse Beweismittel“ sichergestellt. Die speziell
für den Fall zusammengestellte Kripogruppe „Joker“ ermittle
weiter mit Hochdruck wegen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung.
Die Staatsanwaltschaft prüfte noch in der Nacht den Erlass von Haftbefehlen.
Nach den bisherigen Recherchen waren die mutmaßlichen Brandstifter
am Samstag, dem 26. September, mit Gästen des Lokals „zum Henker“
in der Brückenstraße in Streit geraten. Dabei seien sie angegriffen
und verletzt worden. Am vergangenen Sonntag revanchierten sie sich dann,
indem sie Brandsätze auf den rechten Szenetreff warfen. Dabei wurden
drei Rechte von den flüchtenden Tätern angefahren und verletzt,
einer davon schwer.
Ungeachtet der Festnahmen wollen heute rund 500 Neonazis durch den Bezirk
marschieren. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot im Einsatz,
um Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken zu verhindern. Bundesweit
mobilisieren die Veranstalter für 12 Uhr zum Alexanderplatz unter
dem Motto: „Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff“.
Von dort soll es Richtung Friedrichshain gehen. Die genaue Route war gestern
noch nicht abgestimmt.
Linke Antifa-Gruppen hatten sich von dem Anschlag distanziert. Sie vermuten
Streitigkeiten mit dem Rockermilieu als Grund für die Tat. Politiker
von SPD, Grünen und Linken rufen mit mehreren Initiativen gegen Rechts
zu Protesten auf. Entlang der möglichen Route wurden vier Gegenkundgebungen
angemeldet. „Bunt, laut & friedlich“ soll ab 11.30 Uhr
vor dem Haus des Lehrers am Alex protestiert werden.
Wie aggressiv aufgeladen die Rechtsextremen sind, erfährt zur Zeit
die Mobile Beratungsgruppe gegen Rechtsextremismus (MBR). Sie wird telefonisch
und im Internet bedroht. „Die Nazis benutzen die Tat als Vorwand
zur Einschüchterung“, sagt MBR-Leiterin Bianca Klose.
<<< Presse
29.08.2009 Adhoc-News
Rund 600 Menschen demonstrieren gegen rechte
Strukturen
Die Veranstalter wollten nach eigenen Angaben
mit dem Zug durch Friedrichshain und Lichtenberg ein klares Zeichen setzen,
dass die Bekämpfung rechter Strukturen in allen Bezirken wichtig
sei Die Demonstration führt auch an mehreren Geschäften vorbei,
die in der rechten Szene beliebte Textilien vertreiben.Die Veranstalter
verweisen in ihrem Demonstrationsaufruf darauf, dass Kleidung als Identifikationsmerkmal
mit und in der rechten Szene einen immer größeren Stellenwert
habe. Zwischen 500 und 600 Menschen haben Polizeiangaben zufolge am Samstag
an einer Demonstration gegen rechtsextreme Strukturen in Friedrichshain
und Lichtenberg teilgenommen. Initiatoren waren mehrere linke und Antifa-Gruppen.
Die Demonstration begann am Frankfurter Tor. Enden sollte sie am S-Bahnhof
Friedrichsfelde-Ost. Die Polizei hatte die Demonstration mit Auflagen
versehen. Danach war den Teilnehmern das Mitführen von Glasflaschen
und Büchsen nicht erlaubt. Zwischenfälle gab es nach Angaben
der Sprecherin zunächst nicht.
<<<
Presse
29.08.2009 Neues Deutschland
Der Nazis liebste Kleiderkammern
In Friedrichshain und Lichtenberg wehren sich Bürger gegen »Thor
Steinar«
Über Nacht blieb der Container unbeschädigt.
»Der einzige Vandalismus«, lacht Gigi von der Friedrichshainer
Initiative gegen Rechts, »war ein Anti-Nazi-Aufkleber.« Und
damit könne man natürlich bestens leben. Groß und unübersehbar
steht seit gestern der mit Anti-Thor-Steinar-Slogans besprühte Container
vor dem umstrittenen Geschäft »Tromsø«, das in
Friedrichshain die bei Neonazis beliebte Marke »Thor Steinar«
verkauft.
Die Protestaktion direkt vor dem rechten Klamottenladen, die gestern den
Medien präsentiert wurde, wird auch von der Mobilen Beratung gegen
Rechtsextremismus (MBR) unterstützt. »Wir informieren über
rechtsextreme Infrastruktur und entwickeln Handlungsstrategien«,
sagt Sabine Kritter von der MBR. Ganz neu ist die Idee mit dem Informationscontainer
indes nicht, ausprobiert wurde die Straßenaktion bei einem ähnlichen
Geschäft in der Rosa-Luxemburg-Straße in Mitte im Mai 2008
– damals mit großem Erfolg. Denn die Informationscontainer
lenken die Aufmerksamkeit der Passanten auf die »Thor Steinar«
-Geschäfte und halten damit die kritische Debatte über solche
Läden am laufen.
Welche Funktion die Geschäfte für die rechte Szene haben, beschreibt
die Grünen-Abgeordnete Canan Bayram: »Das ist ein Treffpunkt
für Nazis, Möchtegern-Nazis und deren Sympathisanten.«
Von den Läden aus ziehen sie dann pöbelnd durch den Kiez, um
ihre rechte Ideologie zu verbreiten.
Wie real die Gefahr ist, in Friedrichshain Opfer von rassistischer oder
Nazi-Gewalt zu werden, belegt ein Plakat, dass an dem Container angeklebt
ist. Dort dokumentiert die lokale Registerstelle seit Beginn dieses Jahres
auf einer Straßenkarte mit Kreuzen die Orte der Übergriffe
– der Kiez ist übersät davon. Erst Mitte Juni schlugen
Nazis, die in der Diskothek Jeton gesoffen hatten, einen 22-jährigen
Neuköllner fast tot. Einer der Nazi-Täter soll »Thor Steinar«-Klamotten
getragen haben.
Beim Widerstand gegen das »Tromsø« macht auch der Bezirk
mit. Seit der Laden Anfang März öffnete, setzt sich Wirtschaftsstadtrat
Peter Beckers (SPD) beim Inhaber des Hauses für die Schließung
des Geschäfts ein. »Es läuft eine Räumungsklage des
Eigentümers, die hoffentlich zum Ende des Jahres entschieden wird«,
erzählt Beckers. Dann könnte Schluss sein mit der Geldmacherei
mit dem fragwürdigen rechten Symbolik-Kitsch.
Solange wollen sich junge Antifaschisten indes nicht gedulden: Für
den heutigen Sonnabend planen linke Gruppen eine Doppel-Demonstration
gegen das »Tromsø« in Friedrichshain und gegen das
Lichtenberger Bekleidungsgeschäft »Horrido«. Die Demonstration
unter dem Motto »Gegen Naziläden und Strukturen überall«
beginnt um 15 Uhr am Frankfurter Tor. Auf der Route nach Lichtenberg ist
auch eine Zwischenkundgebung vorgesehen: Vor der Diskothek Jeton.
<<<
Presse
28.08.2009 TAZ
Ein Container gegen Neonazis
Die "Initiative gegen rechts" informiert über den Bekleidungsladen
"Tromsö"
Die Berliner "Initiative gegen rechts"
will am Freitag einen Informations- und Protestcontainer direkt vor dem
Bekleidungsgeschäft "Tromsö" in Friedrichshain eröffnen.
Mit der Aktion sollen Anwohner darüber aufgeklärt werden, dass
der Laden ausschließlich die bei Neonazis beliebte Bekleidungsmarke
"Thor Steinar" vertreibe, teilte die Initiative am Donnerstag
mit. Mit ihren Motiven transportiere die Firma rechtsextreme Ideologien,
hieß es zur Begründung.
Ziel der Initiative sei es, ein deutliches Zeichen gegen rechtsextreme
Aktivitäten im Stadtteil Friedrichshain zu setzen. Der Container
enthalte Informationen zur Geschichte des Gebäudes in der Petersburger
Straße 94, in dem sich ein SA-Folterkeller der Nationalsozialisten
befand, teilte die Initiative mit. Auch eine Chronologie über die
Aktivitäten von Neonazis wird dort ausgehängt.
Die Aktion sei eine von vielen, die seit der Eröffnung des "Tromsö"-Ladens
außer von der Initiative auch von angrenzenden Vereinen gegen das
Geschäft organisiert worden seien.
<<<
Presse
24.08.2009 Adhoc-News
Antifaschistische Gruppen demonstrieren
gegen rechte Strukturen
Antifaschistische Gruppen demonstrieren
gegen rechte StrukturenMehrere antifaschistische Gruppierungen haben für
Samstag (29. August, 15.00 Uhr) zu einer Demonstration gegen rechtsextremistische
Strukturen in Friedrichshain und Lichtenberg aufgerufen. Laut Polizei
erwarten die Organisatoren rund 500 Teilnehmer. Die geplante Route führt
vom Frankfurter Tor zum S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost.
Die Veranstalter wollen nach eigenen Angaben mit dem Verlauf durch Friedrichshain
und Lichtenberg ein klares Zeichen setzen, dass die Bekämpfung rechter
Strukturen in allen Bezirken wichtig sei. Die Route soll unter anderem
an mehreren Einzelhandelsgeschäften vorbeiführen, die in der
rechten Szene beliebte Textilien vertreiben.
<<< Presse
26.07.2009 Bild
Grüne protestieren mit Sprayaktion
gegen Rechtsextremismus
Mit einer Kunstaktion in Friedrichshain
haben die Grünen gegen Rechtsextremismus protestiert. „Mehr
als zehn Künstler haben am Frankfurter Tor Bilder auf Leinwände
gesprayt, diesich gegen Neonazis richten“, sagte die Sprecherin
für Strategien gegen Rechtsextremismus der Grünen-Fraktion,
Clara Herrmann. Rund 30 Mitglieder von Jugendvereinen und den Grünen
hätten sich an der Aktion beteiligt, darunter auch der stellvertretende
Bundestagsfraktionsvorsitzende Christian Ströbele. Mit dem „kreativen
Protest“ wolle die Partei über die „Nazi-Infrastruktur“
in Friedrichshain aufklären. Ziel sei zudem, die Schließung
von Läden zu erreichen, in denen die bei Neonazis beliebte Marke
Thor Steinar verkauft werde.
<<<
Presse
25.07.2009 TAZ
Protest gegen Bekleidungsladen
In der Frankfurter Allee eröffnet ein Laden mit Klamotten, die bei
Neonazis beliebt sind
Sicherheitsglas in den Schaufenstern und
gleich an drei Stellen der Hinweis auf die besondere Überwachung:
Für einen Bekleidungsladen sind die Sicherheitsvorkehrungen besonders
aufwendig. Aber der Laden in der Frankfurter Allee 91 in Friedrichshain,
der offenbar bald eröffnen wird, ist kein normaler Klamottenladen
- sondern er läuft unter dem Namen Doorbreaker. Die Firma mit den
dunkel-blauen Großbuchstaben führt auch Kleidung der bei Neonazis
beliebten Kleidermarke Thor Steinar.
Eine Mitarbeiterin des Friedrichshainer MieterInnenladens, der Kontaktadresse
vieler zivilgesellschaftlicher Initiativen im Stadtteil, erfuhr von der
Ladeneröffnung vor knapp zehn Tagen. "Ich setzte mich sofort
mit der Hausverwaltung und dem Makler in Verbindung. Da gab es noch die
Hoffnung, die Eröffnung des Ladens zu verhindern", erklärt
sie gegenüber der taz. Doch die Verträge seien da bereits unterzeichnet
gewesen.
Anzeige
Canan Bayram, die für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt und
als Mitbegründerin der Friedrichshainer Initiative gegen Rechts aktiv
ist, kritisiert die Naivität mancher Hausbesitzer und -verwalter.
"Es wäre möglich, den Verkauf von Thor-Steinar-Klamotten
im Vertrag auszuschließen." Doch viele Vermieter seien froh,
dass die Läden überhaupt vermietet werden.
Mitglieder der Initiative gegen Rechts haben in den letzten Tagen mehr
als 20 Unterschriften von MieterInnen und LadenbesitzerInnen aus der Nachbarschaft
gegen den Laden gesammelt. Für den 29. August planen antifaschistische
Gruppen eine Demonstration. Sie soll an der Frankfurter Allee beginnen
und in der Nähe des Bekleidungsladens Horrido in Lichtenberg enden.
<<<
Presse
24.07.2009 Morgenpost
Schaufensterscheibe von Thor-Steinar-Laden
beschädigt
Ein 24-Jähriger hat am frühen
Freitagmorgen in Friedrichshain die Schaufensterscheibe eines Thor-Steinar-Geschäfts
durch das Einritzen von Buchstaben beschädigt. Polizeibeamte hatten
den Mann bei der Sachbeschädigung beobachtet und vorübergehend
festgenommen. Auf dem Schaufenster sind den Angaben zufolge die eingeritzten
Buchstaben „NAZ“ zu sehen. Kleidung der Marke Thor-Steinar
ist bei Neonazis beliebt. Der polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen
aufgenommen.
<<<
Presse
24.07.2009 Jungle World
Partyschaum und Hiebe
Bevor vier Nazis einen 22jährigen in Berlin
beinahe totschlugen, hatten sie die Diskothek »Jeton« besucht.
Diese hat seit längerem den Ruf, ein Treffpunkt für rechte Hooligans
und Nazis zu sein. Die Jungle World hat sich den Laden angesehen.
»Wart ihr schon mal hier?« Wir
schütteln den Kopf. Der bullige Mann kennt anscheinend seine Gäste.
»Na gut, dann erkläre ich euch mal, wie das hier läuft:
Eintritt kostet 14 Euro, dafür könnt ihr so viel trinken, wie
ihr wollt, bis vier Uhr früh.« Wir zahlen die 14 Euro. »So,
hier sind eure Bons. Ordnung muss sein. Die gebt ihr an der Bar ab, dann
kriegt ihr was zu trinken«, sagt der Einlasser und wünscht
uns noch viel Spaß.
Kirmes-Techno rumpelt uns entgegen, als wir die von Schwarzlicht bestrahlte,
menschenleere Treppe nach oben nehmen. Auch im ersten Stock, dem Mainfloor
der Diskothek in Berlin-Friedrichshain, tritt man sich nicht auf die Füße.
Zehn Besucher stehen verloren herum. Die zweite Bar wird gar nicht erst
geöffnet, obwohl sich die sechs hartnäckigen Flat-Rate-Trinker,
die sich an einem Tisch versammelt haben, alle Mühe geben.
Angesichts der schlechten Presse der vergangenen Woche ist der Mangel
an Gästen nicht verwunderlich. Von einer »Nazi-Diskothek«
war in den Zeitungen der Stadt die Rede, nachdem vier Besucher des
Jeton, allesamt Nazis aus Brandenburg, nur 200 Meter vom Eingang entfernt
einen 22jährigen beinahe totgeschlagen hatten. Den Ruf, rechte Hooligans
und Nazis bei sich feiern zu lassen, hat die Diskothek ohnehin. Der Angriff
am vorvergangenen Wochenende scheint Ronny Berkahn, den Betreiber des
Jeton, aber um sein Ansehen fürchten zu lassen. In einer Stellungnahme
auf der Homepage des Etablissements verwahrt er sich dagegen, einen »Naziladen«
zu betreiben. Im Jeton feierten »Menschen verschiedenster Nationalitäten
(Farbige, Asiaten, Araber, Deutsche etc.)«. In der Presse führte
Berkahn sein antirassistisches Credo noch weiter aus: »Türken
und Fidschis feiern hier.«
An diesem Abend ist das Publikum überaus homogen. Hier trinken weiße,
deutsche Männer. Die zwei Frauen, die gelegentlich durch den Raum
huschen, gehören offensichtlich zum Personal. Den DJ scheint es nicht
zu stören, dass er nur für Männer auflegt. »Wenn
ihr tanzt, brauchen wir keine Mädels mehr!« ruft er den sechs
Jungs, die ihren Tisch mittlerweile verlassen haben, durch das Mikrofon
zu. Sie verausgaben sich abwechselnd an der Stange, die am Rand der Tanzfläche
angebracht ist und an der gelegentlich spärlich bekleidete Animateurinnen
mit allerlei Verrenkungen die Laune des Publikums heben, wie ein Blick
in die Fotogalerie des Jeton zeigt.
Zwei der jungen Männer kommen an unseren Tisch, fragen nach Feuer
und sind gesprächig. »Er ist aus Mahlsdorf, ich bin aus Hellersdorf.
Wo seid ihr her?« fragt einer. Wir antworten. »Schade, dass
heute nicht so viel los ist. Schaumparty letzte Woche war besser«,
befindet der Mann. Auf unserem Tisch liegt ein Flyer, der für den
»Schaumparty-Summer of ’09« wirbt. »Partyschaum
und Liebe« bzw. »250.000 Liter Schaum pro Minute im Mainfloor«
gibt es bis September jeweils am zweiten Samstag im Monat. Zur Schaumparty
reisten auch die Nazis aus Brandenburg an, ehe sie anschließend
die Lust aufs Lynchen überkam. Die zwei Jungs, die uns im Weitergehen
noch einmal zuprosten, haben kurz geschorene Haare und bemühen sich,
wie harte Kerle aus Ostberlin zu gucken, zu laufen und zu trinken. Um
erklärte Nazis handelt es sich offensichtlich nicht. Die tragen keine
bunten Shirts von Ed Hardy.
Der Mann, der kurz darauf an uns herantritt, ist auch kein Nazi. »Darf
ich euch mal was fragen? Ich bin Journalist«, sagt er. Wir geben
uns zu erkennen. Der Mann von der Taz hat sich auch einen etwas ereignisreicheren
Abend vorgestellt und will am nächsten Tag wiederkommen.
Nachdem der Kollege gegangen ist, stellt sich ein junger Mann an unseren
Tisch und mustert uns wortlos. Dann fragt er: »Ihr seid von der
Zeitung, oder?« Wir sind enttarnt. Er will sich aber nur mitteilen.
»Ist doch alles harmlos und friedlich hier. Da wird echt viel übertrieben«,
sagt er. Und die Nazis, die den 22jährigen beinahe totgeprügelt
haben? »Na ja, klar gibt es Nazis im Jeton. Aber nur wenige. Die
meisten Leute sind Fußballfans wie ich. Schreib das mal auf.«
In der Berliner Zeitung sei er auch schon mal erwähnt worden. »Da
steht, dass ich kein Nazi bin. Gib mal ein bei denen: Brand, zwei Wohnungen,
kein Nazi.« Die spätere Suche im Internet ergibt nichts. Vielleicht
hat der deutlich alkoholisierte Mann die Suchbegriffe ein wenig durcheinander
gebracht.
Für den DJ gibt es mittlerweile kein Halten mehr. Er hat die Electro-Pop-Hits
der Achtziger durchgenudelt und spielt nun brüllend laut Peter
Fox und Seeed. Noch dazu benebelt er die Tanzfläche. Zum Glück
kann man durch eine Tür aus dem Raum, der mit seinen großen
Spiegeln an der Wand, der Lasershow und den Discokugeln doch sehr
an die Achtziger erinnert, über eine Treppe in das obere Stockwerk
flüchten.
Die Bar dort ist auch geschlossen. Eine einzelne Gestalt sitzt auf einem
Sofa herum. Auf der Toilette hat jemand etliche Aufkleber hinterlassen.
»Aktionsfront – Deutsche Zukunft« ist auf manchen zu
lesen, ein blondes Mädchen ist abgebildet. Auf anderen steht: »Gegen
Globalisierung – dem Unrecht ein Ende«. So genannte Autonome
Nationalisten verwenden solche Slogans gern. Nazis waren also da. Vielleicht
kommen sie ja zur nächsten Schaumparty wieder.
<<<
Presse
21.07.2009 jetzt.de
Krieg der Welten in Berlin: Die Auseinandersetzungen
in Friedrichshain
Im Berliner Bezirk Friedrichshain kämpfen die Anwohner gegen Rechts,
aber auch gegeneinander
Samstagabend in Berlin-Friedrichshain. Eine gewaltige Menschenmasse schiebt
sich durch die Boxhagener Straße, der Lautsprecherwagen spielt Musik
gegen Rechts, über die Köpfe ragen Transparente mit Sprüchen
wie „Vielfalt statt Einfalt“, „Kein Pardon fürs
Jeton“.
Das „Jeton“ ist eine Diskothek
auf der Frankfurter Allee, der Hauptverkehrsader des Viertels und es besteht
in Friedrichshain ein gesteigertes Interesse daran, es so bald wie möglich
schließen zu lassen. Vorvergangenes Wochenende haben vier Neonazis
hier erst die Nacht durchgefeiert und dann am frühen Sonntagmorgen
einen 22-jährigen Neuköllner ins Koma geprügelt. „Der
Bordsteinkick von Friedrichshain“ – darüber sind sich
in Berlin alle einig – ist eine neue Stufe der Eskalation rechtsextremer
Gewalt in der Stadt. Nachdem sie Jonas K., das Opfer und ein aktives Mitglied
der linken Szene bewusstlos geprügelt hatten, versuchten die Täter,
ihn mit dem Gesicht auf den Bordstein zu lehnen und durch einen Sprung
auf den Kopf zu töten. So, wie das die Hauptfigur in dem Anti-Nazi-Film
„American History X“ auch tut, so wie vor vier Jahren im brandenburgischen
Potzlow ein 17-Jähriger ermordet wurde. Jonas K. hat schwer verletzt
überlebt.
Der genaue Hergang ist nach wie vor nicht klar, aber Berlin ist beunruhigt.
„Einer von denen war angeblich so im Blutrausch, dass er noch auf
ihn eingetreten hat, als die Polizei schon da war“, erzählt
ein Demonstrant, andere tauschen Anekdoten aus, von Freunden und Nachbarn,
die am selben Bahnhof auch schon von Rechten bedroht oder verprügelt
wurden. Friedrichshain führt seit drei Jahren die Statistik rechter
Gewalt in der Stadt an. „Es ist schon seit Jahren klar, dass man
zum Beispiel ins Jeton nicht geht“, sagt Sebastian Lorenz, Sprecher
der Antifa Berlin. Die Rechten treffen sich dort zum Trinken, und gehen
am Bersarinplatz shoppen: vor einigen Monaten eröffnete dort ein
Laden für das Klamottenlabel Thor Steinar, gegen den die Anwohner
bisher mit mäßigem Erfolg vorgehen. Es ist die ultimative Provokation
– sich in einem Stadtteil auszubreiten, der von Punkrock, Multikulti,
Queerkultur und Hedonismus definiert ist. „Wir gehen davon aus,
dass die Neonazis bewusst ins Viertel kommen, weil denen die Vielfalt
hier nicht passt,“ sagt Sebastian. Die Antifa versteht gerade den
letzten Vorfall als deutliche Kampfansage – und hat nicht gezögert,
zurück zu schießen. Zwei Tage nach dem Überfall zog eine
große Gruppe offenbar linksautonomer Aktivisten nachts vor das Jeton
und ließ dort eine Fensterscheibe zu Bruch gehen. „Da ist
eben ein Unmut zum Ausdruck gekommen, der sich schon lange angestaut hat“,
erklärt Sebastian halbentschuldigend. Die Antifa hat auf Indymedia
ein Pamphlet veröffentlicht, das über den üblichen Demonstrationsaufruf
hinausgeht. „Wir wollen wir den Nazis im Viertel ein offensives
„Fickt euch!“ entgegen schreien", stand da, "gleichzeitig
aber auch klarstellen, dass „die Friedrichshainer Szene“ endlich
mal klar kommen soll, dass sie merken muss, das ihr Heititeiti-Szene-Biotop
nicht die wunderbare Welt ist, für das sie es so gern halten“.
Angesprochen davon fühlte sich offenbar vor allem die Hedonistische
Internationale. Eine ihrer Sektionen postete sehr schnell eine Antwort
und wies darauf hin, dass es ja wohl alles andere als hilfreich sei, Mitstreiter
auf eine so rüde Art zu verprellen. Sebastian erzählt, der Text
sei im Alleingang von einigen Mitstreitern verfasst worden. „In
Friedrichshain gibt es einerseits diese alternative Kultur, es verkehren
hier aber auch immer Menschen, die wirklich Geld haben und hier leben
wollen, weil sie sich dieser Kultur irgendwie zu gehörig fühlen“,
sagt er. „Natürlich setzen wir uns auch für deren Freiheit
ein. Aber ich kann schon verstehen, dass man sich nicht gern für
eine Kultur verprügeln lässt, die nicht politisch ist, aber
in Wirklichkeit genauso betroffen. Denn die passen den Rechten ja genauso
wenig, wie die Punks oder die Migranten.“
Es ist die Situation, die Stadtsoziologen als Gentrifikation bezeichnen
und der in Berlin einen Ostbezirk nach dem anderen mitnimmt. Und sie sorgt
dafür, dass in Friedrichshain noch ganz andere Barrikaden aufgezogen
werden, als zwischen Anwohnern und rechtsradikalen Eindringlingen. Immer
wieder brennen dort Autos, letztes Jahr wurden einige Kinderwägen
angezündet. An manchen Häusern hängen Transparente, die
„Yuppies raus!“ fordern. „Erst kommen die Hausbesetzer,
dann kommen die Studenten und die Künstler. Dann kommen Familien,
Geld, es wird saniert und dann können es sich immer weniger Leute
leisten dort zu leben“, sagt „Monty Cantsin“ von der
Hedonistischen Internationalen. Dieser lose Zusammenschluss von Menschen
setzt sich mit satirischen und partyorientierten Aktionen gegen alles
ein, was, so könnte man es fast sagen, ihnen gerade schlechte Laune
macht: Nudistische Tanzeinlagen gegen Nazikneipen, Partyparaden gegen
das gigantische Neubauprojekt Media-Spree, Sabotageaktionen wie das Tito
von Hardenberg gegen schlampige Medien. Die Hedonistische Internationale
ist gerade in Berlin ziemlich aktiv, hat aber kein Programm, keine Hierarchie,
keine Satzung. „Unser Dreh- und Angelpunkt ist sicher die Freiheit“,
sagt Monty, der allerdings am überzeugendsten ist, wenn er mit schwäbischem
Einschlag gegen die Institutionalisierung („ich will mich gar nicht
ständig wegen der Sache mit Leuten treffen“) und Parteien an
sich („es gibt nichts Schlimmeres“) wettert. Obwohl er auch
gegen Gentrifizierung protestiert, glaubt er nicht, dass sich in der Hinsicht
viel aurichten lässt: „Man braucht da letztlich eine Politik
der Mietpreisdeckelung.“ Das ist natürlich vielen Antifa-Leuten
zu wenig. Sie sehen die Hedonisten eher in einer Ecke mit den Hipstern,
die am Boxhagener Platz abhängen, schwäbische Bäckereien
und Designerläden betreiben und ihnen scheinbar ihr linksalternatives
Viertel kaputt zu machen drohen.
„Ich finde es schwierig, jemanden zu kritisieren, der innerhalb
eines kapitalistischen Systems versucht, klar zu kommen“, sagt Elli
Woltemade. Sie arbeitet und wohnt in der Bar 25, einem der beliebtesten
Clubs der Stadt nahe der Oberbaumbrücke an der Spree und ist Mit-Initatorin
des Anti-Gentrifizierungs-Bündnisses „Megaspree“, an
dem sich sowohl die großen Clubs an der Spree als auch diverse linkradikale
Gruppen und auch die Grünen beteiligen. Sie sagt: „Friedrichshain
ist ein Ort, an dem viele Kämpfe ausgetragen werden.“ Elli
war unglücklich über den Aufruf der Antifa: „Es wäre
einfach gut, wenn die Antifa in der Bar25 anruft, wenn sie ein Problem
haben, statt das auf Indymedia zu veröffentlichen.“ Aber auch:
„Man muss eben den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Natürlich
gibt es Widersprüche, wenn das Watergate und die Gruppe Soziale Kämpfe
zusammen arbeiten.“ Deswegen will sie bei einer großen Diskussionsveranstaltung
alle Fraktionen zusammen bringen. „Die Leute sollen sich das ins
Gesicht sagen, und dann machen wir weiter.“ Auch Hedonist Monty
meint: „Gerade gegen die Rechten ist es verdammt wichtig, den langen
Atem zu haben.“ Und für Antifa-Sprecher Sebastian will sich
nicht ablenken lassen: „Das größere Problem sind die
Nazis.“ Immerhin da sind sich in Friedrichhain alle einig.
<<<
Presse
20.07.2009 TAZ
"Kein Gewalterlebnispark für Nazis"
Rund 5.000 kommen zum Protest gegen den Nazi-Übergriff vom vergangenen
Sonntag. Antifaschismus scheint an diesem Abend fast selbstverständlich
zu sein.
Es sind viele. Und sie sind schnell. 5.000
Menschen ziehen bei der Demonstration gegen Rechtsextremismus am Samtagsabend
im Laufschritt im Zickzack durch Friedrichshain. Gekommen sind wirklich
alle, die etwas gegen Nazis haben - Kiezbewohner, AntifaschistInnen, Parteien,
Alte und Junge. An diesem Abend erscheint Antifaschismus als Selbstverständlichkeit.
Fast schon beleidigt reagierten viele auf die Frage, warum sie gekommen
sind. Es gehe gegen Nazis - das sei doch wohl klar.
Viele hat der Mordversuch am vergangenen Sonntag aufgerüttelt. Nach
einer Schlägerei zwischen Linken und Rechten, misshandelten vier
einschlägig bekannte Neonazis einen 22-Jährigen schwer. Die
Demonstranten möchten Nazis in ihrem Kiez nicht hinnehmen und fordern
die Aufklärung der Tat.
"Das hier ist ein bunter Haufen und wir gehören dazu",
sagen die Studenten Fernando L. und Cyril P.. Es sei gut, dass "viele
Leute ohne schwarze Regenjacke gekommen sind". Eins störe sie
aber doch: "Es ist ätzend, dass es heißt, die Gewalt zwischen
Linken und Rechten schaukele sich hoch". Dass sei nicht der Fall,
für sie ist klar: "Die brutalen Übergriffe gehen hier von
Nazis aus".
In den Redebeiträgen beziehen sich die Veranstalter der Demo nicht
nur auf den Vorfall vom 12. Juli. "Tromsö", der neue "Thor
Steinar"-Laden in der Nähe des Bersarinplatzes, ist genau so
Thema, wie rechte Übergriffe im Bezirk an sich.
Im Fokus der Kritik aber steht die Diskothek Jeton. Sie biete Rechten
einen Rückzugsraum für Übergriffe, meinten die Veranstalter.
Die Antifa Friedrichshain zählte in den letzten drei Jahren elf gewälttätige
Übergriffe zwischen Jeton und S-Bahnhof Frankfurter Allee. Und fordert:
"Dieser Ort darf kein Gewalterlebnispark für Nazis sein".
Laut Polizeiauflage soll die Demo auf der linken Seite der Frankfurter
Allee bleiben. Doch die 300 Anhänger des Schwarzen Blockes an der
Demospitze zieht es nach rechts - dort liegt das Jeton. Nach einer kurzen
und heftigen Auseinandersetzung mit der Polizei können sie doch auf
der ganzen Straße laufen. "Um eine Eskalation und Verletzte
zu verhindern", erklärt Polizeisprecher Klaus Schubert später.
Die Demo ist bis zum S-Bahnhof Frankfurter Allee angemeldet - dem Tatort,
einige hundert Meter vom Jeton entfernt. Doch dort bewegt sich keiner
weiter. Es seien "schon einige Mittel legitim um den Laden zu schließen",
sagt Walter S.. Dabei geht der 42-Jährige oft nicht mit der Antifa
konform. Denn "es funktioniert auch friedlich".
Am Samstag bleibt der große Stress aus. Eine Flasche fliegt in Richtung
Jeton, das mit sechs Polizeibussen, zwei Hundezwingerwagen, zwei Wasserwerfern
und Greiftrupps der Polizei gut abgeriegelt ist. Anderthalb Stunden nachdem
der Veranstalter die Demonstration aufgelöst hat, kann die Polizei
die übriggebliebenen Teilnehmer zum gehen bewegen. Insgesamt werden
zehn Protestierende festgenommen, unter anderem wegen Landfriedensbruch.
<<<
Presse
20.07.2009 TAZ
Eine ruhige Nacht im Jeton
Vor einer Woche schlugen rechtsextreme Gäste des Jeton in Berlin-Friedrichshain
einen Mann fast tot. Nun ist der Laden nahezu leer.
"Sicherheitskontrollen?", Ronny
Berkahn steht achselzuckend im Eingang seiner Diskothek. "Sie sehen
ja selbst, was hier los ist." Nichts ist los. Es ist Freitgnacht,
die beste Zeit für Clubs. Doch ins Jeton an der Frankfurter Allee
will um Mitternacht niemand rein. Gerade kamen zwei breitschultrige Typen
raus. Polizisten, die die Lage gecheckt haben.
"Das war doch klar, nach der ganzen schlechten Presse", sagt
Berkahn. Vor einer Woche hatten vier Rechtsextreme einen 22-jährigen
Linken fast totgetreten. Die Schläger waren Gäste des Jeton,
sagt die Polizei. Dienstagnacht hatten dann rund 200 Linke das Jeton mit
Steinen angegriffen. Im Viertel gilt die Disko seit langem als Anlaufpunkt
für Rechte.
Der Türsteher ist ein Zwei-Meter-Typ. Er trägt schwarzes Shirt,
schwarze Hose, Glatze. "Klar, dass wir unseren Ruf nicht loswerden,
wenn niemand über das hier schreibt", sagt er und kramt den
Spielplan eines Fußballturniers "gegen Rassismus" raus.
Das "Team Jeton" trifft dort unter anderem auf das "Team
Angola" und auf die "Iron Devils United", eine multinationale
Freizeitmannschaft von FC-Union-Berlin-Fans, die ihren Sommercup am 25.
Juli zum siebten Mal veranstaltet. Das Jeton ist einer der Sponsoren,
nebem dem Bündnis für Demokratie und Toleranz. "Für
Betreiber und Belegschaft des Jeton lege ich mein Hand ins Feuer",
sagt Stephan Stiller, der Organisator des Sommercups, "das sind definitiv
keine Nazis". Über die Besucher der Disko könne er nichts
sagen.
Der dritte Stock des Jeton ist mangels Nachfrage in dieser Nacht geschlossen.
Die Chillout-Area im zweiten Stock ist offen, aber leer. Nur im ersten
Stock, dem Mainfloor, sitzen zwölf Besucher. Zwei sind von der Presse.
Die Tanzfläche wird ab und an zugenebelt. Ein Laser zuckt. Der DJ
spielt Discomucke. Bei Michael Jackosn verlassen die letzten Unermüdlichen
die Tanzfläche.
"Schlechte Presse? Ich hab gar nichts mitbekommen", sagt mit
ein Gast mit badischem Akzent. Frisur und Schnurrbart erinnern ein wenig
an den verstorbenen Queen-Sänger Freddie Mercury. Er komme aus Freiburg
und sei vor drei Monaten zuletzt hier gewesen. Ihm habe im Jeton immer
gefallen. "Aber deswegen bin ich doch kein Rechter", wiederholt
er mehrmals.
"Freigetränke Party" heißt das verlockende Konzept.
Für 13 Euro Eintritt gibt es bis 4 Uhr früh Bier, Sekt und Mixgetränke
bis zum Abwinken. Eine Fünfergruppe junger Männer trinkt Wodka
mit O-Saft. Gern auch auf Ex. "Sieht so ein Nazi aus?", fragt
ein Typ mit Basecap und schiebt seinen Kumpel vor. Hätte der Thor-Steinar-Klamotten
an, wäre die Antwort einfacher. Er trägt ein weißes Shirt
über dem muskulösen Körper, strenge Gesichtszüge,
raspelkurzes Haar, trübe Augen. "Was heißt schon Nazi?
Der erste Nazi war ein Neger!" sagt der Shirt-Träger. Der Basecap-Typ
schiebt ihn mit einem Griff ins Gesicht zu Seite: "Der ist besoffen.
Der redet nur Quatsch."
"Klar, gibt's hier
Nazis"
Klar gebe es auch Nazis unter den Besuchern, sagt der Basecap-Typ später.
Vielleicht fünf Prozent der Gäste in normalen Nächten.
Aber auch "Ausländer". Die meisten Besucher aber seien
"einfache BFC-Hools". Der Fußballclub BFC Dynamo hat wegen
seiner rechtslastigen Fans einen schlechten Ruf. "Aber hier drin
passiert nichts", versichert der Basecap-Typ. "Nicht einmal
mir, dabei bin ich Union-Fan", sagt er und zeigt das "Eisern
Union"-Shirt unter seinem Pulli. Er selbst habe vor ein paar Jahren
drei Monate in U-Haft gesessen, "als Linker", wegen eines Flaschenwurfs
bei einer Walpurgisnacht. "Du glaubst mir nicht. Aber wenn du nochmal
kommst, bring ich meinen Haftbefehl mit."
Eine Nacht später ist der Andrang vorm Jeton deutlich größer.
Hinter den drei Polizei-Wagen, die seit der Demo am frühen Abend
dort parken, hat sich eine kleine Warteschlange gebildet. "Mit Springerstiefel
lass ich niemanden rein", sagt der Türsteher. Aber er könne
nicht auf jedes T-Shirt achten. Dass Gäste auf der Tanzfläche
den Hitlergruß gezeigt haben, wie Bilder im Internet beweisen, verneint
er. Aber er habe schon mal Nazis rausgeschmissen, weil sie "so Sachen"
gemacht hätten. "Wenn ich wüsste, dass die so einen Scheiß
machen, wie letzten Sonntag, würde ich denen sogar auf die Straße
nachrennen", versichert der Türsteher. "Aber woher soll
ich das wissen?"
<<<
Presse
20.07.2009 Neues Deutschland
Tausende gegen rechte Gewalt
Demonstration im Berliner Stadtteil Friedrichshain nach brutalem Naziübergriff
Tausende Menschen demonstrierten am Samstag
gegen rechte Gewalt im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Anlass war eine
Attacke am 12. Juli, bei der vier Neonazis einen 22-jährigen Studenten
fast totschlugen.
»Wir demonstrieren heute auch gegen die Koalition aus Senat, Polizei
und Boulevard-Medien«, rief der Moderator. »Ihr seid verantwortlich
für die Stimmungsmache vor der Demo, für die Gleichsetzung rechter
Gewalt mit Antifaschismus, und außerdem seid ihr verantwortlich
für's schlechte Wetter.« Der aktuelle Anlass war indes wenig
ironisch.
Bei Nieselregen waren am Samstag über 4000 Menschen zum Besarinplatz
nach Friedrichshain gekommen, um gegen die anhaltende rechte Gewalt im
Berliner Stadtteil zu demonstrieren. In den Morgenstunden des 12. Juli
hatten vier Neonazis einen 22-Jährigen am S-Bahnhof Frankfurter Allee
brutal misshandelt.
Fahnen von Parteien und Gewerkschaften waren zu sehen. »Antifa heißt
Angriff« und auch »Gegen Gewalt« war auf Schildern und
Transparenten zu lesen. Antifagruppen hatten die Demonstration organisiert,
Anwohner jeden Alters waren dem Aufruf gefolgt. Im überwiegend schwarz
gekleideten vorderen Drittel dominierte das Logo der Antifaschistischen
Aktion. Die Menge zog durch die Seitenstraßen im Friedrichshainer
Kiez, vorbei am »Tromsø«, einem Geschäft, in dem
die bei Nazis beliebte Marke »Thor Steinar« verkauft wird,
und schließlich zur Diskothek »Jeton« an der Frankfurter
Allee.
Die Disko war in den letzten Jahren wiederholt in Zusammenhang mit rechten
Übergriffen in die Schlagzeilen geraten. Dort feierten auch die vier
Brandenburger Neonazis, bevor sie den Studenten Jonas K. bewusstlos schlugen
und dann versuchten, ihn mit einem gezielten Tritt auf den Kopf zu töten.
Sie sitzen in Untersuchungshaft.
Das als alternativ geltende Friedrichshain mit seinen touristischen Kneipenmeilen
auf der einen, ex-besetzen Häusern und alternativer Subkultur auf
der anderen Seite führt die Berliner Statistik der rechten Übergriffe
seit Jahren an. Die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) forderte die
Betreiber des Jeton auf, »eine konsequent andere Türpolitik
zu betreiben«. Träger von »Thor-Steinar«-Kleidung
müssten »konsequent« des Ladens verwiesen werden. Zudem
kündigten sie eine Kampagne zur Schließung an, sollte sich
nichts ändern.
Die Polizei, die mit mehreren Hundertschaften und Wasserwerfern im Einsatz
war, sprach von zehn Festnahmen. Bis auf kleine Rangeleien verlief die
lautstarke Demonstration friedlich. Die Beamten schienen wieder dem Berliner
Deeskalationskonzept zu folgen, das nach den Ausschreitungen am 1. Mai
in die Kritik geraten war.
Kommentar: Protestzug
gegen Rechtsextremismus in Berlin
Dass über 4000 Menschen in Berlin-Friedrichshain
am Sonnabend gegen Rechtsextremismus demonstrierten, war ein wichtiges
Signal zur richtigen Zeit. Denn absolut unmissverständlich und sehr
lautstark machten die Demonstrierenden deutlich, dass sie rechte Übergriffe
wie den Mordversuch gegen einen 22-jährigen linken Berliner vom vergangenen
Wochenende nicht hinnehmen wollen - weder im alternativen Friedrichshain
noch anderswo. Zum richtigen Zeitpunkt kommt das starke antifaschistische
Signal allerdings auch deshalb, weil seit dem brutalen Übergriff
in den Medien eine krude Extremismusdebatte geführt wird, die an
Schamlosigkeit kaum zu überbieten ist: Fleißig rechnen Autoren
täglich rechte und linke Gewalt gegeneinander auf, einige halluzinieren
gar Weimarer Verhältnisse herbei. Das Opfer, das die vier Neonazis
durch Tritte gegen den Kopf fast töteten, wird so zum Täter
umgestempelt. Das ist infam. Als wenn es keinen Unterschied macht, ob
vier Nazis einen Mordversuch unternehmen oder couragierte Antifaschisten
wie in diesem Fall den Rechtsextremen Einhalt gebieten. Angesichts dieser
aufgeheizten Debatte war es dennoch gut, die berechtigte Wut friedlich
auf die Straße zu tragen. Der weite Weg steht indes noch bevor:
Rassisten und Rechtsextreme aus dem Alltag zu drängen, ist eine Sisyphos-Aufgabe.
Die Bürger und Antifas, die seit Jahren überparteilich in Friedrichshain
gemeinsam gute Arbeit machen, wissen, was gemeint ist.
<<<
Presse
20.07.2009 Morgenpost
Tausende demonstrieren gegen Neonazis
Begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot
sind gestern Abend mehr als 4000 Demonstranten durch Friedrichshain gezogen,
um lautstark, aber zunächst friedlich, gegen rechte Gewalt in dem
Kiez zu protestieren.
Die Protestkundgebung führten etwa 250 Demonstranten an, die dem
"schwarzen Block" zuzurechnen sind. Die Polizei war mit mehreren
Hundertschaften im Einsatz und begleitete die Demonstration durch den
Kiez. Sie war mit einer Stunde Verspätung um 19 Uhr am Bersarinplatz
gestartet. Zuvor hatte die Polizei dort Kontrollen vorgenommen. Flaschen
mussten zurückgelassen oder ausgetrunken werden. "Im Rahmen
der Vorkontrollen kam es zu vereinzelten Festnahmen", sagte ein Polizeisprecher.
Die Festgenommenen führten Wurf- oder Schlagwerkzeuge bei sich. "Wenn
man gegen das Versammlungsgesetz verstößt, muss man damit rechnen",
so der Polizeisprecher.
Aufgeheizte Atmosphäre
Auch Wasserwerfer standen am Rande der Protestkundgebung bereit, da es
im Vorfeld Befürchtungen gegeben hatte, unter die friedlichen Demonstranten
könnten sich auch gewaltbereite Autonome und Linksradikale mischen.
Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe blieben Zwischenfälle jedoch
aus, obwohl Polizei und Beobachter des Protestes übereinstimmend
berichteten, dass die Atmosphäre zunehmend aufgeheizt wirkte. Gegen
20.40 Uhr begann sich die Demonstration vor der Diskothek Jeton an der
Frankfurter Allee langsam aufzulösen. Allerdings blieben noch viele
Jugendliche - unschlüssig, ob und wie es weitergehe - vor dem Klub
stehen.
Anlass für die Demonstration war der brutale Übergriff von vier
mutmaßlichen Neonazis aus Brandenburg auf einen 22-jährigen
Angehörigen der linken Szene am vergangenen Wochenende in der Nähe
des S-Bahnhofes Frankfurter Allee. Das Opfer erlitt dabei lebensgefährliche
Verletzungen. Zuvor hatten sich die Neonazis eine Auseinandersetzung mit
einer Gruppe Linker geliefert.
Kleinere oder größere Zusammenstöße zwischen Links-
und Rechtsradikalen gibt es in Friedrichshain immer wieder. Doch seit
dem Vorfall vom vergangenen Wochenende herrscht in beiden Lagern eine
aufgeheizte Stimmung. Sicherheitsexperten befürchten, dass der seit
jeher schwelende Streit zwischen den beiden extremen politischen Lagern
eskaliert. Die Polizei hat ihre Präsenz in dem Stadtteil bereits
erhöht.
Bereits am Montag steht der nächste Großeinsatz an. Dann sichern
knapp 2000 Polizeibeamte das Rekrutengelöbnis der Bundeswehr vor
dem Reichstag. Besondere Brisanz erhält dieser Einsatz durch einen
von einer bislang unbekannten Gruppe via Internet verbreiteten Aufruf
zu Gewalttaten gegen Soldaten ("Nicht zögern. Reinhauen. Und
zwar richtig").
Um jegliche Gefährdung von Bundeswehrangehörigen und Gästen
auszuschließen, wird nicht nur das Areal um den Reichstag abgeriegelt.
Auch die Zufahrtswege, über die die Rekruten und Gäste zur Veranstaltung
gelangen, werden massiv gesichert.
<<<
Presse
20.07.2009 Junge Welt
Tausende gegen rechte Gewalt
Nach brutalem Neonaziüberfall: Protestdemonstration in Berlin. Kritik
an Polizei
Teilnehmer der antifaschistischen Demonstration am Sonnabend in Berlin
berichteten von Polizeiübergriffen
Eine Woche nach dem brutalen Überfall
auf den 22jährigen Jonas K. haben am Sonnabend mehrere Gruppierungen
im Berliner Stadtteil Friedrichshain gegen rechte Gewalt demonstriert.
Laut Polizei nahmen rund 4000 vorwiegend jugendliche Personen an dem Umzug
teil, der vom Bersarinplatz zur Friedrichshainer Diskothek »Jeton«,
führte. Die Veranstalter sprachen von 6000 Menschen. In der Nähe
des »Jeton« war der Student am vorangegangenen Sonntag von
vier 20 bis 26 Jahre alten Männern, die der rechten Szene angehören
sollen, lebensgefährlich verletzt worden. Gegen sie ist inzwischen
Haftbefehl wegen Verdachts des versuchten Totschlags erlassen worden.
An der Demonstration nahmen auch Mitglieder der Linkspartei, der Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Berliner Vereinigung der Verfolgten
des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) teil. Vereinzelt
sollen Steine und Flaschen auf die Polizeibeamte geworfen worden sein.
Eine kritische Situation entstand nach Polizeiangaben, als der Demonstrationszug
die Diskothek erreichte, in der sich die mutmaßlichen Täter
vor dem Überfall aufgehalten haben sollen. Dort blieben auch nach
dem offiziellen Ende der Demonstration rund 500 Demonstranten versammelt.
Die Einsatzkräfte versuchten, die Protestierenden in die Nebenstraßen
abzudrängen, wobei es zu Rangeleien gekommen sei. Die Polizei nahm
nach eigenen Angaben von Sonntag zehn Menschen vorläufig fest. bei
den Protesten seien fünf Beamte verletzt worden. Insgesamt war die
Polizei mit fünf Hundertschaften im Einsatz.
Scharfe Kritik an der Polizeistrategie äußerte die »Antifaschistische
Linke Berlin« (ALB). »Ein dichtes Spalier links und rechts
der Demonstration, das teilweise Bedrängen und Filmen der Teilnehmer
sorgte für berechtigten Unmut«, heißt es in einer Erklärung
der ALB vom Sonntag. Auf der Frankfurter Allee sei der Demozug schließlich
gestoppt und der vordere Teil von Beamten mit Faustschlägen und Pfefferspray
traktiert worden.
Die ALB kündigte weitere Aktionen gegen die Diskothek »Jeton«
an, falls der Betreiber auch künftig Neonazis in seinem Haus dulde.
»Sollte sich die Türpolitik nicht ändern, werden antifaschistische
Gruppen eine Kampagne mit dem Ziel der Schließung der Disko initiieren«,
so ALB-Sprecher Lars Laumeyer. Die vier Täter sollen vor dem Überfall
in der Disko gefeiert haben. Bilder, die auf dem Internetportal Indymedia
veröffentlich wurden, zeigen einige der Schläger beim Hitlergruß.
Die Diskothek war bereits am vergangenen Dienstag abend aus einer Gruppe
von 200 überwiegend vermummten Personen heraus mit Steinen angegriffen
worden.
<<<
Presse
19.07.2009 Tagesspiegel
Linker Protest: Über 4000 Berliner
auf der Straße
Mehrere tausend Berliner haben am Samstagabend
in Friedrichshain friedlich gegen rechte Gewalt demonstriert. Laut Polizeiangaben
waren rund 4500 Demonstranten auf der Straße. Erst als die Demo
an der Disko Jeton halt machte, drohte die friedliche Stimmung umzuschlagen.
Mehrere tausend Berliner haben am Samstagabend
in Friedrichshain friedlich gegen rechte Gewalt demonstriert. Laut Polizeiangaben
waren rund 4000 Demonstranten auf der Straße. Darunter waren auch
zahlreiche Mitglieder der linksautonomen Szene und des sogenannten Schwarzen
Blocks. Auf Transparenten stand "Antifa heißt Angriff",
aber auch "Keine Gewalt".
Neben Antifa-Gruppen hatten auch Linkspartei, SPD und Grüne zu dem
Protestzug aufgerufen. Anlass für die Demonstration, an der sich
auch zahlreiche Gewerkschafter und Anwohner beteiligten, war eine Auseinandersetzung
zwischen Rechten und Linken vergangenen Sonntag. Dabei war ein linker
Student von vier Neonazis fast totgeschlagen worden. Mitten in Friedrichshain,
der einstigen Autonomenhochburg, direkt an einer Hauptstraße, der
Frankfurter Allee, vor der Diskothek Jeton. Die vier Verdächtigen
aus Brandenburg sitzen in Untersuchungshaft.
Als die Demo am gestrigen Samstagabend kurz vor Dämmerung an der
Disko Jeton halt machte, drohte die friedliche Stimmung kurzzeitig umzuschlagen.
Mannschaftswagen der Polizei und hunderte behelmte Beamte schützten
das Jeton vor möglichen Angriffen. Es blieb aber weitgehend friedlich.
Vereinzelt wurden Steine und Flaschen auf die Polizisten geworfen. Die
Beamten nahmen mehrere Personen vorübergehend in Gewahrsam. Die Demonstration
endete gegen 21:30 Uhr. Eine halbe Stunde später waren laut Polizeiangaben
die meisten Demonstranten abgezogen. "Dass die Leute auf die Straße
gehen, finde ich richtig", sagte ein Polizeigewerkschafter. Der Kampf
gegen die Rechten dürfe nicht den Autonomen überlassen werden.
In der Nacht zu Mittwoch hatten Vermummte die Disko Jeton in der Frankfurter
Allee mit Steinen beworfen. Evrim Baba, Politikerin der Linken im Abgeordnetenhaus,
forderte von den Betreibern des Jeton eine klare Stellungnahme zu ihrem
Publikum: Immer wieder hatten Anwohner Rechtsextreme beim Verlassen des
Jeton gesehen. Wie die vier Verdächtigen vom vergangenen Wochenende
sollen Gäste regelmäßig Pullover der bei Neonazis beliebten
Marke "Thor Steinar" getragen haben. Die Demonstration am Samstagabend
startete deshalb vor dem "Thor Steinar"-Laden am nahen Bersarinplatz.
Während der Demonstration hielten sich in einem Imbiss neben der
Disko mehrere Männer in "Thor Steinar"-Kleidung auf.
Die Situation in Friedrichshain erinnert an den Tod des Hausbesetzers
Silvio Meier, der dort 1992 von Neonazis erstochen worden ist. In den
Tagen danach kam es zu Ausschreitungen, in der ganzen Stadt versuchten
Antifa-Gruppen auch militant gegen Neonazis vorzugehen. Seitdem findet
in Friedrichshain jedes Jahr eine Gedenkdemo statt, deren Veranstalter
unter anderem die "Antifaschistische Linke Berlin" ist, die
auch die gestrigen Proteste mitorganisiert hatte. Laut Verfassungsschutz
war Friedrichshain 2008 mit 30 rechtsextremen Gewalttaten der Bezirk mit
der höchsten Zahl derartiger Angriffe.
<<<
Presse
19.07.2009 TAZ
"Schweigen ist Mittäterschaft"
Wenn wie in Berlin-Friedrichshain ein Mensch von Nazis verprügelt
wird, kann man auch in der Minderzahl helfen, erklärt der Gewaltexperte
Günter Gugel.
taz: Herr Gugel, vier
Männer schlagen das Opfer so lange, bis es bewusstlos wird. Die ZeugInnen
rufen die Polizei, greifen selbst nicht ein. War das richtig?
Günther Gugel: Es war richtig, die Polizei zu rufen. Solche Situationen
sind immer emotional aufgeheizt und mobilisieren Ängste. Sie erfordern
aber ein sofortiges Handeln. Das setzt bestimmte Kenntnisse und Selbstsicherheit
voraus.
Welche Kenntnisse?
Dazu gehört, eine Situation einschätzen zu können: Was
ist sinnvoll? Was ist realistisch? Vor allem die Fähigkeit, das Opfer
in Sicherheit zu bringen und die Täter festzustellen. Man muss auch
wissen, dass man die anderen Zeugen direkt ansprechen und ihnen Handlungsvorschläge
machen muss.
Und selbst eingreifen?
In einer Vier-zu-eins-Situation mit mehreren brutalen Schlägern ist
es nicht sinnvoll, körperlich einzugreifen. Dadurch könnte man
selbst zum Opfer werden. Das müssen Profis machen wie die Polizei.
Anders ist es mit einer Übermacht an Zuschauern, die gemeinsam handeln
können.
Was sollen die Leute
tun?
Ratschläge sind in einer konkreten Gewaltsituation, in der sofortiges
Handeln erforderlich ist, meist nicht abrufbar, wenn man dies nicht intensiv
trainiert hat. Deshalb wird man auf eingeschliffene Routinen zurückgreifen.
Die absoluten Basics, die die Polizei empfiehlt, sind: handeln, ohne sich
selbst in Gefahr zu bringen, Hilfe zu mobilisieren, indem ein Notruf abgesetzt
wird und sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen.
Wie soll man konkret
auf den Täter zugehen?
Gemeinsam zu handeln und Selbstsicherheit zu zeigen verdeutlichen dem
Täter, dass die Eingreifenden es ernst meinen. Klar zu formulieren
"Lassen Sie die Person frei" informiert den Täter über
das Handlungsziel. Der Täter sollte nicht provoziert werden, indem
man ihn duzt, beschimpft oder beleidigt. Man muss sehr sachlich und bestimmt
mit ihm reden, denn es geht nicht darum, ihn herauszufordern, sondern
jemanden aus einer Gefahrensituation herauszuholen. Eine Übermacht
von Entschlossenen kann einen Einzeltäter, wenn er unbewaffnet ist,
auch körperlich festhalten.
Wann soll man eingreifen?
Bei derber Beschimpfung? Nach dem ersten Schlag?
So früh wie möglich, da sich solche Situationen leicht aufschaukeln
können. Bei Diskriminierungen oder verbalen Demütigungen muss
man deutlich machen, dass man keine Koalition mit dem Täter eingeht
- dass er dieses Verhalten unterlassen soll. Wichtig ist, Öffentlichkeit
herzustellen.
Wie geht das?
Laut und deutlich zu sprechen und nicht hinter vorgehaltener Hand zu flüstern.
Schweigen bedeutet zumindest für die anderen stilles Einverständnis
und letztlich Mittäterschaft.
Ein Mann geht rau mit
seiner Frau um - ist das deren persönliche Angelegenheit?
Wenn der Konflikt als private Situation eingestuft wird, greift man in
der Regel nicht ein. Wir haben in Deutschland eine Kultur, wo das Private
stark respektiert wird, was aber zur Folge hat, dass Gewalt in Beziehungen
oft nicht oder sehr spät wahrgenommen wird.
Was soll man machen,
wenn der Mann droht, die Frau zu Hause zu schlagen?
Wenn Sie in der Nachbarschaft leben und solche Fälle öfters
beobachten: Polizei einschalten oder, wenn Kinder involviert sind, auch
das Jugendamt.
Inwiefern kann man Zivilcourage
trainieren?
Man trainiert Zivilcourage im Alltag, wenn man sich gegen Diskriminierung
und gegen Übergriffe wendet. Das kann bei einem blöden Witz
über jemanden sein, indem man dem Gruppendruck widersteht und seine
eigene Meinung vertritt. Dies gelingt besser, wenn man Selbstvertrauen
entwickeln konnte. Es geht um Achtsamkeit statt Gleichgültigkeit.
Es geht um Widersprechen statt Schweigen. Es sind immer kleine Schritte.
Mit dem Täter sachlich reden, ihn nicht provozieren: "Lassen
Sie die Person frei!"
<<<
Presse
19.07.2009 Tagesspiegel
4000 gegen Rechts
Zehn Festnahmen nach Demo in Friedrichshain Brandanschläge auf Autos
und Mülltonnen
Berlin - Fünf verletzte Polizisten
und zehn vorläufige Festnahmen sind die Bilanz der Demonstration
„Gegen rechte Gewalt“ am Sonnabend in Friedrichshain. Rund
4000 Menschen hatten an dem Protestzug teilgenommen – laut Polizei
„überwiegend friedlich“. Vereinzelt flogen allerdings
Flaschen und Feuerwerkskörper aus dem Demonstrationszug, der um 19
Uhr am Bersarinplatz gestartet war.
Unter den knapp 4000 Teilnehmern waren auch fast 300 Linksautonome. Ein
brenzliger Punkt auf der Route entlang der Frankfurter Allee war die Diskothek
„Jeton“. Am Wochenende zuvor hatten vier Neonazis nahe der
Disko einen 22-jährigen Linken schwer misshandelt. Die Neonazis hatten
sich laut Polizei zuvor in der Disko aufgehalten. Sie gilt als Treffpunkt
für Hooligans und Rechtsextreme. Auch während der Demo versuchten
Teilnehmer, auf die gesperrte Straßenseite zu gelangen, um Krawall
zu machen. Die Polizei verhinderte dies. Die Veranstaltung endete gegen
20.30 Uhr vor der Disko. Dennoch verharrten 500 Teilnehmer vor dem „Jeton“.
Die Polizei drängte sie in die Nebenstraßen ab.
In den frühen Morgenstunden gab es dann erneut eine politisch motivierte
Schlägerei: In Lichtenberg prügelten sich ein 23-jähriger
Linker und ein 27-jähriger Rechter in der Marie-Curie-Allee. Beide
waren betrunken.
Der für politisch motivierte Delikte zuständige Staatsschutz
der Polizei ermittelt außerdem wegen mehrerer Brandanschläge
auf zumeist teure Autos. In der Nacht zu Sonntag gegen 1.40 Uhr brannten
vier Fahrzeuge am Holsteiner Ufer. Gegen 5.50 Uhr brannten je zwei Autos
in der Thaer- und der Eldenaer Straße. Zudem steckten zwei Vermummte
auf der Krossener Straße in Friedrichshain zwei Mülltonnen
in Brand, die sie nach Angaben von Zeugen zuvor aus einem Hof geholt hatten.
tabu
<<<
Presse
19.07.2009 Morgenpost
Demonstration gegen Rechts ist beendet
Eine Woche nach dem brutalen Überfall
auf einen 22-Jährigen haben rund 4000 Menschen in Friedrichshain
gegen rechte Gewalt demonstriert. Die Route führte auch zu der Diskothek,
in der die Schläger vor der Tat gefeiert haben sollen. Dort brachte
die Polizei Wasserwerfer in Stellung.
In Friedrichshain haben rund 4000 Menschen gegen rechte Gewalt demonstriert.
Sie zogen vom Bersarinplatz zur Diskothek "Jeton". Es gab vereinzelt
Rangeleien, wenn Protestierende von der genehmigten Route auf der Frankfurter
Allee ausscheren wollten. Auch einige Festnahmen wurden beobachtet. Unter
den Demonstranten waren Mitglieder der linksautonomen Szene und des sogenannten
Schwarzen Blocks. Aus diesen Gruppen wurden vereinzelt Feuerwerkskörper
geworfen und auch Parolen gegen die Polizei skandiert, die mit einigen
hundert Beamten den Zug begleitete.
Die Stimmung war aufgeheizt, als die Menschenmenge
gegen 20.15 Uhr vor der Diskothek "Jeton" an der Frankfurter
Allee ankam. Die Polizei brachte Wasserwerfer in Stellung. Polizisten
waren auch auf Häuserdächern präsent. Doch bis kurz nach
20.30 Uhr passierte nichts Schlimmeres. Die Kundgebung vor der Diskothek
verlief friedlich. Dann wurde die Demonstration offiziell für beendet
erklärt. Die Polizei forderte die Demonstranten auf, die Straße
zu räumen, die wieder für den Verkehr freigegeben werden sollte.
Ein Polizeisprecher sagte gegen 21 Uhr: „Die Veranstaltung verlief
größtenteils friedlich.“ Auf Transparenten der Demonstranten
war zu lesen: „Antifa heißt Angriff“, aber auch „Keine
Gewalt“. Etwa 250 der bis zu 4000 Demonstranten hätten der
Polizei Sorgen bereitet, wie der Polizeisprecher sagte. Gegen 21.30 Uhr
waren noch rund 200 Menschen vor dem "Jeton" auf der Straße.
Vor Beginn der Demonstration hatten Polizisten alle Zufahrten zum Bersarinplatz
kontrolliert. Die Petersburger Straße war zwischen Karl-Marx-Allee/Frankfurter
Allee und Bersarinplatz Richtung Prenzlauer Berg für den Verkehr
gesperrt. Die Demonstrations-Teilnehmer wurden kontrolliert. Glasflaschen
müssen stehen gelassen oder ausgetrunken werden. Sollte jemand Waffen,
etwa ein Messer, dabei haben, wurde er sofort wegen Verstoßes gegen
das Versammlungsrecht festgenommen.
Der Protestzug startete mit einer Stunde Verspätung kurz nach 19
Uhr am Bersarinplatz und zog von dort zum S- und U-Bahnhof Frankfurter
Allee. Unter den Protestierenden waren zahlreiche Mitglieder der linksautonomen
Szene und des sogenannten Schwarzen Blocks. Auf Transparenten hieß
es: „Antifa heißt Angriff“, aber auch „Keine Gewalt“.
Auch der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Grüne)
nahm an dem Protestzug teil.
Zur Teilnahme an der Demonstration hatten SPD, Grüne und die „Berliner
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten
(VVN)“ aufgerufen. Die VVN erklärte, viele der Gründungsmitglieder
hätten den Straßenterror der Nazis schon vor 1933 am eigenen
Leib erfahren müssen. Darum gelte dem Opfer Mitgefühl und Solidarität.
Die SPD forderte ausdrücklich ein Nein zu rechter und linker Gewalt.
Anlass für die Demonstration war der brutale Übergriff von vier
Männern gegen einen jungen Mann vor gut einer Woche in Friedrichshain.
Das Opfer schwebt in Lebensgefahr. Gegen die 20 bis 26 Jahre alten Männer
aus Königs Wusterhausen, Storkow, Ragow und Friedersdorf, die den
jungen Mann vor einer Woche zusammenschlugen, wurde Haftbefehl wegen des
Verdachts des versuchten Totschlags erlassen. Wahrscheinlich war das Opfer
der linken Szene zuzurechnen und vorher in eine Prügelei mit seinen
späteren Peinigern aus der rechtsextremen Szene geraten.
Weil die vier mutmaßlichen Täter vor dem Angriff auf den 22-Jährigen
in der Diskothek "Jeton" gefeiert haben sollen, war die Einrichtung
am Dienstagabend vermutlich aus Rache von rund 200 teils vermummten Personen
mit Steinen angegriffen worden.
<<<
Presse
18.07.2009 Tagesspiegel
Nervosität vor Demo steigt
Ein bisschen nervös sei man, sagen Anwohner, junge Autonome und Studenten
aus dem Kiez rund um die Frankfurter Allee. Am Samstagabend will die linke
Szene durch Friedrichshain demonstrieren.
Hieß es Anfang der Woche noch, man
erwarte 500 Menschen, rechneten die Organisatoren des Protestmarsches
zuletzt mit bis zu 2000 Teilnehmern – entschlossen und wütend,
schließlich hat es eine derartige Tat lange nicht mehr gegeben:
Vergangenen Sonntag ist ein linker Student von vier Neonazis fast totgeschlagen
worden. Mitten in Friedrichshain, der einstigen Autonomenhochburg, direkt
an einer Hauptstraße, der Frankfurter Allee, vor der Diskothek Jeton.
Die vier Verdächtigen aus Brandenburg sitzen in Untersuchungshaft.
Neben Antifa-Gruppen mobilisierten Linkspartei, Sozialdemokraten und Grüne
zu den Protesten.
Unbekannte hatten am Freitag Fotos der mutmaßlichen Schläger
im Internet veröffentlicht. Einige der Abgebildeten hantieren darauf
mit SS-Devotionalien. Die Verdächtigen werden auch vor der Disko
Jeton gezeigt – mit zum Hitlergruß gestrecktem Arm. Die Fotos
seien wenige Stunden vor der fast tödlichen Attacke aufgenommen worden,
heißt es im linken Internetportal Indymedia, die Disko Jeton sei
eindeutig ein Neonazitreff.
Schon in der Nacht zu Mittwoch hatten Vermummte den Club in der Frankfurter
Allee mit Steinen beworfen und die Fassade beschädigt. Auch eine
Polizeistreife wurde angegriffen. Weil es sich offenbar um Rache Autonomer
handelt, ermittelt der Staatsschutz. Von den Betreibern der Disko fordert
Evrim Baba, Linkspolitikerin und Mitglied im Abgeordnetenhaus, eine klare
Stellungnahme zu ihrem Publikum: Immer wieder hatten Anwohner zahlreiche
Rechtsextreme beim Verlassen des Jeton gesehen. Wie die vier Verdächtigen
vom vergangenen Wochenende sollen Gäste regelmäßig Pullover
der bei Neonazis beliebten Marke „Thor Steinar“ getragen haben.
Der linke Protestzug startet am Samstagabend deshalb vor dem „Thor
Steinar“-Laden am nahen Bersarinplatz. Die Polizei ist mit mehreren
Hundertschaften und zahlreichen Zivilbeamten vor Ort. Die Demo führt
über die Frankfurter Allee – mit einer Zwischenkundgebung vor
der Disko Jeton.
Die Situation in Friedrichshain erinnert an den Tod des jungen Hausbesetzers
Silvio Meier, der im November 1992 in unmittelbarer Nähe vom aktuellen
Tatort von Neonazis erstochen worden war. In den Tagen danach kam es zu
Ausschreitungen zwischen Linken und der Polizei, in der ganzen Stadt versuchten
Antifa-Gruppen auch militant gegen Neonazis vorzugehen. Seitdem findet
in Friedrichshain jedes Jahr eine Gedenkdemo mit bis zu 2000 Teilnehmern
statt, deren Veranstalter unter anderem die „Antifaschistische Linke
Berlin“ ist. Die linksradikale Gruppe hat auch die aktuellen Proteste
durch Friedrichshain mitorganisiert.
Friedrichshain ist 2008 mit 30 eindeutig rechtsextremen Gewalttaten der
Bezirk mit der höchsten Zahl derartiger Angriffe gewesen, heißt
es vom Verfassungsschutz. Die Beratungsstelle „Reach Out“
spricht sogar von 35 Übergriffen.
Ein Grund für Gewaltquote ist Experten zufolge, dass Neonazis aus
der ganzen Region hier schnell auf potenzielle Opfer stoßen –
etwa vermeintliche Linke oder Nichtdeutsche. Erst im Juni sind zwei Linke
und zwei Neonazis auf der Frankfurter Allee in Streit geraten, wobei ein
Rechter ein Messer gezogen und einen jungen Mann am Arm verletzt haben
soll. Im Februar soll Zeugen zufolge ein stadtbekannter Neonazi aus Lichtenberg
zusammen mit bis zu 20 Freunden in der U-Bahnlinie U5 ein dunkelhäutiges
Paar bedroht haben. Im Januar verfolgten Rechte junge Linke, die einen
Angriff abwehren konnten. Wenige Tage zuvor soll ein Punk auf dem Bahnhof
Ostkreuz von Neonazis schwer misshandelt worden sein.
<<<
Presse
18.07.2009 Morgenpost
"Willkommen in Brauntown"
Oliver Kanthak, Grünen-Politiker aus Königs Wusterhausen, ist
entsetzt. "Solche Meldungen sind schwere Schläge für das
Image unserer Stadt." Kanthak ist informiert worden, dass der Neonazi
Michael G. (24) aus seiner Stadt an einem Überfall beteiligt war,
bei dem kürzlich in Friedrichshain der linke Student Jonas K. (22)
lebensgefährlich verletzt wurde.
Zwei weitere Angreifer - Marcel B. (20)
sowie der Haupttäter Oliver K. (26) - kommen ebenfalls aus der Region
rings um Königs Wusterhausen. Die Stadt gilt seit Jahrzehnten als
Hochburg der rechtsextremen Szene. "In Berlin wird Königs Wusterhausen
nur noch Brauntown genannt", sagt der Grünen-Politiker. "Es
wird höchste Zeit, endlich zu handeln."
Die Situation in der 33 000-Einwohner-Stadt spitzt sich zu. Sozialarbeiter
warnen, dass örtliche Neonazis "auf dem Weg zur akzeptierten
Mitte der Gesellschaft" sind. Die Wahlerfolge der NPD würden
in der Szene offenbar als Ermutigung zur Gewaltbereitschaft verstanden.
Die Partei habe die Region zum Bundesschwerpunkt erklärt, möglicherweise
werde sie einen Bürgermeisterkandidaten zur Wahl aufstellen.
Auch die "Freien Kräfte" agieren aggressiver. Sie hätten
sich über die Achse Luckenwalde-Zossen-Lübben mit dem Gebiet
Lausitz-Cottbus vernetzt. Die Polizei habe ähnliche Hinweise und
stelle zurzeit ihre Staatsschutzabteilung neu auf.
Nach Informationen dieser Zeitung sind mehrere rechtsextreme Berliner
Kader nach Königs Wusterhausen umgezogen. Einer von ihnen ist René
B., Jahrgang 1965, Steuerfachangestellter und erklärter "Jugendnationalarbeiter".
Er wohnt im Neubaugebiet Nord. B. ist eine ehemalige Führungskraft
der NPD und war über Jahre Protagonist der verbotenen Kameradschaft
"Berliner Alternative Südost".
"B. steht für den modernen, autonomen, nationalen Sozialisten",
sagt ein Sozialarbeiter, der anonym bleiben will, weil er auch mit rechten
Jugendlichen arbeitet. Der Neonazi sei in "hipper, schwarzer Szenekleidung
unterwegs". Ihn umgebe dabei eine "jugendlich-charmante Aura".
Auf die Jugendlichen wirke er abenteuerlustig, nicht spießig. B.
agitiere über die "deutsche Gemeinschaft", verbunden mit
Romantik, Abenteuer und Aktion.
Den Rechtsextremen in der Region gehe es nicht mehr nur um den "Kampf
um die Straße"; wichtig sei ihnen die "soziale Frage".
Man biete Bürgern eine Hartz-IV-Beratung, Hilfe im Kampf gegen den
"Würgegriff des Verwaltungsapparates" und eine "Gemeinschaft".
Im Neubaugebiet habe sich mittlerweile ein "autarkes Territorium
mit einer Parallelgesellschaft" gebildet.
"Königs Wusterhausen hat seit Mitte der 80er-Jahre eine rechtsextreme
Tradition", sagt der Streetworker, "jede Generation hat den
ideologischen Staffelstab weitergegeben. "Die Infrastruktur der Stadt
ist für die Szene ideal. Wir haben eine Autobahnanbindung, dazu die
S-Bahn nach Berlin." Die vier Neonazis aus Brandenburg waren ihrem
Opfer am Sonntagmorgen auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee begegnet.
<<<
Presse
18.07.2009 Neues Deutschland
Jeton bei Rechten recht beliebt
Nach dem Übergriff: Fotos von Nazis in Disko aufgetaucht / Antifa
kritisiert »Extremistenthese«
»Naziladen« oder nicht: Das
Jeton an der Frankfurter Allee in Friedrichshain steht weiter in der Kritik,
nachdem Donnerstagabend im Internet Fotos von in der Diskothek feiernden
Brandenburger Neonazis aufgetaucht waren. Einige der Bilder zeigen zwei
der vier Neonazis, die am vorigen Wochenende einen 22-jährigen Neuköllner
zwischen U- und S-Bahn Frankfurter Allee fast totgetreten haben. Der mutmaßliche
Haupttäter, Oliver K., ist auch auf der Homepage des Jeton in einer
Bildergalerie zu sehen – feiernd, bevor er zusammen mit drei Kumpanen
dem zuvor bereits bewusstlos geschlagenen Jonas K. gezielt auf den Kopf
trat.
Auf einem weiteren Bild ist der ebenfalls an der Tat beteiligte Marcel
B. in einer Wohnung mit einem Freund zu sehen – mit SS-Stahlhelm
auf dem Kopf und einer Stielgranate in der Hand. In einer Küche sieht
man an der Wand das Plakat von »American History X«, einem
Film über einen US-amerikanischen Neonazi, der einen Mann mit einem
»Bordsteinkick« tötet. Diese Filmszene hat vermutlich
für den Versuch, Jonas K. zu töten, als Beispiel gedient.
In einer Stellungnahme des Jeton hieß es, die Neonazis seien vor
dem Angriff nicht aus seiner Disko gekommen. Diese Behauptung sei »schlichtweg
falsch«. Jeton-Chef Ronny Berkahn sagte gegenüber ND, das habe
ihm die Polizei so gesagt. »Was soll ich denn noch tun«, so
Berkahn zur Kritik am Jeton. Es gebe Hausverbote, Kontrollen an den Eingängen,
und wer sich daneben benimmt, »ob links oder rechts«, fliege
raus. Zudem sei er Sponsor bei karitativen Anlässen und unterstütze
ein Fußballturnier gegen Rassismus.
»Der Erkenntnisstand war und ist, dass die vier Täter vorher
im Jeton waren«, sagt dagegen Polizeisprecher Klaus Schubert. Ob
das Jeton bei den Behörden als Nazitreffpunkt gelte, wollte er indes
nicht sagen. »Uns ist bekannt, was die linke Szene über den
Ort denkt«, so Schubert. Auch wüssten die Fachdienststellen
beim Staatsschutz, »wo sich bestimmte Gruppen zu welcher Zeit aufhalten«.
Derzeit werde gegen die vier Neonazis, die in Untersuchungshaft sitzen,
und gegen zwei Linke ermittelt, darunter Jonas K.. Vernommen werden konnte
er noch nicht. »Da haben die Ärzte noch kein grünes Licht
gegeben«, so Schubert. Das Opfer des Übergriffs hatte Prellungen,
einen Jochbeinbruch und Hirnblutungen erlitten.
Berkahns Aussage, dass seit eineinhalb Jahren Ruhe um das Jeton eingekehrt
sei, widersprach die Antifaschistische Linke Berlin (ALB). »Wir
gehen davon aus, dass sich im Jeton noch immer regelmäßig organisierte
Rechte treffen.« Ein Prozess 2008 gegen Berliner Nazis, die nach
einem Jeton-Besuch Menschen verprügelt hatten, sei Beweis genug,
meint ALB-Sprecher Lars Laumeyer.
Der Fall erinnere zudem an die Tötung des Hausbesetzers Silvio Meier
1992. Auf einen rechten Aufnäher an der Jacke angesprochen, stach
ein Neonazi damals zu, Meier starb. Der Streit am letzten Sonntagmorgen
begann vermutlich wegen der »Thor-Steinar«Klamotten eines
der Täter. An der Schlägerei soll auch der später schwer
Verletzte beteiligt gewesen sein.
Die Darstellung der Vorfälle als »Auseinandersetzungen zwischen
›Extremisten‹, die sich durch ihre Gewaltanwendung gegenseitig
hochschaukeln«, kritisiert die ALB scharf. Damit werde rechte Ideologie
relativiert, sagt Laumeyer. Ein weiterer linker Mann wurde Montag nach
der Durchsuchung seiner Wohnung festgenommen und Dienstagabend wieder
entlassen.
Für Samstag rufen Antifa-Gruppen, Verbände und Parteien zur
Demonstration gegen Nazigewalt in Friedrichshain auf. Treffpunkt ist um
18 Uhr am Bersarinplatz. Der Stadtteil führt seit Jahren die Statistik
rechter Übergriffe in Berlin an. Am Freitag wurde auch bekannt, dass
der durch Protest aus dem Ring-Center II vertriebene Laden »Doorbreaker«,
in dem bei Nazis beliebte Kleidungsmarken verkauft wurden, vermutlich
an die Frankfurter Allee 91 ziehen will – schräg gegenüber
vom Jeton.
GASTKOLUMNE
Evrim Baba (MdA): Nazi-Gewalt darf nicht relativiert werden
Es ist wieder soweit: In ihrer vermeintlichen
Neutralität vergleicht die Polizei in Berlin Äpfel mit Birnen.
Der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch spricht gegenüber
dem »Tagesspiegel« von einer deutlichen Zunahme linker Übergriffe
gegen Rechtsextreme. Die Polizei habe einen Anstieg von 8 auf 21 Taten
registriert, gleichzeitig sei die Zahl der Angriffe von Rechten auf Linke
von 9 auf 4 zurückgegangen. Aber hier liegen völlig unterschiedliche
Motive und Zielrichtungen vor, und es gibt völlig unterschiedliche
Qualitäten.
Die Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft haben in der Vergangenheit
leider mehr als einmal bewiesen, dass ihr Vorgehen oft weniger mit Recht
zu tun hat, dagegen mehr mit einer völlig absurden Gleichsetzung
von links und rechts. Damit wird die tödliche Dimension von Rechtsextremismus
und Rassismus weiter verharmlost. Das ist man schon seit Jahr und Tag
von der Bundesregierung gewohnt. Statt der mindestens 138 rechtsextremen
Morde seit 1990 hat sie bis 2008 »nur« 40 gezählt.
Die jetzigen Zahlenspielereien aus dem Berliner Polizeipräsidium
lassen die Gewalt der Nazis gegen Immigrantinnen und Immigranten, Obdachlose,
Juden und Jüdinnen, Menschen mit bestimmten sexuellen Orientierungen
oder andere, die den Rechtsextremisten als »fremd« erscheinen,
unzulässigerweise außen vor. Das Bedrohungspotenzial der Nazis
für die Gesellschaft wird auf Auseinandersetzungen mit dem politischen
Gegner von links reduziert. Dies wirft ein bezeichnendes Bild auf Politik
und Medien, die sich auf derartige Relativierungen der Nazigewalt einlassen;
es verschleiert rassistische Strukturen in der Gesellschaft.
In offiziellen Statistiken werden nur Taten als rechtsextrem oder rassistisch
gezählt, die als vorsätzlich politisch motiviert gelten. Durch
den Rost fallen dabei Gewalttaten, die mit einem rechtsextrem oder rassistisch
geprägten Hintergrund erfolgen. Menschen, die eher »zufällig«
zu Opfern rechtsextrem oder rassistisch eingestellter Täter wurden,
weil sie in deren Feindbildvorstellungen passen oder ihnen als minderwertig
und nicht lebenswert erscheinen, wie zum Beispiel Obdachlose, tauchen
in der Statistik in der besagten Rubrik nicht auf.
Die Opferberatungsstelle Reach Out zählt diese Fälle mit. Sie
zählte laut ihrem Schattenbericht »Berliner Zustände 2008«
65 ihnen aus einigen Bezirken bekannt gewordene Angriffe aus rassistischen
Motiven im Jahr 2008. An der Spitze mit 30 Gewalttaten lag der Bezirk
Friedrichshain, wobei es vorwiegend vor allem Antifaschistinnen und Antifaschisten
sowie nicht-rechte, alternative Jugendliche traf.
Linke müssen sich als konsequente Gegner von Nazis und Rassisten
gegen die Versuche rechtsextremer Verdrängung und rassistischer »Homogenisierung«
engagieren und sich gegen gesellschaftliche Rahmenbedingungen stellen,
die rechtsextreme und rassistische Überzeugungen befördern.
Die LINKE darf eine Kriminalisierung dieses Engagements und eine Relativierung
der Nazigewalt nicht zulassen.
In diesem Sinne und als Zeichen der Solidarität mit Jonas K., der
vor einer Woche in Friedrichshain von Nazis lebensgefährlich zusammengeschlagen
wurde, begrüße ich die von einem breiten antifaschistischen
Bündnis für den heutigen Samstag um 18 Uhr am Bersarin Platz
organisierte Demonstration.
<<<
Presse
18.07.2009 Junge Welt
Fotos von rechten Schlägern im Internet
veröffentlicht
Bilder belegen Nazifeierei in Berliner Diskothek »Jeton«.
Antifademo am Samstag
Nach dem brutalen Überfall
von vier Neonazis auf einen 22jährigen Mann am vergangen Sonntag
in Berlin haben Antifaschisten am Freitag Fotos mehrerer Rechter im Internet
veröffentlicht. Dreizehn Bilder zeigen Neonazis, darunter die mutmaßlichen
Schläger Marcel B. und Oliver K. Die Serie zeigt unter anderem B.,
wie er vor der Diskothek »Jeton« in Berlin-Friedrichshain
den Hitlergruß zeigt. Auch in dem Klub sind die Männer mit
erhobenem Arm abgelichtet. Die Fotos seien wenige Stunden vor der beinahe
tödlichen Attacke auf den Studenten aufgenommen worden, heißt
es im Internetportal Indymedia. Die Bilder lassen keinen Zweifel an der
politischen Einstellung der Männer: Einer posiert mit einer Schußwaffe
und einem NPD-Plakat. Zwei andere Neonazis hantieren mit Wehrmachtsdevotionalien,
einer Stabhandgranate und einem SS-Helm.
Wer die Bilder im Netz platziert hat, ist unbekannt. Die Antifaschistische
Linke Berlin (ALB) hält sie jedoch für authentisch. »Der
Bericht ist seriös und antifaschistische Recherche hat sich in Berlin
seit Jahren bewährt«, äußerte ALB-Sprecher Lars
Laumeyer. Die Aufnahmen belegen, daß sich Neonazis viel ungestörter
in der Diskothek »Jeton« aufhalten können als bisher
angenommen. Offenbar als Reaktion auf den Überfall vom Sonntag demolierten
Antifaschisten am Dienstag abend eine Glasverkleidung der Diskothek.
Indes übt die Antifaschistische Linke Berlin Kritik an Teilen der
Berichterstattung über den Überfall. So würden unter anderem
im Berliner Tagesspiegel die Vorkommnisse in Friedrichshain als Auseinandersetzung
zwischen »Extremisten« dargestellt, die sich durch ihre Gewaltanwendung
gegenseitig hochschaukeln. Lars Laumeyer erklärte: »Man relativiert
damit neonazistische Ideologie und deren potentiell mörderischen
Exzesse«. Die Neonazis aus dem Kiez zu verweisen, was eine Gruppe
Antifaschisten versucht hatte, sei nichts anderes als das vielfach eingeforderte
couragierte Handeln, so Laumeyer. Die ALB verlangt die sofortige Einstellung
der Ermittlungen gegen das Opfer sowie gegen Zeugen des Überfalls
vom Sonntag.
Die Antifagruppe zieht zudem Parallelen zum Mord an Silvio Meier im Jahr
1992. Der Hausbesetzer war ebenfalls in Friedrichshain erstochen worden,
nachdem er mit einer Gruppe Neonazis wegen eines rechten Aufnähers
in Streit geraten war. (jW)
<<<
Presse
18.07.2009 TAZ
Mit Hitlergruß auf der Tanzfläche
Bilder im Internet zeigen die am Sonntag verhafteten Rechten ganz privat
- und offen rechtsextremistisch.
Auf den ersten Blick sind es Fotos, wie
sie viele Jugendliche von sich ins Internet stellen: Partyszenen, Schnappschüsse,
Gruppenbilder. Doch die vier Brandenburger auf den Fotos werden vorerst
keine Bilder mehr auf ihre Seiten stellen. Sie sitzen wegen versuchten
Totschlags seit Sonntag in Untersuchungshaft - wegen des brutalen Übergriffs
auf den 22-jährigen Jonas K. am S-Bahnhof Frankfurter Allee.
Die Bilder der Neonazis, die am Freitag auf dem linken Onlineportal indymedia
zu sehen waren, wurden offensichtlich aus privaten Profilen der Täter
und deren Freunden aus einem Onlinenetzwerk herauskopiert. Dessen Betreiber
konnten dies auf Anfrage weder dementieren noch bestätigen. Auch
die Polizei hat sich schon bei den Betreibern wegen der Fotos gemeldet.
Haupttäter Oliver K. ist auf einem Foto mit einem T-Shirt der Nazi-Band
Skrewdriver zu sehen. Ein Bild zeigt den korpulenten Täter Marcel
B., wie er vor einem Imbiss neben der Disco Jeton sitzt und lachend den
Hitlergruß zeigt. Auf der Aufnahme einer Wohnung ist im Hintergrund
ein Poster von "American History X" sichtbar. Aus diesem Film
stammt die Vorlage für den tödlichen "Boardsteinkick",
bei dem auf den Kopf des Opfers getreten wird, um es zu töten. Auch
Oliver K. soll am Sonntag seinem bewusstlosen Opfer in den Nacken getreten
haben.
Die Fotos zeigen ein bedrohliches und krudes rechtsextremes Weltbild in
allen Lebensfacetten. In einer Hand das Bier zu halten und mit der anderen
den Hitlergruß zu zeigen gilt in diesen Kreisen als normaler Partyspaß.
"Abhitlern" wird das in der rechten Szene scherzhaft genannt.
Dass die Täter derart explizite Aufnahmen, deren Veröffentlichung
schon einen Straftatbestand darstellt, offenbar selbst ins Netz geladen
haben, überrascht Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus
Berlin (MBR) nicht. "Die Bilder zeigen, wie stark die Täter,
unabhängig vom Grad ihrer Organisierung in der Szene, einen rechtsextremen
Lebensstil zelebrieren", sagte Klose der taz. "Das Zurschaustellen
von Waffen, Hitlergruß und Propagandamaterial dient einer rechtsextremen
Identitätsschaffung, aus der heraus es zu solchen brutalen Übergriffen
wie in Friedrichshain kommen kann."
Die Bilder belegen auch ein weiteres Detail. Die Rechtsextremisten gingen
anscheinend häufiger in die Diskothek Jeton in Friedrichshain. Ein
Bild zeigt Marcel B., wie er an einem unbekannten Tag mitten in der feiernden
Menge den Arm zum Hitlergruß hebt. In einer Stellungnahme auf der
Website des Jeton heißt es, die "sogenannte Linke Szene"
würde fälschlicherweise "propagieren", dass die vier
Täter Gäste des Jeton gewesen seien. Zwei Klicks weiter, in
der Bildergalerie zur Tatnacht, findet man jedoch zwei Fotos, die den
Haupttäter und einen weiteren Festgenommenen auf der Tanzfläche
zeigen.
KOMMENTAR VON ANDREAS FANIZADEH
Aufstand der Anständigen?
Antifaschismus ist keine Sache der Linken, sondern der demokratischen
Mehrheit
In Dresden wird die 31-jährige Ägypterin
Marwa al-Sherbini von einem fanatischen Rassisten im Gerichtssaal erstochen,
ihr Mann schwer verletzt und zu allem Unglück auch noch von einem
Polizisten angeschossen. Das geschah am 1. Juli. In Kairo wird seither
dagegen ausdauernder protestiert als in Deutschland. Ein anderer Angriff
fanatischer Rechtsextremisten ereignete sich letztes Wochenende in Berlin.
Im "links-alternativen" Stadtteil Friedrichshain versuchten
polizeibekannte Nazischläger aus dem Ostberliner Umland einen 22-Jährigen
zu ermorden. Sie traktierten den Kopf des Bewusstlosen mit Tritten an
der Bordsteinkante. Der junge Mann erlitt lebensgefährliche Verletzungen
und kam auf die Intensivstation. Auch in Berlin demonstrierten bislang
nur wenige, vornehmlich antifaschistische Jugendliche. Die brutale Tat,
sie wird von den Medien als zu bagatellisierende Links-rechts-Schlägerei
auf den Lokalseiten geführt.
Offenbar meinen viele, es gehe sie nichts an. Wer sich mit gewaltbereiten
Nazis anlege, sei wohl selbst schuld daran. Doch dem ist nicht so. Das
wissen alle, die qua Herkunft, Aussehen oder Lebensstil den faschistischen
Schlägern ein Dorn im Auge sind. Sie können ihnen nicht aus
dem Weg gehen, da sie selbst als Person das Ärgernis darstellen.
Die Apothekerin Marwa al-Sherbini hatte daraus die Konsequenz gezogen,
die ihr dann zum Verhängnis wurde. Sie hat den sie bedrohenden Rassisten
zur Anzeige und vor Gericht gebracht. In Dresden, in Sachsen, dort wo
die NPD im Parlament vertreten ist. Ihre zivilgesellschaftlich vorbildliche
Haltung, im rassistischen Konfliktfall den Rechtsstaat anzurufen, war
für sie tödlich. Fast auch für ihren Mann. In Sachsen wird
nun über Metalldetektoren an den Eingängen zu Justizgebäuden
diskutiert.
Vor einigen Jahren rief die rot-grüne Bundesregierung zum "Aufstand
der Anständigen". Unübersehbar war die Gewaltspur, die
sich nach dem Mauerfall durch das vereinigte Deutschland zog. Und auch
das Versagen des Staates und seiner Institutionen, wenn es darum ging,
rechtsextremistischen Gesetzesbrechern klar Einhalt zu gebieten. Der damalige
Innenminister Otto Schily widersprach deswegen den höhnischen Darstellungen
Rechtsradikaler, die von "national befreiten Zonen" im ländlichen
Osten redeten. Rot-Grün reformierte auch das Staatsbürgerrecht,
was seither Zugewanderten die Einbürgerung erleichtert. So wurde
zumindest in Teilen das Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat wieder
hergestellt. Minderheiten, die wegen Herkunft oder persönlichem Lebensstil
diskriminiert oder angegriffen wurden, wenden sich seither häufiger
an die Polizei und fordern geltende Bürgerrechte für sich ein.
Der Preis für diese neue Liberalität im Inneren war aber die
Abschottung nach außen. Die Anerkennung der Bürgerrechte für
die hier nach 1945 Zugewanderten wurde gegen ein europäisches Schengen-Regime
eingetauscht, das fast die gesamten legalen Möglichkeiten der Zuwanderung
zum Erliegen brachte. In unsere schöne neue und modernere Gesellschaft
kommt heute kaum noch jemand rein. Rot-Grün hatte zwar anerkannt,
dass Deutschland ein Einwanderungsland war, aber auch mit dafür gesorgt,
dass es heute keines mehr ist.
Dennoch hat sich einiges getan. Auch Wolfgang Schäuble und seine
Partei mühen sich heute redlich in Sachen Integration. Aber nicht
alle Probleme lassen sich per Verordnung und neuem, zumindest innenpolitischen
Goodwill lösen. Jahrzehntelange Gleichgültigkeit und Hartherzigkeit
müssen auch im Alltag umgegraben werden. Es gehört zur Bürgerpflicht,
da wo man sich nicht sinnlos selbst gefährdet, den Rechten Straßen
und Orte streitig zu machen. Wo "normale" Deutsche dies nicht
tun, machen sie sich zu Komplizen der Rechtsradikalen. Antifaschismus
ist keine Sache der Linken, sondern eine der demokratischen Mehrheit der
Gesellschaft.
Wer sich nachts, im öffentlichen Raum und außerhalb der urbanen
Zentren bewegt, kommt zwangsläufig in Kontakt mit jenen rechten Subkulturen,
die sich oft anlasslos an denen vergreifen, die gerade zur Verfügung
stehen. Eine Frau mit rot gefärbten Haaren, eine mit Kopftuch, ein
Vietnamese, ein Punk, ein Lesbenpärchen, ein Obdachloser usw. Die
meisten Übergriffe werden nie zur Anzeige gebracht, und längst
nicht alle lassen sich alles gefallen. Und das ist im humanistischen Sinne
gut so, wenn damit terroristische Gewalt gebrochen und nicht stumpf eskaliert
wird. Doch wer keinerlei Kontakt zu gefährdeten Bevölkerungsgruppen
hat, selbst unauffällig aussieht und lebt, sieht vieles anders und
kann sich die latente Bedrohung in gewissen Zonen Deutschlands offenbar
kaum vorstellen.
Und auch nicht ihre Ursachen. Andrian Kreye schrieb anlässlich des
Mordes an Marwa al-Sherbini tatsächlich von einem "Kampf der
fremden Kulturen" auf deutschem Boden. Mit dem Verweis, dass der
Mörder ein vor einigen Jahren zugewanderter Russlanddeutscher war
und sein Opfer ein Kopftuch trug, lädt Kreye die Analyse ethnizistisch
auf. In der Süddeutschen Zeitung schreibt er: "Es waren zwei
einander vollkommen fremde Kulturen, die hier auf einem Spielplatz aufeinandertrafen."
Und: "Obwohl Deutschland kein Einwanderungsland ist, sind viele Konflikte
hier bereits angekommen." Obwohl? Und was soll "das Fremde"
an Marwa el Sherbini gewesen sein? Ein Kopftuch etwa? Ansonsten verhielt
sie sich anscheinend auch für Kreye vorbildlich: im Konfliktfall
keine Selbstjustiz üben und stattdessen den Rechtsstaat und die demokratische
Zivilisation bemühen.
Es macht keinen Sinn, den Russlanddeutschen, der per Gesetz als Volksdeutscher
betrachtet wird, im Nachhinein wieder zum Ausländer zu erklären.
Tatsache ist, dass die Nation sich aus vielerlei Herkünften zusammensetzt
und gegen menschenverachtende Ideologien und Praktiken gemeinsam handeln
muss. Dazu gehört, dass viel mehr Menschen als bisher, sich trauen,
im alltäglichen Agieren die Perspektive von Minderheiten einzunehmen.
Es kann nicht Aufgabe weniger Jugendlicher sein, dass stadtbekannte Nazitreffs
geschlossen werden und konsequent gegen rechtsextremistische Gruppen vorgegangen
wird, egal welcher Herkunft. Antifaschismus ist keine Sache der Linken,
sondern eine der demokratischen Mehrheit der Gesellschaft.
Andreas Fanizadeh
geb. 1963, leitet seit Oktober 2007 das Kulturressort der taz. Zuvor war
er Auslandsredakteur bei der Wochenzeitung in Zürich. In den 1990ern
war er Lektor des Berliner ID Verlags und gab dort die Zeitschrift Die
Beute mit heraus.
<<<
Presse
18.07.2009 Tagesspiegel
Heiße Tage für Polizei wegen
linker Proteste
Die Polizei muss sich für zwei Großereignisse wappnen: Am Samstag
demonstriert ein linkes Bündnis gegen rechte Gewalt - auch vor der
Friedrichshainer Disko Jeton. Montag findet die Kundgebung gegen das Bundeswehr-Gelöbnis
statt.
Die Polizei muss sich in diesen Tagen für
zwei Großeinsätze wappnen: Am heutigen Sonnabend könnte
es in Friedrichshain brenzlig werden, wenn ein Bündnis von Linken
mit einem Protestmarsch gegen rechte Gewalt demonstriert. Nachdem ein
22-Jähriger am vorigen Wochenende von Neonazis brutal zusammengetreten
worden war, eskalierte der Rechts-Links Streit Mitte der Woche vor der
Diskothek „Jeton“. Zudem bereitet sich die Polizei auf das
öffentliche Gelöbnis von 400 Bundeswehrrekruten am Montag vor.
Auch hier wird mit Störaktionen aus dem linken Spektrum gerechnet.
„Wir wissen, dass die linke Szene emotionalisiert ist und werden
mit ausreichend Kräften im Einsatz sein“, sagt Polizeisprecher
Thomas Neuendorf. Rund 500 Teilnehmer wollen am Samstag vom Bersarinplatz
zum S-Bahnhof Frankfurter Allee ziehen – vorbei an der Diskothek
„Jeton“. Linksautonome hatten in der Nacht zu Mittwoch die
Disko mit Steinen beworfen. Als Racheaktion, weil dort die vier Neonazis
gefeiert haben sollen, die in Verdacht stehen, später den 22-jährigen
Linken Jonas K. krankenhausreif geprügelt zu haben. „Die Demonstranten
dürfen an der Disko vorbeiziehen, allerdings auf der anderen Straßenseite“,
betonte Neuendorf. Die Polizei schließe nicht aus, dass sich unter
die Demonstranten „Störer“ mischen wollen.
Das linke Internetportal indymedia.org zeigt seit dem brutalen Angriff
Fotos von Rechtsextremen in der Disko „Jeton“. Die vier abgebildeten
Männer sollen mit den mutmaßlichen Tätern identisch sein,
die in Untersuchungshaft sitzen. Zu sehen ist, wie dir den Hitlergruß
zeigen und vor einer SS-Fahne posieren.
Auch beim Gelöbnis vor dem Reichstag am 20. Juli erwartet die Polizei
„Störer“, die sich unter friedliche Demonstranten mischen.
Rund 2400 Gäste werden erwartet, wenn die 413 Bundeswehrrekruten
am Montagabend öffentlich geloben, „der Bundesrepublik Deutschland
treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer
zu verteidigen“. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Versuche
gegeben, die Veranstaltung zu stören. Damit das Gelöbnis, bei
dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsminister Franz Josef
Jung zu den Rekruten sprechen werden, reibungslos ablaufen kann, wird
die Polizei Unterstützung aus anderen Bundesländern anfordern.
Mehrere Hundert Beamte werden im Einsatz sein. Der Bereich rund um den
Reichstag, also von der Straße des 17. Juni bis zur Spree, wird
gesperrt.
Gelöbnis-Gegner hatten einen Aufzug von der Bellevuestraße
zur Yizak-Rabin-Straße angemeldet. Diese Route untersagte die Polizei.
Stattdessen werde es nun eine Kundgebung von 500 Teilnehmern am Potsdamer
Platz geben. Allerdings wurden Auflagen erteilt. So dürften die Demonstranten
keine Sirenen oder ähnliche Utensilien benutzen. Anmelder ist die
„Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“.
Erst vor wenigen Wochen hatte die linke Szene, wie berichtet, mit Flyern
zu Gewalt gegen Bundeswehrsoldaten aufgerufen. Sogar die Dienstgradabzeichen
wurden dort abgebildet – nach dem Motto: Je höher der Rang,
desto härter könne zugeschlagen werden. Die Polizei wertet den
Flyer als Aufforderung zu einer Straftat. Allerdings rechnet sie deshalb
nicht mit mehr Gewalt.
Die Bundeswehr will keinen Zusammenhang zwischen dem Flyer und dem bevorstehenden
Gelöbnis herstellen. „Mit so etwas entlarven sich diese Leute
als Gewalttäter, die Recht und Demokratie mit Füßen treten“,
sagte am Freitag der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Thomas Raabe.
Tanja Buntrock
<<<
Presse
17.07.2009 BerlinOnline
Linkes Internetportal zeigt Fotos von mutmaßlichen
rechten Angreifern
Nach dem brutalen Angriff auf einen 22-Jährigen
am S-Bahn Frankfurter Allee zeigt das Internetportal indymedia.org Fotos
der mutmaßlichen Täter. Die Bilder stammen von Freundeslisten,
Gästebüchern und Fotogalerien aus sozialen Netzwerken in Internet,
wie es in einer Mitteilung der Antifaschistischen Linke Berlin (ALB) heißt.
Den Angaben nach wurden zahlreiche Aufnahmen in der Friedrichshainer Diskothek
«Jeton» gemacht. Auf mehreren ist zu sehen, wie die Männer
dort offen den Hitlergruß zeigen. Auf einem weiteren Bild posiert
ein Neonazi mit einer Schusswaffe und einem NPD-Plakat vor einer SS-Fahne.
Die ALB geht von der Echtheit der Fotos aus.
Die vier Rechten sollen am Sonntag in der Nähe des S-Bahnhofs Bahnhof
Frankfurter Allee im Anschluss an eine Auseinandersetzung mit mehreren
Linken den 22-Jährigen Jonas K. bewusstlos geschlagen und lebensgefährlich
verletzt haben. Die Polizei nahm die 20- bis 26-Jährigen am Tatort
fest. Gegen sie wurden Haftbefehle wegen versuchten Totschlags erlassen.
Aus der Gruppe der Linken wurde später ein ebenfalls 26-Jähriger
festgenommen.
Der Älteste der Angreifer soll das wehrlose Opfer mit dem Gesicht
nach unten auf den Gehweg gelegt und mit dem Fuß auf dessen Hinterkopf
getreten haben. Diese Art der Misshandlung erinnert an die sogenannte
Bordsteinkick-Szene im US-Film «American History X». Auf einem
der im Internet veröffentlichten Bildern ist hierzu ein Filmplakat
zu sehen.
Die vier mutmaßlichen Täter sollen vor dem Angriff in der Diskothek
«Jeton» gefeiert haben, die als beliebter Treffpunkt von Rechten
gilt. Vermutlich als Vergeltungsakt griffen rund 200 Linksautonome am
späten Dienstagabend die Diskothek in der Frankfurter Allee mit Steinen
an. Für Samstag ruft ein breites Bündnis zu einer Demonstration
gegen rechte Gewalt in Friedrichshain auf.
<<<
Presse
17.07.2009 TAZ
Fighting in Friedrichshain
Ein Student wird von Neonazis fast totgeschlagen. Autonome schlagen zurück.
Nirgendwo sonst in Berlin gibt es so viele Nazi-Übergriffe wie im
alternativen Friedrichshain. Warum?
Ja, sagt Christian Ströbele, hier gebe
schon so Ecken, an denen es abends "ein bisschen ungemütlich"
werde. Der 70-jährige Polit-Junkie, der 2002 und 2005 als einziger
Grüner direkt ein Bundestagsmandat errang, schiebt sein altes schwarzes
Fahrrad mit einem Schaffellsattel durch einen Teil seines Wahlbezirk.
Angst habe er zwar nicht, sagt er in die Sonne blinzelnd, aber dies seien
schon Situationen, "bei denen man mehrfach hinter sich guckt".
Sein "Erlebnisort", die Warschauer Brücke, sei auch in
der Nähe gewesen. Im Wahlkampf 2002 wurde Ströbele dort von
einem vorbestraften Neonazi niedergeschlagen. Er rannte dem Schläger,
wütend "Feige, feige!" rufend, hinterher, erzählt
Ströbele. Auch das war in Friedrichshain, im früheren Ostberlin,
wo gerade die meisten Hauptstädter damit beschäftigt zu sein
scheinen, in Cafés Latte macchiato zu trinken.
Friedrichshain, das ist, vor allem in seinen südlichen Straßenzügen
nahe der Spree, ein Stück cooles Berlin mit Straßencafés,
Clubs, originellen Läden und bunt gekleideten Menschen. Es ist ein
Ausgehbezirk mit der auch außerhalb Berlins bekannten Amüsiermeile
Simon-Dach-Straße und vielen Tanzläden wie dem K17 oder dem
Cassiopeia oder den etwas weiter entfernten Clubs wie der Bar 25 oder
dem Berghain, die selbst international einen Namen haben.
Viele Studenten leben hier, massenhaft Linke in ehemals besetzten Häusern
in der Rigaer Straße sowie alternativ angehauchtes Bürgertum
aus dem Westen. Es ist ein Viertel, das langsam gentrifiziert wird, wie
die Soziologen sagen. Mieten und Preise ziehen an, das alteingesessene
Kleinbürgertum zieht weg, wohlhabendere, gut ausgebildete Neubürger
kommen nach.
It`s Ströbeles own country - aber auch der Bezirk, in dem es rechte
Gewalttaten in den letzten Jahren besonders häufig gab. Ein neue
Eskalationsstufe war erreicht, als am vergangenen Wochenende der linke
Student Jonas K. von rechten Schlägern zunächst äußerst
brutal zusammen geschlagen wurde, bevor versucht wurde, den Bewusstlosen
mit einem Nackentritt zu töten. Daraufhin flogen auf einem unangemeldeten
Protestzug in der Nacht zu Mittwoch viele Steine auf die Disco Jeton,
die als Rechtentreff verschrien ist. Und für den heutigen Samstag
ist wieder eine Kundgebung gegen rechte Gewalt geplant. Die Anspannung
im Viertel ist groß.
Ströbeles junge Mitarbeiterin Katrin Schmidberger erzählt in
seinem Wahlkreisbüro, dass die Nazis im Viertel "auf dem Vormarsch"
seien. Sie träten "viel selbstbewusster, provokativer"
auf. Bei den Rechten, vielleicht auch durch die Gentrifizierung vertrieben,
"kommt vieles aus Frust und Perspektivlosigkeit", meint Ströbele.
Gegen rechte Tendenzen müsse man, wie am Samstag geplant, "besonders
sichtbar auf der Straße sein" - und natürlich alle Schläger
zur Rechenschaft ziehen.
Aber warum zieht das eher linke und alternative Friedrichshain so viele
Rechte an? Warum ist die Quote rechter Überfälle hier so überproportional
hoch? Warum gibt es so viele Auseinandersetzungen zwischen Rechten und
Linken?
Ulli Jentsch sitzt in einer Fabriketage im friedlichen Kreuzberg und kann
dafür nur Erklärungsansätze liefern. Der Mitarbeiter des
angesehenen "antifaschistischem pressearchivs und bildungszentrums
apabiz" neigt nicht zur Panikmache.
Das Besondere an der rechten Gewalt in Friedrichshain sei ihr Auftreten
im öffentlichen Raum nahe U- oder S-Bahn-Stationen. Cliquen junger
Männer aus der rechten Szene, oft aus Brandenburg, würden dort,
nachdem sie "in Berlin eine Sause gemacht haben", auf ein linkes
Milieu treffen - an Orten, "wo sie sich immer auch wieder treffen
müssen", weil sich ihre Wege überschnitten, etwa an Verkehrsknotenpunkten.
So war es auch beim Beinahemord am Wochenende, als sich Gruppen von Rechten
und Linken am S- und U-Bahn-Knotenpunkt Frankfurter Allee in die Arme
liefen. Hinzu kämen in Friedrichshain gezielte Angriffe organisierte
Rechter auf linke Kneipen, Clubs oder Hausprojekte, so Jentsch. Sabine
Seyb vom Opferberatungsverein ReachOut berichtet: Etwa seit Anfang 2007
führen organisierte rechte Schläger gezielt nach Friedrichshain,
um in alternativen Kneipen oder Hausprojekten zu randalieren.
Im April dieses Jahres veröffentlichten Neonazis im Internet eine
Liste "linker Läden" in Berlin, namentlich in der "Hochburg"
Friedrichshain-Kreuzberg. Als die Polizei mit den Gefährdeten Kontakt
aufnehmen wollte, um sie zu warnen, lehnte alle linken Projekte Gespräche
ab. Das Misstrauen war wohl zu groß. "Das ist etwas in die
Hose gegangen", sagt Jentsch lachend.
Tino K. von der Antifa Friedrichshain, die sich auch in der lokalen Initiative
gegen rechts engagiert, sagt: "Alle Welt kommt am Wochenende in den
Kiez und will Party machen." Da könnten schon Welten aufeinanderprallen.
Bei den rechten Überfällen habe die Brutalität stark zugenommen.
"Fast alle Angriffe wurden mit Waffen ausgeführt", sagt
Tino K. Vor drei Monaten eröffnete auch ein Thor-Steinar-Laden im
Viertel. Das Modelabel ist bei Neonazis beliebt. "Eigentlich hat
der Laden in Friedrichshain keine Kunden. Die Eröffnung ist eine
Kampfansage", meint Tino K.
In der Clubszene wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt. Stephanie Neumann
von der Diskothek K17 betont: In ihrem Club verkehren Punks, Gruftis und
Metaller - sie sind zum Glück noch kein Opfer eines Naziangriffs
geworden. Gleichwohl beobachtet sie ein "höheres Gewaltpotenzial
bei den Prollos". Eine Mitarbeiterin der Bar 25 räumt ein: Der
östliche Teil des Bezirks, wo auch der Angriff auf Jonas K. geschah,
sei schon etwas "bierstammtischmäßig".
Von dort ist es auch nicht weit nach Lichtenberg. Der Nachbarbezirk, allen
voran der sogenannte Weitling-Kiez, ist eine Hochburg der rechten Szene.
Die Wege für die Neonazis in den Friedrichshainer Ausgehbezirk sind
kurz. In der U-Bahn-Station Samariterstraße wurde im November 1992
der linke Hausbesetzer Silvio Meier durch Rechte erstochen - eine Gedenktafel
und jährliche Gedenkdemonstrationen erinnern an ihn. Der damalige
Mord gleicht dem Mordversuch am Wochenende in mancher Hinsicht.
Die 20-jährige Mirela hat die Schlägerei nach eigenen Angaben
gesehen. Sie arbeitet in einem Backshop direkt am Übergang zwischen
der S- und U-Bahn-Station Frankfurter Allee. Ausgangspunkt der Prügelei
sei gewesen, dass der Kampfhund eines Rechten einen Linken angestupst
habe. Der habe dagegen protestiert, der Rechte solle seinen Hund wegschaffen.
So habe sich die Sache aufgeschaukelt, bis ein Rechter eine Bierflasche
zerschlagen habe, um damit in das Gesicht eines jungen Linken zu schlagen.
"Sein Gesicht war voller Blut, sogar am Hals", sagt Mirela,
"es war wie in einem Horrorfilm."
Auch die Freunde des Opfers Jonas K. aus Mecklenburg-Vorpommern verstanden
die Welt nicht mehr, als sie von dem Angriff in Friedrichshain hörten.
Micha und Mandy sind nach Berlin gezogen. Sie kennen den S-Bahnhof Frankfurter
Allee, Mandy hat selbst dort oft rechte Pöbeleien und Übergriffe
beobachtet. "Aber nie in diesem Ausmaß. Der Angriff war an
Brutalität eine krasse Stufe höher" sagt sie. "Erschreckend"
ist für Jonas' Freund Ronny, "dass das scheinbar Alltag ist.
Selbst durch die Mahnwache am Montag sind Nazis gelaufen - unglaublich."
Der Geschäftsführer der Diskothek Jeton, der anonym bleiben
will, steht auf der Straße vor seinem Laden und begutachtet die
Schäden durch die Steinewürfe. Nein, betont er, das sei keine
Nazi-Disco. "Wir arbeiten schon länger daran, dieses schlechte
Image loszuwerden." Entgegen den gut belegten Ermittlungen der Polizei
und entgegen eindeutigen Fotos, die inzwischen im Internet aufgetaucht
sind, behauptet er: Die Schläger "waren keine Gäste von
uns".
Schließlich hätten sie "zu 80 Prozent Stammpublikum":
"Das sind alles normale Bürger." Auch Schwarze und "Ausländer"
würden reingelassen. Am Abend des Überfalls habe es eine "Schaumparty"
gegeben, die Täter wären viel zu nass gewesen, um noch lange
in der Stadt zu bleiben.
Die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin Sigrid Klebba (SPD) kann
nicht erklären, warum es gerade in ihrem Bezirk so viele rechte Übergriffe
gibt: "Die Suche nach Antworten ist im Bezirk noch nicht abgeschlossen."
Es gebe da nur Mutmaßungen - auch ob der Streit zwischen Linken
und Rechten nicht manchmal "provozierend gesucht wird". Das
Ganze passiere eben vor allem im öffentlichen Raum eines "Innenstadtbereichs".
Und, das will Klebba dann doch klarstellen: Die Rechten seien keine Friedrichshainer
Bürger.
<<<
Presse
17.07.2009 BZ
Friedrichshain - Kiez der Angst
Die Anwohner rüsten sich für den Rechts-Links-Straßenkrieg
in Friedrichshain.
Das Glas der zehn Meter langen Schaufensterfront
ist zersprungen. Gelöchert von sieben Pflastersteinen. Shopleiterin
Helen (27) steht vor ihrem Laden „Berlinomat“, schüttelt
den Kopf. „Die Gewalt eskaliert, und ich bin mittendrin, fühle
mich so machtlos“, sagt sie.
Helen ist eines der Opfer des Straßenkriegs zwischen Links- und
Rechtsextremisten im Nordkiez von Friedrichshain. Linke und Rechte wohnen
hier Tür an Tür: Linke Hausprojekte in der Rigaer Straße
liegen nur wenige Hundert Meter von rechten Treffpunkten nördlich
und südlich des S-Bahnhofs Frankfurter Allee entfernt. Immer öfter
flammt der Hass auf.
Mittwochnacht überfielen Autonome die Diskothek Jeton an der Frankfurter
Allee, lieferten sich 90 Minuten lang eine Schlacht mit 200 Polizisten.
Schon am Wochenende gab es eine Schlägerei zwischen der linken Szene
und Neonazis, bei der der linke Student Jonas K. (22) von vier Rechtsextremen
fast totgetreten wurde.
Und der Kampf geht weiter: 500 Linke ziehen ams Samstag vom Bersarinplatz
durch Friedrichshain, demonstrieren gegen rechtsextreme Gewalt. Hundertschaften
der Polizei sind im Einsatz.
Helen will sich darauf nicht verlassen. Sie hat eigene Sicherheitsmänner
angeheuert. So wie sie fühlen sich viele Anwohner in ihrem Kiez nicht
mehr sicher, rüsten auf.
„Jedes Wochenende habe ich eine Schlägerei vorm Laden, werde
beschimpft“, sagt Kamil (42), Chef vom Enser Grill an der Frankfurter
Allee. Sein Kollege berichtet: „Ich habe jetzt immer ein Notfallhandy
und ein Pfefferspray in der Tasche.“
30 Übergriffe von Neonazis zählte die Opferberatungsstelle Reach
Out 2008 im Kiez. Immer wieder kommt es auch zu Angriffen auf Neonazis
oder jene, die dafür gehalten werden.
Polizeisprecher Thomas Neuendorf (52): „Die Szene in Friedrichshain
ist emotionalisiert. Wir stellen unsere Kräfte entsprechend auf.“
<<<
Presse
16.07.2009 Berliner Zeitung
„Linke und Rechte rufen unterschwellig
zur Gewalt auf“
Ehrhart Körting (SPD), Berlins Innensenator, beobachtet mit Sorge
die Gewalttätigkeiten zwischen Links- und Rechtsextremen. Das Gespräch
führten Andreas Kopietz und Thomas Rogalla
Herr Senator, was ist
in Friedrichshain los? Die Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten
scheinen eine neue Qualität zu bekommen. Darauf deutet unter anderem
der Vorfall vor dem Jeton hin.
Solche Auseinandersetzungen sind nicht neu. Wir beobachten allerdings
schon längere Zeit mit Sorge, dass es zum einen Gewalttaten von Rechtsextremen
gegen Linke gibt, zum anderen aber auch Überfälle von Linken
auf vermeintlich Rechte, etwa auf Bahnhöfen.
Gleichen sich die beiden
Lager in Sachen Gewalt an?
Es gibt eine Mentalität bei den Rechten und leider auch bei einem
Teil der linksautonomen Szene, dass man sich gegenüber dem vermeintlich
anderen mit Gewalt „zur Wehr setzen“ kann. Bisher ist es uns
glücklicherweise meist gelungen, die Täter zu kriegen und vor
Gericht zu stellen, und zwar unabhängig von ihrer Gesinnung. Das
Ganze wird dadurch erschwert, dass sowohl Rechte als auch Linke unterschwellig
zur Gewalt aufrufen, indem etwa Bilder von Gegnern ins Internet gestellt
werden. Damit werden diese Leute zur Aggression freigegeben. Solche Praktiken
sind kriminell.
Der S-Bahnhof Frankfurter
Allee scheint ein Begegnungspunkt für Linke und Rechte zu sein. Von
der Polizei sieht man dort wenig bis nichts.
Soweit es um vorhersehbare Situationen geht, ist die Polizei hervorragend
aufgestellt und vernetzt. Wenn etwa Rechte von einer Demonstration in
Mecklenburg-Vorpommern kommen, werden sie von der Bundespolizei begleitet
und am Ostbahnhof der Berliner Polizei übergeben. Wir achten sehr
darauf, dass Rechte und Linke fein säuberlich getrennt sind –
auch wenn uns dann der Vorwurf gemacht wird, dass wir linke Gegendemonstranten
von den Rechten weghalten. Tun wir das aber nicht, dann knallt es häufig.
Denn bei den Linken sind nicht nur Bürger, die „Gesicht zeigen“,
sondern oft auch Autonome vom Schwarzen Block, die sich vermummen und
Krawall machen wollen. Die Auseinandersetzungen zwischen Links- und Rechtsextremen
scheinen sich zuzuspitzen. Wir werden beobachten, ob sich ein neuer Trend
abzeichnet. Das kann ich nach zwei Fällen aber noch nicht beurteilen.
Wie sind die rechten
Gruppierungen organisiert?
Innerhalb der rechten Szene ist die Bindungskraft bestimmter Organisationen
wie der NPD verschwunden. Die Konsequenz ist, dass sich die Rechten nicht
mehr so sehr an organisierten Aktionen beteiligen, sondern eher an unorganisierten.
Wenn sich ein Rechtsextremist bei einer großen NPD-Demonstration
nur noch langweilt, dann ist die Gefahr groß, dass er seinen Tatendrang
in schrecklicher Art und Weise anders austobt.
Die NPD – ein Ordnungsfaktor?
Nein. Ich begrüße den Niedergang der NPD außerordentlich.
Aber er macht die Lage für uns nicht leichter.
<<<
Presse
16.07.2009 Berliner Zeitung
Tür an Tür im Kiez
Warum in Friedrichshain immer wieder Autonome und Neonazis aneinander
geraten
Berlin - Friedrichshain wird zum Schauplatz
von Schlägereien zwischen Links- und Rechtsextremisten. In der Nacht
zu gestern rächten sich Linksautonome für einen vermeintlichen
Neonazi-Angriff am Sonntag am S-Bahnhof Frankfurter Allee, bei dem ein
22-Jähriger schwer verletzt worden war. Mit Steinen demolierten 200
Vermummte die Fassade der Diskothek Jeton an der Frankfurter Allee. Zu
deren Besuchern zählen nach Darstellung der Antifa auch Neonazis.
Laut Antifa sollen darunter auch die Schläger vom Sonntag gewesen
sein.
Auch wenn die Polizei dies nicht bestätigen kann und die Antifa-Aktivisten
es auch nur von anonymen Zeugen haben – für ein Feindbild und
eine weitere Eskalation reicht es allemal. Und so wurden bei dem Angriff
in der Nacht zum Mittwoch auch Polizisten mit Steinen beworfen. Zu Bruch
gingen unter anderem zwei große Schaufenster des Ringcenters. Auch
drei Autos Unbeteiligter wurden komplett entglast. Die Angreifer hatten
es leicht. Das Jeton war geschlossen und kein Nazi da. Nach Angaben eines
Polizeisprechers war die Polizei mit drei Hundertschaften zur Stelle.
Aber nur ein Täter konnte gefasst werden.
Seit Jahren ist Friedrichshain Schwerpunkt von Rechts-Links-Auseinandersetzungen.
Verlässliche Zahlen über Attacken gibt es nicht. Die Opferberatungsstelle
Reach Out zählte dort im vergangenen Jahr 30 Übergriffe von
Neonazis. Immer wieder kommt es aber auch zu Angriffen auf Neonazis oder
jene, die dafür gehalten werden. In Friedrichshain wohnen Linksautonome
und Neonazis gewissermaßen Tür an Tür. Es gibt Hausprojekte,
etwa in der Rigaer oder der Liebigstraße, deren Bewohnerschaft immer
wieder gern für militante Aktionen „gegen Nazis und Kapitalisten“
zu haben ist. Andererseits wohnen in den Kiezen nördlich und südlich
der Frankfurter Allee auch Rechtsextreme. Der am Bahnhof Lichtenberg gelegene
Weitlingkiez, der als Schwerpunkt der rechten Szene gilt, ist nur wenige
Kilometer weg. Verschärft hat sich die Lage, seit die Rechten tun,
was sich die Linken vorbehalten hatten: Seit Monaten gibt es auf einer
Internetseite Listen mit Adressen und Fotos von „linken Läden“.
Über 60 Berliner Objekte sind aufgezählt. 2008 griffen Nazis
Mitglieder eines Hausprojektes der Scharnweberstraße mit Pfefferspray
an.
Immer wieder passiert es, dass sich beide Seiten nicht aus dem Weg gehen,
wenn es eng wird: etwa an den S-Bahnhöfen Frankfurter Allee und dem
Ostkreuz, wo man in die U-Bahn oder in andere S-Bahn-Linien umsteigt.
Dort komme es fast täglich zu Pöbeleien, berichten Beamte der
Bundespolizei. So schlugen im Januar drei Neonazis am Ostkreuz einen Punk,
der ihnen zufällig über den Weg lief, krankenhausreif.
Die Polizei wird der Lage nur schwer Herr. Auch wenn sie auf den Angriff
auf das Jeton schnell reagieren konnte – überrascht wurde sie
trotzdem. Laut Einsatzprotokoll hatten sich die Angreifer schon seit 22.15
Uhr im Bereich Frankfurter Allee/Rigaer Straße versammelt –
von der Polizei eine Stunde lang unbehelligt.
Auch bei den Ermittlungen nach der Schlägerei vom Sonntag erlitt
der Staatsschutz eine Schlappe. Ein 26-jähriger Festgenommener aus
der linken Szene wurde inzwischen von einer Richterin wieder freigelassen.
Den Fahndern war Beweis genug, dass der Linke einschlägig vorbestraft
war. Zudem war er nur aufgrund der Aussage eines Neonazis festgenommen
worden, der sich nicht einmal sicher war, ob er auf einem ihm vorgelegten
Foto den Richtigen erkannt hatte.
Ronny Berkahn, Inhaber des Jeton, würde auch gern Fotos sehen, und
zwar von den vier Festgenommenen, die Sonntag vor der Tat bei ihm gewesen
sein sollen. Dann könnte er sagen, ob sie da waren. Aber die Polizei
habe es ihm verwehrt, sagt er. „Wenn die da gewesen wären,
müssten sie nass gewesen sein. An dem Abend war Schaumparty, da waren
alle nass.“ Im Übrigen distanziere er sich von rechtem Gedankengut.
„Ich lasse jeden rein, ob links, ob rechts, ob schwarz oder weiß.“
Seine Beteuerungen werden Berkahn, der schon anonyme Morddrohungen bekam,
wenig nutzen. Am Sonnabend wollen linke Gruppen „gegen rechte Gewalt“
am Jeton vorbeidemonstrieren. (mit ls.)
<<<
Presse
16.07.2009 Märkische Allgemeine Zeitung
Streit droht zu eskalieren
BERLIN - Die Auseinandersetzungen zwischen
der linken Szene und Neonazis in Berlin drohen zu eskalieren. Nach einer
Schlägerei und einem brutalen rechtsextremen Angriff am Wochenende
griffen linksradikale Randalierer in der Nacht zum Mittwoch die Diskothek
„Jeton“ in Berlin-Friedrichshain an. Unter den Gästen
sollen viele Neonazis und Mitglieder der rechtsextremen Szene sein. Laut
Polizei warfen die Randalierer Steine auf die Disko, Scheiben gingen zu
Bruch.
Etwa 200 Polizisten jagten die Gruppe und stoppten den Aufzug. Die Randalierer
zerstreuten sich. Ein Beamter wurde von einem Stein sowie von Scherben
getroffen und leicht verletzt. Ein Polizeiauto wurde demoliert. Die Polizei
ermittelt wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung
und Sachbeschädigung.
Linke Gruppen wollen an diesem Samstag in Friedrichshain gegen den „rechten
Terror“ demonstrieren. Das Bündnis antifaschistischer Gruppen
rechnet laut Polizei mit 500 Demonstranten.
In der Nacht zum Sonntag hatte eine Gruppe junger Männer aus der
linken Szene vier Neonazis angepöbelt und angegriffen. Einer der
Neonazis wurde dabei auf den Kopf geschlagen und erlitt eine Platzwunde.
Später am frühen Sonntagmorgen überfielen die vier Neonazis,
die aus Brandenburg stammen, einen der „Linken“ und schlugen
ihn brutal zusammen. Als der 22-jährige Student bewusstlos war, legte
ihn einer der Neonazis mit dem Gesicht auf den Bürgersteig und trat
ihm auf den Hinterkopf. Mit Hirnblutungen, einem Jochbeinbruch und schweren
Prellungen kam der schwer Verletzte am frühen Sonntagmorgen in ein
Krankenhaus. Inzwischen ist er außer Lebensgefahr. Die Brutalität
der Tat erinnert an eine sogenannte Bordstein-Kickszene aus dem Film „History
X“ und an den Mord an dem 16-jährigen Marinus in Potzlow (Uckermark)
im Jahr 2002.
Die vier rechtsextremen Schläger wurden nach der Tat festgenommen
und sitzen in U-Haft. Auch gegen den 22-jährigen verletzten Studenten
und ein weiteres Mitglied der linken Gruppe wird wegen Beteiligung an
der Schlägerei ermittelt.
<<<
Presse
16.07.2009 Süddeutsche Zeitung
Extremisten prügeln sich
Berlin - Die Auseinandersetzungen in Berlin
zwischen der linken Szene und Neonazis drohen zu eskalieren. Nach einer
Schlägerei und einem brutalen rechtsextremen Angriff am Wochenende
griffen linksradikale Randalierer in der Nacht zum Mittwoch eine Diskothek
im Stadtteil Friedrichshain an. Unter den Gästen sollen viele Neonazis
und Mitglieder der rechtsextremen Szene sein. Die Randalierer warfen Steine
auf die Diskothek, Scheiben gingen zu Bruch, teilte die Polizei am Mittwoch
mit. 200 Polizisten verfolgten die Angreifer und konnten sie vertreiben.
Die Polizei ermittelt wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher
Körperverletzung und Sachbeschädigung.
<<<
Presse
16.07.2009 Morgenpost
Steinwürfe und Randale in Friedrichshain
Auf den Gewaltexzess von rechtsextremen
Schlägern folgte die Gegengewalt. Etwa 70 Vermummte deckten in der
Nacht zu gestern in Friedrichshain die Diskothek "Jeton" mit
einem Steinhagel ein. Mehr als eine halbe Stunde verging, bis die Polizei
in ausreichender Stärke von 200 Mann an der Frankfurter Allee Präsenz
zeigte, behaupten Augenzeugen.
Bis dahin hätten 250 Personen der linksgerichteten Szene Steine auf
Polizeiwagen, Beamte und Schaufenster geworfen. Randalierer errichteten
Barrikaden, bevor sie der Polizei fast ausnahmslos entkamen. Furcht vor
weiteren Eskalationen macht sich breit. Für Sonnabend riefen Antifa-Gruppen
zu einer "Demo gegen Neonazis" auf, planen eine Kundgebung am
Bersarinplatz. Die Polizei erwartet 500 Teilnehmer, will Ausschreitungen
verhindern.
Schlägereien zwischen Anhängern der links- und rechtsextremen
Szene an der Frankfurter Allee waren der Auslöser für die neu
entfachten Auseinandersetzungen. Wie berichtet, war ein Student am Sonntag
lebensgefährlich verletzt auf eine Intensivstation gebracht worden.
Inzwischen ist der 22-Jährige wieder bei Bewusstsein. Vernehmungsfähig
war Jonas K. gestern allerdings noch nicht.
Feier rechtsextremer Schläger
Die Wut des schwarzen Blocks entlud sich in der Nacht zu gestern gegen
23.15 Uhr in blindwütigem Vandalismus. Sechs doppelt verglaste Scheiben
der Außentreppe, die Leuchtreklame und drei Pkw, die zufällig
vor der am Dienstag geschlossenen Disko standen, wurden im Steinhagel
getroffen. Jene Diskothek, in der die vier rechtsextremen Schläger
nach Erkenntnissen der Polizei gefeiert hatten, bevor sie Jonas K. misshandelten.
Jeton-Inhaber Ronny Berkahn bestreitet das: "Hier ist auch kein Tummelplatz
für Rechtsextreme. Bei mir gehen Araber, Vietnamesen und Dunkelhäutige
ein und aus", sagte Berkahn gestern. Fakt ist, dass das Quartett
aus Brandenburg seit Montagabend wegen versuchten Totschlags und gefährlicher
Körperverletzung in Untersuchungshaft sitzt.
Der Staatsschutz ermittelt wegen der Randale vor dem "Jeton",
der als Racheakt gewertet wird. Der Angriff auf die Diskothek erfolgte
laut Augenzeugen blitzschnell. "Da kamen 60 oder 70 junge Leute vom
S-Bahnhof angerannt, direkt auf mein Geschäft zu. Alle hatten Steine
in den Händen, waren mit Schals und Kapuzen vermummt, trugen schwarze
Kleidung", sagte Imbissbetreiber Mohammad A. gestern. Ein Anführer
habe noch gerufen, "Keine Steine auf den Imbiss".
Minuten später waren die Randalierer verschwunden, ein Teil der Gruppe
kehrte zum S-Bahnhof zurück, andere bewegten sich in Richtung Warschauer
Brücke.
Es dauerte wieder nur einige Minuten, bis die Randalierer an den Tatort
zurückkehrten. Als ein Streifenwagen durch die Pettenkoferstraße
fuhr, bewarfen die Linken auch diesen. Sämtliche Scheiben auf der
Fahrerseite gingen zu Bruch. Ein Polizist wurde im Wagen von einem Wurfgeschoss
und Splittern am Kopf verletzt.
Nach Morgenpost-Informationen vergingen fast 35 Minuten nach den ersten
Steinwürfen, bis alle drei alarmierten Einsatzhundertschaften zur
Stelle waren. Diese standen dann allein in der Rigaer Straße etwa
250 Randalierern und deren Sympathisanten gegenüber. Auf der Fahrbahn
türmten sich Hindernisse wie zerschlagenes Baumaterial und eine umgestürzte
Bau-Toilette. Die Polizei sperrte die Frankfurter Allee ab und bezog in
der Pettenkofer- und an der Rigaer Straße Stellung. "Ein Teil
der Kräfte, die mit Steinen beworfen wurden, war bereits ab 23.10
Uhr vor Ort. Innerhalb kurzer Zeit waren es 200 Beamte", sagte Polizeisprecher
Frank Millert. Gewerkschafter übten dennoch Kritik. "Hätten
sich die Linken in der Nacht ein zweites Angriffsziel gesucht, wäre
die Polizei aufgrund der Personalnot nicht mehr handlungsfähig gewesen",
so Michael Reinke, Vize-Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP.
Zudem sei nur ein einziger Steinewerfer gefasst worden.
Die Randalierer flohen vor der Polizei in kleinen Gruppen in umliegende
Seitenstraßen, schleuderten weiter Steine auf Fenster. Am Ring-Center
gingen Schaufenster zu Bruch. Auch das Modelabel Berlinomat war betroffen.
"Bei uns sind sechs Scheiben zerbrochen, ich kann mir das nicht erklären",
so Geschäftsführerin Helen Kühn.
Eine neuartige Problematik sieht die Senatsinnenverwaltung nicht. "Es
wäre zu früh, aus den unbestritten gravierenden Vorfällen
eine Tendenz abzuleiten", sagte Isabelle Kalbitzer, Sprecherin des
Innensenators Ehrhart Körting (SPD). Dass von Streitigkeiten zwischen
Anhängern rechts- und linksextremer Personen ein Gefährdungspotenzial
ausgehe, sei nicht neu. Darauf habe auch der Berliner Verfassungsschutz
in der Vergangenheit bereits mehrfach hingewiesen.
<<<
Presse
16.07.2009 Neues Deutschland
Jeton unter Beschuss
Nach rechtem Übergriff: Linke attackieren Diskothek
In der Nacht zum Dienstag hagelte es in
Friedrichshain Steine. Rund 200 überwiegend schwarz gekleidete Personen
griffen gegen 23.15 Uhr die Diskothek »Jeton« in der Frankfurter
Allee an. Die Verglasung, die Leuchtreklame, die Außentreppe und
drei davor geparkte PKW wurden dabei beschädigt, teilte die Polizei
mit. Ein vorbeifahrendes Streife und die kurze Zeit später anrückende
Bereitschaftspolizei seien ebenfalls beworfen worden, wobei ein Beamter
leicht verletzt wurde. Als sich drei Hundertschaften um den Ort des Geschehens
zusammenzogen, flüchteten die Angreifer in Seitenstraßen. Ermittelt
werde nun wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung
und Sachbeschädigung. Festnahmen habe es nicht gegeben.
Handelt es sich bei der Tat um einen Racheakt der Linken? Stefan Kuhlmann
von der Registerstelle Friedrichshain, die rechte Übergriffe dokumentiert,
geht von einem Zusammenhang zwischen der Attacke auf das »Jeton«
und dem brutalen Übergriff auf einen 22-jährigen Neuköllner
in der Nacht zum Sonntag am S-Bahnhof Frankfurter Allee aus. Vier rechte
Schläger hatten den Studenten Jonas K. brutal zusammengeschlagen
und ihn mit einem Tritt auf den Kopf lebensgefährlich verletzt. Die
vier mutmaßlichen Täter wurden noch am Tatort festgenommen
und sitzen nun in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Versuchter Totschlag.
Augenzeugen zufolge sollen sie vor ihrer Tat in der gegenüberliegenden
Diskothek »Jeton« gefeiert haben, berichtet Kuhlman.
Schon in der Vergangenheit war das »Jeton« Ausgangspunkt für
neonazistische Angriffe. »Hier verkehrt eine Melange aus Hooligans,
normalem Partypublikum und Rechtsextremisten«, erklärt Sabine
Kritter von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR).
Es könnte so eine Stimmung entstehen, in der gerade nachts MigrantInnen
und alternative Jugendliche die Umgebung der Diskothek meiden.
Inzwischen steht der Verletzte Jonas K., der nicht mehr in Lebensgefahr
schwebt, selbst im Visier der Ermittlungen. Er soll an einem Angriff auf
die vier Neonazis aus einer Gruppe von zehn jungen linken Männern
heraus beteiligt gewesen sein – bevor sie ihn zusammenschlugen.
Auch gegen einen anderen Mann wird deswegen ermittelt. Die Polizei nahm
ihn am Montag vorläufig fest. Dienstagabend war er wieder auf freiem
Fuß.
Die Ermittlungen dürften nicht zu einer Verharmlosung von Nazi-Gewalt
führen, fordert die Abgeordnete Evrim Baba von der Partei Die LINKE.
»Ob Jonas K. nun zu einer Gruppe linker Jugendlicher gehörte,
die nicht hinnehmen wollte, dass Personen mit Naziklamotten durch Friedrichshain
ziehen, ist zweitrangig. Fakt ist, dass es einen Mordversuch gegeben hat.«
Baba fordert Bezirk und Senat auf, den Betreibern des »Jeton«
eine klare Positionierung abzuverlangen.
Als Reaktion auf den Übergriff ruft ein breites antifaschistisches
Bündnis für Samstag, den 18. Juli, um 18 Uhr am Bersarinplatz
zu einer Demonstration »gegen rechten Terror« in Friedrichshain
auf.
Krude Debatte
Martin Kröger kritisiert die Medien zum Mordversuch
Die Ereignisse in Friedrichshain überschlagen
sich – und im Eifer der Auseinandersetzung scheinen insbesondere
manche Kommentatoren in den hiesigen Zeitungen den Durchblick einzubüßen.
Denn in einer Art und Weise, dass es einen graust, wird gegenwärtig
fleißig aus einem 22-jährigen Opfer von brutaler Nazi-Gewalt,
der am vergangenen Wochenende einen Tötungsversuch nur knapp überlebte,
ein Täter konstruiert.
In altbekannter Extremismus-Manier wird dabei alles glatt gebügelt:
Als wenn es keinen Unterschied macht, ob auf der einen Seite eine Gruppe
junger Linker rechtsextreme Klamotten kritisiert, so wie es auch in dieser
Stadt Politiker immer wieder als Zivilcourage einfordern, oder auf der
anderen Seite Rechtsextreme einen Kopf auf einen Bordstein legen, um das
Opfer mit einem finalen Kick umzubringen – genau wie in einschlägigen
Filmen.
Dass nun gegen die neonazistischen Täter lediglich wegen versuchten
Totschlags ermittelt wird, ist absolut unverständlich. Wer einen
Bordsteinkick ausführt, begeht wissentlich einen Mordversuch, nichts
anderes. Aus dieser Sicht ist es noch weniger nachzuvollziehen, dass in
den Medien vor allem über die Wut junger Linker geschrieben wird,
statt mit ihnen gemeinsam darüber nachzudenken, wie man endlich die
grassierende Neonazigewalt in Friedrichshain eindämmt, die seit Jahren
in der Stadt die Übergriffsranglisten anführt.
<<<
Presse
16.07.2009 Junge Welt
Dubioser Zeuge
Nach brutalem Neonaziüberfall in Berlin: Ausschreitungen vor bei
Rechten beliebter Diskothek. Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen Linke
Nach einem brutalen Überfall von Neonazis
auf einen Passanten in Berlin ist es in der Nacht zum Mittwoch zu schweren
Ausschreitungen vor einer bei Rechten beliebten Discothek gekommen. Nach
Polizeiangaben hatten etwa 200 überwiegend schwarz gekleidete Personen
die Diskothek Jeton in der Frankfurter Allee im Stadtteil Friedrichshain
mit Steinen beworfen. Dabei sollen Scheiben und Leuchtreklame sowie drei
davor geparkte Autos beschädigt worden sein. Das Lokal war zu diesem
Zeitpunkt geschlossen. Ein vorbeifahrender Einsatzwagen wurde ebenfalls
von Steinen getroffen, ein Beamter leicht verletzt. Die Polizei war mit
drei Hundertschaften vor Ort, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.
Am vergangenen Sonntag morgen hatten vier Neonazis in der Nähe der
Diskothek den 22jährigen Jonas K. zusammengschlagen. Die Männer
aus Königs Wusterhausen, Storkow und Mittenwalde hatten ihr Opfer
so lange traktiert, bis es das Bewußtsein verlor. Jonas K. erlitt
einen Jochbeinbruch, schwere Prellungen und Hirnblutungen. Die Schläger
konnten noch am Tatort festgenommen werden.
Doch inzwischen ermittelt die Polizei auch gegen den Geschädigten.
Ihm wird versuchte Körperverletzung vorgeworfen. Die Strafverfolger
rechnen K. zu einer Gruppe Linker, die kurz vor der Attacke Streit mit
den Neonazis gehabt haben soll. In diesem Zusammenhang war am Montag ein
Antifaschist vorläufig festgenommen worden. Der 26jährige sei
als »linker Gewalttäter« bekannt, heißt es in eine
Pressemitteilung der Polizei. Während der Auseinandersetzung habe
er einen der Neonazis angegriffen. Die Polizei stützt sich dabei
auf die Aussagen von einem der Neonazis. Der hatte behauptet, der Beschuldigte
habe ihn mehrmals ins Gesicht getreten. Doch nach Informationen von junge
Welt ist diese Darstellung wenig glaubwürdig. Schon bei einer Gegenüberstellung
blieb der Neonazi ziemlich unkonkret. »Ich bin mir nicht sicher,
aber Nummer fünf könnte es gewesen sein«, soll der Neonazi
laut Polizeiprotokoll gesagt haben.Zudem paßt der geschilderte Angriff
nicht zu den ärztlich attestierten Verletzungen. Lediglich eine Platzwunde
hatte der Mediziner diagnostiziert. Die Angaben eines weiteren Zeugen
wurden ignoriert. Dieser hatte die Situation detailliert geschildert und
den Antifaschisten entlastet. Die Beamten selbst hatten ihn als glaubwürdig
eingestuft. Diese Aussagen seien »folgerichtig und in sich logisch«,
heißt es im Polizeibericht. Dem folgte auch die Richterin und wies
am Dienstag abend den Antrag der Staatsanwaltschaft auf einen Haftbefehl
zurück.
Als »skandalös« bezeichnete Rechtsanwalt Sven Lindemann,
der Verteidiger des Beschuldigten, die Festnahme: »Hier soll ein
brutaler Angriff von Neonazis als eine ›Auseinandersetzung zwischen
rechten und linken Jugendlichen‹ verharmlost werden«, sagte
Lindemann am Mittwoch zu junge Welt. Kritik übt auch die Antifaschistische
Linke Berlin (ALB) am Vorgehen der Polizei. Es sei nicht hinzunehmen,
»daß couragiertes Eingreifen gegen Neonazis mit Festnahme
und Repression geahndet wird«, so ALB-Sprecher Alexander Heyden.
Für Samstag hat ein antifaschistisches Bündnis zu einer Demonstration
gegen rechte Gewalt aufgerufen. Beginn ist 18 Uhr am Bersarinplatz.
<<<
Presse
16.07.2009 Tagesspiegel
Linke Randalierer greifen Disko in Friedrichshain
an
Nach dem brutalen Angriff von vier Neonazis auf einen 22-Jährigen
haben Linksautonome eine Racheaktion gestartet: Etwa 200 Personen bewarfen
die Diskothek "Jeton" und einen Streifenwagen in der Nacht mit
Steinen. Der Besitzer der Disko erhielt "Hass-Mails".
Der Rechts-Links-Konflikt eskaliert weiter:
Nach dem brutalen Angriff von vier Neonazis auf einen 22-Jährigen
haben Linksautonome in der Nacht zu Mittwoch offenbar Rache genommen.
Etwa 200 Personen bewarfen die Diskothek „Jeton" in Friedrichshain
mit Steinen. Das Jeton gilt als Treffpunkt von Hooligans und Rechtsextremisten.
Die vier Rechten, die am Sonntag in Friedrichshain den Neuköllner
Jonas K. zusammenschlugen, sollen zuvor in der Diskothek in der Frankfurter
Allee gewesen sein. Die Brutalität der Tat vom Sonntag habe „offenkundig
die gewaltbereite linksextreme Szene weiter emotionalisiert und mobilisiert“,
sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch am Mittwoch dem Tagesspiegel.
Außerdem ist laut Glietsch schon im ersten Halbjahr die Zahl der
Gewaltdelikte von Linksextremisten gegen Rechtsextremisten gegenüber
dem gleichen Zeitraum des Vorjahres deutlich gestiegen: Von acht auf 21.
Die Angriffe von Rechten auf Linke seien hingegen von neun auf vier zurückgegangen,
sagte der Polizeipräsident.
Der Angriff auf das Jeton geschah gegen 23.15 Uhr. Dabei wurden die Verglasung,
die Leuchtreklame, eine Außentreppe und drei geparkte Autos beschädigt.
Die Diskothek war geschlossen. Die Täter warfen auch Steine auf einen
Funkstreifenwagen. Ein Polizist erlitt leichte Verletzungen. Auch Beamte
einer Einsatzhundertschaft wurden mit Steinen beworfen. Ebenso gingen
Scheiben des „Ringcenters“ zu Bruch. Dann flüchteten
die Täter.
Der Besitzer des Jeton, Ronny Berkahn, sagte dem Tagesspiegel: „Die
Täter haben vor meinem Laden Zettel von der Antifa hinterlegt. Darauf
steht ganz deutlich, dass es sich um eine Racheaktion für den Angriff
am Wochenende handelt.“ Außerdem habe er „Hass-E-Mails“
erhalten, in denen Unbekannte drohten, seinen „Laden abzufackeln“,
sagte Berkahn. Er distanzierte sich von den Auseinandersetzungen. „Diese
ganze Gewalt ist von beiden Seiten Schwachsinn“, sagte er. Berkahn
betonte, bei ihm seien „auch Ausländer und Dunkelhäutige
zu Gast“. Und er bezweifelt, dass die vier Neonazis in seinem Laden
gefeiert haben. „Zu dem Zeitpunkt, als die Tat passierte, war meine
Disko schon zwei Stunden zu. Außerdem hatten wir an jenem Abend
eine Schaumparty: Die Männer hätten doch nass gewesen sein müssen“,
glaubt Berkahn.
Ein Zusammenhang zwischen dem Angriff auf Jonas K. und der Randale am
Jeton sei „nicht abwegig, aber bisher nicht zu belegen“, hieß
es bei der Polizei. Wie berichtet, hatten die vier Rechten am Sonntagmorgen
auf einem Weg zwischen U- und S-Bahnhof Frankfurter Allee K. bewusstlos
geschlagen. Dann legten sie seinen Kopf auf den Weg. Der Haupttäter
trat auf den Kopf des Opfers.
Zuvor waren die vier Rechten mit einer Gruppe Linker aneinandergeraten.
Dabei erlitt einer der Rechten eine Platzwunde am Kopf. Wie sich später
bei den Ermittlungen herausstellte, gehörte vermutlich auch Jonas
K. zur Gruppe der Linken. Er kam mit Hirnblutungen in eine Klinik.
Unterdessen kritisierte der Anwalt eines mutmaßlich beteiligten
und am Montag festgenommenen Linken die Strafverfolger. Sein Mandant sei
wegen der vagen Aussage eines der Neonazis der Haftrichterin vorgeführt
worden, sagte Sven Lindemann. Die Richterin sah keinen dringenden Tatverdacht
und wies den Antrag auf Haftbefehl zurück. Bei dem Rechten, der den
Linken belastet hatte, handelt es sich nach Informationen des Tagesspiegels
um Michael L. Er sei bereits 2005 bei einer Feier zu Hitlers Geburtstag
aufgefallen, hieß es in Sicherheitskreisen.
Zuletzt geriet das Jeton im August 2005 durch eine große Razzia
in die Schlagzeilen. Spezialeinsatzkommandos (SEK) stürmten die Diskothek,
weil dort angeblich Hooligans vor einem Spiel des 1. FC Union gegen BFC
Dynamo Krawalle verabredeten. Am Sonnabend will ein linkes Bündnis
in Friedrichshain demonstrieren. Das Motto lautet „Gegen rechte
Gewalt. Für ein weltoffenes Friedrichshain“. Treffpunkt ist
um 18 Uhr am Bersarinplatz. Die Demonstranten wollen zum S-Bahnhof Frankfurter
Allee marschieren – der Weg führt auch vorbei am „Jeton“.
Kommentarleiste
Kreisklassenklopperniveau
Frank Jansen über rechte und linke Gewalt in Berlin
Linke greifen Rechte an, Rechte schlagen
einen Linken fast tot, Linke randalieren vor einer Diskothek, in der die
Rechten gezecht hatten - was sich derzeit in Berlin-Friedrichshain abspielt,
klingt nach großem Aufruhr. Es ist auch nicht auszuschließen,
dass weiter Gewalttat auf Gewalttat folgt, dass sich Rechtsextremisten
und Antifa in Racheaktionen verkeilen und den Eindruck erwecken, sie wollten
den Untergang der Weimarer Republik reproduzieren. Jedenfalls ist es beiden
Spektren gelungen, reichlich Aufmerksamkeit zu erregen. Bei der für
Sonnabend angekündigten Linken-Demo werden vermutlich mehr Medienmenschen
auftauchen, als sonst bei einem Antifa-Event zu erwarten wären. Doch
die großen Schlagzeilen produzieren auch eine gefährliche Halluzination.
Der Links-rechts-rechts-links-Konflikt erscheint zunehmend wie eine Auseinandersetzung
politischer Schwergewichte. Das hätten die Teilnehmer auch gerne.
Viele Rechtsextremisten sehen sich als wiedergeborene SA, bei der Antifa
schwingt die als legitimierend empfundene Erinnerung an den kommunistischen
Rotfrontkämpferbund, an die Kämpfer der internationalen Brigaden
und der anarchistischen Milizen im spanischen Bürgerkrieg mit. Doch
die Realität heute sieht anders aus, trotz aller Gewalt.
Die rechten Schläger und die linken Kontrahenten sind subkulturelle
Phänomene und keineswegs Massenorganisationen. SA und Rotfront bleiben
Relikte der Vergangenheit, glücklicherweise. Die Demokratie der Bundesrepublik
hat ein so großes Eigengewicht, dass Neonazis und Antifa über
ein Randgruppendasein in absehbarer Zeit nicht hinauskommen.
Die Konflikte zwischen Linksradikalen und Rechtsextremisten bewegen die
Mehrheit der Bevölkerung weniger als ein Länderspiel zwischen
Deutschland und Liechtenstein. Darüber könnten die Linken, deren
intellektuelles Potenzial das der Nazi-Schläger überragt, ein
wenig mehr nachdenken. Es gibt kein Naturgesetz, wonach der Antifaschismus
sich dem Kreisklassenklopperniveau der rechten Szene anzupassen hat.
<<<
Presse
16.07.2009 TAZ
Angriff auf Berliner "Nazi-Disco"
Linke Demonstranten greifen in Berlin eine Disko mit Steinen an. Dort
sollen Rechte gefeiert haben, die am Sonntag eine 22-Jährigen schwer
verletzt haben. Der Disko-Betreiber weist das zurück.
Nach einer brutalen Auseinandersetzung zwischen
der linken Szene und Rechtsextremen am Wochenende eskaliert der Konflikt
in Berlin. Am späten Dienstagabend wurde im Stadtteil Friedrichshain
die Diskothek Jeton von rund 200 Personen angegriffen. Dabei wurden durch
Steinwürfe mehrere Fenster zerstört. Das Jeton gilt in der linken
Szene als Treffpunkt junger Rechter.
In unmittelbarer Nähe der Diskothek war es am frühen Sonntagmorgen
zu einem brutalem Streit zwischen mehreren Linken und vier Rechten gekommen
(taz berichtete). Dabei hatte zunächst einer der Rechtsextremen eine
Platzwunde am Kopf erlitten. Ein 22-jähriger Linker, der bereits
bewusstlos am Boden gelegen haben soll, wurde dann von einem Neonazi auf
eine Bordsteinkante geschleift. Durch Tritte auf den Hinterkopf erlitt
er Hirnblutungen, Prellungen und einen Jochbeinbruch. Er lag am Mittwoch
noch auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Die vier Neonazis und
einer der Linken wurden festgenommen.
Die Stimmung in der linken Szene sei aufgewühlt und geschockt, heißt
es aus Antifa-Kreisen. Die Attacke gegen die Diskothek wird offen als
Revanche bezeichnet. Im Jeton würden immer wieder junge Rechtsextreme
feiern, sagen Teilnehmer der Spontandemonstration. Auch die vier rechten
Schläger vom Sonntagmorgen hätten zuvor das Jeton besucht. Der
Betreiber der Disco streitet das ab. Sein Laden sei offen für alle,
selbst "Türken und Fidschis feiern hier", sagte Geschäftsführer
Ronny Berkahn der taz. Mittlerweile habe ihm die Polizei mitgeteilt, dass
die vier rechten Schläger nicht Gäste seiner Diskothek waren.
Die Polizei hat sich noch nicht dazu geäußert.
Von der nur wenige Minuten dauernden Demonstration am Dienstagabend war
die Polizei offenbar überrascht worden. Als mehrere Hundertschaften
eintrafen, waren die meisten linken Demonstranten bereits in die Seitenstraße
entschwunden. Ob es überhaupt Festnahmen gab, war gestern Nachmittag
unklar.
Bereits am Montag war es zu ähnlichen Protesten in Rostock gekommen.
Bei einem Protestzug von rund 80 Angehörige der linken Szene waren
Mülltonnen angezündet worden, ein Polizeifahrzeug wurde beschädigt.
Der in Berlin schwerverletzte 22-Jährige soll aus Mecklenburg-Vorpommern
stammen.
Für Samstag mobilisieren linke Gruppen zu einer Demonstration gegen
die brutale Attacke auf den 22-Jährigen. Sie soll auch am Jeton vorbeiziehen.
Die Polizei hat noch nicht entschieden, ob sie die geplante Demoroute
genehmigen wird.
<<<
Presse
16.07.2009 TAZ
"Es war wie im Horrorfilm"
Am fast tödlichen Übergriff auf einen Linken waren viel mehr
Rechte beteiligt als bisher bekannt, sagt eine Zeugin der taz. Freunde
des Opfers sind schockiert.
"Es war wie in einem Horrorfilm",
erzählt die junge Verkäuferin über die brutale Auseinandersetzung
zwischen Neonazis und jungen Linken am Sonntagmorgen. Bereits seit 5 Uhr
morgens habe sie in einem Shop an der Passage zwischen U- und S-Bahn-Eingang
Frankfurter Allee gearbeitet. Kurz vor sechs sei es vor dem Laden zum
Streit zwischen zwei Gruppen mit je rund zehn Leuten gekommen. Auslöser
sei der Pitbull eines Rechten gewesen, der einen der Linken angestupst
habe. Als jener gerufen habe: "Nimm deinen rechten Köter weg!",
sei es zu der Schlägereien in kleinen Gruppen gekommen, so die Frau
zur taz.
Schließlich habe einer der Neonazis eine Bierflasche zerbrochen
und damit einem der Linken ins Gesicht geschlagen. "Sein ganzes Gesicht
war voller Blut, er wurde von drei Leuten geprügelt", erzählt
die junge Frau, die nach eigenen Angaben die Polizei alarmiert hat. Diese
sei innerhalb von zwei Minuten eingetroffen. Ob es sich bei dem vor ihrem
Laden Verprügelten um Jonas K. handelte, der später auf einer
Bordsteinkante liegend durch einen Tritt beinahe getötet wurde, kann
die Verkäuferin allerdings nicht sagen. Ihre Aussage steht im Widerspruch
zu bisherigen Darstellungen. Danach geht die Polizei nur von vier Neonazis
aus, die in den Kampf verwickelt gewesen sein sollen.
Jochen Z. ist von dem Angriff auf Jonas K. auch vier Tage nach dem Vorfall
noch sichtlich mitgenommen. "In der Situation dachte, ich der Typ
wäre tot", sagte der Zeuge des Vorfalls der taz. Sein Blick
ist starr, er wirkt benommen. Dass er aufgewühlt ist, lassen nur
seine Tränen wissen. Z. habe zwar einige gewalttätige Vorfälle
erlebt, aber so was kenne er nur aus Filmen. "Es übertrifft
all meine Vorstellungen - da wurde echt auf ein Menschenleben geschissen",
erzählt er. Erst als Passanten den Mund von Jonas K. öffneten
und ein flaches Röcheln zu hören war, wusste Jochen, dass das
Opfer noch lebt.
Wie er mit dem Geschehenen umgehen soll, weiß er eigentlich nicht.
Er redet viel mit seinen Freunden und will sich am Samstag auch an der
Demo beteiligen. Doch die Bilder wollen nicht aus seinem Kopf. Vor allem
"diese Starre der Hilflosigkeit möchte ich weghaben und handeln
können".
Auch viele Freunde und Bekannte von Jonas K. finden keine Ruhe. Am Dienstag
wurde er kurzzeitig auf die Intensivstation verlegt. Bleibende Schäden
sind bisher ausgeschlossen, vernehmungsfähig ist der Neuköllner
aber nicht. "Die Folgen der Attacke sind heftig", sagt Michael
F. Auch Mandy R. ist noch schockiert, sie malt sich oft die Szene in ihrem
Kopf aus: "Das geht mir dann durch Mark und Bein. Jede Bewegung und
jedes Stöhnen von Jonas lässt mich jetzt aber wissen, er ist
noch da."
<<<
Presse
15.07.2009 Junge Welt
»Er liegt auf der Intensivstation«
Brutaler Neonaziübergriff in Berlin-Friedrichshain. Demonstration
gegen rechts am Sonnabend. Ein Gespräch mit Clemens Hetzel
Clemens Hetzel ist Sprecher
der Antifaschistischen Linken Berlin
Am Sonntag kam es in Berlin-Friedrichshain zu einem brutalen Angriff von
Neonazis. Was genau ist passiert?
Morgens gegen halb sechs griffen Neonazis zwischen S- und U-Bahnhof Frankfurter
Allee erst Linke und unmittelbar danach eine Gruppe von Passanten an,
die glücklicherweise fliehen konnte. Als dann ein weiterer Unbeteiligter
ihren Weg kreuzte, schlugen sie solange auf ihn ein, bis er das Bewußtsein
verlor. Einer der Nazis zog ihn dann auf den Gehweg, legte sein Gesicht
auf die Bordsteinkante und trat mit aller Kraft zu.
Das Opfer liegt jetzt mit schweren Verletzungen – unter anderem
Hirnblutungen – im Krankenhaus auf der Intensivstation. Selbst die
Berliner Polizei, die bei rechten Übergriffen nicht gerade für
ihre Sensibilität bekannt ist, sagt, es sei ein Wunder, daß
das Opfer überlebt habe. Die vier Nazis wurden noch am Tatort festgenommen
und sitzen in Untersuchungshaft.
In welchem Kontext sehen
Sie den Angriff?
Der Angriff macht uns in erster Linie wütend und zeigt uns, wie notwendig
eine antifaschistische Abwehr gerade an Brennpunkten wie dem S- und U-Bahnhof
Frankfurter Allee ist. Wir erinnern uns an den versuchten Mord im März
vergangenen Jahres, als eine Rassistin dort einen Schwarzen vor die U-Bahn
schubste. Auch Gäste der Großraumdisko »Jeton«
greifen hier seit Jahren Alternative, Migranten sowie Schwule und Lesben
an. Die Übergriffe geschehen meist spontan und mit sehr großer
Brutalität. Auch durch den im Februar eröffneten Thor-Steinar-Laden
in der Petersburger Straße flanieren immer häufiger Neonazis
durch den Kiez.
Berlins Innensenator
Ehrhart Körting (SPD) verurteilte die Tat. Er sagte, sie zeige, wohin
es führen könne, wenn Gewalt zur politischen Auseinandersetzung
gebraucht wird ...
Körting versucht mit seiner Aussage, die Übergriffe von Neonazis
zu relativieren und mit antifaschistischem Engagement gleichzusetzen.
Er suggeriert und konstruiert damit aber auch eine friedliche gesellschaftliche
Mitte. Die es so einfach nicht gibt. Fakt ist: Hätten die Linken,
die von den Neonazis zuerst angegriffen worden sind, selbige handlungsunfähig
gemacht, wäre es nie zu diesem folgenschweren Übergriff gekommen.
<<<
Presse
15.07.2009 Tagesspiegel
Neonazi-Attacke: Opfer war vermutlich kein
Unbeteiligter
Zwei Tage nach dem Gewaltexzess in Friedrichshain gibt es neue Erkenntnisse
zum Tatablauf. Das Opfer gehörte offenbar zur Gruppe junger Linker,
die mit den Rechtsextremen in Streit geriet. Politiker fordern, die Tat
als Mordversuch zu werten.
Die Tat war grässlich, doch ihr Ablauf
stellt sich inzwischen etwas anders dar als zunächst bekannt. Der
von Rechtsextremisten in der Nacht zu Sonntag lebensgefährlich verletzte
Student Jonas K. war nach Tagesspiegel-Informationen offenbar kein unbeteiligter
Passant. Jonas K. habe zu der Gruppe junger Linker gehört, die mit
den Rechtsextremisten am S-Bahnhof Frankfurter Allee in Streit gerieten,
hieß es am Dienstag in Sicherheitskreisen. Bei der Schlägerei
hatte ein Rechtsextremist eine Platzwunde am Kopf erlitten. Gegen K. wird
nun, wie auch im Fall der anderen Linken, wegen des Verdachts auf gefährliche
Körperverletzung ermittelt. Einen weiteren Linken, der auch der Gruppe
zugerechnet wird, nahm die Polizei am Montag fest. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft
lautet auch hier gefährliche Körperverletzung. Nach Auskunft
der Polizei kam der Mann jedoch am Dienstagabend wieder frei.
Die ersten Erkenntnisse der Polizei zur Tat hatten zunächst ein teilweise
anderes Bild des Tatgeschehens ergeben. Die Ermittler waren am Sonntag
davon ausgegangen, dass die Linken nach der Auseinandersetzung mit den
Rechtsextremisten verschwunden waren und kurz darauf Jonas K. zufällig
vorbeikam. Unstrittig bleibt bislang jedoch, dass die Rechtsextremisten
den Studenten schwer misshandelten. Einer der Täter legte den offenbar
schon völlig wehrlosen Jonas K. mit dem Gesicht nach unten auf den
Gehweg und trat ihm auf den Kopf.
Die Brutalität erinnert an eine Szene aus dem Spielfilm „American
History X“, in dem ein Nazi-Skinhead einem Schwarzen einen tödlichen
„Bordsteinkick“ versetzt. Animiert durch den Film hatte im
Juli 2002 ein Rechtsextremist im brandenburgischen Potzlow einen Schüler
mit einem Sprung auf den Kopf ermordet.
Was sich in Friedrichshain abgespielt hat, ist allerdings noch nicht vollkommen
geklärt. Bislang gilt folgende Version als wahrscheinlich: Die vier
Rechtsextremisten kommen gegen 5 Uhr 40 aus der Diskothek Jeton an der
Frankfurter Allee. Im Jeton verkehren häufig Hooligans und Neonazis.
Eine Gruppe von etwa zehn Linken sieht, dass einer der Rechten eine Jacke
der in der braunen Szene beliebten Marke Thor Steinar trägt. Die
Linken gehen aggressiv auf die Rechten zu, es kommt zur Schlägerei.
Einer der Rechten bekommt eine Platzwunde ab, die Linken hören auf
und entfernen sich. Warum Jonas K. zurückbleibt, ist unklar. Die
Rechtsextremisten lassen jedenfalls ihre Wut an dem Studenten aus. Einer
der Rechten tritt Jonas K. auf den Kopf. Der Student überlebt nur
knapp. Es geht ihm weiterhin sehr schlecht.
Die vier Rechtsextremisten aus Berlin und Brandenburg sitzen in Untersuchungshaft.
Die Staatsanwaltschaft hält ihnen versuchten Totschlag und gefährliche
Körperverletzung vor. Dass die Behörde die Tat nicht als versuchten
Mord wertet, stößt in Teilen der Politik auf Verwunderung.
Bei einem Bordsteinkick sei es doch eindeutig, dass der Täter das
Opfer ermorden will, sagte Udo Wolf, stellvertretender Vorsitzender der
Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Aus seiner Sicht sei das Verbrechen
in Friedrichshain mit dem Fall Potzlow vergleichbar. Dort wurde der Haupttäter
wegen Mordes verurteilt. Für den Vizechef der SPD- Fraktion, Fritz
Felgentreu, ist es logisch, dass die Staatsanwaltschaft vor Erhebung der
Anklage im Fall Friedrichshain prüfen muss, ob versuchter Mord vorliegt.
Erst recht, wenn das Opfer wegen seiner politischen Einstellung malträtiert
worden sei.
Kommentar
Die Grenzen gesellschaftlicher Sicherheit
In Berlin Friedrichshain verletzten Rechtsextreme
einen jungen Mann lebensgefährlich mit einem Tritt auf den Kopf.
Solche Fälle zwingen uns zur Beschäftigung mit dem Ungeheuerlichen
Das Stück Der Kick ist nur schwer zu ertragen. Der Dokumentarfilmer
Andres Veiel verarbeitet darin den Foltermord von Potzlow aus Gesprächen
mit Beteiligten und Betroffenen zu einem beklemmenden Psychogramm. Drei
junge Männer hatten 2002 in dem uckermärkischen Dorf einen Jugendlichen
entsetzlich gequält; schließlich zwangen sie ihr Opfer, das
für sie „linksorientiert“ war, in die Kante eines steinernen
Futtertrogs zu beißen. Marcel S. sprang dem Jungen mit seinen schweren
Stiefeln in den Nacken. Nur noch Matsch sei der Kopf seines Opfers am
Ende gewesen, sagte Marcel S. vor Gericht. Im vergangenen Sommer wurde
er vorzeitig aus der Haft entlassen. Die Wirklichkeit ist manchmal schier
unerträglich.
Die Täter von Potzlow kannten den Tritt auf den Hinterkopf aus dem
Film „American History X“, in dem ein Neonazi auf ähnliche
Weise einen Schwarzen an einer Bordsteinkante tötet. Auch die Täter
von Friedrichshain, polizeibekannte Rechtsextremisten, die am vergangenen
Sonntagmorgen einen jungen Mann lebensbedrohlich verletzten, legten ihr
Opfer vor dem finalen Tritt mit dem Gesicht auf den Gehweg.
Eine abscheuliche Tat, aber auch eine abscheuliche Tatbeschreibung. Es
sind die bekannt gewordenen Details dieses Verbrechens, das es heraushebt
aus der Masse der Gewaltkriminalität, die zumeist als Randnotiz hingenommen
wird – und es ist der Hinrichtungscharakter, der zusätzlich
schockierend wirkt. Statistik ist abstrakt: tausende Taten, mal ein paar
mehr, mal weniger; so entsteht keine Empathie für die Opfer. Doch
das hier, konkret, löst eine Kettenreaktion der Gefühle aus:
Entsetzen, Mitleid, Wut. Man will es so genau gar nicht wissen, und schaut
doch hin. Es ist einer dieser Fälle, die zur Beschäftigung mit
dem Ungeheuerlichen zwingen: mit grenzenloser Gewaltbereitschaft jenseits
der eigenen Vorstellungskraft – und mit den Grenzen gesellschaftlicher
Sicherheit und Vergeltung.
Dazu gehört auch die Prüfung eigener Wahrnehmung und Relativierung,
dazu gehört auch das Erschrecken über die Macht des Zufalls.
Der islamophobe Mord an einer kopftuchtragenden Ägypterin in einem
Dresdner Gerichtssaal hat die deutsche Öffentlichkeit weniger aufgewühlt
als der Familienmord an einer kopftuchverweigernden Deutschen kurdischer
Herkunft an einer Berliner Bushaltestelle.
Die Gewaltorgie Schweizer Schüler in München, die auch einen
Behinderten brutal gegen den Kopf traten, wird eher wie ein Kuriosum verbreitet;
als ebenfalls in München zwei junge Migranten in der U-Bahn einen
Rentner an den Rand des Todes traten, wurde dies zum Politikum. Das allein
mit Kulturrassismus erklären zu wollen, wäre indes ein Kurzschluss;
Informationen und Gefühle folgen nicht immer nur Vorurteilen. Auch
hier spielt der Zufall seine Rolle, wie bei jeder Messerstecherei. Zwischen
Fleischwunde und Exitus, zwischen Körperverletzung und Totschlag
liegt hier oft nur ein Zentimeter. Ein Bier mehr im Club hätte Täter
und Opfer in Friedrichshain zeitlich aneinander vorbeigeführt. Unheimlich
auch das.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Tätern von Friedrichshain einstweilen
versuchten Totschlag vor, nicht, wie in den Fällen aus München,
versuchten Mord. Das mag taktische Gründe haben. Ermittelt wird jedenfalls
auch gegen das Opfer. Der Mann soll zu einer Gruppe junger Linker gehören,
die zuvor die späteren Täter verletzten. – Die Wirklichkeit
ist manchmal nicht nur schwer zu ertragen; manchmal ist sie auch schwer
zu ergründen.
<<<
Presse
15.07.2009 Morgenpost
Staatsschutz ermittelt gegen 22-Jährigen
Nach dem Überfall von vier Neonazis
auf einen 22-Jährigen in Friedrichshain führten die Ermittlungen
des Polizeilichen Staatsschutzes zu neuen Erkenntnissen. Die Beamten ermitteln
nun auch gegen zwei Männer aus dem linken Spektrum wegen gefährlicher
Körperverletzung.
"Wir ermitteln gegen einen 26-Jährigen, der einschlägig
vorbestraft ist, und gegen einen 22-Jährigen aus Neukölln",
sagt ein Polizeisprecher. Bei dem 22-Jährigen handelt es sich um
den Mann, der nach der Schlägerei am Sonntagmorgen in der Nähe
des S-Bahnhofes Frankfurter Alle in Friedrichshain lebensgefährlich
verletzt wurde.
Beide Männer sollen zu einer Gruppe von Linken gehören, die
sich am vergangenen Sonntag über die Kleidung der vier Neonazis (20,
22, 24 und 26) lustig machten und einen der aus Brandenburg stammenden
Männer angriffen. Dann kam es zu einer Schlägerei, wobei der
26-jährige Neonazi eine Platzwunde am Kopf erlitt. "Offensichtlich
hat sich der 22-Jährige an der Schlägerei aktiv beteiligt",
sagt ein Polizeisprecher.
Dann soll nach Polizeiangaben die Gruppe von Linken verschwunden sein,
wobei der 22-Jährige etwas zurückblieb. Dann kam es wie berichtet
zu der Schlägerei, bei der die vier Neonazis den 22-jährigen
Neuköllner bewusstlos prügelten und lebensgefährlich verletzten.
Mit schweren Prellungen, Hirnblutungen und einem Jochbeinbruch kam er
in ein Krankenhaus. Die vier Brandenburger wurden festgenommen. Gestern
erließ ein Ermittlungsrichter gegen die vier Männer Haftbefehl
wegen versuchten Totschlags.
<<<
Presse
15.07.2009 BZ
Steinwürfe, Angriffe auf Polizisten,
zersplitterte Scheiben, demolierte Autos.
200 vermummte linke Chaoten haben Dienstagabend
in der Frankfurter Allee in Friedrichshain ein Chaos angerichtet. Die
Polizei musste mit 200 Beamten anrücken, ein Polizist wurde am Kopf
verletzt. Erst nach über einer Stunde hatte sich die Lage beruhigt.
Der Staatsschutz ermittelt, es geht um besonders schweren Landfriedensbruch,
Sachbeschädigung und Diebstahl.
B.Z. konfrontierte den Regierenden Bürgermeister
Klaus Wowereit (SPD) am Mittwoch mit den Fotos der nächtlichen Verwüstung.
Er verurteilte die Ausbrüche und mahnte: „Gewalt, egal von
wem sie ausgeht, darf in unserer Stadt keinen Platz haben!“ Wowereit
weiter: „Die Polizei bemüht sich intensiv um Aufklärung.
Täter, die mit vermeintlich politischen Zielen zu verdecken versuchen,
dass es ihnen eigentlich nur um Gewalt und Regelverstöße geht,
dürfen auf keine Akzeptanz stoßen. Denn wer Gewalt ausübt
oder andere Gesetze verletzt, überschreitet eine Grenze, die wir
gemeinsam verteidigen müssen.“
Chef der Polizeigewerkschaft
über Straßenterror schockiert
Angriffsziel der Autonomen war die Diskothek „Jeton“. Zu ihren
Gästen sollen viele Neonazis und Skinheads zählen. Um 22.15
Uhr versammelten sich die Linken vor der Disco. Um 23.17 Uhr eskalierte
die Situation, Steine flogen, Fenster gingen zu Bruch – Großeinsatz
für die Polizei mit drei Hundertschaften. Die Täter flüchteten
in kleinen Gruppen in die Nebenstraßen. In der Rigaer Straße
errichteten sie eine Straßenblockade und warfen zudem noch Scheiben
des Ringcenters ein. Erst um 23.30 Uhr hatte sich die Lage wieder beruhigt.
Ein Steinewerfer wurde festgenommen.
Bodo Pfalzgraf, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft war schockiert.
Er sprach davon, dass ein ganzer Kiez von einem Straßenmob terrorisiert
werde – und die Politik tatenlos zuschaue.
War der Angriff ein Racheakt der linken Szene? Laut Polizei sei es möglich,
dass die Steinwürfe auf die Diskothek im Zusammenhang mit dem lebensgefährlichen
Angriff von rechtsextremen Schlägern auf den Studenten Jonas K. stehen.
Der 22-Jährige soll der linken Szene angehören. Er wurde Sonntagmorgen
nahe der Disco von vier Neonazis zusammengeschlagen. Das Opfer kam mit
Hirnblutungen, einem Jochbeinbruch und schweren Prellungen ins Krankenhaus.
Er ist inzwischen außer Lebensgefahr.
Gegen die rechten Schläger wurden Haftbefehle wegen versuchten Totschlags
erlassen.
<<<
Presse
15.07.2009 TAZ
Neonazis wollten Studenten töten
In Berlin-Friedrichshain, einem Bezirk mit starkem alternativen Milieu,
treten Neonazis einen 22-Jährigen fast tot. Antifa-Gruppen mobilisieren
für Samstag zu einer Gegen-Demonstration.
Sonntagmorgen 5.45 Uhr, Berlin Friedrichshain:
Der 22-jährige Jonas K. wird am Bahnhof Frankfurter Allee von vier
jungen Rechtsextremen angepöbelt, geschlagen und getreten. Irgendwann
bleibt Jonas K. bewusstlos liegen. Dann schleift ihn der 26-jährige
Neonazi Oliver K. auf den Fahrradweg, legt ihn mit dem Gesicht nach unten
und tritt ihm gegen den Hinterkopf. Jonas K. wird später lebensgefährlich
verletzt auf die Intensivstation eingeliefert: Hirnblutungen, Jochbeinbruch,
Prellungen.
Es ist eine Tat, die viele Berliner erschüttert hat. Zumal sie in
einem bisher als alternativ geltenden Kiez stattgefunden hat: Friedrichshain.
Grünen-Hochburg, Wohn- und Ausgehgebiet vieler Alternativer und Linken.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) spricht von einer "schrecklichen
Tat". Sein Parteikollege Andreas Geisel fordert "ernste Konsequenzen"
für die Täter. Die Grünen appellieren für mehr Zivilcourage
gegen rechts. Am Montag versammelten sich rund 150 Personen zu einer Mahnwache
am Tatort. Antifa-Gruppen mobilisieren für Sonnabend zu einer Demonstration
in Friedrichshain.
Wie genau es zu der Tat kam, ist noch immer nicht geklärt. Sicher
ist, dass die vier 20- bis 26-Jährigen den Abend im "Jeton",
einer auch bei Rechten und Hooligans beliebten Diskothek, verbracht hatten.
Auf dem Heimweg gerieten sie am Bahnhof Frankfurter Allee in einen Streit
mit einer Gruppe von zehn Linken. Laut Ermittlungen könnte auch Jonas
K. zu dieser Gruppe gehört haben. Warum der 22-Jährige zurückgeblieben
sein soll, als sich die Gruppen trennten, ist noch unbekannt. Die vier
Neonazis hätten das Opfer dann weiter attackiert.
Seit Montagabend sitzen die noch am Tatort festgenommenen Rechtsextremen
in Untersuchungshaft. Zeugen hatten die Polizei alarmiert, waren aber
nicht eingeschritten. Es bestehe ein dringender Tatverdacht des versuchten
Totschlags und der gefährlichen Köperverletzung, sagt Martin
Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Zwei der Angeklagten bestritten
eine Tatbeteiligung, die anderen beiden würden schweigen. Die Polizei
berichtet von einschlägigen rechten Propaganda- und Gewaltdelikten
der Verdächtigen.
Am Dienstag nahm die Polizei auch einen 26-Jährigen fest, der zu
der Gruppe der Linken gehört und einem der Neonazis eine Platzwunde
zugefügt haben soll. Laut Polizeiangaben ist Jonas K. noch nicht
vernehmungsfähig, schwebt aber nicht mehr in Lebensgefahr. Er habe
die Intensivstation inzwischen verlassen.
Die Tat im alternativen Friedrichshain habe viele aufgewühlt, berichtet
Sabine Kitter von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. "Der
22-Jährige wurde Opfer, weil er als Linker eingeschätzt wurde.
Es hätte auch viele andere hier treffen können." Kitter
spricht von einer "extrem brutalen Tat, die es in dieser Stadt selten
gab". Das Areal um den Bahnhof Frankfurter Allee und das "Jeton"
ziehe aber bereits seit Längerem auch Rechte an. Erst im vergangenen
März gab es einen fremdenfeindlichen Vorfall an fast gleicher Stelle:
Eine Frau hatten einen Afrikaner auf dem Bahnsteig rassistisch beschimpft
und ins Gleisbett gestoßen. Passanten zogen den Mann zurück
auf den Bahnsteig. Die Frau wurde zu 3,5 Jahren Haft verurteilt. Laut
Kitter gab es in Friedrichshain in diesem Jahr bereits sechs rechtsextreme
Übergriffe. Berlinweit zählte der Verfassungsschutz 2008 1.377
rechtsextreme Straftaten, darunter 91 Gewaltdelikte. Im Vorjahr waren
es 74 Gewalttaten.
Die vier Täter selbst sind hingegen keine Berliner. Sie kommen vom
Berliner Stadtrand, aus Dörfern rund um das brandenburgische Königs
Wusterhausen. "Das verwundert mich nicht", sagt Andrea Nienhuisen
vom Mobilen Beratungsteam Brandenburg. "Die rechte Szene hat in der
Gegend eine lange Tradition und ist sehr aktiv." Die Tat in Friedrichshain
weckt Erinnerungen an einen Fall im brandenburgischen Potzlow: Dort wurde
2002 der 16-Jährige Marinus Schöberl von Neonazis mit einem
Nackentritt getötet.
<<<
Presse
14.07.2009 Taggesspiegel
Mord ist das Wort
Peter von Becker über die Neonazi-Attacke in Berlin-Friedrichshain
Berlin - Gewalt in der Großstadt
oder Aggressionen auf dem Land, sie treffen Obdachlose, Ausländer,
Mitschüler, S- Bahnfahrer, Busreisende oder eben ganz einfach, ganz
zufällig nur: Mitmenschen. Ob rechte Brutalität oder alkoholisierte
Rohheit, man hat sich an die laufenden Meldungen schon fast gewöhnt.
Bis es wieder passiert, und ein Fall plötzlich heraussticht aus dem
alltäglichen Horror, gleich hier. Fast vor der eigenen Haustür.
Zu Recht regt man sich in Berlin nun auf über die barbarische, nur
durch Zufall nicht tödliche Misshandlung eines 22-jährigen Studenten
durch vier junge Brandenburger nachts beim S-Bahnhof Frankfurter Allee
in Friedrichshain.
Am Montagabend erging gegen die Festgenommenen Haftbefehl. Aber die Haftgründe
lauten: "versuchter Totschlag" und "schwere Körperverletzung".
Das macht einen stutzig. Denn es wäre erstaunlich und gar empörend,
wenn die Berliner Staatsanwaltschaft nicht sehr schnell und ausdrücklich
wegen versuchten Mordes ermitteln würde.
Die Schläger haben nach Zeugenaussagen und den blutigen Indizien
ihr bereits bewusstloses Opfer über den Gehweg bis zum Rinnstein
geschleift, ihn mit dem Gesicht nach unten auf die Bordsteinkante gelegt
und auf seinen Hinterkopf getreten. Dieser Akt, der auf Schädel-
und Genickbruch zielt, ist aus Filmen und Gewaltpornos bekannt. So wurde
vor einigen Jahren ein Sechzehnjähriger im brandenburgischen Potzlow
von Neonazis getötet.
Vom gemeinen Totschlag unterscheidet sich das Mord-Delikt des § 211
Strafgesetzbuch unter anderem durch "Mordlust" oder sonstige
"niedrige Beweggründe" sowie objektive Umstände wie
beispielsweise Grausamkeit und Heimtücke. In Fall von Friedrichshain
geht es um versuchten Mord. Mord ist das Wort, das auch der dumpfbackigste
Hilfsschüler, die hinterletzte Glatze versteht. Es hat Jahre und
Jahrzehnte gedauert, bis die Justiz in einigen ostdeutschen Bundesländern
begriffen hatte, dass es mehr ist als "gefährliche Körperverletzung",
wenn einem Menschen mit etwas dunklerer Hautfarbe der Kopf mit Baseballschlägern
traktiert wurde und das Opfer nicht starb, sondern als lebenslänglich
Schwerbehinderter überlebte.
Deshalb ist es keine bloß prozedurale oder prozesstaktische Frage,
ob extreme, mordlustigste Gewalt von der Justiz auch sofort beim Namen
genannt wird. Auch gegen den Messerstecher von Dresden wird jetzt nicht
mehr wegen Totschlags ermittelt. Und die bayerische Justiz plädiert
spätestens seit der video-bekannten S-Bahnattacke von München
in solchen Fällen auf Mord oder Mordversuch. Das sollten auch Berlins
Justiz und ihre Senatorin Gisela von der Aue begreifen.
<<<
Presse
14.07.2009 Firmenpresse
Die Betreiberfirma von „Thor Steinar“
distanziert sich von Gewalttat
Die Firma Mediatex GmbH distanziert sich entschieden von allen Gewalt-
und Straftaten.
Insbesondere von der Gewalttat in Berlin-Friedrichshain,
bei der Sonntag früh ein 22-Jähriger von vier jungen Männern
aus Brandenburg zuerst bewußtlos geschlagen und danach fast totgetreten
worden war.
Im Zusammenhang mit dieser Tat wurde in verschiedenen Medien immer wieder
unsere Marke „Thor Steinar“ in Verbindung mit den mutmaßlichen
Tätern gebracht.
Besonders der ständig, in negativer Weise, nutzbringend angewandte
Rückschluß, das Tragen unserer Kleidung sein ein Beleg für
die rechtsextremistische Gesinnung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen,
entbehrt jeder Grundlage und diffamiert unsere Kundschaft.
Gerade in diesem Fall ist diese Taktik besonders perfide, da die abscheuerregende
Brutalität der Tat mit unserer Marke und unserer Kundschaft in Verbindung
gebracht wird.
Hiermit distanzieren wir uns erneut von politischem Extremismus jeglicher
Couleur sowie von Gewalt- und Straftaten. Rainer Schmidt für die
Mediatex GmbH
<<<
Presse
14.07.2009 Endstation Rechts
Haftbefehle nach Überfall in Friedrichshain
Haupttäter ärgert sich, dass es nicht richtig geknackt hat
Bei den brutalen Schlägern von Berlin-Friedrichshain
soll es sich nach Informationen der „Bild“ um vier Brandenburger
handeln, die wegen „rechtsradikaler Straftaten polizeibekannt“
sind. Gegen alle vier ist Haftbefehl wegen versuchten Totschlags erlassen
worden. In Rostock gab es eine Demonstration.
Bundespolizisten seinen zufällig Zeugen des brutalen Fußtritts
geworden sein, konnten dem Opfer aber nicht mehr helfen. Derweil soll
sich der Haupttäter ärgern, dass er nicht brutal genug zugetreten
habe. So schreibt die „Bild“: „Angeblich sagte er, wenn
er den Kopf des Opfers auf die Bordsteinkante gelegt hätte, dann
hätte es wenigstens richtig geknackt."
Die Schläger sind gestern dem Haftrichter vorgeführt worden.
Zwei von ihnen hätten die Vorwürfe bestritten, die anderen beiden
verweigerten die Aussage. Gegen alle vier ist Haftbefehl wegen versuchten
Totschlags erlassen worden.
In Rostock kam es gestern Abend zu einer Spontandemonstration, die über
den Vorfall aufklären und Sympathie mit dem Opfer bekunden sollte.
Hier soll es aber auch zu Zwischenfällen gekommen sein, wie die „Ostseezeitung“
berichtet. So sollen mehrere Mülltonnen in Brand gesteckt und Polizisten
mit Steinen beworfen worden sein.
<<<
Presse
14.07.2009 NPD-Blog
Neonazi-Überfall in Berlin: Haupttäter
kommt offenbar aus Brandenburg
Nach Informationen von NPD-BLOG.INFO handelt es sich bei dem Haupttäter
des Überfalls auf einen 22-Jährigen in Berlin um einen Neonazi
aus Brandenburg. Es soll sich dabei um den 26-Jährigen Oliver K.
handeln, der aus einem Dorf südöstlich von Berlin kommt. K.
soll zudem bereits polizeilich bekannt sein.
Auf den Kopf eingetreten
In Friedrichshain-Kreuzberg ist am 12. Juli 2009 ein 22-Jähriger
schwer verletzt worden, als er von vier Männern im Alter von 20,
22, 24 und 26 Jahren brutal zusammengeschlagen wurde. Er erlitt mehrere
Brüche und Gehirnblutungen. Nach Polizeiangaben sind die mutmaßlichen
Täter “offensichtlich der rechten Szene zuzuordnen”.
Diese waren demnach gegen 5:45 Uhr auf einem Verbindungsweg zwischen dem
U-Bahnhof und dem S-Bahnhof Frankfurter Allee zunächst mit etwa 10
jungen Männern aus dem linken Spektrum in Streit geraten, es gab
eine Schlägerei. Dabei erlitt ein 26-Jähriger aus der vierköpfigen
Gruppe eine Platzwunde. Ursprung des Streites war nach ersten Ermittlungen
die einschlägige Kleidung von einem der vier Männer.
Nachdem die etwa zehn Linken verschwunden waren, suchten ersten Polizeierkenntnissen
zufolge die vier Schläger grundlosen Streit mit Passanten. Vier Unbekannte
junge Männer wurden von ihnen mit Schlägen und Tritten angegriffen.
Sie flüchteten vor den aggressiven Angreifern, die in dem 22-Jährigen
ein weiteres Opfer fanden. Auf ihn traten und schlugen die Männer
so lange ein, bis er das Bewusstsein verlor. Der 26-Jährige Täter
zog den wehrlosen Neuköllner auf den Gehweg, legte ihn mit dem Gesicht
nach unten ab und trat mit dem rechten Bein auf dessen Hinterkopf. Von
unbeteiligten Passanten alarmierte Polizisten nahmen die vier Schläger
noch am Tatort fest. Der 22-jährige Mann kam mit einem Jochbeinbruch,
schweren Prellungen und Hirnblutungen in ein Krankenhaus.
Haftbefehle sollten erlassen
werden
Da von einer politischen Tatmotivation auszugehen sei, habe der Polizeiliche
Staatsschutz beim Landeskriminalamt die Ermittlungen zu dem versuchten
Totschlag übernommen. Wichtige Zeugenaussagen erhoffen sich die Ermittler
insbesondere von den vier Unbekannten, die von den Schlägern angegriffen
wurden und dann flüchten konnten. Die vier mutmaßlichen Täter
sollten am Montag einem Ermittlungsrichter zum Erlass eines Haftbefehls
vorgeführt werden.
<<<
Presse
14.07.2009 Märkische Allgemeine
Brutale rechtsextreme Tat in Berlin
KÖNIGS WUSTERHAUSEN - Die vier jungen
Männer, die Sonntag früh in Berlin-Friedrichshain einen ihnen
unbekannten 22-jährigen Passanten wahllos überfallen und fast
zu Tode getreten haben, stammen aus Brandenburg und sind Angehörige
der rechtsextremen Szene. Der 26-jährige Hauptverdächtige Oliver
K. wohnt nach MAZ-Information bei Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald).
Die 20 bis 26 Jahre alten Tatverdächtigen seien „in Brandenburg
einschlägig bekannt“, und zwar nicht nur wegen rechtsextremer
Delikte, teilte Miriam Tauchmann von der Berliner Polizei mit. Einer Organisation
gehören die vier jedoch offenbar nicht an. Drei Tatverdächtige
kommen aus dem Raum Königs Wusterhausen, einer stammt aus Storkow
(Oder-Spree).
Über die von der Staatsanwaltschaft Berlin beantragten Haftbefehle
wegen versuchten Totschlags wollte das Bereitschaftsgericht Tempelhofer
Damm noch am Abend entscheiden, so der Sprecher der Anklagebehörde,
Martin Steltner.
Der Gesundheitszustand des schwer verletzten 22-jährigen Opfers gilt
als kritisch.
Der junge Mann aus Neukölln war zufällig in die Fänge der
aggressiven Brandenburger geraten. Zunächst waren sie gegen 5 Uhr
mit etwa zehn jungen Männern aus dem linken Spektrum in einen Streit
geraten, der in einer Schlägerei endete, wie die Berliner Polizei
bekanntgab. Oliver K. erlitt dabei eine Platzwunde.
Nach dieser Niederlage suchten die vier Märker grundlos Streit mit
etlichen Passanten. Vier Personen wurden mit Fausthieben und Tritten attackiert,
konnten jedoch rechtzeitig fliehen.
Dem 22-Jährigen Neuköllner glückte die Flucht nicht. Die
Bande prügelte und trat ihn, bis er bewusstlos wurde. Dann soll Oliver
K. das Opfer auf den Gehweg geschleift, dessen Gesicht nach unten gelegt
und mit dem rechten Fuß auf den Hinterkopf getreten haben. Das Opfer
kam mit Jochbeinbruch, schweren Prellungen und Hirnblutungen ins Krankenhaus.
<<<
Presse
13.07.2009 Morgenpost
Neonazis prügeln Passanten fast zu
Tode
Vier mutmaßliche Neonazis haben in
Friedrichshain einen jungen Mann überfallen und lebensgefährlich
verletzt. Als das Opfer bereits bewusstlos am Boden lag, trat einer der
Täter auf dessen Kopf herum. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt
nun wegen versuchten Totschlags und sucht Zeugen.
Ein 22-jähriger Mann ist am Sonntagmorgen von vier mutmaßlichen
Rechtsextremen in Friedrichshain zusammengeschlagen und schwer verletzt
worden. Wie die Polizei mitteilte, schlugen die Männer im Alter von
20 bis 26 Jahren so lange auf den Mann ein, bis er das Bewusstsein verlor.
Daraufhin habe der 26-jährige Täter den wehrlosen Berliner auf
den Gehweg gezogen, ihn mit dem Gesicht zum Boden abgelegt und sei dann
mit dem rechten Bein auf dessen Hinterkopf getreten. Der 22-Jährige
wurde den Angaben zufolge mit einem Jochbeinbruch, schweren Prellungen
und Hirnblutungen ins Krankenhaus gebracht.
Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sprach von einem schrecklichen
Vorgang, der zu verurteilen sei. Das Geschehen zeige, wohin es führen
könne, wenn Gewalt zur politischen Auseinandersetzung gebraucht wird,
erklärte der Senator.
Der Gewalttat ging nach Polizeiangaben ein Streit mit etwa zehn jungen
Männern aus dem linken Spektrum voran. Es sei zu einer Schlägerei
gekommen, bei denen der 26-Jährige aus der vierköpfigen Gruppe
eine Platzwunde erlitten habe. Als die Männer aus der linken Szene
verschwunden waren, hätten die vier Schläger im Alter von 20,
22, 24 und 26 Jahren grundlos Passanten angegriffen.
Zunächst seien vier unbekannte junge Männer von ihnen mit Schlägen
und Tritten attackiert worden, erklärte die Polizei. Als die vier
vor den aggressiven Angreifern flohen, hätten sie den 22-Jährigen
als weiteres Opfer gefunden. Nach der Gewalttat seien die vier Männer
noch am Tatort festgenommen worden. Der Polizeiliche Staatsschutz hat
die Ermittlungen zu dem versuchten Totschlag übernommen.
Der genaue Tathergang ist bislang aber noch unklar. Daher bittet der Polizeiliche
Staatsschutz Augenzeugen des Vorfalls, sich unter der Telefonnummer (030)
4664-909 040 oder bei jeder anderen Polizeidienststelle zu melden. Wichtige
Zeugenaussagen erhoffen sich die Ermittler insbesondere von den vier Unbekannten,
die von den Schlägern angegriffen wurden und dann flüchten konnten.
Die vier mutmaßlichen Täter werden morgen einem Ermittlungsrichter
zum Erlass eines Haftbefehls vorgeführt.
<<<
Presse
12.07.2009 RBB
Rechte schlagen 22-Jährigen bewusstlos
In Berlin-Friedrichshain ist am Sonntagmorgen
ein 22-jähriger Mann von vier mutmaßlichen Rechtsextremen zusammengeschlagen
und schwer verletzt worden.
Wie die Polizei mitteilte, schlugen die Männer im Alter von 20 bis
26 Jahren so lange auf den Mann ein, bis er das Bewusstsein verlor. Das
Opfer musste mit Hinrblutungen ins Krankenhaus gebracht werden.
Die Polizei nahm die vier Gewalttäter noch am Tatort fest. Inzwischen
hat der Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen.
Erst am Samstagabend war es in Berlin-Hellersdorf zu einem fremdenfeindlichen
Zwischenfall gekommen. Ein unbekannter Täter beleidigte einen 46
Jahre alten Mann und schlug ihm eine Bierflasche gegen den Kopf, wie die
Polizei am Sonntag mitteilte. Der Staatsschutz ermittelt.
Der Mann war mit seinem Fahrrad in der Hellersdorfer Straße unterwegs,
als ihn der Unbekannte angriff und wegen seiner Hautfarbe beschimpfte.
Der Täter flüchtete. Das Opfer wurde nach eigenen Angaben nicht
verletzt.
<<<
Presse
12.07.2009 BZ
Neonazis prügeln Passanten fast tot
Unfassbare Brutalität: Vier Neonazis prügelten einen Mann erst
bewußtlos, traten ihn dann fast tot.
Ein 22-jähriger Mann ist am Sonntagmorgen
gegen 5.45 Uhr von vier mutmaßlichen Rechtsextremen in Friedrichshain
zusammengeschlagen und schwer verletzt worden. Laut Polizei schlugen die
Männer im Alter von 20 bis 26 Jahren so lange auf den Mann ein, bis
er das Bewusstsein verlor. Doch damit hatten die brutalen Angreifer noch
nicht genug. Als das Opfer bewusstlos dalag, zog der 26-jährige Haupttäter
den wehrlosen Berliner auf den Gehweg, legte ihn mit dem Gesicht zum Boden
ab und trat dann mit dem rechten Bein auf dessen Hinterkopf. Unfassbar,
anscheinend nahmen die Täter den Tod des Opfers einfach in Kauf.
Im Anti-Neonazi-Film "American History X" wird in einer ähnlichen
Szene ein Mann getötet, als ihm ein Neonazi auf den Kopf tritt, als
das Opfer wehrlos auf dem Bürgersteig liegt.
Der 22-Jährige aus Neukölln wurde den Angaben zufolge mit einem
Jochbeinbruch, schweren Prellungen und Hirnblutungen ins Krankenhaus gebracht.
Der Gewalttat ging nach Polizeiangaben ein Streit mit etwa zehn jungen
Männern aus dem linken Spektrum voran. Es sei zu einer Schlägerei
gekommen, bei denen der 26-Jährige aus der vierköpfigen Gruppe
eine Platzwunde erlitten habe. Als die Männer aus der linken Szene
verschwunden waren, hätten die vier Schläger grundlos Passanten
angegriffen.
Zunächst seien vier unbekannte junge Männer von ihnen mit Schlägen
und Tritten attackiert worden, erklärte die Polizei. Als die vier
vor den aggressiven Angreifern flohen, hätten sie den 22-Jährigen
als weiteres Opfer gefunden. Nach der Gewalttat seien die vier Männer
noch am Tatort festgenommen worden. Der Polizeiliche Staatsschutz hat
die Ermittlungen zu dem versuchten Totschlag übernommen. Die mutmaßlichen
Täter sollten noch am Montag einem Haftrichter vorgeführt werden.
Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sprach von
einem schrecklichen Vorgang, der zu verurteilen sei. Das Geschehen zeige,
wohin es führen könne, wenn Gewalt zur politischen Auseinandersetzung
gebraucht wird, erklärte der Senator.
<<<
Presse
28.03.2009 Morgenpost
20 Personen attackieren Thor-Steinar-Geschäft
Die Serie von Anschlägen auf Geschäfte
der bei Rechtsextremen beliebten Marke Thor Steinar reißt nicht
ab. Rund 20 Personen versuchten Samstagabend in das Geschäft in Friedrichshain
zu gelangen. Als sie daran gehindert wurden, warfen sie mit Flaschen.
Unbekannte haben gestern Abend zwei Bierflaschen gegen das Thor-Steinar-Geschäft
in der Petersburger Straße in Friedrichshain geworfen. Nach ersten
Erkenntnissen der Polizei wollten gegen 19 Uhr etwa 20 Personen das Geschäft
betreten, was ihnen aber nicht gestattet wurde. Danach warfen sie die
Flaschen gegen die Eingangstür, wodurch die Scheibe beschädigt
wurde. Die Täter flüchteten in unbekannte Richtung. Da eine
politische Tatmotivation nicht auszuschließen ist, hat der Polizeiliche
Staatsschutz des Landeskriminalamtes die Ermittlungen übernommen.
Zuletzt waren am Donnerstag zwei Thor-Steinar-Läden in Berlin angegriffen
worden. Maskierte hatten Schaufensterscheiben und Kleidungsstücke
der bei Rechtsextremen beliebten Marke beschädigt. Die Polizei geht
von politisch motivierten Anschlägen vermutlich aus der linksextremen
oder autonomen Szene aus. Die Maskierten hatten das Geschäft in der
Petersburger Straße unter anderem mit Steinern beworfen, das andere
mit Farbe bespritzt.
Die Marke „Thor Steinar“ gilt als Kennzeichen von Neonazis
und Rechtsextremisten. Seit der Eröffnung der Geschäfte gab
es immer wieder Proteste, Demonstranten zogen vor den Laden in Friedrichshain,
Steine und Farbbeutel wurden gegen die Fassade geworfen. Inzwischen wurde
dem Geschäft von der Hausverwaltung gekündigt.
<<<
Presse
27.03.2009 Morgenpost
Berliner Thor-Steinar-Läden zeitgleich attackiert
Maskierte haben die beiden umstrittenen Thor-Steinar-Läden
in Berlin angegriffen: den in Friedrichshain mit Pflastersteinen, den
in Mitte mit Farbe - und das zur gleichen Zeit. Verletzt wurde bei den
Anschlägen gegen die bei Rechtsextremen beliebten Geschäfte
niemand ernsthaft.
Zwei Thor-Steinar-Läden in Berlin sind von maskierten Männern
angegriffen worden. Dabei wurden Schaufensterscheiben und Kleidungsstücke
der bei Rechtsextremen beliebten Marke beschädigt, aber kein Mensch
verletzt. Die Polizei geht von einem politisch motivierten Anschlag vermutlich
aus der linksextremen oder autonomen Szene aus.
Laut Polizei hielten gegen 11 Uhr vier maskierte Radfahrer vor dem Geschäft
in der Petersburger Straße in Friedrichshain und warfen Pflastersteine
in die Schaufenster. Danach flogen „stark qualmende Gegenstände“
durch die Tür bis in den hinteren Bereich des Ladens. Die Täter
flüchteten.
Fast zur gleichen Zeit betraten vier Maskierte das andere Thor- Steinar-Geschäft
in der Rosa-Luxemburg-Straße in Mitte und verspritzten Farbe im
Verkaufsraum. Anschließend flüchteten sie. Eine 23-jährige
Verkäuferin wurde ambulant behandelt, weil sie über Atemnot
klagte.
Die Marke „Thor Steinar“ gilt als Kennzeichen von Neonazis
und Rechtsextremisten. Seit der Eröffnung der Geschäfte gab
es immer wieder Proteste, Demonstrationen zogen vor den Laden in Friedrichshain,
Steine und Farbbeutel wurden gegen die Fassade geworfen. Inzwischen wurde
dem Geschäft von der Hausverwaltung gekündigt. Auch gegen den
ersten Laden liefen Kündigungsklagen.
<<<
Presse
23.03.2009 Neues Deutschland
Kein Bock auf den rechten Mob
In Friedrichshain demonstrierten erneut 1500 Menschen gegen den »Thor-Steinar«-Outlet
Von Martin Kröger
»Der Mann sieht aber lustig aus.«
Die fünfjährige Smilla Hartmann muss lachen, als ein Jugendlicher
im Elchkostüm mit Hörnern auf dem Kopf vorbeigetanzt kommt.
Rund um das kleine Mädchen, die mit ihrer Mutter zur Parade »Kein
Kiez für Nazis!« in Friedrichshain gekommen ist, tanzen und
laufen am Sonnabend rund 1500 Demonstranten. Im Vergleich zu den anderen
Aufzügen, die sich an den vergangenen Wochenenden gegen den Laden,
der die bei Neonazis beliebten Klamottenmarke »Thor Steinar«
verkauft, richteten, ist das Bild der Kiezparade deutlich bunter: Luftballons
und Seifenblasen kreisen über den Protestierenden, von denen viele
wie der Elch-Jungendliche kostümiert sind oder sich angemalt haben.
Aus den Boxen von fünf verzierten Lkw wummert basslastige elektronische
Musik.
Der Protest ist immer am stärksten, wenn sich alle zusammentun: Skater,
Verwaltungsbeamte, Politiker, Künstler, Nachtschwärmer, Linke,
Anwohner und alternative Jugendliche«, meint Erik Pikur von der
Hedonistischen Internationale. Die Gruppe, bei der auch viele Clubbetreiber
aus dem Nachtleben mitmachen, hatte bereits 2006 erfolgreich zwei solcher
Kiezparaden organisiert. Der Grund war damals wie heute derselbe: Auch
nach den jüngsten Zahlen der Opferberatungsstelle Reach Out liegt
Friedrichshain weiter mit Abstand an der Spitze der rechtsextremen Übergriffe
in Berlin. »Organisierte Neonazis und ihr rechter Hooligananhang
haben sich den eher alternativen Bezirk am Wochenende für ihre Überfälle
auserkoren«, sagt Erik Pikur. Mit der Eröffnung des Thor-Steinar-Outlets
am Frankfurter Tor würde sich diese gefährliche Tendenz noch
verschärfen, befürchten wie er viele, die auf die Parade gekommen
sind.
Dass der Vermieter dem »Tromsø« in der vergangenen
Woche gekündigt hat, wird auf der Kiezparade indes ausführlich
gefeiert. Nur gibt sich niemand der Illusion hin, dass der Laden damit
wirklich in kurzer Zeit verschwinden wird. Wie in Mitte, wo ein ähnliches
Geschäft in der Rosa-Luxemburg-Straße existiert, wird es zu
einem langen Rechtsstreit kommen, vermuten dagegen viele. Dennoch: »Es
ist ein Erfolg, dass jetzt auch juristisch gegen den Laden vorgegangen
wird«, sagt der Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele (Grüne).
Ein Fortschritt, der seiner Meinung nach ohne den permanenten Druck auf
der Straße undenkbar gewesen wäre. Inzwischen wird gegen den
Ladenbetreiber auch wegen der »Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener«
ermittelt. Ein SPD-Lokalpolitiker hatte die Anzeige gestellt, da sich
das Geschäft in unmittelbarer Nähe zum SA-Sturmlokal »Keglerheim«
befindet, in dem 1933 Hunderte Antifaschisten von den Nazis gefoltert
und drangsaliert wurden.
Wie auch immer die juristischen Prozesse ausgehen mögen, für
die Friedrichshainer Initiative gegen Rechts etwa, die sich seit drei
Jahren ebenfalls maßgeblich gegen die Neonazis vor Ort stemmt, steht
fest, dass der Widerstand weitergehen muss. »Die Kündigung
ist kein Grund, mit dem Protest aufzuhören«, sagt die SPD-Abgeordnete
Canan Bayram, die die Parade angemeldet hat. Der größte Erfolg
der vergangenen Wochen dürfte jedoch sein, dass inzwischen Zehntausende
in der Stadt wissen, was sich hinter der Modemarke »Thor Steinar«
eigentlich verbirgt.
Die Bekleidungsmarke »Thor Steinar«
»Thor Steinar« gilt als ein Erkennungszeichen
rechtsextremer Kreise. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes
steht die Marke der Neonazi-Szene nahe. »Thor Steinar« gehört
zur Firma Mediatex, die im brandenburgischen Zeesen nahe Berlin sitzt
und die Marke 2002 registrieren ließ. Thor ist der germanische Donnergott,
der Name Steinar spielt nach einigen Deutungen auf einen General der Waffen-SS,
Felix Steiner, an.
Das Symbol von »Thor Steinar« ist eine germanische Rune, die
aussieht wie ein Andreaskreuz. Ein älteres Symbol der Firma, das
aus zwei Runen bestand, wurde in einigen Bundesländern verboten,
da es Nazi-Symbolen ähnelte. Untersagt wurde Mediatex auch, die norwegische
Flagge auf ihren Textilien abzubilden, weil sie als staatliches Hoheitszeichen
geschützt ist.
Die Firma Mediatex und ihre bisherigen Besitzer distanzieren sich nicht
von der rechtsextremen Szene, die ihre Kleidung trägt. Das unterscheidet
sie von anderen Herstellern wie »Lonsdale« oder »Fred
Perry«, die mit Neonazis nichts zu tun haben wollen. Offenbar gibt
es seit neuestem eine Beteiligung eines Investors aus Dubai an »Thor
Steinar«, was Rechtsextreme kritisieren. dpa/ND
<<<
Presse
23.03.2009 Die ZEIT
Berlin: 700 Menschen protestieren gegen
"Thor Steinar"-Laden
Kiezparade gegen Nazis: Im Berliner Bezirk
Friedrichshain haben mehrere hundert Menschen gegen ein Bekleidungsgeschäft
der umstrittenen Modemarke "Thor Steinar" protestiert.
Nach Angaben einer Sprecherin verlief die Protest-Veranstaltung ohne Zwischenfälle.
Die Organisatoren hatten ursprünglich mit lediglich 200 Teilnehmern
gerechnet. Die überwiegend linksgerichteten Demonstranten hatten
sich am Mittag am Boxhagener Platz versammelt und zogen dann zu dem Geschäft
in der Petersburger Straße, wo die Veranstaltung gegen 16 Uhr 30
endete. Sie hielten Schilder hoch mit Aufschriften wie "Kein Bock
auf Nazis" und "Lieber nackt als Thor Steinar".
Seit der Eröffnung des Ladens am 28. Februar hat es nahezu jedes
Wochenende Proteste gegeben. Am 7. März demonstrierten rund 2000
Teilnehmer gegen das Geschäft, das ausschließlich "Thor
Steinar"-Kleidung vertreibt. Die Marke ist wegen ihrer völkischen
Symbolik vor allem in der rechten Szene beliebt. (mpr/ddp)
<<<
Presse
23.03.2009 Junge Welt
Nackt gegen Nazis
In Berlin protestierten über 1000 Menschen gegen eine bei Rechten
beliebte Bekleidungsmarke. Gleichzeitig kündigte die Firma an, ins
Ausland expandieren zu wollen
Der Protest gegen den Thor-Steinar-Laden
im Berliner Stadtteil Friedrichhain hält an. Rund 1500 Menschen –
nach Polizeiangaben sollen es 600 gewesen sein – protestierten am
Samstag mit einer »Kiezparade« gegen ein Bekleidungsgeschäft
der bei Neonazis beliebten Modemarke. »Unser Ziel ist es zu zeigen,
daß wir rechte Strukturen in unserem Viertel nicht dulden«,
sagte Erich Pikur vom linken Netzwerk »Hedonistische Internationale«.
Die Demonstranten hatten sich am Boxhagener Platz versammelt und zogen
dann zu dem Geschäft in der Petersburger Straße, wo die Abschlußkundgebung
stattfand. Auf Schildern stand unter anderem »Kein Bock auf Nazis«
und »Lieber nackt als Thor Steinar«. Einige Demoteilnehmer
zeigten, was sie von »Thor Steinar« halten und zeigten ihre
entblößten Hintern. Seit der Eröffnung des Ladens am 28.
Februar hat es nahezu jedes Wochenende Proteste gegeben. So demonstrierten
am 7. März ebenfalls rund 1500 Menschen gegen das Geschäft.
Unterdessen erklärte der Immobilieneigentümer, daß
er »alle rechtlichen Maßnahmen ausschöpfen« will,
um den Vertrieb von »Thor Steinar« in dem Objekt zu unterbinden.
Mittlerweile soll der Mietvertrag wegen »arglistiger Täuschung«
fristlos gekündigt worden sein. Der Hausverwaltung sei nicht bekannt
gewesen, daß Bekleidung dieser Marke verkauft werden sollte, hieß
es.
Gleichzeitig stellte Lorenz Postler von der SPD-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung
Friedrichshain-Kreuzberg Strafanzeige gegen den Ladenbetreiber wegen »Verunglimpfung
des Andenkens Verstorbener«. In dem Haus, in dem sich das Geschäft
befindet, wurden 1933 Hunderte Antifaschisten von den Nazis grausam mißhandelt
und ermordet. Noch heute erinnert eine Gedenktafel an diese Ereignisse.
»Wir begrüßen die Kündigung, doch rechtliche Schritte
allein können uns nicht viel weiterhelfen«, sagte ein Redner
während der »Kiezparade«. Andere Fälle hätten
gezeigt, daß einer Kündigung oft monatelange juristische Auseinandersetzungen
folgen. Man werde daher weiter gegen das Geschäft mobilisieren.
Nach Angaben der Berliner Morgenpost wurde die Bekleidungsmarke, die von
der »Media Tex GmbH« vertrieben wird, bereits Ende vergangenen
Jahres von einem arabischen Investor übernommen. Wie der bisherige
Geschäftsführer Uwe Meusel dem Blatt sagte, will das Unternehmen
aus Königs Wusterhausen nun weltweit expandieren. Geplant seien in
Deutschland 20 zusätzliche Geschäfte sowie Neueröffnungen
in Nordamerika, Rußland, Asien und dem Baltikum.
<<<
Presse
22.03.2009 TAZ
Thor von Arabien
700 Linke protestieren gegen einn Laden
in Berlin-Friedrichshain, der "Thor Steinar"-Klamotten verkauft.
Doch das Label soll einem Araber gehören - und nun sind auch die
Rechten sauer. VON KRISTINA PEZZEI
Die Proteste nehmen kein Ende - sondern zu: Bei
einer "Kiezparade" in Friedrichshain haben am Samstag laut
Polizei etwa 700 Menschen gegen den Bekleidungsladen "Tromsø"
demonstriert, in dem Klamotten der bei Rechten beliebten Marke "Thor
Steinar" verkauft werden. Die Organisatoren hatten mit lediglich
200 Teilnehmern gerechnet. Es war bereits die dritte Kundgebung gegen
das umstrittene Geschäft seit der Eröffnung vor drei Wochen.
Die Demonstranten trafen sich am Mittag am Boxhagener Platz und zogen
zu dem Geschäft in der Petersburger Straße, wo die Veranstaltung
gegen 16.30 Uhr endete. Auf Schildern waren Aufschriften wie "Kein
Bock auf Nazis" und "Lieber nackt als Thor Steinar" zu
lesen. Zu dem erneuten Protest hatte die "Initiative gegen Rechts
Friedrichshain" aufgerufen; daneben beteiligten sich Gruppen wie
die Hedonistische Internationale (HI) und die Antifa Friedrichshain
sowie Vertreter der Linken und der Grünen.
Der Polizei zufolge blieb die Veranstaltung friedlich - anders als noch
vor einer Woche. Damals stürzten Protestierer bei den sogenannten
Freiraum-Aktionstagen am Frankfurter Tor einen Polizeiwagen um; außerdem
wurden die Scheiben eines Fastfood-Restaurants zerstört. Am Wochenende
zuvor hatten laut damaligem Veranstalter 2.000 Menschen gegen das Ende
Februar eröffnete Geschäft demonstriert.
Dem Laden droht indes ohnehin das Aus. Der Vermieter hat den Vertrag
mit der Skytec Outlets GmbH fristlos gekündigt, da er sich arglistig
getäuscht sah, wie Jan Bamberger von der Hausverwaltung sagte.
Der Marke "Thor Steinar", die wegen ihrer früheren Symbolik
vor allem in der rechten Szene beliebt ist, drohen darüber hinaus
empfindliche Umsatzeinbußen: Nach Medienberichten und Blogs ist
bei dem Label Ende vergangenen Jahres ein arabischer Investor eingestiegen,
die Rechten fühlten sich nun getäuscht.
Hinter "Thor Steinar" steckt die Firma Mediatex aus Königs
Wusterhausen. Laut dem Handelsregister des Amtsgerichtes Potsdam ist
als Geschäftsführer nicht mehr nur Uwe Meusel, sondern auch
der in Dubai geborene Mohammed M. Aweidah aufgeführt. Ein Gerichtssprecher
bestätigte der Süddeutschen Zeitung, dass entsprechende Dokumentkopien
im Internet echt seien. Weitere Änderungen im Handelsregister seien
beantragt. Uwe Meusel habe inzwischen die Geschäftsführertätigkeit
niedergelegt, sagte der Sprecher weiter. Als Gesellschafter fungiere
inzwischen die International Brands General Trading mit Sitz in Dubai,
Geschäftsleiter sei Faisal al Zarooni. Der Berliner Morgenpost
sagte Meusel, das Unternehmen wolle nun weltweit expandieren und in
Deutschland 20 weitere Geschäfte eröffnen.
"Bei den Neonazis könnte es bald zu Kleider- statt Bücherverbrennungen
kommen", feixte prompt ein Schreiber im "NPD-Blog.Info".
In rechtsextremen Foren werde bereits zum Boykott der Marke aufgerufen.
Geschäftsführer Meusel habe seine Klientel - die rechten Käufergruppen
- verraten.
<<< Presse
19.03.2009 Morgenpost
Thor Steinar: Anzeige gegen Ladeninhaber
Lorenz Postler, SPD-Bezirksverordneter und ehemaliger Stadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg,
hat bei der Polizei Strafanzeige gegen den seit Wochen heftig umstrittenen
Thor-Steinar-Laden in Friedrichshain gestellt.
Der Vorwurf lautet auf "Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener".
Hintergrund der Anzeige laut Postler: Das Geschäft, das Kleidung
der in der rechtsradikalen Szene beliebten Marke Thor Steinar vertreibt,
befindet sich in einem Gebäude, in dem 1933 mehr als 100 Antifaschisten
von Nazis gefoltert und einige ermordet wurden. Wenige Schritte neben
dem Ladeneingang erinnert eine Gedenktafel an den sogenannten "Mörderkeller".
Die Marke Thor Steinar ist wegen der Verwendung bestimmter Symbole bei
Neonazis beliebt. Das Tragen der Kleidung ist in vielen öffentlichen
Gebäuden verboten. Seit Eröffnung des Ladens in Friedrichshain
Anfang März ist es - wie berichtet - wiederholt zu Protesten linker
Gruppen gekommen.
<<<
Presse
16.03.2009 Tagesspiegel
Thor-Steinar-Laden gekündigt
Zeichen gegen Rechts:Dem Friedrichshainer Thor-Steinar-Laden "Tromsø"
wurde die Kündigung geschickt. Derweil arbeiten Juristen an Vorlagen
für Gewerbemietverträge, mit denen sich Hauseigentümer
rechtslastige Ladenmieter vom Hals halten könnten.
Berlin - Erst sind die Schaufensterscheiben zerschlagen worden, dann protestierte
die linke Szene gegen das Geschäft, nun soll der Laden „Tromsö“
in der Petersburger Straße 94 schließen. Zwei Wochen nach
Eröffnung wurde den Betreibern des Friedrichshainer Kleidungsgeschäfts
gekündigt. Der Vermieter, die SF-Immobilienfonds-Gruppe, fühle
sich getäuscht, weil in dem Laden vor allem Kleidung der bei Neonazis
beliebten Marke „Thor Steinar“ verkauft wird, sagte ein Mitarbeiter
der zuständigen Hausverwaltung dem Tagesspiegel.
Die Brandenburger Firma Mediatex, der Hersteller der Marke, könnte
bald grundsätzliche Schwierigkeiten haben, Mietverträge zu unterschreiben.
Derzeit werden von Juristen der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“
(MBR) spezielle Klauseln für Gewerbemietverträge ausgearbeitet:
Diese sollen Nutzer von Ladenflächen dazu verpflichten, kein Verkaufssortiment
zu führen, das rechtsextreme, rassistische oder antisemitische Inhalte
fördert.
Wie wirksam solche Verträge sein können, musste am vergangenen
Wochenende die rechtsextreme NPD erfahren: In einem Nutzungsvertrag für
Bezirksräume in Lankwitz stand die Klausel, der Mieter sei nicht
berechtigt, die Räume „zur Durchführung von Veranstaltungen
zu nutzen, auf denen rechtsextremes, rassistisches, antisemitisches oder
antidemokratisches Gedankengut dargestellt und/oder verbreitet wird“.
Das betrifft nicht nur die mietende Partei, sondern auch deren Besucher.
Die NPD wollte diesen Vertrag „nur unter Vorbehalt“ unterschreiben
– und bekam die Räume vergangenes Wochenende deshalb nicht.
Das Verwaltungsgericht hatte einen Eilantrag der Partei gegen den Mietvertrag
abgelehnt. Die NPD äußerte den Verdacht, der Mietvertrag des
Bezirksamts sei mithilfe der staatlich geförderten MBR entstanden.
Die Experten hatten vor wenigen Monaten ein Heft veröffentlicht,
um rechtsextreme „Anmietungsversuche“ unter anderem mit Mustermietverträgen
zu verhindern. „Eine Hilfe für Ladenvermieter wird es voraussichtlich
schon diesen Sommer geben“, sagte Bianca Klose von der MBR. Mediatex
wollte sich dazu am Montag auf Nachfrage nicht äußern.
Da sich Pullover, Jacken und T-Shirts von „Thor Steinar“ gut
verkaufen, ist davon auszugehen, dass demnächst ein ähnlicher
Laden eröffnen wird – so wie in der Vergangenheit derartige
Geschäfte geschlossen und später woanders aufgemacht worden
sind.
„Thor Steinar“ hat seit Jahren Probleme mit der Justiz: 2004
hatten Staatsanwälte Kleidungsstücke der Marke beschlagnahmen
lassen – wegen Verdachts der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger
Organisationen. Die Runen ähnelten Nazisymbolen, hieß es. Erst
im Herbst 2008 wurden die Inhaber des Ladens „Tönsberg“
in Mitte dazu verurteilt, das Geschäft zu räumen. Sie legten
Widerspruch ein. Die Vermieter der Ladenfläche in der Petersburger
Straße stellen sich deshalb auf einen langen Rechtsstreit ein.
<<<
Presse
15.03.2009 TAZ
"Tromsø" soll dichtmachen
Dem Friedrichshainer "Thor Steinar"-Laden
wird fristlos gekündigt. Der Eigentümer sieht sich vom Mieter
"arglistig getäuscht" und will ihn schnell loswerden. Anwohner
wollen weiter protestieren. VON KONRAD LITSCHKO
Nur zwei Wochen nach seiner Eröffnung
hat der Friedrichshainer Thor-Steinar-Laden "Tromsø"
in der Petersburger Straße die Kündigung auf dem Tisch. "Der
Vermieter hat den Mietvertrag mit der Skytec Outlets GmbH aufgrund arglistiger
Täuschung angefochten und eine fristlose Kündigung ausgesprochen",
teilte Jan Bamberger von der Hausverwaltung der taz mit. Die SF-Immobilienfonds-Gruppe,
der das Gebäude gehört, sei von Skytec nicht über den geplanten
Verkauf der bei Rechtsextremen beliebten Modemarke Thor Steinar informiert
worden. "Der Eigentümer wird alle rechtlichen Maßnahmen
ausschöpfen, um den Vertrieb von Thor Steinar in dem Objekt zu unterbinden",
so Bamberger.
Seit der Eröffnung des "Tromsø" Ende Februar gibt
es Proteste gegen das Geschäft. Zwei Demonstrationen zogen vor den
Laden, Steine und Farbbeutel flogen an die Fassaden. Auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
lehnt das Geschäft ab. "Wir begrüßen daher das schnelle
Vorgehen des Vermieters", freute sich am Sonntag Marianne Burkert-Eulitz
(Grüne), Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung. Ausdrücklich
habe der Bezirk die Initiativen gegen das Geschäft unterstützt.
Auch hatte Bezirksbürgermeister Franz Schulz das Gespräch mit
dem Eigentümer gesucht.
"Da der Mieter weiß, wie auf seine Thor-Steinar-Läden
reagiert wird, muss er vor der Vertragsentscheidung auf das Sortiment
und die mögliche Gefährdung des Gebäudes durch Gegenprotest
hinweisen", erklärte Canan Bayram. Die SPD-Abgeordnete und Sprecherin
der Initiative gegen Rechts Friedrichshain begrüßte die Kündigung.
Auch Holger Förster, Geschäftsführer des Verbands für
interkulturelle Arbeit, zeigte sich erleichtert. Sein Verein kümmert
sich um Sozialbetreuung für Migranten und ist direkter Nachbar des
"Tromsø". "Das Geschäft und seine rechtsextremen
Kunden stellen eine Provokation dar, gerade für unsere afrikanische
Klientel", so Förster. Er berichtet von Drohungen von Objektschützern
des Thor-Steinar-Ladens gegen seine Mitarbeiter. Die Kündigung sei
daher eine "absolut gute Nachricht".
Richtiger Jubel erklang dennoch nicht. Förster verweist auf die beiden
anderen Thor-Steinar-Läden in Berlin: Erst im November letzten Jahres
gab es eine Räumungsklage gegen das Sportgeschäft Doorbreaker
im Friedrichshainer Ringcenter. Der Inhaber des Ladens in der Rosa-Luxemburg-Straße
wurde schon im Oktober vom Berliner Landgericht zur Räumung des Geschäfts
verurteilt. Beide Läden sind immer noch geöffnet.
"Unser Protest wird daher weitergehen", kündigte Canan
Bayram an. Am Samstag wird es eine große Kiezdemo gegen "Tromsø"
geben. Gegenwehr droht dem Laden auch von anderer Seite: Laut Medienberichten
habe die gleichnamige norwegische Stadt das Modelabel aufgefordert, den
Namen Tromsø niederzulegen.
<<<
Presse
09.03.2009 MUT
Berlin: 40 Prozent mehr rassistische Gewalt
In Berlin ist 2008 die Zahl rassistisch
motivierter Angriffe massiv um insgesamt 40 Prozent gestiegen. Insgesamt
registrierte die Berliner Opferberatungsstelle 'ReachOut ' 148 rechte,
rassistisch, antisemitisch und homophob motivierte Übergriffe - im
Jahr 2007 waren dies 'nur' 112.
Nicht alle diese Fälle wurden öffentlich bekannt. Einige der
Opfer lehnen aus Angst vor weiteren Gewalttaten jede Form der Veröffentlichung
des Angriffs ab, teilte 'Reach Out' auf einer Pressekonferenz mit. In
65 (2007:39) Fällen wurden Menschen aus rassistischen Motiven angegriffen.
Diese stellten mit Abstand die größte Opfer-Gruppe dar. 26
Gewalttaten trafen Linke (2007: 30), vor allem AntifaschistInnen, gegen
nicht-rechte, alternative Jugendliche und Erwachsene richteten sich 30
(2007: 28) Angriffe, 4 Angriffe waren antisemitisch motiviert. Erfahrungsgemäß handelt es sich
bei diesen Fällen nicht um klar eingrenzbare Tätergruppen. Angreifer,
die der rechtsextremen Szene oder deren Umfeld zu zurechnen sind, greifen
in erster Linie Linke oder alternative Jugendliche an. 86 (2007: 70) Angriffe
fanden im öffentlichen Raum statt. Insgesamt 39 (2007: 25) Gewalttaten
wurden in öffentlichen Verkehrsmitteln und Bahnhöfen verübt.
Die meisten Angriffe geschahen an Wochenenden. Im Stadtbezirk Friedrichshain wurde mit
30 (2007: 24) Gewalttaten die höchste Angriffszahl registriert. 15
(2007: 14) Attacken wurden für Lichtenberg) dokumentiert. Es folgen
Pankow mit 14 (2007: 11), Marzahn mit 12 (2007. 7), Treptow (4) und Neukölln
(2007: 5) mit je 9 Angriffen. Während in Friedrichhain die Angriffe
gegen nicht rechte, alternative Jugendliche überwiegen, sind in Lichtenberg
die meisten Angriffe rassistisch motiviert gegen vermeintliche 'Ausländer'
(7) oder richten sich gegen Linke bzw. gegen AntifaschistInnen (5). Auch
in Marzahn und Neukölln ist der größte Teil der Angriffe
rassistisch motiviert.
Ein Ost-West-Problem?
„Rassistisch motivierte Übergriffe
haben mit 65 Fällen eine besorgniserregende Größe erreicht“,
betonte die Sprecherin von ReachOut Sabine Seyb. Nach Erfahrungen der
Initiative gehen im Laufe eines Jahres immer noch zahlreiche Nachmeldungen
für das Vorjahr ein. Seyb glaube aber nicht, dass es entsprechend
solcher Taten Unterschiede zwischen Ost und West gebe. Gerade aus Neukölln
oder Spandau seien rassistisch, antisemitisch und homophob motivierte
Taten bekannt. Sie sprach sich für eine Ausweitung der Erhebung auf
ganz Berlin aus und sicherte interessierten Bürgerforen Unterstützung
zu.
Seyb kritisierte in diesem Zusammenhang Innensenator Ehrhart Körting
(SPD). Von ihm liege noch keine offizielle Kriminalitätsstatistik
für 2008 vor, alle Anfragen von ReachOut habe Körting „scheitern
lassen“. Zudem wäre es in Ländern wie Brandenburg oder
Sachsen-Anhalt möglich, einen monatlichen Abgleich mit dieser Statistik
vorzunehmen. Eine Sprecherin Körtings zeigte sich über die Vorwürfe
„erstaunt“. Für Berlin sei eine Vorlage der polizeilichen
Kriminalstatistik im März üblich.
In Pankow ein Drittel mehr Vorkommnisse
Zusätzlich zu den Erhebungen von ReachOut stellten am Montag verschiedene
Anti-Gewalt-Initiativen von ihnen selbst erstellte Register für die
Bezirke vor. Sie erfassen - basierend auf eigenen Recherchen und Bürgerhinweisen
- auch Vorfälle wie extremistische Veranstaltungen, Aufkleber oder
Plakate mit extremistischen Inhalten, Pöbeleien sowie Graffiti-Schmierereien.
Einbezogen sind auch die gewalttätigen Übergriffe.
In Treptow-Köpenick wurden 2008 allein 149 überwiegend sogenannte
Propagandadelikte registriert. „Schwerpunkte sind die Stadtteile
Schöneweide, Altglienicke und das Gebiet um den S-Bahnhof-Köpenick“,
sagte Kati Becker vom Register des Bezirks. Lichtenberg registrierte einen
leichten Rückgang auf 106 Fälle, wovon 35 Fälle Angriffe
auf Personen waren.
Im Bezirk Pankow wurde mit 133 Vorfällen ein Drittel mehr Vorkommnisse
als im Jahr 2007 erfasst. Hier haben sich Pankow-Zentrum, Prenzlauer Berg
und Weißensee als Gewalt-Hochburgen herauskristallisiert. Für
Marzahn-Hellersdorf wurden seit Start des Registers im Jahr 2008 95 vorwiegend
rechtsextreme Aktivitäten vermerkt. Es gab allein zehn Konzerte von
extrem Rechten.
<<<
Presse
09.03.2009 Morgenpost
Gewalttätiger Demonstrant wurde festgenommen
Bei der Samstag-Demonstration gegen die
geplante Eröffnung einer "Thor Steinar"-Boutique an der
Petersburger Straße ist es zu Ausschreitungen gekommen. Ein Demonstrant
warf eine Flasche in Richtung Polizei. Er wurde festgenommen. Verletzt
wurde niemand.
Rund 750 Demonstranten haben am Samstag weitgehend friedlich gegen das
neue „Thor Steinar“-Geschäft in Berlin-Friedrichshain
protestiert. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, wurden sechs Teilnehmer
unter anderem wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und Körperverletzung
festgenommen. Gegen einen 26-jährigen Pankower wurde Haftbefehl erlassen,
nachdem er eine Flasche in Richtung der Beamten geworfen hatte. Verletzt
wurde niemand. Insgesamt wurden zwölf Strafermittlungsverfahren unter
anderem wegen des Verstoßes des Versammlungsgesetzes, Widerstands
gegen Vollstreckungsbeamte, schweren Landfriedensbruchs und Beleidigung
eingeleitet.
Die Demonstranten waren am Nachmittag von der Warschauer Brücke bis
vor den Laden in die Petersburger Straße gezogen. Die Kundgebung
war von der Berliner SPD-Politikerin Canan Bayram organisiert worden.
Erst am vergangenen Samstag hatten etwa 170 Teilnehmer gegen die Eröffnung
des Geschäfts in Friedrichshain demonstriert. Die Modemarke „Thor
Steinar“ gilt als Kennzeichen von Rechtsextremisten. Im Oktober
vergangenen Jahres musste ein Laden in Berlin-Mitte nach einer Räumungsklage
geschlossen werden.
<<<
Presse
09.03.2009 Berliner Zeitung
"Thor Steinar als Putzlappen"
Trotz Kälte und Nieselregen protestierten rund 1000 Berliner gegen
rechte Mode.
Berliner wehren sich gegen ein neues Bekleidungsgeschäft für
rechte Jugendmode. Oslo geht gegen Namensmissbrauch vor
Als der Protestmarsch das Ziel erreicht,
drängeln sich rund 1000 Demonstranten um das Bekleidungsgeschäft
"Tromsö". Musik der Toten Hosen dröhnt über die
Petersburger Straße. Ein schwarzer Block stimmt Sprechchöre
an, junge Familien reihen sich mit ihren Kindern hinten ein. Eine Frau
stemmt ein Plakat hoch in die Luft. Darauf steht: "Thor Steinar als
Putzlappen." Die Wut richtet sich gegen das Bekleidungsgeschäft
"Tromsö". Seit anderthalb Wochen werden dort Artikel der
Marke Thor Steinar verkauft. Die Pullover mit den aufgestickten Runen
und gotischen Lettern kaufen Neonazis und auch immer mehr Jugendliche,
die die Marke schick und provokativ finden. Ausgerechnet in Friedrichshain,
im linksalternativsten aller Bezirke, will die rechte Szene einen neuen
Vertriebszweig etablieren. Pünktlich zum Protest ließen die
kahlgeschorenen Betreiber die Rollläden runter.
Bereits in den letzten Tagen wurde der Verkauf gestört: Es gab Farbbeutel-Anschläge,
unter anderem ein "Kakao-Attentat", Steinwürfe zertrümmerten
die Schaufensterscheibe, inzwischen fährt die Polizei in der Petersburger
Straße mehrmals täglich Streife. Am Samstagnachmittag wehrt
sich ein Bündnis aus Vereinen, Politikern und Initiativen gegen Rechts.
Aus den anliegenden Hochhäusern hängen Banner, auf denen man
den neuen Mietern den Wegzug aus der Gegend nahe legt. Direkt neben dem
"Tromsö" empfängt ein Verein für interkulturelle
Arbeit (VIA) Migranten zur Sozialberatung.
An diesem Nachmittag prallen Demonstranten nur auf Polizeibeamte, die
das Bekleidungsgeschäft mit Gittern absperren. Sie tragen Helme,
Schlagstöcke und einen Mundschutz. Insgesamt sind 150 Polizisten
im Einsatz. Bis auf kleinere Vorkommnisse, etwa der Verstoß gegen
das Vermummungsverbot oder ein paar Flaschenwürfe, bleibt die Kundgebung
friedlich.
Schon seit einigen Jahren weisen Rechtsextremismusexperten darauf hin,
dass sich Rechte in Deutschland nicht mehr im gewohnt martialischen Skinheadlook
kleiden, sondern die diskreteren und modischeren Kleidungsstile der Marke
Thor Steinar bevorzugen. 2008 bekräftigte der Verfassungsschutz erneut,
dass die Modemarke ein identitätsstiftendes Erkennungszeichen der
rechten Szene sei. Und dass über die Mode auch bewusst Anknüpfungsmöglichkeiten
zu Jugendszenen geschaffen werde. Dabei ist die völkische Symbolik
der Markenlogos so codiert, dass nur Anhänger und Sympathisanten
ihre Bedeutung entschlüsseln können.
Das "Tromsö" ist nicht der einzige Laden in Berlin, der
die umstrittene Marke verkauft. Erst im November 2008 gab es eine Räumungsklage
gegen das Bekleidungsgeschäft Doorbreaker im Ringcenter an der Frankfurter
Allee, was den Betreiber nicht davon abhält die Marke noch immer
anzubieten.
Der erste Thor-Steinar-Laden wurde 2005 unter dem Namen "Tönsberg"
im Berlin-Carré eröffnet. Vermieter verlängerten den
Vertrag nicht, so zog der Laden Anfang 2008 pikanterweise in die Rosa-Luxemburg-Straße
18. Die Zahl 18 ist in rechten Kreise ein bekannter Code für "Adolf
Hitler". Trotz massiver Proteste von Anwohnern und Gewerbetreibenden
wird dort ebenfalls noch immer Thor-Steinar-Kleidung verkauft.
"Dass sie sich jetzt auch noch in Friedrichshain ausbreiten, ist
blanke Provokation", sagt die Grünen-Abgeordnete Clara Herrmann.
Sie verteilt Broschüren, die darauf hinweisen, dass sich in dem Haus
des neuen Geschäfts während des Nationalsozialismus ein Folterkeller
der SA befand. Noch heute hängt neben dem Eingang eine Gedenktafel.
Diese erinnert an die Opfer, die in dem berüchtigten "Keglerheim"
gefoltert und ermordet wurden.
Franz Schulz, Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg,
hält einen offenen Brief der Hausverwaltung in der Hand. Offenbar
haben die Vermieter jetzt erst herausbekommen, wer sich dort eingemietet
hat. Derzeit gebe es Gespräche, wie in diesem "Problemfall"
vorgegangen werden soll. "Wir appellieren an die Vermieter, den Ladenbesitzern
schnellstmöglich zu kündigen", sagt er.
Unterstützung im Kampf gegen Thor Steinar kommt nun auch aus Norwegen:
Das Osloer Außenministerium will gegen Missbrauch des Namens der
Hafenstadt Tromsö vorgehen und hat das Modelabel deshalb aufgefordert,
den Namen sofort niederzulegen.
-----------------------
Rechte Mode
Die Marke: Thor
Steinar gibt es seit 2002, Vertreiber ist die Protex Gmb, die in Königs
Wusterhausen sitzt. Neben den Filialen in Mitte und Friedrichshain wird
die Marke auch in Sportgeschäften vertrieben. Inzwischen gibt es
Damen-, Herren- und Kinderkollektionen, Accessoires und Internet-Verkauf.
Verbot: Bei den
ersten Logos von Thor Steinar sahen Staatsanwälte den Verstoß
gegen den Paragraf 86a als gegeben an. Dieser verbietet das Verwenden
von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.
Völkischer Bezug:
Experten erkennen in den neuen Aufdrucken noch immer einen völkischen
Bezug. Runen und gotische Letter bringen sie mit dem NS-Regime in Verbindung,
Inhaltlich beziehen sich einige Schriftzüge auf einen Germanen-Kult
und glorifizieren die Taten der Wehrmacht.
<<<
Presse
07.03.2009 Morgenpost
750 Berliner demonstrieren gegen "Thor
Steinar"
750 Demonstranten wehren sich weiter gegen
einen Laden in ihrer Nachbarschaft, der Mode der Marke „Thor Steinar"
verkauft. Die Kleidung ist bei Neonazis besonders beliebt. Am Sonnabend
demonstrierten erneut Anwohner gegen das Geschäft.
Demonstranten haben in Friedrichshain am Sonnabend erneut gegen den neuen
„Thor Steinar“-Laden im Stadtteil protestiert. Das Geschäft
für die bei Neonazis beliebte Kleidermarke „Thor Steinar“
ist seit seiner Eröffnung am vergangenen Sonnabend in der Kritik
eines Bündnisses aus Antifa-Gruppen, Gewerbetreibenden und Anwohnern.
Zu dem von diesem Bündnis initiierten Protestzug kamen nach Polizeiangaben
etwa 750 Demonstranten. Zwischenfälle gab es nach Angaben einer Polizeisprecherin
nicht, alles sei „ruhig und friedlich“ verlaufen.
Die Marke „Thor Steinar“ ist wegen des Verwendens umstrittener
Symbole vor allem bei Neonazis beliebt. Auch gilt sie in der Szene als
identitätsstiftendes Erkennungszeichen. Die Veranstalter bewerteten
es am Samstag als Erfolg, dass das Geschäft früher als geplant
schließen musste. „Bedauerlich“ sei es gewesen, dass
die Demonstranten nicht nah genug an den Laden herangekommen seien, da
es von der Polizei geschützt wurde, sagte ein Sprecher. Die Gegner
des Ladens fordern nach seinen Worten vom Vermieter, dass er den Betreibern
den Mietvertrag kündigt.
In Berlin hat es bereits mehrfach Proteste gegen Läden gegeben, die
die Marke „Thor Steinar“ führen. Der Inhaber eines Kleidungsgeschäfts
in Mitte wurde im Oktober 2008 dazu verurteilt, das Geschäft in der
Rosa-Luxemburg-Straße zu räumen. Der Laden wurde mehrfach Ziel
von Farbanschlägen.
Das Land Norwegen hatte die "Thor-Steinar"-Produzenten bereits
2008 wegen widerrechtlicher Verwendung staatlicher Hoheitszeichen angezeigt.
Doch auch über das neue Geschäft namens "Tromsö"
ist das Land nicht erfreut: Tromsö ist eine Hafenstadt im Norden
Norwegens. Ob man strafrechtlich gegen die Verwendung des Städtenamens
vorgehen werde, will die Botschaft mit dem Außenministerium beraten.
<<<
Presse
07.03.2009 WELT
Erneut Protest in Friedrichshain gegen Thor-Steinar-Laden
Ein Bündnis aus verschiedenen Antifa-Gruppen,
Gewerbetreibenden und Anwohnern will heute (14 Uhr) in Friedrichshain
erneut gegen die Eröffnung eines neuen Ladens für die bei Neonazis
beliebte Kleidermarke "Thor Steinar" demonstrieren. Der Protestzug
soll vom S-Bahnhof Warschauer Straße zu dem Geschäft an der
Petersburger Straße führen. Bereits bei der Eröffnung
des Ladens am vergangenen Samstag hatten bei einer Kundgebung rund 200
Menschen weitgehend friedlich dagegen protestiert. Die Marke "Thor
Steinar" ist wegen des Verwendens umstrittener Symbole vor allem
bei Neonazis beliebt. Auch gilt sie in der Szene als identitätsstiftendes
Erkennungszeichen.
In Berlin hat es bereits mehrfach Proteste gegen Läden gegeben, die
die Marke "Thor Steinar" führen. Der Inhaber eines Kleidungsgeschäfts
in Mitte wurde im Oktober vergangenen Jahres dazu verurteilt, das Geschäft
in der Rosa-Luxemburg-Straße zu räumen. Der Laden wurde mehrfach
Ziel von Farbanschlägen. Derzeit ist er jedoch noch geöffnet.
Räumungsklagen gab es auch in Leipzig, Magdeburg und Hamburg.
Gegen den neu eröffnete Thor-Steinar-Laden haben Hausnachbarn gestern
an der Fassade des benachbarten Hauses mehrere Protestplakate angebracht.
Mit der Aktion unter dem Motto "Gesicht zeigen" forderten die
im Nachbarhaus ansässigen interkulturellen Vereine die Schließung
des Ladens. Die beiden Plakate tragen die Slogans "Augen auf beim
Kleiderkauf - Neue Nazis tarnen sich!" sowie "Friedrichshain
für Vielfalt, Demokratie und Respekt". Die Aktion sei nicht
befristet, sagte die Geschäftsführerin der Paul-Singer-Gesellschaft,
Susanne Kitschun. ddp/epd
<<<
Presse
06.03.2009 Neues Deutschland
Tromsø wehrt sich gegen Tromsø
Norwegische Stadt verbittet sich Namensmissbrauch durch
»Thor Steinar«
Von Martin Kröger
Gegen den neuen »Thor Steinar«-Outlet
»Tromsø« in Friedrichshain regt sich auf immer mehr
Ebenen Widerstand. Zu Wochenbeginn gab es auch die ersten Anschläge
auf das umstrittene Geschäft, das die bei Neonazis beliebte Klamottenmarke
verkauft.
Neben einem Steinwurf, bei dem die Scheibe des Geschäfts zu Bruch
ging, kam es zudem zu einem Kakao-Attentat: Ein junger Schüler wollte
offenbar mit der Farbe Braun suggerieren, was die Geschäftsbetreiber
seiner Meinung nach für eine Gesinnung hegen. Nebenan, im Haus Nummer
92, ist man im besonderen Maße besorgt über die neuen Nachbarn.
»Unsere Ratsuchenden, unter anderem afrikanische Migranten, die
zur Sozialberatung kommen, haben Angst, dass mit diesem Laden Rechtsextreme
angezogen werden«, berichtet Holger Förster, Geschäftsführer
des Verbandes für interkulturelle Arbeit (VIA).
Der Verband sowie weitere Migrantenorganisationen, die ebenfalls in dem
Haus residieren, wollen jetzt »Gesicht zeigen«. Um potenziell
ahnungslose Käufer, aber auch Anwohner zu sensibilisieren, will man
ab heute ein riesiges Transparent an der Fassade installieren. Überdies
versuchen die verschiedenen Vereine, den Vermieter des »Tromsø«
herauszubekommen, damit er das Mieterverhältnis auflöst, sagt
Förster.
In Friedrichshain beschäftigten sich jedoch nicht nur die direkten
Nachbarn mit dem problematischen Geschäft. Am Sonnabend rufen erneut
die Initiative gegen Rechts sowie mehrere Antifa-Gruppen dazu auf, gegen
den Laden auf die Straße zu gehen. Unter dem Motto »Kein Kiez
für Nazis! Weg mit dem Thor Steinar-Laden aus Friedrichshain!«
beginnt der Aufzug um 14 Uhr am S-Bahnhof Warschauer Straße. Die
Demo soll danach zum Geschäft in der Nähe des Frankfurter Tores
gehen.
Die Initiative gegen Rechts plant zudem am kommenden Mittwoch ab 20 Uhr
eine Diskussionsveranstaltung in der Galiläa-Kirche. »Mit dem
Podium wollen wir die Nachbarschaft über das Modelabel aufklären«,
sagt Markus Roth von der Initiative. Diese hat überdies auch einen
offenen Brief an den Vermieter des »Tromsø« geschickt.
Auch das Bezirksamt versucht derzeit, Kontakt zum Vermieter aufzunehmen.
Gute Nachrichten gibt es unterdessen aus Norwegen: Die Stadt Tromsø
wehrt sich gegen den Missbrauch ihres Namens durch »Thor Steinar«
– und hat das Modelabel deshalb aufgefordert, den Namen sofort niederzulegen.
<<<
Presse
05.03.2009 TAZ
Kiez bekämpft rechtes Einkaufsparadies
Friedrichshainer machen gegen Laden "Tromsø" mobil
Bürger und Politiker wollen ein neues
Geschäft, das die bei Nazis beliebte Modemarke "Thor Steinar"
verkauft, nicht im Bezirk dulden. Polizei schützt den Laden vor Steinwürfen
und Farbbeuteln.
Farbbeutel und Steine von den Autonomen,
friedlicher Protest von Anwohnern und Politikern. Wenige Tage nach der
Eröffnung des Ladens "Tromsø" in der Petersburger
Straße in Friedrichshain herrscht rund um das Frankfurter Tor Ausnahmezustand.
Tag und Nacht sichern Polizisten in Uniform und zivil das umstrittene
Geschäft, das Kleidung der bei Neonazis beliebten Marke "Thor
Steinar" anbietet. Im Halbstundentakt fahren Streifenwagen vorbei.
"Nazi-Scum fuck off" ist an die Hauswand gesprüht, das
große Schaufenster durch Steinwürfe gesplittert. Für Samstag
ruft ein breites Bündnis von Antifa, SPD, Grüne, Linke und Anwohnern
zur Demo gegen den Laden auf.
Warum ausgerechnet im Szenebezirk Friedrichshain ein solches Geschäft
eröffnet, versteht niemand. "Vielleicht geht es einfach darum,
den Mythos vom links-alternativen Friedrichshain zu brechen", sagt
Maik Baumgärtner von der Initiative gegen rechts. Die Bürgerinitiative
koordiniert die Proteste - unterstützt vom Bezirksbürgermeister
Franz Schulz (Grüne). "Wir werden alles in unseren Kräften
Stehende tun, damit dieser Laden schließt", so Schulz zur taz.
Ob dem Vermieter bekannt ist, was für eine Firma er sich ins Haus
geholt hat, konnte der Bezirk noch nicht herausfinden. In den nächsten
Tagen soll es ein Gespräch mit der Hausverwaltung geben.
Matthias Müller von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus
kann die Sorgen der Anwohner verstehen. "Das Geschäft zieht
eine entsprechende Klientel an, wodurch natürlich die Gefahr für
potenzielle Opfergruppen rechtsextremer Gewalt erhöht wird."
Besonders wütend sind die Anwohner, weil "Thor Steinar"
sich ausgerechnet ein Haus ausgesucht hat, in dem sich während der
Zeit des Nationalsozialismus ein Folterkeller der SA befand. Im berüchtigten
"Keglerheim" wurden hunderte Gegner der Nationalsozialisten
gefoltert und ermordet.
2008 bekräftigte der brandenburgische Verfassungsschutz, Rechtextremisten
sehen in der Marke "Thor Steinar" ein "identitätsstiftendes
Erkennungszeichen". Im Gegensatz zu Marken wie "Lonsdale"
oder "Fred Perry", die es ursprünglich nur in normalen
Sportgeschäften gab und langsam von der Nazi-Szene vereinnahmt wurden,
verhält es sich bei "Thor Steinar" andersherum. Die Marke
hat es allmählich geschafft, nicht mehr nur in einschlägigen
Nazi-Läden verkauft zu werden, sondern auch in nichtrechten Geschäften.
Die Bewohner der norwegischen Stadt Tromsø sind entsetzt über
die Vereinnahmung ihres Ortsnamens. Einer Lokalzeitung sagte Bürgermeister
Aril Hausberg: "Es ist fürchterlich, dass Tromsø mit
Neonazis und Rechtsextremismus auf so eine Art und Weise in Verbindung
gebracht wird." Er sorge sich um den Ruf der Stadt im Ausland. "Die
Frage der Nutzung der norwegischen Flagge und Städtenamen durch ,Thor
Steinar' betrachten wir als ernst", sagte der Gesandte der norwegischen
Botschaft in Berlin, Dag Stangnes, der taz. Man prüfe in Absprache
mit dem Außenministerium in Oslo rechtliche Möglichkeiten,
dagegen vorzugehen.
Tromsø ist nicht der erste Laden in Friedrichshain, der die umstrittene
Marke verkauft. Erst im November letzten Jahres gab es eine Räumungsklage
gegen das Sportgeschäft Doorbreaker im Friedrichshainer Ringcenter,
das ebenfalls "Thor Steinar"-Klamotten im Angebot hat. Umso
größer ist jetzt die Wut über Tromsø. Lars Laumeyer,
Sprecher der Antifaschistischen Linken Berlin, lässt keinen Zweifel
daran, welche Protestformen er für sinnvoll hält. "Gegen
dieses Geschäft ist uns jedes Mittel recht. Wer meint, einen ,Thor
Steinar'-Laden in Friedrichshain eröffnen zu können, muss sich
über kaputte Scheiben nicht wundern."
Inzwischen gibt es kaum eine Straße in Friedrichshain, in der nicht
Plakate gegen den Laden geklebt sind. "Unser Kiez bleibt Nazi-frei!
Weg mit der Nazi-Marke Thor Steinar" ist darauf zu lesen. Darunter
eine Faust, die das Markenlogo zerschlägt. Für den heutigen
Freitagvormittag haben Bewohner des Nachbarhauses von Tromsø eine
Plakatieraktion angekündigt. Sie wollen zeigen, dass sie sich von
der "Thor Steinar"-Kundschaft nicht einschüchtern lassen
werden.
<<<
Presse
05.03.2009 Berliner Zeitung
Tarnanzüge für Neonazis
Ein neuer Laden verkauft Kleidung, die bei Rechten
beliebt ist. Die Anwohner wehren sich dagegen
FRIEDRICHSHAIN. Der Laden ist neu. Erst
am Wochenende wurde er in der Petersburger Straße eröffnet.
Tromsø steht in großen dunklen Buchstaben an der Fassade.
Das Schaufenster darunter ist bereits zersplittert. Aus Protest gegen
das Geschäft, das Kleidung der bei Neonazis beliebten Marke Thor
Steinar verkauft, hat jemand einen Stein gegen die Scheibe geworfen, ein
anderer spuckte Kakao an das Glas. Holger Förster hält nicht
viel von solchen Methoden. Er will friedlich gegen den Laden vorgehen.
Er hat Anwohner zusammengeholt und ein Transparent malen lassen.
Förster ist Geschäftsführer
des Verbandes für interkulturelle Arbeit und hat sein Büro im
Nachbargebäude. Auch das afrikanische Samariterwerk, eine afrikanisch-ökumenische
Kirche und ein chilenischer Kulturverein sitzen in dem Haus. "Die
Kundschaft dieses Ladens ist ein Sicherheitsrisiko für unsere Klientel,
es gab ja bereits Übergriffe von Rechten am Frankfurter Tor",
sagt Förster. Er empfindet es als gezielte Provokation, dass sich
die Thor-Steinar-Verkäufer im Friedrichshainer Kiez und obendrein
in diesem Haus niedergelassen haben. Denn an dieser Stelle befand sich
einst das berüchtigte Faschistenlokal Keglerheim. 1933 wurden dort
Friedrichshainer Antifaschisten misshandelt und gefoltert. Eine Gedenktafel
erinnert heute daran.
"Augen auf beim Kleiderkauf. Neue Nazis tarnen sich", haben
die Anwohner auf ihr riesiges Transparent geschrieben. Sie verhandeln
jetzt mit ihrem Vermieter, dass sie es an ihr Haus hängen dürfen.
Doch dabei soll es nicht bleiben. "Wir wollen einen offenen Brief
an den Hauseigentümer schreiben und ihn auffordern, dem Laden zu
kündigen", sagt Förster. Die Immobilie, in der sich zahlreiche
Büros und einige Wohnungen befinden, gehört der SF-Immobilienfonds-Gruppe,
die auch den Mietvertrag unterzeichnete. Ihr Rechtsanwalt teilte mit,
dass dem Eigentümer bis zur Öffnung des Geschäfts nicht
bekannt war, dass dort Kleidung von Thor Steinar verkauft werden soll.
Man sei bestürzt und werde alle rechtlichen Maßnahmen ausschöpfen,
um den Verkauf von Thor-Steinar-Kleidung in dem Objekt zu unterbinden.
Cenan Bayram, Sprecherin der Initiative gegen Rechts (IGR) Friedrichshain
hat für den kommenden Sonnabend erneut eine Demonstration angemeldet.
Sie wird wie schon am vergangenen Wochenende vor dem Laden stattfinden.
Der Protestzug startet um 14 Uhr an der Warschauer/Ecke Revaler Straße.
Am nächsten Mittwoch ab 20 Uhr will die Initiative eine Podiumsdiskussion
in der Galiläa-Kirche in der Rigaer Straße veranstalten, um
die Anwohner über Thor Steinar zu informieren. Zudem sollen am Frankfurter
Tor Flyer verteilt werden.
Man habe Kontakt zur Initiative "Mitte gegen Rechts" aufgenommen,
sagt Bayram. Diese hatte unter anderem mit Containern gegen den Thor-Steinar-Laden
in der Rosa-Luxemburg-Straße protestiert, der im Februar vergangenen
Jahres aufmachte. Das Landgericht gab der Räumungsklage des Vermieters
statt, die Ladenbetreiber haben Berufung eingelegt. Auch das Centermanagement
des Ring-Centers versucht, einen Thor-Steinar-Laden loszuwerden. Über
die Räumungsklage wird am 12. März verhandelt.
<<<
Presse
02.03.2009 Junge Welt
Berlin: 250 Menschen auf Protestkundgebung gegen
»Thor Steinar«
Berlin. Etwa 250 Menschen haben am Samstag
morgen gegen ein neues »Thor-Steinar«-Geschäft in Berlin-Friedrichshain
demonstriert. Dessen Eröffnung in der Petersburger Straße war
erst am Freitag bekanntgeworden. Entsprechend wenig Zeit blieb den Organisatoren
des Protests. Dennoch sprach sich die Provokation nicht nur unter Antifagruppen
herum; auch Vertreter der Grünen, der Linkspartei und einer lokalen
Anwohnerinitiative protestierten.
Ursprünglich war die Kundgebung unter dem Motto »Keine Naziinfrastruktur«
von der Versammlungsbehörde auf die Straßenseite gegenüber
dem Geschäft verbannt worden. Allerdings besetzten die Nazigegner
in einer spontanen Aktion den Mittelstreifen der Petersburger. Die Polizei
postierte ihre Einsatzfahrzeuge daraufhin direkt vor dem Laden. Eine Eskalation
wurde durch die Antifaschisten sowie durch die diesmal eher defensiv agierende
Polizei verhindert.
Zum Firmenkonzept der in der Neonaziszene äußerst beliebten
Bekleidungsmarke gehört unter anderem die Verbreitung nordisch verklärter
Mythen und Symbole. Die Eröffnung immer neuer Geschäfte sehen
Antifaschisten als Versuch, rechtsextreme Ideologien zu verbreiten, und
als Teil einer »Normalisierungsstrategie«. Darüber hinaus
suche sich »Thor Steinar« gezielt Orte für neue Geschäfte
aus, die schon durch ihre Lage eine Provokation für die Bewohner
der Gegend darstellen. Direkt neben dem am Samstag eröffneten Shop
ist eine Gedenktafel mit der Aufschrift »Zu Ehren der Opfer des
Mörderkellers Keglerheim« angebracht, die an einen früheren
SA-Folterkeller erinnert, der sich während der Nazizeit in dem Haus
befand.
<<<
Presse
02.03.2009 Neues Deutschland
Kleiderkammer im SA-Sturmlokal
Gegen den »Thor-Steinar«-Laden in Friedrichshain
regt sich heftiger Widerstand der Anwohner
Zu Beginn gab es einen Test, wer schneller
ist. Kurz nach Kundgebungsbeginn gegen den neuen »Thor Steinar«-Laden
»Tromsø« in Friedrichshain rannten Antifas über
die Petersburger Straße. Die Polizei, die mit 140 Beamten im Einsatz
war, konnte die Menge jedoch vor der Stürmung des umstrittenen Geschäfts
an den Straßenbahnschienen stoppen. Rund 250 Menschen hatten sich
am Samstagmorgen versammelt, um gegen die Eröffnung des Klamottengeschäfts
der bei Neonazis beliebten Marke »Thor Steinar« zu protestieren.
Sie trafen sich um 9.30 Uhr auf der gegenüberliegenden Straßenseite
des Hauses Petersburger Straße 94. Dort, wo sich Neonazis jetzt
mit Klamotten eindecken, befand sich in den 1930er Jahren das »Keglerheim«,
ein Sturmlokal der faschistischen SA, in der nach der Machtergreifung
1933 hunderte Antifaschisten misshandelt oder ermordet wurden. Nur wenige
Meter neben der Gedenkplakette zur lokalen Naziterror-Zentrale befindet
sich der Eingang zum Bekleidungsgeschäft. Das war am Samstag zwar
geöffnet, bloß fanden sich keine Käufer.
Denn die Polizei hatte das Geschäft mit zwei Mannschaftswagen, die
vor den Schaufenstern Stoßstange an Stoßstange parkten, blockiert.
Das »Tromsø« ist neben der Filiale in der Rosa-Luxemburg-Straße
18 und dem »Doorbreaker« im RingCenter an der Frankfurter
Allee der dritte derartige Laden in Berlin. Die Grünen-Abgeordnete
Clara Herrmann hatte Donnerstag kurzfristig zur Kundgebung aufgerufen,
nachdem sich die Gerüchte über die Eröffnung bewahrheitet
hatten.
Auch die Friedrichshainer Initiative gegen Rechts mobilisierte zur Kundgebung.
»Für die Rechten ist das hier eine schlechte Nachbarschaft«,
sagte die Initiativen-Sprecherin, die SPD-Abgeordnete Canan Bayram gegenüber
ND. Die Nazis sähen die Eröffnung eines Ladens, »der hier
nur Miese machen wird«, als politische Aktion, ergänzte Markus
Roth von der Initiative. Friedrichshain sei bereits jetzt stadtweit Nummer
Eins bei rechten Übergriffen. Die Situation könnte sich noch
verschlimmern, wenn braune Kameraden zum Einkaufen herkämen und im
linksalternativen Kiez Ärger suchten.
Auch Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) nahm an der Kundgebung
teil. Gleich am Wochenanfang werde er das Gespräch mit dem Hauseigentümer
suchen, kündigte er an. »Nach den Protesten in Mitte, hätte
der Vermieter wissen können, auf was er sich hier einlässt.«
Für Schulz ist die Ladeneröffnung der Versuch der rechten Szene,
»ein Stück Infrastruktur« im linken Kiez einzurichten.
»Die Normalisierungsstrategie, die ›Thor Steinar‹ fährt,
darf man nicht tolerieren und muss sie mit langem Atem begleiten«,
betonte Sabine Kritter von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus
(MBR).
Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele forderte die Anwohner
zum Handeln auf. Nur gemeinsam gelänge es, den Laden wieder zu schließen.
Als die Polizei die Protestierenden von den Straßenbahnschienen
verweisen wollte, spitzte sich die Situation kurz zu. Die Aufregung währte
jedoch nicht lange: Ein BVG-Angestellter erklärte, die M 10 sei umgeleitet,
die Kundgebung könne bleiben, wo sie ist. Nach zwei Stunden war die
Veranstaltung beendet. Es gab mindestens eine Festnahme, vermutlich wegen
Beamtenbeleidigung. Am morgigen Dienstag lädt die Initiative gegen
Rechts um 19 Uhr in den Mieterladen, Kreutziger Straße 23, zum offenen
Treffen, um das weitere Vorgehen zu planen. Eine Demonstration und Flugblätter
für die Anwohner soll es geben, so Canan Bayram. Darin jedoch, dass
es nicht bei Mahnwachen bleiben kann, war man sich am Samstag unter allen
Protestierenden ebenfalls einig.
<<<
Presse
28.02.2009 RBB-Abendschau
Demo gegen "Thor Steinar"-Laden
Rund 150 Demonstranten haben am Samstagvormittag
gegen die Eröffnung eines "Thor Steinar"-Ladens in Berlin-Friedrichshain
protestiert. Der Protest verlief nach Polizeiangaben ohne Zwischenfälle.
"Thor Steinar" gilt als eine bei Neonazis beliebte Kleidermarke.
Bündnis 90/Die Grünen hatte zu der Protestaktion aufgerufen.
Die Politische Jugendsprecherin der Partei, Clara Herrmann, ist zu Gast
im Studio.
In Berlin hatte es bereits mehrfach Proteste gegen die Eröffnung
von Läden gegeben, die die Marke "Thor Steinar" führen.
Erst im Oktober vergangenen Jahres war eine Räumungsklage gegen ein
"Thor-Steinar"-Geschäft in Mitte ergangen. RBB-BLOG
mit 22 Kommentaren
<<<
Presse
28.02.2009 Morgenpost
Hunderte demonstrieren gegen Thor-Steinar-Laden
Aus Mitte wurde Thor Steinar schon verjagt.
Nun wollte das bei Rechtsextremen beliebte Modelabel ein neues Geschäft
in Friedrichshain-Kreuzberg eröffnen. Und wieder gibt es Proteste.
Befürchtete Krawalle blieben aus. Die Demonstration verlief ohne
Zwischenfälle.
Am Vormittag haben rund 200 Demonstranten gegen die Eröffnung eines
Ladens der bei Rechtsextremen beliebten Modemarke Thor Steinar protestiert.
Zu der Demonstration vor dem „Thor-Steinar-Outlet“ in der
Petersburger Straße 94 im Stadtteil Friedrichshain hatten die Berliner
Grünen aufgerufen. Unter den Demonstranten waren auch der Bezirksbürgermeister
von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), sowie der Grünen-Bundestagsabgeordnete
Hans-Christian Ströbele. Polizei hatte die Fensterscheiben des Ladens
vorsorglich gesichert. Der Protest verlief nach Polizeiangaben ohne Zwischenfälle.
Thor Steinar ist ein bei Rechtsradikalen beliebtes Modelabel und dient
nach Erkenntnis der Sicherheitsbehörden in der rechten Szene als
Erkennungszeichen. In Berlin hat es bereits mehrfach Proteste gegen die
Eröffnung von Geschäften gegeben, die die Marke “Thor
Steinar„ führen. Der Inhaber eines Kleidungsgeschäfts
in Mitte wurde im Oktober 2008 dazu verurteilt, das Geschäft in der
Rosa-Luxemburg-Straße zu räumen. Ähnlich entschieden auch
Richter über Läden in Leipzig, Magdeburg und Hamburg.
Auch verschiedene Institutionen verweigern inzwischen Besuchern mit Thor-Steinar-Kleidung
den Zugang zu ihren Einrichtungen: so etwa die Fußballvereine Hertha
BSC, Werder Bremen und der FC St. Pauli sowie der Deutsche Bundestag und
der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Die Berliner Polizei leitete mehrfach
Disziplinarverfahren gegen Polizisten ein, die im Dienst Thor-Steinar-Kleidung
trugen.
<<<
Presse
28.02.2009 Tagesspiegel
Demonstration vor neuem "Thor Steinar"-Geschäft
Rund 250 Menschen haben am Samstagvormittag in Friedrichshain gegen die
Eröffnung eines neuen Ladens für die bei Neonazis beliebte Kleidermarke
"Thor Steinar" protestiert. Die Grünen hatten zur Demo
aufgerufen.
Berlin - Der Protest verlief nach Polizeiangaben ohne Zwischenfälle.
Die Partei Bündnis 90/Die Grünen hatte zu der Demonstration
aufgerufen.
Die Grünen-Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus,
Clara Herrmann, sagte, für das Geschäft sei in Friedrichshain
kein Platz und es müsse "so schnell wie möglich verschwinden".
In dem Laden in der Petersburger Straße unweit des Frankfurter Tors
wird laut Herrmann nur die Marke "Thor Steinar" vertrieben.
Diese Kleidung sei in rechten Kreisen sehr beliebt und mit völkischer
Symbolik beladen. Weiter führte sie an, dass die rechte Szene in
Friedrichshain "immer weiter vordringt". Dies zeige auch ein
Blick in die Statistiken rechter Übergriffe der Opferberatung "Reachout".
Laut Polizei verlief die Kundgebung weitgehend friedlich.
In Berlin hat es bereits mehrfach Proteste gegen die Eröffnung von
Geschäften gegeben, die die Marke "Thor Steinar" führen.
Der Inhaber eines Kleidungsgeschäfts in Mitte wurde im Oktober 2008
dazu verurteilt, das Geschäft in der Rosa-Luxemburg-Straße
zu räumen. Ähnlich entschieden auch Richter über Läden
in Leipzig, Magdeburg und Hamburg. (nal/ddp) 30
Kommentare
<<<
Presse
28.02.2009 DDP
Demonstration gegen «Thor Steinar»-Laden
in Friedrichshain
Insgesamt war die Polizei mit 170 Mann im Einsatz
Berlin (ddp-bln). Zahlreiche Menschen haben
am Samstagvormittag in Berlin-Friedrichshain gegen die Eröffnung
eines neuen Ladens für die bei Neonazis beliebte Kleidermarke «Thor
Steinar» protestiert. Die Veranstalter sprachen von 250 Teilnehmern,
die Polizei von 170. Nach Angaben eines Polizeisprechers verlief die Kundgebung
weitgehend friedlich. Einzelne Demonstranten versuchten, in das Geschäft
in der Petersburger Straße einzudringen, was Beamte aber verhinderten.
Insgesamt war die Polizei mit 170 Mann im Einsatz.
Die Grünen-Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus,
Clara Herrmann, sagte, für das Geschäft sei in Friedrichshain
kein Platz und es müsse «so schnell wie möglich verschwinden».
In dem Laden in der Petersburger Straße unweit des Frankfurter Tors
wird nach Angaben der Grünen-Politikerin nur die Marke «Thor
Steinar» vertrieben. Diese Kleidung sei in rechten Kreisen sehr
beliebt und mit völkischer Symbolik beladen.
In Berlin hat es bereits mehrfach Proteste gegen Geschäfte gegeben,
die die Marke »Thor Steinar« führen. Der Inhaber eines
Kleidungsgeschäfts in Mitte wurde im Oktober 2008 dazu verurteilt,
das Geschäft in der Rosa-Luxemburg-Straße zu räumen. Der
Laden wurde mehrfach Ziel von Farbanschlägen.
Laut Polizei wurde auch bei dem neuen Geschäft in Friedrichshain
versucht, ein Farbei gegen die Schaufensterscheibe des Geschäftes
zu werfen. Der Mann verfehlte jedoch das Ziel. Beamte nahmen den 27-Jährigen
vorläufig fest.
<<<
Presse
28.02.2009 Neues Deutschland
»Thor Steinar« in Friedrichshain
(ND-Kröger). Die Grünen rufen
am heutigen Sonnabend zum Protest gegen die Eröffnung eines Ladens
in Friedrichshain auf, der in seinem Sortiment die bei Rechtsextremen
beliebte Kleidungsmarke »Thor Steinar« führt. Die Kundgebung
wurde gestern kurzfristig von der Grünen-Abgeordneten Clara Hermann
für heute um 9.30 Uhr vor dem Laden in der Petersburger Straße
94 angemeldet. »Wir sind erst davon ausgegangen, es handelt sich
um ein Gerücht«, sagte Clara Hermann gegenüber ND. Doch
dann habe sich bestätigt, dass das umstrittene Modelabel aus Königs
Wusterhausen auch in Friedrichshain ein Geschäft eröffnen wolle.
Vor Ort war am Freitag eine frisch renovierte Ladenfront und ein noch
mit Pappe abgedecktes Schild zu erkennen. Mitglieder der Antifa wollen
jedoch einschlägige Personen beim Ausladen der Ware beobachtet haben.
Die Friedrichshainer Initiative gegen Rechtsextremismus ruft derweil ebenfalls
zu der Kundgebung auf. »Unsere größte Sorge ist, dass
es für alle potenziellen Opfer von Neonazis noch gefährlicher
wird, sich im Kiez zu bewegen«, meint Markus Roth von der Initiative.
»Dadurch, dass in Friedrichshain ein Outlet-Store geplant ist«,
weiß Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus,
»steht zu befürchten, dass wieder ältere Kollektionen
des Modelabels mit dem alten Logo verkauft werden.« Das war in Brandenburg
schon mal verboten. In Mitte läuft unterdessen ein Verfahren gegen
einen ähnlichen Laden. Eine endgültige Gerichtsentscheidung
steht jedoch aus, weil die Ladenmieter offenbar gewillt sind, durch alle
Instanzen zu gehen.
<<<
Presse
27.02.2009 DDP
Demonstration gegen Eröffnung von «Thor
Steinar»-Laden
Berlin (ddp-bln). Die Grüne-Fraktion
im Abgeordnetenhaus hat für Samstag (28. Februar) in Berlin-Friedrichshain
zu einer Kundgebung gegen die Eröffnung eines neuen Ladens für
die bei Neonazis beliebte Kleidermarke «Thor Steinar» aufgerufen.
«Wir fordern alle demokratischen Kräfte auf, durch ihre Teilnahme
ein Zeichen gegen Intoleranz und Hass zu setzen«, sagte die Sprecherin
für Strategien gegen Rechtsextremismus der Grünen-Fraktion,
Clara Herrmann, am Freitag. Die Kundgebung beginnt um 9.30 Uhr vor dem
Geschäft in der Petersburger Straße zwischen Bersarinplatz
und Frankfurter Tor.
Die Marke »Thor Steinar« ist wegen des Verwendens umstrittener
Symbole vor allem bei Neonazis beliebt. Auch gilt sie in der Szene als
Erkennungszeichen. Herrmann betonte, wer die Hintergründe von »Thor
Steinar« nicht kenne, könne den Laden für ein norwegisches
Outdoor-Geschäft halten. Genau das sei aber Teil der Normalisierungsstrategie
der Betreiber.
In Berlin hat es bereits mehrfach Proteste gegen die Eröffnung von
Läden gegeben, die die Marke »Thor Steinar« führen.
Der Inhaber des »Tonsberg»-Ladens in Mitte wurde im Oktober
2008 dazu verurteilt, das Geschäft in der Rosa-Luxemburg-Straße
zu räumen. Ähnlich entschieden auch die Richter in Leipzig,
Magdeburg und in Hamburg.
<<<
Presse
09.01.2009 Neues Deutschland
Der Bahnhof als Tatort
Nach Übergriff auf Punk am Ostkreuz: Initiative gegen Rechts kündigt
Aktion an
Leute eilen hin und her – Menschen,
die in verschieden aussehender Kleidung stecken. Einige tragen das Logo
der »Antifaschistischen Aktion« an der Jacke oder andere linke
Insignien, aber auch die bei Neonazis beliebte Marke »Thor Steinar«
fällt ins Auge. Doch die meisten Menschen die mittags auf der Bahnhofsbaustelle
Ostkreuz ihrer Wege eilen, sehen »normal« aus. Ein Ort, wie
es in dieser Stadt hunderte gibt – ein Übergriff, wie er an
solchen Orten über die Jahre immer wieder passiert.
Am Ausgang Markgrafendamm wurde am Dienstagmorgen gegen 4.45 Uhr ein 38-jähriger
Punk mutmaßlich von Rechten zusammengeschlagen. Der alkoholisierte
Mann sei nach eigenen Angaben mit »Scheiß-Punker« angesprochen
und von drei unbekannten Tätern, die er als der »rechten Szene
zugehörig« erkannte, geschlagen und getreten worden. Das teilte
die Polizei auf Anfrage mit. Der Punk habe bei dem Angriff Kratzer, Prellungen
und Hämatome erlitten und sei inzwischen aus dem Krankenhaus wieder
entlassen worden. Im linken Nachrichtenportal »indymedia«
haben vermutlich Freunde des Betroffenen ihre Version der Geschichte veröffentlicht.
Die Täter hätten ihm, nachdem sie ihn bepöbelt haben, seine
Flasche auf dem Kopf zertrümmert, ihn mit Wodka übergossen und
ihm die Scherben in Gesicht gestochen. Der Betroffene und andere Punks
seien schon öfter von Rechten am Ostkreuz angepöbelt worden,
liest man dort.
Nach Angaben von Opferberatungsstellen gab es 2008 einen gewalttätigen
Übergriff, nach Polizeiangaben keinen. Pöbeleien und auch Übergriffe
sind nicht alltäglich am Ostkreuz, aber es gibt sie. »Man sieht
immer wieder auch bekannte Rechtsextreme am Ostkreuz herumstehen, die
dort ein-, aus- oder umsteigen«, erzählt Sabine Kritter von
der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR), die seit Jahren Projekte
– privat oder öffentlich – berät, die sich gegen
Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus engagieren. »Am
Ostkreuz werden auch Migranten oder Linke bepöbelt und bedroht«,
weiß Kritter. Es sei eben so, dass sich rechtsextreme Vorfälle
an Verkehrsknotenpunkten, an denen viele Menschen unterwegs sind, »verdichten«.
Schon 2005, als Friedrichshain die traurige Hitparade der gewalttätigen
rechten Übergriffe anführte, geschahen die meisten Taten im
öffentlichen Raum an Bahnhöfen. Die angesichts dessen 2006 gegründete
Initiative gegen Rechts spricht davon, dass Angsträume entstehen,
in denen sich Menschen, die nicht der »Normalität« entsprächen,
bedroht fühlten. Bei der Polizei heißt es auf diese Frage:
»Die Polizei kennt keine Angsträume«.
Markus Roth von der Initiative sagt, es sei schwer, gegen derartige Gewalt
vorzugehen, weil sie aus einem unorganisierten rechten Spektrum stamme.
Man müsse das Klima im Kiez verändern, findet Roth und kündigt
an, dass die Initiative nun verstärkt Präsenz am Ostkreuz zeigen
wolle.
<<<
Presse
07.01.2009 Tagesspiegel
Ins Krankenhaus geprügelt
Drei Unbekannte haben gestern in Friedrichshain
einen Punker schwer verletzt. Der betrunkene 38-Jährige war gegen
4.45 Uhr am Eingang zum S-Bahnhof Ostkreuz von ihnen zunächst angepöbelt
und dann geschlagen und getreten worden. Anschließend flüchtete
das Trio, das nach Angaben des Opfers der rechten Szene angehören
soll. Ein Lkw-Fahrer, der in der Nähe gerade sein Fahrzeug belud,
alarmierte Polizei und Feuerwehr. Der Verletzte kam zur stationären
Behandlung in ein Krankenhaus. Der Staatsschutz übernahm die Ermittlungen.
<<<
Presse
4.12.2008 Jungle World
Kein Bier für Nazis!
Ein Kiez und seine Gewerbetreibenden dürfen Opfer
rechter Gewalt nicht alleine lassen. Disko von Clara Herrmann
Der Stadtteil Friedrichshain ist über
Berliner Grenzen hinaus bei Einheimischen und Touristinnen und Touristen
für seine eher alternative Ausgeh-Szene bekannt. Umso überraschender
ist es, dass ausgerechnet Friedrichshain seit Jahren die traurige Liste
rechtsextremer und rassistischer Übergriffe der Opferberatungsstelle
»Reachout« in Berlin anführt. Kneipen und Imbisse
stellen häufig die Ausgangspunkte rechtsextremer Taten dar. Die Initiative
gegen Rechts hat mit ihrer Mappe »Servicewüste für Nazis«
eine Handreichung für Gewerbetreibende im Kiez konzipiert. Warum
eigentlich und was soll das überhaupt bewirken?
Die Antwort ist simpel: Mit der Aktion sollen Gewerbetreibende über
die Situation und die Zusammenhänge in Hinblick auf Rechtsextremismus
aufgeklärt und es sollen ihnen Handlungsmöglichkeiten geboten
werden, wie man seine Kneipe, sein Restaurant oder seinen Laden und dessen
Besucherinnen und Besucher vor Nazis schützt und die braune Brut
vom eigenen Gewerbe fernhält – gerade weil man Nazis im Jahr
2008 gar nicht mehr auf den ersten Blick erkennen kann. Sie tragen Che-Guevara-Shirts,
Palitücher oder »Thor-Steinar«-Pullover und sind durchaus
auch gepierced. Keineswegs der alte Einheitslook mit Glatze und Bomberjacke.
Auch über solche neuen (Mode-)Entwicklungen und Erkennungszeichen
in der rechtsextremen Szene klärt die Mappe auf. Im 21.?Jahrhundert
muss man mehrmals hinsehen, und unter Umständen kann man Rechtsextreme
nur an versteckten Symbolen oder Zeichen erkennen. Aber auch genau darauf
zu achten, welchen Inhalt die Veranstaltung hat, für die man seine
Räumlichkeiten vermietet, ist ratsam. Handelt es sich wirklich um
eine harmlose Geburtstagsfeier, oder trifft sich gerade eine Kameradschaft?
Zudem wissen viele Inhaberinnen und Inhaber von Gastronomiebetrieben nicht,
dass sie sich per Hausordnung und beim Abschluss von Verträgen gegen
Rechtsextreme schützen können. Niemand muss dulden, dass seine
Kneipe oder sein Laden zum Treffpunkt für Rechte wird, die dort nicht
erwünscht sind, andere Kundschaft vertreiben und dem Betrieb neben
einem schlechten Image auch einen wirtschaftlichen Schaden zufügen.
Selbiges gilt auch für Täuschungen bei der Anmietung von Gewerberäumen
– wie zum Beispiel geschehen bei den »Thor-Steinar«-Läden
in Magdeburg und Berlin. Auch zu diesen Fragen gibt die Handreichung der
Initiative gegen Rechts wertvolle Tipps.
Durch einen Aufkleber mit der Aufschrift »Für Nazis keine Happy
Hour« kann jeder Gewerbetreibende deutlich im Schaufenster Stellung
beziehen und zeigen, dass Nazis hier keinen Platz finden. Wer geht schon
gerne in eine Location, in der man offensichtlich nicht willkommen ist
– bei Betreibenden und bei den anderen Gästen? Das ist ein
wichtiges Zeichen für Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer
offensichtlichen Zugehörigkeit zu einer Minderheit ganz besonders
durch Rechtsextremismus bedroht sind. Hier gilt es, den Betroffenen Räume
zu schaffen, in denen sie sich frei und ohne Angst aufhalten können.
Ein Kiez und seine Gewerbetreibenden dürfen Opfer rechter Gewalt
nicht alleine lassen. Dazu gehört auch: Sich einzumischen statt wegzuschauen,
und weitere Informationen und Beratungshilfen aufzuzeigen.
Wenn Gastronomen und Händlerinnen und Händler in einem Kiez
sich zusammenschließen und viele Gewerbetreibende einen Aufkleber
im Fenster oder an der Tür haben, der zeigt, dass die Räumlichkeiten
nazifrei sind, wird schnell ein Zeichen der Solidarität und der gemeinsamen
Ablehnung von Menschenfeindlichkeit und Intoleranz gesetzt. So kann sich
ein Stadtviertel oder gar ein ganzer Ort erfolgreich gegen die schleichende
braune Invasion wehren und rückt zudem enger zusammen. Läden,
Kneipen und Imbissbuden tragen entscheidend zum gesellschaftlichen
Klima eines Viertels bei. Weltoffenheit und die Weigerung, mit Intoleranz
Geschäfte zu machen, werten jeden Betrieb und jedes Viertel auf.
»Keinen Fußbreit den Faschisten« – für ein
offenes und freundliches Zusammenleben im Kiez, dazu können
alle beitragen, auch Gewerbetreibende. Die Aktion »Servicewüste
für Nazis« schließt damit eine wichtige Lücke, denn
auch Gastronomie und Gewerbe gehören zu einer aktiven, demokratischen
Zivilgesellschaft und profitieren von einer nazifreien Umgebung, wirtschaftlich
und inhaltlich.
Die Autorin ist aktiv in der Initiative
gegen Rechts in Friedrichshain, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin
und Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen.
<<<
Presse
04.12.2008 Jungle World
Kein Bier vor Vier!
Die Kampagne »Servicewüste für Nazis« dient nur
dem eigenen Wohlbefinden, ihr fehlt das antifaschistische Verständnis.
Disko von Ivo Bozic
Die Aufkleber fürs Schaufenster gibt
es gratis: »Für Nazis keine Happy Hour«. Auch sonst kostet
die Kampagne die Gewerbetreibenden nichts. Dass ein Nazi mit Glatze, Bomberjacke
und/oder »Thor-Steinar«-Klamotten in ein Geschäft in
Berlin-Friedrichshain stiefelt und einen Latte Macchiato verlangt,
kommt zwar sicher gelegentlich vor, aber auf solche Kunden zu verzichten,
würde wohl keine Kneipe und kein Bistro finanziell in Bedrängnis
bringen. Handelte es sich nicht um eine Anti-Nazi-, sondern um eine antifaschistische
Kampagne, wäre das anders. Dann müsste auf den Aufklebern jedoch
auch etwas anderes stehen, etwa »Kein Bier für Rassisten«,
oder »Keine Pizza für Antisemiten«, »Keinen Kaffee
für Nationalisten und Chauvinisten«, »Keinen Caipi
für Sexisten«, oder auch im Schuhgeschäft: »Keine
Schuhe für Holocaustleugner«.
Damit allerdings müssten die Läden, Clubs und Bars einen Großteil
ihrer Kunden abschreiben. Einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung
zufolge sind 32 Prozent der Ost- und 18 Prozent der Westdeutschen ausländerfeindlich,
acht Prozent der Ost- und über neun Prozent der Westdeutschen Antisemiten,
über ein »geschlossenes rechtsextremes Weltbild« verfügen
bundesweit 7,6 Prozent der Bevölkerung. Die wenigsten von ihnen verstehen
sich als Nazis. Sie sind es, aber sie wissen es nicht. Sie wählen
womöglich die CDU oder gar die Linkspartei, manche von ihnen sind
vielleicht auch 70 Jahre alt und würden einen »Thor-Steinar«-Pullover
nicht einmal dann anziehen, wenn sie ihn vom Enkel zu Weihnachten geschenkt
bekämen. Wenn sie die Imbissstube betreten, um ihre Currywurst zu
bestellen, grüßen sie nicht mit »Heil Hitler«,
und dass der Aufkleber an der Wurstbude ihnen gilt, darauf würden
sie nie im Leben kommen – und er gilt ja auch nicht ihnen.
Das Problem, das Gewerbetreibende bei dieser Kampagne haben, ist nicht
nur, dass sie die Rassisten, Antisemiten und Nationalisten nicht
erkennen, sondern dass sie sie auch gar nicht als Kunden verlieren wollen
oder können, egal wie sehr sie gegen Nazis sind. Und drum ist die
Kampagne »Servicewüste für Nazis« eine wohlfeile
Gutmenschen-Aktion ohne Konsequenzen, um sich gut zu fühlen. Das
Schlimme am Nazi ist ja nicht, dass er wie ein Nazi aussieht oder sich
selbst als Nazi sieht, sondern dass er beispielsweise Rassist oder Antisemit
ist. Das sind andere aber auch. Es könnte sogar ein Nicht-Deutscher
sein, dem man das Bier verweigern müsste. Und ist nicht ein Innenminister,
der die Abschiebung von Flüchtlingen verantwortet, ein ernster zu
nehmender Rassist als ein dumpfer Prolet, der einfach »was gegen
Kanaken« hat? Wo soll das enden? Bei Aufklebern wie »Keinen
Schnaps für Angestellte von Abschiebegefängnissen«,
»Keinen Döner für Islamisten«, »Keine Cola
für Menschen mit verkürzter Kapitalismuskritik«?
Hier offenbart sich, in welcher Sackgasse die gesamte Antifa und auch
die bürgerlichen Bündnisse gegen Rechts stecken – ebenso
die Kampagnen gegen »Thor-Steinar«. Gegen rechtes Gedankengut
in der Gesellschaft hilft das alles nicht. Gegen Nazis zu sein, ist noch
lange kein Antifaschismus.
Dass diese Kampagne im ehemaligen Hausbesetzer-Kiez in Berlin-Friedrichshain
durchgeführt wird, zeigt überdies, dass ihr Motiv vor allem
ist, den »eigenen Kiez« sauber zu halten. »Servicewüste
für Nazis« – in der Sächsischen Schweiz wäre
das eine wagemutige Aktion. Mal abgesehen davon, dass die Region ohnehin
insgesamt eine Servicewüste ist, wäre es dort für Kneipenwirte
und Bäcker tatsächlich mehr als ein billiges Bekenntnis, das
nur das eigene Wohlgefühl erhöht. Vermutlich würden sie
sich mit entsprechenden Aufklebern in ihren bald zerschmetterten Schaufenstern
auch alles andere als wohl fühlen. Man kann sich allerdings vorstellen,
was die Gewerbetreibenden in der Sächsischen Schweiz viel eher auf
ihre Aufkleber drucken lassen würden: »Keinen Broiler für
Linke«, »Keinen Futschi für Fidschis«, »Für
Asylanten keine Happy Hour«.
Natürlich sind Nazis ein Problem, vor allem, wenn sie männlich
und jung und somit latent gewaltbereit sind. Das größere
Problem aber ist die der Rechtsextremismus-Studie zufolge im Osten
sogar zunehmende Verbreitung von autoritärem, nationalistischem,
faschistischem Gedankengut. Dagegen helfen aber keine Aufkleber. Würden
sie das, hätten sich die Rote Armee und die Royal Air Force viel
Stress ersparen können.
<<<
Presse
3.12.2008 Berliner Woche
Servicewüste für Nazis
Wie Friedrichshain zum Rechts-freien Raum werden soll.
Friedrichshain.Der Stadtteil entwickelt
sich seit einiger Zeit zu einem weiteren Betätigungsfeld für
Neonazis. Allein in diesem Jahr zählte die Opferberatungsstelle „Reach
Out" bereits 26 Übergriffe mit rechtsradikalern Hintergrund.
Gegen das verstärkte Auftreten verschiedener Fascho-Formationen macht
inzwischen unter anderem die „Bürgerinitiative gegen Rechts"
mobil. Im Frühjahr entwickelte sie einen Button mit der Aufschrift
„Servicewüste für Nazis", der, ebenso wie ähnliche
Texte inzwischen an vielen Geschäften angebracht wurde. Für
die Gewerbetreibenden hat die Initiative jetzt auch eine Broschüre
erstellt, die zahlreiche Tipps zum richtigen Umgang, oder besser Nicht-Umgang
mit brauner Kundschaft liefert.
„Wir wenden uns dabei speziell an die Gastronomen", sagt die
Vorsitzende Canan Bayram. Denn nach Ansicht. der Rechtsanwältin und
SPD-Abgeordneten muss es gerade im Interesse der Wirte liegen, dass ihre
Lokale nicht in den Ruf einer „Nazi-Kneipe" kommen. „Sie
haben dadurch einen finanziellen Schaden, weil andere Gäste abgeschreckt
werden." Um dieses Klientel erst gar nicht zu einem Besuch zu animieren,
sollten sich die Besitzer zum Beispiel schon durch das Auslegen von entsprechendem
Informationsmaterial klar zu positionieren. Bei geschlossenen Versammlungen
wird ihnen nahe gelegt, eine Vereinbarung abzuschließen, nach der
rechtsextreme, fremdenfeindliche oder rassistische Inhalte untersagt sind.
Und sie können sich natürlich auf ihr Hausrecht berufen und
damit unliebsamen Personen Lokalverbot erteilen.
Auch um häufig latenten Rassismus, geht es der Initiative. Gerade
verbale Attacken kämen häufig nicht zur Anzeige, sagt Helga
Zeil von Reach Out. Und bei den Gewalttätigkeiten
gibt es oft eine Diskrepanz zu den Zahlen, die die Opferberatung oder
andere Aktionsbündnisse registrieren und dem was die Polizei als
eindeutig rechtsradikalen Hintergrund einordnet. „Das liegt zum
einen daran, dass wir, über weitere Quellen verfügen."
Außerdem laufen bei den Ermittlern manche solcher Vorfälle
auch als gewöhnlichen Schlägereien oder Raubtaten. „Darüber
entscheiden die Beamten vor Ort. Allerdings bestreitet auch die Polizei
mittlerweile nicht mehr, dass es ein Problem mit Rechtsradikalismus in
Friedrichshain gibt."
Zu lösen sei das nur mit einem verstärkten zivilgesellschaftlichem
Engagement, so Canan Bayram. Nazis lassen sich durch gemeinsames Handeln
zurückdrängen„ ist auch .die Grünen-Abgeordnete Clara
Herrmann überzeugt. Sie verweist auf dieAktionen der :Geschäftsleute
in der Münzstraße in Mitte, als dort ein „ThorSteinar-Laden"
aufmachte. „Es entstand ein Miteinander in diesem Kiez, das ', seither
anhält."
Ein Geschäft, dass dieses bei Rechtsradikalen beliebte Label betreibt,
befindet sich bisher
auch im RingCenter. Das dortige Center-Management hat mittlerweile eine
Räumungsklage gegen den Betreiber laufen. Gerade diese Vorkommnisse
hätten auch das Bezirksamt noch einmal sensibilisiert, so Wirtschaftsstadtrat
Dr. Peter Beckers (SPD). ,Es braucht eine ständige Auseinandersetzung
mit diesem Thema."
Und manchmal auch ein beherztes Eingreifen. Das zeigte ein junger Mann
im Frühjahr auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee. Eine Frau hatte
dort zuvor einen Afrikaner zunächst rassistisch beschimpft und ihn
dann ins Gleisbett geworfen. Der Augenzeuge kam dem Opfer sofort zu Hilfe
und es gelang ihm, den Mann kurz vor der einfahrenden S-Bahn von den Gleisen
zu ziehen. Für seinen Leben rettenden Einsatz wurde er vor einigen
Wochen von der Bürgerinitiative ausgezeichnet.
Weitere Informationen zur Initiative gegen Rechts gibt es im Internet:
www.initiantivegegenrechts.de. Regelmäßige Treffen sind an
jedem ersten Dienstag im Monat ab 19 Uhr im Mieterladen, Kreutzigerstraße
23. Donnerstags zwischen 17 und 19 Uhr eine Hotline geschaltet: 74 07
88 31.
<<<
Presse
29.11.2008 Berliner Abendblatt
Gegen das Wegsehen
Start der Aktion: Servicewüste für Nazis
Friedrichshain. Neonazis, ihr habt
in unserem Kiez nichts zu suchen! Das ist die Botschaft, die mit einer
neuen Aktion in ganz Friedrichshain verbreitet werden soll. Sie nennt
sich „Servicewüste für Nazis". Auf die Beine gestellt
wurde die Aktion jetzt von der Initiative gegen Rechts und dem Bezirksamt.
Damit sollen die Gewerbetreibenden in Friedrichshain zum Mitmachen aufgefordert
werden.
Im günstigsten Fall soll damit erreicht werden, dass Leuten aus der
rechten Szene zu Kneipen und Geschäften der Zutritt verweigert wird.
So können die Gastronomen und Ladeninhaber ein Logo an die Tür
kleben mit der Aufschrift: „Für Nazis keine Happy Hour".
Darüber hinaus erhalten die interessierten Gewerbetreibenden eine
Mappe mit einer Checkliste zum Umgang mit rechtsextremer Kundschaft, Informationen
über neonazistische Symbole und beliebte Modemarken der Szene sowie
Adressen von Beratungsstellen.
„Wir wollen ein Friedrichshain, dass frei ist von rechten Parolen,
Schlägern und Alltagsrassisten", sagt die türkisch-stämmige
Berliner SPD-Abgeordnete Canan Bayram und Mitglied in der Initiative gegen
Rechts. „Jede rechte Kneipe und jeder rechte Treff in Friedrichshain
ist überflüssig und unerwünscht. Unser Bezirk soll bunt
und vielfältig bleiben."
Und die Lage ist tatsächlich ernst: Rechtsextremismus und Rassismus
sind in Friedrichshain auf dem Vormarsch. Im ersten Halbjahr 2008 gab
es nach amtlichen Angaben bereits fünf rechtsextreme Gewalttaten
- und damit mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Der brutalste Zwischenfall
war im März dieses Jahres der Mordversuch an einem Angolaner am S-Bahnhof
Frankfurter Allee. Das Opfer war von einer 20Jährigen aus Neukölln
erst rassistisch beschimpft und dann vor einen herannahenden Zug gestoßen
worden. Nur dank dem beherzten Eingreifen eines zufällig anwesenden
Beobachters konnte der 18-jährige Afrikaner gerettet werden.
Die Opferberatung bei rechtsextremen Gewalttaten ReachOut hat sogar für
den selben Zeitraum 18 Vorfälle gezählt. Und im vergangenen
Jahr haben sich in Friedrichshain 24, Übergriffe ereignet. Inzwischen
hat auch das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz bestätigt,
dass es im Kiez ein Problem mit rechtsextremer Gewalt gibt. Einige Übergriffe
gehen von unorganisierten Rechtsextremen und Angehörigen so genannter
Mischszenen wie den Hooligans aus. Allerdings versuchen auch organisierte
Nazis wie die „Autonomen Nationalisten" verstärkt in Friedrichshain
Fuß zu fassen. Mehrere Täter wohnen sogar hier.
Die Initiative gegen Rechts wurde nach einer Welle rechtsextremer Vorfälle
im Jahr 2006 gegründet. Sie besteht aus Kiezbewohnern, Antifaschisten,
Gewerbetreibenden, Politikern und Opferberatern. Ihr Ziel ist es, das
allgemeine Desinteresse der Anwohner zu durchbrechen. Denn das Wegschauen
sei auch ein Grund dafür, dass Menschen durch Friedrichshains Straßen
gejagt und geprügelt werden. Infos unter www initiative-gegen-rechts.de.
<<<
Presse
24.11.2008 Neues Deutschland
Eine Servicewüste für Nazis
Wie Friedrichshain Rechte aus dem Kiez vertreiben
will / Gedenkdemo für Silvio Meier
Friedrichshain schlägt Alarm. Immer
mehr rechtsextreme Übergriffe werden registriert. Das beginnt mit
Pöbeleien und endet mit körperlichen Attacken. Im Juli wurde
eine 20-jährige Frau zu drei Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe
verurteilt, weil sie auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee einen Angolaner
ins Gleisbett gestoßen hatte. In letzter Sekunde war der Mann vor
dem einfahrenden Zug gerettet worden. In der Samariterstraße wurde
das alternative Sama-Café von Nazis überfallen.
Nun wollen die Bürgerinitiative gegen Rechts und die Mobile Beratung
gegen Rechtsextremismus (MBR) zusammen mit Geschäftsleuten den Nazis
in Friedrichshain den Aufenthalt so schwer wie möglich machen. Mit
der Broschüre »Servicewüste für Nazis« werben
sie mit Flyern und Aufklebern wie »Für Nazis keine Happy Hour«
für einen weiterhin toleranten Kiez. Unterstützt wird die Aktion
von den Abgeordnetenhausmitgliedern Canan Bayram (SPD) und Clara Herrmann
(Grüne). Einen Teilerfolg sieht Wirtschaftsstadtrat Peter Beckers
(SPD) darin, dass dem Thor-Steinar-Laden im Ring-Center gekündigt
wurde.
In der »Handreichung für Gewerbetreibende« werden auch
Tipps gegeben, wie verhindert werden kann, dass Rechtsextreme sich in
Kneipen breit machen. Beispielsweise durch Kreativität: Per Plakat
könnte verkündet werden, dass ein Anteil von jedem Getränkepreis
an eine antirassistische Organisation geht. Oder man kann seine Kneipe
(vorübergehend) in einen Klub umwandeln. Die Klubkarten erhalten
gegen eine geringe Gebühr nur diejenigen, die man wirklich haben
will. Wenn den Nazis gezeigt wird, dass sie als Gäste unerwünscht
sind, dann hat das meist auch Erfolg, heißt es in der Broschüre.
Viele Gastronomen sehen allerdings ein Problem darin, dass Rechtsradikale
schon lange nicht mehr äußerlich erkennbar sind. Außerdem
fühlen sich Geschäftsleute oft von der Polizei allein gelassen,
wenn sie rechtsextreme Pöbeleien anzeigen. »Das wird vielfach
nicht ernst genommen«, so ein Kneipenwirt.
In der vom Verfassungsschutz veröffentlichten Studie »Rechte
Gewalt in Berlin 2003 bis 2006« wird festgestellt, dass Friedrichshain
in diesem Zeitraum nach Prenzlauer Berg und Lichtenberg der Ortsteil mit
den meisten rechtsextremen Gewalttaten war. »In diesem Jahr wurden
uns 28 Übergriffe von Rechten gemeldet«, so Annemarie Benzing
von der MBR. Zwei davon seien in Kreuzberg passiert.
An eine Gewalttat vor 16 Jahren erinnerten am Sonnabend Hunderte Demonstranten.
Am 21. November 1992 wurde der Friedrichshainer Hausbesetzer Silvio Meier
am U-Bahnhof Samariterstraße von Neonazis erstochen.
Die Polizei nahm am Rande der Demonstration, die von Friedrichshain nach
Lichtenberg zog, sieben Menschen fest – darunter fünf Rechte,
die sich entlang der Route im Lichtenberger Weitlingkiez in einem Hausflur
vermummt und mit Knüppeln bewaffnet getroffen hatten. Außerdem
wurden eine Axt, andere Schlagwerkzeuge, Quarzsandhandschuhe und Pfefferspray
beschlagnahmt. Nach Polizeiangaben verlief die Demonstration mit bis zu
1200 Teilnehmern friedlich. Die Veranstalter sprachen von rund 2000 Teilnehmern.
Zeugen berichteten von Naziprovokationen im Verlauf der Demonstration.
So hätten einige Neonazis Farbeier von einem Dach in der Weitlingstraße
auf die Antifaschisten geworfen.
<<<
Presse
24.11.2008 TAZ
"Klar, die Aktion ist provokant"
Bei der Aktion "Service-Wüste für Nazis"
sollen Geschäftsleute nichts an Nazis verkaufen, erklärt Mitinitiatorin
Canan Bayram. Assoziationen zur Judenverfolgung der Nazis seien durchaus
gewollt. VON JENNY MARRENBACH
taz: Frau Bayram, woran
erkennt man heutzutage einen Nazi?
Canan Bayram: Eine schwierige Frage. Viele Nazis tragen ja nicht immer
offensichtliche Kleidung wie Bomberjacke und Springerstiefel. Gerade in
Berlin geht der Trend unter Nazis dahin, das Outfit der Autonomen zu übernehmen.
Ein Nazi kann nicht nur an Äußerlichkeiten erkannt werden.
Eher erkennt man ihn daran, was er tut oder sagt. Es gibt aber auch bestimmte
Symbole, nach denen man Ausschau halten kann. Zum Beispiel Kleidung der
Marke Thor Steinar.
Wo in Friedrichshain
sind besonders viele Nazis unterwegs?
Wenn man über die Biermeile läuft, findet man sie schon. Ich
war neulich beim Thailänder in der Rigaer Straße, und da kam
auch einer mit Thor-Steinar-Sachen rein.
Wie haben Sie reagiert?
Ich hab den Wirt daraufhin angesprochen, und der hat die Sache geregelt.
Und den Thor-Steinar-Träger
aus der Kneipe verwiesen?
Er hat ihm deutlich die Grenze aufgezeigt und ihm nichts zu essen verkauft.
Wie sollten Gewerbetreibende
generell reagieren, wenn Nazis in ihre Geschäfte kommen?
Sie sollten die Leute auf deren Haltung ansprechen. Dann entwickelt sich
hoffentlich ein Gespräch, bei dem der Nazi über sein Verhalten
reflektiert. Im Idealfall wäre es aber so, dass der Ladenbesitzer
deutlich macht, dass sein Angebot nicht für jeden gilt.
Genau dazu verteilt Ihre
Initiative Aufkleber für Ladenfenster, auf denen steht "Für
Nazis keine Happy Hour". Können solche Aufkleber nicht auch
falsche Assoziationen wecken, etwa an Schilder aus dem Dritten Reich,
mit denen Juden der Einlass in Geschäfte verwehrt wurde?
Selbst wenn diese Assoziation so entstehen sollte, dann ist das ja in
der Absicht gewollt. Es soll ja der Eindruck entstehen, dass die Menschen
und ihre Haltung unerwünscht sind. Im Unterschied zum Dritten Reich
gehen wir natürlich davon aus, dass ein Nazi seine Haltung ablegen
kann. Bei den Juden ging es ja um deren Herkunft. Klar, die Aktion ist
provokant - aber wir brauchen ein klares Signal. Außerdem ist es
ja eine Umkehrung der Verhältnisse von damals - nun wird der ausgrenzt,
der damals ausgegrenzt hat.
In Friedrichshain hat
es laut Statistiken der Opferberatung Reach Out in diesem Jahr 26 rassistisch
motivierte Übergriffe gegeben. Das ist mehr als in irgendeinem anderen
Stadtteil Berlins. Warum gerade Friedrichshain?
Nachforschungen haben ergeben, dass viele der Straftaten von sogenannten
Freizeitnazis begangen werden. Die kommen speziell in das eigentlich linke
Friedrichshain angereist und starten, meist alkoholisiert, Angriffe auf
Linke, Schwule, Lesben und Migranten. Manche halten sich in bestimmten
Läden auf, wie zum Beispiel dem "Jeton" in der Frankfurter
Allee. Es gab auch eine Zeit lang in der Vogtstraße eine rechte
Kneipe, im letzten Jahr wurde das "Ambrosius" von vielen Rechten
besucht.
Also gibt es einfach eine zu gute Infrastruktur
für Rechte im Kiez?
Es machen immer wieder Läden auf, die Nazis anziehen.
Aber bis auf das Jeton haben sich viele entweder von den Nazis distanziert
oder wurden geschlossen. Jetzt gerade hat ja das Ring Center einem Laden,
der Thor-Steinar-Sachen verkauft hat, gekündigt.
Ihre Initiative richtet sich gezielt an
Gewerbetreibende. Welche Bedeutung haben Kneipen- und Ladenbesitzer bei
der Arbeit gegen Nazis?
Für uns tragen sie mit an einer gesellschaftlichen
Verantwortung. Sie können dazu beitragen, dass sich Migranten hier
wohler fühlen. Außerdem gibt es auch viele Ladenbesitzer, die
selbst einen Migrationshintergrund haben - und für die ist es wichtig,
dass sie hier ohne Gefahr ihr Geschäft betreiben können.
83
Kommentare zu dem Artikel bei TAZ.de
<<< Presse
24.11.2008 Junge Welt
»Aus Trauer wird Wut«
Berlin. 1800 Antifaschisten haben am Samstag in Berlin des Hausbesetzers
Silvio Meier gedacht, der vor 16 Jahren im U-Bahnhof Samariterstraße
von Neonazis erstochen worden war. Die von mehreren hundert Polizisten
begleitete Demonstation unter dem Motto »Aus Trauer wird Wut«
startete am Nachmittag am damaligen Tatort im Stadtteil Friedrichshain
und führte nach Lichtenberg in den Weitlingkiez, eine Hochburg der
Neofaschisten. Redner erinnerten an die Opfer rechter Gewalt in Europa
und riefen dazu auf, Neonazis, ihre Ideologie und rechte Organisationen
offensiv zu bekämpfen. Im Umfeld der Demonstration nahm die Polizei
fünf junge Rechte fest und beschlagnahmte Schlagwaffen. Derzeit werde
geprüft, ob sie möglicherweise einen Angriff auf Antifaschisten
geplant haben, teilte ein Polizeisprecher ddp gegenüber mit. Bereits
am Freitag abend hatten sich rund 70 Menschen im U-Bahnhof Samariterstraße
an einer Mahnwache für Silvio Meier beteiligt.
<<< Presse
24.11.2008 Morgenpost
Sieben Festnahmen bei Kundgebung
Bei dem Aufzug zum Gedenken an Silvio Meier, der am 21. November 1992
bei einer Auseinandersetzung mit Skinheads getötet worden war, hat
die Polizei Gewalttätigkeiten zwischen Teilnehmern der Demonstration
und Angehörigen der rechten Szene verhindert.
Sie nahm in einem Hausflur an der Weitlingstraße in Lichtenberg
fünf mutmaßliche Rechtsradikale fest, die sich am Rande der
Kundgebung dort vermummt und mit Knüppeln bewaffnet zusammengefunden
hatten.
Unter dem Motto "Aus Trauer wird Wut" zogen am Sonnabend mehr
als 1 200 Linksautonome durch Friedrichshain und Lichtenberg. Die Polizei
nahm insgesamt sieben Personen vorläufig fest und sprach drei Platzverweise
aus. Gegen die fünf Angehörigen der rechten Szene wurden Ermittlungsverfahren
wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz eingeleitet, gegen
zwei weitere Personen Anzeigen wegen des Verwendens verfassungsfeindlicher
Symbole und wegen Beleidigung erstattet. Die Polizei beschlagnahmte zudem
mehrere Schlagwerkzeuge, Pfefferspray, eine Axt und Quarzsandhandschuhe
sowohl bei Teilnehmern als auch bei Gegnern der Veranstaltung.
Der Aufzug der linken Gruppen dauerte von 16 bis 18.30 Uhr. Er begann
am U-Bahnhof Samariterstraße, wo Silvio Meier am 21. November 1992
tödlich verletzt worden war. Der Aufzug endete am Bahnhof Lichtenberg.
Mehr als 700 Polizeibeamte begleiteten den Demonstrationszug. Versuche
einiger gewaltbereiter Autonomer, die Stimmung im Aufzug anzuheizen, fanden
nach Polizeiangaben kaum Resonanz. Bereits am Vormittag hatte die Polizei
entlang der Weitlingstraße, an der viele Rechtsradikale wohnen,
Personenkontrollen durchgeführt.
Auf der Frankfurter Allee kam es zu erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen.
Sie wurde zeitweise komplett für den Autoverkehr gesperrt. In der
Rigaer Straße wurden 61 Fahrzeuge umgesetzt, die den Aufzug behinderten.
Nach Polizeiangaben wurden entlang der Demonstrationstrecke 14 Fahrzeuge
beschädigt.
<<<
Presse
24.11.2008 Tagesspiegel
Silvio-Meier-Demo bleibt friedlich
Zum Gedenken an den von Neonazis ermordeten
Silvio Meier kamen am Samstag 1200 Menschen zusammen. Die traditionelle
linke Veranstaltung verlief friedlich. Es gab sieben Festnahmen, darunter
sechs Personen aus der rechten Szene, die offenbar vor hatten, den Demonstrationszug
anzugreifen.
Berlin - Mit einer Demonstration haben am Samstag nach Polizeiangaben
1200 Menschen in Berlin an den vor 16 Jahren ermordeten Hausbesetzer Silvio
Meier erinnert. Die traditionelle Veranstaltung verlief laut Polizei friedlich.
Sieben Personen wurden vorläufig festgenommen, darunter sechs mutmaßliche
Angehörige der rechten Szene. Die Beamten sprachen drei Platzverweise
aus und stellten unter anderem mehrere Schlagwerkzeuge sicher.
Der Zug unter dem Motto "Aus Trauer wird Wut", an dem vor allem
Linke und Antifaschisten teilnahmen, führte vom U-Bahnhof Samariterstraße
in Friedrichshain zum Bahnhof Lichtenberg. In dem von der rechten Szene
bevorzugten Weitling-Kiez fand eine Abschlusskundgebung statt. Die Polizei
war mit rund 700 Beamten im Einsatz. Durch die Demonstration kam es zu
starken Verkehrsbehinderungen. 61 Fahrzeuge wurden abgeschleppt. An der
Aufzugsstrecke wurden 14 beschädigte Pkw festgestellt.
Weiße Farbe vom
Dach - offenbar Provokation
Mehrmalige Versuche einiger gewaltbereiter Personen, die Stimmung im Aufzug
anzuheizen, fanden nach Polizeiangaben kaum Resonanz. Fünf mutmaßliche
Rechtsextreme wurden in einem Hausflur in der Weitlingstraße festgenommen,
wo sie sich vermummt und mit Knüppeln bewaffnet zusammengefunden
hatten. Ob sie möglicherweise einen Angriff auf die Teilnehmer der
Demonstration planten, ist Gegenstand der Ermittlungen. Gegen sie wurden
Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz
eingeleitet. Gegen zwei weitere Personen erstatteten die Beamten Anzeigen
wegen des Verwendens verfassungsfeindlicher Symbole und wegen Beleidigung.
Offenbar als Provokation wurde vom Dach eines Wohnhauses in der Weitlingstraße
weiße Farbe geschüttet, wodurch die Dienstkleidung von Einsatzkräften
beschädigt wurde. Die Polizisten beschlagnahmten neben den Schlagwerkzeugen
Pfefferspray, eine Axt und Quarzsandhandschuhe.
Der 27-jährige Meier war am 21. November 1992 am U-Bahnhof Samariterstraße
in Friedrichshain von Rechtsextremisten überfallen und erstochen
worden. Die drei Täter wurden 1993 zu Jugendstrafen von bis zu vier
Jahren und sechs Monaten verurteilt. Zu Meiers 15. Todestag im vergangenen
Jahr hatten sich 1600 Menschen an der Gedenkdemonstration beteiligt. Es
hatte 13 Festnahmen gegeben.
<<< Presse
19.11.2008 Neues Deutschland
»Ein freiwilliger Pflichttermin«
Silvio-Meier-Demonstration am Samstag zum Gedenken
an 1992 von Neonazi getöteten Hausbesetzer
Unter dem Titel »Aus Trauer wird Wut«
findet am Samstag eine Demonstration in Gedenken an den 1992 getöteten
Hausbesetzer Silvio Meier statt. Wie in vergangenen Jahren führt
der Protestmarsch von Friedrichshain in den Lichtenberger Weitlingkiez,
einer seit langem als rechte Hochburg bezeichneten Gegend.
Andrea Weber ist an der Vorbereitung der Demo beteiligt. »Es ist
bemerkenswert, dass sich eine solche Gedenkkultur entwickelt hat«,
meint die 30-jährige Kreuzbergerin. »Schließlich war
Silvio Meier nicht das einzige Todesopfer neonazistischer Gewalt in der
BRD.« Weber ist Sprecherin der Antifaschistischen Linken Berlin
und bezeichnet die Demonstration als »freiwilligen Pflichttermin«
der Antifaszene. Das liege daran, dass »die meisten, die zur Demo
kommen, bereits eigene Erfahrungen mit Neonazis gemacht haben. Daher die
große Verbundenheit mit Silvio Meier«.
Der damals 27-jährige Hausbesetzer war am Abend des 21. November
1992 mit Freunden in Friedrichshain unterwegs, als es zu einer Auseinandersetzung
mit Neonazis kam. Zunächst wurde einem der Rechten ein Nazi-Abzeichen
abgenommen – wenig später fielen die Neonazis über die
Linken her. Silvio Meier wurde durch mehrere Messerstiche getötet,
einige seiner Begleiter schwer verletzt.
Erfahrungen, wie sie Andrea Weber beschreibt, hat auch Matthias gemacht.
Er ist 19 Jahre alt und kommt aus dem Berliner Umland. Seinen richtigen
Namen möchte er aufgrund von Bedrohungen durch Neonazis in seiner
Heimatstadt im südlichen Speckgürtel der Hauptstadt nicht nennen.
»Bei der Silvio-Meier-Demo kommen einfach alle zusammen. Schließlich
war er einer von uns«, sagt Matthias.
Der Tod eines Genossen schweißt zusammen, auch wenn auf der Demo
nur eine Hand voll Personen Silvio Meier persönlich gekannt haben
dürfte. Für Matthias war die Silvio-Meier-Demo mit 15 Jahren
eine der ersten politischen Veranstaltungen überhaupt. Damals wurde
er von Freunden mitgenommen. Nachdem er in einem Regionalzug von einer
Gruppe Neonazis brutal zusammengeschlagen wurde, kommt er regelmäßig
zur Demo nach Berlin. Bei dem Überfall auf Matthias griffen Mitreisende
nicht ein und auf dem Bahnhof seines Dorfes wurde das Aufsichtspersonal
wegrationalisiert.
Die diesjährige Demonstration richtet sich gegen Strukturen der Neonazis
im Weitlingkiez. In der Kneipe Jägerheim, unweit des Bahnhofes, hält
die örtliche NPD unter der Führung der Kreisvorsitzenden Manuela
Tönhardt regelmäßig ihre Sitzungen ab. Einige Schritte
weiter in der Wönnichstraße betreibt die lokale »Kameradschaft
Spreewacht« (KSW) ein eigenes Clubhaus. Die KSW bildet das soziale
und politische Umfeld für die Musikgruppe »Legion of Thor«,
einer bundesweit aktiven Rechtsrockband.
Mahnwache am Todestag: 21. November, 16
Uhr, U-Samariter Str., Demo: 22. November, 15 Uhr, U-Samariter Str. silviomeier.de.vu
<<<
Presse
12.11.2008 Junge Welt
Gedenkdemo für Silvio Meier in Berlin
Antifaschisten erinnern an ermordeten Hausbesetzer und informieren über
Neonazis in Lichtenberg
Am Sonnabend, 22. November, findet die traditionelle Silvio-Meier-Gedenkdemonstration
statt. Vom alternativ geprägten Bezirk Friedrichshain ziehen die
Demonstranten in den benachbarten Weitlingkiez, einer rechten Hochburg
in Berlin-Lichtenberg. Die Demonstration erinnert an den vor 16 Jahren
auf dem U-Bahnhof Samariter Straße von Neonazis getöteten Hausbesetzer
Silvio Meier.
Im Kiez rund um den Bahnhof Lichtenberg hat sich seit Jahren eine rechte
Szene etabliert. Die neofaschistische »Kameradschaft Spreewacht«
(KSW) hat dort zum Beispiel ihr Klubhaus, wo regelmäßig Kneipenabende
stattfinden. Auch die NPD ist in Lichtenberg aktiv. Bei den Wahlen zum
Bezirksparlament im September 2006 konnte deren offene Liste dort
sechs Prozent der Stimmen gewinnen, rund doppelt so viel wie im Berliner
Durchschnitt. Seit dem bilden der Landesvorsitzende der NPD, Jörg
Hähnel, DVU-Landeschef Torsten Meyer und Manuela Tönhardt (NPD)
eine Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung. Der NPD-Kreisverband
hält seine Sitzungen regelmäßig in der Kneipe Jägerheim,
ebenfalls wenige Meter vom Bahnhof Lichtenberg entfernt, ab. Auch junge
Neonazis sind im Weitlingkiez aktiv. Zuletzt gab es im Zusammenhang mit
Ermittlungen gegen die »Heimattreue Deutsche Jugend« eine
Razzia bei Björn W., einem Aktivisten der inzwischen verbotenen »Kameradschaft
Tor«.
Antifaschisten sind seit Jahren in Berlin-Lichtenberg aktiv im Kampf gegen
rechts. Im Sommer 2006 gab es eine große Kampagne unter dem Titel
»Hol Dir den Kiez zurück«, die dafür sorgte, daß
Lokalitäten der Rechtsextremen schließen mußten. Für
die antifaschistische Demonstration am 22. November haben sich zahlreiche
Berliner Antifagruppen zusammengeschlossen. Eine Sprecherin der Antifaschistischen
Linken Berlin erklärte gegenüber junge Welt: »Wir finden
es wichtig, das Gedenken an einen getöteten Aktivisten der Hausbesetzer-
und Antifaszene mit aktuellen Kämpfen für linke Freiräume
und gegen rechte Strukturen zu verbinden«
<<<
Presse
12.11.2008 Tagesspiegel
Hauswand mit antisemitischen Parolen beschmiert
Antisemitische Graffiti: Eine Hauswand in Friedrichshain
wurde am Dienstagabend mit Parolen und Hakenkreuzen beschmiert. Der Staatsschutz
ermittelt.
Unbekannte haben am Dienstagabend in Friedrichshain
eine Hauswand mit antisemitischen Parolen, Hakenkreuzen und anderer Hetze
beschmiert. Die Schirftzüge waren auf einer Fläche von zwei
mal 1,5 Metern angebracht Ein 49-jähriger Mieter des Mehrfamilienhauses
in der Palisadenstraße habe die Graffiti bemerkt und die Polizei
alarmiert, teilte die Behörde am Mittwoch mit.
Ein Mitarbeiter einer Wohnungsbaugesellschaft veranlasste die Beseitigung
der Schmierereien. Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt. (saw/ddp)
<<<
Presse
11.11.2008 Tagesspiegel
Thor-Steinar-Mode verkauft: Laden gekündigt
Gegen den Modeladen „Doorbreaker“ hat das Ring-Center an der
Frankfurter Allee in Lichtenberg eine Räumungsklage beim Landgericht
eingereicht. Das Geschäft verkauft unter anderem die Marke „Thor
Steinar“, das als rechtes Label gilt.
Das Mietverhältnis war nach Angaben des Center-Managers Lutz Heinicke
schon im vergangenen August gekündigt worden, der Mieter aber habe
den Laden nicht freiwillig räumen wollen. Von dem Geschäft war
am Dienstag nur zu hören: „Kein Kommentar“. Andere Geschäfte
des selben Namens betonten, sie hätten mit diesem Laden in Lichtenberg
nichts zu tun.
Das Ring-Center teilte mit, es sei vom Bezirksamt Lichtenberg aufgefordert
worden, den Verkauf dieser Marke zu unterbinden. Das ginge aber nicht
so einfach: Alle Anbieter hätten Flächen im Center gemietet
und in eigener Verantwortung Läden und Schaufenster „entsprechend
ihrer Konzepte“ eingerichtet. In den Mietverträgen seien jeweils
die Sortimentsgruppen vereinbart, die angeboten werden. „Allerdings
ist es juristisch nicht möglich, dem Mieter ein bestimmtes Sortiment
zu untersagen“. Dennoch sei das Geschäft mehrmals aufgefordert
worden, das Sortiment zu ändern und die Ware der Marke Thor Steinar
zu entfernen, teilte das Center-Management mit.
<<<
Presse
07.11.2008 Tagesspiegel
Hass gegen die Liebe
Lesben und Schwule werden oft Opfer von Angriffen.
Wie oft, weiß niemand – die Taten werden statistisch nicht
gesondert erfasst. Wie tolerant ist Berlin wirklich?
Die nächtliche Fahrt mit dem Fahrrad endete für den 41-jährigen
Familienvater mit einem doppelten Kieferbruch und Prellungen im Gesicht.
Gleich eine ganze Gruppe von Jugendlichen, die sich offenbar auf die Lauer
gelegt hatte, prügelte auf ihn ein, weil sie ihn für schwul
hielten. Tatort dieses Falles aus dem vergangenen Sommer ist der Volkspark
Friedrichshain, bekannt als Treffpunkt von Homosexuellen. Zeugen wollen
die Täter gehört haben, wie sie "Schwule Säue!"
riefen, ehe sie unerkannt entkamen.
Es ist einer von vielen Fällen homophober Gewalt in Berlin, die sich
offenbar häufen. Ende Oktober traf es, wie berichtet, ein lesbisches
Pärchen in Kaulsdorf, das von zwei Männern angegriffen wurde.
Kurz zuvor wurde am U-Bahnhof Hallesches Tor in Kreuzberg ein Schwuler
zusammengeschlagen; er kam mit einem Kieferbruch ins Krankenhaus. Verlässliche
Zahlen, ob die Straftaten zunehmen, gibt es aber nicht. Der Grund dafür:
Sie werden von der Polizei nicht gesondert erfasst. Homophobe Gewalt wird,
anders als etwa antisemitische Gewalt, unter "Hasskriminalität"
zusammengefasst. Und deren Zahl hat sich nach der Statistik zumindest
nicht erhöht.
Das Projekt gegen homophobe Gewalt, Maneo, kritisiert das: "Statt
die Opfer zu fragen, ob sie wegen ihrer sexuellen Identität angegriffen
wurden, müsste die Polizei nach der Motivation der Täter fragen",
sagt Jens Brodzinski, Sprecher von Maneo. Aus Angst oder aus der Absicht,
sich nicht selbst outen zu wollen, würden viele Opfer nicht dazu
Stellung nehmen, ob sie schwul oder lesbisch seien. Daher sei die Dunkelziffer
bei diesen Gewalttaten sehr hoch. Maneo schätzt sie auf 90 Prozent.
Eine Zahl, die die Polizei nicht bestätigt. Andererseits soll sich
an dem Grundsatz, homophobe Übergriffe nicht als solche zu registrieren,
nichts ändern. "Es ist politisch nicht gewollt, Minderheiten
zu erfassen", sagt Nicola Rothermel, Sprecherin der Innenverwaltung.
Damit solle einer möglichen Stigmatisierung oder Diskriminierung
der Opfer vorgebeugt werden. Die Berichte über diese Straftaten nehmen
indes zu - das Spektrum reicht von Körperverletzung bis Sachbeschädigung.
So wurde im Spätsommer das Mahnmal für die im Nationalsozialismus
verfolgten Homosexuellen beschädigt. Und auch die subjektiv empfundene
Gewalt nimmt zu. Suchen Betreiber von Schwulenclubs einen Standort, kommen
nur gut beleuchtete, viel frequentierte Straßen in der Nähe
einer U- oder S-Bahn-Station infrage, sagt ein Clubbetreiber. Alles andere
bedeute ein zu hohes Sicherheitsrisiko. Die meisten Gewaltvorfälle
verzeichnet Maneo übrigens in Schöneberg.
Die scheinbar paradoxe Situation - tolerante Metropole mit selbstbewusstem
Christopher Street Day, schwulem Stadtoberhaupt und einer Aids-Gala als
Top-Ereignis der Gesellschaft - erklärt Bodo Mende, Vorstandsmitglied
des Lesben- und Schwulenverbandes, so: "Offenbar haben Teile der
Bevölkerung die Entwicklung zu mehr Gleichberechtigung für Homosexuelle
nicht mitgemacht." Neben rechtsgerichteten Jugendlichen betreffe
das vor allem Jugendliche aus Migrantenfamilien. "Dort müssen
wir mit unserer Aufklärungsarbeit ansetzen", sagt Mende, "dazu
brauchen wir aber die Migrantenverbände." Diese haben jetzt
in einer Stellungnahme erklärt, "dass die sexuelle Orientierung
Privatsache ist". Und weiter: "Ob wir etwas gutheißen
oder nicht, wird und kann die Freiheit des Einzelnen in keiner Weise beschränken."
Doch das passiere immer wieder, sagen Betroffene. "Berlin ist bei
weitem nicht so tolerant, wie viele denken. Sobald man aus dem Raster
der Heterosexualität herausfällt, bekommt man oft Dinge zu hören,
die die persönliche Integrität infrage stellen", sagt Ralph
Zachrau vom Projekt "Aha" aus Kreuzberg. Wenn er als Mann in
- keineswegs sexuell provozierender - Frauenkleidung unterwegs sei, bekomme
er tagsüber auf dem Mehringdamm meist von Migranten Sätze zu
hören wie "Schwuler, ich töte dich!". Passanten würden
oft weghören. So litten auch Trans- sowie Bisexuelle unter verbaler
und körperlicher Gewalt, sagt er. Betroffene aller Gesellschaftsschichten
würden sich oftmals erst gar nicht outen, weil sie diskriminierendes
Verhalten zu befürchten hätten.
Er selbst kenne einen Fall, bei dem ein Helfer von einem verletzt auf
dem Boden liegenden Menschen abließ mit den Worten: "Ach, ist
doch nur eine Transe."
<<<
Presse
7.11.2008 Morgenpost
Bezirksamt gegen Thor Steinar
Das Management des Ring-Centers an der Frankfurter Allee Ecke Möllendorffstraße
ist vom Bezirksamt Lichtenberg aufgefordert worden, das Modelabel Thor
Steinar aus dem Einkaufszentrum zu verbannen. Die bei Rechtsradikalen
beliebte und gefragte Marke wird seit geraumer Zeit in der dortigen "Doorbreaker"-Filiale
verkauft.
- "Sollte das nicht bald unterbunden werden", sagte Vize-Bürgermeister
Andreas Geisel (SPD), "wird das Bezirksamt zu Demonstrationen und
Mahnwachen aufrufen".
Das Center-Management hat sich bisher bei "Doorbreaker" vergeblich
bemüht, Thor Steiner loszuwerden. Der Technische Leiter Alexander
Moll sagte gestern: "Unsere Bitte, die Ware aus dem Sortiment zu
nehmen, stieß auf Ablehnung." Thor Steinar sei zwar nicht gut
fürs Image des Centers, so Moll, man könne aber leider nicht
eingreifen, da es sich um keinen Verstoß im juristischen Sinne handele.
Die Marke sei unabhängig von der politischen Beurteilung nicht verboten.
Die Lichtenberger Jusos planen bereits Aktionen. Gestern Abend sollte
darüber beraten werden. Vorsitzende Anne Meyer: "Wir denken
daran, die Kunden vor dem Center über die wahren Hintergründe
von Thor Steinar aufzuklären." Es könne nicht geduldet
werden, in Lichtenberg Marken mit rechtsextremer Symbolik zu verkaufen.
Im Oktober hatte das Berliner Landgericht der Räumungsklage eines
Hamburger Vermieters gegen den umstrittenen Laden "Tønsberg"
an der Rosa-Luxemburg-Straße, der Thor Steinar-Ware anbietet, stattgegeben.
Auch in Hamburg und Magdeburg müssen solche Läden schließen.
<<<
Presse
5.11.2008 Berliner Zeitung
Thor Steinar im Ring-Center
Politik fordert Kündigung
LICHTENBERG. Im Einkaufszentrum Ring-Center
an der Frankfurter Allee verkauft eine "Doorbreaker"-Filiale
die bei Rechtsradikalen beliebte und vom Verfassungsschutz beobachtete
Kleidermarke Thor Steinar. Der Bezirk fordert vom Ring-Center, den Verkauf
unverzüglich zu unterbinden. "Wir wollen keine Rechtsextremen
in Lichtenberg haben und keine Läden, die sie anziehen", sagt
Baustadtrat Andreas Geisel (SPD).
Das Center-Management sucht seit Langem nach einer Lösung. "Wir
haben angeregt, die Thor-Steinar-Ware aus dem Sortiment zu nehmen",
sagt Alexander Moll, Hausinspektor des Ring-Centers. Bisher zeige sich
die Filialleitung jedoch wenig kooperativ. "Die Marke ist juristisch
kein Verstoß gegen unseren Vertrag", sagt Moll. "Deshalb
haben wir keine rechtliche Handhabe." Die Vereinbarung zwischen "Doorbreaker"
und dem Ring-Center berechtigt den Laden, Mode für junge Leute zu
verkaufen. Einzelne Marken werden nicht ausgeschlossen.
Zum weiteren Vorgehen möchte das Management des Ring-Centers nichts
sagen. Auch die Filialleitung von "Doorbreaker" äußert
sich nicht zu den Vorwürfen. "Ich denke, wenn wir deutlich machen,
dass dieser Laden geschäftsschädigend für das ganze Center
ist, verbessern wir die Handlungsmöglichkeiten des Managements",
sagt Geisel.
Im Oktober hatte das Berliner Landgericht der Klage eines Vermieters aus
Mitte stattgegeben, wonach der Laden "Tönsberg" seine Fläche
in der Rosa-Luxemburg-Straße räumen muss. Der Betreiber hatte
seine Thor-Steinar-Ware vor Vertragsabschluss nicht klar benannt.
<<<
Presse
4.11.2008 Neues Deutschland
»Lasst die Frau in Ruhe«
Bürger ansprechen, zum Eingreifen ermuntern / Lokale Aktionspläne
gehen in die nächste Runde
Eben noch redete der Bezirksbürgermeister
– auf einmal ist Unruhe im Saal. Zwei junge Frauen unterhalten sich
an der seitlichen Eingangstür lautstark über eine afrodeutsche
Frau im Publikum. »Die hat bestimmt 'nen Trommelworkshop gemacht«,
sagt die Eine, »nein Afro-Dance«, die Andere. Sie wetten um
einen »schwarzen Kaffee«, wer recht hat, fragen nach.
Die Angesprochene zeigt sich ob der auf ihre Hautfarbe bezogenen, klischeehaften
Fragen sichtlich unerfreut. »Nun antworte doch! So macht man das
hier bei uns«, sagt die Eine, »immer das Gleiche mit Euch«,
die Andere. Die beiden werden aggressiv und stoßen bald rassistische
Beschimpfungen aus. Als jemand mit den Worten »Jetzt lasst die Frau
in Ruhe!« einschreitet, ertönt eine Sirene, und die Szene ist
vorbei. Die vier Beteiligten sind Schauspieler, sie spielen »unsichtbares
Theater«, eine politische Aktionsform, die auf Konflikte hinweisen
und Widersprüche aufdecken soll. 2008 haben sie viele dieser Szenen
gespielt, auf Plätzen, in Bussen und Bahnen. Sie wollen Reaktionen
provozieren und Menschen zu Zivilcourage, zum Eingreifen ermuntern.
Ihr Theaterprojekt gegen Homophobie und Rassismus ist nur eines der Vorhaben,
die ein Jahr lang vom Lokalen Aktionsplan (LAP) Friedrichshain-Kreuzberg
gefördert wurden und die sich am vergangenen Dienstag in der Alten
Feuerwache in der Oranienstraße vorstellten. Heute Abend tagt der
Begleitausschuss und legt die Schwerpunkte für 2009 fest. Der LAP
geht hier in die zweite Runde.
Zehn Lokale Aktionspläne gibt es in Berlin. Sie sind Teil des Bundesprogramms
»Vielfalt tut gut – Jugend für Vielfalt, Toleranz und
Demokratie«. Jährlich fließen 19 Millionen Euro aus dem
Familienministerium in 90 Kommunen. Sie erhalten auf drei Jahre jeweils
100 000 Euro für Projekte gegen Rechtsextremismus, Rassismus und
Antisemitismus.
Noch Anfang November soll der Projektaufruf 2009 in Friedrichshain-Kreuzberg
starten, in Pankow wurde er letzte Woche veröffentlicht. In Marzahn-Mitte
geht der LAP ins dritte Jahr. Hier wurden 2008 Projekte wie die Ausstellung
»Labyrinth X« (ND vom 9.9.2008) ermöglicht, die besonders
bei Anwohnern sehr gut angekommen sei, sagt LAP-Koordinatorin Inge Lohberger.
Nach Ende der Förderung müsse man jedoch »gemeinsam mit
dem Bezirk« sehen, wie man besonders erfolgreiche Projekte auch
weitertragen kann.
Doch »es ist schwierig, den einzelnen Bürger zu aktivieren«,
sagt Friedrichshain-Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz (Grüne).
Die Resonanz sei zu gering. Zwar wurden die Fördergelder 2008 restlos
abgerufen, meist von größeren Trägern. Deshalb wurde in
mehreren Bezirken ein zusätzlicher »Aktionsfonds« eingerichtet,
bei dem sich Bürger und kleine Initiativen unbürokratisch um
bis zu 600 Euro für die Umsetzung einer Idee oder für eine Aktion
bewerben können. Von den 10 000 Euro in Friedrichshain-Kreuzberg
seien allerdings 2008 nur 1500 abgerufen worden, sagt die Integrationsbeauftragte
Regina Reinke. »Es dauert lange, bis man an die einzelnen Menschen
herankommt«, bestätigt Inge Lohberger.
<<<
Presse
November 2008, NEON
Der schwarz-braune Block.
Sie kleiden sich wie ihre Gegner aus der linken Szene. Sie schwärmen
für Hitler – und für Dutschke. Nazis nennen sich jetzt
Autonome Nationalisten. Und sie schlagen zu.
Text: Patrick Bauer, Jakob Schrenk. Fotos: Julian Röder/Ostkreuz
Die Straßenschlacht zwischen links
und und rechts muss noch einmal verschoben werden – dabei hatte
alles so gut angefangen. Gegen halb zwei Uhr verliest der Neonazi Dennis
Giemsch die Auflagen der Polizei. Als Anmelder der Demonstration ist es
seine Pflicht zu verkünden, wie sich die Staatsmacht den Ablauf des
Protests vorstellt. Nur seine Zuhörer interessiert das kaum, von
Ruhe und Ordnung halten sie nicht viel. Giemsch hat kaum zu reden begonnen,
da rennt ein Trupp von gut sechzig Nazis auf ein Häufchen von linken
Gegendemonstranten zu, die sich hinter einer Polizeiabsperrung aufgestellt
haben. Flaschen fliegen, ein Böller explodiert. Rauch. Geschrei.
Chaos. Dann formieren sich die Polizisten, ein Wasserwerfer bringt sich
in Position, und Schritt für Schritt drängen die Beamten in
ihren martialischen Robocop-Uniformen die Neonazis zurück.
Dennis Giemsch regt sich nicht auf, bleibt ganz ruhig, scheint zu lächeln:
»Kameradinnen und Kameraden«, spricht er, »durch den
politischen Gegner besteht momentan keinerlei Gefahr. Nehmt bitte wieder
Aufstellung!« Giemsch, Anfang zwanzig, Wortführer der »autonomen
Nationalisten« in Dortmund, trägt kurze Haare, einen Streifenpulli
und Jeans, unter den rechten Arm hat er eine grüne Mappe geklemmt,
auf der er sich manchmal Notizen macht. Er wirkt harmlos und etwas übereifrig,
wie der Filialleiter eines Supermarkts, der am Feierabend im Freizeitdress
noch einmal kurz reinkommt, um zu prüfen, ob das Angebot vollständig
ist, ob jeder Artikel an der richtigen Stelle liegt und die Verpackung
stimmt.
Giemsch kann zufrieden sein, sein politisches Produkt ist gut aufgestellt,
wie man so sagt. Von der Rednertribüne aus blickt er über die
1100 Demonstranten, ganz am Rand steht ein Emo-Boy mit blau gefärbten
Haaren, Giemsch entdeckt eine hübsche Brünette im Parka, darauf
der Aufnäher »Pelz tötet«. Giemsch sieht Lederjacken,
Baggyjeans, Piercings, Palästinensertücher, bunt gefärbte
Irokesen. Gerade ordnen sich die harten Jungs, die auf die Gegendemonstranten
losgegangen sind, wieder in den Zug ein, sie tragen Baseballcaps, Sonnenbrillen,
schwarze Kapuzenpullis, die Uniform der Antifa.
Auf den ersten Blick könnte man den vierten »Antikriegstag«
in Dortmund für eine Veranstaltung der Linken halten. Der erste Blick
aber reicht mittlerweile nicht mehr aus. Er täuscht.
In Dortmund demonstrieren die Rechten. Es demonstrieren die neuen Nazis,
die sogenannten „autonomen Nationalisten“, eine ständig
wachsende Strömung in der rechtsradikalen Szene. Sie kopieren nicht
nur die modischen Vorlieben der Aritifaschisten und des »schwarzen
Blocks«, sondern übernehmen von ihren politischen Todfeinden
auch radikal antikapitalistische und antiimperialistische Forderungen
und militantes Auftreten, verteilen unermüdlich Plakate und Aufkleber,
sprühen Graffitis mit rechtsextremen Slogans - und daneben gerne
mal populäre Comicfiguren wie Lisa Simpson. Bei Demonstrationen läuft
Musik von Bands wie »Ton, Steine, Scherben« oder »Die
Ärzte«, dazu tragen die Rechten Plakate, auf denen »We
will rock you. oder »Fight the system« steht. Die neuen Neonazis
haben die Popkultur für sich entdeckt.
Noch vor einem Jahr bezeichnete der Verfassungsschutz die »autonomen
Nationalisten« als »militante Randgruppe«, mittlerweile
will man die Bewegung »sehr genau im Auge behalten«, weil
sie vor allem »erlebnisorientierte Jugendliche« anziehe.
Anglizismen und »Die
Ärzte«: Die Neonazis haben die Popkultur entdeckt
Die Verfassungsschützer gehen von 400 »autonomen Nationalisten«
aus, aber das ist nur der harte Kern, nicht mitgezählt sind Sympathisanten,
die sich spontan an Demos beteiligen und deren Zahl ebenfalls ständig
wächst. Im letzten Jahr kamen zur Dortmunder Demonstration nur 400
Demonstranten, jetzt sind es mehr als doppelt so viele, die meisten von
ihnen gekleidet im Stil des schwarzen Blocks.
Bundesweit bekannt sind die »autonomen Nationalisten« seit
dem l. Mai 2008. Am Tag der Arbeit, dem Kampftag der Linken, demonstrierten
über tausend Rechsextreme, darunter viele »Autonome«,
in Hamburg-Barmbeck, griffen mit bisher ungekannter Brutalität Polizisten,
Gegendemonstranten und Journalisten an. »Ohne das Eingreifen der
Polizei hätte es Tote geben können«, sagte danach der
Einsatzleiter. Die Neonazis verstehen das als ein Kompliment, sie stellen
das Zitat an den Anfang ihrer Internetvideos über die Demonstration,
dann folgt eine vierminütige Zusammenfassung der Gewalt. »Geil«
und »Jetzt geht's los« steht in denKommentaren darunter.Endlich
so der Tenor, passiert auch bei uns was. Endlich knallt es. Lange waren
Demonstrationszüge der Neonazis straff organisierte Formationsläufe
- gescheitelte junge Männer trugen schweigend ihre Fahnen oder Fackeln
durch die Straßen, die NPD nannte das »deutsch demonstrieren«.
Jede Konfrontation mit der Staatsmacht sollte verhindert werden. »Es
ist schon erstaunlich, dass ein Teil der Rechten nun ausgerechnet das
Auftreten ihrer Gegner kopiert«, sagt der Kriminologe Thomas Feltes.
Er kann sich nicht erinnern, dass es etwas Vergleichbares in der Geschichte
der Bundesrepublik schon einmal gegeben hätte. Feltes befürchtet
vor allem eine Eskalation der Gewalt zwischen links und rechts. Vielleicht
droht aber eine noch größere Gefahr. Bisher waren Nazis das
beste Argument gegen Nazis. Wer hat schon Lust auf Landserlieder, Hitlerscheitel
und dumpfe Glatzen? Wenn jetzt die Neonazis Springerstiefel gegen Sneakers
tauschen, die Bomberjacke gegen Kapuzenpullover, dann ist das als Nachwuchsarbeit
zu verstehen. Als eine neue Form der Mitgliederwerbung. Als ein Kampf
um die Straße.
Sebastian Schäfer [Name von der Redaktion geändert] trägt
eine blaue Trainingsjacke, Basecap, klobige Turnschuhe, einen Rucksack
und Brille. Ein Äußeres, das nicht weiter auffallen würde
in Berlin, aber am S-Bahnhof Schöneweide, dort, wo die Hauptstadt
grau ist und Fabrikluft atmet, wo Zeitungsabos von Männern verkauft
werden, die Hooligans ähneln, kommt Schäfer wie ein Student
daher, der sich verlaufen hat. Jedoch: Er war es, der sich hier treffen
wollte, denn nur zwei Straßen weiter wird deutsche Küche serviert
von einem Wirt, der keine Fragen stellt - im alternativ geprägten
Bezirk Friedrichshain, wo Schäfer und seine Lebensgefährtin
Tür an Tür wohnen mit jungen Kleinfamilien, mit Architekten
oder Künstlern, mit dem verhassten Bürgertum und den Zecken,
wäre solch ein Lokal schwer zu finden. Experten bezeichnen den Look
von Rechten wie Schäfer auch als »urbane Überlebensstrategie«;
im unauffälligen Gewand trauten sie sich erstmals raus aus den Randbezirken,
die ihnen längst gehörten, sie rückten vor ins Zentrum
der Stadt. »Autonome« Rechte konnten so linke Szenekneipen
ausspionieren, sich unerkannt auf gegnerischen Veranstaltungen tummeln.
Der moderne Nazi ist ein Verwandlungskünstler. Sebastian Schäfer,
den man einen Nazi nennen könnte, fällt unbedarften Beobachtern
heute nur noch unter Nazis auf.
Der 23-Jährige aus Eggersdorf bei Strausberg
in Brandenburg machte zunächst eine ganz klassische rechte Karriere.
Aus dem frechen Jungen, der auf dem Schulhof jenen Glatzen und Stiefelträgern
nacheiferte, die in der frisch vereinten Bundesrepublik Angst und Schrecken
verbreiteten, wurde rasch ein angesehener Nationalist. Als er in der brandenburgischen
Heimat zu viele Feinde hatte, zog Schäfer nach Berlin. Im Umfeld
der »Freien Kameradschaften« »BASO« und »Tor«
- die damals Aufsehen erregten, weil Mitglieder mit Eisenstangen auf Teilnehmer
linker Veranstaltungen losgingen, Imbissbetreiber verprügelten oder
ihre Treffpunkte mit Hakenkreuzen beschmierten - meldete er Demonstrationen
an, hielt Reden, zeichnete verantwortlich für Flugblätter. Die
»Freien Kameradschaften« wurden zur vorherrschenden Organisationsform
der Neonazis; die losen, regional organisierten Kleingruppen waren eine
Reaktion auf Verbote rechtsextremistischer Parteien und Gruppierungen.
Im März 2005 ließ der Berliner Innensenator Ehrhart Körting
überraschend auch »BASO« und »Tor« verbieten.
Im Internet reagierten die Rechtsextremen mit den Worten: „Es wurde
ein Name verboten. Mehr nicht!“
Schäfer lächelt sein Lausbubenlächeln,
wenn er heute gefragt wird, ob er mit den Kameraden von damals noch Kontakt
habe. Natürlich hat er noch Kontakt zu denen, die nicht im Gefängnis
sitzen, aber Schäfer würde das nicht zugeben. Er ist schließlich
ein »freier Nationalist., ein »Autonomer«, Schäfer
hat dazugelernt.
In einem Aufsatz mit dem Titel »Über freien und autonomen Nationalismus«
schreibt Deutschlands wohl bekanntester Neonazi Christian Worch: »Wo
die Rechte vornehmlich kollektivistisch ist, ist die Linke vornehmlich
individualistisch. Trotzdem war und ist sie in hohem Maße operationsfähig.
(...) Von den Linken zu lernen, erschien also höchst sinnvoll.«
Einfacher gesagt: Was nicht existiert, kann nicht verboten werden.
Sebastian Schäfer ist in Berlin so etwas wie der Organisator des
unorganisierten »nationalen Widerstands«. Seit acht Jahren
fordert er öffentlichkeitswirksam ein »nationales Jugendzentrum«,
mit der Parole »Jugend braucht Perspektive«, mit einem jährlichen
Aufmarsch, mit bunten T-Shirts und mit Plakaten, die in den Bezirken Köpenick,
Treptow und Lichtenberg längst das Straßenbild bestimmen. Es
sind Plakate, die auch von der Antifa stammen könnten: ganz in grün
gehalten, mit einer modernen Schrift versehen - und am rechten oberen
Rand prangt ein Kreis, in dem eine schwarze Fahne weht. „Schauen
Sie genau hin“, sagt Schäfer nun im Hinterzimmer seines Stammlokals,
„unsere Fahne ist schwarz und weht nach rechts, bei der Antifa sind
es zwei Fahnen, eine schwarze und eine rote, und beide wehen nach links.“
Schäfer will sich nicht nachsagen lassen, Symbole zu kopieren, dabei
war er der Erste, der die Zeichenordnung durcheinanderbrachte. Vor fünf
Jahren demonstrierte er mit einem Palästinensertuch lind einem Kapuzenpullover,
auf dem das Konterfei Che Guevaras prangte. »Das war zunächst
eine Provokation der Gegendemonstranten«, sagt Schäfer, »aber
nicht nur. Ich kann mich mit diesen Symbolen identifizieren.« Unter
dem Bild des kubanischen Revolutionshelden stand »Vaterland oder
Tod«.
Schäfer sagt, dass es manche, die sich »autonome Nationalisten«
nennen, längst übertreiben. Es wurden schon „Gegen Nazis“-Fahnen
auf Nazidemonstrationen gesehen. Es gibt skurrile Gruppenwie die „autonomen
Nationalisten für Israeh“.. »Das bringt nichts«,
sagt Schäfer, „man muss unsere Positionen noch erkennen. Aber
ich heiße alle willkommen, die sich dem nationalen Widerstand anschließen
wollen, egal wie sie aussehen oder welche Musik sie hören, ob sie
Handwerker sind oder Studenten. Ich will alle Schichten erreichen.“
Einzig mit Schwulen und Kiffern, sagt Schäfer, hätte er auf
seinen Veranstaltungen wohl ein Problem, „aber grundsätzlich
gilt: Man kann auch national, sozialistisch und cool sein.“ Sein
politisches Vorbild? Rudi Dutschke. »Ich bewundere ihn, ein großer
Revolutionär.« Aber gleichzeitig bewundert Schäfer den
NSDAP-Mann Gregor Strasser, dessen »nationalrevolutionäre«
Thesen er auswendig kennt.
Man kann sich wundern über Aufmärsche Rechtsextremer, bei denen
Transparente zu Ehren Andreas Baaders und Gudrun Ensslins getragen werden,
Sebastian Schäfer erkennt darin keinen Widerspruch. Er kann im selben
Atemzug von Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez schwärmen und
von der deutschen Rasse sprechen, behaupten, er sei für die Selbstbestimmung
naller Völker dieser Welt«, und danach gegen »Mischehen«
wettern. Das sind die Momente, in denen die Fassade des Sebastian Schäfer
bröckelt. Auch ein international denkender Faschist bleibt: ein Faschist.
Und auch ein moderner Schläger bleibt: ein Schläger. Von der
Berliner Antifa werden Schäfer Übergriffe auf politische Gegner
nachgesagt, aber Schäfer lächelt wieder nur und fragt leise:
»Können Sie mir das nachweisen?« Er selber sei in seiner
Wohnung angegriffen worden, von der Antifa. »Dagegen muss ich mich
eben wehren«, sagt Schäfer.
In Berlin betreiben »autonome Nationalisten« wie er »Anti-Antifa«-Arbeit,
sie kopieren auch dabei die Arbeitsweise der Linken: Es werden Daten politischer
Gegner gesammelt, Reviere markiert, sogar Häuser besetzt, und so
mancher linke Aktivist fand an seiner Wohnungstür schon Plakate,
auf denen Grüße von »ANB« ausgerichtet wurden,
den »Autonomen Nationalisten Berlin«. Eine ernst zu nehmende
Drohung. Denn »autonome Nationalisten« greifen regelmäßig
Andersdenkende an; Jugendclubs, Feste oder Informationsstände von
Parteien. In Berlin wurden alternative jugendliche immer wieder von »Autonomen«
überrascht und zusammengeschlagen - und das an Ecken, an denen man
früher keine Angst vor rechter Gewalt haben musste. Auch anderswo
in Deutschland ist die Rede von regelrechten Hetzjagden, mit Holzlatten,
Äxten, Baseballschlägern oder Gaspistolen. Aus Kreisen der »autonomen
Nationalisten« heißt es zynisch, nun gehe es nicht mehr um
»sinnlose, ungeplante und ziellose (Suff-)Reaktionen«. Das
sei die Strategie der Skinheads gewesen. Heute sind die »autonomen
Nationalisten« das Sammelbecken für rechte Gewalttäter
- und die gehen genauso sinnlos und mindestens so brutal vor wie unverkleidete
Glatzen. Im Juli überfallen „Freie Kräfte“ das Sommercamp
einer linken Jugendorganisation. Eine 13-Jährige erleidet lebensgefährliche
Kopfverletzungen.
„Aber“, sagt Schäfer, „die Antifa ist nicht mein
größter Feind, mein größter Feind ist das System,
der Staat, die Globalisierung. Ich kann mir vorstellen, mit den Linken
zusammen dagegen zu kämpfen, wenn die sich zusammenreißen.“
Mit dieser Meinung steht Schäfer in seinem L.ager nicht alleine da,
als „Querfront“ bezeichnet man solche Überlegungen, die
von der Gegenseite empört zurückgewiesen werden.
Auf der Dortmunder Demonstration, die Schäfer verpasst, weil er seiner
Arbeit im Einzelhandel nachgehen muss, sind sich Demonstranten und Gegendemonstranten
immerhin in der Auswahl ihrer Parolen einig, Die Linken rufen: »Bürger
lasst das Glotzen sein, auf die Straße, reiht euch ein!« Die
Rechten erwidern: »Bürger lasst das Glotzen sein, auf die Straße,
reiht euch ein“ Zunächst wirken viele unter den »autonomen
Nationalisten« wie Schauspieler bei der ersten Kostümprobe,
die sich nicht wohlfühlen in ihrer Rolle. Auch der nächste linke
Klassiker klingt aus ihren Kehlen noch zaghaft: »USA - internationale
Völkermordzentrale!« Mit jedem Atemzug aber, den die Jungs
vom schwarzen Kollektiv nehmen, saugen sie in ihre Körper nicht nur
Sauerstoff, sondern auch Wut und Hass. »Autonom. Militant. Nationaler
Widerstand«, rufen sie. Oder: »Nationaler Sozialismus. Jetzt.
Jetzt. Jetzt.« Sechzehn Polizisten werden verletzt, die lokale Presse
schreibt am nächsten Tag: »Neonazi-Demo mit bisher größtem
Aggressionspotenzial.«
Dass auch Jörg Hähnel gewaltbereit ist, zeigte sich spätestens,
als beim Berliner NPD-Vorsitzenden und Mitglied des Bundesparteivorstands
ein vierzig Zentimeter langer Teleskopschlagstock gefunden wurde, als
er gerade den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern betreten wollte. »Ich
hatte vergessen, den im Auto zu lassen«, sagt Hähnel, ein drahtiger
Mann, der noch so aussieht wie man sich einen Nazifunktionär vorstellt:
gebügeltes Hemd, akkurate Frisur. Aber Hähnel ist befreundet
mit Sebastian Schäfer, Hähnel hat gute Verbindungen zu den »autonomen
Nationalisten«, sein Landesverband war der erste, der mit den aufmüpfigen
Rechten zusammenarbeitete, gemeinsam versucht man gerade, die Jugendorganisation
»JN« wiederzubeleben. Das macht Hähnel, 33 Jahre alt,
in der NPD zu einem Mann der Zukunft.
In der ebenso abgeriegelten wie verwahrlosten Parteizentrale erklärt
Hähnel, dass die NPD die »Autonomen« braucht - auch wenn
die nicht dem Bild entsprechen, das seine Partei bisher abgab. »Ganz
ehrlich: Hip-Hop finde ich schrecklich«, sagt Hähnel, der selbst
ein völkischer Liedermacher ist, »und dieses ganze autonome
Getue ist nicht mein Stil.« Allein: Die NPD ist eine politisch und
finanziell bankrotte Partei, aktuell macht nur ihr Schatzmeister Schlagzeilen,
der über 700000 Euro veruntreut haben soll. In der NPD ist ein Generationenstreit
entbrannt. Die Alten sagen: Wir dürfen die bürgerliche Mehrheit
nicht verschrecken. Die Jungen sagen: Wir müssen alle Gesellschaftsschichten
unterwandern, wir brauchen Fußvolk. Hähnel sagt: »Mir
ist es recht, wenn neue Leute zu unseren Demonstrationen kommen. Denen
geht es zwar um Action, nicht um Inhalte, aber die politisieren wir dann
eben später!« Im letztern Jahr verfasste das Parteipräsidium
der NPD noch einen »Abgrenzungsbeschluss« gegen die freien
Nationalisten, aber der Großteil der Neonaziszene zeigte sich danach
solidarisch mit den »Autonomen«. Und so begrüßte
der Parteivorsitzende Udo Voigt, dem man auf Demonstrationen bisher ansah,
dass ihm der neuartige Ungehorsam nicht geheuer war, bei einem Auftritt
»ausdrücklich die Vertreter des schwarzen Blocks«. Die
»autonomen Nationalisten« konnten sich wieder einmal als Sieger
fühlen.
Beim Berliner Antifaschistischen Pressearchiv (»apabiz)«,
wo man seit Jahren die Aktivitäten der rechten Szene dokumentiert,
nimmt man die Entwicklung ernst. Sprecher Toni Peters sagt zwar, »das
bloße Kopieren linker Symbole« sei eher »lächerlich
als wirkungsvoll, dahinter steckt keine eigene Ideologie«, jedoch
hält er die »autonomen Nationalisten« für »völlig
hemmungslos«. Man müsse, so Peters, damit rechnen, dass es
regelmäßig zu Ausschreitungen kommen wird. »Ich gehe
auch davon aus, dass die Szene vermehrt mit Bomben oder Brandsätzen
experimentiert. Die Hemmschwelle ist niedriger geworden, die ~autonomen
Nationalisten< sind euphorisiert davon, wie schnell sie es als sehr
junge Bewegung in die Hauptnachrichten geschafft haben.«
Im Frühsommer dieses Jahres wurden in einer Einfamilienhaussiedlung
in Berlin-Rudow Brandsätze auf die Häuser einer türkisch-
und einer bosnischstämmigen Familie geworfen. Niemand wurde verletzt,
aber besonders erschreckend war: Die beiden mutmaßlichen Täter
waren sechzehn und achtzehn Jahre alt. Die jungen hatten sich der frisch
gegründeten Splittergruppe »Division Rudow« angeschlossen
und fielen unter das Muster, das Toni Peters von •apabiz«
so beschreibt: »Man kann jetzt 50 Cent hören und ein Hitlerplakat
über dem Bett hängen haben. Wir müssen unser Bild vom einfachen
Nazi überdenken.« Angesichts des Erfolgs, den die »autonomen
Nationalisten« schon jetzt mit ihrer Verwandlungstaktik haben, erscheint
auch die Anekdote, die alle Beobachter, die linken und die staatlichen,
gerne erzählen, mehr als Warnung denn als Witz.
Im letzten Jahr wurden »autonome Nationalisten« von anderen
Rechten auf einem Berliner U-Bahnsteig blutig geschlagen. Selbst die Nazis
hatten die Kameraden nicht mehr als Nazis erkannt.
<<<
Presse
14.10.2008 Neues Deutschland
Politischen Disput mit der Faust ausgetragen
Zwei junge Antifas zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie einen Rep-Wahlstand
demoliert hatten
Die Reps, Republikaner genannt, gehören
einer aussterbenden Spezies an. Im Verfassungsschutzbericht laufen sie
gerade noch unter »sonstige« in der rechtsextremen Szene.
Richtig wahrgenommen im politischen Alltag werden sie kaum noch.
Die Mitgliederzahl wird auf 200 in Berlin geschätzt. Und auch das
dürfte noch übertrieben sein. Die Reps hatten gestern ein paar
Leute für eine Gerichtsverhandlung mobilisiert, bei der sie sich
als Opfer eines Überfalls aus der linken Szene präsentieren
konnten.
Gut zwei Jahre ist es her, da postierten sich die Herrschaften mit dem
biederen dumpf-deutschen Zuschnitt in den Nachmittagsstunden des 1. September
im Vorfeld der Abgeordnetenhauswahl mit einen Informationsstand auf der
Warschauer, Ecke Revaler Straße.
Offensichtlich war den gut situiert wirkenden Damen und Herren nicht ganz
bewusst, dass sie sich hier in einem sozialen Brennpunkt Berlins –
und somit denkbar ungeeignet für ihren Propagandaakt – eingenistet
hatten und nicht bei den Wilmersdorfer Witwen Beistand suchten.
Schnell sprach es sich in der Libauer und der Simon-Dach-Straße
rum, dass da Leute Propagandamaterial verteilen, die in der Region höchst
unerwünscht sind. Und so formierte sich erst stiller, dann lauter
werdender Widerstand. Doch ein wackerer Republikaner weicht nicht der
Bürgergewalt, schon gar nicht, wenn sie von Links kommt. Die Luft
wurde knapp zwischen den Fronten.
Dann ging alles sehr schnell. Erst flogen Beschimpfungen, dann die Fäuste.
Am Ende gab es eine blutige Nase, eine zwei Zentimeter lange Platzwunde
am Kopf und einen leer gefegten Rep-Stand. Die Polizei war zur Stelle
und nahm zwei der Protestierer fest.
Die Anklage, zwei Jahre später gegen Ruben W. (30) und Maria H. (23),
lautet auf gemeinschaftlich begangene schwere Körperverletzung. Dabei
spielt es keine Rolle, wer geschlagen und getreten und wer nur Papier
zerfetzt hat. Bei einer Gemeinschaftstat wird jedem Beteiligten alles
zugerechnet, da sich der genaue Tatanteil nicht mehr nachweisen lässt.
Die beiden Beschuldigten räumten das Geschehen durch Erklärungen
ihrer Verteidiger im Prinzip ein, damit war dann schon alles gesagt. Und
der Richter konnte nach nur wenigen Minuten Verfahrensdauer im Namen des
Volkes zur Verurteilung schreiten. Er hielt eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen
zu je 15 Euro für die beiden Studenten für angemessen und blieb
damit leicht unter dem vom Staatsanwalt geforderten Satz von 20 Euro.
Es handelt sich hier um eine Straftat, erklärte der Richter weise,
nicht aber um einen Akt der politischen Meinungsbildung. Die Reps seien
eine legale Organisation, deshalb hätten sie auch das Recht, ihre
Meinung in Wort und Schrift zu verbreiten.
Der einzelne Bürger habe nicht das Recht sich auszusuchen, wer mit
Informationsständen auf die Straße geht und wer nicht. Das
entscheidet einzig und allein das Grundgesetz.
Und da die Reps nicht verboten sind, muss man es ihnen auch gestatten,
sie in der Öffentlichkeit für ihre Ziele werben zu lassen. Es
folgte ein richterlicher Vortrag über die Fundamente eines Rechtsstaats.
Mit der Genugtuung, als späte Sieger aus dem Gefecht hervorgegangen
zu sein, verließen die reifen Herrschaften von der braun angehauchten
deutschnationalen Front erhobenen Hauptes den Saal. Linke Gewalt gegen
Rechts – in welcher Form auch immer – lässt auf der linken
Seite, das zeigt sich wieder und wieder, nur Verlierer zurück.
<<<
Presse
19.07.2008 Morgenpost
Afrikaner auf Gleise gestoßen: Haftstrafe
für 20-Jährige
Viereinhalb Monate nachdem sie einen Schwarzafrikaner vor eine einfahrende
S-Bahn gestoßen hat, ist die 20-jährige Jacqueline A. gestern
vom Landgericht Moabit wegen versuchten Totschlags zu einer Jugendstrafe
von dreieinhalb Jahren.
Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor vier Jahre Haft wegen versuchten Mordes
aus Ausländerhass gefordert. Obwohl die Neuköllnerin ihr 19
Jahre altes Opfer mehrfach als "Nigger" beschimpft hatte, sah
das Gericht ein fremdenfeindliches Motiv als nicht erwiesen an. Die Richter
attestierten der zum Tatzeitpunkt stark angetrunkenen Frau vielmehr eine
erhebliche Persönlichkeitsstörung.
Diese Störung und der Alkohol waren nach Ansicht des Gerichts die
Ursache dafür, dass Jacqueline A. ("Wenn ich anfange zu trinken,
kann ich nicht mehr aufhören") am 3. März "völlig
ausrastete", wie eine Zeugin das Verhalten der 20-Jährigen beschrieb.
Mit Freunden von einer Party kommend, stieß sie im S-Bahnhof Frankfurter
Allee auf ihr späteres Opfer. Zunächst beschimpfte sie den 19-jährigen
Angolaner ("Was glotzt du so, Nigger"), dann versuchte sie mehrfach,
den jungen Mann zu attackieren ("Lasst mich, ich will den Nigger
umbringen"), schließlich stieß sie ihn ins Gleisbett.
Beherzte Passanten zogen den 19-Jährigen sofort wieder heraus, kurz
bevor ihn eine einfahrende S-Bahn erfasste. Das ganze tue ihr leid, bekannte
die 20-Jährige im Prozess immer wieder. Sie will an ihr Opfer jetzt
1500 Euro Schmerzensgeld zahlen.
<<<
Presse
08.07.2008 TAZ
rassistischer angriff vor gericht
Ohne Erinnerung an den Stoß vor die S-Bahn
Es war morgens um halb sieben Uhr, als der
19-Jährige von einer Party nach Hause ging. Am Bahnhof Frankfurter
Allee wollte der dunkelhäutige Afrikaner in die S-Bahn steigen. Beinahe
wäre er dabei umgekommen, denn eine 20-jährige Frau schubste
ihn unmittelbar vor einen einfahrenden Zug. Nur dank zweier aufmerksamer
Passanten und seiner Gelenkigkeit ist der Freizeitkickboxer noch am Leben.
Der Vorfall ereignete sich am 2. März. Am Montag begann vor dem Landgericht
der Prozess gegen die S-Bahn-Schubserin wegen versuchten Mordes.
Jacqueline A. ist eine sehr dicke Frau mit rot gefärbten Haaren.
Aufmerksam folgt sie der Verhandlung, in der die Dinge besprochen werden,
an die sie nur wenig Erinnerung habe, wie ihre Verteidigerin Kersten Woweries
vorträgt. A. war an jenem Samstag mit Freunden in der Disco gewesen.
Dort habe sie entgegen ihrer Gewohnheit sieben Glas Wodka getrunken, weil
sie wegen eines Streits mit einer anderen Freundin aufgewühlt war.
In der Vorhalle des S-Bahnhofs sei es dann zum Streit mit ihrem Exfreund
gekommen. Währenddessen habe sie sich von ihrem späteren Opfer
angestarrt gefühlt. Das habe sie zum Vorwand genommen, um ihn zu
beschimpfen und ins Gesicht zu schlagen. "Ich kann mir nicht erklären,
warum ich so ausgerastet bin", lässt die Angeklagte vortragen.
Die dunkle Hautfarbe habe keine Rolle gespielt, es hätte jeden treffen
können. "An den Stoß auf das Gleisbett habe ich keine
Erinnerung", so A.
Damit wolle sie nicht ihre Schuld bestreiten. Sie sei froh, dass dem Mann
durch das beherzte Eingreifen Dritter nichts passiert sei. "Ich bin
nicht rassistisch oder ausländerfeindlich eingestellt." Unter
ihren Freunden seien Ausländer, ihr Exfreund war ein Türke.
Die Worte, die sie ihrem Opfer an den Kopf warf, lassen allerdings an
ihren Beteuerungen zweifeln: "Was guckst du so, Nigger?", habe
sie ihm in der Vorhalle zugerufen, erinnert sich das 19-jährige Opfer
vor Gericht. Der Freund von Jacqueline A. habe versucht, sie zu beruhigen,
und zu ihm gesagt, er solle weitergehen, seine Freundin sei betrunken.
Auf dem Bahnsteig gab ihm A. eine Ohrfeige, schubste ihn und schlug ihn
wieder. Er habe geflucht und schon zurückschlagen wollen, aber eine
Passantin hielt ihn fest und bat ihn, sich zu beruhigen. "Für
mich war die Sache in dem Moment gegessen", sagt er vor Gericht.
Er habe sich eine Bratwurst gekauft.
Doch plötzlich sei er mit den Worten "Ich will den Nigger umbringen!"
und "Was willst du in meinem Land?" von der Angeklagten zum
Gleisbett geschubst worden. Der 80 Kilo schwere Mann verlor das Gleichgewicht
und taumelte, bis er auf den Knien im Gleisbett landete. "Ich habe
die Lichter gesehen", beschreibt er den Anblick des Zuges, der nur
noch 40 Meter von ihm entfernt war. Für einen Moment habe er überlegt,
ob er sich hinter einen Vorsprung außerhalb des Gleisbettes retten
sollte. Das wäre ebenso lebensgefährlich gewesen, erklärt
der als Zeuge geladene Triebwagenführer. Leicht hätte er die
regenfeuchte Stromschiene berühren können.
Glücklicherweise reichten ihm zwei Passanten die Hände. Unterdessen
saß Jacqueline A. bereits in der S-Bahn in die Gegenrichtung. Eine
Beobachterin wandte sich an den Fahrer und sorgte für die Verhaftung
der Täterin. Der Passantin fiel auch der Tunnelblick der Angeklagten
auf. Sie habe sich gefragt, welche Droge die junge Frau konsumiert haben
könne. "Sie hat nichts gemerkt, nichts mehr gehört",
berichtet die Zeugin, die selbst über Drogenerfahrung verfügt.
"Das war keine normale Aggressivität, da gehört mehr dazu",
schildert sie dem Gericht.
Damit könnte sie recht haben, denn in dem Prozess gegen die junge
Frau sitzt auch eine Psychiaterin, die A. begutachtet hat. Zurückhaltend
referiert Verteidigerin Woweries den Tenor des Gutachtens: Die Aggressivität
sei in der Persönlichkeit der Angeklagten begründet und schließe
eine verminderte Schuldfähigkeit nicht aus. Das Urteil wird für
übernächsten Freitag erwartet.
<<<
Presse
07.07.2008 Berliner Zeitung
In letzter Minute aus dem Gleisbett gerettet
Mikailo F. wurde von einer Frau vor die S-Bahn gestoßen
Er hätte nichts machen können,
der S-Bahn-Fahrer Udo Korn. Mit 55 Kilometer pro Stunde fuhr sein Zug
am 2. März gegen 6.50 Uhr in den Bahnhof Frankfurter Allee ein. Wegen
einer Linkskurve konnte der 43-jährige Fahrer den Bahnsteig erst
spät überblicken. Auf dem hinteren Abschnitt sah er plötzlich
"eine Person" ins Gleisbett fallen - taumelnd und mit den Armen
rudernd. "Hoffentlich schafft der es noch", hat Udo Korn da
gedacht. "Ich hatte keine Chance, etwas zu machen." Obwohl er
eine Schnellbremsung vornahm, kam sein Zug erst fünf bis zehn Meter
hinter jener Stelle zum Stehen, an der die Person aufs Gleis gestürzt
war.
20 Jahre ist Udo Korn S-Bahn-Fahrer, zwei Menschen haben sich schon vor
einen Zug geworfen, den er fuhr, 1990 und 1997. Sie überlebten nicht.
Mit so etwas muss man rechnen als S-Bahn-Fahrer, sagt er, "so makaber
das klingt". Der 19-jährige Mikailo F. wäre sein dritter
Toter gewesen. Aber er hatte Glück und Udo Korn auch. Zwei Passanten
haben Mikailo F. in letzter Minute gerettet.
Der 19-jährige Berufsschüler war jedoch nicht lebensmüde.
Er wurde vor die Bahn gestoßen. Seit gestern steht eine 20-Jährige
aus Neukölln wegen versuchten Mordes aus Heimtücke und niederen
Beweggründen vor dem Landgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft Jacqueline
A. vor, Mikailo F. als "Nigger" beschimpft und dann ins Gleisbett
gestoßen zu haben. "Was willst du in diesem Land", soll
sie zu ihm gesagt haben.
Jacqueline A. bemüht sich, nicht zu weinen, schaut mal zur Decke,
mal zum Boden, mal sieht sie Mikailo F. an. Ihre Anwältin wollte,
dass die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird, weil die Angeklagte
eine Stigmatisierung befürchte und vor vielen Zuhörern nicht
mit der notwendigen Offenheit reden könne. Das Gericht lehnt einen
generellen Ausschluss der Öffentlichkeit ab.
Jacqueline A. spricht nicht selbst, ihre Anwältin verliest eine Erklärung.
Darin heißt es, dass Jacqueline A. keine Rassistin sei und dass
sie nichts gegen Ausländer habe. Dafür spreche, dass ihr Ex-Freund
türkischer Abstammung sei.
Vielmehr sei sie sehr betrunken gewesen an jenem Tag und habe Streit mit
ihren Freunden gehabt. Wenn sie anfange Alkohol zu trinken, dann könne
sie nicht aufhören. Sie seien aus der Disko gekommen an jenem Tag,
heißt es in der Erklärung. Auf dem Bahnhof sei es dann zum
Streit mit Mikailo F. gekommen. Sie habe geglaubt, dass er sie angestarrt
habe, da habe sie ihn beschimpft. An Einzelheiten erinnere sie sich nicht.
Aber sie sei froh, dass er nicht ernsthaft verletzt worden sei. Sie wolle
sich noch bei ihm persönlich entschuldigen.
Mikailo F. sagt, die Frau sei wie eine Furie gewesen.
Erst habe sie ihn auf dem Bahnhof beschimpft, dann hörte er sie hinter
sich schreien, bevor er ins Gleisbett fiel. Er habe dann von rechts die
Lichter der einfahrenden S-Bahn auf sich zukommen sehen. Und gedacht,
"jetzt erwischt dich gleich die Bahn", bevor sich ihm rettende
Hände entgegenstreckten. Er hätte sonst keine Chance gehabt.
Ein paar Wochen ist er danach nicht mehr S-Bahn gefahren. Inzwischen achtet
er immer darauf, wer hinter ihm am Bahnsteig steht. Der Prozess wird am
10. Juli fortgesetzt.
<<<
Presse
30.06.2008 XHain-Stachel
Braune Vergiftung oder der zunehmende Rechtsextremismus
in Friedrichshain
Wer an Friedrichshain denkt, dem kommen
zu allererst die bunten Szenekieze um die Simon Dach Straße und
die Sonntagstraße, der zunehmend spürbare Kinderboom im Bezirk
oder die linke Szene mit den Hausbesetzungen in den Sinn. Wer käme
bei diesen Gedankengängen schon darauf, dass der Stadtteil zunehmend
in den Fokus Rechtsradikaler rückt. Denn es vergeht kaum eine Woche
ohne rechtsextreme Gewalt- oder Straftaten in Friedrichshain.
Seit einigen Jahren ist der Bezirk trauriger Anführer der Liste rechtsextremer
Vorfälle der Berliner Opferberatungsstelle ReachOut. Sie hat vergangenes
Jahr 27 solcher Gewalttaten registriert, 2006 waren es sogar 51. Dabei
schaffen es lediglich die spektakulärsten Fälle in die Presseöffentlichkeit,
der Großteil der alltäglichen rechtsextremen Untaten geht bedauerlicher
Weise im Alltagsgeschäft unter. Kein Kiez darf sich diese Provokation
bieten lassen - ein multikultureller, linksorientierter und toleranter
Kiez schon erst recht nicht.
Eine räumliche Häufung der rechtsextremen Vorfälle lässt
sich rund um die Frankfurter Allee, das Ostkreuz und den Ostbahnhof feststellen.
Die rechtsextreme Szene verfolgt hier in den vergangenen Jahren eine besonders
offensive Strategie. In Friedrichshain leben derzeit circa 30 Personen,
die dem Senat auf Grund rechtsextremistischer Bestrebungen bekannt sind.
Nazis kommen aber auch aus anderen Stadtteilen, insbesondere aus Lichtenberg
und haben unter anderem Kneipen als Treffpunkte in Friedrichshain. Dort
in der Nähr beleidigen sie Personen, die nicht in ihr Weltbild passen
oder werden ihnen gegenüber gewalttätig. Opfer sind dabei meist
MigrantInnen und Linksalternative.
Die rechte Szene hat sich stark verändert und versucht mit ihrer
extremen Ideologie in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen. Das Klischee
vom glatzköpfigen, bomberjackentragendem Nazi trifft dabei fast gar
nicht mehr zu. Heute kleiden sich Rec |